G. A. VAN DEN BERGH VAN
EYSINGA
Die Entstehung der
katholischen Kirche
[DE WORDING VAN DE KATHOLIEKE KERK — GWS XI 1952 - S.
21-52.]
Übersetzt 2006 von Frans-Joris Fabri
Dieser Aufsatz entstand aus einem zweifachen Anlass. Der
erste war das mit Bedacht geschriebene und lehrreiche Buch
von G. F. Brandon, The Fall of Jerusalem and the
Christian Church1,das ich besprechen sollte. Lehrreich
ist es weniger deshalb, weil ihm auf dem Gebiet der
frühchristlichen Literatur Problemlösungen gelungen wären,
sondern vielmehr, weil es Fragen stellt und Probleme
erkennt, die andere Forscher nicht erkannten oder deren sie
sich leichthin entledigten. Der zweite Anlass für den
Aufsatz war Couchoud’s Le dieu Jésus, das ich in
Studiën IX schon besprochen habe. Inzwischen hat aber mein
Schüler Ds J. Ritzema Bos darüber in der nach mir benannten
Studiengruppe ein vorzügliches Referat gehalten (10. Okt.
1951). Couchouds Datierung der Offenbarung des Johannes
hatte ihn überzeugt. Ich fasste deshalb den Entschluss, in
der darauf folgenden Zusammenkunft (4. Jan. 1952) meine
abweichende Ansicht näher zu erläutern. Alte und neue
Argumente – pro und contra – zum hohen Alter und dem
judenchristlichen Charakter des letzten Buches der Bibel
wurden auf den Tisch gelegt.
Das ist also der doppelte Anlass für diese Veröffentlichung.
Das eine Thema setzte das andere in ein neues Licht und so
hoffe ich, dass beide zusammen unser Wissen über die
frühchristliche Vergangenheit bereichern können.
Hochanständig anerkennt Brandon, dass die Quellen für die
Geschichte des frühesten Christentums mit Widersprüchen und
sonstigen Problemen behaftet sind. Dass er sich getraut,
über die alten Tübinger Gutes zu sagen, schätze ich sehr.
Obwohl ich meine wiederholt geäußerte Kritik an deren
Hypothese nicht abschwächen möchte, ist es mir zuwider, wenn
Leute, die offensichtlich deren Werke nicht gelesen haben,
auf Männer wie F. C. Baur, Schwegler, Zeiler usw.,
verächtlich herabschauen.
1 Verlegt bei S.P.C.K.
Northumberland Avenue, London W.C.2. XX + 284 p. 30 Sh
21
Wichtig ist sogleich Brandons Anfang, in dem er sich von den
heutigen Theologen absetzt, die das Unterscheidende des
Christentums in dessen Historizität sehen. „Was man nun
unter Historizität als integrierender Faktor bei der
Entstehung einer Religion genau versteht, wird selten
erklärt, was man aber speziell in Bezug auf das Christentum
damit sagen will, muss der Leser aus Bemerkungen
herausfinden, die meistens als obiter dicta, (nebenbei
Gesagtes) zu andern Religionen gemacht werden“ (S. 1). In
den Mythen der heidnischen Religionen hat Historie keine
Bedeutung, im Christentum aber schon und an diesem Punkt war
es wirklich Kind der jüdischen Religion. Im Gegensatz zu
anderen Religionen gründete es seinen Autoritätsanspruch auf
den entscheidenden Ereignissen seines hieros logos,
seiner Heilsgeschichte, die sich in einer bestimmten
Geschichtsperiode abgespielt hatten und nicht in einer weit
entfernten mythischen Vergangenheit. Dieses Geschichtliche
findet man dann in den Evangelien, die den Anschein von
Berichten haben, und in der Apostelgeschichte (S. 2). Die
heutige Kritik setzt die echten Paulusbriefe zwanzig Jahre
früher an als das älteste Evangelium. Dann aber vertritt
Paulus mit seinem mystischen und esoterischen Glauben und
seiner Lehre über Jesus Christus und dessen Werk eine ältere
Phase des Christentums, die ohne jeden Bezug zum
historischen Jesus war, der in den Evangelien so lebendig
dargestellt wird. Die Lehre des Paulus lehnt des öfteren die
Autorität einer solchen geschichtlichen Tradition ab. Die
Gelehrten, die die Bekanntschaft des Paulus mit allen
wichtigen Daten der Evangelientradition nachweisen möchten,
beweisen allein schon durch ihre Anstrengungen das
Problematische der Angelegenheit, dies um so mehr angesichts
der mageren Ergebnisse ihrer Forschung im Vergleich zum
Reichtum des Evangelienberichtes (S. 3). In paulinischen
Kreisen gab es offensichtlich nicht das Interesse am Leben
des Jesus von Nazareth, welches nun gerade die allererste
raison d’etre unserer Evangelien darstellt.
Schon seit den Zeiten Bruno Bauers in der Mitte des vorigen
Jahrhunderts weist die Radikalkritik auf diese befremdliche
Tatsache hin. Brandon erwähnt ihn nicht, ebenso wenig wie
den Galaterbrief Rudolf
22
Stecks. In seiner eigenen Sprache hätte Brandon sich über
diese Kritik in den Werken von L. Gordon Rylands, Thomas
Whittaker und W. Benjamin Smith informieren können. W. C.
van Manens Artikel in der Encyclopaedia Biblica standen ihm
auch zur Verfügung, genauso meine Radical Views about the
New Testament (London, Watts, 1912). Sein Versäumnis,
mit dieser eher verkannten als bekannten Richtung der
Wissenschaft vom Ursprung des Christentums vertraut zu
werden, rächt sich: Trotz seines Mutes, mit dem er sich
gegen so manche allgemein akzeptierte Ansicht stellt, kann
er schließlich doch kein befriedigendes Bild der
frühchristlichen Vergangenheit geben. Zwar beginnt er mit
„hyperkritisch“ klingenden Aussagen, wo es jedoch darauf
ankommt, gesellt er sich wieder zum Chor von Streeter,
Kirsop Lake, Turner, Dodds und Konsorten.
Dennoch bleibt Brandons Frage interessant: In welchem Milieu
kam das Interesse am Leben Jesu auf? Seine Antwort ist nicht
die meine. Dass er hier gleichwohl ein Problem sieht,
spricht für einen kritischen Blick, wie man ihn heutzutage
nur noch bei wenigen findet. Dafür spricht auch, dass er die
Schwierigkeit erkennt, die Gal. 1: 6—9 (vgl. 2 Kor. 11: 4)
mit der Erwähnung eines anderen Evangeliums und eines
anderen Jesus verursacht (S. 4). Ihm fällt auch auf, dass es
in den Evangelien die Zwölf sind – und unter ihnen speziell
Petrus –, die als Autorität dargestellt werden, während bei
Paulus und in der Aposschichte aber Jakobus, der Bruder von
Jesus, der sich diesem gegenüber zunächst skeptisch
verhielt, sowie Kephas und Johannes diese Funktion haben.
Wie kann es innerhalb von zwanzig Jahren nach der Kreuzigung
zu einem solch unerwarteten Wechsel in der Führung der
Jerusalemer Gemeinde gekommen sein (S. 5)? Rätselhaft
scheint Brandon auch das Schweigen des N.T. über ägyptisches
oder alexandrinisches Christentum, wo doch Ägypten so nahe
bei Palästina liegt und schon seit so langer Zeit die Juden
angezogen hatten (S. 6). Um eine Lösung für den klaren
Gegensatz zwischen den Handlungen und dem Galaterbrief in
bezug auf die Beschneidung haben sich viele Gelehrte bemüht,
allerdings mit zweifelhaftem Erfolg (S. 7). Welches Ende war
Paulus und seinem Werk beschieden? ist Brandons nächste
Frage. Bricht der Autor der Handlungen den Bericht über
Paulus etwa ab, weil sein Held in der weiteren Geschichte
des Heidenchristentum keine wichtige Rolle mehr spielte? Es
muss auch befremden, dass Paulus nur während der
23
Geburtswehen der Auseinandersetzungen Briefe schrieb oder
aber, dass aus einem sonderbaren unbekannten Grund die
Gemeinden, denen er schrieb, ausschließlich seine
polemischen Briefe für aufbewahrenswert erachteten. Es gibt
eine Menge unbeantwortete Fragen zur Sammlung der Paulina;
sogar die als echt angesehenen Briefe zeigen ein wahrhaft
erstaunliches Bild der Verwirrung. So macht der 2.
Korintherbrief den Eindruck eines total unbegreiflichen
Mosaiks von Fragmenten und das 16. Kapitel des Römerbriefes
dürfte ursprünglich ein selbständiger Text gewesen sein (S.
8). Der wichtige Brief an die Laodizäer ist verschwunden,
während ein so unbedeutendes privates Briefchen wie das an
Philemon aufbewahrt worden ist. All das wäre doch nicht
möglich, wenn Paulus der hoch angesehene Apostel gewesen
wäre, der im Kampf für die Sache der Heiden den Sieg errang,
dessen Briefe zu seinen Lebzeiten und danach sorgfältig
aufbewahrt wurden als kostbare Erinnerungen an einen
heiligen inspirierten Anführer.
Mit diesen Einsichten ist William Benjamin Smith 1 in seinem
von P. W. Schmiedel ins Deutsche übersetzten Saeculi
silentium, Brandon um fast ein halbes Jahrhundert
zuvorgekommen.
Als befremdlich empfindet Brandon auch die Tatsache, dass,
obwohl die Apostelgeschichte und sogar Galater 2: 1
f.; 1 : 17 f. Jerusalem als das führende Zentrum des
frühesten Christentums darstellen, nicht eine einzige
wichtige authentische Schrift von den Vorstehern dieser
Gemeinde auf uns gekommen ist. Denn die Briefe von Petrus,
Jakobus, Judas und Johannes nennt er „zweitrangige Dokumente
von mehr als zweifelhafter Autorschaft“ (S. 9). Wie ist es
möglich, dass die Zerstörung Jerusalems im Jahre 70 in der
frühchristlichen Literatur fast vollständig übergangen wird
und dass man auch über das Schicksal der Urgemeinde in
dieser Katastrophe nichts findet, obwohl die Evangelien und
die Handlungen wahrscheinlich nach dem Fall Jerusalems
geschrieben wurden? All diese Rätsel veranlassten Brandon,
sich mit der Bedeutung von Jerusalems Fall im frühesten
Christentum speziell zu befassen (S. 10-11).
Unser Autor hat seine Stärke allerdings mehr im Aufzeigen
des Rätselhaften als
1 ”Der vorchristliche Jesus“. Giessen 1906.
24
im Auffinden der Lösungen. Bald schon verschwindet seine
Skepsis zum Teil, nämlich da, wo er die Briefe des Paulus an
die Galater, die Thessalonicher, die Korinther, die Römer,
die Philipper, die Kolosser und an Philemon als authentisch
akzeptiert, weil sich die Kritiker darüber einig sind (S.
