Nach dem historischen Jesus fragen
- oder historisch nach Jesus fragen?
Hermann Detering, Berlin
2007
In der Post-Bultmann-Ära
ist Mode geworden, was unter kritischen Theologen einst als
grundsätzlich unmöglich galt: viel über den historischen
Jesus zu wissen. Wie der Hausvater von Mt 13,52, der aus
seinem Schatz Neues und Altes hervorholt, werden die
modernen Hausväter von „New Quest“, „Third Quest“ und
„mystischem“ Postmodernismus nicht müde, ihr Wissen über den
Mann aus Nazareth verschwenderisch vor den Augen ihres
Publikums auszubreiten. Hatte sich Bultmann noch begnügt,
seine bruchstückhafte Kenntnis über den historischen Jesus,
von dem wir, wie er meinte, „so gut nichts mehr wissen
können“,
in einem kleinen Büchlein von ca. 180 Seiten Umfang
darzulegen, so sind die neueren Werke oft zu epischer Breite
von 500 und mehr Seiten angeschwollen.
Ich beziehe mich damit noch
nicht auf das Jesus-Buch des Papstes. Auch deswegen nicht,
weil dieses Buch offenkundig gar nicht zur Kategorie der
historischen Jesusbücher gehört, sondern eher als Sammlung
erbaulicher Predigtmeditationen betrachtet werden muß. Das
Buch ist zwar historisch unbedarft, aber theologisch
gediegen, gesättigt mit guter alter Tradition, erlesenen
christlichen Gedanken und gehört zum Besten, was katholische
Theologie derzeit zu bieten hat.
Da Ratzinger sich auch als Benedikt XVI. treu geblieben ist,
kann von einer „peinlichen Entgleisung“
überhaupt keine Rede sein. Zumal der Papst vollkommen klar
erkannt hat, was einige aufgeregte Papst-Kritiker offenbar erst noch
lernen müssen: daß es völlig sinnlos ist, hinter dem
Jesus der Evangelien noch einen anderen Jesus
vorauszusetzen. Die Suche nach dem Menschen hinter
dem von den Evangelisten dargestellten Gott-Menschen
ist zum Scheitern verurteilt, weil die Verfasser der
Evangelien einen solchen nirgendwo im Blick hatten. Die
Frage nach einem vermeintlichen
„historischen Jesus“ kann also notwendigerweise, da von
vornherein falsch gestellt, immer nur falsche Ergebnisse
produzieren. Postliberale Phantasien über die uneheliche
Herkunft Jesu oder ein Grab, das auch nach der Auferstehung
„voll“ blieb, sind letztlich ebenso unhistorisch wie der
schlichte katholische Kirchenglaube des Papstes. Doch
darüber später mehr.
Quod
licet Iovi, non licet bovi.
Der ökumenische Theologe Klaus Berger hat ebenfalls
ein Jesus-Buch geschrieben. Das unterscheidet sich von
dem des Papstes vor allem durch zweierlei: durch einen
Mangel an theologischem Geschmack und durch die besagte
penetrante historische Vielwisserei. Als historisch-kritisch
kann dieses Buch selbst im Sinne des Verfassers schon
deswegen nicht bezeichnet werden, weil Berger, sich
ausdrücklich von der historisch-kritischen Methode abgrenzt
und einen Wirklichkeitsbegriff voraussetzt, der (natur-)wissenschaftlich
feststellbare Fakten nicht bloß transzendiert, sondern diese
schlichtweg ignoriert. Für seine Verabschiedung des
historischen Analogiekriteriums bemüht Berger vage
postmodernistische und konstruktivistische Kategorien; er
nennt das Ganze „Mystik“: „Mystik ist die Definition der
Welt unter Einschluss der Existenz Gottes und der Annahme
der Möglichkeit von Interaktion mit allen ,Personen‘ und
Mächten der unsichtbaren Welt“.
Darum kann sich in Bergers „mystischem“ Weltbild alles
genauso verhalten, wie es uns die Evangelisten berichten:
Die Welt ist bevölkert von Engeln und Dämonen, Jesus trägt
„die Spuren der Entstehung durch den Heiligen Geist noch an
sich“,
sein Leib wurde auf dem Berge verklärt,
wandelte tatsächlich auf den Wellen
und erstand körperlich auf.
Blinde sehen, Lahme gehen und Tote stehen auf – und wehe
jenen kleingläubigen Exegeten, die solche Wunder nur
symbolhaft auflösen und damit die Substanz des christlichen
Glaubens gefährden! Am Ende wird selbst die Höllenfahrt für
Berger zur historischen Begebenheit.
Zu dem wenigen Positiven, was
man aus historisch-kritischer Sicht zu seinem Buch sagen
kann, gehört, daß Berger sich gegen die übliche
anachronistische Vereinnahmung Jesu wendet. Anders als
andere Autoren läßt er seinen Jesus nicht als Vorkämpfer
der modernen Friedens-, Frauen- und Umweltbewegung oder als
humanistischen „Gutmenschen“ auftreten,
sondern betont das Fremde, Herbe, Autoritativ-Fordernde, so
gar nicht in unsere Zeit Passende an der Gestalt Jesu.
Wer allerdings genauer hinsieht, erkennt bald, daß die
„Fremdheit“, die Berger an Jesus feststellt, so fremd auch
wieder nicht ist. Es ist, wie mir scheint, nichts anderes
als das Katholische, zu dem sich der jahrzehntelang
als Professor für Neues Testament an der (evangelischen)
Theologischen Fakultät in Heidelberg arbeitende Berger schon
seit längerem hingezogen fühlt und jüngst auch öffentlich
bekannte.
Berger hat neue Begriffe
entdeckt („Postmodernismus“, „Konstruktivismus“), um alte
kirchliche Ladenhüter in moderner Verpackung an den Mann zu
bringen und eine Exegese zu betreiben, die den Namen nicht
verdient. Ärgerlich ist besonders der dilettantische
Gebrauch des Begriffes Mystik. Berger bezeichnet alles als
„mystisch“, was nicht mit rechten Dingen zugeht, also
naturwissenschaftlich nicht erklärt werden kann. Mit echter
Mystik (der eines Areopagiten oder Eckehart) hat das alles
nichts zu tun. Berger scheint mystisches und mythisches
Weltbild miteinander zu verwechseln.
Berger steht mit seiner
„postmodernen“ – in Wahrheit nur vormodernen und
apologetischen – Position in Deutschland derzeit noch
allein. Apologetisch, aber methodisch fundierter und ohne
„mystischen“ Wirklichkeitsbegriff arbeiten auch Exegeten wie
Rainer Riesner oder der inzwischen verstorbene Carsten Peter
Thiede. Thiede hatte nach dem vermeintlichen Fund des
Kreuzestitulus in der römischen Kirche Santa Croce zusammen
mit Matthew d'Ancona erst jüngst im „Jesuspapyrus“ die
Behauptung aufgestellt, der Evangelist Matthäus habe die
Bergpredigt „mitstenographiert“.
Indessen hat sich der Abstand
von diesem innersten Kreis der Apologeten einer „hermeneutics
of belief“ – gleichsam die „Kreationisten“ der
Leben-Jesu-Forschung – zu den übrigen Neutestamentlern in
den letzten Jahren immer mehr verringert. Dies nicht etwa,
weil sie sich der Position des bis dahin als liberal
geltenden neutestamentlichen Mainstreams angenähert hätten,
sondern weil letzterer – vor allem auch unter dem Einfluß
amerikanischer Theologen – sich zunehmend in apologetische
und evangelikale Richtung bewegt hat. Der Leipziger Theologe
Jens Schröter kann daher konstatieren: „In der neueren
Forschung ist eine deutliche Tendenz erkennbar, diesen [den
Evangelien] den Status historischer Quellen zuzuerkennen,
ihre Jesuserzählungen also – über die in ihnen zweifellos
zum Ausdruck kommenden Glaubensüberzeugungen hinaus – auch
in historischer Hinsicht für relevant zu erachten“.
