Zwei Neuerscheinungen über Eduard
von Hartmann
Rezension von Dr. Bernhard
Hoffers, 2006


Jean-Claude Wolf, Eduard
von Hartmann. Ein Philosoph der Gründerzeit. – 236 S.,
Würzburg (Königshausen & Neumann), 2006, 48,00 Euro.
Jean – Claude Wolf (Hrsg.), Eduard von Hartmann. Zeitgenosse
und Gegenspieler Nietzsches. – 173 S., Würzburg
(Königshausen & Neumann), 2006, 24,80 Euro.
Das Todesjahr des Philosophen Eduard von Hartmann, geboren
1842, jährt sich dies Jahr zum hundertsten Male, am 6. Juni.
Zu diesem Anlass hat Jean – Claude Wolf, Professor für Ethik
und Politische Philosophie an der Universität Miséricorde in
Freiburg/Schweiz, gleich zwei Bücher erscheinen lassen. Was
hat es mit dem einst vielgenannten, viel kritisierten und
dann vergessenen Verfasser der „Philosophie des Unbewussten“
auf sich, dass ihm nach all den langen Jahren der
Nichtbeachtung diese Aufmerksamkeit zu Teil wird? von
Hartmann hatte ein seltsames Lebensschicksal, und die
Geschichte seines immensen Werkes ist nicht weniger seltsam.
von Hartmann stammte aus preußischem Adel, sein Vater war
königlich preußischer General. Er schlug zunächst die
Militärlaufbahn ein, musste dann aber frühzeitig aus
Gesundheitsgründen seinen Abschied nehmen. Nach
künstlerischen Versuchen (Malerei und Schriftstellerei)
widmete er sich der Philosophie. Sein Erstlingswerk „Über
die dialektische Methode“ erschien 1868, die „Philosophie
des Unbewussten“ im November desselben Jahres mit der
Jahreszahl 1869. Dies Werk, begonnen 1864 und abgeschlossen
Ostern 1867, erregte großes Aufsehen beim Publikum und bei
der Kritik. Die „Besprechungen waren meist ermunternd und
anerkennend, ja, oftmals geradezu glänzend, und was
vielleicht noch wichtiger war, sie gingen zum Teil von
literarisch hervorragenden Persönlichkeiten, wie Rudolf v.
Gottschall, Moritz Carriere, H. Lorm u.s.w. aus, auf deren
Urteil das Publikum bereit war, etwas zu geben.“ (Drews,
„Eduard von Hartmanns philosophisches System im Grundriss“,
2. Ausgabe 1906, 24). So wurde das Werk ein
buchhändlerischer Erfolg und erlebte insgesamt 12 Auflagen,
obwohl sein Umfang ständig erweitert wurde. Die letzte,
inhaltsgleich mit der vom Verfasser noch zwei Jahre vor
seinem Tode besorgten elften Auflage, erschien 1923. Der
Untertitel des Werkes „Speculative Resultate nach
inductiv-naturwissenschaftlicher Methode“ beschreibt die
Eigenart des von Hartmannschen Denkens recht gut, denn von
Hartmann beruft sich ausgiebig auf naturwissenschaftliche
Erkenntnisse und Beobachtungen. von Hartmann sieht in der
Natur und im menschlichen Leben das Wirken eines
metaphysischen Prinzips, des Unbewussten, das den Willen und
die Idee, das Logische, miteinander vereint, und das den
Urgrund des Weltprozesses darstellt. von Hartmann geht von
einer Zweckbestimmtheit der Welt aus, und dieser Zweck kann
nur die Aufhebung der Welt, ihr Ende sein, da ein
Fortbestehen der zweckbestimmten Welt nach Erfüllung ihres
Zwecks ein Widerspruch in sich selbst wäre. Solche Gedanken,
zusammen mit vom Autor vertretenen eudämonologischen
Pessimismus, dass im menschlichen Leben notwendigerweise ein
Überschuss des Leides gegenüber dem Glück vorhanden sei,
fanden in dem aufstrebenden deutschen Reich keinen Rückhall
auf Dauer, zumal da sich von Hartmann zu den
Naturwissenschaftlern, die immer mehr den Ton angaben, in
direktem Gegensatz befand; diese, insbesondere die Biologen,
konnten sich damals (ebenso wie heute) nicht mit dem
teleologischen Denken, mit der von von Hartmann behaupteten
Finalität in der Natur anfreunden. Hinzu kam eine List von
Hartmanns im Streit mit den Naturforschern, die dessen
vollständige Nichtbeachtung von deren Seite für den Rest
seines Lebens zur Folge haben sollte. 1872 erschien nämlich
