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DAS ALTE TESTAMENT
ALS CHRISTLICHE SCHRIFT
G. A. VAN DEN BERGH VAN EYSINGA
HET OUDE TESTAMENT ALS CHRISTELIJK GESCHRIFT
in:
Nieuw Theologisch Tijdschrift 1936
Übersetzt 2006 von Frans-Joris Fabri
Mit einiger Verwunderung
muß ein
wissenschaftlich denkender Mensch zur Kenntnis nehmen, dass
die Bibel der Christen zu drei Viertel ihres Umfangs aus der
Heiligen Schrift der Juden besteht. Soviel ich weiß, wurde
dieser Tatsache bisher nur selten Aufmerksamkeit
entgegengebracht, und falls doch, nur unzureichend. Auf den
folgenden Seiten will ich versuchen, dieses auf dem ersten
Blick so sonderbare Faktum zu erklären; m.E. hängt es mit
dem Kampf der katholisch werdenden Kirche gegen die Gnosis
zusammen.
Im
heutigen Ritus der Bischofsweihe muss der zukünftige Bischof
die Frage „Credis etiam Novi et Veteris testamenti, legis et
prophetarum et apostolorum unum esse auctorem, Deum ac
Dominum omnipotentem?“ zustimmend beantworten. Das
Vatikanische Konzil verwies auf das Tridentinum, das den
Katalog der Heiligen Bücher festgelegt habe, „welche im
Ganzen und in all ihren Teilen“ als „heilig und kanonisch“
akzeptiert werden müssen. Es wird dann aber noch
hinzugefügt: „Und die Kirche anerkennt diese Bücher nicht
deshalb als heilig und kanonisch, weil sie bloßes
Menschenwerk nachträglich aufgrund eigener Vollmacht
gutgeheißen hätte; auch nicht nur deshalb, weil sie
irrtumsfreie Offenbarung enthalten; sondern aufgrund der
Tatsache, dass sie unter Eingebung des Heiligen
1)
Diesem Aufsatz liegt der Vortrag zugrunde, den ich am
vergangenen 17.
September beim Congrès de l'Histoire des Religions in
Brüssel gehalten habe.
112
Geistes geschrieben wurden, Gott zum Autor haben und als
solche der Kirche gegeben worden sind“.
Das ist also die römisch-katholische Lehre.
Und
Calvin schreibt: „der Heilige Geist ist der Autor der
Heiligen Schriften; veränderlich und im Widerspruch zu sich
selbst kann Er nicht sein“. Altes und Neues Testament sind
somit sowohl nach römisch-katholischer wie auch nach
alt-protestantischer Auffassung unzertrennlich miteinander
verbunden. Protest dagegen ist nicht ausgeblieben. Das Thema
erfreut sich zur Zeit vor allem bei unsern östlichen
Nachbarn großer Aktualität, aber leider nicht im Sinne
vorurteilsloser Wissenschaft. Schon vor dem Dritten Reich
wollte Harnack, radikaler noch als der große Häretiker
Marcion, das Alte Testament verabschieden, um sich desto
fester an das Neue zu klammern, da ja die Kirche doch einen
Kanon brauche 1). Und noch vor kurzem hat der zu
früh verstorbene Windisch eine gewisse Freiheit dem Alten
Testament gegenüber gefordert 2).
Dass
Marcion Gott nicht als den Schöpfer der Welt, sondern nur
als den Erlöser der Menschheit gesehen hat, darf als
allgemein bekannt vorausgesetzt werden. Tertullian zufolge
3) wollten die Marcioniten die Werke des
Schöpfers vernichten; der höchste Gott konnte sich in
Anbetracht ihrer pessimistischen Weltsicht unmöglich für
eine so unvollkommene Schöpfung verantwortlich sein.
Deshalb verwarfen sie das Alte Testament kompromisslos.
Justin
erzählt, diese Irrlehre der Marcioniten habe sich über die
ganze Menschheit verbreitet und ihre Anhänger hätten trotz
allem großen Wert darauf gelegt, „Christen“ genannt zu
werden 4). Nun ging es anscheinend in der
ursprünglichen Lehre des Marcion nicht um den Gegensatz von
Gesetz und Evangelium, sondern um den von Natur und Gott.
Der Demiurg, der das ewige Leben und den wahren Gott nicht
kennt, hat dem Menschen das Naturgesetz auferlegt; er
1)
Siehe diese Zeitschrift, 1921: 225.
2)
a.a.O., 1935:378.
3)
Adv. Marc. I 13 und 17.
4)
Apol.
I 26, 5 v.; vgl. Tert., adv. Marc. V 19 und zum Folgenden:
Kayser in Theol. Studien und
Kritiken,
1929,
S. 279 ff.
113
straft
und belohnt ihn gerecht. Der Mensch überwindet jedoch dieses
Fesselung an die Natur, indem er sündigend mit der Natur
bricht. Absichtlich muss er das Naturgesetz übertreten, um
seinen Tyrannen, den Gott der Natur, zu beleidigen, ihn zum
Bestrafen zu zwingen und ihn so endgültig von sich zu
entfremden. Das Gesetz steht dem Glauben im Wege; deshalb
müssen Natur und Gesetz der Verachtung preisgegeben werden.
Marcion versucht, dieses Naturgesetz im Gesetz des Mose
aufzuzeigen; der gnostische νόμος-Begriff ist
νόμος
th/j
κτίσεως, kosmisches Gesetz, der χάρις 1)
entgegengesetzt. Marcion zufolge gehören so, wie
Christus, Gottesreich und Evangelium zusammengehören, auch
Welt, Weltschöpfer, Gesetz und Gesetzgeber zusammen. Vor
Christus war der wahre Gott absolut unbekannt; von
Weissagungen über ihn konnte somit nicht die Rede sein. Der
Gottessohn der Marcioniten braucht keine Zeugen, denn die
mächtigen Worte des Heilands und seine Wundertaten enthalten
Überzeugungskraft in völlig ausreichendem Maße 2).