15), wobei die „Radikalen“ mal wieder ignoriert
werden1. Die Frage nach dem Charakter des frühchristlichen
Briefes kommt nicht in sein Blickfeld (Vgl. G.S. X). Auch
nicht der Gedanke, dass die gerade von ihm selbst
konstatierte Gemeinsamkeit der Gelehrten in ihrer Blindheit
für vielerlei Widersprüchliches, ihn zurückschaudern lassen
sollte vor einer communis opinio in Sachen Echtheit
bestimmter Texte.
Hätte Brandon die Ergebnisse der Radikalkritiker ernsthaft
zur Kenntnis genommen, dann hätte er bei seiner
Kritikfähigkeit über die Jerusalemer Gemeinde, deren Säulen,
deren Anführer Jakobus und über vieles andere aus dem
Galaterbrief weniger selbstsicher geschrieben. Ihm wäre dann
die katholisierende Überarbeitung der Paulusbriefe nicht
entgangen, wodurch diese nun weit mehr Zitate aus dem A.T.
aufweisen, als dies in der Version des Markion der Fall war.
Alles, was BRANDON über das Vorherrschen des jüdischen
Elementes in der ursprünglichen christlichen Gemeinde
schreibt, möge man ein Jahrhundert später datieren als er
(S. 19 ff.). Die einzig akzeptable Erklärung für das
Nichterwähnen einer Gemeinde in Alexandrien in Handlungen
(S. 24) ist die Konkurrenzsituation der römischen Gemeinde
zur ägyptischen in der Mitte des zweiten Jahrhunderts.
Ursprünglich war die Gemeinde zu Rom eine Filiale der
alexandrinischen; sie rückte jedoch an die erste Stelle, als
Trajanus das gesamte Judenviertel Alexandriens als Strafe
für eine Revolte hatte vernichten lassen2. Wo Matthäus die
Jünger nach dem Tod Jesu in alle Richtungen flüchten lässt,
sagt der katholisierende Lukas (24: 47 ff.), sie seien in
Jerusalem geblieben und von dort sei das Evangelium
ausgegangen. Paulus findet allerlei Vorwände, um nach Rom zu
kommen und dort zu predigen. „Apostel“ in der christlichen
Bedeutung des Wortes hat es in Palästina nie gegeben;
Apostel waren bei den Juden Sendboten der Hohepriester, die
die Abgaben für den Tempel in der Diaspora einsammelten. Für
die palästinensischen Apostel des N.T.,
1 Zusätzlich zu deren Namen vermisse ich u.a. auch die von
Watkins, Oepke, Schlier, Valentin Weber und Barnikol. 2 Vgl.
H. E. Bell, „Juden und Griechen im römischen Alexandrien“.
Beiheft 9 zum „Alten Orient“, Lpz. 1926, S. 43.
25
die nur griechisch sprachen und deren Kenntnis der Schrift
aus der Septuaginta stammte, sollte Brandon uns einmal eine
zufriedenstellende Erklärung geben.
Philo hatte Mose schon zum Halbgott gemacht und radikalere
gnostische Juden hatten einen Mythos vom Nachfolger des Mose,
von Joshua = Jesus, und diesen noch mehr als den Gesetzgeber
als himmlische Gestalt gesehen. Dieser Jesus war von den
Planetengeistern am Kreuz getötet worden, das im
Schnittpunkt von Ekliptik und Äquator am Firmament gebildet
wird. Bei Athanasius 1 hören wir noch ein Echo vom alten
Mythos, der die antigöttlichen Mächte von Christus bei
dessen Tod in der Luft besiegt werden lässt: „Der Herr ist
gekommen, den Teufel niederzuwerfen, die Luft zu säubern und
uns den Aufstieg zu den Himmeln frei zu machen.... Durch
welchen anderen Tod könnte das geschehen sein als durch den
in der Luft, ich meine den am Kreuz? Denn nur dann stirbt
jemand in der Luft, wenn er am Kreuz sein Leben beendet“2.
Zwar ist hier die Vorstellung verblasst und abgeschwächt,
aber dennoch ist ein Widerschein davon noch da: Die bösen
Geister mit ihrem Luftreich dachte man sich ursprünglich
oberhalb der Erde. Im Gegensatz zur Großkirche vertreten die
Gnostiker die ältere Auffassung, welche die Parusie des
Herrn noch nicht als dessen Wiederkunft kannte. Die Kirche
lehrte: Christus ist da gewesen, zwar in niedriger Gestalt
aber dann doch auch verherrlicht als Auferstandener und in
den Himmel Aufgefahrener. Ihre weitere Lehre: Das Kommen
Christi in Herrlichkeit steht noch bevor, ist jüdische
Apokalyptik, passend zur Judaisierung des Evangeliums in
Rom, wodurch es vergröbert und realistisch gemacht wird für
die Massenkirche. Der Mythos wurde auf die Erde
verlegt und aus Jesus wurde ein dort Umherwandernder und
Gekreuzigter. Die paulinischen Briefe wissen noch nichts von
der Historisierung der Heilsgeschichte. Der rätselhafte
Bericht über den Alexandriner Apollos (Apg 18 : 24 f.,
vgl. Brandon, S. 24 ff.) will m.E. aufzeigen, dass dem
jüdischen, schriftgelehrten Alexandrien zum Christentum
nicht viel fehle und dass, wenn es zum Christentum käme, es
ein mächtiger Apologet dafür gegen das Judentum sein könnte.
Anfangs war es nach Meinung der Großkirche allerdings
1 De incarnatione 25. 2 In „N.T.T.“. 1943, S. 15 und 1944
S. 200 f. Habe ich dafür zahlreiche Belegstellen angegeben.
26
nur ein schwaches Christentum. Anders als Brandon, der
den Autor der Apostelgeschichte als „der Tradition treu“
bezeichnet, wo dieser die Jerusalemer Gemeinde als
Kontrollinstanz auch für die Heiden darstellt, sehe ich das
Verhältnis umgekehrt: Der katholisierende tendenziöse Autor
verachtet die empirisch vorhandenen Juden, ehrt jedoch
Jerusalem als Prototyp des späteren Rom, welches ja das
Judentum brauchte, um sich gegen die Bedrohung durch die
großen gnostischen Häresien zu behaupten. Jerusalem ist
somit ein würdigerer Geburtsort für das Christentum als das
allzu gnostisch gewordene Ägypten. Das Evangelium ist nicht
aus Jerusalem nach Rom gekommen, sondern die Gemeinde Roms
hat den Evangelienmythos als reale Geschichte nach Palästina
verlegt. Brandon (S. 31) gibt zu, dass die Überlieferungen
der Kirche Palästinas nur in Dokumenten, die nach dem Fall
Jerusalems entstanden und für Griechisch sprechende
Gemeinden bestimmt waren, bewahrt geblieben sind. Er nennt
es zu Recht bemerkenswert, dass man die Mutterkirche des
Christentums aus keinem einzigen Text kennt, den man ohne
Bedenken als deren authentisches Produkt akzeptieren könnte.
Zum Glück haben wir aber, so sagt er, die synoptischen
Evangelien, legitime Informationsquellen für
palästinensisches Christentum, offensichtlich
zusammengestellt aus ursprünglich palästinensischem
Material, das einmal in Besitz palästinensischer Gläubigen
gewesen sein muss. Seine These stützt er auf drei Gründe:
Die Autoren sind vertraut mit palästinensischer Geographie,
interessieren sich für die polemischen Auseinandersetzungen
mit verschiedenen jüdischen Sekten und schließlich auch für
bestimmte jüdische Institutionen und Bräuche. Es ginge zu
weit, hier all diese Argumente widerlegen zu wollen. Das
haben übrigens schon frühere Gelehrtengenerationen
überzeugend getan. Das gutgläubige Voraussetzen von
Markushypothese und Q befremdet mich, dem Autor sichert es
aber gewiss die volle Absolution der Kritiker unserer Tage
für die vielen sündigen Zweifel auf den ersten Seiten seines
Buches.
Zögerlich geht er auch um mit dem Eusebiusbericht (III 5,
2-3) über die Flucht der Christen nach Pella, den Epiphanius
übernommen hat. Er sieht ihn nicht als zuverlässige
Berichterstattung aber auch nicht als ganz und gar fiktiv an
(S. 172). Meines Erachtens spricht jedoch alles für
Letzteres. Der auf göttliches Geheiß erfolgte Auszug der
Christen aus Jerusalem, unmittelbar
27
bevor Gottes Strafe über Stadt und Volk kam, weil sie den
Heiland, Stephanus, den Apostel Jakobus und Jakobus, den
Bruder des Herren umgebracht hatten, macht in keiner Weise
den Eindruck von Geschichtsschreibung. Dass das blühende
Zentrum christlichen Lebens zu Alexandria seine Entstehung
der Gemeinde in Palästina zu verdanken hätte (S. 178) kann
schwerlich aus dem wirren Apollosbericht in der
tendenziösen, romantischen Apostelgeschichte beweisen. Carl
Clemen, dessen Name ich bei Brandon auch vergeblich gesucht
habe, hat mir mitgeteilt, dass er meinen radikalkritischen
Studien über die Apostelgeschichte 1 zustimmt. Dass
Offenbarung 21: 10 (die heilige, vom Himmel herabkommende
Stadt Jerusalem) von einem Judenchristen kurz nach dem Fall
Jerusalems geschrieben sein muss, halte ich für falsch, denn
das neue Jerusalem ist kein erneuertes bzw.
wiederhergestelltes Jerusalem sondern ein ganz neues und
anderartiges, das vom Anfang der Welt an bei Gott war (Syr.
Baruch 4 : 1—6) und von Mose auf dem Berge Sinai geschaut
wurde (4 Esra 4). Diese Vorstellung konnte erst nach dem
Jahr 70 aufkommen, woraus wir den Schluss ziehen dürfen,
dass – auch aufgrund von Gal. 4: 26 – der Brief von Paulus
an die Galater nach 70 datiert werden muss. Brandon macht
meiner Meinung nach den gleichen Fehler, den F. Dijkema2
machte, als dieser das Jerusalem mit den zwölf Namen der
Stämme Israels auf den Toren dem Judenchristentum des Autors
zuschrieb. Ich glaube, hier spricht viel mehr ein
antijüdischer Katholizismus, der die Vorstellung dem A.T.
entnimmt: Der Christ betrachtet sich selbst als Erbe des
Heils, das die Juden verspielt haben.
Mit Brandons Prämissen kann man oft zu total gegensätzlichen
Schlussfolgerungen kommen. Er selbst nennt seine Daten
quantitativ mager und qualitativ schwach, aber die
unwiderlegbare Tatsache, dass nach 70 die Jerusalemer
Gemeinde ganz aus dem Leben und dem Interesse der
Katholischen Kirche verschwindet, nachdem die Muttergemeinde
zuvor sogar für Paulus Autoritätsmittelpunkt war, erklärt er
wortreich als etwas Selbstverständliches (S. 183).
Demjenigen, für den die ± 150 geschriebene Apostelgeschichte
keine verlässliche Geschichtsquelle ist und die Paulusbriefe
keine private Korrespondenz aus der Zeit vor dem Jahr 70,
bedeutet diese Art zu argu-
1 Publiziert in „N.T.T.“
1916-1919, 1921 und 1923. 2 In „N.T.T.“ 1926, Hz. 37.