anonym die Schrift „Das Unbewusste vom Standpunkte der
Physiologie und Descendenztheorie“, in der unter Zustimmung
der Naturforscher die Argumente der „Philosophie des
Unbewussten“, soweit sie die Naturwissenschaften betrafen,
widerlegt wurden. Nach fünf Jahren, 1877, erschien eine
zweite Auflage des Werkes unter Nennung des Verfassers,
Eduard von Hartmanns selber. In ihr widerlegte er nun
wiederum seine eigenen Argumente, die den Beifall seiner
Gegner gefunden hatten, und stand als der Überlegene, aber
von nun an Ignorierte da. Nicht viel anders erging es ihm
mit der Philosophie, trotz seiner Promotion in absentia
in Philosophie an der Universität Rostock mit seinem
Erstlingswerk blieb er ein Außenseiter, denn er lehnte 1870
drei Angebote einer philosophischen Professur ab und lebte
fortan als Privatmann in Berlin, wo er ein umfangreiches und
thematisch äußerst vielfältiges schriftstellerisches und
wissenschaftliches Werk schuf. Es gab wenig, worüber von
Hartmann nicht schrieb – er äußerte sich zu Politik,
Zeitgeschehen, sozialen Fragen, Spiritismus, Judentum,
Physik und Biologie, hier insbesondere zu Darwinismus und
Deszendenztheorie, zu Theologie, wobei er den
Protestantismus stark kritisierte, und zur Nationalökonomie.
Schwerpunkt blieb jedoch immer die Philosophie, die
Weiterentwicklung des Grundgedankens der „Philosophie des
Unbewussten“ und die Auseinandersetzung mit anderen
Philosophen. Es erschienen systematische und diese
ergänzende historisch-kritische Studien zur Ethik, Ästhetik,
Psychologie, Religionsphilosophie, Erkenntnistheorie,
Kategorienlehre und Metaphysik sowie die Monographien zu
Kant und Schelling. Posthum veröffentlicht wurde das
achtbändige „System der Philosophie im Grundriss“,
geschrieben, um dem Publikum einen nicht zu aufwändigen
Zugang zu seinen philosophischen Ansichten zu ermöglichen.
Beachtung fand dieses umfangreiche philosophische Werk in
der Fachwelt kaum; die Stellung von Hartmanns außerhalb der
Universitäten und der Gegensatz der von ihm vertretenen
Metaphysik zu den dort gelehrten Richtungen, etwa des
Neukantianismus, erlaubten die Ignorierung seitens der
Universitätsphilosophie. von Hartmann selbst schrieb zu dem
Verhältnis der Universitätsphilosophen zu ihm im Vorwort zur
elften Auflage der „Philosophie des Unbewussten“ aus dem
Jahre 1904 (LVI-LVII, zitiert nach der zwölften Auflage), es
lohnt sich, hier den ganzen Abschnitt zu zitieren:
„So wären denn zwar die Aussichten für eine sympathische und
verständnisvolle Aufnahme meiner Bestrebungen gegenwärtig
entschieden günstiger als bisher; aber die jüngere
Generation hat jetzt keine Anlass mehr, sich mit meinen
Schriften zu befassen. Sie steht entweder noch unter dem
Bann der Philosophiemissachtung und Metaphysikscheu, deren
Herrschaft die Zeit meines Mannesalters ausfüllte; oder sie
kennt meinen Namen nur als den längst durch andere Moden
überholten Modephilosophen eines vergangenen Geschlechts und
hält sich damit der eigenen Prüfung für überhoben. Erst
seitdem ich die Schwelle des Greisenalters überschritten
habe, regt sich hier und da das Bedürfnis, mich
„auszugraben“, - Beweis genug, dass man sich bereits gewöhnt
hatte, mich als „fossil“ zu betrachten. Ein ausgegrabenes
Fossil darf man schon ausnahmsweise wie einen Verstorbenen
behandeln, wenn auch noch etwas Leben in ihm sein sollte,
und so ist es denn auch kein Wunder, dass einzelne
Universitätsphilosophen mein System sogar im academischen
Unterricht zu berücksichtigen anfangen, was bei einem
Lebenden sonst nicht üblich ist. Im Grossen und Ganzen
freilich kann die deutsche Universitätsphilosophie sich doch
noch nicht zu einer Anerkennung meiner späteren Werke