In dieser Hinsicht war Marcion somit einer Meinung mit den
jüdischen Erklärern des Alten Bundes. Die Weissagungen waren
in David, Salomo, Hiskia u.a. in Erfüllung gegangen oder
würden in der jüdischen Religionsgeschichte noch in
Erfüllung gehen. Marcion verstand das Alte Testament
buchstäblich, weshalb Origenes dessen Anhänger
purae historiae deservientes nennen konnte 3).
Marcions Doktrin war fast ganz frei vom mythologischen
Beiwerk, das für die sonstige Gnosis bezeichnend genannt
werden kann, „der reinste Ausdruck des neuen
Weltgefühls" 4), der revolutionäre Höhepunkt in
der Entwicklung der Gnosis. Christus hat uns ihm zufolge
erlöst von der Welt und ihrem Gott, um uns zu Kindern des
neuen, fremden Gottes zu machen. Hier dürfen wir fragen, ob
das nicht etwa die Auffassung des Christentums war und ob
der Bruch der Christengemeinde zu Rom
1) Vgl. Hans Jonas, Gnosis und spätantiker Geist I,
Göttingen, 1935, S. 208.
2) Origenes, Comm. in Joh., II
199.
3) Comm. in Matth.,
III 333.
4) Hans Jonas, a.a.O., S.
173.
114
mit
Marcion in Juli 144 nicht deshalb zustande kam, weil jene
Gemeinde damals bei ihrer Abwehr einer weitaus wilderen
Gnosis mehr denn je auf Tradition und Buchstaben-Autorität
angewiesen war. Wenn das stimmt, wäre eine ältere Auffassung
als heterodox gebrandmarkt worden, obwohl sie eigentlich
eine alles andere als „wilde“ Gnosis war. Heterodoxie ist
nicht immer Modernismus oder Neuerungssucht; im Gegenteil,
es handelt sich manchmal auch um das Festhalten an einem
Standpunkt, der infolge veränderter Umstände von der
Mehrheit verlassen und deshalb als veraltet betrachtet wird.
Nun
war für Marcion Paulus der Apostel. Karl Barth hat
einmal ganz richtig gesagt, der Paulinismus habe sich immer
an der Grenze zur Häresie aufgehalten 1). Marcion
besaß früher als die werdende Kirche ein Corpus Paulinum,
das von der Kirche zwar übernommen wurde, was jedoch
nicht ohne gründliche Überarbeitung geschehen konnte. In
seinem Urchristentum hat Johannes Weiss bereits
darauf hingewiesen, dass uns mit der Sammlung der
Paulusbriefe keine Originale, sondern nur bearbeitete,
redigierte Texte zur Verfügung stehen.
Marcion stand mit seiner Beurteilung des Alten Testamentes
nicht allein; auch die Basilidianer hielten es für ein
Produkt der Welterschaffer; insbesondere das Gesetz stammte
ihrer Meinung nach von deren Anführer, der auch das Volk aus
Ägypten geführt habe2). Valentinus, Herakleon und
Markos teilten diese Überzeugung: Das unvollkommene Geseetz
könne nicht von Gott, es müsse vom Demiurgen erlassen worden
sein 3).
Trotz
dieser Vorstellungen blieb das Alte Testament ein Buch von
außerordentlicher Bedeutung. Nicht einmal die Griechen
konnten etwas Gleichwertiges bieten. War es nicht der
Überzeugung jener Zeit zufolge älter als deren älteste
Philosophen? Zu den Heiden sagte Tertullian: „..
bei euch .... frühestens mit den Assyriern öffnet sich die
Pforte der Weltgeschichte. Wir aber, die wir die heiligen
Schriften fleißig lesen, besitzen Kenntnis der
Weltgeschichte von Anbeginn der Welt
1)
Römerbrief, 1924, S. XVI.
2)
Irenäus I 24, 5
3)
Cf. Epist. ad Floram.
115
selber
an“ l). Die
Schöpfungserzählungen der griechischen Kosmogonien konnten
mit der Erhabenheit der jüdischen nicht mithalten. Letztere
waren überdies vollkommen klar und verständlich und machten
deshalb den Eindruck, der Philosophie und dem Mythos
gleichermaßen überlegen zu sein. Damals –wie in manchen
Kreisen wohl auch heute noch – hielt man das Älteste für das
Beste. In jener jüdischen Urgeschichte der Menschheit war
der Vater des Kosmos ein geistiges Prinzip, ganz im Sinne
der Forderungen der Philosophie. Die Gottesoffenbarung
geschah nicht in einigen speziellen Orakeln, sondern wirkte
durchgängig in der Geschichte. Die Vorstellung des
göttlichen Gerichtes verschmolz dabei mit den Vorstellungen
von Gott als Schöpfer und Gott als Führer der
Geschichte. Nur auf diesem Fundament konnte eine
zusammenhängende Weltgeschichte aufgebaut werden. In der
Religion der Propheten wurzelt die Gemeinschaft mit Gott in
der Geschichte 2). Mit Recht sagt deshalb Wernle:
„Die Israeliten verstanden wie kein anderes Volk die Kunst,
ihre Religion als Geschichte zu erleben und zu betrachten“
3).
