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Zwei Neuerscheinungen über Eduard von Hartmann

Rezension von Dr. Bernhard Hoffers, 2006

 


 

 

Jean-Claude Wolf, Eduard von Hartmann. Ein Philosoph der Gründerzeit. – 236 S., Würzburg (Königshausen & Neumann), 2006, 48,00 Euro.

Jean – Claude Wolf (Hrsg.), Eduard von Hartmann. Zeitgenosse und Gegenspieler Nietzsches. – 173 S., Würzburg (Königshausen & Neumann), 2006, 24,80 Euro.



Das Todesjahr des Philosophen Eduard von Hartmann, geboren 1842, jährt sich dies Jahr zum hundertsten Male, am 6. Juni. Zu diesem Anlass hat Jean – Claude Wolf, Professor für Ethik und Politische Philosophie an der Universität Miséricorde in Freiburg/Schweiz, gleich zwei Bücher erscheinen lassen. Was hat es mit dem einst vielgenannten, viel kritisierten und dann vergessenen Verfasser der „Philosophie des Unbewussten“ auf sich, dass ihm nach all den langen Jahren der Nichtbeachtung diese Aufmerksamkeit zu Teil wird? von Hartmann hatte ein seltsames Lebensschicksal, und die Geschichte seines immensen Werkes ist nicht weniger seltsam. von Hartmann stammte aus preußischem Adel, sein Vater war königlich preußischer General. Er schlug zunächst die Militärlaufbahn ein, musste dann aber frühzeitig aus Gesundheitsgründen seinen Abschied nehmen. Nach künstlerischen Versuchen (Malerei und Schriftstellerei) widmete er sich der Philosophie. Sein Erstlingswerk „Über die dialektische Methode“ erschien 1868, die „Philosophie des Unbewussten“ im November desselben Jahres mit der Jahreszahl 1869. Dies Werk, begonnen 1864 und abgeschlossen Ostern 1867, erregte großes Aufsehen beim Publikum und bei der Kritik. Die „Besprechungen waren meist ermunternd und anerkennend, ja, oftmals geradezu glänzend, und was vielleicht noch wichtiger war, sie gingen zum Teil von literarisch hervorragenden Persönlichkeiten, wie Rudolf v. Gottschall, Moritz Carriere, H. Lorm u.s.w. aus, auf deren Urteil das Publikum bereit war, etwas zu geben.“ (Drews, „Eduard von Hartmanns philosophisches System im Grundriss“, 2. Ausgabe 1906, 24). So wurde das Werk ein buchhändlerischer Erfolg und erlebte insgesamt 12 Auflagen, obwohl sein Umfang ständig erweitert wurde. Die letzte, inhaltsgleich mit der vom Verfasser noch zwei Jahre vor seinem Tode besorgten elften Auflage, erschien 1923. Der Untertitel des Werkes „Speculative Resultate nach inductiv-naturwissenschaftlicher Methode“ beschreibt die Eigenart des von Hartmannschen Denkens recht gut, denn von Hartmann beruft sich ausgiebig auf naturwissenschaftliche Erkenntnisse und Beobachtungen. von Hartmann sieht in der Natur und im menschlichen Leben das Wirken eines metaphysischen Prinzips, des Unbewussten, das den Willen und die Idee, das Logische, miteinander vereint, und das den Urgrund des Weltprozesses darstellt. von Hartmann geht von einer Zweckbestimmtheit der Welt aus, und dieser Zweck kann nur die Aufhebung der Welt, ihr Ende sein, da ein Fortbestehen der zweckbestimmten Welt nach Erfüllung ihres Zwecks ein Widerspruch in sich selbst wäre. Solche Gedanken, zusammen mit vom Autor vertretenen eudämonologischen Pessimismus, dass im menschlichen Leben notwendigerweise ein Überschuss des Leides gegenüber dem Glück vorhanden sei, fanden in dem aufstrebenden deutschen Reich keinen Rückhall auf Dauer, zumal da sich von Hartmann zu den Naturwissenschaftlern, die immer mehr den Ton angaben, in direktem Gegensatz befand; diese, insbesondere die Biologen, konnten sich damals (ebenso wie heute) nicht mit dem teleologischen Denken, mit der von von Hartmann behaupteten Finalität in der Natur anfreunden. Hinzu kam eine List von Hartmanns im Streit mit den Naturforschern, die dessen vollständige Nichtbeachtung von deren Seite für den Rest seines Lebens zur Folge haben sollte. 1872 erschien nämlich anonym die Schrift „Das Unbewusste vom Standpunkte der Physiologie und Descendenztheorie“, in der unter Zustimmung der Naturforscher die Argumente der „Philosophie des Unbewussten“, soweit sie die Naturwissenschaften betrafen, widerlegt wurden. Nach fünf Jahren, 1877, erschien eine zweite Auflage des Werkes unter Nennung des Verfassers, Eduard von Hartmanns selber. In ihr widerlegte er nun wiederum seine eigenen Argumente, die den Beifall seiner Gegner gefunden hatten, und stand als der Überlegene, aber von nun an Ignorierte da. Nicht viel anders erging es ihm mit der Philosophie, trotz seiner Promotion in absentia in Philosophie an der Universität Rostock mit seinem Erstlingswerk blieb er ein Außenseiter, denn er lehnte 1870 drei Angebote einer philosophischen Professur ab und lebte fortan als Privatmann in Berlin, wo er ein umfangreiches und thematisch äußerst vielfältiges schriftstellerisches und wissenschaftliches Werk schuf. Es gab wenig, worüber von Hartmann nicht schrieb – er äußerte sich zu Politik, Zeitgeschehen, sozialen Fragen, Spiritismus, Judentum, Physik und Biologie, hier insbesondere zu Darwinismus und Deszendenztheorie, zu Theologie, wobei er den Protestantismus stark kritisierte, und zur Nationalökonomie. Schwerpunkt blieb jedoch immer die Philosophie, die Weiterentwicklung des Grundgedankens der „Philosophie des Unbewussten“ und die Auseinandersetzung mit anderen Philosophen. Es erschienen systematische und diese ergänzende historisch-kritische Studien zur Ethik, Ästhetik, Psychologie, Religionsphilosophie, Erkenntnistheorie, Kategorienlehre und Metaphysik sowie die Monographien zu Kant und Schelling. Posthum veröffentlicht wurde das achtbändige „System der Philosophie im Grundriss“, geschrieben, um dem Publikum einen nicht zu aufwändigen Zugang zu seinen philosophischen Ansichten zu ermöglichen. Beachtung fand dieses umfangreiche philosophische Werk in der Fachwelt kaum; die Stellung von Hartmanns außerhalb der Universitäten und der Gegensatz der von ihm vertretenen Metaphysik zu den dort gelehrten Richtungen, etwa des Neukantianismus, erlaubten die Ignorierung seitens der Universitätsphilosophie. von Hartmann selbst schrieb zu dem Verhältnis der Universitätsphilosophen zu ihm im Vorwort zur elften Auflage der „Philosophie des Unbewussten“ aus dem Jahre 1904 (LVI-LVII, zitiert nach der zwölften Auflage), es lohnt sich, hier den ganzen Abschnitt zu zitieren:

„So wären denn zwar die Aussichten für eine sympathische und verständnisvolle Aufnahme meiner Bestrebungen gegenwärtig entschieden günstiger als bisher; aber die jüngere Generation hat jetzt keine Anlass mehr, sich mit meinen Schriften zu befassen. Sie steht entweder noch unter dem Bann der Philosophiemissachtung und Metaphysikscheu, deren Herrschaft die Zeit meines Mannesalters ausfüllte; oder sie kennt meinen Namen nur als den längst durch andere Moden überholten Modephilosophen eines vergangenen Geschlechts und hält sich damit der eigenen Prüfung für überhoben. Erst seitdem ich die Schwelle des Greisenalters überschritten habe, regt sich hier und da das Bedürfnis, mich „auszugraben“, - Beweis genug, dass man sich bereits gewöhnt hatte, mich als „fossil“ zu betrachten. Ein ausgegrabenes Fossil darf man schon ausnahmsweise wie einen Verstorbenen behandeln, wenn auch noch etwas Leben in ihm sein sollte, und so ist es denn auch kein Wunder, dass einzelne Universitätsphilosophen mein System sogar im academischen Unterricht zu berücksichtigen anfangen, was bei einem Lebenden sonst nicht üblich ist. Im Grossen und Ganzen freilich kann die deutsche Universitätsphilosophie sich doch noch nicht zu einer Anerkennung meiner späteren Werke entschliessen, weil sie es mir noch immer nicht verzeihen kann, dass ich vor nunmehr sechsunddreissig Jahren die „Phil. d. Unb.“ veröffentlicht habe, - obwohl doch selbst ein Mord nach dreissig Jahren verjährt.-“