Na bitte! Schröter beruft sich dabei auf die von ihm
offenbar geschätzten amerikanischen Kollegen Evans,
Charlesworth und Ellis.
Doch auch kritischere Autoren
als die, deren Namen bisher genannt wurden, fallen, wenn es
um den historischen Jesus geht, immer öfter mit der Tür ins
Haus. In Crossan’s
Der historische Jesus
betritt der Held, noch vor der grundlegenden historisch
wissenschaftlichen Rekonstruktion, im hellen
Scheinwerferlicht das Proszenium. Wir sehen ihn, wie er
kommt „noch unbekannt in einen Weiler in Untergaliläa“, und
wie ihn die „kalten, harten Augen der Bauern“ dort
beobachten. Und Crossan weiß auch, wie er aussieht: „wie ein
Bettler“. Allerdings vermißt er „bei ihm den unterwürfig
niedergeschlagenen Blick, die winselnde Stimme und den
schlurfenden Gang des Bettlers“.
– Müßig zu fragen, woher Crossan seinen Jesus so genau
kennt. Wenigstens an dieser Stelle schreibt er nicht als
Historiker, sondern als allwissender Romanautor. Wenn er
seinen Jesus schließlich auch noch die Gastfreundschaft der
Dorfbewohner verschmähen und bei Maria Magdalena übernachten
läßt, gibt er vollends zu erkennen, daß bei der
Rekonstruktion seines Jesusbildes der Anteil romantisch
verklärter Phantasie und Imagination mitunter größer ist
als historisch-kritische Analyse.
Fairerweise wird man sagen
müssen, daß Crossan seine Kriterien für die Scheidung von
echter und unechter Jesusüberlieferung später sehr
gewissenhaft darlegt. Sein Jesus ist, anders als derjenige
Bergers, kein postmodernes oder apologetisches
Phantasieprodukt, sondern im großen und ganzen das Resultat
einer methodisch durchdachten historisch-kritischen
Rekonstruktion. Das Knochengerüst des „rekonstruierten
Jesus“ findet sich im „Inventar“, in dem Crossan einen
Überblick über die ihm verfügbaren Jesustraditionen gibt und
jeweils säuberlich mit einem Plus- oder Minus-Zeichen
vermerkt, was er davon für echt oder für unecht hält.
Doch leider werden die
Voraussetzungen der von Crossan und anderen Forschern
verwendeten Methode der Unterscheidung von „echter“ und
„unechter“ Jesustradition nie grundsätzlich hinterfragt.
Wenn auch nicht zu bestreiten ist, daß Crossan, ebenso wie
seine Kollegen vom Jesusseminar, stets methodisch stringent
für die größere Ursprünglichkeit der einen oder anderen
Überlieferung argumentieren, so ist doch damit nicht
erwiesen, daß wir es bei dem jeweils ursprünglicheren auch
mit dem echten, also authentischen Jesuswort zu tun
haben. Für eine solche Identifizierung wäre zunächst der
Nachweis nötig, daß die als ursprünglich erkannten Worte
tatsächlich einen Menschen mit Namen Jesus von Nazareth als
Urheber hatten. Denn es ist beispielsweise nicht
auszuschließen, daß es sich dabei um Worte anonymer
Charismatiker oder Propheten handelt, die im Namen eines
pneumatischen Jesus bzw. Christus sprechen. Auch Crossan
kennt, wie übrigens schon Bultmann und andere Exegeten vor
ihm, eine Reihe von Jesusworten, die auf das Konto solch
jesuanischer Propheten und Charismatiker gehen könnten und
die er zu der „Schicht des Entwickelten“ und zu den
„Neuschöpfungen“
rechnet – deutsche Theologen der Bultmann-Schule gebrauchten
dafür gern den Begriff „nachösterlich“. Was gibt Crossan die
Sicherheit, zwischen „Neuschöpfungen“ (also
„nachösterlichem“ Gut) und der „Schicht des Bewahrten“ (d.h.
„vorösterlichem“ Überlieferungsgut) unterscheiden zu
können?
Abgesehen davon wäre die noch
grundsätzlichere Frage zu stellen, ob die Kategorisierung
überhaupt methodisch legitim ist. Sie wurde einseitig auf
der Grundlage der synoptischen Evangelien gewonnen, die in
der Tat einen „vorösterlichen“ Jesus voraussetzen. In dem
breiten Strom der uns überlieferten Jesustraditionen, von
der die Synoptiker nur einen schmalen Ausschnitt bilden,
läßt sich diese Scheidung zwischen „vor-“ und
„nachösterlich“ jedoch nicht überall in derselben Weise
vornehmen. Der Jesus des von Crossan als Quelle für seinen
historischen Jesus gern benutzten Thomasevangeliums wird im
Prolog als „Lebendiger“, nicht als Gekreuzigter und
Auferstandener bezeichnet. Auch in den Logien ist weder von
Kreuz noch Auferstehung die Rede.
Beim Jesus des Thomasevangeliums kann es sich im Sinne ihres
Verfassers sehr wohl um eine rein spirituelle Wesenheit
handeln – wie z.B. beim Christus in den Oden Salomos oder
der Gestalt des Poimandres in den hermetischen Schriften.
Die Scheidung zwischen „vorösterlich“ und „nachösterlich“
könnte von den Exegeten gar nicht vorgenommen werden, wenn
nicht von vornherein die jesuanische „Biographie“ aus den
synoptischen Evangelien in das Thomasevangelium
hineinprojiziert würde. Das aber widerspricht dem
methodischen Grundsatz, wonach Texte zunächst aus sich
selbst heraus zu verstehen und zu interpretieren sind.
Bei Theißen lesen wir im Stil
eines Bewerbungsschreibens, daß Jesus „kurz vor Ende der
Regierungszeit Herodes I. (37-4v. Chr.) als Sohn des Holz-
und Steinarbeiters Joseph und seiner Frau Maria in Nazareth
geboren“ worden ist. Das hört sich solide und sachlich an.
Probleme gibt es allerdings auch hier. So wäre z.B. zu
bedenken, daß Jesus in einer Reihe neutestamentlicher Texte
nicht als „Jesus von Nazaereth“
wie dies bei seiner Herkunft aus Nazareth zu erwarten wäre,
sondern als „Jesus der Nazoräer“,
bezeichnet wird.
Da die sprachliche Brücke von Nazareth und Nazoräer nur
schwer zu schlagen ist, wurde in der Vergangenheit oft
vermutet, daß die Bezeichnung „Nazoräer“ (Mitglied der
Sekte der Nazoräer) erst sekundär mit der Ortsbezeichnung
„Nazareth“ in Verbindung gebracht wurde.
Theißen scheint solche kritischen Fragestellungen entweder
nicht zu kennen oder zu ignorieren.
Er geht sogar noch einen
Schritt weiter und mutmaßt, daß Jesus als Bauhandwerker
„beim Aufbau von Sepphoris … mitgewirkt“ haben könnte.
Das klingt, als erwartete Theißen demnächst die
archäologische Entdeckung der Überreste eines persönlich vom
„Holz- und Steinarbeiter“ aus Nazareth errichteten
Wohnhauses, so wie ja auch in Kapernaum nach Theißens
Auffassung – „möglicherweise aufgrund einer zutreffenden
Ortstradition“ (und ein paar gefundener Angelhaken) – das Haus des Petrus wiederentdeckt worden
sein soll.