So
zeigte sich das alte Buch in seiner Vielseitigkeit und
Ausführlichkeit als „ein literarischer Kosmos“, als „eine
Parallelschöpfung der Welt“, wie Harnack 4) es
formuliert hat. Durch die Übersetzung der Siebzig war es
bereits hellenisierend überarbeitet und als Einheit
gestaltet worden, von naiven Vorstellung gereinigt und mit
der platonischen Unterscheidung von Stoff und Form
bereichert. Jahwe wurde Kyrios; es ereignete sich die große
Epiphanie des großen Gottes, ein Geschehen von
welthistorischer Bedeutung 5), das die Bibel
eines Volkes zur Bibel der Welt machte. Die Semitismen und
die semitischen Eigennamen, die
1)
Justin, Dial. 7; Tert., de pallio 2.
2)
Tert., Apol. 4G. Symmachus, Relatio III 8 ed.
Seeck
weiß von einer longa aetas, die den Religionen
Autorität verleiht.
3)
Vgl. Johannes Hempel, Altes
Testament und Geschichte. Studien des Apolog. Seminars,
27 Gütersloh 1930,
S. 127.
4) Die
Mission und Ausbreitung des Christentums in den ersten drei
Jahrhunderten, Lpz. 1912, S. 205.
5)
Vgl. A. Deismann in Neue Jahrbücher für das klass.
Altertum, 1903, I 172 ff.
116
unübersetzt geblieben waren, zogen die Massen magisch an.
Philo konnte zu Recht sagen: „Unser Gesetz hat alle Menschen
unterworfen und mahnt sie an zur Tugend: Barbaren und
Griechen, die Bewohner des Festlandes und die der Inseln,
die Völker im Osten und die im Westen, von Europa und Asien,
alle Völker der Erde“ 1). Und Josephus behauptet:
„Sogar wenn wir Juden die Vorrechte all dieser Gesetze nicht
würdigen würden, müsste schon allein die Menge ihrer
Anhänger (unter den Heiden) uns mit Stolz darauf erfüllen“
2).
Eine
Predigt, die sich noch auf keine litera scripta
berufen konnte, hatte keine Chance gegen den
Absolutheitsanspruch des Alten Testamentes. Vielsagend sind
die Worte des Theophilus (zur Zeit des Marcus Aurelius):
„Die heidnischen Autoren schreiben eine große Menge Bücher
.... und du meinst, unsere Schriften seien total neu und
erst kürzlich erschienen. Deshalb werde ich dir aufzeigen,
welch gewaltiges Alter unsere Schriften haben“. Theophilus
stellt dann den klassischen Autoren das Alte Testament
gegenüber, das die Geschichte der Schöpfung, die
Gesetzgebung und Prophezeiungen enthält. In Bezug auf
Gerechtigkeit sind die Propheten und die Evangelien
einzigartig. In ihnen hat der gleiche Geist gesprochen (vgl.
Hebr. 1:1), denn in beiden Testamenten kommt eine und
dieselbe Offenbarung zu Wort 3).
So,
wie die Neoplatoniker orphische Schriften zitierten, um
ihrer Lehre ein antikes Kolorit zu verleihen, benutzten sie
später auch den Christen gegenüber die orphische Dichtung.
Die enthielt ja schließlich auch schon die christliche
Wahrheit: die Lehren von einer Wahren geistigen Gemeinschaft
zwischen Gott und Mensch, vom Dualismus von Geist und Leib,
von einem Leben nach diesem Leben. Orphische Quellen waren
zwar manchmal recht roh, aber durch allegorische Erklärung
konnten sie akzeptabel gemacht werden. In dieser Hinsicht
hatten die Christen – übri-
1)
Vita Mosis II 137 vv.
2)
Contra Apionem II 39.
3) Theophilus ad Autol. III
1 en 12
117
gens
die Vorläufer der Neoplatoniker in der Verwendung dieser
erfolgreichen Methode – es wesentlich leichter gehabt. Zwar
kam man auch beim Alten Testament nicht um allegorische
Erklärungen herum, aber die Erzählungen über Schöpfung und
Paradies hatten schon in sich einen erhabeneren Inhalt als
die Theogonien und Sagen vom gewalttätigen Tod des Dionysos
und von der Entstehung des Menschen aus der Asche der vom
Blitz des Zeus vernichteten Titanen.
Die
christliche Propaganda konnte sich von der Aneignung der
jüdischen Heiligen Schrift nur einen großen Vorteil
versprechen. Für diese galt nämlich, was Rufinus von den
Werken Hesiods und Orpheus’ sagt, dass man darin jeweils
zwei Teile unterscheiden kann, je nachdem, ob sie
buchstäblich oder allegorisch zu interpretieren sind; die im
Literalsinn zu verstehenden Teile ziehen mittelmäßige
Geister an, die allegorisch erklärte wecken jedoch immer die
Bewunderung und rhetorische Begabung der Philosophen und
Gelehrten 1).
Vergeblich haben sich die Juden dagegen gewehrt, dass man
ihnen ihre Heilige Schrift raubte, um sie mittels
allegorischer Interpretation zur Verbreitung einer Irrlehre
zu verwenden 2). So sah es Nietzsche, und er
drückte sein Empfinden in scharfen Worten aus: „Es ist ein
unerhörter welthistorischer Trick, ein unerhörtes
philologisches Possenspiel, den Juden ihr Altes Testament
unter dem Leibe weg zu ziehen“. Die Christen brachten es
sogar fertig, aus den Bußpredigten der Profeten den Beweis
zu holen, dass die Juden überhaupt keinen Bund mit Gott mehr
hatten und somit jene Sammlung tiefsinniger und
geheimnisvoller Orakel den Christen gehörte, welche die
Lösung des Rätsels kennen gelernt hatten. Ihr Wert besteht
ganz und gar darin, dass sie den Neuen Bund prophezeien.