28
mentieren gar nichts. In ihrer markionitischen Form geben
die Paulusbriefe übrigens kein Anzeichen für eine besondere
Stellung, die die Gemeinde Palästinas im christlichen Leben
innegehabt hätte. Der Paulus des Markion lehnt die Partei
der Judaisierenden in Rom ab, bekämpft aber deren Fabel vom
ursprünglich palästinensischen Christentum nicht, etwa mit
Worten wie: „Das hat es nie gegeben“, — so etwas gehörte
nicht zum Stil des Widerstands des Paulus gegen und
Unabhängigkeit von judenchristlicher Autorität.
Musste die römische Gemeinde, nachdem sie es nun einmal
unternommen hatte, die Kontinuität von Altem und Neuem
Testament zu dogmatisieren, den alexandrinischen Christus
zum jüdischen Messias zu machen und den Christusmythos zu
historisieren, nicht notwendigerweise zu einem nach Micha 5
: 1; Jes. 8 : 23; 9 : 1 in Palästina erschienenen Christus
kommen? Tertullian (adv. M. I 19) zufolge ließ Markion in
seinem einzigen Evangelium Christus Jesus im 15. Jahr des
Tiberius vom Himmel niedersteigen in Kapernaum, zur gleichen
Zeit und am gleichen Ort also wie bei Lukas (3:1). Die
Markioniten errechneten zwischen Christus und Markion 115
Jahre und einen halben Monat. Wenn wir vom Jahr 29 ausgehen,
kommen wir somit auf 144, was nach Barnikol 1 –anders als
bei den meisten Forschern– Markions Todesjahr wäre, während
es in der Regel als das Jahr seines Ausschlusses aus der
Römischen Kirche aufgefasst wird. Anscheinend hat schon
Markion das Jahr 29 als Erscheinungsjahr Christi bestimmt.
Den monarchischen Episkopat, einen neutestamentlichen Kanon,
ein Credo, die Verehrung des Paulus als des kanonischen
Apostels gab es zuerst in der Markionitischen Kirche. Die
antimarkionitische Kirche deklariert dann die Kanonizität
der Pastoralbriefe. Deren Tendenz beschreibt Barnikol
humorvoll: „Die neue Kirche brauchte am dringendsten
Kirchenordnungsbriefe und Bischofsbriefe, die gleichsam der
,Episkopus Paulus’ in weiser Voraussicht für die Lage der
werdenden Kirche im Jahrhundert später, rechtzeitig
geschrieben hatte“ 2. Derselbe Gelehrte datiert die Gründung
der frühkatholischen Kirche auf ± 155 und ist zu Recht der
Meinung, die römische Gemeinde sei viele Jahre mehr oder
1 In „Theol. Studien und Kritiken“, 103. Jahrg.,
1931 S. 208. Auch gesondert erschienen als „Die
Entstehung der Kirche im zweiten Jahrhundert und die Zeit
Markions“. 2. Aufl. Kiel, 1932. 2 „Die Entstehung der
Kirche“, S. 28.
29
weniger „markionitisch“ gewesen. Das entspricht der seit
langem von mir verteidigten Ansicht, Markion sei Häretiker
geworden, indem er mit dem in Richtung auf Judaisierung
gehenden Kurs der Gemeinde nicht mitmachen konnte und
wollte. Dies nicht, weil er ein neuerungssüchtiger Ketzer
gewesen wäre, sondern weil er eine ältere Phase des
Christentums vertrat, seinen antinomistischen Sympathien
treu blieb und den Asketismus des ursprünglichen Glaubens
nicht erlahmen lassen wollte, wie Rom das mehrheitlich tun
sollte. Brandon 1 sieht das älteste synoptische Evangelium,
seiner Meinung nach das des Markus, als eine Neuerung in
Glauben und Praxis des Christentums (S. 184). Eine solche
Jesusbiografie sei durch den Fall Jerusalems erforderlich
geworden. Lohmeyer2 hat darauf hingewiesen, dass Markus die
Reputation Galiläas auf Kosten Jerusalems groß redet.
Brandon hält auch das für eine Folge des Jahres 70 (S. 197).
Er sieht Markus unter dem Einfluss des Paulinismus, und das
ist auch meine Meinung. Allerdings ist Markus, obwohl in
seiner kanonischen Form m.E. jünger als Matthäus, Vertreter
eines älteren Standpunkts in der Evangeliumsdarstellung und
steht dem Geist des – alexandrinischen – Urevangeliums
näher. Übrigens Markus, nicht nur Schüler des Petrus,
sondern auch Reisebegleiter des Paulus, soll ja auch der
erste Bischof Alexandrias gewesen sein. Diese Tradition
widerspiegelt noch die Herkunft des ältesten Evangeliums.
Epiphanius (Haer. 51, 6) erzählt, Markus sei erst nachdem er
sein Evangelium geschrieben hatte, von Petrus nach
Alexandria geschickt worden. Daraus lässt sich schließen,
dass Rom Anspruch auf den Ursprung dieses Evangeliums erhebt
und sich schon früh Autorität über das alexandrinische
Christentum anmaßt. Dass die Existenz der alexandrinischen
Kirche erst für die Zeit um 180 geschichtlich bezeugt wird
und dass Eusebius über sie in seinen Quellen nichts gefunden
hat 3, verrät ein bewusstes Vorgehen der römischen
Kirchenleitung. Die hat ein ursprünglich ägyptisches
Christentum totgeschwiegen, da sie selbst eine nach ihrer
Meinung bessere Version des Glaubens hervorbrachte und in
der Christenheit an vorderster Stelle zu stehen wünschte.
1 S. 29, Anm. 29. 2 „Galiläa und Jerusalem“. 3 Harnack,
„Mission und Ausbreitung des Christentums“ 4, 1924 II 706 f.
30
Das Matthäusevangelium wurde geschrieben, um den Heiland als
Messias darzustellen. Während „unser Herr“ in der alten
Vorstellung Jesus Christus ist (Römer 15 : 6; Phil. 2 : 11;
1 Kor. 8 : 5 f.), lässt Matthäus den Jesus das „Höre,
Israel! der Herr unser Gott ist ein einziger Herr“ zitieren.
Hier ist der jüdische Herr, den das alte gnostisierende
Christentum Alexandrias beiseite geschoben hatte, wieder
hereingeholt worden, um das Evangelium für die Massen
akzeptabel zu machen und eine Mauer zu errichten gegen die
großen, aus Ägypten kommenden Gnostiker: Basilides,
Karpokrates, Valentinus u.a. Hinweise in der
frühchristlichen Literatur auf ein Evangelium der Ägypter
erhärten ebenfalls die Auffassung, dass es im Land am Nil
Christen gnostischer Färbung gegeben hat. Walter Bauer 1
stellt dieses Evangelium der Ägypter als heidenchristlich
dem Evangelium der Hebräer gegenüber, welches ebenfalls in
Ägypten entstanden sein soll, und zwar in der ersten Hälfte
des zweiten Jahrhunderts in Griechischer Sprache: das Leben
Jesu, wie es die ägyptischen Judenchristen lasen. Für mich
ist das ein Nachklingen der Tübinger Hypothese, derzufolge
es im frühesten Christentum zwei Kategorien von Christen
gab. Tatsächlich dürfte das sich in Ägypten zum Christentum
entwickelnde Judentum ein variantenreicheres Bild abgegeben
haben. Den Ursprung des Christentums sollte man nicht in
Palästina suchen, sondern in Ägypten.
Jüdischen Gelehrten wie Montefiore und Klausner zufolge
waren die Messiasvorstellungen der Juden aus dem ersten
Jahrhundert unserer Zeitrechnung vage und uneinheitlich. Dem
palästinensischen Judentum war ein präexistenter, göttlicher
Messias eine ganz fremde Vorstellung, Dasselbe gilt
für den Kult eines Heroen, Königs oder Lehrers, in dem die
Gottheit wohnt. Der Glaube, ein Mensch könne Gott werden
oder Gott ein Mensch, passt nicht zum Judentum. Dergleichen
Ideen stammen aus dem Hellenismus2 und der alexandrinische
war dafür empfänglich.
Philos Schrift über die Nachkommenschaft Kains erwähnt die
Existenz einer antinomistischen gnostischen Sekte im
alexandrinischen Judentum. Die Nachkommen Kains
1 „Rechtgläubigkeit und Ketzerei im ältesten
Christentum“. Tübingen 1934, S. 55—57. 2 Gerald
Friedländer, „Hellenism and Christianity“. London
1912.
31
sind nämlich nicht die alten Sophisten im Allgemeinen
sondern eine spezielle Richtung in der unmittelbaren
Umgebung Philos, was aus mehreren Details hervorgeht.
Schwerlich kann man von den griechischen Philosophen sagen,
sie würden erhabene Reden über Heiligkeit und
Gottesverehrung von sich geben und anhören, gleichzeitig
aber in ihrem Innern einer gottfeindlichen Gesinnung frönen.
Genau so wenig passt zu den griechischen Philosophen, sie
hätten sich gegen die Beschuldigung der Gottlosigkeit
verteidigt mit der Behauptung: Wir sind von unserm
Lehrmeister Kain vortrefflich ausgebildet worden, er hat uns
den Rat gegeben, das Nahe mehr zu verehren als den weit
entfernten Schöpfer; man muss Kain schon deshalb folgen,
weil er durch deutlich öffentliche Taten die Kraft seiner
Lehre bewiesen habe, namentlich durch den Sieg über Abel,
der die entgegengesetzte Lehre vertrat. Dass Philo
tatsächlich auf eine zeitgenössische Gefahr anspielt, zeigt
sich in seiner Beschuldigung, die Kainiten würden
Grenzsteine versetzen: Die Grenzen wurden nicht von unserer
Generation festgelegt sondern von Vernunftmächten, die vor
uns da waren und älter sind als alles Irdische und
Göttliche. Die Kainiten sind in ihrer verfluchten
Gottlosigkeit so weit gegangen, dass sie nicht nur für sich
selbst Gruppierungen gründeten, sondern auch die frommen
Massen Israels zum Beitritt zwingen wollten, indem sie ihre
eigenen Führer und Lehrer bei Wahlen aufdrängten. Die
Wendung „Die sophistische Schar der Menschen von heute“
zielt mit Sicherheit auch auf Zeitgenossen Philos 1, auf
Autonome, die dem alttestamentischen Gott den Gehorsam mehr
oder weniger aufgekündigt hatten. Trotz aller Aufgeklärtheit
muss Philo gegen all das eine starke Abneigung empfinden.
