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„Als Mensch auf Menschen wirken" Texte zur Ausstellung - von Helmut Donat
Arbeiterbildungsverein „Lessing
Arbeiterbildungsverein „Lessing
Als sozial engagierter Pfarrer war Albert Kalthoff bemüht, das Elend und die Not der Arbeiterschaft zu lindern. Doch begnügte er sich nicht mit Mildtätigkeitsaktionen. Aufklärung, Bildung und Ausbildung betrachtete er als unverzichtbare Vorbedingung für eine wirksame Bekämpfung der Not und der Befreiung des Menschen von Unterdrückung und Ausbeutung. Nicht nur eine kleine Schicht, sondern das ganze Volk sollte am Reichtum der Gesellschaft und der von ihr hervorgebrachten Kultur teilhaben. „Unser Verein soll vielen eine Freistätte des Wissens und der Bildung sein“ – erklärte Kalthoff und rief zusammen mit anderen Bremern am 9. Januar 1891 den Arbeiterbildungsverein „Lessing“ ins Leben, der sich, ohne politisch und konfessionell gebunden zu sein, vor allem der Fortbildung widmete und das volle Selbstbestimmungsrechts der Arbeiter in seiner Leitung und Organisation wahrte. Er war damit in der Hansestadt bahnbrechend für volkstümliche Vortragstätigkeit und Volkskunst-Veranstaltungen. Kalthoff selbst trug mit Vorträgen, Reden, Aufsätzen, Broschüren und Büchern zu diesem Bildungsprogramm bei. Predigten und Hauskränzchen nutzte er, „den Reichen ins Gewissen zu reden“ (J. Abresch). Er leitete Kurse, dirigierte den Männerchor und bot Literatur- und Bildungskurse für Damen an. Vor Einführung des obligatorischen Unterrichts in der Hansestadt hat der Verein zudem Elementarunterricht in 15 verschiedenen Fächern erteilen lassen. 1893 gaben Kalthoff und sein Nachfolger Hermann Rhein den Vorsitz an den Ingenieur Heinrich Willenbrock ab, der den Verein über 60 Jahre lang leitete. Kalthoff wurde zum Ehrenpräsidenten ernannt, und der Verein schloß sich korporativ dem Goethebund an. Im Laufe der Zeit gab es – von fachkundigen Experten in leicht verständlicher Form dargeboten – mehr als 1.200 Vorträge zu Themen der Wissenschaft und Technik, Kunst, Literatur und Musik sowie zum Theater und Verkehrs- und Schulwesen. Ende 1906 gehörten dem Verein „Lessing“ über 400 Personen an. Das 1897 erworbene Vereinshaus am Geeren 3 fiel 1944 dem Bombenkrieg zum Opfer. Die Wiederaufnahme der Tätigkeit nach dem Zweiten Weltkrieg im Oktober 1948 mit Vorträgen in der Aula des Hermann-Böse-Gymnasiums u.a. von Pastor Johannes Oberhof über Gotthold Ephraim Lessing, Werner Riecke über das „Leben und Werk von Albert Lortzing“ sowie einem Abend mit der Bremer Schriftstellerin Alma Rogge fand nicht das erwünschte Echo. Bei der letzten Hauptversammlung am 22. April 1954 verfügte der Verein nur noch über 25 Mitglieder.
