Pfr. Carl Beleites,
Nordhausen
, Mai 03
Sehr geehrter Herr Detering,
auf Empfehlung von Freunden, die von
Ihrem Buch beeindruckt sind, habe ich mir dieses über Fernleihe zukommen
lassen. Leider musste ich es wegen verkürzter Leihfrist recht schnell lesen.
Gestatten Sie mir einige Bemerkungen zu dem Buch, das mich nicht überzeugen
kann. Es ist immer die Frage, mit welcher Brille lese ich eine Schrift. Sie
erwähnten das Problem Korpuskel oder Welle beim Licht. Die Fragestellung
bestimmt das Ergebnis. Sie kommen offensichtlich von den niederländischen
Radikaltheologen her, die Sie für unsere Zeit aufzuarbeiten versuchen. Dafür
sei Ihnen gedankt. Aber die von Ihnen angeführten Argumente können mich
nicht überzeugen. Dass das Korpus Paulinum überarbeitet und auch erweitert
wurde, darüber besteht kein Zweifel. Doch Ihrer Argumentation für eine
Verfasserschaft der Briefe durch Marcion oder
einige Marcioniten kann ich nicht folgen. Pseudepigrafien sind oft
recht flach und voller Wundergeschichten. Man merkt die Absicht. Es musste von
Ihnen aufgezeigt werden, welche Gedanken den späteren Verfasser bewegt haben
könnten, Briefe mit solchem Tiefgang zu schreiben. Paulus muss damals schon
eine bedeutende anerkannte Persönlichkeit gewesen sein. Wie hätte man sonst
Briefe in seinem Namen schreiben können?
- Wer die Briefe geschrieben hat, ist
letztlich belanglos. Es kommt auf den Inhalt und unser Verstehen an. Für die
Auslegung, das Verstehen ist es jedoch nützlich zu wissen, aus welcher
Situation schreibt der Verfasser der Briefe, und in welcher Situation lebten
nach Vorstellung des Schreibers die Empfänger des Briefes. Zu welchen
Problemen nimmt er Stellung. Vielleicht hat Marcion den Paulus wieder entdeckt
und ihn in vielen Stücken sogar verstanden. Es wäre kein Wunder, denn im 16.
Jahrhundert begann im Sinne der römisch-katholischen Kirche wieder eine
Ketzerei, die von Paulus ausging
Nun zu einzelnen Ihrer Argumente:
Dass Paulus nur die LXX zitiert ist
m.E. kein Beweis dafür, dass er nur geringe Hebräischkenntnisse hatte. Seine
Briefe sind an Christen in der jüdischen (heidenchristlichen) Diaspora
gerichtet. Dort wurde die LXX gelesen Er war auch kein Exeget des 20
Jahrhunderts, der den „Urtext" ganz genau zitieren wollte. Auch heute
zitieren Theologen, die gut Hebräisch und Griechisch können, meistens die
Bibel nach der Übersetzung, die ihnen geläufig ist, obwohl bekannt ist, jede
Übersetzung verändert das Original.
S. 17 Jerusalem wird bei Paulus jedoch
erwähnt: Rö 15,19. 25.26.31; 1. Kor. 16,3; Gal. 4,25. 26.
S. 46 Das Argument, dass Paulus keine
Briefe schreiben musste, wenn er sowieso bald in die Gemeinde käme, überzeugt
nicht. Warum sollte Paulus nicht einem Boten schon mitgegeben haben, was seine
Meinung war? Und dass er sich in Rom anmeldete, ist nur zu natürlich. Wer in
eine fremde Gemeinde, von der er etwas will, reist, sollte sich doch schon
anmelden und vorstellen. Rom sollte doch die Basis für künftige
Missionsreisen in den Westen werden. Als ich bereit war, in Rumänien der
Evangl. Kirche C.A. für einige Zeit auszuhelfen, habe ich vorher dem dortigen
Bischof auch ein Referat geschickt, aus dem er ersehen konnte, wie ich
theologisch denke. Er sollte doch wissen, mit wem sie sich da einließen.
S. 47 schreiben Sie, dass Paulus sich
an folgenden Stellen nicht gerade durch große Bescheidenheit auszeichnen würde:
Gal. 1,16; IKor. 11,1; 3,10; 4, 11 -13 16;
9,19-27; Phil. 3,17; 1 Thess. 1,6. So könnten das nur Aussagen über ihn
sein. Ich meine, auch einzurückhaltender und bescheidener Mensch muss
manchmal für sich kämpfen, sich in das Licht stellen. Er lebte das, was er
glaubte und predigte. Da konnte er schon mal auf sich hinweisen. Und Paulus,
wie er uns überliefert ist, war sich wohl seiner Bedeutung bewusst Dieses
gilt auch von den Stellen, die Sie
auf Seite 159 nennen.
S 48 Phil 1,7 13 14 stelle sich Paulus
als Gefangener dar und 2,25 4,10
als freier Mann, das sei ein innerer Widerspruch Phil 2,25 und 4,10 halte ich
nicht für Belege, dass Paulus ein freier Mann war, denn Lukas berichtet, dass
der gefangene Paulus m Rom Besucher empfangen konnte. Diesen konnte er doch
auch Anweisungen geben Wenn Paulus aus einer Gefangenschaft berichtete, dann
war das doch stets eine Untersuchungshaft, die wohl auch locker gehandhabt
werden konnte
.