– Der modernen Suche nach dem historischen Jesus und der
alten Sehnsucht nach heiligen Reliquien liegen, wie es
scheint, oft ganz ähnliche Antriebskräfte zugrunde.
Bei der Lektüre moderner
Jesusbücher wundert man sich immer wieder darüber, wie modern und menschlich der Jesus ist, den
die Forscher herausgefunden zu haben glauben, und wie gut er
in unsere heutige Zeit hineinpaßt, mit seinem Eintreten für
den ökumenischen Dreiklang von Frieden, Gerechtigkeit und
Umwelt und – nicht zu vergessen: seinem weiten Herzen für
die Frauen. Besonders das letzte Thema hat es den modernen
Exegeten angetan, vielleicht auch, weil es offenbar kaum
eine bessere Gelegenheit gibt, bei den FrauenbeauftragtInnen
ihrer jeweiligen Universitäten zu punkten.
Es „menschelt“ viel in den
Jesus-Büchern der „Historisch-Kritischen“. Wiederum erweist
sich Theißen als Meister in der Darstellung des wahrhaft
modernen, wahrhaft humanen Jesus. Eine seiner oft
wiederholten Lieblingsideen ist die, daß sich Jesus durch
den Gebrauch des Titels „Menschensohn“ als „Vertreter einer
Human-Christologie“
erwiesen habe. Nach Theißen soll bereits aus Dan 7
hervorgehen, daß es Israels Bestimmung war „die tierischen
Weltreiche durch ein humanes abzulösen.“ Dies zeige, daß
„in der mythischen Symbolwelt … mit solchen Bildern eine Art
‚Humanismus’ zum Ausdruck gebracht werde“.
Trotz gegenteiliger Beteuerung
handelt es sich dabei um einen krassen Anachronismus. Mit
einer historischen Auslegung des sperrigen Titels
„Menschensohn“ hat das nichts tun. Weder die
alttestamentlichen und apokryphen noch die
neutestamentlichen Quellen lassen es zu, das Bild des
„Menschensohns“ Jesus zu „einer neuen Gestalt des
Menschlichen“ zu verklären.
Stellen wie Mt 13,41-42, wo Jesus in der Funktion des
endzeitlichen Menschensohn-Richters auftritt und seine Engel
aussendet, um das vom Glauben abgefallene, sündige
Menschengeschmeiß in den Feuerofen werfen zu lassen („da
wird sein Heulen und Zähneklappern“!), dürften mit unseren
modernen Vorstellungen über die „neue Gestalt des
Menschlichen“ wohl kaum kompatibel sein. Eben wohl nur
"eine Art 'Humanismus'"
Daß bei alledem der Glaube des
Exegeten eine wichtige Rolle spielt, verwundert nicht. Bei
dem Papst und Berger, deren Jesusbücher reines
Glaubenszeugnis sind, ist das von vornherein klar. Doch
auch das Buch Theißens, der „in Jesus etwas wahrnimmt, das
quer zu jeder Zeit steht und sich chronologisch nicht
verrechnen läßt“, trägt immer wieder bekenntnishafte Züge.
Gerne würde man wissen, worin dieses „etwas“ besteht, wie es
vom Historiker wahrgenommen werden kann und welcher
besonderen Wahrnehmungsorgane es dafür bedarf. Die Antwort
dafür dürften wir vermutlich in den Erbauungsbüchern
finden, die Theißen nebenher schreibt.
Nicht nur Berger und Thiede,
sondern auch – auf höherem kritischen Niveau –Theißen,
Crossan und andere moderne Autoren von Jesus-Büchern
bestätigen den Satz Albert Schweitzers, daß es „kein
persönlicheres historisches Unternehmen“ gibt, „als ein
Leben-Jesu zu schreiben“.
Sie alle zeigen, daß sich auch 100 Jahre nach der ersten
Veröffentlichung von Schweitzers Buch wenig geändert hat.
Nur die Methodenreflexion nimmt heute breiteren Raum ein.
Auch gehen die Autoren bei der Rekonstruktion ihres Jesus
nicht mehr in der Weise vor, daß sie ihrem Konstrukt die
eigenen theologischen und ideologischen
Lieblingsvorstellungen gleichsam naiv in den Mund legen.
Heutige Autoren haben ein scharfes Auge, wenn es darum
geht, Anachronismen, Pseudo-Modernisierungen und
–Aktualisierungen des Jesus-Bildes aufzuspüren – zumindest
wenn sie diese bei anderen entdecken. Auch versäumen sie es
nicht, zu Beginn ihrer Bücher darauf hinzuweisen, daß die
größte Gefahr ihres Unternehmens darin bestehe, sich einen
Jesus nach eigenen Bedürfnissen und Erfordernissen
zurechtzuschneidern
– wenige Seiten weiter pflegen sie oft selber nichts anderes
zu tun. Freilich glauben sie sich durch ihre Methode dazu
berechtigt. Doch die von ihnen entwickelten Methoden
erwecken sehr oft den Verdacht, als seien sie bereits auf
ein bestimmtes, von den Autoren präferiertes Jesusbild
zugeschnitten. Theißen bezeichnet das von ihm abgelehnte
Differenzkriterium, das von den Vertretern der „Neuen
Frage“ gerne benutzt wurde, als „verkappte Dogmatik“.
In der Tat wird man nicht bestreiten können, daß das
Differenzkriterium oft die Entstehung eines Jesusbildes, das
die Singularität der Erscheinung Jesu betonte und ihn aus
dem Kontext eines jüdischen Milieus herausriß, begünstigte.
Allerdings scheint mir das von Theißen favorisierte
„historische Plausibilitätskriterium“ nicht weniger dem
Verdacht der „verkappten Dogmatik“ zu unterliegen. Die von
Theißen formulierte forsche Prämisse, wonach alles, „was im
jüdischen Kontext plausibel ist und die Entstehung des
Urchristentums verständlich macht“, historisch sein dürfte,
muß zwangsläufig zur Entdeckung des Juden Jesus führen, an
dem, was nicht zu leugnen ist, heute besonders in
ökumenischen Arbeitskreisen erhöhter Bedarf besteht.
Man hat das Buch Schweitzers
oft als „Abgesang“ der Leben Jesu-Forschung bezeichnet. Doch
das war eine Täuschung. Die Leben-Jesu-Forschung gleicht
keinem sterbenden Schwan. Eher schon einem in der Wüste
herumstreifenden Wanderer, der, weil ohne Kompaß und
Orientierung, nach einer Weile des Herumirrens stets zu
demselben Punkt zurückkehrt, von dem er einst ausging. Der
Zeitraum des Frageansatzes, den Schweitzer auf die Epoche
„von Reimarus zu Wrede“ begrenzte, ließe sich auch von
„Reimarus zu Theißen“ ausweiten. Die Kritik, die Schweitzer
schon damals gegen die Mehrzahl der Forscher vorbrachte,
könnte bis heute mühelos auf die modernen Repräsentanten der
Jesus-Forschung bezogen werden. Weil die geschichtliche
Erforschung des Lebens Jesu damals wie heute nicht
von einem rein geschichtlichen Interesse ausging und - geht,
verstrickt sie sich immer wieder in dieselben Probleme und
Aporien. Damals ging es ihr (auf protestantischer Seite)
darum, sich in der Auseinandersetzung mit der katholischen
Kirche vom kirchlichen Dogma zu lösen. Auch heute ist sie
wieder die Hilfswissenschaft einer im Dienste der Kirche
stehenden Theologie, die für das Vakuum, das der Fortfall
des Dogmas hinterlassen hat, nach immer neuen Inhalten
sucht. Die Autorität des Vorbildmenschen Jesus soll richten,
was die Autorität des Dogmas bzw. Kirche und Papst nicht
mehr vermögen. Die Arbeit des Forschers besteht vornehmlich
darin, die bleibende Aktualität und Relevanz des Menschen
Jesus für den Gläubigen aufzuzeigen. Zu dieser Aufgabe gibt
es für den Theologen keine Alternative. Entdeckte er einen
Jesus, der nicht in unsere heutige Zeit hineinpaßte, dessen
ethische und soziale Wertmaßstäbe hoffnungslos veraltet
wären und uns nichts mehr zu sagen hätten, dürfte er diesen
getrost dem Vergessen anheimgeben, weil für einen solchen
Jesus kein theologischer und kirchlicher Bedarf besteht.