entschliessen, weil sie es mir noch immer nicht verzeihen
kann, dass ich vor nunmehr sechsunddreissig Jahren die
„Phil. d. Unb.“ veröffentlicht habe, - obwohl doch selbst
ein Mord nach dreissig Jahren verjährt.-“
Die Hoffnungen, die von Hartmann gehegt haben mag, dass sein
philosophisches Werk nun mehr Beachtung finden werde, haben
sich nicht erfüllt. Unter der Ägide seiner Witwe Alma von
Hartmann und seines Schwiegersohnes, des Historikers Fritz
Kern, wurden Bücher von ihm neu aufgelegt und fanden zum
Teil eine beträchtliche Verbreitung. Sein einziger Anhänger
von Bedeutung, der Philosoph an der Technischen Hochschule
Karlsruhe Arthur Drews, Autor eines umfangreichen Werks
„Eduard von Hartmanns philosophisches System im Grundriss“
(1902, 2. vermehrte Ausgabe 1906), vermochte trotz seines
vehementen Eintretens für ihn das Blatt nicht zu wenden;
auch Drews blieb ein Außenseiter sein Leben lang. Der
Schüler von Drews Leopold Ziegler sagte sich 1910 mit einer
kritischen Schrift von von Hartmann los. Nach dem ersten
Weltkrieg fand von Hartmann unerwarteterweise Aufmerksamkeit
bei der katholischen Philosophie, sie entdeckte ihn als
Widersacher der von ihr vertretenen Lehre und gefiel sich
darin, ihre eigene Überlegenheit bei der Auseinandersetzung
mit von Hartmann darzulegen. Zu nennen sind als Namen der
Verfasser J. P. Steffes, von Rintelen, Lucien Braun und vor
allem der österreichische Jurist K. O. Petraschek mit seiner
zweibändigen „Logik des Unbewussten“, denen sich noch 1967
als Nachzügler in den USA D.N.K. Darnoi anschließt. 1929
veröffentlicht der mit Drews befreundete W. von Schnehen
eine apologetische Darstellung von Hartmanns in der Reihe
Fromanns Klassiker der Philosophie, als Ersatz des Buches
von O. Braun (1909) in eben dieser Reihe. Zum hundertsten
Geburtstag von Hartmanns im Jahre 1942 wurde ein Sonderheft
des „Archivs für Rechts- und Sozial-Philosophie“
vorbereitet, das noch vor Ende des zweiten Weltkriegs im
Sommer 1944 erscheinen konnte. 1954 veröffentlicht noch
Huber eine kurze Darstellung der von Hartmannschen
Metaphysik und Religionsphilosophie. Damit war bis vor
kurzem die Liste der zu von Hartmann erschienenen
selbständigen Veröffentlichungen, von zwei oder drei Dutzend
philosophischer und theologischer Dissertationen oder in
italienischer oder serbischer Sprache verfassten Werken
einmal abgesehen, fast vollständig. Zu einigen Fragen der
Wirkungsgeschichte, etwas des Verhältnisses von F. Nietzsche
zu ihm oder zur politischen Wirkung, wurden in
Spezialarbeiten verfasst. Eine von Lütkehaus besorgte
Neuausgabe der ersten Auflage der „Philosophie des
Unbewussten“ erschien 1989.
Angesichts dieser nicht eben zahlreichen Vorarbeiten, um
nicht zu sagen Vernachlässigung von Hartmanns in der
Fachliteratur, des großen Umfangs und des eigenartigen
Charakters von dessen Werk ist die Beschäftigung mit diesem
Philosophen für Prof. Wolf eine nicht ganz einfache
Angelegenheit, da ja der Gegenstand seiner Arbeit, der
„vergessene Philosoph“, dem Publikum erst einmal nahe
gebracht werden muss. Warum sollte man sich mit Eduard von
Hartmann beschäftigen? Wolf versucht unter anderem hierauf
seine Antwort in den zwei Bänden zu geben, die in diesem
Jahr erschienen sind. Der erste davon, mit dem Titel „Eduard
von Hartmann. Ein Philosoph der Gründerzeit“ besteht aus
zwölf Einzelstudien und Kommentaren zu einzelnen von von
Hartmanns Werken, während der zweite, für den Wolf als
Herausgeber zeichnet, „Eduard von Hartmann. Zeitgenosse und
Gegenspieler Nietzsches“ benannt ist und Texte von von
Hartmann wieder abdruckt und den Leser oder die Leserin mit
dessen Anhänger Drews in seinem Briefwechsel mit von
Hartmann, einigen biographischen Skizzen und anderem bekannt
macht.
