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Wer ist der heilige Paulus?

Hat der Ketzer Marcion die Paulusbriefe verfaßt? Ein eben erschienenes Buch von Hermann Detering bringt überraschende Ergebnisse. Eine Rezension des Salzburger Neutestamentlers 
UNIV-PROF. DR. WOLFGANG BEILNER.

 


In der gegenwärtig üblichen Aufdeckungsmanier hat der Berliner Pfarrer Hermann Detering kürzlich ein Buch über Paulus und über den „tatsächlichen“ Verfasser der Paulusbriefe veröffentlicht. Der Kern seiner Untersuchung: der historische Paulus sei mit dem in der Apostelgeschichte (Kapitel 8) erwähnten Simon Magus (nach den einschlägigen Kirchenväter-Angaben der Urheber der christlichen Gnosis) identisch. Die zehn Paulusbriefe (mit Ausnahme der „Pastoralbriefe“) stammten in Wirklichkeit von Marcion oder vielleicht von dessen Schüler Apelles (Marcion lege sich nahe wegen der 144 n. Chr. erfolgten Exkommunikation aus der römischen Gemeinde; darauf solle Gal 4,17 Bezug nehmen). Soweit es um die „Unechtheit“ aller Paulusbriefe geht, referiert der Autor über die „radikalen Holländer“ des 19. Jahrhunderts, deren Meinung längst in der Wissenschaft nur noch historischen Erwähnungswert hat. Detering räumt seinem Buch „skizzenhaften Charakter“ ein, hält seine Argumentation für „etwas verkürzt“ und spricht von einer Arbeitshypothese. „Allerdings bin ich mir im klaren darüber, daß der zwingende Beweis, der absolut jeden Zweifel zu zerstreuen vermag, noch nicht erbracht ist. Aber wo gibt es denn überhaupt auf dem Felde der Erforschung der christlichen Frühgeschichte solche zwingenden Beweise?“ Die buntgemischten Argumente sind etwa die fehlenden außerchristlichen Pauluszeugnisse, die fehlende Erwähnung von Paulusbriefen in der Apostelgeschichte und in der Johannesapokalypse, die Erwähnung (und die Art dieser Erwähnung) der Paulusbriefe erst bei Justin, die „Unverläßlichkeit“ der Apostelgeschichte, Elemente, die sich (analog zu den Paulusbriefen) als Hagiographie auch in den sieben in der Forschung unumstrittenen Paulusbriefe finden.

Das Buch ist sichtlich von der neueren Aufdeckungsliteratur bezüglich Jesus inspiriert. Darum kann es auch nicht Wunder nehmen, daß in ein paar Schlenkerern auch die Existenz Jesu in Frage gezogen wird, unsere Einsicht bezüglich Jesus als „fromme Phantasie“ bezeichnet wird, all das in den Spuren von Bruno Bauer. Tatsächlich sei das Christentum ein „Abfallprodukt der Gnosis“, aber eben mit der weitaus erfolgreichsten Wirkungsgeschichte. Detering will die Einschätzung, daß sowohl die jüdische als auch die christliche Religion typische Geschichtsreligionen sind, möglichst erschüttern. Die Unsicherheiten geschichtlicher Rückfrage könnten keine Glaubensgewißheiten herbeiführen. Es gehe um „Geist“ statt Geschichte, die Kirche müsse „ihre Autorität auf geistliche Vollmacht statt auf Geschichte ... gründen“. Die These von der Unechtheit aller Paulusbriefe steht und fällt schon mit der Erwähnung dieser Briefe im ersten Clemensbrief (vermutlich um 96 n. Chr.) und den Briefen des Märtyrerbischofs Ignatius von Antiochien (Beginn des zweiten Jahrbunderts). Die von Detering erwähnte und mit mangelhaften Argumenten wiederaufgewärmte Behauptung, diese Schreiben seien erst spätere Fälschungen, können nach wie vor als längst widerlegte Vermutungen betrachtet werden. In diesem Zusammenhang ist auch die Möglichkeit zu erwähnen, daß unter den von O‘Callaghan rekonstruierten Papyrusfetzen aus Qumran auch Texte der Pastoralbriefe sein können. Die vom Autor behaupteten Widersprüchlichkeiten in den Paulusbriefen lassen sich sehr wohl aus der jüdischen Denkstruktur des Paulus erklären. Gerade die Unterschiede zwischen den heute allgemein Paulus zugeschriebenen sieben Briefen und den anderen im Neuen Testament unter seinem Namen begegnenden Briefen werden von Detering in seinen Theorien keineswegs mehr beachtet. Manipulativ erscheinen die Auslassung von 1Kor 7,19 /9,14 bezüglich des Verhältnisses Paulus - Jesus) bzw. Apg 14,4.14 (bezüglich der Apostelbezeichnung des Paulus in der Apostelgeschichte). Von einer „Fülle“ von Formeln in den Paulusbriefen kann keine Rede sein. Groteske Fehlübersetzungen (ektroma etwa im Sinn von „Nest-Küchlein“, atomos als „Winzling“) erinnern an Faschingsscherze. Besänftigende Aussagen wie: Ziel seines Buches sei, dazu beizutragen, daß die Annahme von der Echtheit der sieben unumstrittenen paulinischen Briefe ein „durchreflektiertes Ergebnis“ darstellen möge oder das Lob der katholischen Marcion-Redaktion möge vielleicht auf das Konto des Verlages (von Patmos war man freilich bisher andere Veröffentlichungen gewohnt!) gehen. Eine besondere Köstlichkeit ist die Gleichsetzung von Maria Magdalena mit der Thekla der Paulus- und Thekla-Akten sowie mit der Helena des Simon Magus. Der Rezensent hat dieses Buch (in Druckfahnen) als Parodie auf Auswüchse historisch-kritischer Arbeit (auch mit gelegentlichem Schmunzeln) gelesen. Seriöser Erkenntniszuwachs an wissenschaftlich Verantwortetem wird interessierten Lesern nicht geboten. Ginge es Detering tatsächlich um die Förderung der wissenschaftlichen Diskussion, so hätte er diese mit seriösen Mitteln suchen sollen. Die gewählte Form und die offengelegten Ziele sprechen für die wahren Absichten des Autors.