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Das religiöse Problem der
Gegenwart
Arthur
Drews
Aus:
Die Christusmythe (225-238) - 1910
[225] Nach
Ansicht der liberalen Theologie bildet nicht der Gott, sondern vielmehr gerade
der Mensch Jesus den wertvollen religiösen Kern des Christentums.1 Sie
behauptet damit nichts weniger, als daß das gesamte Christentum bis auf den
heutigen Tag, d. h. bis zum Auftreten eines Harnack, Bousset, Wernle und ihrer
Gesinnungsgenossen, sich über sich selbst im Irrtum befunden und sein wahres
Wesen nicht erkannt habe. Denn dieses hat, wie die vorliegende Darstellung
zeigt, von Anfang an den Gott Jesus oder vielmehr den Gottmenschen, den
fleischgewordenen, mit den Menschen leidenden und für die Menschheit sich
opfernden Gotterlöser in den Mittelpunkt seiner Anschauung gestellt,
wohingegen die Behauptung der wahren Menschheit Jesu nur einen nachträgliche
Anbequemung dieser Religion an die äußeren Verhältnisse darstellt, ihr nur
hinterher von gegnerischer Seite abgerungen und nur deshalb von ihr so
nachdrücklich vertreten worden ist, weil sie die unumgängliche Bedingung
ihres geschichtlichen Bestandes und ihrer praktischen Erfolge gewesen ist. Nur
der Gott, nicht der Mensch Jesus kann demnach auch als der „Begründer"
der christlichen Religion bezeichnet werden.
Es ist in der Tat
der fundamentale Irrtum der liberalen Theologie, zu meinen, die Entwicklung
der christlichen Kirche habe von einem historischen Individuum, dem Menschen
Jesus, ihren Ausgang genommen. Die Stimmen mehren sich, wie gesagt, die
einräumen, daß die unter Jesu Namen gehende urchristliche Bewegung eine
bedeutungslose und vorübergehende Bewegung innerhalb des Judentums geblieben
wäre ohne Paulus, der ihr erst durch seine Erlösungsmetaphysik eine
religiöse Weltanschauung übermittelt und durch den Bruch mit dem jüdischen
Gesetz die neue Religion begründet hat. Nicht
1 Vgl. Arnold
Meyer: Was uns Jesus heute ist. Rel. Volksb. 1907 - eine besonders
eindringliche Darlegung des liberal-protestantischen Standpunktes; ferner
Weinel: Jesus im 19. Jahrhundert.
226
lange,
und man wird sich zu dem weiteren Zugeständnisse entschließen müssen, daß
ein historischer Jesus, wie die Evangelien ihn schildern und wie er in den
Köpfen der liberalen Theologen von heute lebt, überhaupt nicht existiert,
also auch nicht einmal die gänzlich bedeutungslose kleine Messiasgemeinde zu
Jerusalem begründet hat, sondern daß der Christusglaube ganz unabhängig von
irgendwelchen uns bekannten historischen Persönlichkeiten entstanden ist,
daß er in diesem Sinne allerdings ein Erzeugnis des religiösen „Massengeistes"
darstellt und von Paulus mit entsprechender Umdeutung und Weiterbildung nur in
den Mittelpunkt der von ihm begründeten Gemeinschaften gestellt worden ist.
Der „historische" Jesus ist nicht früher, sondern später als Paulus
und hat als solcher stets nur als Idee, als fromme Dichtung in den Köpfen der
Gemeindemitglieder gelebt, und nicht das Neue Testament mit seinen vier
Evangelien ist der Kirche gegenüber das Frühere, sondern die Kirche ist das
Ursprüngliche, die Evangelien hingegen sind das Abgeleitete, stehen daher
auch in allen ihren Teilen im Dienste der kirchlichen Propaganda und können
in keinem Sinne auf historische Bedeutung Anspruch machen.