Die Hoffnungen, die von Hartmann gehegt haben mag, dass sein philosophisches Werk nun mehr Beachtung finden werde, haben sich nicht erfüllt. Unter der Ägide seiner Witwe Alma von Hartmann und seines Schwiegersohnes, des Historikers Fritz Kern, wurden Bücher von ihm neu aufgelegt und fanden zum Teil eine beträchtliche Verbreitung. Sein einziger Anhänger von Bedeutung, der Philosoph an der Technischen Hochschule Karlsruhe Arthur Drews, Autor eines umfangreichen Werks „Eduard von Hartmanns philosophisches System im Grundriss“ (1902, 2. vermehrte Ausgabe 1906), vermochte trotz seines vehementen Eintretens für ihn das Blatt nicht zu wenden; auch Drews blieb ein Außenseiter sein Leben lang. Der Schüler von Drews Leopold Ziegler sagte sich 1910 mit einer kritischen Schrift von von Hartmann los. Nach dem ersten Weltkrieg fand von Hartmann unerwarteterweise Aufmerksamkeit bei der katholischen Philosophie, sie entdeckte ihn als Widersacher der von ihr vertretenen Lehre und gefiel sich darin, ihre eigene Überlegenheit bei der Auseinandersetzung mit von Hartmann darzulegen. Zu nennen sind als Namen der Verfasser J. P. Steffes, von Rintelen, Lucien Braun und vor allem der österreichische Jurist K. O. Petraschek mit seiner zweibändigen „Logik des Unbewussten“, denen sich noch 1967 als Nachzügler in den USA D.N.K. Darnoi anschließt. 1929 veröffentlicht der mit Drews befreundete W. von Schnehen eine apologetische Darstellung von Hartmanns in der Reihe Fromanns Klassiker der Philosophie, als Ersatz des Buches von O. Braun (1909) in eben dieser Reihe. Zum hundertsten Geburtstag von Hartmanns im Jahre 1942 wurde ein Sonderheft des „Archivs für Rechts- und Sozial-Philosophie“ vorbereitet, das noch vor Ende des zweiten Weltkriegs im Sommer 1944 erscheinen konnte. 1954 veröffentlicht noch Huber eine kurze Darstellung der von Hartmannschen Metaphysik und Religionsphilosophie. Damit war bis vor kurzem die Liste der zu von Hartmann erschienenen selbständigen Veröffentlichungen, von zwei oder drei Dutzend philosophischer und theologischer Dissertationen oder in italienischer oder serbischer Sprache verfassten Werken einmal abgesehen, fast vollständig. Zu einigen Fragen der Wirkungsgeschichte, etwas des Verhältnisses von F. Nietzsche zu ihm oder zur politischen Wirkung, wurden in Spezialarbeiten verfasst. Eine von Lütkehaus besorgte Neuausgabe der ersten Auflage der „Philosophie des Unbewussten“ erschien 1989.

Angesichts dieser nicht eben zahlreichen Vorarbeiten, um nicht zu sagen Vernachlässigung von Hartmanns in der Fachliteratur, des großen Umfangs und des eigenartigen Charakters von dessen Werk ist die Beschäftigung mit diesem Philosophen für Prof. Wolf eine nicht ganz einfache Angelegenheit, da ja der Gegenstand seiner Arbeit, der „vergessene Philosoph“, dem Publikum erst einmal nahe gebracht werden muss. Warum sollte man sich mit Eduard von Hartmann beschäftigen? Wolf versucht unter anderem hierauf seine Antwort in den zwei Bänden zu geben, die in diesem Jahr erschienen sind. Der erste davon, mit dem Titel „Eduard von Hartmann. Ein Philosoph der Gründerzeit“ besteht aus zwölf Einzelstudien und Kommentaren zu einzelnen von von Hartmanns Werken, während der zweite, für den Wolf als Herausgeber zeichnet, „Eduard von Hartmann. Zeitgenosse und Gegenspieler Nietzsches“ benannt ist und Texte von von Hartmann wieder abdruckt und den Leser oder die Leserin mit dessen Anhänger Drews in seinem Briefwechsel mit von Hartmann, einigen biographischen Skizzen und anderem bekannt macht.