Zum II Kor Warum sollte ein Redaktor
sich zu erkennen geben? Die Widersprüche der einzelnen Teile des Briefes könnten
ja gerade als Zeugnis der Echtheit der einzelnen Abschnitte bewertet werden,
denn welcher Pseudepigraf sollte von vornherein ein Produkt aus Bruchstücken
abliefern? Der Redaktor hat die wichtigsten Passagen kleinerer Briefe zu einem
großen zusammenkomponiert, ohne bei den einzelnen Stucken viel zu verändern,
weil er Hochachtung vor den Originalen hatte. Da es ein echter Paulusbrief
sein sollte, konnte er sich nicht zu erkennen geben Damals dachte man anders
als heute.
Der Christushymnus Phil 2 weise
„starke Anklänge an die erst im 2 Jahrhundert nachzuweisende und erst beim
Gnostiker Valentin voll ausgebildete Vorstellung von der Niederkunft der
himmlischen Sophia" auf.
Der Hymnus kann nach meiner Meinung auch ein späterer Einschub sein.
Wenn man ihn auslässt, gibt es keinen Bruch. Diesen Hymnus halte ich auch
nicht für echt paulinisch. Über die Herkunft dieses Liedes können die
Exegeten nicht Genaues sagen. Auch die Verfluchung des irdischen Jesus 1
Kor 12,3 lasse sich erst im 2 Jahrhundert m der entwickelten Gnosis
nachweisen. Diese Stelle ist textkritisch sehr schwierig Da kann eine Störung
vorliegen. 1
Kor 12,3 könnte ein späterer Einschub sein
.
In den Paulusbriefen finde ich keine
Hinweise auf die Zweigötterlehre eines Marcion Sein Christus war wirklicher
Mensch und hat wirklich gelitten. Das Gegensatzpaar Geist und Buchstabe steht
doch hinter dem eigenen Erleben des Apostels, der zunächst eine radikale Frömmigkeit
des Buchstabens lebte. Denn mit dem „Damaskuserlebnis" erkannte er,
dass es allein auf den Geist ankommt. Das muss eine große innere Revolution
gewesen sein, die eines langen Nachdenkens bedurfte. Musste er doch das
Fundament seines bisherigen Glaubens und Lebens aufgeben, ohne ein neues
Fundament zu finden, das außerhalb seiner Person lag.
S 71 Warum geht Paulus nach seiner
Bekehrung nicht nach Jerusalem, um dort von den Aposteln zu lernen? Buße
bedeutet zu allererst Stille. Bei einer so radikalen Wendung muss man sich
erst sammeln und stille werden. Nach Markus (und den anderen Synoptikern) ging
Jesus nach seiner Berufung auch für eine gewisse Zeit in die Wüste. Wenn eine Raupe sich zum Schmetterling wandeln soll, muss
sie erst das harte Stadium der Puppe durchmachen. Da darf sie nicht gestört
werden. Wir haben m der DDR 1989/90 „Wendehalse" erlebt, die nach ihren
eigenen Aussagen von einem Tag zum anderen ganz andere geworden seien. Sie
bewiesen damit, daß sie noch die alten waren. Nur ihr Vokabular hatte sich geändert.
Auch nach 1945 gab es Menschen, die von einem Tag zum anderen ihre Farbe von
Braun zu Rot wechselten. Das waren die unangenehmsten Typen. So einer wollte
Paulus nicht sein. Echte Buße muss reifen. Es ist dieses eine ganz harte
Arbeit, die viel Zeit und Ruhe braucht.
Warum verbietet der Jude Paulus den Männern
in der Versammlung die Kopfbedeckung? Weil es im römischen Reich so Sitte
war, und die Bedeckung des Kopfes im Judentum erst später aufkam (Christian
Wolff m „Der 1 Konntherbrief 2 Teil" S 71 Anm 34 „Es entsprach
romischer Sitte, dass der freie Mann sich im öffentlichen Leben unverhullt
zeigte")
S 72
1 Kor 9,20 (nicht 9,11)
Warum musste der Jude Paulus den Juden ein Jude werden? Das bedeutete doch er
begegnete den anderen in deren Denkweise, den Juden in judischer Denkweise,
die er schon abgelegt hatte ( Es ist allerdings merkwürdig, dass nur die
Juden erwähnt werden ). Wer einen anderen gewinnen will, muss sich zuerst m
dessen Lebens- und Denkweise versetzen. Er muss sich dessen Sprache bedienen.
Marcion lebte von 85 bis ca 160 144
wurde er aus der römischen Kirche ausgeschlossen. Wenn Marcion eine Fassung
gereinigter Paulusbriefe herausgab, muss es diese schon gegeben haben. 1750
starb J S Bach und erst 1829 also fast 80 Jahre nach seinem Tode, wurde seine
Matthäuspassion erstmals wieder aufgeführt. Bis dahin war diese Musik
vergessen. Zu dem Argument, warum gab es erst so spät Spuren von Paulus? Die
Christen waren anfangs eine sehr kleine und scheinbar unbedeutende Gruppe, die
sich selber im Ruckblick natürlich ganz anders sah
.
S 77 Die Aussagen der spateren
Apostelgeschichte sollte man doch nicht gegen die Paulusbriefe anwenden. Zumal
vorher festgestellt wurde, dass die Apostelgeschichte ein späteres Produkt
war, die unter anderen Gesichtspunkten geschrieben wurde
.
S 88 Anklänge an Paulus bei Justin.
Wenn Paulus die Briefe geschrieben hat, dann können seine Gedanken in den
Gemeinden weitergegeben worden sein, ohne ihn ausdrücklich zu zitieren. Sie
waren in Gemeinden lebendig. Außerdem liegen manche Gedankengange m der Luft,
sodass sie unabhängig von einander an verschiedenen Orten gedacht werden.