Wider den Antisemitismus
Die gegen Juden gerichtete “Antisemitenpetition”, ab Januar 1880 von Wilhelm Marr, H. Naudh, Wilhelm Ender, Moritz Busch und anderen deutschlandweit in Umlauf gebracht, wurde von etwa 250.000 Bürgern unterzeichnet, darunter bekannte Berliner Antisemiten wie Bernhard Förster, Max Liebermann von Sonnenberg, Ernst Henrici sowie der berüchtigte antisemitische Hetz- und Hofprediger Adolf Stöcker. Erstmals in der Geschichte initiierten Judenfeinde eine Volksbewegung und forderten von der Regierung, den Zuzug von Juden zu verhindern und sie von öffentlichen Ämtern auszuschließen. Zu den Protagonisten der die Massenpetition auszulösenden Debatte gehörte der konservativ-preußische Historiker Heinrich von Treitschke. Er betreute auch die inhaltsgleiche „Studentenpetition”, welche die antisemitischen Forderungen in den Universitäten hoffähig machen sollte. Treitschke prägte den verhängnisvollen und später von den Nazis übernommenen Satz: „Die Juden sind unser Unglück.” Ihm widersprach u.a. der Historiker Theodor Mommsen, der sich gegen die allgemeine Judenfeindschaft wandte. Die Auseinandersetzung, von Zeitgenossen als „Treitschkestreit” bezeichnet, ging als „Berliner Antisemitismusstreit” in die Geschichte ein. Die Bismarck im April 1881 übergebene “Antisemitenpetition” blieb unbeantwortet. Unter den deutschen Pastoren gehört Albert Kalthoff mit seiner sorgfältig durchdachten Rede und Schrift über „Die neuesten Maßregeln gegen das Judentum” zu den großen Ausnahmen. Die in der Massenpetition zum Ausdruck kommende Judenfeindschaft betrachtete er als Rückfall in die Barbarei – ebenso wie der Bremer Ludwig Quidde, der sich mit der „Studentenpetition” in seiner Veröffentlichung über „Die Antisemitenagitation und die deutsche Studentenschaft” auseinandersetzte.
Goethebund
Der Goethebund in Bremen ist – wie in 16 anderen Städten des Kaiserreiches – im Jahre 1900 aus dem Protest der außerparlamentarischen Opposition gegen den staatlichen Versuch hervorgegangen, die Freiheit der Kunst und Wissenschaft „in die Fesseln polizeilicher und kirchlicher Bevormundung zu schlagen“ (Albert Kalthoff). Die Gründungsversammlung fand am 20. Mai 1900 im Octogon des Künstlervereins statt. Zum ersten Vorsitzenden wurde der Pädagoge Emil Brenning, zum zweiten Albert Kalthoff gewählt, der im Jahre 1903 die Nachfolge Brennings antrat. Der Goethebund – heißt es im § 1 seiner Satzung – „verfolgt den Zweck, für die Förderung der geistigen Erziehung des Volkes einen Mittelpunkt darzubieten und allen Bestrebungen, die auf eine Beschränkung der geistigen Freiheit der deutschen Nation gerichtet sind, einen frühen Widerstand dauernd entgegenzusetzen.“ In den nächsten Jahren und Jahrzehnten entfaltete der Bund ein reges Leben. Er wandte sich gegen Zensurübergriffe (wie z.B. gegen das Verbot von Diderots „Nonne“), bekämpfte die Paragraphen gegen Gotteslästerung und Majestätsbeleidigung, setzte sich für die Volksbildung, die Beseitigung des kirchlichen Einflusses auf die Schule sowie für die volle Lehrfreiheit der Universitäten ein und bot Vortragsabende und -kurse, Dichterlesungen (Heine, Tolstoi, Dehmel, Goethe, Schiller etc.), Aufführungen im Stadttheater, philharmonische Konzerte und Führungen durch die Kunsthalle, das Gewerbe- sowie das städtische Museum an. Kalthoff selbst trat für den Bund wiederholt als Redner auf und beteiligte sich führend daran, „das Prinzip der freien Entwicklung in allen Kultur- und Weltanschauungsfragen, besonders auf den Gebieten der Schulpolitik, der allgemeinen Kulturpolitik, der Kunst und der Literatur“ zu fördern. Der Erfolg des Bundes ist u.a. ablesbar an der „Schillerfeier“, die man anlässlich des 100. Todestages des Dichters 1905 veranstaltete und an der etwa 4.200 Personen teilnahmen. Durch die korporative Mitgliedschaft vieler Vereinigungen und Initiativen standen dem Bund etwa 16.000 Menschen nahe. Daran änderte auch die Tatsache wenig, dass die Sozialdemokraten sich im selben Jahr vom Goethebund lossagten und mit dem Gewerkschaftskartell ein eigenes Bildungsprogramm starteten. Kalthoff hielt dem entgegen, dass es für die klassenbewußten Arbeiter weder notwendig noch wünschenswert sei, um ihr geistiges Leben eine „chinesische Mauer“ aufzurichten, „über die sie nicht hinwegschauen dürfen.“ – Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Goethebund als „Kulturvermittler“ wiederbelebt. Am 30. Juni 2006 stellte er seine Tätigkeit ein.