Der zuerst genannte Band umfasst, wie gesagt, zwölf Einzelstudien, von denen vier zum ersten Mal an dieser Stelle veröffentlicht werden, der Rest wurde in Vorträgen oder als Einzelveröffentlichungen der Fachwelt vorgestellt. Grob gegliedert, befassen sich vier der Studien mit der Ethik von Hartmanns (Pessimismus, Mitgefühl, Freiheit, Willensfreiheit), der Aufsatz zur Schopenhauer – Kritik leitet über zu den zwei zusammengehörigen Artikeln über Metaphysik und Kategorien, den Anschauungen von Hartmanns zur Selbstzersetzung des Christentums und zur Religion des Geistes werden zwei Aufsätze gewidmet, die restlichen drei (Antisemitismus, Das Gefängnis der Zukunft, Die sozialen Kernfragen) beschäftigen sich mit politischen und gesellschaftlichen Ansichten von Hartmanns, die dieser ja immer wieder artikuliert hat. Die Studien sind sämtlich als unabhängig von einander konzipiert, was die Lektüre des Buches erleichtert, ebenso wie die recht ausführliche Darstellung der Positionen von Hartmanns. Die Philosophie ist seit den Lebzeiten von Hartmanns weiter geschritten und steht seiner Gedankenwelt fern. So ist es reizvoll zu sehen, wie dessen Ansichten von einem heutigen Gesichtspunkt aus beurteilt werden. Immerhin werden sie wegen ihres Inhalts, nicht nur wegen ihres historischen Kontexts für betrachtenswert gehalten. Wolf übt nun an den philosophischen Ansichten von Hartmanns Kritik, spart aber auch nicht an Anerkennung. Immer wieder kommt Wolf auf zwei Eigenarten von Hartmanns zurück. Die eine ist seine Lehre von der Entstehung der Welt und ihrem Ende in der Zukunft, die immer im Hintergrund seiner praktischen Philosophie steht, und die andere ist sein Pessimismus. Mit beiden Punkten hat von Hartmann die heftige Kritik seiner Zeitgenossen hervorgerufen, heute geht es Wolf damit nicht anders. Es muss von Hartmann zugute gehalten werden, dass er versucht hat, seine Gedanken zu Ende zu denken, und es stellt sich die Frage, wie konsequent die heute vertretenen Positionen zu Ende gedacht werden können, ohne dass man später, wie es jetzt bei von Hartmann der Fall ist, bei ihnen eine Überstrapazierung der eigenen Voraussetzungen oder Zirkelhaftigkeit des Gedankengebäudes feststellen muss. Auf die einzelnen Anschauungen zur Ethik oder Metaphysik, die Wolf darstellt und auch einer Kritik oder Widerlegung würdigt, soll hier nicht eingegangen werden. Stattdessen soll besonders auf die Ausführungen von Wolf zur Religionsphilosophie und zur „Selbstzersetzung des Christentums“ (1874) hingewiesen werden, so Titel eines Buches von Hartmanns, das seinerzeit Aufsehen erregte. von Hartmann schrieb ja insgesamt vier Bücher zum Christentum sowie zwei Werke zur Religionsphilosophie, darunter die „Religion des Geistes“. Wolf gibt der Darstellung der Kritik von Hartmanns am Protestantismus im Zusammenhang mit der protestantischen Theologie seiner Zeit und dessen eigenen Ideen zu einer „Religion der Zukunft“ größeren Raum. Diese lehnt Wolf ab, ohne leider seine Haltung näher argumentativ zu unterbauen. Dies ist schade, da ja die von Hartmannschen Ideen bei seinem Schüler Arthur Drews nicht nur theoretisch weiterentwickelt wurden, sondern auch von ihm an leitender Stelle in der freireligiösen Bewegung in die Wirklichkeit umgesetzt werden sollten, von der Leugnung der Geschichtlichkeit Jesu Christi („Die Christusmythe“, 1909) einmal ganz abgesehen. Auch zu diesem letzten Punkt ist die Wolfsche Darstellung der Rolle Jesu Christi in der protestantischen deutschen Theologie, wie sie von Hartmann gesehen hat, sehr instruktiv. Hart ins Gericht geht Wolf mit von Hartmann bei der Kritik von dessen Buch „Das Judentum in Gegenwart und Zukunft“, 1885. Der Vorwurf des Antisemitismus wird anhand von ausgiebigen Zitaten belegt, und Wolf stellt hier den Widerspruch fest, „wie sehr sich ein Philosoph auf Unparteilichkeit berufen und zugleich in die Abgründe antisemitischer Parteilichkeit verirren [könne]“ (Wolf 2006, 212). Ein solcher Widerspruch drängt sich des öfteren bei von Hartmann auf, etwa bei dessen Aufsatz über den „Rückgang des Deutschtums“ (1885, abgedruckt in „Zwei Jahrzehnte deutscher Politik und Die gegenwärtige Weltlage“, Leipzig 1889), in dem gefordert wird, das „Slaventhum in unseren Grenzen (scil. des Deutschen Reiches) aus[zu]rotten“, da „die Slaven das Deutschthum in ihren Grenzen ausrotten“ (l.c., 202). Mehr als hundert Jahre später liest sich dies mit andern Augen. Da Wolf auch auf den im Briefwechsel Drews – von Hartmann (s.u.) Bezug nimmt und antisemitische Äußerungen von Drews zitiert, sei an dieser Stelle darauf verwiesen, dass sich Drews später, wenn auch sehr knapp, öffentlich vom Antisemitismus distanziert hat („Judenhass. Eine Anthologie. Herausgegeben von der Arbeitsgemeinschaft für kulturelle Propaganda „Prometheus““, Wien 1926, 93). Den Schluss des ersten Wolfschen Buches bilden zwei Studien zu sozialen und gesellschaftlichen Fragen, wobei der Autor wieder auf eine gewisse Zwiespältigkeit bei von Hartmann hinweist und dessen Verhaftetsein in die Zustände und Anschauungen des Bismarckreiches. Vielleicht wäre es ja eine Untersuchung wert, inwieweit von Hartmanns politische Ansichten im weiteren Sinn des Wortes von seiner Philosophie beeinflusst sind.

