StartAktuellesBuecherKlassikerBiographienLinksGaestebuch

 

 

 

Arthur  Drews (1865 – 1935)

Professor der Philosophie
an der Technischen Hochschule Karlsruhe


 
Vortrag von Dr. Bernhard Hoffers, Lehrte,
im Geschichtssalon Karlsruhe, 24.  April 2003

 

Arthur Drews wurde am 1. November 1865 in Uetersen in Holstein geboren. Nach Studium der Germanistik und Philosophie in München und Berlin legte er 1889 in Halle das Doktorexamen in Philosophie ab. Er beabsichtigte, die akademische Laufbahn einzuschlagen. Nachdem Habilitationsversuche an einer deutschen Universität mehrfach scheiterten, habilitierte Drews sich 1896 an der Technischen Hochschule Karlsruhe und verblieb dort für den Rest seines Lebens. Eine planmässige Anstellung erfolgte erst 1928, und im Jahre 1933 wurde ihm ein persönliches Ordinariat eingerichtet. Bewerbungen auf ein Ordinariat an einer Universität blieben erfolglos, ebenso Bemühungen um eine bessere Stellung in Karlsruhe 1910 und 1921, einmal vom badischen Großherzoghaus und von der Hochschule unternommen. Drews starb am 19. Juli 1935 in der Heilanstalt Illenau.

 Drews hinterliess ein umfangreiches literarisches Werk, Bücher und Aufsätze über eine grosse Vielfalt von Themen und war auch sehr aktiv in der Öffentlichkeit, hielt viele Vorträge und nahm eine prominente Rolle ein bei der freireligiösen Gemeinde in Südwestdeutschland. Ich möchte kurz das Werk von Drews vorstellen, nach Inhalt und Auswirkungen für den Autor, eine kurze Charakteristik des Philosophen und des Menschen geben und Ihnen darlegen, warum sich meines Erachtens die Beschäftigung mit Drews lohnt und wo man ansetzen sollte, wenn man eine umfassendere Darstellung von Drews und seinem Werk geben wollte.

Leben und Karriere oder vielmehr Nichtkarriere von Drews wurden durch die Begegnung mit einem Mann entscheidend bestimmt; dieser Mann war der Philosoph Eduard von Hartmann. Drews besuchte von Hartmann in Berlin zum ersten Male im November 1888. Drews sollte ihm nicht nur sein Leben lang die Treue halten, sondern wurde auch ein eifriger Anhänger seiner Philosophie, die er in der Öffentlichkeit vertrat. Von Hartmann schrieb ja bekanntermassen in jungen Jahren die „Philosophie des Unbewußten“, die einen großen Erfolg beim Publikum hatte. Eine Berufung an eine Universität lehnte von Hartmann ab und war in der Folgezeit als Privatmann schriftstellerisch tätig, er schrieb zahlreiche Bücher und Aufsätze über Philosophie, Naturwissenschaft, Psychologie, Politik und Zeitfragen. Von Hartmann lehrte die Existenz eines einzigen metaphysischen grundlegenden Prinzips, des Unbewußten, das in dem Akt einer logisch nicht nachvollziehbaren Differentiation aus der ursprünglichen Einheit von Willen und Vorstellung die Welt, wie wir sie kennen, geschaffen hat und nun wieder die Welt dazu benutzen will, aus dem unglücklichen Zustand des Wollens zurück in den Ausgangszustand zu gelangen, was dann die Aufhebung der Welt bedeutet. Religionsphilosophisch bedeutet dies für von Hartmann die Wesenseinheit von überpersönlichem Gott, dem Menschen und der Welt; von Hartmann führt dies näher in seinem Buch „Die Religion des Geistes“ aus. Die religiöse Betätigung des Menschen ist demnach ein Beitrag zur Erlösung der Welt, zu deren Rückführung ins Nichts. Diese Auffassung war natürlich eine völlig andere als die auf christlicher Grundlage aufbauenden, und wird von mir hier nur kurz erwähnt, um zu zeigen, wie weit von Hartmann von den gängigen philosophischen Lehren seiner Zeit abwich. Sigmund Freud bediente sich bei seinen Arbeiten zur Psychologie des Unterbewussten übrigens kräftig bei von Hartmann, ebenso C. G. Jung, ohne dass dies beide allerdings einer Erwähnung wert hielten. Dies soll Ihnen beispielhaft zeigen, wie von Hartmann von den offiziellen akademischen Zeitgenossen ignoriert wurde, insbesondere von den Philosophen, und es hat sich daran eigentlich bis heute nichts geändert. Drews trat nun vehement für die Anschauungen seines Lehrers ein, und da sich diese außerhalb des akademischen Kanons befanden, waren Schwierigkeiten für ihn zu erwarten, was seine Stellung an den Hochschulen und in der philosophischen Fachwelt angeht.