Jene jüdisch-gnostische Sekte der Kainiten hatte dann ihre
geistige Nachkommenschaft in den bei Irenäus2 erwähnten
Kainiten, die Kain als die göttliche Kraft verehrten. Den
Gott des mosaischen Gesetzes betrachten sie als ein nur
untergeordnetes halbgöttliches Wesen namens Jaldabaóth. Den
Peraten zufolge gefiel dem niederen Gott Kains Früchteopfer
nicht; hingegen nahm der Herr dieser Welt, der sich am Blut
erfreut (Hippol. V 16, 8),
1 Man vergleiche auch Cherub. 65 vv.; Sacrif. 2; qu.det. 1,
32, 34, 36. 2 I 31, 2. Auch Philaster von Brescia (± 390)
sagt – im Anfang seiner Ketzergeschichte –, Ophiten,
Kainiten und Sethianer habe es schon vor der Ankunft Christi
gegeben.
32
Abels blutiges Opfer begeistert an. Nach Markion ist
Christus in den Hades hinabgestiegen, um unter anderen auch
Kain zu befreien. Den Abel ließ er dort zurück, weil dieser
den Judengott verehrt hatte. In diesem Gedankenkreis ist
Kain Diener des wahren Gottes, erleuchteter Gegner des
Demiurgs und Weltenschöpfers. Hauptziel der Gnosis war es
ja, den Menschen der Sinne aufzuwecken zum Selbstbewusstsein
und ihn so zu befreien von der Herrschaft der niederen
Mächte, insbesondere vom alttestamentlichen Gott. Erinnert
das alles nicht an die von Philo bekämpften Kainiten, die
den eigenen Geist mehr verehrten als einen transzendenten
Herrn ?
Hegesippus behauptet1, alle Häresie sei dem Judentum der
vorchristlichen Zeit entsprossen. Sowohl die jüdische
Orthodoxie als auch die christliche in späterer Zeit lehnten
sie ab. Später haben dann aber die Christen jegliche
Beziehung zur jüdischen Diaspora geleugnet und auch die
jüdischen Sekten nicht mehr als den Schoß, der die
christlichen Häresien geboren hatte, gelten lassen; nunmehr
machten sie Simon Magus zum Erzketzer: „den Meister und
Erzeuger aller Häretiker“, wie er von Irenäus genannt wird.
Sofort nach dem Ableben der Apostel sei die häretische
Gnosis aufgekommen. Das Unkraut habe erst sprießen können,
nachdem der gute Samen ausgesät worden war. Clemens
Alexandrinus hat das in gut orthodoxer Weise dargestellt2.
Die Kirche ist das erste Christentum, „die wahre und
wirklich alte Kirche“, eins wie Gott selbst eins ist.
Historisch zutreffend ist diese kirchliche Version nicht.
Der radikalste Flügel der allegorisierenden alexandrinischen
Schule dürfte über den jüdischen Gottesbegriff
hinausgegangen sein und den gnädigen Gott der Liebe dem
blutdürstigen Weltschöpfer des Gesetzes entgegengestellt
haben. Der Christ Markion, Christ einer älteren Richtung als
die der Gemeinde Roms, die sich auf den Weg zur Weltkirche
und zur weltlichen Kirche machte, nahm die Worte seines
Christus ernst: „Ich bin gekommen, Gesetz und Propheten
aufzulösen.“ Markion war der vorkatholische Christ; er
lehnte den fleischlichen Christus der Kirche und deren
Gesetzlichkeit ab. Diesen Antijudaismus darf man nicht mit
Antisemitismus gleichsetzen. Wie wir sahen,
1 Bei Eusebius, H.E. IV 22, 7. 2 Strom. VII 107.
33
hatte er seinen Vorläufer in den antinomistischen Kreisen
Alexandrias. Man kann sich keinen krasseren Antinomismus
vorstellen als denjenigen, der sich im Schoß des Nomismus
selbst entwickelt.
Wenn Kayser 1 Recht hat mit seiner Behauptung, für Markion
sei der ursprüngliche Gegensatz nicht der von Gesetz und
Evangelium, sondern der von Natur und Gott gewesen, dann hat
dieser Häretiker der Gemeinde Roms ein Zugeständnis gemacht
mit der Verlegung des Schwerpunkts vom Metaphysischen zum
Ethischen. Markions Doktrin war fast ganz frei vom
mythologischen Beiwerk der sonstigen Gnosis und insofern der
sachlichste Ausdruck des neuen Weltempfindens 2. Ist das nun
nicht die von der werdenden katholischen Kirche judaisierte,
von Markion jedoch bewahrte Form eines ursprünglichen
Christentums: Christus, der uns erlöst von der Welt und
ihrem Gott und zu Kinder des Vaters macht?
Im Verlauf des zweiten Jahrhunderts lässt sich die römische
Gemeinde eher von einem veränderten Judaismus leiten als von
hellenistischer Theosophie. Sie will, – typisch römisch! –
dass an homologia, Bekenntnis und Schrift
festgehalten und die Vergangenheit, namentlich diejenige der
alten Institutionen Israels, in Ehren gehalten wird; das
Christentum wird nicht als neue Offenbarung sondern als
Vollendung all dessen, was in der Vergangenheit wahr und
wichtig war, dargestellt. Die Kirche hat die Vorrechte des
auserwählten Volkes Gottes übertragen bekommen.
Für Boussets Empfinden, die dualistische Gottesidee Markions
habe mit Persien zu tun, spricht die Chronologie des
Letztgenannten. Für die Periode vom Sündenfall bis zu seinem
eigenen Auftritt berechnete er 3000 Jahre. Dem jüdischen
Kalender zufolge befinden wir uns heute im Jahr 5713;
Markions Auftreten, datiert auf ± 144 nach Chr., wäre dann
im Jahre 3905 nach dem Sündenfall gewesen. Somit muss er
eine andere als die jüdische Chronologie verwendet haben.
Die runde Zahl 3000, offensichtlich nicht im Sinne moderner
Zeitberechnung aufzufassen, sondern auf eine antik-religiöse
Geschichtsphilosophie beruhend 3, erinnert uns sogleich an
die vier Perioden von je 3000 Jahren, die in Persien die
Weltenuhr bildeten und von denen die eine durch den
1 In „Theol. Studien und Kritiken“ 1929, Bd. 101, S.
279 ff.. 2 Hans Jonas, „Gnosis und spätantiker Geist“,
Göttingen 1934, S. 173 f., 231. 3 Vgl. Boendahishn XXIV.
34
Kampf zwischen Licht und Finsternis gekennzeichnet ist. Wir
kennen diese Vorstellungen aus dem Werk des Esnik von Kolb
in Armenien (5. Jahrhundert)
Wider die Sekten l,
dessen viertes und letztes Buch die Markioniten abhandelte.
Ihre Irrlehre habe darin bestanden, dass der Gute, der im
dritten Himmel wohne (vgl. 2 Kor. 12 : 2—4), 29 Generationen
lang zusah, wie die Seelen in der Hölle gefoltert wurden,
dann aber aus Mitleid seinen Sohn Jesus Christus sandte.
Harnack2 sieht darin 29 Jahrhunderte und Barnikol 3 sieht in
den 29 die Absicht Markions, sein eigenes Auftreten als die
Vollendung der Erlösung darzustellen. Dass Jesus sein
öffentliches Wirken im Alter von dreißig Jahren beginnt,
stimmt in bemerkenswerter Weise überein mit Zarathustras
erstem Auftreten im gleichen Alter. Auch dessen Nachfolger
in den beiden folgenden Millennia beginnen ihr öffentliches
Wirken als Dreißigjährige 4.
Mit seinen weltumfassenden Plänen ging Markion zum
kaiserlichen Rom, weil er von dort aus bessere
Erfolgschancen hatte, obwohl dann schließlich doch der
Osten, insbesondere Edessa 5, seine Christentumsvariante
bevorzugte. Den Anfangsworten seines einzigen Evangeliums
zufolge konnte er der Historisierung des Mythos zustimmen
und auch der Festlegung der Heilsgeschichte, geographisch in
Palästina und chronologisch in die Zeit des Kaisers
Tiberius. Was könnte nun aber zur Fixierung gerade in diese
Zeit geführt haben?
Hieronymus sagt, kein Prophet habe so deutlich von Christus
gesprochen wie Daniel. Die siebzig Jahre von Jeremia 25:11
f. (27 :7; 29 : 10), nach denen die Zerstörung Jerusalems
beendet werden sollte, waren von Daniel als Jahrwochen
interpretiert worden. Im zweiten Jahrhundert verwendeten die
Christen die vom Proselyten Theodotion angefertigte
Übersetzung Daniels, eine unter Berücksichtigung des
Urtextes überarbeitete Septuagintaversion. Darin lautet
Daniel 9:26: „Und nach den 62 Wochen wird ein Gesalbter
ausgerottet werden“; verständlich, dass der frühchristliche
Leser darin die Vorhersage vom
1 H. H. Schaeder, in „Z.D.M.G.“ 278, 1941, noemt het:
„De Godheid“.
2 „Markion“ 2, S. 23 *. 3 In „Theol. St. u. Kr.“ 103.
Jahrg. 1931, S. 208 ff.. 4 Siehe Artikel „Ages“ in „Hastings
Encyclopaedia“. 5 W. Bauer, a.a.O., S. 22, 34.
35
Tod seines Herren erkannte. Diesen Text zitierend sagt
Tertullian (ad Judaeos 8): „so kann man die Zeiten des
dux Christus, der kommen wird; erforschen, wir werden
bei Daniel auf ihre Spur kommen.“ Die Zeit der Zerstörung
Jerusalems war für die Juden das Ende der 70 Jahrwochen; da
hätte der Messias auf den Plan treten müssen, aber Israels
Sünde hat dies unmöglich gemacht.1
Das älteste Evangelium, ein gnostisches, enthielt kaum mehr
als das Kommen, Leiden, Sterben und Auferstehen des
himmlischen Christus; der Herrscher dieser Welt spielte
dabei zusammen mit seinen dämonischen Gehilfen die Rolle des
Nachstellers und Kreuzigers. Chronologische Details dürfte
es nicht enthalten haben. Der Historisierungsprozess des
Mythos mit der antidoketischen Tendenz der entstehenden
Großkirche verlangte die geschichtliche Verankerung der
Erzählung vom Gottmenschen. In der Auseinandersetzung mit
dem ungläubigen Judentum, das die Prophezeiung wegen der
Sünde Israels als noch unerfüllt betrachtete,
interpretierten Christen, für die der Unglaube Israels
Christus gegenüber dessen größte Sünde war, den Fall der
Stadt und des Volkes als Strafe für diesen Unglauben 2.
Daniel wird dann zum Kronzeugen dafür, dass Christus schon
da war und wann er da war. Die 70 Jahrwochen geben Auskunft
über das Jahr seines Erscheinens. Die Evangelien sind
offensichtlich mit dem Buch Daniel vertraut (vgl. Matth.
24:15; Markus 13 : 14). Aus Anlass der Prophezeiung Jesu von
der Zerstörung des Tempels fragen die Jünger in der
synoptischen Apokalypse: „Wann wird das sein, und was ist
das Zeichen deiner Ankunft und der Vollendung des
Zeitalters? “ (Matth. 24 : 3). Hier gehören also wie bei
Daniel der Untergang des Tempels, das Kommen des Messias und
das Weltenende zusammen.