Da Paulus zu seinerzeit auch schon
„Ketzer" war, ist es nicht verwunderlich, dass Marcion ihm ähnlich war.
Jedoch die Aufspaltung Gottes in den Demiurgen und den guten Gott empfinde ich
als Irrlehre, die ich bei Paulus nicht finde. Die paulinische Theologie passte
in ihrer Konsequenz weder in den Frühkathohzismus noch in andere verfestigte
Kirchen.
S 133 Müssen sich Praexistenztheologie
und Adoptionstheologie einander ausschließen? Erst die Auferweckung hat den
Jesus, der von Gott berufen war bestätigt. Die Gemeinden mußten sich an den
Christus erst herantasten. Da konnten die Aussagen nicht logisch eindeutig
sein, so dass es keine Widersprüche gab. Man benutzte wohl auch überlieferte
Redeweisen vom erhofften Messias. Nach den paulinischen Briefen beginnt das
Evangelium erst mit Kreuz und Auferweckung. Dagegen hat, so vermute ich,
zuerst Markus mit seinem Evangelium opponiert. Bei ihm beginnt das Evangelium
mit der Taufe Jesu. Das bedeutet, vor Kreuz und Auferstehung gab es auch schon
Evangelium. Matthaus lässt den Stammbaum mit Abraham beginnen, Lukas fuhrt
ihn bis auf Adam, der von Gott ist, zurück, und Johannes legt den Beginn auf
den Anfang der Schöpfung. Das Evangelium von der Liebe gilt in der ganzen Schöpfung.
Die Praexistenztheologie ist doch wohl ein Produkt späterer Zeiten.
S 148 Zu Gal 5,11 Paulus kämpft hier gegen die „Gesetzlichen". Wenn er
noch die Beschneidung predigen wurde, dann würde er nicht verfolgt. Seibe
Predigt war konsequenter als die Predigt der Judenchristen. Da musste es zu
Differenzen kommen. Vielleicht stehen hinter diesem kurzen Satz Verleumdungen
bzw Falschaussagen zu dem Wirken das Apostels. Ihm wurde eine falsche Predigt
in den Mund gelegt.
Die nicht gelöste Fragen sind, wer hat
mit welcher Absicht die Briefe geschrieben. Was wollte der Verfasser, und was
wollten die Redaktoren ihren Gemeinden sagen? Und da gab es auch noch die
Abschreiber, die manches nach ihrer Meinung verständlicher zu machen suchten,
aber in Wahrheit nur verschlimmbesserten. Der Entstehungsprozess ist sehr
schwierig. Vielleicht sollten wir nur fragen, was können wir heute für uns
verstehen? Die Schriften sind kein Gesetz. Sie können uns aber helfen, das
Evangelium in unserer Zeit zu verstehen und zu leben. Die Schriften der Bibel
spiegeln Glaubenszeugnisse früherer Zeiten wider, an die wir nicht gebunden
sind, zumal sie sehr unterschiedlich gedeutet werden können
.
S 153 Gal 4,17 Der Schreiber des
Briefes kann auch daran gedacht haben, dass die Judaisten die christlichen
Galater von Evangelium, wie Paulus es verstand, ausschließen, trennen wollten,
damit sie selbst umworben und anerkannt wurden. Es gab wohl schon m der frühen
Zeit erhebliche Spannungen zwischen Judenchristen und Heidenchristen Die
Lesart „uns" muss sehr selten sein, denn im Nestel-Aland26
ist sie nicht vermerkt.
S 156 Hinter dem Leiden des
Jungen Werther steht doch persönliches Erleben des jungen Goethe
.
S. 164 Gal. „4,14 Und ihr habt
die Versuchung, die für euch in meinem Fleische lag, nicht mit Verachtung
noch mit Abscheu erwidert, sondern wie einen Engel Gottes hab ihr mich
aufgenommen, wie Christus Jesus."
Hier schildert Paulus, wie er die
Aufnahme in Galatien empfunden hatte. Daraus wurde dann wohl später die
Formulierung, dass er wie ein Engel ausgesehen habe. Sie bleiben den Beleg
schudig, warum Paulus so nicht hatte schreiben können. Wir sollten Ursache
und Wirkung nicht verwechseln.
S. 165 Tierkampf in Ephesus.
1. Kor „15,32 Wenn ich [nur] nach Menschenweise in Ephesus mit wilden
Tieren gekämpft habe, was hilft es mir?" Wie man es auch deuten kann,
der Schreiber des Briefes erinnert an den äußersten Einsatz des Apostels für
das Evangelium. Ohne die Hoffnung, dass die Arbeit im Vertrauen zum Evangelium
nicht vergeblich ist in dem Herrn, wäre solcher Einsatz sinnlos. Abgesehen
von der Schwierigkeit der Auslegung, ob es nur eine bildliche Beschreibung der
Bedrängnisse war, ist es doch deutlich, diese Erwähnung wurde später in den
Paulusakten aufgenommen und legendär erweitert. Man kann nicht von den
Paulusakten die Paulusbriefe deuten, denn die PA, die aus der Zeit nach
Marcion stammen, nutzten Aussagen der Briefe zu ihren Legendenbildungen.
S. 210f Die Evangelien sind keine
Pseudepigrafien. Sie wurden nicht zum Zweck der Täuschung geschrieben. Die
Zuordnung zu den Verfassern bekamen sie erst später. Die Evangelien sind
Glaubenszeugnisse narrativer Theologie ihrer Zeit. Sie wollen nicht Historie
schildern. Sie sind auch nicht als Glaubensgrundlagen für eine Großkirche
verfasst worden.