Ich möchte Ihnen nun einen kurzen Überblick über die Buchveröffentlichungen von Drews geben und dabei schon einiges zu den Reaktionen der Umwelt darauf sagen, bevor wir zu einer Würdigung von Drews kommen und die Frage zu beantworten versuchen, warum sich eine Beschäftigung mit Drews lohnt.

  Der Vollständigkeit halber soll erwähnt werden, dass Drews seine schriftstellerische Laufbahn mit zwei Büchern der schönen Literatur begann; ich selber habe diese noch nicht kennengelernt. Doch möchte ich Ihnen kurz die Titel nennen: „Irold. Eine Rhapsodie“, die er als Schüler verfasste und die 1887 veröffentlicht wurde. 1888 folgte das Epos in Hexametern „Judas Ischarioth“, welches er von Hartmann zuschickte und daraufhin die oben erwähnte Einladung des Philosophen erhielt. Die erste bedeutende Veröffentlichung ist dann „Die deutsche Spekulation seit Kant mit besonderer Rücksicht auf das Wesen des Absoluten und die Persönlichkeit Gottes“, 1893, in zwei Bänden. Ein Versuch, sich damit in Berlin zu habilitieren, scheitert. Für einen neuen Versuch schreibt er „Kants Naturphilosophie als Grundlage seines Systems“, 1894, und muss erleben, dass seine Sicht Kants durch die Brille von Hartmanns an den deutschen Universitäten nicht geschätzt wird; weitere Versuche zur Habilitation scheitern wiederum in Berlin, in Breslau und in Strassburg im Elsass. Das Buch selber hatte kein gutes Schicksal, der Verlag ging ein, und die Restauflage wurde makuliert. Das nächste Werk von ihm erschien 1897, nach der Habilitation in Karlsruhe, mit dem Titel „Das Ich als Grundproblem der Metaphysik“, in dem er die Nichtsubstantialität des empirischen Ichs zu begründen sucht, ein Thema, das sich bis zum Schluss durch sein Werk ziehen wird. Auch von diesem Buch wurde ein Teil der Auflage eingestampft. Im folgenden Jahr, also 1898,  veröffentlichte Drews „Der Ideengehalt von Richard Wagners „Ring des Nibelungen“ in seinen Beziehungen zur modernen Philosophie“, in der die Ringdichtung unter dem Gesichtspunkt der Philosophie Ludwig Feuerbachs und Arthur Schopenhauers betrachtet wird und wobei Drews zu dem Schluss kommt, dass es sich um eine dichterische Vorwegnahme der von Hartmannschen Philosophie handelt. Da Richard Wagner die Philosophie von Hartmanns abgelehnt hatte, war man in Bayreuth nicht sehr erbaut über dieses Buch, was zu einer abschätzigen Bemerkung in Glasenapps grosser Wagnerbiographie führte. 1902 folgt „Eduard von Hartmanns philosophisches System im Grundriss“ anlässlich des 60. Geburtstages Eduard von Hartmanns, eine zweite, erweiterte Ausgabe kommt 1906 heraus. 1903 gab Drews Schellings Münchener Vorlesungen „Zur Geschichte der neueren Philosophie“ und „Darstellung des philosophischen Empirismus“  ausführlich erläutert heraus. 1904 folgte eine Darstellung „Nietzsches Philosophie“, 1905 eine kommentierte und gekürzte Ausgabe von Hegels „Religionsphilosophie“. Mit der Hegelausgabe kam zum ersten Male ein Buch von ihm im Eugen Diederichs Verlag heraus. 1906 erschien dort auch eines seiner Hauptwerke, „Die Religion als Selbstbewusstsein Gottes“, in dem die oben kurz erwähnten Gedanken von Hartmanns näher ausgeführt werden. 1907 kommen heraus „Das Lebenswerk Eduard von Hartmanns“ und „Plotin und der Untergang der antiken Weltanschauung“. Es sind dies 11 Bücher von ihm, die er bis zum 42. Lebensjahr veröffentlichte, hinzu kommen die zwei schöngeistigen Werke und ein von ihm zurückgezogenes Werk über von Hartmann aus dem Jahr 1889, insgesamt also 14 Bücher, eine beachtliche Leistung. Drews bemühte sich nicht nur, die Fachwelt mit seinen Büchern zu erreichen, sondern wollte auch immer ein breiteres Publikum ansprechen. Er tat dies durch zahlreiche Aufsätze und Rezensionen in vielerlei, auch sehr angesehenen Zeitschriften, wie etwa den Preußischen Jahrbüchern. Daneben arbeitete er in weltanschaulichen Gesellschaften mit, wie etwa dem Monistenbund oder dem Werdandibund. Für den Monistenbund gibt er 1908 das zweibändige Werk „Der Monismus“ heraus.