Der zuerst genannte Band umfasst, wie gesagt, zwölf
Einzelstudien, von denen vier zum ersten Mal an dieser
Stelle veröffentlicht werden, der Rest wurde in Vorträgen
oder als Einzelveröffentlichungen der Fachwelt vorgestellt.
Grob gegliedert, befassen sich vier der Studien mit der
Ethik von Hartmanns (Pessimismus, Mitgefühl, Freiheit,
Willensfreiheit), der Aufsatz zur Schopenhauer – Kritik
leitet über zu den zwei zusammengehörigen Artikeln über
Metaphysik und Kategorien, den Anschauungen von Hartmanns
zur Selbstzersetzung des Christentums und zur Religion des
Geistes werden zwei Aufsätze gewidmet, die restlichen drei
(Antisemitismus, Das Gefängnis der Zukunft, Die sozialen
Kernfragen) beschäftigen sich mit politischen und
gesellschaftlichen Ansichten von Hartmanns, die dieser ja
immer wieder artikuliert hat. Die Studien sind sämtlich als
unabhängig von einander konzipiert, was die Lektüre des
Buches erleichtert, ebenso wie die recht ausführliche
Darstellung der Positionen von Hartmanns. Die Philosophie
ist seit den Lebzeiten von Hartmanns weiter geschritten und
steht seiner Gedankenwelt fern. So ist es reizvoll zu sehen,
wie dessen Ansichten von einem heutigen Gesichtspunkt aus
beurteilt werden. Immerhin werden sie wegen ihres Inhalts,
nicht nur wegen ihres historischen Kontexts für
betrachtenswert gehalten. Wolf übt nun an den
philosophischen Ansichten von Hartmanns Kritik, spart aber
auch nicht an Anerkennung. Immer wieder kommt Wolf auf zwei
Eigenarten von Hartmanns zurück. Die eine ist seine Lehre
von der Entstehung der Welt und ihrem Ende in der Zukunft,
die immer im Hintergrund seiner praktischen Philosophie
steht, und die andere ist sein Pessimismus. Mit beiden
Punkten hat von Hartmann die heftige Kritik seiner
Zeitgenossen hervorgerufen, heute geht es Wolf damit nicht
anders. Es muss von Hartmann zugute gehalten werden, dass er
versucht hat, seine Gedanken zu Ende zu denken, und es
stellt sich die Frage, wie konsequent die heute vertretenen
Positionen zu Ende gedacht werden können, ohne dass man
später, wie es jetzt bei von Hartmann der Fall ist, bei
ihnen eine Überstrapazierung der eigenen Voraussetzungen
oder Zirkelhaftigkeit des Gedankengebäudes feststellen muss.
Auf die einzelnen Anschauungen zur Ethik oder Metaphysik,
die Wolf darstellt und auch einer Kritik oder Widerlegung
würdigt, soll hier nicht eingegangen werden. Stattdessen
soll besonders auf die Ausführungen von Wolf zur
Religionsphilosophie und zur „Selbstzersetzung des
Christentums“ (1874) hingewiesen werden, so Titel eines
Buches von Hartmanns, das seinerzeit Aufsehen erregte. von
Hartmann schrieb ja insgesamt vier Bücher zum Christentum
sowie zwei Werke zur Religionsphilosophie, darunter die
„Religion des Geistes“. Wolf gibt der Darstellung der Kritik
von Hartmanns am Protestantismus im Zusammenhang mit der
protestantischen Theologie seiner Zeit und dessen eigenen
Ideen zu einer „Religion der Zukunft“ größeren Raum. Diese
lehnt Wolf ab, ohne leider seine Haltung näher argumentativ
zu unterbauen. Dies ist schade, da ja die von Hartmannschen
Ideen bei seinem Schüler Arthur Drews nicht nur theoretisch
weiterentwickelt wurden, sondern auch von ihm an leitender
Stelle in der freireligiösen Bewegung in die Wirklichkeit
umgesetzt werden sollten, von der Leugnung der
Geschichtlichkeit Jesu Christi („Die Christusmythe“, 1909)
einmal ganz abgesehen. Auch zu diesem letzten Punkt ist die
Wolfsche Darstellung der Rolle Jesu Christi in der
protestantischen deutschen Theologie, wie sie von Hartmann
gesehen hat, sehr instruktiv. Hart ins Gericht geht Wolf mit
von Hartmann bei der Kritik von dessen Buch „Das Judentum in
Gegenwart und Zukunft“, 1885. Der Vorwurf des Antisemitismus