Anfang Januar 1901 fand Albert Kalthoffs Idee, allen Bürgern Bremens unabhängig von ihrem Einkommen und Vermögen einen Zugang zur „Macht des Wissens“ zu schaffen, den Zuspruch des ehemaligen Sparkassendirektors Georg H. Claussen und des Senators Victor Wilhelm Marcus. Mit anderen Bürgern gründeten sie noch im selben Monat den „Verein Lesehalle in Bremen“, um den „Mitgliedern aller Stände und Berufsarten zu bieten, was sie an Lesestoff verlangen“, wobei – durchaus typisch für den freigeistigen und streitbaren Pastor – jeder „Gedanke an eine Bevormundung“ ausgeschlossen sein sollte. Der Aufruf, das Wissens- und Kulturangebot zu einem öffentlichen Gut zu machen und damit der „Volks- und Arbeiterbildung“ neue Wege zu ebnen, fand in vermögenden und aufgeklärten Kreisen viel Unterstützung. Marcus als erster Vorsitzender des Vereins spendete immer wieder hohe Summen, aber auch die Großzügigkeit vieler anderer Bürger und Institutionen, wie die der Sparkasse, half, das Vorhaben in ein günstiges Fahrwasser zu leiten. Marcus gab auch das Geld für den Neubau am Ansgarikirchhof 11, in dem sich am 15. Mai 1902 die erste „Lesehalle“ der Hansestadt präsentierte – zugleich Gründungsdatum der heutigen Stadtbibliothek Bremen. Neben der Anschaffung von Tageszeitungen, Wochen- und Monatsschriften, gewerblichen Fachblättern und wissenschaftlicher Literatur ging man an den Auf- und Ausbau einer „Laienbibliothek im besten Sinne des Wortes, im Gegensatz zu einer Gelehrtenbibliothek“. Der Erfolg gab den Initiatoren recht. Die Benutzerzahl wuchs in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg ständig. Für das Jahr 1903 zählte man 48.260 Besucher und 136.636 Ausleihen; der Bestand betrug 11.333 Bände. 1914 kamen 135.554 Menschen in die „Lesehalle“ und in die 1907 im Bremer Westen eröffnete Zweigstelle, um 178.522 Bücher auszuleihen (Bestand: 31.017 Bände). Wirtschaftliche Probleme machten zu Beginn der 1920er Jahre eine zeitweise Schließung der Lesehalle und ihrer Filiale unumgänglich. Erneute Schwierigkeiten führten am 1. Juli 1933 zu ihrer Verstaatlichung, womit – unter dem NS-Regime – die ursprüngliche Absicht der Gründer und Stifter ins Gegenteil verkehrt wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg knüpfte man mit der „Volks- und Arbeiterbildung“ wieder an das Konzept aus dem Jahre 1901 an.
Feuerbestattung
Die Gründung des ersten deutschen Feuerbestattungsvereins erfolgte 1873 in Dresden. Das in Gotha erbaute Krematorium nahm seinen Dienst 1878 auf. In dem Jahrzehnt danach entwickelte sich eine regelrechte Bewegung mit dem Ziel, die rechtliche Zulassung der Einäscherung zu erreichen und weitere Krematorien zu errichten. Ihr Hintergrund war die Industrialisierung und die rasche Zunahme der Bevölkerung. Als Vorteile gegenüber Beerdigungen galten hygienische Gründe, Platzersparnis auf Friedhöfen und weniger Kosten. In den Kirchen bzw. im konservativen Bürgertum fand die Bewegung in emotional geführten Debatten einflussreiche Gegner. Der Evangelische Oberkirchenrat untersagte die Beteiligung an Einäscherungen (1885) ebenso wie die katholische Kirche (1886). Die Leichenverbrennung sei „pietätlos“ und widerspreche der christlichen Tradition und Kultur. Ungeachtet der im ganzen Reich heftig umstrittenen Frage engagierte sich Albert Kalthoff lange vor seiner Berufung nach Bremen als „Wanderredner“ für den Feuerbestattungsverein, der damals die Spitze der Freidenker ausmachte. Mit seinem am 2. November 1892 in Hagen i.W. gehaltenen Vortrag über „Die Feuerbestattung in ihrer Stellung zu Religion und Moral“ verhalf er der Bewegung zu einem wichtigen „Durchbruch“. Im Jahr 1900 gehörten dem Zentralverband der Feuerbestattung 37 Vereine mit rund 13.000 Mitgliedern an. Krematorien gab es bis dahin neben Gotha in Heidelberg, Hamburg, Jena und Offenbach. Neben Kalthoff war u.a. der Architekt Fritz Schumacher ein bedeutender Vertreter der neuen Bestattungsform. Da Bremen erst ab 1907 über ein Krematorium verfügte, erfolgte die Einäscherung Albert Kalthoffs in Hamburg. Sein Grab befindet sich auf dem Riensberger Friedhof.