Das Jahr 1909 sollte das für Drews entscheidende Jahr werden. Zu Ostern kam sein „Die Christusmythe“ heraus, in dem er die Historizität von Jesus Christus bestritt. Er griff dabei auf zeitgenössische theologische Strömungen zurück, so etwa auf den Bremer Pastor Kalthoff, und wandte sich gegen den liberalen Jesuskult. Sein Ziel war dabei sicherlich auch, seinen eigenen religiösen Vorstellungen mehr Gehör zu verschaffen, indem der überkommenen Religion die historische Grundlage entzogen wird. Die Resonanz war eine ungeheure, es kam zu zahlreichen öffentlichen Veranstaltungen, in denen Drews seine Ansichten vertrat, so unter anderem zu dem seinerzeit Aufsehen erregenden Berliner Religionsgespräch, das zwischen Drews und Anhängern und Kirchenvertretern stattfand. Es kam zu zahlreichen polemischen Veröffentlichungen, gerade von kirchlicher Seite, die von Drews in dem zweiten Band der Christusmythe 1911 beantwortet wurden. Daneben entstand noch die „Petruslegende“, eine kritische Auseinandersetzung mit der Überlieferung der Geschichte des Apostels Petrus. Die Argumente von Drews für seine These der Ahistorizität Jesu sind das Fehlen beweiskräftiger ausserchristlicher Quellen, die Abhängigkeit des Inhaltes der biblischen Berichte in den Evangelien von gängigen mythologischen Vorstellungen sowie die Schwierigkeiten, die die historische Kritik der Theologen selber aufgedeckt hat. Für Drews persönlich hatte die Christusmythe zur Konsequenz, dass sich eine Berufung nach Bern sowie eine anscheinend beabsichtigte Verbesserung seiner Stellung in Karlsruhe zerschlugen. Drews liess sich jedoch nicht entmutigen, und vertrat seine Ansichten zur Entstehung des Christentums weiter. Zunächst jedoch veröffentlichte er 1913 seine „Geschichte des Monismus im Altertum“, in der er die antiken Wurzeln des Monismus darstellte. Zwei Bändchen der Sammlung Göschen von insgesamt vier über die Geschichte der Philosophie im 19.Jahrhundert und der Gegenwart erschienen noch vor dem ersten Weltkrieg, die anderen 1921 und 1922. Während des Krieges erschien lediglich 1917 seine Schrift „Freie Religion“ mit dem Untertitel „Vorschläge zu einer Weiterführung des Reformations-Gedankens“ zum 400. Jahrestag des Lutherschen Thesenanschlages. In Anlehnung an die Form des Katechismus formuliert er auf wenigen Seiten seine religiösen Anschauungen, durchaus im Sinne des Gebrauchs in einer Gemeinde. Die Schrift erlebt zwei weitere Auflagen bis 1921. In diesem Jahr erscheinen zwei Bücher von ihm, die „Einführung in die Philosophie“ und „Das Markusevangelium als Zeugnis gegen die Geschichtlichkeit Jesu“. In diesem Werk versucht er zu belegen, dass sich die Erzählung des Leben Jesu aus astralmythischen Gedanken ergibt und sich als der dreifache Gang der Sonne durch den Fixsternhimmel auffassen lässt. Das als historisch verstandene Geschehen der biblischen Überlieferung ist dabei komplett aus dem Himmelsglobus abzulesen. Drews musste jedoch wahrnehmen, dass eine solche Betrachtungsweise auf grundlegendes Unverständnis stiess und verfasste deshalb sein 1923 erschienenes Werk „Der Sternhimmel in der Dichtung und Religion der alten Völker und des Christentums. Eine Einführung in die Astralmythologie.“ 1924 folgte als abschliessendes grosses Werk zur Genese des Christentums „Die Entstehung des Christentums aus dem Gnostizismus“, in dem er die synkretistische Struktur des Christentums, das heisst, die völlige Abhängigkeit von den unterschiedlichsten religiösen und mythischen Überlieferungen nachzuweisen sucht. 1922 lässt er noch Aufsätze gegen die Steinersche Lehre der Anthroposophie erscheinen, „Metaphysik und Anthroposophie in ihrer Stellung zur Erkenntnis des Übersinnlichen“. Das umfangreiche Werk „Psychologie des Unbewussten“, 1924, will eine systematische Begründung einer wissenschaftlichen Psychologie nach Prinzipien der von Hartmannschen Philosophie geben. Es folgen Neuauflagen, 1924 die völlig neu bearbeitete „Christusmythe“ und die „Petruslegende“, 1925 die „Religion als Selbstbewusstsein Gottes“. 1926 gibt er einen Rückblick auf „Die Leugnung der Geschichtlichkeit Jesu in Vergangenheit und Gegenwart“, 1928 werden das „Lehrbuch der Logik“ veröffentlicht und die „Marienmythe“, die die Geschichte der Mutter Gottes der christlichen Religion behandelt. Das Werk über das Markusevangelium erscheint in einer zweiten Auflage. Drews erhält nunmehr eine planmässige Anstellung an der TH Karlsruhe. In der Folgezeit erscheinen noch mehrere kleine Schriften, in denen er allgemeinverständlich für seine religiösen Vorstellungen wirbt. 1931 kommt seine Monographie „Der Ideengehalt von Richard Wagners dramatischen Dichtungen in Zusammenhang mit seinem Leben und seiner Weltanschauung. Mit einem Anhang: Nietzsche und Wagner“ heraus, ein Werk, das von der Wagnerliteratur zwar zitiert wird, aber wohl kaum rezipiert wurde. Ich halte es für eines der besten Bücher über Wagner, die ich kenne, und viele seiner Gesichtspunkte werden erst wieder viel später aufgenommen, ohne ihn zu nennen. 1935, im Jahre seines Todes, erscheint noch sein letztes Werk, „Deutsche Religion“, eine Sammlung allgemein gehaltener Aufsätze zu den altbekannten religiösen Themen. Von den Werken zur Entstehung des Christentums erschienen Übersetzungen ins Englische, Französische und Russische. Zum Schluss dieses Überblicks möchte ich Ihnen noch zwei Quellen zu Werk und Persönlichkeit nennen, die „Selbstdarstellung“ von Drews aus dem Jahre 1925 und die Edition des Briefwechsels mit Eduard von Hartmann aus dem Jahr 1996, die von den Herren Dr. Pilick und Mutter besorgt wurde.