wird anhand von ausgiebigen Zitaten belegt, und Wolf stellt
hier den Widerspruch fest, „wie sehr sich ein Philosoph auf
Unparteilichkeit berufen und zugleich in die Abgründe
antisemitischer Parteilichkeit verirren [könne]“ (Wolf 2006,
212). Ein solcher Widerspruch drängt sich des öfteren bei
von Hartmann auf, etwa bei dessen Aufsatz über den „Rückgang
des Deutschtums“ (1885, abgedruckt in „Zwei Jahrzehnte
deutscher Politik und Die gegenwärtige Weltlage“, Leipzig
1889), in dem gefordert wird, das „Slaventhum in unseren
Grenzen (scil. des Deutschen Reiches) aus[zu]rotten“, da
„die Slaven das Deutschthum in ihren Grenzen ausrotten“ (l.c.,
202). Mehr als hundert Jahre später liest sich dies mit
andern Augen. Da Wolf auch auf den im Briefwechsel Drews –
von Hartmann (s.u.) Bezug nimmt und antisemitische
Äußerungen von Drews zitiert, sei an dieser Stelle darauf
verwiesen, dass sich Drews später, wenn auch sehr knapp,
öffentlich vom Antisemitismus distanziert hat („Judenhass.
Eine Anthologie. Herausgegeben von der Arbeitsgemeinschaft
für kulturelle Propaganda „Prometheus““, Wien 1926, 93). Den
Schluss des ersten Wolfschen Buches bilden zwei Studien zu
sozialen und gesellschaftlichen Fragen, wobei der Autor
wieder auf eine gewisse Zwiespältigkeit bei von Hartmann
hinweist und dessen Verhaftetsein in die Zustände und
Anschauungen des Bismarckreiches. Vielleicht wäre es ja eine
Untersuchung wert, inwieweit von Hartmanns politische
Ansichten im weiteren Sinn des Wortes von seiner Philosophie
beeinflusst sind.
Das zweite Buch über „Eduard von Hartmann. Zeitgenosse und
Gegenspieler Nietzsches“, von Wolf herausgegeben, macht zum
einen Texte von von Hartmann über Nietzsche („Nietzsches
„neue Moral““, 1891) und Stirner („Stirners Verherrlichung
des Egoismus“, 1898) sowie die autobiographische Skizze
„Mein Entwicklungsgang“ (1874) wieder zugänglich, zusammen
mit einer Einleitung zum Thema des Buches, Erläuterungen zum
philosophischen Briefwechsel zwischen Eduard von Hartmann
und Arthur Drews, und zwei nützlichen Wiederabdrucken,
nämlich des Artikels über von Hartmann aus dem
Philosophenlexikon von Rudolf Eisler und der Bibliographie
ihres Gatten, die Alma von Hartmann 1912 in den Kantstudien
erscheinen ließ. Die Einleitung zum Buch ist sehr
lesenswert, versucht doch Wolf, sowohl von Hartmann als auch
Nietzsche aus der historischen Distanz Gerechtigkeit
widerfahren zu lassen. Wie auch gelegentlich im ersten Buch,
erkennt Wolf die Bedeutung des Philosophen von Hartmann an:
„Im Vergleich zu dieser substantiellen
philosophiegeschichtlichen Bildung und ihrer Auswertung zur
Fundierung und Situierung seiner eigenen [scil. von
Hartmanns], alle Disziplinen umfassenden Philosophie war
Nietzsche ein philosophischer Dilettant“ (l.c. 12). Diesen
in der von Hartmann - Literatur sonst ungewohnten Tönen
stehen andere gegenüber, so auf Seite 9, wo von Hartmann
persönliche Motive bei seiner Auseinandersetzung mit
Nietzsche zugeschrieben werden, aus Anlass einer kritischen
Bemerkung, die jener über die erste „Unzeitgemässe
Betrachtung“ von diesem machte. In der zweiten „Unzeitgemässen
Betrachtung“ tituliert dann Nietzsche von Hartmann als „Amalgamist“
und „unfreiwilligen Parodist“. Nietzsche selber hatte wohl
auch sehr persönliche Gründe, von Hartmann nicht nur wegen
seiner kritischen Bemerkung zu verspotten, sondern auch
darum, um sich im Sinne Richard Wagners zu betätigen, der ja
die „Philosophie des Unbewussten“ ablehnte, und um
Zustimmung im Hause Wagner zu finden, als Akt tätiger Reue
sozusagen. Es war nämlich Nietzsche selber, der Cosima von
Bülow die „Philosophie des Unbewussten“ zugeschickt hatte
und damit einen „großen Widerwillen“ erregt hatte (C.