Damit sind der Willkür Tor und
Tür geöffnet, und der historische Jesus wird zur Schale,
die mit immer neuen modischen Inhalten gefüllt wird.
Schweitzers Urteil über die Jesus-Forschung seiner Zeit ist
bis heute zutreffend."[...] nicht nur die Epochen fanden
sich in ihm [Jesus] wieder: jeder einzelne schuf ihn nach
seiner eigenen Persönlichkeit“.
Auch die heute kursierenden unterschiedlichen Jesusbilder
sind Projektionen ihrer (theologischen) Autoren und ihrer
Zeit. Das gilt vom bäuerlichen Revolutionär Crossans ebenso
wie vom feministisch angehauchten humanistischen Gutmenschen
Theißens oder dem „autoritären Entscheider“, an dem der
Papstanhänger Berger Gefallen findet.
Heutige Theologen bedienen mit
ihren Büchern oft nur noch den jeweiligen Zeitgeist. So wie
dieser unterliegen sie dem steten Wandel von Mode und
Zeitgeschmack. Selbst die „seriöse“ Jesus-Forschung der
Post-Bultmann-Ära ist inzwischen so sehr zur Roman- und
Erbauungsschriftstellerei geworden, daß Wissenschaft,
Predigt und Belletristik in vielen Fällen kaum noch
auseinanderzuhalten sind.
Nach alledem scheint mir, daß
es heute an der Zeit ist, die bisherige Fragestellung zu
ändern. Statt wie üblich nach einem „Leben Jesu“ bzw.
nach einem historischen Jesus zu fragen, sollte es in
Zukunft darum gehen,
historisch nach Jesus
zu fragen.
Diese Fragestellung impliziert
zwei wichtige Gesichtspunkte:
1. Sie will sich bewußt von
der primär theologisch ausgerichteten unterscheiden,
die der Leben-Jesu Forschung in der Vergangenheit zum
Verhängnis geworden ist und dazu führte, daß immer wieder
neue, divergierende Jesusporträts entstanden, die der
jeweiligen aktuellen kirchlichen oder theologischen
Interessenlage entsprachen.
Das Problem ist allerdings,
daß längst nicht alle Exegeten, die ein theologisches
Anliegen haben, sich auch offen dazu bekennen. Häufig wird
das historische Interesse dem (eigentlichen) theologischen
vorangestellt, um den Resultaten der Untersuchung den
Anschein größtmöglicher Objektivität zu geben. Wir haben das
bereits bei Theißen gesehen und wir können es auch bei
Crossan beobachten. Nachdem er wiederholt betont hat, daß
sein Jesus Resultat einer Rekonstruktion ist, schließt er
sein Buch mit den Worten: „Wer … nicht an etwas zu glauben
vermag, das Ergebnis einer Rekonstruktion ist, dem bleibt
vielleicht am Ende überhaupt nichts, an das er glauben
könnte“.
Abgesehen daß wir uns auf eine so enge Alternative nur
ungern einlassen möchten, zeigt die Stelle, daß es auch
Crossan letztlich um den Glauben geht, der für ihn
mit seinem rekonstruierten Jesus steht oder fällt.
Würde Crossan nur als Historiker argumentieren,
brauchte er sich solche Sorgen kaum zu machen.
Zu jenen, die sich zu ihrem
nicht-historischen Interesse offen bekennen, gehört Eugen
Drewermann. Er stellt in aller Deutlichkeit fest: „Nicht wer
der historische Jesus vor 2000 Jahren war, sondern ob das,
was er sagte und was von ihm gesagt wurde, eine Lösung auf
die uns dringlichen Fragen enthält, darum geht es“.
Drewermann vertritt damit den entgegengesetzten Standpunkt
zu der hier vertretenen Position. Wer historisch nach
Jesus fragt, erwartet keine Antwort auf dringliche
Fragen der Gegenwart und schon gar nicht liest er sie in
seine Texte hinein. Er bedarf als Historiker keiner
menschlichen Tröstung, keiner geistlichen Stärkung und
keiner religiösen Erbauung, keiner Wegleitung im Alltag,
keines geistlichen Nothelfers, keines politischen oder
moralischen Mahners. Der rekonstruierte Jesus ist ihm kein
neues Glaubensobjekt oder moralisch-ethische Autorität,
sondern das Resultat einer nach bestem Wissen und Gewissen
durchgeführten historischen Untersuchung. Nicht ob das, was
Jesus sagte und was von ihm gesagt wurde, eine Lösung für
die uns heute beschäftigenden aktuellen und dringlichen
Probleme enthält, interessiert ihn, sondern allein die
Frage, was es mit dem Phänomen Jesus als historischem
auf sich hat – selbst auf die Gefahr hin, daß die Resultate
seiner Untersuchung unerbaulich ausfallen und dem modernen
Menschen nichts mehr zu sagen haben.
2. Weiter grenzt sich die
historische Frage nach Jesus ab von einer Fragestellung,
die von vornherein auf den historischen Jesus zielt,
so als müßte zwangsläufig das Porträt einer historischen
Person am Endpunkt der Untersuchung stehen. Wer
historisch nach Jesus fragt, sucht nicht nach einer
historischen Person, sondern nach dem Ursprung eines
historischen Phänomens. Mit anderen Worten, wer
historisch nach Jesus fragt, bekennt sich zu einem
methodischen Zweifel, der auch die radikale Skepsis an der
Existenz der historischen Person Jesus von Nazareth in sich
einschließt. Das von Bultmann einst ohne nähere Begründung
behauptete Daß des Gekommenseins
kann heute in historischer Hinsicht nicht mehr als ein
über jeden Zweifel erhabenes Axiom betrachtet werden.
Es sind vor allem drei, unten
näher zu erläuternde Gründe, die mich dazu veranlassen, die
historische Frage nach Jesus heute mit der
radikal-skeptischen Fragestellung zu verbinden. Alle drei
Einzelbegründungen sind eng miteinander verzahnt und geben
dem Argument erst in ihrem engen wechselseitigen
Zusammenhang sein ganzes Gewicht:
a) unser erweitertes Wissen
über die Fülle und Vielfalt frühchristlicher
Jesus-Traditionen
b) die zunehmende
Fragwürdigkeit der bisherigen Datierung frühchristlicher
Schriften, inklusive der Synoptiker
c) die zunehmende
Fragwürdigkeit der bisherigen Sicht des Verhältnisses von
Orthodoxie und Häresie
a) Durch die Entdeckungen
immer neuer Quellen, ist uns die Fülle, Vielfalt und
Verschiedenheit der Jesus-Traditionen in den letzten
Jahrzehnten deutlicher denn je bewußt geworden. Dabei ist,
bedingt durch die große Anzahl bedeutender Funde aus dem
Bereich der christlichen Gnosis (Oxyrhynchos, Nag Hammadi,
Judas-Evangelium usw.), das gnostische Jesusbild,
immer stärker in den Mittelpunkt des Interesses getreten.