Mose hat über Jesus geschrieben und das Gesetz ist die
Ankündigung Christi (Joh. 5 : 46; 1 : 46). Trotz ihrer
Unvollkommenheit sind die Christen das Volk Gottes, welches
im Gegensatz zum
1)
Fragm. 133 bij O. Kern, Orphica.
Vgl. W. K. C. GUTHRIE, Orpheus and Greek Religion,
Lo. 1935, p. 18.
2)
Orig., c. C. I 50; II 28: „Da nun Celsus ... vorhält: ‚Die
Prophezeiungen, welche auf Christus bezogen werden, könnten
ebensogut auch auf andere Dinge passen’“.
118
verstockten, sich selbst verherrlichenden Israel von Gott in
Gnade angenommen worden ist (1 Pe. 2:9); sie sind die
Beschneidung, das Volk Israel dem Geiste nach, der Samen
Abrahams, das heilige Volk der zwölf Stämme (vgl. Phil. 3:3;
Gal.3 : 29 usw.).
Selbstverständlich wurde vom Alten Bund nur das übernommen,
was christlich interpretiert werden konnte oder, wie
Schrenck es orthodox protestantisch zum Ausdruck bringt:
„Die Schrift hat Autorität nur insofern, wie sie von der in
Erfüllung gegangenen Heilsgeschichte in Christo ausgehend
interpretiert werden kann. Die Idee von der Autorität des
Alten Testaments wird getragen von der Idee der Erfüllung
und dadurch auch abgeändert“ 1). Einfacher
gesagt: Wofür man aus dem Alten Testament keine Verwendung
hatte, hatte ipso facto keine Autorität und wurde im Dunklen
belassen. Wer die totale Gleichwertigkeit beider Testamente
predigen möchte, würde damit auch aussagen, dass das Neue
überflüssig war und hätte fortbleiben können. Die
typologische Betrachtung hatte zur Folge, dass das Alte
Testament, sub specie Christi gelesen, teilweise
seine Autorität behielt und teilweise zum außer Kraft
gesetzten Gotteswort wurde. Das rituelle Gesetz wurde als
nicht mehr gültig betrachtet. Es war doch nur eine
Zwischenstufe zwischen der Prophezeiung und deren Erfüllung
und sollte vorbereiten und erziehen, die Sünde vorläufig in
Schach halten, ein Ziel, das erst im Neuen Bund endgültig
erreicht werden konnte 2).
In den
katholisierenden Pastoralbriefen sagt man es ganz deutlich:
Alle
Schrift ist von Gott eingegeben und nützlich zur Lehre, zur
Überführung, zur Zurechtweisung (der Häretiker), zur
Unterweisung in der Gerechtigkeit, damit der Mensch Gottes
richtig sei, für jedes gute Werk ausgerüstet.
(2 Tim. 3 : 16). Dibelius kommentiert
zu Recht: „befähigt zum Kampf gegen die Irrlehre“ 3).
Wie hoch willkommen mussten somit die monotheistische
Kosmologie und Naturbetrachtung des Alten Testamentes für
die werdende Kirche sein bei ihrem Ringen mit den wilden
Vorstellungen der Gnostiker. Tatian bezeugt, dass die
jüdische Heilige
1)
In G. Kittel, Theol. .Wörterbuch
I 760.
2)
Iren. IV 16, 3-5; derselbe, Epideixis, T.U, 31, 1,
Lpz. 1007.
3)
Lietzmanns Handbuch 132, 8. 75.
119
Schrift ihn zum Christentum geführt hat, dass ihre Lehre: „
die
Sklaverei in der Welt aufhebe, von vielen Herren und tausend
Tyrannen uns befreie und uns nicht etwa das gebe, was wir
nicht schon empfangen hätten, sondern nur zurückstelle, was
wir zwar empfangen hatten, aber infolge des Irrtums nicht
festzuhalten vermochten“.
1) Dieser Irrtum ist wohl die gleiche
πλανή wie die von Justin erwähnte: „Geister und Dämonen der
πλανή“ 2, anscheinend gnostische Lehren, gegen
die das Alte Testament ein Gegengewicht bilden kann, umso
mehr, da es die von Tatian am angegebenen Ort zitierte
Vorteile besaß: Anspruchslosigkeit ihrer Verfasser,
wohlverständliche Darstellung der Weltschöpfung, Voraussicht
der Zukunft, Ungewöhnlichkeit der Vorschriften und
Zurückführung aller Dinge auf einen Herrn.
Die bösen Geister verführen die Menschen zu gnostischen
Irrlehren und berauben sie von dem, was sie als Christen
zwar besitzen, jedoch nicht festhalten können: die Befreiung
von der Sklaverei unter den kosmischen Archonten und
Tyrannen.
Der
erste Clemensbrief zeigt, dass für die Kirche der Wert des
Alte Testamentes hauptsächlich darauf beruhte, dass es mit
seinem Schöpfer-Gott das Abgleiten in einen
Vorstellungskreis verhinderte, demzufolge niedrigere Wesen,
ja sogar der Teufel, die Welt erschaffen hätten. So blieb
das Band zwischen Schöpfung und Erlösung erhalten und
Erlösung konnte nicht als Erlösung von der Schöpfung
verstanden werden 3).
Basilides hatte im Römerbrief (5 : 19 ff.) gelesen, die
Schöpfung als Produkt des Demiurgen wolle die Gotteskinder
als hinderliche Fremdkörper ausstoßen; die Kirche
vertritt dagegen in unserm kanonischen Brief die Version,
nach der die Schöpfung auf die Offenbarung der Gotteskinder
wartet und die eigene Heiligung
1)
Orat.
29.