 Wie standen und stehen nun die Mitwelt und die Nachwelt zu diesem umfangreichen Werk? Die überaus vorwiegende Haltung ist nun die des Ignorierens, soweit es sich um die akademische Welt handelt. Hingegen scheint das interessierte Publikum Anteil an seinem Wirken genommen zu haben, wie aus seinen zahlreichen Zeitungs- und Zeitschriftenaufsätzen und Vorträgen hervorgeht. Inwieweit hierbei auch Honorare eine Rolle spielten, weiss ich nicht, denkbar ist es schon. Offizielle Darstellungen der Universität Karlsruhe erwähnen ihn nicht. In der Stadt Karlsruhe ist sein Wirken nicht spurlos gewesen, in der Zeitung erschienen Gedenkartikel an ihn, und der alte Herr Kellner von der ehemaligen Braunschen Hochschulbuchhandlung wies mich noch in den siebziger Jahren auf Schriften von Drews hin. Wenn man dem Namen Drews in der Literatur begegnet, dann meistens in Zusammenhang mit seinen Bemühungen um einen religiösen Neubeginn oder gelegentlich in der Wagner- oder Nietzscheliteratur. Sein Buch über Plotin wird auch des öfteren erwähnt. Die Aufmerksamkeit, die die „Christusmythe“ vor dem ersten Weltkrieg auf sich zog, ist seitdem erloschen. In den angelsächsischen Ländern allerdings wird die „Christusmythe“ noch wahrgenommen. Leider ist es auch so, dass dabei mit abschätzigen Bemerkungen seitens der Theologie nicht gespart wird. Im Bewusstsein der Öffentlichkeit in Deutschland ist die Leugnung der Geschichtlichkeit Jesu fast nicht vorhanden, als rühmliche Ausnahme möchte ich hier den Theologen Detering aus Berlin anführen, der in seiner Webseite den Text des Drewsschen Buches über die Geschichte der Leugnung der Geschichtlichkeit Jesu wieder zugänglich gemacht hat. Deschner in seiner Kirchengeschichte „Abermals krähte der Hahn“ lässt Drews zwar in seinem historischen Einleitungskapitel Gerechtigkeit widerfahren, teilt jedoch die Annahme der Ahistorizität Jesu nicht.