S. 214 Bei der Wiedergabe des Märchens von „Hans im Glück", haben Sie
das Schwein vergessen. Ich halte dieses Märchen für ein wahrhaft
christliches, denn Hans findet dann glücklich nach Hause zu seiner Mutter,
als er allen Besitz, allen Reichtum, alle Lebensfundamente verloren hatte.
Dieses Märchen spricht gegen jede Habgier, gegen den Kapitalismus. Ziel des
Evangeliums ist die Freiheit, Ziel des Kapitalisten ist der Besitz des Goldes.
Ich meine, wir können auch ohne in
meinen Augen gewagte Konstruktionen zu einem ähnlichen Ergebnis kommen.
Mit freundlichen Grüßen
Ihr
Carl
Beleites
Hermann
Detering, Berlin, Mai 03
Sehr geehrter Herr Beleites,
seien Sie zunächst herzlich für die
freundliche und sachlich-besonnene Kritik an meinem Buch: „Der gefälschte
Paulus“ bedankt. Viele Theologen haben sich bei der Kritik meines Buches
diese Mühe nicht gemacht und auf die dort vertretenen Thesen in der
Vergangenheit oft nur mit billigen polemischen oder persönlichen Bemerkungen
beantwortet.
Ihr Schreiben zeigt, daß es auch
anders geht, und darüber freue ich mich. Ihre Anfrage gibt mir überdies
Gelegenheit, einige Punkte, die in meiner Argumentation, allzu kurz gekommen
sind und zu Mißverständnissen Anlaß gegeben haben, etwas ausführlicher
darzustellen.
So möchte ich Ihren Brief der Reihe nach beantworten:
Zunächst schreiben Sie, daß Sie
meiner „Argumentation für eine Verfasserschaft der Briefe durch Marcion
oder einige Marcioniten“ nicht folgen können.
Doch Sie setzen sich nicht mit den
einzelnen Argumenten auseinander, die ich in diesem Zusammenhang für eine
marcionitische Herkunft der Briefe angeführt habe.
Um nur den wesentlichen Punkt zu
nennen: der Vergleich zwischen marcionitischer
und katholischer Rezension, aus dem hervorgeht, daß die marcionitische
Version älter ist als die katholische. Ich habe bisher noch keinen
Neutestamentler kennengelernt,
der die Argumente, die dafür von
mir angeführt wurden (siehe die
entsprechenden Analysen am Galaterbrief und Römerbrief auf meiner Website
www.radikalkritik.de), überzeugend widerlegt hätte.
Nun räume ich gerne ein, daß aus der
These „Marcion war der erste!“ noch keine Schlüsse in bezug auf
marcionitische Verfasserschaft gezogen werden können. Marcion und die
Marcioniten können selbstverständlich die älteste und ursprüngliche Form
der Paulusbriefe bewahrt haben – ohne deren Verfasser zu sein.
In der Tat wäre ich schon zufrieden, wenn diese Auffassung allgemeine
Anerkennung finden würde.
Aber abgesehen, daß in einem solchen
Fall der „Paulus“ dieser Briefe ein ganz anderer, eben „gnostischerer“
wäre, als die meisten Theologen ihn uns präsentieren, treten nach meiner
Ansicht zu den unbestreitbaren Tatsachen, daß Marcion 1. der erste war, der
einen paulinischen Kanon besaß und daß
2. sein Text der Paulusbriefe offenkundig der älteste ist, eben
eine Reihe anderer Beobachtungen hinzu, die in der Tat eine marcionitische
Herkunft nahelegen, wie beispielsweise: der kaum retuschierte Doketismus des
„Paulus“, d.h. eine
offensichtlich doketische Christologie (z.B. im Christushymnus des Phil) , die
marcionitische, durch katholische Redaktion übermalte 2-Götterlehre, und all
die anderen Dinge die ich in meinem Buch erwähne
(wie z.B. auch die Totentaufe). Diese Dinge werden oft, auch von Ihnen,
als spätere Hinzufügungen aus dem 2. Jahrhundert interpretiert. Warum so
umständlich, wenn es auch einfach geht? Zusammen mit Beobachtung 1 und 2 ist
alles viel klarerer: die Briefe sind pseudepigraphische Produkte aus
marcionitischer Schule. Sie wurden im 2. Jahrhundert verfaßt, um im Namen des
legendären Gemeindpatrons Paulus marcionitische Positionen gegenüber anderen
theologischen Richtungen zu behaupten.
Zu Recht erwarten Sie von mir den
Nachweis, aus welcher Situation der Verfasser der Briefe schreibt, zu welchen
Problemen er Stellung bezieht etc. Ich meine aber, daß ich dies in den
Kapiteln „Wofür man
die Paulusbriefe im 2. Jahrhundert gebrauchte“ und „Gegner des Paulus“
ausführlich getan und dort gezeigt habe, daß die Briefe durchaus vor dem
Hintergrund der theologischen Auseinandersetzungen des 2. Jahrhunderts
verstanden werden können, ja, daß sie dort viel besser verständlich sind
als innerhalb der geistes- und theologiegeschichtlichen Situation des
ersten. Dazu auch meinen Aufsatz über die Gegner der Paulus im Galaterbrief
auf meiner Website.
Die Aussage, daß pseudepigraphische
Werke generell „flach und voller Wundergeschichten“ seien, halte ich für
anfechtbar. Schön wäre es ja,
wenn Pseudepigraphie immer diese Kennzeichen aufwiese, dann könnte man sie
ohne große Mühe und wissenschaftliche Untersuchung leicht erkennen.