2)
Dial. 7 : 3; cf. 1 Tim. 4:1.
3)
Walter Bauer, Rechtgläubigkeit und Ketzerei im ältesten
Christentum. Beiträge zur historischen Theologie 10. Tüb.
1934, S. 203, vgl. S. 107
120
erhofft.
Die
Gnosis steht hier also für Weltflucht, die werdende Kirche
für Weltheiligung 1).
Nach
Ansicht der Kirche waren das Kommen Jesu und sein Lebenslauf
schon Tausende von Jahren zuvor geweissagt worden. Beim
Autor der Praedicatio Petri, der genauso wie Tatian
bekennt, dass er seinen christlichen Glauben dem Alten
Testament verdankt, lesen wir: „Bücher
..., verfaßt von den Propheten, die teils in Gleichnissen,
teils in Rätseln, teils ganz deutlich und mit ausdrücklichen
Worten den Christus Jesus nennen, und fanden sowohl sein
Kommen als auch seinen Tod und seine Kreuzigung und alle die
übrigen Peinigungen, die ihm die Juden antaten, und seine
Auferweckung und seine Aufnahme in den Himmel vor dem
Gericht über Jerusalem“ 2).
So gesehen konnte die ganze Evangeliumsgeschichte aus dem
Alten Testament abgelesen werden und man konnte der Meinung
sein, dass die tiefste Bedeutung jenes Buches in der
christlichen Kirche aktualisiert aufleuchte 3).
Die bildlose, geistige Gottesverehrung, die Aufhebung des
rituellen Gesetzes, die Taufe und das Abendmahl, das
Priestertum und die Bischofswürde, — alles das fand man im
voraus abgebildet in jener alten Schriftensammlung.
Gegen
die doketischen Neigungen der Gnosis betonte die werdende
Kirche nachdrücklich den historischen Jesus, den auf der
Erde wandelnden Herrn; dazugehörig auch Jerusalem als
Prototyp der heiligen Stadt der Christen sowie die zwölf
Apostel als Vertreter der zwölf Stämme 4). Diese
Wertschätzung von Tradition ist typisch jüdisch. Das Alte
Testament gab mehr Geschichte als systematische Theologie;
sogar die Gesetzgebungstexte waren in eine historische Form
eingegossen, obwohl sie als von Gott erlassen betrachtet
wurden. Personen, Sachen, Handlungen, Ereignisse im Alten
Testament waren Vorabbildungen von Christus und seinem
Reich; symbolische Prophezeiungen in Form von Fakten, die
einen klaren
1)
Vgl. meinen Aufsatz Basileides und der Buddhismus in
Aus Indiens Kultur, Festgabe für Richard von Garbe.
Erlangen 1927, S. 74 ff.
2)
Cl. Alex., Strom. VI , Kap. 15.128,1
3)
Vgl.
Kittel, Theol. Wörterbuch I S. 775 ff.
4)
Julius
Wagenmann, Die Stellung des Apostels Paulus. Giessen
1926, S. 218. K. L. Schmidt in Festgabe für Adolf
Deissmann, Tüb. 1932, S. 208, 292, 303.
121
Beweis
lieferten für die alles umfassende Weisheit des himmlischen
Erziehers 1). So konnte dieses Buch, wenn
richtig interpretiert, die christliche Wahrheit beleuchten.
Die Kirche, die kein System gnostischer Konstruktion wollte,
machte diese jüdische Textsammlung zu ihrer herrschenden
Mythologie und verhinderte dadurch, dass sie je gänzlich als
mit der heidnischen Religion identisch angesehen werden
konnte, welche speziell im kaiserlichen Rom versuchte,
ebenfalls monotheistisch und sakramental zu sein. Denn auch
mit Osiris, Attis und anderen göttlichen Wesen waren am
Anfang Dinge geschehen, die einen entscheidenden Einfluss
auf das Leben der Menschheit ausgeübt hatten; dann aber
wurde die Kette der heiligen Geschichte abgebrochen.
Demgegenüber spielte sich das heilige Drama des Christentums
nicht am Anfang, sondern am Ende der Zeiten ab und zwar
trotzdem in engem Bezug zum Anfang der Zeiten, denn im
christlichen Drama waren Anfang und Ende verbunden durch die
komplette religiöse Geschichte eines auserwählten Volkes.
Dennoch hielt man dafür, dass diesem auserwählten Volk für
sich genommen keine Bedeutung zukam, sondern nur als
Vorabbildung der Christen, die erst Jahrhunderte später
kommen würden 2). In Israels Geschichte
sieht die Kirche nicht mehr die Geschichte eines Volkes,
sondern die von Ideen 3). Ludwig Köhler
formuliert das sehr richtig so: „Was im Alten Testament
steht, verliert alles Eigengewicht und jeglichen Eigenwert“
4).
Selbstverständlich mussten sich die Juden mit Händen und
Füßen gegen diese christliche Art des Beweisens aus ihren
Weissagungen wehren, da sie darin keine Übereinstimmung mit
dem ursprünglichen Sinn erkennen konnten 5). Sie
konnten unmöglich die kirchliche Auffassung akzeptieren,
dass der Heilige Geist im Neuen Testament der unfehlbare
Interpret seiner
1)
So Dr.
HUGO WEISS,
Die messianischen Vorbilder im Alten Testament.
Freib. im Br., 1905, S. 3.
2)
Vgl.
F. CRAWFORD Burkitt, Church and Gnosis. Cambridge
1932,
ρ.
120-'37.
3)
Johs,
PEDERSEN in Zal W 1931, S. 162.
4) Theol. Rundschau 1935, Heft
5, S. 262. 5) Origenes, c.C. I 50.
122
eigenen Aussagen im Alten sei.