 Das Schweigen der Universitätsphilosophie zu Drews ist auffallend, mir scheint es, dass man sich seiner schämt und auch die theologischen und sonstigen Vorurteile von Hartmann gegenüber übernommen hat. Beide Philosophen standen ja ausserhalb der Universitäten und hatten deshalb auch keine Schulen, die die Lehren der Meister hochhielten. Beide entfalteten eine beträchtliche Wirksamkeit in der Öffentlichkeit, die vielen Professoren versagt blieb, aus welchen Gründen auch immer. Es war nun leicht, Drews als Dilettanten abzutun, wie es ja auch bei Richard Wagner der Fall war seit Thomas Manns berühmten Aufsatz aus dem Jahre 1933. Drews war kein Theologe und äusserte sich zu Fragen, die die Kirche und die Theologen als ihre wesentlichen ansah. Drews war kein Altphilologe und nahm Stellung zu Fragen der Astronomie und Mythologie, die ja in die Zuständigkeit der Altphilologen und auch der Germanisten fiel. Drews war kein Musikwissenschaftler und schrieb über Wagner, der ja als Gegenstand der Literaturwissenschaften erst seit kurzem existiert. Drews war kein Psychologe, und dennoch veröffentlichte er ein dickes Buch über die Psychologie des Unbewussten. Überdies war er ja durch seine Gegnerschaft zu Nietzsche und seine Wertschätzung für das Werk Wagners als Wagnerianer abgestempelt und somit auch wieder für die sehr mächtige Nietzschetradition nicht nur in der Philosophie, sondern auch im gesamten deutschen Geistesleben einfach nicht existent – solche Abweichungen von der communis opinio brauchen eben nun einmal nicht ernstgenommen zu werden. Hinzu kommt, dass Drews, obwohl er kein Mitglied der NSDAP war, in seinem letzten Buch sich Sympathie und Hoffnung für die Zukunft über die neuen Herren Deutschlands aussprach. Man wird wohl annehmen können, dass Drews dabei nicht auf Gegenliebe gestoßen ist, denn allein die Tatsache, dass keiner seiner alten Verleger seine „Deutsche Religion“ bringen wollte, spricht Bände. Damit wäre in der Bundesrepublik das Urteil gesprochen gewesen, wenn es noch eines solchen bedurft hätte. Die Tradition des Totschweigens oder der verfälschenden Widergabe der von Drews vertretenen Positionen wurde denn dann auch in Nachschlagewerken fortgesetzt, in Ziegenfuss Philosophenlexikon von 1949 werden lediglich Geburts- und Todesdatum mitgeteilt und eine unvollständige Bibliographie gegeben, während der Artikel in der Neuen Deutschen Biographie von Professor Lübbe deutlich diskreditierende Züge trägt.