Während man in den meisten Kirchen Bremens am Totensonntag 1897 der „Helden“ gedachte, die in den napoleonischen Befreiungskriegen ihr Leben lassen mußten, brach Albert Kalthoff in seiner Predigt für die Ideen des Friedens und der Abrüstung eine Lanze. Dabei griff er auf die alte Weissagung des Propheten Jesaja zurück, dass „die Schwerter zu Pflugscharen und die Spieße zu Sicheln werden“. Zugleich prangerte er das „sittliche und wirtschaftliche Verderben“ des Krieges an und widersprach der im preußisch-deutschen Kaiserreich immer wieder propagierten Auffassung, dass der Krieg ein „Erzieher“ sei und eine „Kulturerrungenschaft“ darstelle. In den später von ihm gegründeten Wochenschriften „Europa“ und „Das Blaubuch“ gehörte die Kritik am Militarismus und Byzantinismus ebenfalls zu einem wichtigen Bestandteil. Albert Kalthoff war der erste Pastor, der sich in Bremen für eine „Friedenserziehung“ einsetzte und damit auch in seiner eigenen Familie wie in der St. Martini-Gemeinde traditionsbildend wirkte.
Für den Frieden
Am 19. Januar 1903 gründete Albert Kalthoff – nach einem Vortrag Ludwig Quiddes im großen Saal des Casinos – die Bremer Ortsgruppe der Deutschen Friedensgesellschaft (DFG) und wurde zu ihrem Vorsitzenden gewählt. Im November 1892 von Bertha von Suttner und Alfred Hermann Fried ins Leben gerufen, brachte es die DFG bis zum Ersten Weltkrieg auf nicht mehr als 10.000 Mitglieder, während die nationalistisch-militaristischen Verbände auf etwa 3.249.000 Mitglieder kamen. Gegen die weit verbreitenden Vorstellungen vom Krieg als „Kulturideal“ und die Dominanz des militärischen Denkens über die Politik vermochte die DFG kaum etwas zu auszurichten. Dennoch hielt Kalthoff, der seine gesamte Tätigkeit auf sozialpolitischem und kulturellen Gebiet als Beitrag zum Frieden begriff, an der Auffassung fest, dass unter den „Völkern das Faustrecht und Kanonenrecht dem Völkerrecht Platz“ zu machen habe. Sein bedeutender Einfluss, vor allem auf die Bremische Lehrerschaft, dürfte mit dazu beigetragen haben, dass in Bremen nach 1918 überproportional viele Lehrer in der Friedensbewegung aktiv waren oder mit dem Pazifismus sympathisierten und dass sich der Vorstand des Bremischen Lehrervereins im März 1929 für eine „Erziehung im Geiste der Völkerversöhnung“ aussprach und den Krieg als „das verabscheuungswürdigste Verbrechen“ brandmarkte.
Streit um die Lehrfreiheit
1875 – Streit um Kalthoffs Bart Kalthoffs Vorgesetzten missfällt sein riesiger roter Bart. Die Spannungen enden mit der Versetzung in die Provinz auf die Pfarrstelle Nickern bei Züllichau in Brandenburg.
1877 – Mut zur Freiheit der Lehre Anlässlich der Nichtbestätigung der Wahl eines liberalen Theologen zum Pfarrer richtet Kalthoff eine Solidaritätsadresse an den Oberkirchenrat. Er bestreitet der Kirchenobrigkeit das Recht, Pastoren die kirchliche Lehre („Christusmythen”) zu oktroyieren.
1878 – Amtsenthebung Kalthoffs Ungeachtet des Protests seiner Gemeinde wird Kalthoff am 29. Juli 1878 durch den preußischen Oberkirchenrat seines Amtes enthoben.