Josephus (B.J. VI 5, 4) berichtet: „was den Juden Mut machte
zum Krieg gegen Rom, war eine alte, in den heilige Schriften
gefundene Aussage, dass um diese Zeit jemand aus ihrem Lande
1 Dazu mein Aufsatz in „N.T.T.“, 1933, S. 237-248: „Anno
Sancto“.
2 Vgl. H. Windisch, „Der Untergang Jerusalems (Anno 70)
im Urteil der Christen und Juden“. Leiden 1914, S. 9:
„die Schuld von Golgotha“; S. 4: „die Antwort Gottes
auf das frevelhafte kreuzige ihn, kreuzige ihn.“
36
die Welt beherrschen werde.“ Bestätigt wird das von Tacitus
(Hist. V 13): „die Mehrzahl hegte die Überzeugung, in den
alten Schriften der Priester stehe, gerade in dieser Zeit
werde das Morgenland mächtig werden und Männer aus Judäa
würden sich der Weltherrschaft bemächtigen“ (vgl. auch
Suetonius, Vespas. 4). Nachdem dann die jüdische Hierarchie
durch die Ereignisse des Jahres 70 n. C. ihre Ohnmacht
gezeigt hat, ist die Zeit reif für den Gedanken, der wahre
Messias sei schon da gewesen, und die jüdische Heilige
Schrift muss das bezeugen. Mit der Festlegung des 15.
Regierungsjahres von Kaiser Tiberius als das Jahr, in dem
Jesus öffentlich auftrat, war gleichzeitig das historische
Milieu gegeben, zu dem unter anderen auch Pilatus und
Herodes gehörten. Flavius Josephus, gewiss eine Quelle für
die lukanische Apostelgeschichte, konnte zur historischen
Ausstattung des Erzählten einen nicht hoch genug
einzuschätzenden Beitrag leisten. Die jüdischen Propheten
hatten bereits im Namen des Judengottes selbst den Untergang
des Volkes, des Landes, der Stadt und des Tempels sowie die
Zerstreuung unter den Heiden vorhergesagt. Die Ereignisse
des Jahres 70 waren die Erfüllung dieser
Unglücksprophezeiung. Ein hellenistisch aufgeklärter Jude,
der über den rachsüchtigen Gott des Gesetzes einen höheren,
liebevollen Gott kennen gelernt hatte, der vom konservativen
orthodoxen Judentum verworfen wurde, konnte ohne weiteres im
Festhalten am Überlieferten das Verbrechen am Sohn des
Vaters sehen, der als Mysteriengott auf die Erde gekommen
war. Der musste dann unter den Juden in Palästina erschienen
sein, nicht nur, weil Palästina das heilige Land war,
sondern auch, weil dadurch die Bosheit des „auserwählten
Volk“ offenbar werden würde, das deshalb seinen Anspruch auf
das Heil verlor, welches nunmehr dem wahren, dem
spirituellen, Israel in den Schoß geworfen wurde. Noch im
Hebräerbrief (10 : 29) heißt es: „Wieviel schlimmere Strafe,
meint ihr, wird der verdienen, der den Sohn Gottes mit Füßen
getreten und das Blut des Bundes, durch das er geheiligt
wurde, für gemein erachtet und den Geist der Gnade geschmäht
hat?“ Und an anderer Stelle im selben Brief finden wir eine
Rede von Christus zu Gott (10:5), gehalten bei seinem
Eintritt in die Welt, ein Zitat aus Psalm 40 : 7—9 in der
Übersetzung von Aquila, Symmachus und Theodotion:
„Schlachtopfer und Opfergabe hast du nicht gewollt, einen
Leib aber hast du mir bereitet“ Das A.T. fordert von
Christus, dass er seinen Leib opfere. Gesagt wurde das
37
bei seiner Menschwerdung, die mit seinem ersten Auftreten
zusammenfällt; wie bei Markion kommt er als Erwachsener in
die Welt. In Hebr. 9:25 f. wird dann die „Theologie der
Einmaligkeit“ vorgetragen (vgl. Hebr. 7:27; 9:12; 10:10):
Christus opfert sich ein einziges Mal, als Mysteriengott der
letzten Weltperiode, vor dem Ende aller Dinge. Durch sein
Kommen wird das Maß der Sünden Israels voll (Barnabasbrief
5:11 f., vgl. 4:14; 5:8; 6:7; 14:5). Zwar hatte Mose den
Bund bekommen, aber die Juden waren dessen nicht würdig (Barn.
14:4) und somit erbten ihn die Christen (t.a.p.). Auch das
nur in Fragmenten überlieferte Petrusevangelium gibt den
Juden die Schuld am Leiden und Sterben Jesu und spricht von
einem Gericht über Jerusalem (vs. 25).
In der Kerygma Petrou, von welcher Clemens Alexandrinus uns einige Brocken überliefert hat, scheint mir
die Identifizierung des Herrn und Heilands mit Gesetz und
Wort (Nomos und Logos) von Bedeutung. Harnack 1 meinte, dies
sei eine späte Formel. Dann aber wohl doch nicht später als
die Mitte des 2. Jahrhunderts. Im Paedagogus
des Clemens von Alexandrien (I 88, 3) wird der Sohn als die
ewige Gerechtigkeit des Vaters bezeichnet. Er ist zu den
Menschen herabgestiegen „im Buchstaben und Leib, im Wort und
im Gesetz.“ Ich glaube nicht, dass man das als Chiasmus
sehen muss, wobei Buchstabe mit Gesetz und Leib mit
Wort korrespondieren würde. Ich halte es für
wahrscheinlicher, dass „Wort und Gesetz“ attributiv zu
„Leib“ gehören. Der Buchstabe bedeutet dann das A.T., das
Gesetz; der Leib weist auf die Erfüllung des Gesetzes hin,
woraus folgt, dass wir den Sohn als Logos und Gesetz, als
vernünftig interpretiertes Gesetz, betrachten müssen. Wir
denken dabei an die Aussage des Justin Martyr (Dial. II -
Anm. des Übersetzers: falsche Stellenabgabe; gemeint ist
offenbar Dial 51:3; 118:3 ),
der Christus als das neue Gesetz und den neuen Bund
bezeichnet. Zu Recht hat Bousset das Predigt-Zitat in einem
unmittelbaren Zusammenhang mit den Grundbegriffen der
stoischen Weltanschauung gesehen2, in der ja Logos und Nomos
eine große Rolle spielten 3. Der Grieche „anerkannte die
Autorität der Gemeinschaft und deren Regel, weil sie
vernünftig waren .... Nomos.... stand für ihn in einem engen
Bezug zu
1 „Chronologie“, S. 473, Anm. 1. 2 „Kyrios
Christos 2“, Göttingen 1921, S. 300. 3 Vgl. „Stoicorum
veterum fragmenta“, ed. Arnim I 162.
38
Logos.... eine Offenbarung der Natur und der ihr
innewohnenden Vernunft“ 1.
Dass die werdende Kirche sich der stoischen Weisheit
angeschlossen hat, zeigen nicht nur in absolut eindeutiger
Klarheit 1 Kor. 13 und Handlungen 17 : 16 ff., sondern auch
Phil. 2: 6 ff. und der Hebräerbrief, wo Christus durch
Leiden vollkommen gemacht wird. In diesen letztgenannten
Stellen wird der Heroismus, die prokopé, das
Weiterschreiten, die Entwicklung gelehrt, etwas, das dem
alten gnostischen Christentum Römer 8 : 3, 32 zufolge nicht
bekannt war; auch der Christus des vierten Evangeliums zeigt
keinerlei Entwicklung. In Markions Version – mit Sicherheit
älter als die kanonische – lehrt Gal. 1:1, dass Christus
sich selbst auferweckt hat, nach Art eines Mysteriengottes.
Aus den Arbeiten Couchouds kann man immer etwas lernen. Es
erstaunt mich jedoch, dass er, auch noch nachdem ich auf
seine Bitte für seine Serie Christianisme meine
Litérature chrétienne primitive geschrieben hatte, die
Holländische Radikale Schule nicht zu kennen scheint, dass
er die mögliche Unechtheit der Paulina nicht einbezieht und
die Handlungen weit weniger kritisch sieht, als es vor einem
Jahrhundert die alten Tübinger taten. Meine Ansichten über
die Evangelien, den Hebräerbrief, das Buch der Offenbarung,
die Ignatiana, kurz, über das Werden des Christentums bis
Irenäus, unterscheiden sich ganz und gar von denen Couchouds.
Er geht ruhig und selbstsicher seinen eigenen Weg, ohne
abweichende Ansichten zu bekämpfen. Gegen ein solches
Vorgehen habe ich dann auch wiederum nichts einzuwenden.
Was das Buch der Offenbarung betrifft, ist das, was mich von
Couchoud unterscheidet, weniger wichtig, als es der erste
Eindruck vermuten lassen könnte. Wir sind beide davon
überzeugt, dass der Text in seiner kanonischen Form eine
Überarbeitung ist, genauso wie die Paulina auch, wovon
Johannes Weiss zu Recht geschrieben hat, dass sie
ausnahmslos von kirchlicher Seite überarbeitet worden sind.
Couchouds Hypothese einer zweifachen Edition des Buches der
Offenbarung hat mich so wenig überzeugt wie seine Annahme
von Interpolationen wie zum Beispiel 17:9-11. Zwar sagt Dr
G. Hartdorff in seiner sich mit mir befassenden
Dissertation, ich würde im N.T. überall,
1 Dr D. Loenen, „Basileia“,
Amst., 1950, S. 7.
39
wo ich es zu meinen Zwecken brauche, Interpolationen
vermuten, das beruht aber auf ein Missverständnis. Wo ich
nämlich kürzere Versionen von Paulusbriefen bevorzuge,
geschieht dies ausschließlich aufgrund des Textes von
Markion, dessen Ursprünglichkeit ich meines Erachtens in
jedem einzelnen Fall aufzeigen kann. Völters rücksichtsloser
Umgang mit der Offenbarung habe ich stets als abschreckendes
Beispiel empfunden. Er hat es fertig gebracht, in drei
innerhalb weniger Jahre erschienenen Büchern dieses Werk zu
zerstückeln und hypothetisch die Teilchen drei Mal ganz
unterschiedlich wieder zusammen zu kleben, als ob er es mit
einem Puzzlespiel zu tun hätte, – und das macht er jedes Mal
mit der Selbstsicherheit eines Menschen, der allein alles
besser weiß.