Bevor ich zum Schluss komme und Ihnen meine Ansicht darüber, warum sich eine Beschäftigung mit Drews lohnt und welche Arbeiten hier noch zu leisten sind, mitteile, kurz noch einige Eindrücke zum Menschen Drews. Zuerst sollte der Gerechtigkeit halber, nachdem ich gerade eine Andeutung über Drews und den Nationalsozialismus gemacht habe, auch sagen, dass Drews sich öffentlich gegen den gewaltig anwachsenden Antisemitismus in den Zwanzigerjahren ausgesprochen hat. Als Wissenschaftler war er sehr sachlich und aufrichtig und erlaubte sich seinen Gegnern gegenüber nicht solche Ausfälle, wie sie es ihm gegenüber taten. Diese Integrität wird auch von Willi Hellpach in seinen Memoiren bestätigt, und dies, obwohl Drews ja ein Gegner der Habilitation Hellpachs in Karlsruhe war. Drews hatte einige Freundschaften, die wohl auch lange hielten, so mit Albert Schweitzer, mit dem er ja sicherlich auch Differenzen hatte. Der einzige Philosoph, den er als seinen Schüler hätte bezeichnen können, Leopold Ziegler, entfernte sich von ihm, was sich mit Zieglers kritischem Buch über von Hartmann verstärkte. Später muss es wieder zu einer Annäherung gekommen sein, wie aus einer seinerzeit ausgestellten Dankespostkarte von Drews an Ziegler für Glückwünsche zum 60. Geburtstag hervorging. Drews trat mit grossem Temperament für seine Anschauungen ein und musste sich schon von von Hartmann Aufforderungen zur Mässigung in diesem Punkt gefallen lassen. Ebenso mahnte ihn der Ältere, etwas für seine Karriere zu tun, indem persönliche Bekanntschaften mit Philosophen anderer Universitäten gepflegt werden. Drews sprach wohl viele Sprachen oder war wenigstens in der Lage, in ihnen verfasste Literatur zu lesen. Er sammelte auch japanische Farbholzschnitte, diese Sammlung ging dann in das Eigentum der Stadt Karlsruhe über. Als junger Mensch wird er als „hochbegabt, geistreich, temperamentvoll, liebenswürdig, untermischt zuweilen mit einem Zug leisen Spottes, ehrgeizig, sehr fleißig und mit einer ungeheuren Arbeitskraft ausgestattet“ geschildert. Zeugnisse zur Person Drews darüber hinaus sind mir nur wenige bekannt, Herr Dr. Gabowitsch teilte mir seinerzeit eine reizende kleine Geschichte mit, und der erwähnte Theologe Detering führt in seinen Zeugnissen zur Lebensgeschichte des niederländischen Theologen und Kampfgenossen von Drews van den Bergh van Eysinga das Urteil auf, Drews sei ja ein netter Kerl, nur manchmal etwas vorlaut. Drews war verheiratet und hatte laut Neuer Deutscher Biographie zwei Töchter und einen Sohn.