Eine Übersicht über die verschiedenen frühchristlichen
Jesustraditionen kann zeigen, daß das gnostische Jesusbild
allein aufgrund der Vielzahl und des Umfangs der Quellen
dominiert, so daß das Jesusbild der Synoptiker daneben nur
einen relativ schmalen Ausschnitt innerhalb des breiten
Spektrums frühchristlicher Überlieferung darstellt.
Es war völlig folgerichtig und
nur eine Frage der Zeit, daß einige Wissenschaftler ein
Umdenken forderten und für eine stärkere Einbeziehung und
Berücksichtigung nicht-synoptischer Texte eintraten. Charles
Hedrick verlangte bereits 1988 in seinem viel beachteten
Aufsatz The Historical Jesus and the Rejected Gospels
von der neutestamentlichen Exegese eine Beendigung der
„Tyrannei des synoptischen Jesus“.
Crossan und die Mitarbeiter vom Jesus-Seminar gehörten zu
den ersten, die in großem Umfang nicht-synoptische
Traditionsstücke bei der Rekonstruktion ihres Jesusbildes
benutzten.
Obwohl diese Öffnung der
neutestamentlichen Exegese an sich sehr zu begrüßen ist,
scheint mir die Methode, mit der heute nicht-synoptische
Texte in ein „historisches“ Jesusbild integriert werden,
problematisch. Von Crossan und anderen Forschern werden
vielfach Logien aus dem Thomasevangelium – ohne
grundsätzliche methodische Reflexion – einer „synoptischen“
Biographie Jesu einverleibt. Diese steht von vornherein als
Richtschnur bei der Rekonstruktion des Jesusbildes fest und
wird einfach in die verschiedenen Texte „hineinprojiziert“.
Ob wir zu einem solchen
Verfahren berechtigt sind, ist aber sehr die Frage. Schon
oben wurde auf die Differenzen zwischen Thomasevangelium und
Synoptikern hingewiesen, vor allem auf die Tatsache, daß die
Logien des Thomasevangeliums weder etwas von Kreuz noch
Auferstehung Jesu wissen. Es bleibt also fraglich, ob wir
es bei dem „lebendigen Jesus“ des Thomasevangeliums im Sinne
des ursprünglichen Verfassers überhaupt mit einer
historischen Person zu tun haben.
Bevor also Logien aus
apokryphen Quellen unreflektiert in die Rekonstruktion eines
an den Synoptikern orientierten Jesusbildes aufgenommen und
als Worte eines „historischen“ Jesus verbucht werden, müßten
diese zunächst aus ihrem jeweiligen Gesamtkontext verstanden
werden, müßte ihre jeweilige Eigenart geklärt werden, und
vor allem müßten die grundsätzlichen Unterschiede zur
synoptischen Jesustradition Berücksichtigung finden.
Der bisherige Frageansatz, die
Suche nach dem historischen Jesus, hat in der
Vergangenheit oft für mehr Verwirrung als Klarheit gesorgt.
Die Mehrheit derer, die auszogen und ausziehen den
historischen Jesus zu suchen, hat ihn regelmäßig – wen
wundert’s? – auch gefunden und mußte ihn finden, weil die
Fragestellung bereits eine petitio principii
enthielt. Die historische Frage nach Jesus dagegen
sucht nicht nach einer historischen Person, sondern nach dem
Ursprung eines historischen Phänomens, das uns aus
vielfältigen Quellen in einer bunt schillernden
Vielfarbigkeit und Verschiedenartigkeit begegnet: als Gott
und „Schöpfungsmittler,
als Christus polymorphus,
als „erlöster Erlöser“,
als Phantasma,
als alttestamentlicher Typos,
als in der Gemeinde wohnendes und mit ihr identisches Pneuma
bzw. Sohn bzw. Logos,
als Sprecher weisheitlicher oder apokalyptischer Logien,
als gnostischer Lehrer,
als Haupt- und Nebendarsteller gnostischer Erlösungsdramen,
als endzeitlich mythische Größe,
als magischer Name zur Austreibung von Dämonen
– und in einem relativ kleinen Ausschnitt der Tradition
auch: als gott-menschliche, quasi-historische Person.
Die historische Frage nach Jesus zielt darauf, die
verschiedenen Jesusbilder zunächst in ihrer jeweiligen
Eigenart zu erkennen und gelten zu lassen und sie in ihrer
wechselseitigen Verbindung zu verstehen. Bevor ihnen ein
verbindliches hermeneutisches Raster („historischer Jesus“)
übergestülpt wird, will sie das entscheidende Problem nach
Ursprung und Herkunft der verschiedenen Jesusbilder geklärt
wissen.
b) Hier kommt nun die Frage
der Datierung der synoptischen Evangelien und der
nicht-synoptischen Jesustraditionen ins Spiel.
Die Bedeutung der apokryphen
Jesusüberlieferung wird in der Forschung bis heute häufig
durch den Hinweis auf ihre im Vergleich zu den Evangelien
angeblich spätere Entstehungszeit abgeschwächt. Häufig wird
argumentiert, daß die Mehrzahl der apokryphen Schriften aus
dem 2. nachchristlichen Jahrhundert stamme und daß die darin
enthaltenen Jesusbilder bereits Fortbildungen und z.T.
phantastische Wucherungen des kirchlich-synoptischen
Jesusbildes aus dem ersten Jahrhundert darstellten.
So versuchten z.B.
konservative Theologen die Bedeutung des jüngst entdeckten
Judasevangeliums dadurch herunterzuspielen, daß sie
auf das relativ junge Alter des Judas-Evangeliums im
Vergleich zu den angeblich viel älteren synoptischen
Evangelien aus dem 1. Jahrhundert verwiesen. Sie wähnten
sich da ganz sicher und meinten, auf diese Weise die
vermeintlichen historischen Fakten der Evangelien gegen die
Gnosis des Judas-Evangeliums ausspielen zu können. Dr. R.
Roukema von der Theologischen Universität Kampen
konstatiert: „Die ältesten und zuverlässigsten Quellen sind
immer noch in den Schriften zu finden, welche die Kirche in
den Kanon des Neuen Testaments aufgenommen hat“.
Ich kann Roukemas Einschätzung
nicht teilen. Daß die synoptischen Evangelien „die ältesten
und zuverlässigsten Quellen“ seien, scheint mir heute ein
überholter Standpunkt, der seine apologetisch kirchliche
Herkunft kaum verleugnen kann. Nirgendwo wird deutlicher,
wie sehr sich die heutige neutestamentliche Wissenschaft
noch im Bann traditionell-kirchlicher Vorstellungen befindet
als bei der Datierung der synoptischen Evangelien. Gemäß
kirchlicher Tradition galten diese bekanntlich als Werke von
Aposteln bzw. direkten Apostelschülern. Aus Irenäus
und dem von Eusebius zitierten Fragment des Papias
ergibt sich, daß Markus sein Evangelium als Schüler und
Dolmetscher des Petrus verfaßt, der Apostel Matthäus eine
Sammlung von Herrenworten in hebräischer Sprache
zusammengestellt und Lukas sein Evangelium als
Paulusbegleiter geschrieben haben soll.
Diese Darstellung entsprach
der Forderung nach apostolischer Herkunft der Evangelien und
konnte darum von den Kirchenvätern für den kirchlichen
„Altersbeweis“ brauchbar gemacht werden, wie er vor allem in
der Auseinandersetzung mit der Gnosis benötigt wurde. Mit
seiner Hilfe konnte die Kirche darauf verweisen, daß ihre
Schriften auf echter apostolischer Überlieferung basierten.