Niemand wird bezweifeln, dass es in der Offenbarung eine
ganze Menge jüdischer Elemente gibt. Die heidnischen sind
aber nicht weniger zahlreich. Das haben die Werke von Boll
und Bousset gezeigt, welche dazu beigetragen haben, der
einseitigen literarischen Kritik am Buch ein Ende zu
bereiten. Lohmeyer1 spricht dann auch von einer Ordnung, die
alle Teile nach Form und Stoff gleichermaßen beherrscht, so
dass es sich nicht um ein Werk vieler Hände zu verschiedenen
Zeiten handeln kann. Dieser gescheite Kommentator lehnt
jegliche willkürliche Quellen- und Überarbeitungshypothese
prinzipiell ab. Der Text ist relativ einheitlich, was
keineswegs ausschließt, dass sein Autor von allerlei Lektüre
abhängig ist. Dass das A.T. dazu gehört, vor allem die
Propheten, merkt man sofort; ohne es explizit zu erwähnen,
entnimmt er ihm vieles. Auch der apokalyptischen Tradition
ist er verpflichtet, und nicht nur der Jüdischen, die
übrigens selbst nicht zum orthodoxen Judentum der Synagoge
gehört. Wo er das A.T. zitiert, tut er das nicht wie ein
Theologe oder ein Rechtsanwalt, der darin Beweisstellen oder
Argumente sucht, auch nicht nach Art einer frommen Seele,
die aus Mangel an Bildung Zuflucht in Bibeltexten sucht.
Seine Zitate sind nicht vollständig, manchmal sind es nur
ein paar zu einem kunstvollen Mosaik geordnete Worte. Obwohl
mit der Bibel so vertraut, dass sein Werk von biblischen
Vorstellungen durchtränkt ist, geht er mit ihr nicht um wie
der Gelehrte, der den Hebräerbrief schrieb. Er geht mit der
Heiligen Schrift vollkommen unbefangen um wie mit sonstiger
Literatur. Auch seine Kenntnis
1 Ernst Lohmeyer, „Die Offenbarung des Johannes“.
Tüb. 1926, S. 182.
40
babylonischer, persischer, ägyptischer und hellenistischer
Stoffe zeigt seinen hohen Bildungsstand. In dieser Hinsicht
erinnert er an Justin Martyr und Clemens Alexandrinus, echte
Literaten, die nicht zögerten, ihrer Theologie klassische
Lehren einzuverleiben. Astrale Mythologie, pythagoräische
Zahlensymbolik, orphische Vorstellungen vom Jenseits und
persische Eschatologie sind hier alle vermischt mit
alttestamentlicher Prophezeiung und jüdischer Apokalyptik.
All diese fremden Elemente sind nach einem Worte Fr. Heilers
zusammengeschmolzen in der Glut „des christlichen Glaubens
an das Ende“ (vgl. 1:3: die Zeit ist nahe, und 22: 20: Komm,
Herr Jesus!). Die große, unzählige Schar vor dem Throne
Gottes und dem Lamm, zusammengekommen aus allen Stämmen,
Völkern und Sprachen (14: 6) schildert den Höhepunkt des
Kampfes, den der Gottesstaat gegen die irdische, d.h. die
teuflische, Welt führt.
Das Jüdische im Buch der Offenbarung ist nicht das echt
Altjüdische, sondern die Frucht der von Bruno Bauer so
genannten Judaisierung des Christentums, der
Kontrarevolution nach dem stark antijüdischen Anfang. Den
haben die Tübinger ganz anders gesehen. Dem pneumatischen,
universalistischen Paulus stellten sie Johannes Apolypticus
gegenüber, der noch ganz und gar im Judentum mit seinem
zürnenden Gott und dem schrecklichen Gericht verhaftet
blieb, mit der Verherrlichung der Werke und einer juristisch
zugemessenen Vergeltung. Die Identifizierung dieses
Christentums mit dem Judentum ging ihrer Meinung nach sogar
so weit, dass die Frau in Kap. 12 gleichzeitig in einer
Person die jüdische und die christliche Gemeinde
symbolisiere. Gerade das ist nun meiner Meinung nach das
Spezifische am katholisierenden Christentum, wobei auch die
Polemik gegen die Häretiker des zweiten Jahrhunderts bestens
ins Bild passt.
Die wichtigsten Gründe für meine von Couchoud abweichende
Datierung der Offenbarung sind:
1. Sie enthält montanistische Vorstellungen; die Montanisten
haben den Text auch gern verwendet.
2. Sie bekämpft eine Richtung der Gnosis, wie vor allem
Basilides sie vertrat.
3. Sie legt Wert auf die rechte Gesinnung in einer Weise,
die man wohl für eine werdende Kirche, nicht aber für den
Anfang des Christentums annehmen kann.
41
Diese Punkte werde ich jetzt näher erläutern.
In Phrygien gab es bereits vor dem Jahr 160 montanistische
Regungen1. Durch den Attiskult war dieses Land darauf
vorbereitet, ein Christentum montanistischer Prägung zu
akzeptieren. Der Asketismus, der Geschlechtsverkehr und
Verzehr von Fleisch und Wein untersagte, gehörte jedoch zu
einem sehr alten Christentum Alexandrias, das später – wie
wir schon sahen – in Rom zu einer laxeren Praxis verwässert
wurde. Mit andern Worten, der Montanismus war zu altmodisch,
um orthodox bleiben zu können, als die Großkirche sich in
einem andern Geist entwickelte. Er verkündete das
unmittelbar bevorstehende Weltenende (wie Offenb. 1:1), die
Dinge, die bald geschehen müssen (1:3), deren Zeit nahe ist
(22:7, 10,20). Jungfräulichkeit und Martyrium werden vom
Montanismus und Offenbarung gleichermaßen gefordert. Bei
beiden spielt Weissagung eine große Rolle (10:7; 11:18;
16:6; 18:24; 19:10): das Zeugnis für Jesus (das Martyrium)
und der prophetische Geist stehen im Zentrum. Das Anstreben
des Märtyrertodes, in der Großkirche verpönt, war bei den
Montanisten Pflicht. Das weiße Kleid der 144.000
Propheten-Asketen-Märtyrer auf dem Berge Zion – gemeint ist
damit das himmlische Zion – im nach Form und Inhalt als
Höhepunkt des Offenbarungsbuches zu betrachtenden 14.
Kapitel (vs. 1—5) ist der von Gott geschenkte
Auferstehungsleib. Dreimal sieben Visionen leiten dieses
Kapitel ein (6:1—13:18) und dreimal sieben führen danach zum
Schluss (15 : 1—21: 5). Ritzema Bos hat darauf hingewiesen,
dass in diesem Bericht nur von männlichen Märtyrern die Rede
ist und hinzugefügt, dass bei Montanus und seinen
unmittelbaren Vorläufern der Asketismus wohl auch für Frauen
gegolten haben dürfte. Das Fehlen weiblicher Märtyrer könnte
meines Erachtens in Zusammenhang stehen mit der
Geringschätzung der Frau in Rom. Ich brauche die
Belegstellen dafür im N.T. nicht aufzuzählen, und noch bis
ins Mittelalter blieb es eine problematische Frage, ob denn
die Frau wohl auch eine Seele habe. Ein Überrest davon
findet sich heute noch in der Niederländischen Reformierten
Kirche in Gestalt des Ausschlusses der Frau vom Predigtamt.
1 Vgl. Boretsch in „Real-Enzyklopädie“, 3. Aufl.
XIII, S. 419. Henri Gaillot, „Le Culte de Cybèle, Mère
des Dieux a Rome“. Paris 1912, S. 403.
42
Jedes Jahr feierten die Montanisten ihre Mysterien, in denen
sie ihr Warten auf das Kommen des himmlischen Jerusalem
Ausdruck gaben – dasselbe also, wonach auch die Offenbarung
Ausschau hält. Das Verbot des Montanus, während Verfolgungen
die Flucht zu ergreifen und seine Entfachung der
Begeisterung für das Martyrium stehen in scharfem Gegensatz
zu Basilides (± 140 Anführer der Häretiker in Alexandria).
Dieser war der Meinung, kein Mensch leide, der das nicht
verdient habe, da man Gott nicht für unverdientes Leid
verantwortlich machen dürfe. Entweder leidet der Märtyrer,
weil er wie unmündige Kinder auch potenziell in Sünde lebt,
oder aber er wird bestraft für seine Sünden in einem
früheren Leben. Es ist das spezielle Vorrecht des
Auserwählten, seine Sünden durch den Märtyrertod ausgleichen
zu können 1. Im Übrigen riet Basilides dazu, dem Martyrium
auszuweichen; der Fanatismus des Asketen war ihm fremd, und
auf Montanisten dürfte er einen Eindruck gottloser Lauheit
gemacht haben. Die Offenbarung spricht wiederholt von
marturein = Zeugnis ablegen2, siehe 2:13, 3:8. In 12:11
schildert sie den Sieg der Märtyrer, die durch das Blut des
Lammes und das Wort ihres Zeugnisses den Teufel besiegt und
nicht das eigene Leben geliebt haben, sondern sogar
freiwillig in den Tod gegangen sind. Das steht im direkten
Gegensatz zur Lehre des Basilides, dass es gleichgültig sei,
ob man in Zeiten der Verfolgung den Glauben, ohne mit der
Wimper zu zucken, abschwor. Ihm zufolge musste man
mitempfinden mit den Weisen, aber sein Reden dem
Durchschnitt anpassen (Eusebius IV 7, 7). Auch das
Verspeisen des den Göttern geopferten Fleisches war ihm
etwas Gleichgültiges; das Buch der Offenbarung untersagt es
(2:15, 20). Dem enthusiastischen Apocalypticus, dem
„glühenden“ Zeloten (3:15 f.), mussten solche Gnostiker wohl
ein Ärgernis sein, die die Auferstehung als bereits
geschehen betrachteten und somit für die Dinge, die bald
geschehen würden, kein Interesse hatten. Für ihn waren sie
wegen ihrer Ablehnung des Martyriums „lau”, in seinen Augen
schlimmer als „kalt”. Man lese die Schriften Tertullians
gegen die Gnostiker aus seiner montanistischen Periode,
insbesondere de fuga 9: Wer leugnet Christ zu sein, hat
damit auch Christus verleugnet; 10: Die Gnostiker sagen, das
Bekenntnis komme erst bei der Himmelfahrt der Seele
1 Vgl. Cl. Al., Strom. IV 12, 81-83; Epiphanius Haer. 24,
4; Philaster, Haer. 12. 2 Siehe „N.T.T.“ 1927, S. 23 ff..
43
und sei auf Erden unnötig.... Der Teufel behauptet, dass
dort bezeugt werden muss, um zur Verleugnung hier verführen
zu können. 12: Der Antichrist steht vor der Türe, ihn
dürstet nach Christenblut, und Gott erlaubt es ihm, den
Glauben auf die Probe zu stellen. In diesem Zusammenhang
weist Tertullian auf das Offenbarungsbuch hin, in dem von
Belohnungen die Rede ist, die den Siegern in der Verfolgung
zu Teil werden (Kap.1).
Die Offenbarung fordert ein Märtyrertum, das mit dem
Evangelium in Einklang ist, wie auch das Martyrium Polycarpi
und die Ignatiana das fordern; sie lehnt übertriebenes
Verlangen nach dem Martyrium ab, das sei ein schnell
gelöschtes Strohfeuer, das leicht zu Abfall führen könne.