Wenn zB. Jesaja im 8.
Jhdt
v.Chr. zu König Ahas sagt: „Darum
wird der Herr selbst euch ein Zeichen geben“,
und darauf die bekannte Immanuelprophezeiung folgt (Jes. 7 :
14 ff.), dann hat dies nach kirchlicher Ansicht gar nichts
zu tun mit der Geschichte jener Zeit: Der Prophet und der
König und das ganze Milieu, in dem sie reden, hören und
leben, haben den Charakter der lebenden Bilder, die bei den
Passionsspielen von Oberammergau den Szenen der christlichen
Leidensgeschichte vorauszugehen pflegen. Sie haben keinen
Wert in sich selbst, sondern nur in Bezug auf etwas, das
sich sieben Jahrhunderte später ereignen sollte (Mt. 1 :
22). Wenn Hosea (11:1) über die frühesten Ereignisse im
Schicksal des jüdischen Volkes spricht, hört der Evangelist
(Mt. 2:15) daraus nur eine Episode aus dem Leben des Herren.
An die Stelle der vor der Hand liegenden Bedeutung tritt die
entferntere. Die Geschichte jener alten Zeiten wird in ihrer
Unmittelbarkeit degradiert zu einer Präfiguration der
Heilsgeschichte, die später in Jesus Christus verwirklicht
werden wird. Die Furcht der Kirche, den für sie so besonders
wichtigen Faktor der Geschichte zu gefährden und zu
verlieren, musste notwendigerweise dazu führen, dass die
Geschichte des jüdischen Volkes für einen großen Teil zum
Symbol verkam und Israel insofern seiner Geschichte beraubt
wurde. Nicht Abraham, nicht Mose, sondern Christus sticht
hervor als Hauptfigur in der Liste von der Historie Israels,
ja in der Liste von der Historie der Menschheit, der
Schöpfung.
Nachdrücklich und durchgehend betont Irenäus in seiner
Epideixis, dass Gott Souverän ist und dass alles aus ihm
seinen Ursprung nimmt. Er sagt: „Sofern
irgendwer meinen sollte, Gott der Vater sei ein anderer als
unser Schöpfer, wie tatsächlich die Irrlehrer meinen, so
missachten solche den seienden Gott und vergöttern ein
Nichts“ l). Die
Stelle ist bemerkenswert, insofern sie den Schöpfer, den
Judengott, mit dem Seienden gleichsetzt. Es geht hier
offensichtlich um den Realismus der werdenden Kirche, der
seine Stimme erhebt
1)
Irenaeus, Epideixis, c. 99.
123
gegen
den Idealismus der Gnostiker, die, wie es heißt, „ihren
eingebildeten Vater-Gott hoch über unseren Schöpfer stellen“.
Wo die Gnosis jeglichen historischen Zusammenhang und
jegliche Einheitlichkeit in Entwicklung und Führung der
Menschheit leugnet, verwendet Irenäus die Gottesoffenbarung
in Altem und Neuem Testament als Waffe gegen deren
Überheblichkeit, und versucht auf diese Weise eine allgemein
anerkannte Autorität als Damm gegen ihre Willkür aufzuwerfen
1).
Der
Realismus der Christengemeinde in Rom war spezifisch
römisch. Wichtig scheint mir die Bemerkung Theodor Haeckers,
dass Rom uns den Begriff „Realität" (res) geschenkt
hat wie Griechenland den Begriff „logisch“ (λόγος) 2).
Der Charakter des Römers macht auf uns den Eindruck von
Strenge und Nüchternheit; das Göttliche kleidete sich bei
ihm nicht in Mythen und Legenden, denn er stach mehr durch
Ernsthaftigkeit als durch Phantasie hervor; er war
praktisch, ängstlich auf Genauigkeit bedacht, ein Freund von
Ordnung und Disziplin 3). In seiner anlässlich
der Vergil-Gedächtnisfeier gehaltenen schönen Rede hat W. F.
Otto 4) vom „spezifisch römischen
Wirklichkeitssinn“ gesprochen. „An Stelle des Mythos steht
die Geschichte“. „Das Göttliche bedeutet hier Wille, Geheiß,
Numen. Es äußert sich fortwährend in absolut gültigen
Hinweisen und richtet so den Weg des Menschen, der ihm als
Frommer folgen muss, auch wenn er es von Herzen anders
wünschte“. Frömmigkeit spielt nämlich die wichtigste Rolle.
Die Römer hielten sich selbst für die religiösesten unter
den Sterblichen und sahen diesen Charakterzug in engstem
Zusammenhang mit ihrer Berufung zum und ihrem Erfolg beim
Erlangen der Weltherrschaft. Wenn wir uns mit andern Völkern
vergleichen, sagt Cicero, müssen wir erkennen, dass wir in
allen andern Dingen ihnen nur gleich oder gar unterlegen
sind; in der Religion jedoch, d.h. im Dienst der Götter,
weit überlegen. Und Horaz
1)
Irenaeus, adv. Laer III 2, 1.
2)
Vergil, Vater des Abendlandes2, Lpz. 1933, S.
119 f.
3)
Henri BERR in Préface op LÉON HOMO, l'Italie
primitive et les débuts de l'imperialisme romain.
Paris
1925, p. VI.