Wagner, Tagebücher I, 192, 25. Januar 1870, München 1976).
Bereits am 1. Februar 1870 wurde die „Philosophie des
Unbewussten“ an Nietzsche zurückgeschickt, und die
ablehnende Haltung blieb ihm sicherlich nicht verborgen. Die
Ablehnung von Hartmanns im Hause Wagner hielt über den Tod
Richard Wagners hinaus an, wie auch Arthur Drews erfahren
musste. Dieser veröffentlichte 1898 ein Buch („Der
Ideengehalt von Richard Wagners „Ring des Nibelungen“ in
seinen Beziehungen zur modernen Philosophie“), in dem der
„Ring“ als Vorwegnahme der „Philosophie des Unbewussten“
gefeiert wurde. Als Reaktion hierauf kam eine zumindest
partiell ablehnende Fußnote in der großen Biographie von C.F.
Glasenapp, „Das Leben Richard Wagners“, III, 138, 4.A.
Leipzig 1905.
Wofür dem Herausgeber Wolf Dank gebührt, ist dass zum ersten
Male seit dessen Erscheinen der von R. Mutter und E. Pilick
edierte „Philosophische Briefwechsel“ zwischen Eduard von
Hartmann und Arthur Drews (VIII, 469 S., erschienen 1995 im
Verlag Peter Guhl, Rohrbach in der Pfalz) eine angemessene
Würdigung erfährt. Diese in mehrfacher Hinsicht äußerst
aufschlussreiche Quelle ist leider nicht mit Anmerkungen
versehen, so dass sich Wolf auch deshalb zu einigen
biographischen Skizzen der im Briefwechsel eine Rolle
spielenden Personen entschlossen hat. Es sind dies Arthur
Drews (1865 – 1935), Ludwig Stein (1859 – 1930), Rudolf
Steiner (1861 – 1925) und Leopold Ziegler (1881 – 1958).
Arthur Drews, dessen Name hier ja schon öfters erwähnt
wurde, hat ja in seiner Selbstdarstellung (erschienen 1925)
über seine Beziehungen zu Eduard von Hartmann berichtet. Der
Briefwechsel nun eröffnet ein farbenprächtiges Bild beider
Beziehung, in philosophischer, persönlicher und familiärer
Hinsicht, gibt Einblicke in die Zustände an der Technischen
Hochschule Karlsruhe und an den deutschen Universitäten, in
die Arbeitsweise dieser Philosophen mit ihren gegenseitigen
Büchersendungen. Es werden auch sehr persönliche Dinge
angesprochen, das ernsthafte Auseinanderfallen von Drews mit
von Hartmanns Gattin oder die ersten Unstimmigkeiten mit
Drews einzigem Schüler, Leopold Ziegler, der sich ja 1910
von von Hartmann lossagen sollte. All dies ist eine
faszinierende Lektüre, und die Wolfschen Erläuterungen sind
nicht nur geeignet, das Verständnis des Briefwechsels beim
Fernerstehenden zu erleichtern, sondern stellen geradezu
eine Aufforderung dar, das Buch in die Hand zu nehmen und
selber zu lesen.
Der Abdruck der Bibliographie der Werke von Hartmanns ist
leider nur unvollkommen für die Zeit nach 1912 ergänzt
worden; so lässt dieses willkommene Hilfsmittel den Wunsch
einer Komplettierung offen. Was aber aus der Bibliographie
hervorgeht, ist die ungeheure Breite der behandelten
Gegenstände und dass von Hartmanns Meinung sehr gefragt war,
auch im Ausland. Die publizistische Tätigkeit des
Philosophen wäre schon einmal eine Studie wert.
Jean – Claude Wolf hat mit seinen zwei Büchern dazu
beigetragen, einen „vergessenen
Philosophen“ ernst zu nehmen, ihn bekannter zu machen, und
dessen mehr als marginale Stellung in der Geschichte der
neueren Philosophie ein wenig näher zu beleuchten. Es gibt
noch viel zu entdecken an Eduard von Hartmann und seinem
vielfältigen und umfangreichen Werk.