Richtig ist daß den pseudepigraphische
Werken häufig eine bestimmte Unschärfe und Unbestimmtheit zueigen ist,
offenbar wegen der Furcht des pseudepigraphischen Verfassers, sich zu
verraten. Aber warum sollten nicht auch Verfasser pseudepigraphischer Werke
geistreiche und gehaltvolle Schriften verfassen können? Fast alle Schriften
aus Nag Hammadi sind pseudepigraphisch. Sie sind zum Teil gehaltvoller und
intellektuell anspruchvoller als einige unserer neutestamentlichen Texte.
Paulus zitiert ausschließlich die
Septuaginta:
Sie haben recht, einen „Beweis“ dafür, daß
Paulus keinerlei Hebräischkenntnisse besaß, kann man darin nicht sehen. Aber
ein Indiz – neben anderen Indizien im (Sinne einer „kumulativen
Evidenz“), aus denen ebenfalls hervorgeht, daß der Verfasser der
Paulusbriefe offenbar kein geborener Jude war (siehe z.B. die Diskussion um 1
Kor 11:4 unten).
Ein bemerkenswertes Indiz zudem, da
Paulus nach Angabe der Apostelgeschichte (5:34) Schüler des Gamaliel, nach
eigener Angabe „nach dem Gesetz ein Pharisäer“ (Phil 3:5) war
und
im
Judentum viele seiner Altersgenossen in seinem Volk weit übertraf „und
eiferte über die Maßen für die Satzungen der Väter“ (Gal 1:14). Hat
dieser Jude Paulus denn alles vergessen, was er einstmals gelernt hat?
Seine rabbinische Schulung müßte doch irgendwo ihre Spuren hinterlassen
haben. Gewiß, auch Philo und Josephus zitieren das AT durchweg in der LXX
–Version. Aber sie sind mit der
hebräischen Sprache und der jüdischen Tradition vollkommen vertraut, wie an
vielen Stellen deutlich wird. Nennen Sie mir im Gegensatz dazu eine einzige
Stelle in den paulinischen Briefen, an der nähere Kenntnis des Verfasser mit
dem Hebräischen nachgewiesen werden kann. Sein Griechisch ist, wie Eduard
Norden feststellte, ausgezeichnet, fast zu gut für einen geborenen Juden.
Vergleichen Sie es nur mit dem Griechisch des Verfassers der Offenbarung.
Jerusalem wird bei Paulus nicht erwähnt:
Hier
können wir es kurz machen. Sie haben recht! Auch wenn die von Ihnen aufgeführten
Stellen nach meiner Auffassung spätere katholische Interpolationen sind, auch
wenn Paulus erstaunlicherweise nicht das Geringste
von den in Jerusalem stattfindenden Vorgängen um die Passion
Jesu weiß (woran ich in diesem Zusammenhang natürlich dachte), hätte ich
Jerusalem in diesem Zusammenhang unerwähnt lassen müssen. Ich habe den ärgerlichen
Fehler in der demnächst erscheinenden englischen Ausgabe des Buches bereits
korrigiert.
Paulus schreibt den Römern einen Brief
unmittelbar vor seinem Eintreffen:
Eine kurze
Anmeldung oder ein Schreiben vom Umfang des Römerbriefs, der zu den längsten
Briefen der antiken Literatur gehört, sind zwei verschiedene paar Schuhe.
„Natürlich“ ist ein solches Schreiben
- kurz vor dem Eintreffen des Apostels selber – nicht. Und das bestätigt
ja auch die Mehrzahl der neutestamentlichen Exegeten, die das Problem, das
hierin liegt, als solches
erkennen und anerkennen und dafür eine Vielzahl von Lösungen vorgeschlagen
haben.
Überdies: mußte sich Paulus überhaupt
noch vorstellen (so wie Sie sich in der rumänischen Gemeinde, wo man Sie
nicht kannte, vorgestellt haben)? Wenn die Grußliste authentisch sein sollte
(was sie natürlich nicht ist) , müßte er ja fast die gesamte römische
Gemeinde namentlich gekannt haben. An vielen Stellen des Briefes wird überdies
deutlich, daß die Gemeinde längst mit der paulinischen Glaubenswelt und den
paulinischen Formeln und Bekenntnissen vertraut und in ihnen unterrichtet
worden war. Was Paulus ihr schreibt, ist nur zur „Erinnerung“ an das schon
Bekannte (15:15). Nach alledem ist es kaum wahrscheinlich anzunehmen, die römischen
Gemeindeglieder hätten – wie in Ihrem Falle – nicht gewußt, „mit wem
sie sich einließen“.
Das Selbstbewußtsein des Apostels.
Daß
auch „ein bescheidener Mensch ... manchmal für sich kämpfen muß“, wie
Sie schreiben, mag wohl richtig sein. Doch geht es m.E. bei den zitierten
Stellen nicht darum, daß sich einer selbstbewußt ins rechte Licht rücken
will, sondern seiner Person geradezu, wie der Theologe Brox im Hinblick auf
die Pastoralbriefe gesagt hat, eine „Schlüsselstellung im Heilsprozeß“
zuschreibt. Das ist etwas anderes als ein gesundes Selbstbewußtsein.
Merkwürdig nur, daß die Exegeten eben
diese paulinische Selbststilisierung in den Pastoralbriefen erkennen und
richtigerweise für ein Zeichen des pseudepigraphischen Charakters der Briefe
halten, in den als echt betrachteten Briefen jedoch über ähnliche Aussagen
des Apostels schweigend hinweggehen. Können Sie mir sagen, worin der
Unterschied zwischen 1 Tim 1,16
Aber darum ist mir
Barmherzigkeit widerfahren, daß Christus Jesus an mir als erstem alle Geduld
erweise, zum Vorbild denen, die an ihn glauben sollten zum ewigen Leben.