Überhaupt
ist, wie Kalthoff mit Recht hervorhebt, mit der durchaus modernen Anschauung,
daß die Religion ein ganz persönliches Leben und Empfinden sei, dem
Verständnis des Christentum nichts abzugewinnen. „Die Religion ist dieses
persönliche Leben erst in einem Zeitalter, das sich zu Persönlichkeiten
differenziert hat; sie ist es nur insoweit, als solche Differenzierung sich
bereits vollzogen. Von Hause aus erscheint die Religion als eine
gesellschaftliche Lebenserscheinung, sie ist Stammesreligion, Volksreligion,
Staatsreligion, und dieser gesellschaftliche Charakter geht naturgemäß auf
die freien Genossenschaften über, welche sich innerhalb des Volks- und
Staatsverbandes bilden. Deshalb ist das liberale Gerede von der
Persönlichkeit als
227
dem Träger alles
religiösen Lebens im Hinblick auf den Ursprung des Christentums so sinnlos,
so unhistorisch, weil dieses Christentum noch ganz und gar in der religiösen
Genossenschaft, der Gemeinde wurzelt. Aus dieser genossenschaftlichen Religion
hat sich die persönliche Religion erst in jahrhundertelanger Geschichte
entwickeln können, sie hat sich gegen ihre wesentlich ältere Lebensform erst
in gewaltigen Kämpfen durchsetzen können. Was der heutige Fromme Christentum
nennt, eine Religion des Individuums, ein persönliches Heilsprinzip, das ist
dem ganzen alten Christentum ein Ärgernis und eine Torheit gewesen, es war
ihm die Sünde wider den Geist, die nicht vergeben werden sollte, denn der
Heilige Geist war der Geist der kirchlichen Einheit, des religiösen
Gemeindezusammenhangs, der absoluten Unterordnung der Herde unter den Hirten.
Deshalb gab es auch im alten Christentum individuelle Religion schlechterdings
nur durch Vermittelung der Genossenschaft, der Gemeinde, der Kirche. Eine
Regung der individuellen Religion auf eigene Faust war Häresie, Trennung vom
Leibe Christi."1
Man kann der „katholischen"
Kirche, sowohl der römischen wie der griechischen, das Zugeständnis nicht
versagen, daß sie auch in dieser Beziehung den Geist des ursprünglichen
Christentums noch am getreuesten bewahrt hat. Sie allein ist auch heute noch,
was das Christentum seinem Wesen nach einmal war: Gemeinschaftsreligion in dem
angeführten Sinne. Sie beruft sich hierbei mit Recht für die Wahrheit ihrer
religiösen Weltanschauung und die Berechtigung ihrer hierarchischen
Ansprüche auf die „Tradition", nur daß sie freilich selbst diese „Tradition"
im eigenen Interesse erst gemacht hat, sie also zwar einen „geschichtlichen"
Jesus lehrt, aber freilich nur einen traditionell geschichtlichen, womit über
dessen wirkliche geschichtliche Existenz noch nicht das geringste ausgemacht
ist. Der Protestantismus hingegen ist ganz unhistorisch, wenn er die
Evangelien für das Ur-
1 Entstehung d.
Chr. 98 f.
228
sprüngliche,
für die „geoffenbarte" Unterlage des Glaubens an Christus ausgibt, als
ob sie unabhängig von der Kirche entstanden wären und die wahren Anfänge
des Christentums darstellten. Man kann konsequenterweise seinen religiösen
Glauben nicht auf das Evangelium stützen und dabei außerhalb derjenigen
Gemeinschaft stehen wollen, als deren Lebensausdruck die Schriften des Neuen
Testaments allein zu gelten haben. Man kann nicht Christ im Sinne Jesu, d. h.
der ursprünglichen Gemeinde, sein, ohne auf die eigene Persönlichkeit zu
verzichten und sich als dienendes Glied dem „Leibe Christi", d. h. der
Kirche, einzugliedern. Der Geist des Gehorsams und der Demut, den Christus von
seinen Anhängern fordert, ist eben gar kein anderer als der Geist der
Unterordnung unter das System von Verhaltungsregeln der unter seinem Namen
bestehenden Kultgemeinschaft. Christentum im ursprünglichen Sinne ist nur -
„katholisches" Christentum, und dieses ist der Glaube der Kirche an das
Erlösungswerk des Gottmenschen Christus in seiner Kirche und durch den von
seinem „Geist" beseelten Gemeindeorganismus.