Kirchlich genehmigtes Martyrium ist das Ideal. Ou pseudos,
nicht betrügerisch oder lügenhaft, darf der Märtyrer sein,
das heißt, seine Gesinnung muss die eines orthodox Gläubigen
sein. Allo 1 erkennt richtig, dass in 15:4 die Rede ist von
der Genauigkeit und Reinheit des Glaubensbekenntnisses „im
Gegensatz zu jeglichem häretischen Kompromiss.“ Der Lüge,
dem Anhängen falscher Götter, der Häresie, dem formellen
oder praktischen Abfall wird die religiöse Wahrheit
gegenübergestellt. Auch Sickenberger 2 fasst den Begriff
pseudos in dieser Weise auf, wo er in 2:2 Männer, die
sich als Apostel bezeichnen ohne es zu sein, als der Häresie
überführt verurteilt. In seiner Schrift Contra Gnosticos
Scorpiace (= Medikament gegen den Schlangenbiss)
beschreibt Tertullian die Gnostiker als Gegner des
Martyriums. Zunächst sagen sie zu Christen, die ohnehin
schon um das Schicksal der Märtyrer in Sorge sind: „dass
schuldlose Leute sich so etwas gefallen lassen müssen!“ Man
könnte sie darum für Mitchristen oder gutgesinnte Heiden
halten. Dann setzen sie an: „Der Tod dieser Leute ist
zwecklos.“ Umkommen nämlich, und zwar zwecklos, das ist die
erste Ritze. Und dann stechen sie tödlich zu: „... leider
ist es nicht Einfalt, sondern Dummheit, ja sogar Wahnsinn,
für Gott zu sterben; denn dieser will mich ja erretten, - ob
der wohl tötet, welcher zum Heile führen soll? Christus ist
ein für allemal für uns gestorben und einmal für uns
getötet, damit wir nicht getötet würden. Wenn er aber das
gleiche dafür zurückfordert, erwartet er denn auch sein Heil
von meinem Tode?“ In Kap. 5 lehrt Tertullian,
1 „Saint Jean, l’Apocalypse“. Parijs 1921, p. 197, 325. 2
„Erklärung der Johannesapokalypse“. Bonn, 1940, S. 49.
44
dass das Martyrium zum selben Gott gehört, der auch den
Götzendienst bestraft.
Basilides praktiziert Zauberei, eine andere Art des
Götzendienstes. Magie ist wesentlich fallacia = pseudos
(Tertullian, de anima 57; vgl. Iren. I 24, 5). Basilides
konnte mit Zaubersprüchen Statuen beseelen. Eine
bemerkenswerte Parallele dazu findet man in Offenbarung
13:15. Zu seiner pantheistisch gefärbten Weltanschauung
gehörte es, dass man nichts hassen sollte. Das
Offenbarungsbuch hasst ohne jeglichen Skrupel: die Werke des
Häretikers (2:6, 15), die Große Hure (17:16). Basilides war
Gegner übertriebener Askese und war der Meinung,
theatralische Asketen würden sich nur deshalb beherrschen,
weil sie dafür gelobt werden wollten; Irenäus (I 24, 5)
wiederum sagt, die Basilidesanhänger würden Unzucht
betreiben und den Götzen opfern. Daraus lässt sich mit
Sicherheit ableiten, dass das Offenbarungsbuch eine
antignostische Tendenz aufweist.
Den Gnostikern zufolge konnte unsere unvollkommene Welt
unmöglich vom allerhöchsten Gott erschaffen worden sein, sie
sei das Werk des Demiurgen. Die R.K. Kirche sollte dann auch
ihr Apostolisches Glaubensbekenntnis beginnen lassen mit den
Worten: „Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen,
den Schöpfer des Himmels und der Erde.“ Auch das Buch der
Offenbarung katholisiert, indem es Gottes Schöpfertätigkeit
stark betont (4:11; 10:6; 11:15, 17; 14:7). Die Herrschaft
über die Welt hat Satan, bzw. der Demiurg, inne, bis die
Zahl der Märtyrer voll geworden ist (6:11). Wir müssen uns
schon darüber wundern, dass bei der Darstellung einer
himmlischen Ehrbezeugung an Gott in der Huldigungshymne als
einziger Grund für die Ehrbezeugung seine Schöpfertätigkeit
erwähnt wird, und das nicht weniger als drei Mal innerhalb
von ein paar wenigen Versen (4:11). Auffällig ist auch die
Polemik gegen gnostische Engelverehrung (19:10; vgl. Kol.
2:18; Hebr. 1-2, Judas 6, 2 Pe. 2:4, 11).
Basilides sagte vom Allerhöchsten aus, dass er nicht ist.
Wir verstehen, was er damit meint. Der niedere Begriff des
Seins, das Beschränkt-Sein, passt nicht zu ihm. Demgegenüber
sagt Offenb. 1:4 (vgl. 1:8): „Der ist und Der war und Der
kommt.“ Das ist ganz im Sinne des Irenäus, der in seiner
Epideixis (c. 99) lehrt, dass Gott Alleinherrscher ist und
alles aus ihm entspringt. „Sofern irgendwer meinen sollte,
Gott der Vater sei ein anderer als unser Schöpfer, wie
tatsächlich die Irrlehrer meinen, so missachten solche den
wahren Gott und vergöttern ein Nichts.“ Schöpfer
45
beziehungsweise Gott der Juden ist der Seiende, lehrt der
Realismus der werdenden Kirche im Gegensatz zum Idealismus
der Gnostiker, welche, wie es heißt, „einen Vater
erschaffen, der über unsern Schöpfer erhaben ist“. Während
die Gnosis jeglichen historischen Zusammenhang und eine
Einheitlichkeit in der Entwicklung und Führung der
Menschheit leugnet, verwendet Irenäus die Gottesoffenbarung
im Alten und Neuen Testament als Waffe gegen die gnostische
Überheblichkeit und versucht diese so mit einer allgemein
anerkannten Autorität einzudämmen1.
Jener Realismus der Christengemeinde zu Rom war etwas
typisch Römisches.2 Allard Pierson 3 nannte das
Römisch-Katholische „eine Richtung, die in einem überwiegend
praktischen Geist und ausgestattet mit einer
Menschenkenntnis von nicht immer erhabener Qualität, weder
wegen einer Doktrin noch wegen eines kirchlichen Standpunkts
die Anforderungen strenger Logik oder strenger Moralgesetze
sonderlich ernst nimmt, sondern im Gegenteil so viel von
diesen Anforderungen behält oder fallen lässt wie nötig, um
die Menschen des Durchschnitts der christlichen Religion
nicht zu entfremden“. Der Realismus des römischen Geistes
äußert sich in Organisation, Einheitlichkeit, Konzentration,
Hierarchie, Neigung zum Praktischen, Antipathie gegen
Spekulation. Auch im Judentum kommt dieser Geist zum
Ausdruck, wie auch der der Stoa, der römischen Philosophie
der Kaiserzeit. Der jüdische Gelehrte Isaac Heinemann,
Kenner des Judentums und der Römerwelt, wie es nur wenige
gibt, erklärt: „Dem Juden wie dem Römer ist die Satzung die
Grundlage des Daseins“ 4, und der Antisemit Schmökel sieht
in der noch heute typisch legalistischen Denkart der Juden
eine Erbschaft alter Zeiten5. Der Römer sah sich zum
Herrscher über die Welt berufen, der Jude zum Priester über
die Welt6. So konnte dann der römische Geist unter jüdischem
Einfluss die priesterliche Weltherrschaft bzw. die
weltbeherrschende Priesterschaft der Heiligen
Römisch-Katholischen Kirche hervorbringen.
1 Adv. haer. III, 2, 1. 2 Siehe diese „Studiën“ IX,
S. 3-28; „N.T.T.“ 1936, S. 123—128. 3 „Geschiedenis
van het Roomsch Katholicisme, Haarlem I 24 f.. 4 „Die
Griechische Weltanschauungslehre“, Berlin 1932, S. 16. 5
Hartmut Schmökel. „Altes Testament und heutiges
Judentum“. Tübingen, 1936, S. 14. 6 Heinemann, a.a.O.,
S. 34.
46
Die religiöse Wahrheit der alten Gnosis ist von römischen
klerikalen Diplomatie historisiert worden, weil abstrakte
Betrachtung die Gemütsbedürfnisse der Masse nicht
befriedigen kann. Eine anschauliche Erzählung angeblicher
Fakten ist das beste Propagandamaterial. Aber auch abgesehen
davon war der historisierende Glaube ein Fortschritt im
Vergleich zum ahistorischen, überweltlichen und
überzeitlichen Glauben an einen himmlischen Christus. Nur
durch Fixierung in Raum und Zeit entging die Wahrheit des
Evangeliums der Gefahr, in abstrakten Fantasien zu enden. In
seiner Antrittsrede an der Universität zu Amsterdam hat mein
inzwischen von Barbaren ermordeter sympathischer Kollege
Palache 1 gesagt, in der Antike seien Geschichten nicht
erzählt worden, weil sie sich ereignet hatten, sondern
umgekehrt, weil sie erzählt wurden, wurden sie zur Realität.
Bei der Erzählung geht es um konkrete Vorstellung, die der
Erzähler seiner freien Fantasie entnimmt, ohne sich dabei an
Realität oder historischer Tradition halten zu müssen; erst
im Glauben späterer Generationen wird aus der Erzählung
Tradition und Geschichte.
In einer Zeit, da man die Taten und das Leiden des Herkules
bereits in dramatisierter Form kannte, musste das Erscheinen
eines Gottes in Menschengestalt auf Erden nicht befremden.
Justin kann die Jesusgeschichten mit denen über griechische
und römische Götter vergleichen (Apol. I 21); ob diese
Götter nun existiert hatten oder nicht, war nicht von
Bedeutung. Ein Historiker des Jahres 1952 wird aber nicht so
leicht aus dem auf Kreta gezeigten Grab des Zeus den Schluss
auf eine historische Person Namens Zeus ziehen. Dass
Christus in die geschichtliche Vergangenheit eingeordnet
wurde, geschah nicht, weil ihn jemand gekannt hatte oder
Überlieferungen über ihn kannte, – es war das Ergebnis einer
bestimmten Christologie. Den Protest des Apostolischen
Glaubensbekenntnisses gegen den Doketismus ist ein
dogmatischer und darf nicht als Nachweis für Historisches
interpretiert werden. Der doketische Standpunkt muss wohl
sehr stark gewesen sein, wenn ein Ignatius (ad Trall. 9)
schreiben kann: „Verstopfet daher eure Ohren, sobald euch
einer Lehren bringt ohne Jesus Christus, der aus dem
Geschlechte Davids, der aus Maria stammt, der wahrhaft
geboren wurde, aß
1 „Het karakter van het Oud-Testamentische verhaal“, 1925,
S. 20 ff.
47
und trank, wahrhaft verfolgt wurde unter Pontius Pilatus,
wahrhaft gekreuzigt wurde und starb vor den Augen derer, die
im Himmel, auf der Erde und unter der Erde sind, der auch
wahrhaft auferweckt wurde von den Toten, da ihn sein Vater
auferweckte; denn nach diesem Vorbild wird uns, die wir ihm
glauben, sein Vater auch so auferwecken“. Man sieht, auf die
Auferstehung im Fleische kommt alles an für den Antidoketen,
der etwas weiter die Doketen als Ungläubige und Atheisten
bezeichnet. Jesus ist ursprünglich ein Aspekt Gottes: dessen
Liebe, erfahren, personifiziert und dramatisiert von der
Kirche. Dieses Liebesideal ist das innere Gesetz des
Sterbens, um zu leben 1.
