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Prof. Mark Goodacre und die Jesus-Mythicists

English version

 

2.2. 2011   Von Hermann Detering -  In seinem NT-Pod vom 9. Januar 2011 spricht Prof. Mark Goodacre (Duke University) in einem13-minütigen Beitrag über die Frage "Did Jesus exist?" Er nimmt darin vor allem auf die in England/USA erschienenen  Publikationen von  G.A. Wells (der in Goodacre's Beitrag im O-Ton zu hören ist!) und Freke-Gandy's "Jesus Mysteries" Bezug.  Goodacre's Haupteinwand gegen die "Mythicists": Sie würden das Kind mit dem Bade ausschütten. Es gehe nicht an, die Gestalt Jesu wegen der vielen mythologischen Züge in den Evangelien für unhistorisch zu erklären. Für den Historiker der Antike sei es ein bekanntes Phänomen, dass  Personen wie Jesus "nur in der Erinnerung derer überlebten, die darüber sprechen"; im speziellen Falle sei die Erinnerung an Jesus nach der Auferstehung durch mythische Elemente angereichert worden, mit anderen Worten: Der Mythos habe die Geschichte vom Menschen Jesus  aufgesogen bzw. "kontaminiert".

Dies eine Ansicht, die mir noch - obschon in anderer sprachlicher Gewandung - aus den ersten neutestamentlichen Proseminaren vertraut ist, mich aber nie recht überzeugen konnte, weil sie das Kernproblem  elegant umschifft. Damit die Erinnerung an eine menschliche Person durch den Mythos "kontaminiert"  werden kann, muss diese überhaupt erst existieren. Woher aber weiß ich, dass ich es nicht mit einer Selbsttäuschung zu tun habe, wenn nach Wegnahme aller als „kerygmatisch“ angesehenen Bestandteile, aller mythischen Elemente, aller „Rückprojektionen“, aller volkstümlichen Verschiebungen und „Anreicherungen“ von einem „Leben Jesu“ gar nichts bleibt, was mir das Recht gäbe, eine historische Person vorauszusetzen  (vgl. den folgenden Beitrag)? Müsste es nicht die Aufgabe der Exegeten sein, erst einmal einige unzweifelhaft historische Eckdaten aus dem Leben des Mannes aus Nazaret auf den Tisch zu legen, bevor sie uns darüber aufklären, in welchen mythologischen Bildern die frühe Christengemeinde die Bedeutung dieser vermeintlich historischen Person ausgesagt habe? Welche unzweifelhaft historischen Data aber gibt es über Jesus? Nach meiner Auffassung gibt es keinen einzigen Zug im Jesusbild  der Evangelien, für den das antike religiöse Umfeld nicht eine entsprechende Parallele böte - und das gilt selbst für den "Fresser und Weinsäufer" von Lk 7:34/Mt 11:19 (siehe G.A. van den Bergh van Eysinga: Hercules - Christus).

Auch auf das Schweigen des Paulus über Jesus geht Goodacre ein. Für ihn erklärt es sich aus dem "Gelegenheitscharakter" der von Paulus verfassten Briefe. Da sie nur Ausschnitte der Wirklichkeit böten, seien persönliche Aussagen von vornherein nicht zu erwarten. Wirklich?  In der persönlichsten aller literarischen Gattungen sollten wir kein persönliches Wort des Paulus über die Person Jesu  erwarten dürfen?  

Goodacres Beitrag ist ein guter Schritt in die richtige Richtung, weg vom Totschweigen und Ignorieren, hin zu  einer offenen Auseinandersetzung mit den radikalkritischen Bestreitern  eines geschichtlichen Jesus, die, Gott sei Dank, doch noch nicht ganz ausgestorben sind. Doch leider hat Goodacre sich nicht die Mühe gemacht, ein wenig tiefer in deren Argumentation einzudringen. Wer die auf dieser Webseite versammelten Beiträge zumal niederländischer, aber auch deutscher, englischer und amerikanischer Wissenschaftler kennt, wird durch seinen Beitrag nicht überzeugt werden können. Man lese nur die geist- und materialreichen Aufsätze G.A. van den Bergh van Eysingas (ein Zeitgenosse Bultmanns!) aus seinen nach dem Krieg erschienenen Godsdienstwetenschappeilike Studiën oder sein von Frans Joris Fabri ins Deutsche übersetztes schönes Büchlein "Lebt Jesus - oder hat er nur gelebt?" Verglichen mit dem anspruchsvollen und kultivierten Bild, das der niederländische Radikalkritiker von der Geschichte des frühen Christentums zeichnet, muten Goodacre's Argumente ein wenig hausbacken an.