Aus rein
religiösen Gründen könnte der mit Unrecht so genannte „Katholizismus"
die Fiktion eines historischen Jesus recht wohl entbehren und sich auf den
Standpunkt des Paulus vor Entstehung der Evangelien zurückziehen, falls er
nur mit seiner mythologischen Annahme des sich selbst für die Menschen
opfernden Gottes ohne jene Fiktion heute noch Glauben fände. Als Kirche
jedoch in ihrer gegenwärtigen Gestalt steht und fällt er mit dem Glauben an
die Geschichtlichkeit des Gotterlösers, weil alle hierarchischen Ansprüche
und Machtbefugnisse der Kirche sich darauf gründen, daß ein historischer
Jesus ihr durch die Vermittlung der Apostel diese Machtbefugnisse übertragen
habe. Der „Katholizismus" stützt sich hierbei, wie gesagt, auf die „Tradition".
Aber er selbst hat diese Tradition ins Leben gerufen, genau wie die Priester
zu Jerusalem die Tradition eines geschichtlichen Moses geschaffen haben, um
ihre eigenen Machtansprüche auf ihn zurückzuführen. Es ist die „Ironie
der Welt-
229
geschichte",
daß eben jene Tradition die Kirche schon sehr bald in den Zustand versetzt
hat, um des Widerspruches ihrer äußeren Machtstellung gegen den
traditionellen Christus willen den Inhalt der Tradition vor der Menge zu
verschleiern und den Laien die Lektüre der Evangelien zu verbieten. Noch
widerspruchsvoller aber und verzweifelter als die Lage der „katholischen"
Kirche mit der Einsicht in die fiktive Beschaffenheit der Evangelien wird,
gestaltet sich diejenige des Protestantismus. Denn dieser hat gar kein anderes
Mittel zur Begründung seiner religiösen Metaphysik als die Geschichte; diese
aber führt, unbefangen angesehen, gerade von den Wurzeln des Christentums
weg, denen er zustrebt, statt zu ihnen hin.
Gilt dies schon
von der protestantischen Orthodoxie, so gilt es erst recht von derjenigen Form
des Protestantismus, die das Christentum, abgelöst von seiner metaphysischen
Erlösungslehre, meint, aufrecht erhalten zu können, weil diese „nicht mehr
zeitgemäß" sei, d. h. vom liberalen Protestantismus. Der liberale
Protestantismus ist und will nichts anderes sein als ein bloßer Glaube an die
historische Persönlichkeit eines Menschen, der vor neunzehnhundert Jahren in
Palästina geboren, durch sein vorbildliches Leben Begründer einer neuen
Sekte geworden und im Konflikt mit den herrschenden Gewalten zu Jerusalem
gekreuzigt und gestorben sein soll, um alsdann im Bewußtsein seiner
überspannten Anhänger zu einem Gott emporphantasiert zu werden; ein Glaube
an den „liebenden Vatergott", weil Jesus an ihn geglaubt haben, an eine
persönliche Unsterblichkeit des Menschen, weil diese die Voraussetzung von
Jesu Auftreten und Lehre gewesen sein soll, an die „unübertreffliche"
Güte moralischer Verhaltungsmaßregeln, weil diese in einem Buche stehen, das
unter dem unmittelbaren Einfluß der „einzigartigen" Persönlichkeit
des Propheten von Nazareth zustandegekommen sein soll. Er stützt die
Sittlichkeit dadurch, daß Jesus ein so guter Mensch gewesen und es deshalb
Pflicht eines jeden Menschen sei, den Aufforderungen Jesu nachzukommen. Den
Glauben an Jesus aber gründet er einzig und allein auf die geschichtliche Be-
230
deutung der
Evangelien, obwohl er sich bei genauerer Überlegung nicht verhehlen kann,
daß die Annahme ihrer Geschichtlichkeit auf äußerst schwachen Füßen ruht
und wir im Grunde nichts von jenem Jesus wissen, nicht einmal, daß er
überhaupt gelebt hat, und in jedem Falle nichts, was für uns von
maßgebender religiöser Bedeutung sein könnte, und was wir nicht ebenso gut
und besser aus anderen, weniger zweifelhaften Quellen schöpfen könnten. Er
ist nicht, wie der Katholizismus, bloß als Kirche, sondern seinem Wesen nach,