4)
Vergil, Festrede. Berlin—Lpz., 1931, S. 13, 17, 18, 22
124
mahnt:
In dem Maße, in dem du den Göttern dienst, oh Römer, wirst
du herrschen! Um es noch einmal mit den Worten W. F. Ottos
zu sagen: „Ältestes und Jüngstes ist, ohne Aufhebung der
fortschreitenden Zeit, eins, weil sie in einer sinnfällig
gestalteten Idee lebendig werden. Das ist das Werk Vergils,
das ist die klassische Vollendung des historischen Epos der
Römer. Das Alte kehrt immer größer wieder, und das Größte
ist das Wunder der Gegenwart, in dem alle Sprüche sich
erfüllen. Das goldene Zeitalter, das die italische Erde vor
Zeiten erleben durfte, kommt nun zurück durch den
Friedensfürsten, den einst das Hirtengedicht als Gott
verkündet und auf den das messianische Lied traumhaft
hingedeutet hatte“. Bringt ein solches Zitat uns den Geist
des katholisierenden Christentums in Rom nicht näher?
Jener
Realismus äußert sich auch in der dortigen christlichen
Gemeinde in ihrer Organisation, Einheit, Konzentration;
Hierarchie, Neigung zum Praktischen, Antipathie gegen
Spekulatives, monarchischer Führung. Das ist alles typisch
römisch. Als Erbe der antiken Welt in römischem Geist
protestiert die werdende Kirche gegen die anwachsende Flut
des kosmischem Dualismus 1). Auch unsere endliche
Welt ist Gottes Werk und nicht Produkt des Falles und des
Nichtwissens (nach Irenäus ein gotteslästerlicher Gedanke!)2),
— hier bot die alttestamentliche Schöpfungslehre willkommene
Unterstützung. Die Erbsünde kommt an die Stelle vom Fall
eines Gottes. Der abgefallene und gottfeindliche Kosmos wird
anthropologisch beschränkt auf die Welt der Menschen. Im
Gegensatz zur revolutionären Gnosis wendet sich das
kirchliche Christentum wieder dem positiv-historischen zu,
dem einmal in der Geschichte geschehenen Fall und der einmal
in der Gesschichte geschehenen Erlösungstat. Damit konnte
sich der unhistorische, zeitlose Erlösungsbegriff der Gnosis
nicht messen 3). Die christliche Kirche brauchte
keinen Gott, der der Welt feindlich gegenüber stand, sondern
einen, der über der Welt stand, und einen solchen fand sie
im
1)
Hans Jonas, a.a.O., S. 155.
2) Adv. Haer. Il 3, 2
3)
Hans Jonas, a.a.O., 8.
22G,
Anon. 2.
125
Alten
Testament als den Schöpfer und als die Vorsehung, die sich
um die Welt kümmert.
Zwar
gibt es in den Riten und Mythen des Christentums
hellenistische Elemente, aber die theokratische Idee ist
nicht hellenistisch, sondern jüdisch. Nur durch seinen
formalen Anschluss an das Judentum, konnte das Christentum
erfolgreich sein. Die Gemeinde in Rom sah sich dazu am
ehesten veranlasst. War doch der römische Geist dem
jüdischen verwandt. Interessant ist in diesem Zusammenhang
die von Origenes erwähnte Bemerkung des Celsus, dass „ein
Teil der Christen sich in der Großkirche zusammengeschlossen
hat“; diese Leute unterscheiden sich ihm zufolge durch ihre
engen Beziehungen zum Judentum, von dem sie die
Schöpfungsgeschichte, die Abstammung der Menschen und
anderes mehr übernommen haben 1). Judentum
und Stoa waren Augustin zufolge eng verwandt, und die Stoa
war nun gerade die römische Philosophie der Kaiserzeit, —
die gleiche Stoa, deren viele jüdische Elemente Walther Fink
in einer wichtigen Schrift 2) aufgezeigt hat. Das
Judentum hatte oft ein so gutes Verhältnis zur Stoa, weil
deren Vorstellungen von Gott und Welt den jüdischen sehr
ähnlich waren. Außer als vernünftiges Weltprinzip sieht die
Stoa ihren Gott auch als ethische Persönlichkeit, als
heiligen Willen, der die sittliche Weltordnung, das Recht
und die Gerechtigkeit überwacht und sichert. Der
alttestamentliche Gott seinerseits ist nun nicht nur der
heilige und gnädige Erlöser, sondern auch der Schöpfer der
Ordnung in der natürlichen und sittlichen Welt, einer
Ordnung, die er durch seine weise Vorsehung in Stand hält.
Auf diese Weise konnte die stoische Philosophie die
hellenistische Welt erobern und als kraftvolle Wegbereiterin
des Christentums bei den Massen zusammen mit dem Platonismus
einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung der
christlich-kirchlichen Ethik und Dogmatik leisten 3).
1)
Orig., c.C. V 29.
2)
Der Einfluss der jüdischen Religion auf die
Griechisch-römische. Bonn, 1932.
3)
Vgl. Kurt Leese, Natürliche Religion und christlicher
Glaube. Berlin 1936, S. 27.
126
Auch
die von den Tübingern als katholisierende Schrift erkannte
Apostelgeschichte versucht, eine enge Beziehung zwischen der
neuen Kirche und dem Gottesstaat des Alten Bundes
herzustellen. Das ist aber kein jüdisch-christlicher sondern
ein römischer Versuch. Wie die Juden schätzen die Römer das
Positive und Legalistische. „Dem Juden wie dem Römer ist die
Satzung die Grundlage des Daseins“, erklärt Isaac Heinemann
1). Beim Congrès-Loisy in Paris habe ich
seinerzeit über Petrus als den zweiten Mose gesprochen
2): Die Kirche, die nicht nur Gnostiker und
Theosophen, sondern auch die große Masse simpler Seelen in
sich aufnehmen möchte, schließt sich dem Bestehenden an und
fügt den revolutionären Paulus in die Überlieferungskette
ein in einer Weise, dass man ihn kaum noch von Petrus
unterscheiden kann.