Das zweite Buch über „Eduard von Hartmann. Zeitgenosse und Gegenspieler Nietzsches“, von Wolf herausgegeben, macht zum einen Texte von von Hartmann über Nietzsche („Nietzsches „neue Moral““, 1891) und Stirner („Stirners Verherrlichung des Egoismus“, 1898) sowie die autobiographische Skizze „Mein Entwicklungsgang“ (1874) wieder zugänglich, zusammen mit einer Einleitung zum Thema des Buches, Erläuterungen zum philosophischen Briefwechsel zwischen Eduard von Hartmann und Arthur Drews, und zwei nützlichen Wiederabdrucken, nämlich des Artikels über von Hartmann aus dem Philosophenlexikon von Rudolf Eisler und der Bibliographie ihres Gatten, die Alma von Hartmann 1912 in den Kantstudien erscheinen ließ. Die Einleitung zum Buch ist sehr lesenswert, versucht doch Wolf, sowohl von Hartmann als auch Nietzsche aus der historischen Distanz Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Wie auch gelegentlich im ersten Buch, erkennt Wolf die Bedeutung des Philosophen von Hartmann an: „Im Vergleich zu dieser substantiellen philosophiegeschichtlichen Bildung und ihrer Auswertung zur Fundierung und Situierung seiner eigenen [scil. von Hartmanns], alle Disziplinen umfassenden Philosophie war Nietzsche ein philosophischer Dilettant“ (l.c. 12). Diesen in der von Hartmann - Literatur sonst ungewohnten Tönen stehen andere gegenüber, so auf Seite 9, wo von Hartmann persönliche Motive bei seiner Auseinandersetzung mit Nietzsche zugeschrieben werden, aus Anlass einer kritischen Bemerkung, die jener über die erste „Unzeitgemässe Betrachtung“ von diesem machte. In der zweiten „Unzeitgemässen Betrachtung“ tituliert dann Nietzsche von Hartmann als „Amalgamist“ und „unfreiwilligen Parodist“. Nietzsche selber hatte wohl auch sehr persönliche Gründe, von Hartmann nicht nur wegen seiner kritischen Bemerkung zu verspotten, sondern auch darum, um sich im Sinne Richard Wagners zu betätigen, der ja die „Philosophie des Unbewussten“ ablehnte, und um Zustimmung im Hause Wagner zu finden, als Akt tätiger Reue sozusagen. Es war nämlich Nietzsche selber, der Cosima von Bülow die „Philosophie des Unbewussten“ zugeschickt hatte und damit einen „großen Widerwillen“ erregt hatte (C. Wagner, Tagebücher I, 192, 25. Januar 1870, München 1976). Bereits am 1. Februar 1870 wurde die „Philosophie des Unbewussten“ an Nietzsche zurückgeschickt, und die ablehnende Haltung blieb ihm sicherlich nicht verborgen. Die Ablehnung von Hartmanns im Hause Wagner hielt über den Tod Richard Wagners hinaus an, wie auch Arthur Drews erfahren musste. Dieser veröffentlichte 1898 ein Buch („Der Ideengehalt von Richard Wagners „Ring des Nibelungen“ in seinen Beziehungen zur modernen Philosophie“), in dem der „Ring“ als Vorwegnahme der „Philosophie des Unbewussten“ gefeiert wurde. Als Reaktion hierauf kam eine zumindest partiell ablehnende Fußnote in der großen Biographie von C.F. Glasenapp, „Das Leben Richard Wagners“, III, 138, 4.A. Leipzig 1905.