als Religion, mit der Leugnung der historischen Persönlichkeit Jesu ins Herz
getroffen und besteht seinem wirklich religiösen Kerne nach nur aus ein paar
schönklingenden Redensarten, einigen verwehten Anklängen an eine Metaphysik,
die einmal lebendig war, jetzt aber zum bloßen Dekorationsstück für
anspruchslose Gemüter herabgesunken ist, und hinterläßt nach Ausschaltung
seiner vermeintlichen Geschichtlichkeit nur einen trüben schwelenden Qualm
von „heimatlos gewordenen Gefühlen", die zu jeder Art von religiösem
Glauben passen. Der liberale Protestantismus gibt sich selbst für das
spezifisch „moderne" Christentum aus. Er legt gegenüber dem
metaphysikscheuen Geiste unserer Zeit Gewicht darauf, keine Metaphysik zu
haben, verwirft, womöglich mit Berufung auf Kant, da dies „modern"
ist, alle religiöse Spekulation als „Mythus", ohne zu bemerken, daß
er selbst mit seinem „historischen" Jesus am tiefsten in der Mythologie
darinsteckt, und glaubt, mit seiner ausschließlichen Verehrung des Menschen
Jesus das Christentum auf die „Höhe der gegenwärtigen Kultur"
gebracht zu haben. Indessen sagt Steudel mit Recht: „Von der ganzen
apologetischen Kunst, mit der die moderne Jesustheologie das Christentum für
unsere Zeit zu retten übernimmt, ist zu urteilen, daß es überhaupt keine
geschichtliche Religion gibt, die sich, unter Anwendung derselben Methode,
nicht ebensogut in Einklang mit dem modernen Bewußtsein bringen ließe, wie
die des Neuen Testaments."1 Den völligen Zusammenbruch einer solchen „Religion"
zu bedau-
1 a. a. O. 39.
231
ern, haben wir
keinerlei Veranlassung. Diese Form des Christentums ist schon durch Hartmann
in ihrer ganzen religiösen Wertlosigkeit gekennzeichnet worden,1 und es ist
nur ein Beweis für die bezaubernde Macht der Phrase, die traurige
Zerfahrenheit unserer gesamten religiösen Zustände und die Gedankenlosigkeit
der großen Menge in religiösen Dingen, daß sie noch immer „lebt",
ja, unter der Führung der sog. kritischen Theologie sich für das echte, erst
jetzt erkannte Christentum ausgeben darf und hiermit Anklang findet. Dieses
unsystematische Aggregat von willkürlich aus der gesamten Welt- und
Lebensanschauung der Evangelien herausgegriffenen Gedanken, die noch dazu erst
phraseologisch aufgebauscht und künstlich zurechtgestutzt werden müssen, um
sie den Heutigen genießbar zu machen, diese unspekulative Erlösungslehre,
die im Grunde an sich selbst nicht glaubt, dieser sentimentale, ästhetisch
angehauchte Jesuskultus eines Harnack, Bousset usw., über den W. v. Schnehen
so schonungslos den Stab gebrochen hat,2 dieses ganze sog. Christentum
schöngeistiger Pastoren und erlösungsunbedürftiger Laien würde schon
längst an seiner Gedankenarmut, Süßlichkeit und Fadenscheinigkeit zugrunde
gegangen sein, wenn man nur das Christentum nicht um jeden Preis, und wäre es
auch denjenigen der völligen Entleerung an geistigem Gehalt, meinte aufrecht
erhalten zu müssen. Daß der „historische" Jesus überhaupt gar kein
religiöses, sondern nur noch ein historisches Interesse hat, daß er als
solcher höchstens die Geschichtsforscher und die Philologen angeht, diese
Erkenntnis fängt zwar gegenwärtig an, sich in immer weiteren Kreisen Bahn zu
brechen.3 Wenn man nur einen Ausweg aus den Schwierigkeiten wüßte! Wenn man
sich nur nicht scheuen müßte, offen Farbe zu bekennen, weil man damit
möglicherweise im Verfolge seiner Gedanken aus der bestehenden Religion
über-
1
Vgl. E. v. Hartmann: Die Selbstzersetzung des Christentums und die Religion
der Zukunft, 2. Aufl. 1874, insb. Kap. 6 u. 7. 2 Vgl. W. v. Schnehen: Der
moderne Jesuskultus, 2. Aufl. 1906; ferner: Naumann vor dem Bankerott des
Christentums, 1907. 3 Vgl. mein Werk: Die Religion als Selbst-Bewußtsein
Gottes, 1906, 199 ff.