Petrus tritt wie ein universalistischer Mose auf.
Mit
Befriedigung lese ich, dass auch Johannes Leipoldt viele
angeblich jüdische Züge im frühesten Christentum als in
Wirklichkeit römische erklärt und einsieht, dass der
jüdische Einfluss auf die Gesamtkirche im 2.
Jahrhundert stärker wird.
Dazu
gehören z.B. der Begriff der Überlieferung und derjenige
des Dogmas als notwendige Heilsbedingung 3).
Auch der römische Imperialismus verehrt die Überlieferung;
der mos maiorum spielt da eine große Rolle und man
legt – wie oben schon erwähnt – Wert auf die Geschichte. Der
nüchterne Geist des Römers ergibt keinen geeigneten
Nährboden für syrischen oder ägyptischen Synkretismus 4)
und kann somit Gnostisches nur dann akzeptieren, wenn es im
Filter des jüdischen Geistes von seinen Extravaganzen
befreit in vernünftigere Bahnen geführt worden ist. Dann
aber zeigt der jüdische Charakter
1)
Die griechische Weltanschauungslehre hei Juden und
Römern, Berlin 1932, S. 16.
2)
Congrès d'Histoire du Christianisme: Jubilé Alfred Loisy,
Paris—Amsterdam 1928, p. 181.
3)
Gegenwartsfragen in der neutestamentlichen Wissenschaft.
Lpz. 1936, S. 112 f.
4)
Walter Bauer, Rechtgläubigkeit und Ketzerei im ältesten
Christentum. Freib. 1934, S. 232.
127
damit eine bemerkenswerte Übereinstimmung.
Das
Sittlichkeits- bzw. Gemeinschaftsempfinden äußert sich bei
den Juden als Einsicht in das Gebunden-Sein an Sitte und
Gesetz (natürliche Sittlichkeit oder Legalität); rein
vernunftmäßig sehen sie das Geistige 1). „Wo in
erster Linie en guter Verstand oder ein scharfes
Unterscheidungsvermögen vonnöten ist wie in ... der Welt des
Rechts, erwewisen sich die Juden im großen Ganzen als
tuchtig“ 2). Sie denken substanziell; weil bei
ihnen Geist und Natur identisch sind, sehen sie
unwillkürlich auch geistige Gestalten als natürliche
Individualität 3).
Heinemann, der beste Kenner sowohl der Juden als auch der
Römer, sagt wahrheitsgemäß: „Wie der Römer sich zum
Herrscher der Welt berufen fühlt, so der Jude zum Priester
der Welt“ 4). So konnte dann gerade im jüdisch
beeinflussten römischen Geist die priesterliche
Weltherrsschaft bzw. die weltbeherrschende Priesterschaft
der Heiligen Römisch-Katholischen Kirche entstehen.
In
treffender Weise zeigt Michelangelo an der Decke der
Sixtinischen Kapelle, wie das päpstliche Rom aus dem
kaiserlichen herauswuchs; befruchtet vom jüdischen Geist:
neben den heidnischen Sibyllen erscheinen dort die jüdischen
Propheten. Die Träger apokalyptischer Stimmungen in der
griechisch-römischen Welt erkannten in den jüdischen
Dichtern von Zukunftsbildern verwandte Geister. In der
Erhebung des Apostelfürsten zum Felsen der Kirche und in der
Art und Weise, wie dieser in der Apostelgeschichte vor allem
sehr darauf bedacht ist, das Band zwischen der neuen
Gemeinde und dem Gottesstaat des Alten Bundes unversehrt zu
erhalten, zeigt sich eine Eigenschaft des Römers, dessen
Gesetzgebung ebenfalls darauf abzielte, das Alte mit den
unvermeidlichen Neuerungen verschmelzen zu lassen. Wie der
Kaiser sowohl Hohepriester als auch fürstlicher Herrscher
war, so wurde der Apostelfürst zum Weltherrscher. Das
Christentum in seiner Entwicklung von
1) Dr. A. W. Groenman, N.T.T. 1935, S. 220, 223.
2)
Dr. A. W. Groenman, a.a.O, S. 224.
3)
Dr. A. W. Groenman, N.T.T. 1935, S. 369. 4)
a.a.O., S. 34.
128
Sekte
zu Kirche, zu Katholischer Kirche, konnte nichts Besseres
tun als anzuknüpfen bei der Vorstellung der einen Geschichte
der Menschheit, wie das Alte Testament diese in bedeutender
Weise verkündet l). Unter dem vielsagenden
Titel „Von Jerusalem bis nach Rom“ beschreibt u.a. Harnack
2) den Weg, den das Evangelium der
Apostelgeschichte zufolge einschlug, als historische
Tatsache.
In Wirklichkeit ist das jedoch eine dogmatische Aussage.
Historisch gesprochen geht die Frohbotschaft umgekehrt von
Rom nach Jerusalem, insofern die Judaisierung des ansonsten
nichtjüdischen Prinzips des Christentums von der römischen
Christengemeinde ausgeht. Diese Judaisierung macht aus dem
himmlischen Christus den jüdischen Messias und stellt dann
dessen Leben, Sterben und Auferstehung eine in der
Hauptsache aus dem Alten Testament abgeschriebene Biographie
voran, die sowohl der kirchlichen Forderung einer
Historisierung des gnostischen Mythos entsprach als auch das
Band zur entferntesten Vergangenheit knüpfte und so die
Verwurzelung des Evangeliums in der Geschichte der Welt und
der Menschheit anschaulich aufzeigte!
1) Vgl. F. M. Th. Böhl, N. Th.
Studien,
Dez.
1934, S. 300.
2)
Die Apostelgeschichte, Lpz. 1908, S. 12.
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