Wofür dem Herausgeber Wolf Dank gebührt, ist dass zum ersten Male seit dessen Erscheinen der von R. Mutter und E. Pilick edierte „Philosophische Briefwechsel“ zwischen Eduard von Hartmann und Arthur Drews (VIII, 469 S., erschienen 1995 im Verlag Peter Guhl, Rohrbach in der Pfalz) eine angemessene Würdigung erfährt. Diese in mehrfacher Hinsicht äußerst aufschlussreiche Quelle ist leider nicht mit Anmerkungen versehen, so dass sich Wolf auch deshalb zu einigen biographischen Skizzen der im Briefwechsel eine Rolle spielenden Personen entschlossen hat. Es sind dies Arthur Drews (1865 – 1935), Ludwig Stein (1859 – 1930), Rudolf Steiner (1861 – 1925) und Leopold Ziegler (1881 – 1958). Arthur Drews, dessen Name hier ja schon öfters erwähnt wurde, hat ja in seiner Selbstdarstellung (erschienen 1925) über seine Beziehungen zu Eduard von Hartmann berichtet. Der Briefwechsel nun eröffnet ein farbenprächtiges Bild beider Beziehung, in philosophischer, persönlicher und familiärer Hinsicht, gibt Einblicke in die Zustände an der Technischen Hochschule Karlsruhe und an den deutschen Universitäten, in die Arbeitsweise dieser Philosophen mit ihren gegenseitigen Büchersendungen. Es werden auch sehr persönliche Dinge angesprochen, das ernsthafte Auseinanderfallen von Drews mit von Hartmanns Gattin oder die ersten Unstimmigkeiten mit Drews einzigem Schüler, Leopold Ziegler, der sich ja 1910 von von Hartmann lossagen sollte. All dies ist eine faszinierende Lektüre, und die Wolfschen Erläuterungen sind nicht nur geeignet, das Verständnis des Briefwechsels beim Fernerstehenden zu erleichtern, sondern stellen geradezu eine Aufforderung dar, das Buch in die Hand zu nehmen und selber zu lesen.

Der Abdruck der Bibliographie der Werke von Hartmanns ist leider nur unvollkommen für die Zeit nach 1912 ergänzt worden; so lässt dieses willkommene Hilfsmittel den Wunsch einer Komplettierung offen. Was aber aus der Bibliographie hervorgeht, ist die ungeheure Breite der behandelten Gegenstände und dass von Hartmanns Meinung sehr gefragt war, auch im Ausland. Die publizistische Tätigkeit des Philosophen wäre schon einmal eine Studie wert.

Jean – Claude Wolf hat mit seinen zwei Büchern dazu beigetragen, einen „vergessenen
Philosophen“ ernst zu nehmen, ihn bekannter zu machen, und dessen mehr als marginale Stellung in der Geschichte der neueren Philosophie ein wenig näher zu beleuchten. Es gibt noch viel zu entdecken an Eduard von Hartmann und seinem vielfältigen und umfangreichen Werk.