232
haupt hinausgedrängt werden
könnte, wie dies das Beispiel Kalthoffs gezeigt hat! Wenn man nur nicht einen
so furchtbaren Respekt vor der Vergangenheit und ein so zartes „historisches
Gewissen" und eine so ungeheure Achtung vor den „geschichtlichen
Grundlagen" des gegenwärtigen religiösen Daseins hätte! Aber die
Berufung auf die Geschichte und die sog. „historische Kontinuität der
religiösen Entwicklung" ist ja offensichtlich nur eine
Verlegenheitsausflucht und ein anderer Ausdruck dafür, daß man einfach nicht
gewillt ist, die Konsequenzen seiner Voraussetzungen zu ziehen. Als ob von „geschichtlichen
Grundlagen" noch die Rede sein könnte, wo überhaupt keine Geschichte,
sondern bloßer Mythus vorliegt! Als ob die „Bewahrung der historischen
Kontinuität" darin bestehen könnte, mythische Fiktionen, weil sie
bisher für historische Wahrheit gegolten haben, auch dann noch als Geschichte
festzuhalten, wenn man ihren rein fiktiven und unwirklichen Charakter
durchschaut hat! Als ob die Schwierigkeit der Erlösung der gegenwärtigen
Kulturmenschheit von dem ganzen Wust von Aberglauben, gesellschaftlicher
Verlogenheit, Feigheit und intellektueller Knechtschaft, der sich heute an den
Namen des Christentums knüpft, auf rein geistigem Gebiete und nicht vielmehr
in der Sphäre des Gefühls, in einer schlaffen Pietät, in dem Schwergewicht
uralter Tradition, vor allem aber den fast unübersehbaren ökonomischen,
sozialen und praktischen Beziehungen begründet läge, die unsere kirchliche
Gegenwart mit der Vergangenheit verknüpfen! So fährt man denn einstweilen
fort, bei seinem Glauben an die Zukunft des Christentums nicht sowohl auf die
überzeugende innere Wahrheit seiner Gedankenwelt, als vielmehr auf den
angeborenen religiösen Sinn der Gemeindemitglieder zu bauen, auf die
kirchliche Erziehung in Schule und Haus und den hiermit überkommenen Schatz
von metaphysischen und ethischen Ideen, auf den Schutz des Staates und - das
Trägheitsgesetz im geistigen Leben der großen Masse. Im übrigen bedient man
sich in der Kanzelsprache, in „Gemeindeblättern" und im öffentlichen
Leben einer Ausdrucksweise, die von derjenigen der Orthodoxie nicht
233
wesentlich
verschieden, aber so eingerichtet ist, daß jeder sich bei ihr denken kann,
was ihm gut dünkt, und nennt dies im strahlenden Bewußtsein, auf diese Weise
das steuerlose Schiff des Protestantismus noch eine Weile über Wasser halten
zu können und den Glauben mit dem modernen Kulturbewußtsein „versöhnt"
zu haben, - die „Weiterentwicklung des Christentums!''
Und so wären denn
neunzehnhundert Jahre religiöser Entwicklung vollkommen in die Irre gegangen
? So bliebe uns nichts anderes übrig als der gänzliche Bruch mit der
christlichen Erlösungslehre? Aber diese Erlösungslehre - das war das
Resultat unserer vorangegangenen Darlegung - ist ja als solche unabhängig von
der Annahme eines historischen Jesus. Ihr Schwerpunkt liegt in dem Gedanken
des,, fleischgewordenen" Gottes, der in der Welt leidet, aber
schließlich über dies Leiden Herr wird, und durch die Vereinigung mit
welchem auch die Menschen die „Welt überwinden" und ein neues Leben
auf erhöhter Daseinsstufe gewinnen. Daß die Gestalt dieses göttlichen
Welterlösers im Bewußtsein der christlichen Gemeinde mit derjenigen eines
Menschen Jesus zusammengeflossen und die Erlösungstat infolge hiervon
zeitlich fixiert und auf eine bestimmte Örtlichkeit beschränkt ist, das ist
nur die Folge der zufälligen Verhältnisse, unter denen die neue Religion
hervorgetreten ist. Es kann daher auch an und für sich nur eine
vorübergehende praktische, aber keine eigentliche religiöse Bedeutung für
sich in Anspruch nehmen, während es auf der andern Seite dem Christentume zum
Verhängnis geworden ist und gerade diese seine Vergeschichtlichung des
Erlösungsprinzips es uns unmöglich macht, uns noch zu dieser Religion zu
bekennen. Aber dann kann die Wahrung der historischen Kontinuität oder die
„Weiterentwicklung" des Christentums im eigentlichen Sinne doch wohl
nicht darin bestehen, diese zufällige historische Seite an der christlichen
Erlösungslehre aus dem Zusammenhange der gesamten christlichen Weltanschauung
herauszulösen und für sich hinzustellen, sondern nur darin, auf den
wesentlichen Grundgedanken der christlichen Religion zurückzugehen
234
und seine
metaphysische Erlösungslehre in einer dem heutigen Bewußtsein entsprechenden
Weise näher durchzubilden.