- ein Vers, von dem N. Brox sagt:
„Solche Verabsolutierung der eigenen Person … ist aber unpaulinisch“ –
und Stellen wie Phil 3,17:
Ahmet
miteinander, ihr Brüder, mein Beispiel nach und habet acht auf die, welche so
wandeln, wie ihr uns zum Vorbild habt!“ -
vgl.
Gal 1:15 „Als es aber Gott
wohlgefiel, der mich von meiner Mutter Leib an ausgesondert und durch seine
Gnade berufen hat...“)
usw. besteht? Ich vermag keinen zu
entdecken . Ich erkenne nur die Voreingenommenheit von Exegeten, die mit
zweierlei Maß messen.
Die Gefangenschaft des Paulus.
Gefangenschaft
(Phil 1;7;1:14;1:17) und Fesseln (Phil 1:13) passen nach meiner Auffassung in
der Tat nicht zu Phil 2:25 (und 4:10). Aber ich will auf diesem Punkt nicht
insistieren, lassen wir es bei der „lockeren Untersuchungshaft“. Obschon,
mir erscheint das, was Lukas über
die Art der Gefangenschaft des Paulus Apg 16 sagt (Paulus in Privatwohnung,
mit drei bewachenden Soldaten), nicht sehr realistisch.
Eher handelt es sich doch wohl eher um eine tendenziöse Fiktion des
Lukas. An dieser Stelle müßten wir näher in das Römische Strafrecht
eindringen.
Christushymnus, spätere Stücke in den
Briefen:
siehe
oben meine Einleitung.
Sie schreiben, daß der Christus des
Paulus ein wirklicher Mensch gewesen sei. Aber Paulus interessiert sich
gar nicht für den „wirklichen Menschen“, d.h. „den Christus nach dem
Fleisch“ (2 Kor 5,16) . Er weiß über diesem „Menschen“ nicht mehr, als
daß er „geboren“ (wenn man Gal 4:4 nicht überhaupt als Einschub
betrachten will, wie ich es tue) und gekreuzigt wurde, nicht in Jerusalem
unter Pontius Pilatus, sondern irgendwo (vermutlich in der mythischen Sphäre)
unter den Augen der „Herrscher der Welt“ (1 Kor 2,8) , d.h. böser
spiritueller Mächte. Von einem
wirklichen Menschen Christus finde ich bei Paulus nichts. Earl Doherty hat in
seinem eben in deutscher Übersetzung erschienenen Buch: Das Jesus-Puzzle,
eindrücklich gerade auf diesen Tatbestand hingewiesen.
Buße:
Daß
Paulus in dieser Zeit Buße getan haben soll, ist Ihre Interpretation. Das ist
eine sehr einfühlsame Psychologisierung des paulinischen Verhaltens, die aber
aus den Texten nicht zu belegen ist. Oder
können Sie mir einen Vers aus dem Corpus Paulinum nennen, der diese Hypothese
stützt? In jedem Fall hätte Paulus unmittelbar nach seiner Bekehrung drei
Jahre seines Lebens verstreichen lassen, in denen er Gelegenheit gehabt hätte,
Näheres über eben denjenigen zu erfahren, zu dessen Verkündigung er in der
Vision berufen worden war.
Die Kopfbedeckung des Mannes beim Gebet
(1 Kor 11:4)
: Hier geht es natürlich noch nicht um
die Bedeckung des Hauptes durch die – erst später aufgekommene
- Kippa, sondern mit dem Gebetsmantel
bzw. –schal (tallith). Für den aus dem babylonischen Judentum kommenden
und von dort übernommenen Brauch gibt es auch aus neutestamentlicher Zeit
einen Beleg: vgl. Strack.Billerbeck, III, S. 426:
Naqdemon (Nikodemus) b. Gorjon (gegen
70) ging in das Lehrhaus, verhüllte sich u. stand im Gebet.
Aus späterer Zeit noch mehr Belege
ebd.
Henri Daniel-Rops in seinem populär-wissenschaftlichen
Buch über „Die Umwelt Jesu“, S. 332, weiß: "Wenn der gläubige Jude
sein Gebet sprach, mußte er sich in den tallith hüllen, den 'Gebetsschal',
und die tephillin tragen."
Mit dem Brauch wollte man zum Ausdruck
bringen, daß man sich der Gegenwart der Gottheit bewußt sei. Siehe schon 1.
Kön.
19:13
bei der Gottesbegegnung des Elia:
Als das Elia hörte, verhüllte er sein Antlitz mit
seinem Mantel und ging hinaus und trat in den Eingang der Höhle. Und
siehe, da kam eine Stimme zu ihm und sprach: Was hast du hier zu tun, Elia?
Aber auch und gerade, wenn der Brauch,
das Haupt beim Gebet zu bedecken, in neutestamentlicher Zeit innerhalb des
Judentums noch nicht unumstritten gewesen sein sollte, hätte der Verfasser
des Briefes – wäre er wirklich Jude und Schüler des Gamaliel gewesen (Acta
5:34) – kaum ein solch apodiktisches Verbot ausgesprochen in bezug auf eine
Handlung, die vielen Glaubensgenossen als Demonstration der Frömmigkeit und
Ehrfurcht galt.
Christian Wolffs Kommentar in Ehren!
Aber seine Quellen würden mich interessieren. Häufig benutzen die
Neutestamentler nämlich 1 Kor 11:4 selber als Quelle für ihre Behauptung,
der Brauch der Bedeckung des Kopfes beim Gebet müsse erst später aufgekommen
sein, da Paulus sonst nicht so hätte reden können. Die Möglichkeit, das
Verbot der Kopfbedeckung könne
sich dadurch erklären, daß der Verfasser des Briefes gar kein Jude war, wird
von ihnen überhaupt nicht erwogen. Methodisch ist das sehr fragwürdig.