1879 – Disziplinarverfahren eingeleitet Kalthoff hält die Rede zur Eröffnungsfeier des Berliner „Protestantischen Reformvereins”. Er predigt im Freien, auf Straßen und in Gaststätten. Soeben sind Tauf- und Trauzwang eingeführt – Kalthoff aber nimmt „freikirchliche” Trauungen vor. Das Brandenburgische Konsistorium eröffnet das Disziplinarverfahren wegen „strafbaren Trotzes”.
1884 – Hilfe aus der Schweiz Mit der Berufung zum Pfarrer von Rheinfelden bei Basel endet Kalthoffs materielle Dauerkrise und Bedrückung.
1888 – An St. Martini in Bremen Im Herbst 1888 wird Kalthoff an die Martinikirche berufen und später erster Pfarrer (Primarius).
1906 – Anklageschrift auf dem Sterbebett Sieben ministerielle Amtsbrüder fordern in einer Petition an den Senat, ihren Kollegen Kalthoff wegen „Atheismus“ des Amtes zu entheben. Noch ehe ein Termin vor einem Tribunal anberaumt ist, sagt Kalthoff „um der Ehre und Freiheit der Wissenschaft willen“ seine Teilnahme ab. Wenige Tage später, am 11. Mai 1906, ist er tot.
Frauenbewegung
Die Emanzipation der Frau sei unaufhaltsam, prophezeite Albert Kalthoff, der das Engagement der Frauenbewegung mit großem Interesse verfolgte und ihre Forderungen unterstützte. In seiner Predigtreihe „An der Wende des Jahrhunderts – Kanzelreden über die sozialen Kämpfe unserer Zeit” nahm er 1903 auch zur Frauenfrage Stellung und forderte die Männer auf, den Frauen Gleichberechtigung einzuräumen: „Nun, ich wünsche gewiß von ganzem Herzen, dass auch dem Weibe das ganze reiche Gebiet des Lebens, der Bildung, der Wissenschaft erschlossen werde.” Als die bedeutende Frauenrechtlerin Dr. Reverend Anna Shaw anlässlich der Berliner Weltfrauenkonferenz zur Frage des Frauenstimmrechts aus den USA angereist war, lud Kalthoff sie kurzerhand nach Bremen ein und ließ sie in der St. Martinikirche predigen. „Vielleicht ist Anna Shaw die erste Frau gewesen, die im neuzeitlichen Deutschland eine Kirchenkanzel betreten hat.” (J. Abresch) Weniger spektakulär, aber um so nachdrücklicher war Kalthoffs Einfluss auf eine Reihe von Bremer Frauen. Ganz im seinen Sinne wirkten z.B. Persönlichkeiten wie Auguste Kirchoff und Metta Meinken, die sich in ihrem Streben nach einer sozial gerechten, friedfertigeren und menschenwürdigen Welt von seinen Ideen leiten ließen – offenbar unbeeindruckt von kleinen Rückständigkeiten und Ängsten, wie sie in folgender Mahnung Kalthoffs zum Ausdruck kam: „Eins nur verlangen wir, wenn nicht die ganze Welt auf den Kopf gestellt werden soll, dass nämlich die natürliche Ordnung gewahrt bleibe: ‚Ihr Weiber, seid unterthan euren Männern!’”