Aus der
Vorstellung eines persönlichen Gotterlösers entsprang die Möglichkeit,
einen Menschen an Gottes Statt zu opfern und den göttlichen Idealmenschen, d.
h. die Idee des Menschen, in einem wirklichen Menschen anzuschauen. Aus den
Machtfragen der werdenden Kirche, dem Gegensatze gegen die gnostische
Phantastik, ihre intellektualistische Verflüchtigung des religiös-sittlichen
Kerns der paulinischen Erlösungslehre und dem Wunsche, den historischen
Zusammenhang mit dem Judentume aus opportunistischen Gründen nicht
aufzugeben, ergab sich die Notwendigkeit, das gottmenschliche Sühnopfer in
das Opfer einer geschichtlichen, aus dem Judentume hervorgegangenen
Persönlichkeit umzudeuten. Alle diese verschiedenen Gründe, die zur
Entstehung des Glaubens an einen „historischen" Jesus geführt haben,
fallen für uns hinweg, zumal nachdem sich herausgestellt hat, daß die
Persönlichkeit des Erlösungsprinzips, diese Grundvoraussetzung der
evangelischen „Geschichte", an allen Widersprüchen und
Unzulänglichkeiten jener Religion letzten Endes schuld ist. Die christliche
Erlösungslehre auf ihren wahren Kern zurückführen, kann somit gar nichts
anderes heißen, als die Idee der Gottmenschheit, wie sie jener Lehre zugrunde
liegt, durch Abstreifung der mythischen Persönlichkeit des Logos in den
Mittelpunkt der religiösen Weltanschauung stellen.
Gott muß Mensch
werden, damit der Mensch „Gott werden", d. h. von den Schranken der
Endlichkeit erlöst werden kann. Die in der Welt verwirklichte Idee der
Menschheit muß selbst eine göttliche Idee, eine Idee der Gottheit und also
Gott die gemeinschaftliche Wurzel und das Wesen aller einzelnen Menschen und
Dinge sein: nur dann vermag der Mensch sein Wesen in Gott und durch dies
Bewußtsein seiner überweltlichen göttlichen Wesenheit die Freiheit von der
Welt zu erlangen. Das Bewußtsein des Menschen von seinem Selbst, von seinem
wahren Wesen muß selbst ein göttliches Bewußt-
235
sein, der Mensch,
und zwar jeder Mensch, eine bloße endliche Erscheinung, eine individuelle
Einschränkung, eine Vermenschlichung Gottes und sonach wenigstens der
Möglichkeit nach ein Gottmensch sein, um durch sittliche Arbeit an sich
selbst, als wirklicher Gottmensch „wiedergeboren" und dadurch mit Gott
wahrhaft eins zu werden: in diesem Gedanken heben sich alle Widersprüche der
christlichen Dogmatik auf und bleibt der Kern seiner Erlösungslehre gewahrt,
ohne durch die Hereinziehung mythischer Phantastik oder historischer
Zufälligkeiten seines wahren Sinnes entkleidet zu werden, wie dies im
Christentum der Fall ist. Will man im Anschluß an die bisherige
Bezeichnungsweise auch so noch fortfahren, die göttliche Wesenheit des
Menschen, die immanente Gottheit „Christus" zu nennen, so kann aller
Fortschritt der Religion nur in der Pflege und Herausarbeitung dieses „inneren
Christus", d. h. der den Menschen innewohnenden geistig-sittlichen
Tendenzen in der Rückbeziehung auf ihren absoluten göttlichen Grund,
bestehen, nicht aber in der historischen Veräußerlichung dieses inneren
menschlichen Wesenskernes. Alle Wirklichkeit des Gottmenschen beruht sonach in
der Wirksamkeit des „Christus" im Menschen, in der Betätigung seines