Heute weiß man, daß die von
der Kirche gegenüber den Gnostikern eingenommene Position
zwar ein sehr effizientes taktisches Manöver darstellte,
jedoch in historischer Hinsicht völlig wertlos ist. Es gibt
wenige Neutestamentler, die annehmen, daß die synoptischen
Evangelien bzw. das Johannesevangelium apostolischen
Ursprungs sind, also aus der Feder jener Apostel bzw.
Apostelschüler stammen, die ihnen den Namen gaben. Allgemein
wird immer noch davon ausgegangen, daß es sich dabei um
Produkte anonymer christlicher Verfasser aus dem 1.
Jahrhundert handelt, denen erst im 2. Jahrhundert, als sich
die Kirche mit den Gnostikern auseinandersetzte, das
Prädikat apostolischer Herkunft verliehen wurde.
Es ist interessant zu
beobachten, daß sich die meisten neutestamentlichen
Wissenschaftler zwar insoweit aus der Umklammerung durch die
kirchliche Tradition befreit haben, als sie die These von
der apostolischen Herkunft der Evangelien als kirchlich
apologetische Tendenzbehauptung erkennen, aber andererseits
immer noch am höheren Alter der synoptischen Evangelien
festhalten. Selbst kritische Theologen wie Bultmann und
seine Schüler haben sich dem Sog des Altüberlieferten nicht
entziehen können. In Crossans Inventar werden sämtliche
synoptische Evangelien ins 1. nachchristliche Jahrhundert
verwiesen.
Ja, selbst ein so radikal-skeptischer Historiker wie G. A.
Wells erweist sich in der Frage der Datierung der Evangelien
als erstaunlich konservativ und geht von einer Entstehung um
100 unserer Zeitrechnung aus.
Doch warum?
Wenn sich die apostolische
Verfasserschaft der synoptischen Evangelien als kirchliche
Tendenzbehauptung erwiesen hat, besteht keine
Notwendigkeit, weiter auf deren Entstehung in der ersten
oder zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts zu insistieren, es
sei denn, es gäbe triftige Gründe, die dafür sprächen, daß
diese Schriften tatsächlich im Rahmen des 1. Jahrhunderts –
und nur hier! – angemessen verstanden werden könnten. Doch
solche Gründe existieren nicht. Wer sich näher mit der Frage
der Entstehungszeit der synoptischen Evangelien befaßt,
bemerkt schnell, daß er auf einen echten Schwachpunkt der
neutestamentlichen Wissenschaft gestoßen ist. Während sich
deren Vertreter anderswo in verschwenderischer
Ausführlichkeit und bewundernswerter Kenntnis der
historischen Details mit exegetischen Einzelfragen
beschäftigen, bleiben sie im Hinblick auf die entscheidende
Frage der Datierung ihrer Quellen, der synoptischen
Evangelien, auffallend kurz angebunden. Das kann angesichts
der wenigen vagen Kriterien, anhand derer die Datierung
vorgenommen wird, kaum verwundern. Man beschränkt sich bei
den inhaltlichen Ausführungen zur Entstehungszeit der
synoptischen Evangelien auf die immer gleichen
Feststellungen. Einerseits wird zu Recht betont, daß die
kirchliche Überlieferung bezüglich der Frage der
Entstehungszeit ebenso wie der Verfasserschaft weithin
wertlos ist. Andererseits verweist man zur Gewinnung eines
festen chronologischen Anhaltspunkts auf
einige wenige externe und interne Argumente, beispielsweise
auf das Zeugnis des Papias, das jedoch wegen der ungewissen
Datierung und Unklarheit wertlos ist.
Auch paläographische Argumente, die immer wieder vorgebracht
werden, vermochten wegen der relativen Ungenauigkeit der
Methode bisher nicht zu überzeugen.
Schließlich bleiben nur noch die Ignatiusbriefe und der 1.
Clemensbrief als externe Zeugen. Doch das Licht dieser
beiden Leuchttürme, mit deren Hilfe man die wertvolle
evangelische Fracht sicher in den Hafen des 1. Jahrhundert
steuern zu können glaubt, erweist sich als trügerisch.
Einmal deshalb, weil die Echtheit der beiden apostolischen
Väter selber seit langem zur Debatte steht und mit bezug auf
Ignatius erst jüngst wieder vom Münchner Kirchengeschichtler
Hübner mit eindrucksvollen Argumenten in Frage gestellt
worden ist.
Zum andern weil die Anhaltspunkte, welche die beiden
„Zeugen“ in den Augen mancher Exegeten für eine Datierung
der Evangelien bieten sollen, viel zu dürftig sind, um in
einer so entscheidenden Frage wie der Datierung der
synoptischen Evangelien ein verläßliches Resultat zu
gewährleisten.
Kurz, die wenigen zum Beweis
ihrer Kenntnis der Evangelien angeführten Stellen aus den
Apostolischen Vätern beweisen in Wahrheit nichts. Statt sich
an ihnen wie an einen Strohhalm zu klammern, sollten die
Exegeten sich vielmehr durch das altum silentium, das
die synoptischen Evangelien noch in der ersten Hälfte des 2.
Jahrhunderts weithin umgibt, beunruhigen lassen.
Zu den wenigen
Neutestamentlern, die dies taten und Konsequenzen daraus
gezogen haben,
gehört der Berliner Neutestamentler Walter Schmithals. Er
spricht in diesem Zusammenhang von einem synoptischen
Manko. Was ist damit gemeint?
Die Evangelien gelten nach der
gängigen formgeschichtlichen Auffassung nicht als
literarische Werke aus einem Guß, sondern als Kompositionen,
die aus unterschiedlichen Traditionen zusammengesetzt sind.
Bultmann hat eine Geschichte der synoptischen Tradition
geschrieben, in der er die verschiedenen Überlieferungen
herausarbeitete und auf ihren Ursprung untersuchte.
Nun sollte man erwarten, daß diese Traditionen auch vor
der Entstehung der Evangelien kursierten und dann von deren
Verfassern gesammelt bearbeitet und ergänzt wurden. Das
Erstaunliche aber ist: Es lassen sich keinerlei Spuren des
Markusevangeliums vor seiner literarischen Fixierung
nachweisen bzw. es gibt schlechterdings keine Zeugen für die
Existenz synoptische Traditionen aus der Zeit vor
Markus (bzw. den übrigen Synoptikern).
Auch Paulus kommt als Überlieferungsträger solcher
Traditionen nicht in Frage.
Dieser viel zu wenig beachtete
Sachverhalt gewinnt weiterhin dadurch an Bedeutung, daß die
Apostolischen Väter aus der 1. Hälfte des 2. Jahrhunderts
sowie die Apologeten des 2. Jahrhunderts (mit Ausnahme
Justins) synoptisches Gut nur in einzelnen „Spurenelementen“
zu kennen scheinen. Bei den Apostolischen Vätern begegnen
die synoptische Erzähltradition nur an einer
einzigen Stelle.
Aber auch Herrenworte werden relativ selten zitiert – in dem
65 Kapitel starken 1. Clemensbrief insgesamt zweimal,
wobei die Zitate eher auf eine mit den Evangelien
übereinstimmende gemeinsame Tradition zurückzuführen sind.
Bei Justin in der Mitte des 2.