Apokalyptik und Mysterienkult enthalten verwandte
Vorstellungen. Während man den Mysterien zufolge das Heil
bereits auf Erden durch sakramentale Vereinigung mit dem
Gott-Heiland und in vollkommener Weise nach dem Tode durch
Unsterblichkeit der Seele erlangt, wird das Heil in der
Apokalyptik nach dem Tod durch die Auferstehung des
Fleisches erworben. Das Christentum der Großkirche verbindet
beide Vorstellungen. Seine Vorläuferin, die christliche
Gnosis, war antifleischlich, asketisch. So z.B. das oben
genannte Evangelium der Ägypter, das man in die erste Hälfte
des 2. Jahrhunderts datiert; der Unterschied der
Geschlechter gilt darin als fatal. Den himmlischen Menschen
der Gnosis denkt man sich dann auch als gleichzeitig
männlich und weiblich, was im Grunde soviel bedeutet wie
ungeschlechtlich. Auch Philo sieht es so. Der Jesus der
Evangelien bleibt lebenslänglich unverheiratet und ist dem
Evangelium der Ägypter zufolge gekommen, um dem Entstehen
und Vergehen, die ihren Ursprung im Begehren haben, ein Ende
zu setzen. Mit Ehe und Geburt muss Schluss gemacht werden
und der spirituelle Mensch muss durch Geschlechtslosigkeit
dem Natürlichen und Armseligen entkommen. Ein Überbleibsel
davon finden wir noch in unseren Evangelien, wo sie,
speziell Lukas, Asketismus und Armut verherrlichen (6:24 f.;
12:16 ff.; 12:33). Auch bei Paulus findet man noch Spuren
(Römer 8:13). In 1 Kor. 7:1 ff. ist die asketische Forderung
wegen der Lebenspraxis abgeschwächt, als Ideal aber doch
noch im Hintergrund erhalten geblieben (vs. 29 und 40) 2. Es
ist ein Geist von Askese, der sagt, der Schöpfer sei ein
anderes
1 Sehr gut hat Gilbert T. Sadler in mehreren wichtigen
Werken darüber geschrieben, u.a. in „The Origin and
Meaning of Christianity“. 2 Vgl. diese „Studiën“,
II S. 52 f..
48
Wesen als der höchste Gott und der sich, um diesen zu ehren,
den Werken jenes entzieht; vgl. das Jesuswort Mt. 19:12.
Origenes hat es gemäß einer richtigen Textinterpretation und
in vollkommener Übereinstimmung mit der östlichen
asketischen Gnosis im Wortsinne praktiziert. In unserem N.T.
findet sich all das durchgehend in abgeschwächter Form; bei
Markion sehen wir dieses original Christlich-Asketische und
-Antijüdische noch in seiner vollen Kraft. Für weniger
gemäßigte und mit üppiger Fantasie ausgestattete Geister als
Markion mündete der gnostische Dualismus von Lichtreich und
Welt, von Sphäre Gottes und Sphäre des Weltenschöpfers, in
der Vorstellung eines Luftraums, der voller weiterer
göttlicher Mächte war, den Äonen, die als Götter niederen
Ranges im Raum zwischen Himmel und Erde herrschten. Die
damit gegebene Gefahr einer Paganisierung des Christentums
wollten die geistigen Leiter der römischen Gemeinde
abwenden. Und sie wollten die Kirche katholisch machen; sie
sollte kein Sekte, kein Kreis von Eingeweihten sein, wie es
die gnostischen Gruppen waren. Bot die Gnosis höhere
Erkenntnis für relativ wenige, sollte das Christentum eine
Religion für alle Menschen sein. Deshalb setzte sich die
katholisierende Kirche über alle Vorbehalte gegen das
Judentum hinweg und suchte einen engeren Anschluss nicht an
die Juden sondern an deren Heiliger Schrift, die zu der Zeit
in griechischer Übersetzung auch bei den Heiden angesehen
war. Das Christusdrama, das sich am Ende der Zeiten
abspielt, wird mit dem Beginn der Weltgeschichte verbunden
an Hand der Gesamtgeschichte eines auserwählten Volkes; die
Historie galt als Vorabbildung dessen, was mit Christus
kommen würde. Ausdrücklich lehrt uns das die Predigt des
Petrus, von der Clemens von Alexandrien (Stromateis VI 128,
1) u. a. dieses Fragment bewahrt hat: „Wir aber schlugen die
Bücher auf, die wir besaßen, verfasst von den Propheten (=
das A.T.), die teils in Gleichnissen, teils in Rätseln,
teils ganz deutlich und mit ausdrücklichen Worten den
Christus Jesus nennen (vgl. Handlungen 9:22; Justin, Apol. I
46), und fanden sowohl sein Kommen als auch seinen Tod und
seine Kreuzigung und alle die übrigen Peinigungen, die ihm
die Juden antaten, und seine Auferweckung und seine Aufnahme
in den Himmel vor der Gründung Jerusalems, wie das alles
aufgeschrieben war, was er leiden musste und was nach ihm
sein werde ... wir erkannten,
49
dass Gott es wirklich angeordnet hatte, und wir behaupten
nichts ohne Schriftbeweis“. Markion hat da nicht mitgemacht,
er interpretierte das A.T. nicht wie die Großkirche
allegorisch, sondern buchstäblich. Ihm zufolge hat Christus
die Menschen erlöst von der Welt und ihrem Gott, dem
Schöpfergott der Juden. Nichts anderes hat er getan. Von
zahlreichen Äonenpaaren, von fantastischen Geschichten über
den Fall der Sophia und der dadurch verursachte Erschaffung
der Welt finden wir bei Markion ebenfalls nichts. Als
die römische Gemeinde aus Furcht vor dem Rückfall ins
Heidentum sich der extremen Gnosis widersetzt und sich dabei
auf das A.T. stützt, wird auch Markions weit weniger
komplizierte Gnosis häretisch, obwohl diese dem
ursprünglichen Christentum näher war. Die römische Gemeinde
geht dazu über, den Schöpfer und Herrn der Natur mit dem
Vater von Jesus Christus zu identifizieren (Hebr. 1:1).
Durch diese Gottesidee wird das Abgleiten in einen
unerwünschten Vorstellungskreis verhindert und das Band
zwischen Schöpfung und Erlösung erhalten. Dennoch scheint in
manchem christlichen Text innerhalb und außerhalb des N.T.
jener gnostische Hintergrund noch durch, der das gnostische
theosophisch-kontemplative Urevangelium gewesen sein muss.
Um so aussagekräftiger sind solche Texte, als sie trotz
ihres häretischen Inhalts dennoch in der kirchlich
besiegelten Schrift erhalten geblieben sind. Anscheinend
hatte die orthodoxe Zensur sie übersehen. Wo es heißt, der
Sohn des Menschen sei (aus dem Himmel) gekommen, um sein
Leben zu geben als Lösegeld für viele, kommt die Frage auf:
wem wird dieses Lösegeld gezahlt (Matth. 20:28)? Die einzig
mögliche Antwort lautet: dem Herrscher dieser Welt, dessen
Sklaven die Menschen waren; von ihm werden sie losgekauft.
Eine paulinische Vorstellung! Gott hat Christus für uns
hingegeben (Römer 8:32), nämlich an die niederen, in dieser
Welt herrschenden Mächte: an den Demiurgen mit seinen
Kumpanen (vgl. auch Römer 8:3 eine doketische
Christusvorstellung, und 1 Kor. 2:8; Römer 4:24 usw.).
Infolge der römischen Kirchenpolitik des zweiten
Jahrhunderts schleppt der Christ von heute immer noch eine
Menge mit von dem, was als
1 Vlg. mein „De oudste
Christelijke geschriften“, Den Haag 1946, S. 13-16.
50
vorchristlich und unter dem Niveau des Christentums
eigentlich verworfen werden sollte. Dazu gehört dann nach
Meinung eines nicht gerade ultra-linken Theologen 1 auch.. .
Jahwe, den die Christliche Gemeinde nicht in Anbetung loben
kann, da schon sein Name ihn von anderen Göttern
unterscheidet und somit diese anderen Götter voraussetzt.
Die Geschichtsauffassung Israels, welche die Geschichte des
von Jahwe auserwählten Volkes in den Rahmen der
Weltgeschichte einfügt, dabei mit der Schöpfung anfängt und
die Endzeit zusammenfallen lässt mit der Verherrlichung
Israels, war inzwischen nur allzu gut verwendbar für das
kirchlich werdende Christentum in Rom. Trotz aller
Verachtung für die Juden selbst, eignete es sich deren
Heilige Schrift an und betrachtete sich selbst als Erbe der
von den Juden verwirkten Verheißung. In der Tat haben wir
eine Phase in der Religionsentwicklung, die mehr als die
gnostischen Systeme mit deren mythologischer Überfrachtung
in Richtung Historie geht; diese Historie ist aber nicht
das, was wir heute unter Historie verstehen. Man wollte die
abstrakte Idee konkret haben, als immanente treibende Kraft
der Wirklichkeit. Es war aber gewollt, absichtsvoll,
tendenziös, nicht Geschichte, sondern kirchlich festgelegte
Heilsgeschichte. Mit dem, was heute als Weltgeschichte gilt,
hat es nicht mehr zu tun als Frage und Antwort aus dem
Heidelberger Katechismus (Frage 19): „Woher weißt du, dass
unser Herr Jesus Christus uns zur vollkommenen Erlösung
geschenkt worden ist? — Aus dem heiligen Evangelium, das
Gott selbst zuerst im Paradies offenbart hat, danach durch
die heiligen Erzväter und Propheten hat verkündigen lassen
und durch die Opfer und anderen Zeremonien des Gesetzes
vorgebildet, schließlich aber durch seinen einzigen
geliebten Sohn erfüllt hat“2.
Für römisch-katholische und orthodox protestantische Kirchen
ist eine positive Beantwortung der Frage: Hat Jesus gelebt?
eine Überlebensfrage. Der Freisinnige Protestantismus möge
sich emanzipieren, von sentimentaler Heldenverehrung genauso
wie von supranaturalistischen Glaubensvorstellungen und er
zeige seine Frömmigkeit gerade darin, dass er die Geschichte
zu ihrem Recht kommen lässt und der Tradition die Wahrheit
1 J. Meinhold (Bonn) in der „Theol. Literaturzeitung“,
1937, nr. 4, Sp. 69. vgl. C. J. Bleeker, „Inleiding tot een
Phaenomennologie van den Religion.“ Assen 1934, S. 42. 2Fr.
Heiler, „Das Gebet“. München 1921. 3. Aufl., S. 263 ff.
51
vorzieht. Die Wahrheit der Religion ist die Religion der
Wahrheit: eine Religion, die jegliche Kritik des
Überlieferten gelten lässt, selbstbewusst, weil sie sich
selbst zu Weisheit erhoben hat.