„wahren Selbst", des geistigen Wesens seiner Persönlichkeit, in der
Selbsterziehung zur Persönlichkeit auf Grund der göttlichen Wesenheit des
Menschen, nicht aber in dem magischen Hineinwirken einer ihm fremden
göttlichen Persönlichkeit in ihn, die doch nichts anderes ist, als das
religiöse Ideal des Menschen, welches dieser auf eine geschichtliche Gestalt
hinausprojiziert hat, um sich dadurch der „Wirklichkeit" dieses Ideales
zu versichern. Es ist nicht wahr, daß es dem religiösen Bewußtsein „wesentlich"
ist, sein ideal in vermenschlichter Gestalt aus sich hinauszuschauen, und daß
darum der historische Jesus für das religiöse Leben unentbehrlich ist. Wäre
es wahr, so wäre die Religion grundsätzlich außerstande, sich über die
mythische Sphäre der Äußerlichkeit und sinnlichen Anschaulichkeit ihrer
Götter zu erheben, wovon sie ausgeht, und die zu überwinden und immer mehr
in die eigene Innerlichkeit hereinzuarbeiten,
236
gerade das Wesen
der religiösen Entwicklung ausmacht, so würde die Religion immer nur eine
niedrige Provinz im menschlichen Geistesleben einnehmen und wäre sie in
demselben Augenblicke überwunden, wo das Fiktive jener Projektion und
Verselbständigung des eigensten wahren Selbst durchschaut wäre. Nur dem
Christentum ist es wesentlich, den Gott im Menschen in einen Gott außerhalb
des Menschen, in die „einzigartige" Persönlichkeit eines historischen
Gottmenschen umzudeuten, und zwar weil es noch mit einem Fuße im religiösen
Naturalismus und der Mythologie darin-steckt und die geschichtlichen Umstände
es seinerzeit dazu veranlaßt haben, jene Umdeutung und Verfälschung des
Begriffes der Gottmenschheit vorzunehmen.
Das Leben der
Welt als Gottes Leben; die kampferfüllte und leidvolle Entwicklung der
Menschheit als göttliche Kampfes- und Passionsgeschichte; der Weltprozeß als
der Prozeß eines Gottes, der in jedem einzelnen Geschöpfe ringt, leidet,
siegt und stirbt, um im religiösen Bewußtsein des Menschen die Schranken der
Endlichkeit zu überwinden und seinen dereinstigen Triumph über das gesamte
Weltleid vorwegzunehmen: das ist die Wahrheit der christlichen
Erlösungslehre. In diesem Sinne den Grundgedanken erneuern, aus dem das
Christentum hervorgegangen, und der unabhängig ist von aller geschichtlichen
Beziehung, das heißt wirklich auf den „Ausgangspunkt" dieser Religion
zurückgehen. Der Protestantismus hingegen, der die Religion des Paulus
verwirft und die Evangelien zur Grundlage seines Glaubens erhebt, geht damit
nicht hinter die Entwicklung des Christentums zur Kirche, auf den Ursprung des
Christentums zurück, sondern bleibt innerhalb dieser Entwicklung stehen und
täuscht sich selbst, wenn er meint, vom Standpunkte des Evangeliums aus die
Kirche überwinden zu können.1
1
Vgl. mein Werk: Die Religion als Selbst-Bewußtsein Gottes, in welchem der
Versuch gemacht ist, die gesamte religiöse Weltanschauung in dem angeführten
Sinne durchzubilden.
237
Bei einer solchen
Umdeutung und Weiterbildung des christlichen Erlösungsgedankens wird die „historische
Kontinuität" ebenso entschieden gewahrt, wie bei der einseitigen
Vergeschichtlichung jenes Gedankens von Seiten des liberalen Protestantismus.
Was ihr entgegensteht, das ist einerseits der ganz unhistorische Glaube an
einen historischen Jesus und andererseits das Vorurteil gegen den „immanenten
Gott", d. h. gegen den Pantheismus. Allein dieses Vorurteil gründet sich
ja selbst nur auf jene Fiktion eines historischen „Mittlers" und die
darin enthaltene Voraussetzung einer dualistischen Getrenntheit der Welt und
Gottes. Wenn die Vertreter des monistischen Gedankens, die vor kurzem sich zu
organisieren angefangen haben, sich über die Bedeutung jenes Gedankens erst
einmal klarer geworden sein werden, als sie es gegenwärtig meist noch sind,
wenn sie dahin gelangt sein werden, einzusehen, daß die wahre Einheitslehre
nur Alleinheitslehre, ein idealistischer Monismus im Gegensatze zu dem heute
noch überwiegenden naturalistischen Monismus im Sinne eines Haeckel sein
kann, ein Monismus, der die Existenz eines Gottes nicht aus-, sondern
einschließt, wenn damit ihre gegenwärtige unfruchtbare Verneinung aller
Religion sich zu einer positiven, auch religiös vollgültigen Weltanschauung
vertieft haben wird, dann, aber auch erst dann werden sie der Kirche wirklich
Abbruch tun und wird die heute noch in ihren Kinderschuhen steckende
monistische Bewegung zu einer inneren Gesundung und Erneuerung unseres
gesamten geistigen Lebens führen können. Es gehört wahrlich viel
Kurzsichtigkeit von seiten der Vertreter eines rein geschichtlichen
Christentums dazu, um zu wähnen, der geistentleerte, dürftige Glaube an den
persönlichen oder, wie man sich heute lieber vorsichtiger ausdrückt, den „lebendigen"
Gott, an Freiheit und Unsterblichkeit, gestützt auf die Autorität der „einzigartigen"
Persönlichkeit eines vor zweitausend Jahren gestorbenen Menschen Jesus, werde
imstande sein, das religiöse Bedürfnis auf die Dauer zu befriedigen, auch
dann noch, wenn der heute noch überall mit hineinspielende Gedanke an die
einstige Erlösungsmetaphy-
238
sik und die
hierauf sich gründende fromme Stimmung erst einmal gänzlich ausgeschaltet
sein werden. Je früher die Christen durch Verzicht auf ihren Aberglauben an
einen historischen Jesus und die Monisten durch die Preisgabe ihres ebenso
verhängnisvollen Aberglaubens an die alleinige Realität des Stoffes und die
alleinseligmachende Wahrheit des naturwissenschaftlichen Mechanismus zu einer
gegenseitigen Versöhnung reif sein werden, desto besser wird es für beide
sein, desto eher ist zu hoffen, daß die drohende völlige Versandung des
religiösen Bewußtseins noch rechtzeitig abgewendet werden und damit die
europäische Kulturmenschheit vor dem Verluste ihres geistigen Schwergewichtes
bewahrt bleiben wird, dem sie heute von allen Seiten scheinbar unaufhaltsam
zusteuert. Es gibt gegenwärtig gar keine andere Möglichkeit, als entweder
ruhig zuzusehen, wie die täglich immer mächtiger anschwellende
naturalistische Flutwelle auch die letzten Reste einer religiösen Denkweise
hinwegschwemmt, oder aber das verglimmende Feuer der Religion auf den Boden
des Pantheismus, in eine von aller kirchlichen Bevormundung unabhängige
Religion hinüberzuretten. Die Zeit des dualistischen Theismus ist
abgelaufen. In dem Streben nach Monismus begegnen sich gegenwärtig alle
fortgeschrittenen Geister auf den verschiedensten Gebieten. Dies Streben ist
so tief begründet und so wohlberechtigt, daß die Kirche zu allerletzt
imstande sein wird, es auf die Dauer zu unterdrücken.1 Das Haupthindernis
einer monistischen Religion und Weltanschauung aber ist der mit keiner
Vernunft und Geschichte vereinbare Glaube an die geschichtliche Wirklichkeit
einer „einzigartigen", vorbildlichen und unübertrefflichen
Erlöserpersönlichkeit.
1 Vgl.: Der Monismus, dargestellt
in Beiträgen seiner Vertreter. 2BdeT 1908.
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