Jahrhunderts treffen wir zwar synoptische Erzähl- und
Logientraditionen in reichem Umfang an – doch Justin weiß
weder etwas von den vier Evangelien, noch kennt er die Namen
der Evangelisten, er spricht von den Denkwürdigkeiten der
Apostel bzw. des
Petrus,
wenn er die ihm vorliegende Sammlung synoptischer
Traditionen zitiert
.
Erst bei Irenäus, also gegen Ende des 2. Jahrhunderts,
werden die vier Evangelien erwähnt.
Umständlich erklärt der katholische Kirchenlehrer, warum es
ausgerechnet vier Evangelien geben muß
– und offenbart damit unfreiwillig, daß die Einführung von
vier Evangelien zu seiner Zeit offenbar eine Neuerung
darstellt.
Das ist nun doch sehr
erstaunlich und man fragt, welche Schlüsse die
neutestamentlichen Wissenschaftler daraus gezogen haben.
Soweit sie das „synoptische Manko“ nicht überhaupt
ignorieren, geben sie keine Antwort darauf, warum ca. ein
halbes Jahrhundert nach der vermeintlichen Entstehung der
synoptischen Evangelien bei den Apostolischen Vätern oder
den Apologeten immer noch nicht deutlicher darauf Bezug
genommen wird. Obwohl Koester in seiner Untersuchung
feststellt, daß die von ihnen verwendeten Traditionen zum
Teil sogar sehr viel älter sind als die der
Evangelisten, ist es ihm im Rahmen des von ihm vertretenen
Paradigmas nicht möglich, diesen sehr sonderbaren
Sachverhalt plausibel zu erklären.
So werden die einfachsten
Gesetze der historischen Genese von literarischen Werken und
der Logik auf den Kopf gestellt. Diese Gesetze aber besagen:
daß das Ältere zuerst und das Jüngere danach entstanden sein
muß, daß die einfachen kleinen Einheiten am Anfang gestanden
haben müssen und die großen literarischen Kompositionen am
Ende. Das aber kann doch nur heißen, daß die Evangelien als
voll entwickelte literarische Kompositionen unmöglich den
Anfang der Entwicklungslinie gebildet haben können,
sondern daß ihnen die sich bei den Apostolischen Vätern eben
erst entfaltenden Traditionen vorangegangen sein
müssen. Herrenworte, einzeln und in kleineren Sammlungen,
Schriftgelehrte alttestamentliche Exegese im
alexandrinischen Stil, knappe kerygmatische Aussagen über
Geburt, Tod und Auferstehung des Herrn bilden offenbar den
Grundstock für die darauf aufbauenden, daraus sich
entwickelnden komplexen Evangelienberichte. Hier
lernen wir die Keimlinge jenes Stoffes kennen, der dann (in
historisierter) Form in den Evangelien weiter ausgesponnen
und zum großen „Epos“ verarbeitet wurde.
So bleibt als einziger
scheinbar zuverlässiger Anhaltspunkt für eine Datierung der
synoptischen Evangelien im 1. Jahrhundert zumeist nur die
Tatsache, daß die Synoptiker auf die Zerstörung Jerusalems
zurückblicken und somit nach 70 geschrieben sein
müssen. Dagegen wäre nichts einzuwenden, wenn nicht aus der
an sich richtigen Feststellung, daß die synoptischen
Evangelien nach 70 entstanden sind, unter der Hand sogleich
die Behauptung würde, sie müßten zwischen 70 -100 verfaßt
worden sein. Da ein nach 70 verfaßtes Evangelium theoretisch
auch noch im 2. Jahrhundert entstanden sein könnte, ist die
Datierung zwischen 70 -100 kaum zwingend – zumal weitere
Indizien, die eine Datierung um 70 nahelegen und
rechtfertigen würden, kaum vorgebracht werden.
Zugunsten einer Datierung des
Markusevangeliums um 70 wird oft mit der Synoptischen
Apokalypse (Mk 13par) argumentiert. Diese soll sich nach
landläufiger Meinung entweder auf den Jüdischen Krieg im
Jahre 66-70 beziehen oder gar, wie Theißen meint, auf die
sog. Caligula-Krise (37-41).
Ich habe andernorts zu zeigen versucht,
daß es eine Reihe von Beobachtungen gibt, die eine solche
frühe Datierung unmöglich machen. Statt dessen deuten die
Indizien auch hier sehr deutlich auf eine spätere Zeit, die
des Bar Kochba-Aufstandes (132-135), als Entstehungsdatum.
Für Schmithals ist der
Synagogenausschluß, der sog. Aposynagogos, ein weiteres
Indiz zur Bestimmung des Alters der synoptischen Evangelien.
Durch die von Gamaliel II. in das tägliche
Achtzehn-Bitten-Gebet aufgenommene Erweiterung der zwölften
Bitte
konnten Christen aus dem Synagogenverband ausgeschlossen und
somit der staatlichen Verfolgung preisgegeben werden. Man
nimmt an, daß es sich bei den Nozerim um Christen handelte.
Schmithals findet in den Evangelien etliche Hinweise darauf,
daß diese in einer Situation nach dem Ausschluß verfaßt
wurden und darauf bezug nehmen. Wann aber ist die
Verfluchung der Nozerim und Minim ins Achtzehn-Bittengebet
eingefügt worden? Schmithals vermutet, daß dies vor 100
geschah. Auf diese Weise gelingt es ihm, die herkömmliche
Entstehungszeit der synoptischen Evangelien vor 100
sicherzustellen. Aber einer der frühesten Zeuge für den
Aposynagogos ist Justin in der Mitte des 2. Jahrhunderts.
Sollten wir daraus nicht schließen, daß die entsprechenden
Evangelienstellen auf die Ereignisse dieser Zeit
Bezug nehmen?
Am Ende bleibt bei den
Anhängern der These, wir hätten es bei den Evangelien mit
den „ältesten und zuverlässigsten Quellen“ zu tun, oft nur
noch der vage Eindruck, daß die synoptischen Evangelien
einen irgendwie „realistischeren“ Eindruck machen und somit
historischer wirken als entsprechende gnostische
Produktionen des 2. Jahrhunderts. Aber hier kommt erneut
eine petitio principii ins Spiel. Warum eigentlich
soll größerer „Realismus“ größere Ursprünglichkeit
garantieren? Das würde voraussetzen, daß den synoptischen
Evangelien trotz aller legendarischen Übermalung eine
historische Basis als Ursprung zugrunde liegt, die dann im
Laufe des 2. Jahrhunderts insbesondere von den Gnostikern
uminterpretiert und mythisch übermalt wurde. Das ist in der
Tat die Konzeption, die den meisten Neutestamentlern bis
heute zur Erklärung dient.
Doch gegen die verbreitete
Meinung, der christliche Mythos habe sich aus einem
historischen Kern entwickelt, steht die radikalkritische
Annahme, daß auch der umgekehrte Prozeß denkbar ist und die
realistische Darstellung des Jesusbildes das Resultat eines
von der Kirche initiierten umfassenden
Historisierungsprozesses war, in dessen Verlauf der
alexandrinische Logos, der in der Gemeinde immanente „Sohn“,
der gnostische Soter, der apokalyptisch-gnostische
„Menschensohn“, der Schöpfungsmittler usw. schließlich zum
Menschen Jesus aus Nazareth mutierten, so wie er uns
zumal bei den Synoptikern begegnet (der Jesus des
Johannesevangeliums hat seine gnostischen Eierschalen noch
nicht ganz abgestreift).