Obwohl Goodacre hörbar um einen guten, moderaten Ton bemüht ist, kann auch er nicht umhin, am Ende einen alten Hut aus der Mottenkiste der antiradikalen Polemik aufzuwärmen. Er wirft den Radikalen übertriebenen Skeptizismus vor, sie besäßen keinen "healthy scepticism" - also wohl einen ungesunden, krankhaften.  Wer die Evangelien unbefangen lese, könne auf jeder Seite den Eindruck einer wirklichen historischen Person herausspüren. - Jo mei, als ob es in der Wissenschaft, wo einzig und allein die Tatsache zählt, ob eine These gut oder schlecht begründet ist,  je einen "gesunden" oder einen "ungesunden" methodischen Zweifel gegeben hätte oder geben könnte. Hätten andere an so etwas geglaubt, wäre die Erde für uns immer noch eine Scheibe.  Und was den Eindruck einer wirklichen Person mit einem wirklichen Profil betrifft, der sich beim Lesen der Evangelien unwillkürlich einstellen soll, so mag dieser überwiegend auf Selbsttäuschung beruhen.  Bei der Lektüre von "Vom Winde verweht" oder "Die Leiden des jungen Werther" mögen viele Leser ebenfalls das Gefühl verspürt haben, es bei Rhett Butler und Scarlett O´Hara oder Lotte und Werther mit "wirklichen Menschen" zu tun zu haben (viele haben ihretwegen Tränen vergossen und einige sich sogar wegen Werthers Tod  das Leben genommen). Aber haben diese Personen deswegen (d.h. weil die Verfasser dieser Bücher in der Lage waren, plastische Charaktere zu zeichnen) wirklich gelebt? - Die Verfasser der Evangelien können und wollen übrigens  in literarischer Hinsicht auch gar nicht mit Goethe oder Margaret Mitchell mithalten. Wer genauer hinblickt, erkennt überall, dass das Bild ihres Jesus  sich von dem eines wirklichen Menschen doch sehr unterscheidet. Nicht nur, weil er über Wasser gehen und Tote auferwecken kann. Dieser Jesus ist kein Mensch im gewöhnlichen Sinne des Wortes, d.h. ein Mensch mit seinen Stärken und Schwächen. Er steht außerhalb der Menschheit. Überall überwiegt das Typische, Ideale. Der Logos auf Erden! Keine einzige antike Christusdarstellung zeigt einen Menschen mit individuellem Aussehen und charakteristischem Profil. Als "Guter Hirte" ist Jesus nur eine von vielen antiken Heilandsgestalten.

Nun, Goodacre hat einen Anfang gemacht - und das ist gut so. Es wäre zu wünschen, dass andere Mainstream-Theologen (auch  in Deutschland) ihm folgen und ihren theologischen Elfenbeinturm für eine Weile verlassen, um sich ernsthaft den "Mythicists" und deren Anfragen zu beschäftigen (natürlich werden sie einen  Teufel tun!). Goodacre's Beitrag ist also in jedem Fall sehr hörenswert - und sei es auch nur, um andere davon zu überzeugen, dass die Verteidiger der Historizität des Streetworkers aus Nazaret damals wie heute verdammt schlechte Karten haben.

Aber ganz im Ernst: Vielen Dank, Prof. Goodacre!

Hier der NT-Pod von Mark Goodacre:

 

NT Pod 47: Did Jesus exist? (mp3)

Zur Diskussion mit Goodacre:   JesusMysteries-discussion group