Den Juden ein Jude:
1
Kor 9,29 statt 9,11, Danke! Hier handelt es sich im übrigen nicht
um ein zentrales Argument, ich kann Ihre Erklärung gerne gelten lassen
– wenn Sie mir ebenfalls zubilligen, daß die Formulierung im Munde eines
geborenen Juden seltsam klingt.
Spätes Erscheinen der Briefe:
Richtig,
die erste Wiederaufführung der Matthäuspassion
durch Mendelssohn geschah am 11. März 1829 – 100 Jahre nach der ersten Aufführung.
Immerhin steht aber das Datum der ersten Aufführung völlig zweifelsfrei
fest. Über das erste
Erscheinungsdatum der paulinischen Briefe gibt es kaum dieselbe Einhelligkeit unter den
Wissenschaftlern. Da der 1. Clemensbrief und die Ignatianen als Zeugen gewiß
ausfallen müssen, ist Marcion der erste, bei dem sich die Existenz eines
Kanons paulinischer Briefe nachweisen läßt.
Apostelgeschichte contra Paulusbriefe:
Die
Auflistung von Widersprüchen zwischen der Apostelgeschichte und Briefen soll
nicht „gegen die Paulusbriefe“ angewendet werden, sondern zunächst nur
die theologische Tendenz der Apg verdeutlichen. Beide, Apg und Briefe,
vertreten unterschiedliche Paulusbilder, die polemisch einander gegenübergestellt werden.
Mein daran anschließender Gedanke ist
dann in der Tat: Wenn Apg und
Briefe solcherart in einem polemischen Gespräch miteinander befinden, werden
sie doch wohl auch zur selben Zeit entstanden sein.
Justin:
Hier machen
Sie es sich aber wirklich zu leicht! Darüber daß Justin Mitte des 2.
Jahrhunderts in seinem umfangreichen Werk mit keinem einzigen Wort auf den großen
Apostel und dessen Briefe zu sprechen kommt
- trotz mancher inhaltlich fast gleichlautender Textpassagen, sollte
man nicht leichthin hinweggehen. Hier liegt in jedem Fall ein Rätsel, d.h.
gleich zwei, die man unbefangen
auf sich wirken lassen sollte: 1. der um die Mitte des 2. Jahrhunderts in Rom
lebende Justin kennt den Apostel Paulus nicht
(aber er kennt Marcion!). 2. Justins Werk enthält aber paulinische
Formulierungen, zum Teil wortwörtliche (so daß ein gleichzeitiges
„In-der-Luft-Liegen“ von ähnlichen Gedankengängen ausgeschlossen werden
kann). Ich kenne keine plausiblere Lösung dieses Problems als die
„radikale“, also:
Justin nennt Paulus deswegen nicht,
weil dieser zu seiner Zeit noch als „Apostel der Häretiker“ gilt und
Justin noch um die häretisch marcionitische Herkunft dieser Briefe weiß. Die Übereinstimmungen erklären sich dadurch, daß Justin
den (in seinen Augen marcionitischen) Apostel nicht ausdrücklich nennen
wollte – oder aber daß die paulinischen Briefe später auf der Grundlage
von Justins Werk überarbeitet wurden.
Sie fragen, ob Praeexistenz und
Adoptionschristologie sich wirklich einander ausschließen müssen.
Ich meine, in der Person ein- und desselben Theologen: Ja! Mögen in den
Gemeinden auch unterschiedliche Vorstellungen bestanden haben,
in einer Person werden sie sich kaum vereinigt haben – wenn
wir nicht annehmen wollen, daß diese schizophren
gewesen sei.
Man kann nicht zugleich Anhänger
Bultmanns und – um ein willkürliches Beispiel zu nennen - der
biblizistischen Theologie eines Herrn Riesner sein.
Um einen hypothetischen Fall zu nennen: Wer als Bultmannianer Riesner
zitierte, würde dies kaum ohne den
gehörigen Abstand tun.
Die Praeexistenztheologie ist nach
Ihren eigenen Worten ein Produkt späterer Zeiten (ich nehme an, Sie denken an
das 2. Jahrhundert). Was hat sie dann in den Aussagen des Paulus zu suchen
(z.B. Röm 8,3; Gal 4,4)?
Gal 5:11 : Ich aber,
liebe Brüder, wenn ich die Beschneidung noch predige, warum leide ich dann
Verfolgung? Dann wäre das Ärgernis des Kreuzes aufgehoben.
Sie vermuten zu Recht, daß Paulus
diffamiert worden sein könnte. Ich sage nichts anderes. Im Gegensatz zu Ihnen
nenne ich nur eine Stelle, die in den Augen des Verfassers des Galaterbriefs
als eine solche Diffamierung aufgefaßt werden könnte: Apg 16,3, die
Beschneidung des Timotheus!
Die
nicht gelösten Fragen sind, wer hat mit welcher Absicht die Briefe
geschrieben:
Sie können gerne sagen, daß Sie mit meiner Lösung
nicht einverstanden sind und daß sie in Ihren Augen falsch ist
- aber nicht, daß ich Sie Ihnen schuldig geblieben wäre. Lesen Sie
nur 144ff:
Wofür
man die Paulusbriefe im 2. Jahrhundert gebrauchte.
Siehe
auch meinen Aufsatz über die Gegner des Paulus im Galaterbrief auf meiner
Website.