Das Argument, die synoptischen
Evangelien zeichneten sich vor den gnostischen durch größere
Wirklichkeitsnähe und Realismus aus, kann also solange nicht
in Betracht gezogen werden, wie die angenommene
Entwicklungslinie selber strittig ist.
c) Die bisher genannten
Gesichtspunkte laufen auf eine neue Verhältnisbestimmung von
Orthodoxie und Häresie hinaus. Auch diese von einigen
Wissenschaftlern bereits vorbereitete, aber immer noch nicht
in ihrer ganzen Tragweite bedachte Revision der überkommenen
Ansicht gilt es bei der historischen Frage nach Jesus zu
berücksichtigen.
Lange Zeit war „Orthodoxie“
in der Theologie gleichbedeutend mit dem Ursprünglichen,
Alten, Richtigen; „Häresie“ dagegen bedeutete das
Abgeleitete, später dazu Gekommene, Falsche. Nach der
kirchlichen, durch den Verfasser der Apostelgeschichte
grundgelegten Auffassung wurde den Zwölf Aposteln die reine
Lehre von ihrem Herrn teils vor seinem Tod, teils nach der
Auferstehung offenbart. Danach teilten die Apostel die Welt
untereinander auf und verbreiteten das wahre, unverfälschte
Evangelium in der gesamten Ökumene. Erst jetzt traten durch
den Einfluß Satans die Ketzer auf den Plan, um ihre
verderbliche Irrlehre unter den Menschen zu verbreiten. Aber
die Apostel erkannten die Gefahr und drängten die
ketzerische Irrlehre wieder zurück, so daß sich der wahre
katholische Glaube am Ende als siegreich erwies.
Charakteristisch an dieser
Konzeption ist, wie gesagt, die Identifikation von wahrem
und ursprünglichem, ältestem Glauben. „Alle Ketzer“, so
sagt Origenes, „kommen zuerst zur Gläubigkeit; später
weichen sie dann von der Glaubensregel ab“.
Die Auffassung, daß die
Kirchenlehre primär, die Häresien dagegen eine Abwandlung
des Echten seien, die über Jahrhunderte auch die historische
Betrachtung der Geschichte des frühen Christentums
beherrschte, wurde durch Walter Bauer eindrucksvoll in Frage
gestellt.
Bauer wies anhand detaillierter geographischer Studien nach,
daß sich die Entwicklung in vielen Bereichen der damaligen
Ökumene gegenläufig vollzog, so daß die Orthodoxie der
Häresie nicht voranging, sondern das Resultat einer langen
und schwierigen Auseinandersetzung mit der ihr
vorangegangenen Häresie bildete. Er machte auch klar, daß
diese Konzeption von Orthodoxie und Häresie für die sich in
Rom in der Mitte des 2. Jahrhunderts konstituierende
katholische Großkirche, in der Auseinandersetzung mit den
übrigen christlichen Gruppen von entscheidender Bedeutung
war. Um sich als Hüterin des wahren Glaubens zu
präsentieren, mußte sie sich als die legitime geschichtliche
Erbin der Jerusalemer Urgemeinde ausweisen. Sie brauchte
diese Konzeption, um sich als die ursprüngliche = wahre
Kirche und ihren Glauben als den ursprünglichen = wahren und
rechten Glauben zu erweisen, von dem alle anderen Kirchen,
Sekten und Häresien sich direkt oder indirekt herleiteten.
Die von Walter Bauer
entwickelten Einsichten wurden weithin akzeptiert und sind
zumindest unter kritischen Wissenschaftlern heute Konsens.
Ich meine jedoch, daß sie noch weiterentwickelt und
fortgeführt werden müssen. Unzweifelhaft haben Bauer und
andere die Priorität der Häresie in Teilbereichen
erwiesen. Vor dem Hintergrund der oben angedeuteten Revision
der Datierung der kanonischen Evangelien könnten sich
allerdings noch weitaus radikalere Perspektiven ergeben, die
bisher viel zu wenig bedacht wurden und zu einer
grundlegenden Umbewertung des Verhältnisses von Orthodoxie
und Häresie – und damit zusammenhängend unseres bisherigen
Jesusbildes – führen könnten.
Denn wenn die oben angedeutete
Revision der Datierung der kanonischen Evangelien
tatsächlich zutreffen sollte, gäbe es historisch gesehen
keine Gründe mehr, das „orthodoxe“ synoptische Jesusbild als
das ursprünglichere den anderen „häretischen“ vorzuziehen.
Dann könnte theoretisch das häretische Jesusbild genauso
authentisch und ursprünglich sein wie das der Synoptiker.
Für unsere historische Frage nach Jesus ergäbe sich daraus,
daß der gesuchte Jesus nicht in unserem modernen Sinne
historisch sein kann (so real er in den Augen seiner
Anhänger auch erschienen sein mag) und daß der davon
abgeleitete synoptische Jesus kein historischer, sondern nur
ein historisierter ist. Der „historische Jesus“ wäre
daher zu keiner Zeit ein irgendwie geschichtlich existentes
Faktum gewesen, sondern immer nur das Dogma der
Orthodoxen.
Ich meine, nach alledem
gezeigt zu haben, daß die alte Frage nach dem
historischen Jesus heute durch die historische Frage
nach Jesus zu ersetzen ist. Was alles in dieser
Fragestellung liegt, konnte nur angedeutet werden.
Vielleicht ist aber klargeworden, daß jedem, der sich ihr
öffnet, ein reiches und fruchtbares Betätigungsfeld
verheißen ist mit einer Fülle von Erkenntnisschätzen, die
nur darauf warten, von vorurteilslosen Forschern gehoben zu
werden.
6 C. P. Thiede, M. d'Ancona, Der Jesus-Papyrus,
München 1996, 201; vgl. Der Spiegel 27. Mai
1996 und Focus 25. Mai 1996.
Wann das
Diatessaron des Tatian entstand, läßt sich nicht
sicher sagen; vgl.W. Schmithals, Einleitung in die
drei ersten Evangelien, 1985, S. 5. „Indessen wissen
wir weder, wann Tatian im Verlauf der zweiten Hälfte
des 2. Jh. seine Evangelien-Harmonie geschrieben
hat, noch wo er schrieb (Rom?), noch in welcher
Sprache er schrieb (griechisch?syrisch?). Auch ist
uns der Text Tatians nur so bruchstückhaft erhalten
geblieben, daß wir anhand der erhaltenen sekundären
und tertiären Quellen nicht einmal sicher
entscheiden können, ob Tatian alle vier kanonischen
Evangelien und ob er nur sie benutzt hat.“ –
Auffallend ist, daß Tatian in der ihm zugeschrieben
Apologie, Oratio ad Graecos, 21,1 von „euren
eigenen Denkwürdigkeiten“
a)pomnhmoneu/mata
spricht, wenn er
Fabeln der Heiden meint. Daraus könnte man
entnehmen, daß er auch die eigenen
Evangelientraditionen – wie sein Lehrer Justin -
unter diesem Namen kannte. – Es ist noch darauf
hinzuweisen, daß die Märtyrer der Passio
Sanctorum Scilitanorum (um 180) keine
Evangelien, sondern nur Paulusbriefe zu kennen
scheinen. Auf die Frage des Prokonsul Saturninus,
welche Schriften sich in der capsa der
Märtyrer befänden, lautet die Antwort: Libri et
epistulae Pauli viri iusti.- Was die Datierung
des Canon Muratori betrifft, möchte ich auf
die ausgezeichnete Studie von G.M. Hahneman, The
Muratorian Fragment and the Development of the Canon
(Oxford, 1992), hinweisen. Hahnemann weist darin
stringent nach, daß die herkömmliche Datierung der
Schrift gegen Ende des 2. Jahrhunderts nicht länger
haltbar ist. Vergleiche mit anderen
Kanonverzeichnissen ergeben, daß das muratorische
Fragment wesentlich jünger sein muß (3./3. Jh).