  Warum lohnt sich denn heute eine Beschäftigung mit Arthur Drews und seinem Werk? Ich denke, aus mehreren Gründen. Der eine liegt im Inhalt seiner Schriften, der zumindest teilweise noch von Interesse ist, nicht nur für Spezialisten. Hierzu zähle ich die Monographie über Wagner, die Arbeiten zur Astralmythologie sowie zur Entstehung des Christentums und zur historischen Existenz Jesu. Es lohnt sich, sich mit den vorgebrachten Argumenten wie auch mit der Fragestellung selber auseinanderzusetzen. Wenn man heute generell unter anderen Gesichtspunkten an die von Drews behandelten Probleme herangeht oder die Drewsschen Ausgangspositionen und Argumente für überholt hält, so ist nicht von vornherein klar, dass eine solche Haltung berechtigt ist. Zur Illustration: ist es wirklich so, dass die Frage nach der Historizität Jesu absolut geklärt und obendrein noch so nebensächlich ist, wie man in Gesprächen mit Theologen zu hören bekommt? Hier lohnt eigenes Nachdenken.

 Zum anderen existieren historische und soziologische Gründe, sich mit Drews zu beschäftigen. Drews war ja eine in der Öffentlichkeit sehr aktive Person, und die Beziehungen zu seinem Publikum und die Rückwirkungen dieser Beziehungen auf sein Werk und sein weiteres Wirken sind sicherlich ein faszinierendes Kapitel der Zeitgeschichte. Zudem ist nur recht wenig über das geistige Umfeld von Drews Aktivitäten bekannt, ich verweise auf den Monistenbund oder den Tatkreis aus dem Diederichsverlag. Drews, entschlossen zu öffentlichem Wirken, musste sich ja auch erst ein Publikum erschliessen. Wie ging er dabei vor? Was hat er erreichen wollen? Wie hat sich sein Publikum gewandelt? Hat er um der öffentlichen Wirksamkeit willen Zugeständnisse gemacht? War Drews ein Einzelfall, gab es andere Philosophen, die ähnliche Absichten hatten? Wie sah seine Umwelt diese Bemühungen? Ist das abschätzige Urteil der Nachwelt in der Tat berechtigt?

Ich möchte zum Schluss kommen. Was wäre noch zu tun, um Drews eine gerechtere Würdigung als bisher angedeihen zu lassen? Eine ausführlichere Darstellung seines Lebens wäre dazu notwendig, mit der Erschliessung der Quellen. Hier existiert sicherlich noch einiges, auch wenn der Nachlass, zumindest der wissenschaftliche, wohl zum grössten Teil beim Brand der badischen Landesbibliothek im September 1942 vernichtet wurde. Was sich noch in Familienbesitz oder anderswo befindet, weiss ich nicht. Korrespondenzen befinden sich gewisslich noch viele in anderen Nachlässen, man müsste einmal eine Bestandsaufnahme machen. Ich denke hier an Wagnerschriftsteller, wie Schemann, den schon erwähnten Leopold Ziegler, den Diederichsverlag und andere. Was existiert an der Universität Karlsruhe noch an Akten? Viel elementarer, und dennoch ein Desideratum, ist ein Nachweis aller Veröffentlichungen und womöglich auch von Vorträgen. Hier könnte man sich ein Verdienst erwerben, eine Sammlung von Sonderdrucken findet sich als Grundlage hierfür in der Landesbibliothek in Karlsruhe. Dann müsste eine Darstellung der Inhalte in Zusammenhang mit der Zeit und dem Werk von Drews erfolgen, und die Beziehungen hierzu müssten klargelegt werden. Vielleicht nimmt sich ja jemand aus dem Auditorium dessen an., auch kleinere Arbeitsschritte sind sinnvoll. Diese Anregung möchte ich hier einfach zum Abschluss machen.

 Meine Damen und Herren, ich bin am Schluss meiner Ausführungen angelangt und bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit.