Echte Auseinandersetzung gefordert
Von Fritz Gloor
Nach der angeblichen Aufdeckung der "Verschlusssache Jesus" war die
Enttabuisierung des herkömmlichen Paulusbildes nur noch eine Frage der Zeit.
Schliesslich hatte es schon vor mehr als hundert Jahren - vor allem in Holland -
sogenannte Radikalkritiker gegeben, die dem Apostel sämtliche unter seinem
Namen überlieferten Briefe absprachen und als pseudonyme Schriften ins zweite
Jahrhundert datierten. In heutigen Einleitungen und Kommentaren werden diese
Versuche bestenfalls in Fussnoten gewürdigt.
Zu Unrecht, meint Hermann Detering in seinem Buch "Der gefälschte
Paulus". Es gibt gute Argumente, nicht nur die Authentizität der
Pastoralbriefe und der Deuteropaulinen in Zweifel zu ziehen. Auch die sieben
unbestritten echten Briefe sind nach seinem Urteil geschickte Fälschungen aus
dem zweiten Jahrhundert.
Wer aber konnte ein Interesse daran haben, diese Briefe unter dem Namen des
Paulus herauszugeben? Nur einer, der seine Lehre unter Berufung auf die
Autorität des Apostels zu legitimieren suchte: Marcion. Der gnostische
Erzketzer hat nicht die Paulusbriefe von Passagen gereinigt, die seinem
theologischen Konzept widersprachen. Er hat sie selber verfasst, und ein
späterer katholischer Redaktor hat die dem Paulus untergeschobenen Briefe
erweitert und für die Grosskirche kanonfähig gemacht!
Wenn diese These stimmt, lässt sich die Frage nach dem "historischen
Paulus" folgerichtig nicht mehr aufgrund von Selbstzeugnissen beantworten.
Detering hat auch hier eine Antwort parat: In der pseudoklementinischen
Literatur wird Paulus mit Simon Magus identifiziert. Das geschah nicht einfach
in polemischer Absicht, sondern weil es sich bei Simon und Paulus historisch um
ein und dieselbe Person handelte.
Detering ist kein Sensationsjournalist vom Kaliber des unseligen Tandems
Baigent/Leigh. Seine Thesen verdienen eine ernsthafte Auseinandersetzung, die
hier nicht geleistet werden kann. Zum Widerspruch reizt aber in jedem Fall das
theologische Fazit des Verfassers, dass die Kirche besser daran täte, ihre
Autorität auf geistliche Vollmacht, statt auf Geschichte zu gründen. Mit
dieser simplen Alternative wird man dem Verhältnis von Glauben und Geschichte,
wie es in den paulinischen Briefen (seien sie nun echt oder gefälscht)
wegweisend erörtert wird, sicher nicht gerecht!