Die
Schriften der Bibel spiegeln Glaubenszeugnisse früherer Zeiten wider, an die
wir nicht gebunden sind, zumal sie sehr unterschiedlich gedeutet werden können.
Ich
mit Ihnen vollkommen einer Meinung.
Weiter
schreiben Sie:
Wer
die Briefe geschrieben hat, ist letztlich belanglos. Es kommt auf den Inhalt
und unser Verstehen an.
Das
ist eine Einstellung, die es uns möglich macht, die Frage der Echtheit der
Paulusbriefe vollkommen sine ira et studio zu erörtern!
Pauluslegende,
Engel, Tierkampf:
Schuldig bleibe ich die
Erklärung, warum Paulus so nicht habe schreiben können, nicht. Seite 81 frage ich, wie es denn kommen konnte, daß die
Galater
Paulus wie Christus Jesus aufnahmen, der
ihnen bis dahin noch gar nicht bekannt war und erst durch die Predigt
des Apostels bekannt gemacht werden sollte.
Ihre
Erklärung , die Paulusakten seien hier von den Briefen abhängig, ist die
allgemein verbreitete, aber ist sie darum die richtige? Was Ursache und
Wirkung betrifft, so verhält es sich mit historischen Dingen leider nicht wie
mit naturgesetzlichen, da es keinen allgemein anerkannten chronologischen
Kanon gibt, der uns definitiv sagen könnte, was „Erstens, zweitens,
drittens käm“– und was also Ursache und was Wirkung ist. Diese Dinge sind
auf historischem Gebiet alle komplizierter. Wenn auch die Paulusakten in ihrer
jetzigen Gestalt später entstanden sind als die Briefe, kann es durchaus mündliche
oder schriftliche Vorstufen gegeben haben, die älter waren und an die der
Verfasser der Briefe (aus dem 2. Jahrhundert) anknüpfen konnte. Die Grundzüge der Paulus-Legende, zu der u.a. die
Engelgesicht- und Tierkampftradition gehört haben könnten, kann ihm also
durchaus geläufig gewesen sein
Die
meisten Exegeten nehmen an, daß die Rede vom „Tierkampf“ selbstverständlich
sinnbildlich zu verstehen sei und daß also nur der Verfasser der Paulusakten
sie wörtlich verstanden also mißverstanden habe, indem er daraus seine
Legende formte. Ich lasse das auf sich beruhen. Mir fällt es - auch aus dem
Zusammenhang des Textes heraus - leichter, die Worte des Paulus als eine
knappe Anspielung auf eine im Umlauf befindliche Pauluslegende zu verstehen,
statt anzunehmen, der kurze Vers
sei in der Phantasie eines Späteren zu einer seitenfüllenden
Abenteuergeschichte aufgebläht worden. Erinnern möchte ich auch noch an :
2
Tim 4:17 Der Herr aber stand mir
bei und stärkte mich, damit durch mich die Botschaft ausgebreitet würde und
alle Heiden sie hörten, so wurde ich erlöst aus dem Rachen des Löwen.
Auch diese Verse
werden von den modernen Exegeten sinnbildlich verstanden. Nach meiner Ansicht
haben wir es hier aber mit eine weiteren Anspielung an die ephesinische
„Tierkampftradition“ zu tun.
Persönliches Erleben/leidender
Werther:
Warum
könnte nicht ebenso auch hinter den Briefen des „Paulus“ das persönliche
Erleben eines pseudepigraphischen Verfassers liegen? Will sagen: das
persönliche Erleben eines Verfassers, der die kirchenpolitischen
Auseinandersetzungen seiner Zeit in seinen Briefen in verschlüsselter Form in
die Anfangszeit des Christentums zurückprojiziert. Der Zweck wäre auch klar.
Die Worte des Apostels aus der Vergangenheit sollen die Position des Verfasser
in der Gegenwart legitimieren. Das ist kein außergewöhnliches, sondern
ein vielfach geübtes Verfahren in der (christlichen) Antike.
Evangelien keine Pseudepigraphien.
Das
ist eine Definitionssache. Eine Reihe von Wissenschaftlern sieht das anders
und bezeichnet auch die Evangelien als Pseudepigraphien, was sie ja formal
auch in der Tat sind. Daß die Zuordnung zu den Verfassern erst später
erfolgte, behaupten viele ntl. Wissenschaftler – ohne das schlüssig
beweisen zu können. Möglicherweise steckt dahinter nur die Tendenz, die
Evangelienschreiber von dem Vorwurf des „Betruges“ zu entlasten.
Ich kann mir kaum vorstellen, daß die
Evangelien jemals anonym existierten. Die
ersten Verfasser, um wen es sich dabei auch immer gehandelt haben mag, hätten
ihr Werk durch fehlende Verfasserangabe und das hätte ja geheißen: durch
fehlende Autorisierung, entwertet.
Sehr geehrter Herr Beleites,
nochmals vielen Dank für Ihre gründliche
und förderliche Kritik.
Was Ihre Betrachtung des Märchens Hans
im Glück betrifft, stimme ich Ihnen voll zu. Aber warum deuten Sie es nur als
Kritik an Habgier und Besitz im materiellen Sinne? Es gibt auch unter Christen
eine unangenehme geistliche (dogmatische) Besitzstandswahrung. Angesichts der
sympathisch „liberalen“ Einstellung, die aus Ihren Zeilen spricht,
könnte ich mir durchaus vorstellen, daß auch Sie damit bereits
einschlägige Erfahrungen gemacht haben.
Mir freundlichen Grüßen
Ihr
HDetering
PS: Verzeihen Sie mir das vergessene
Schwein!