Albert Kalthoff, in zahlreichen Schriften auch als Sozialethiker hervorgetreten, galt vielen seiner Zeitgenossen als ein „geistlicher Anwalt der modernen Schule“ – ein Urteil, das auf seinem starken Engagement im Schulwesen beruht. Er gründete den „Elternbund für Schulreform“ und warb auch mit der von ihm ins Leben gerufenen „Sozialwissenschaftlichen Vereinigung“ für gesellschaftliche Reformen. Die Bestrebungen der bremischen Lehrerschaft, die Schule von bürokratischen Fessseln und von der Beeinflussung des religiösen Unterrichts im orthodoxen Sinne zu befreien, als „Bremer Schulstreit“ (1905) in die Geschichte der Pädagogik eingegangen, fanden in Kalthoff einen bedeutenden Fürsprecher von hohem geistigem Format. Von Beginn an unterstützte er den Bremer Lehrerverein, stellte ihm seine Beredsamkeit und sein gründliches und vielseitiges Wissen zur Verfügung und stand als „tatkräftiger und uneigennütziger Freund und Förderer“ an seiner Seite. Umgekehrt hing die große Mehrheit der Bremer Volksschullehrer an Kalthoff, der in Predigten über „Religionsunterricht“, „Religiöse Jugenderziehung“ oder „Das Recht des Kindes“ seine Urteilsfähigkeit in pädagogischen Fragen erwies und dessen Bemühen, die Religion in Übereinstimmung mit den Ergebnissen der Wissenschaften weiterzuentwickeln, auch bei ihnen großen Anklang fand. Ebenso griff er mit seiner Schrift „Schule und Kulturstaat“ in den Kampf um die Schule ein und sprach sich für einen allgemeinen statt des kirchlichen Religionsunterrichtes aus. Zugleich plädierte er für eine konfessionslose Einheitsschule auf der Basis einer Elementarbildung, die in ihren Gliederungen den individuellen Begabungen Rechnung tragen sollte. Ebenso lehnte er eine sich von Standes- und Klassendünkeln bzw. von sozialen Vorrechten, Privilegien und Parteien bestimmte Schule als eine das Volk spaltende Institution ab. Kritik übte er auch an jener sogenannten „Bildung“, die den jungen Menschen im Interesse klassen- und zweckorientierter Ziele instrumentalisiere und das jedem Menschen zustehende Recht auf Bildung in den Wind schlage. Statt des Lehrers gelte es, wie es natürlich wäre, das Kind zur Hauptsache der Schule zu machen. Kalthoffs Beliebtheit in schulischen Kreisen war nicht nur daran ablesbar, daß der Bremer Lehrergesangsverein sich im Oktober 1906 an einer Gedenkfeier für ihn beteiligte, ebenso gehörte eine Reihe von Lehrervereinigungen dem von Kalthoff gegründeten Goethebund an.
Deutscher Monistenbund
Der Deutsche Monistenbund (DMB), am 11. Januar 1906 ins Leben gerufen, gründete sich auf die naturwissenschaftlich-materialistische Lehre des Evolutionsforschers Ernst Haeckel und seiner Rezeption des Darwinismus. Zum Präsidenten wählte man aber keinen „bekannten Naturforscher“, sondern einen „radikal denkenden Theologen“ und „bewährten Kämpfer für eine freie und einheitliche Weltanschauung“: Albert Kalthoff. Der Bund erklärte die Welt und die Natur aus sich selbst heraus, verwarf jeden Dualismus in der Weltanschauung und Lebensführung und wollte die Gesellschaft auf evolutionärem Weg umgestalten. Er bekämpfte die erstarrten und dogmatischen Formen der Offenbarungsreligionen und lehnte das „einseitig-engherzige, übertriebene Nationalitätenprinzip“ ab. Den Krieg betrachtete er als „Überbleibsel aus früheren tierischen Entwicklungsphasen des Menschengeschlechtes“, und er verurteilte die Gewalt innerhalb der Staaten, den Rassenhass, insbesondere den Antisemitismus. Zudem bekannte er sich mehr und mehr zum Pazifismus, suchte die Völkerverständigung und den Ausbau internationaler Rechtsinstitutionen zu fördern, wenn man von den nationalistischen Aspirationen eines Wilhelm Ostwald oder Ernst Haeckel während des Ersten Weltkriegs absieht. In der Weimarer Republik gehörte der DMB dem „Deutschen Friedenskartell“ an, dem Dachverband des organisierten Pazifismus. Nach dem Zweiten Weltkrieg lebte der Bund wieder auf. Seit 1956 bezeichnet er sich als „Freigeistige Aktion – DMB“. Für Kalthoff, der sein Wirken für eine tiefgreifende Erneuerung des religiösen Lebens mit dem Frieden verknüpfte, war das Bekenntnis zum Monismus mit starken pazifistischen Überzeugungen verbunden. Zumindest indirekt dürfte diese Haltung – einer seiner ausgesprochenen Gegner, Julius Thikötter von „Unser Lieben Frauen“, war z.B. Standort- bzw. Militärpfarrer – mit zu dem Entschluß von orthodox und „militärfromm“ orientierten Bremer Pastoren beigetragen haben, ihn aus dem Amte zu vertreiben und damit die für die bremische Kirchenverfassung typische Gemeindefreiheit einer Beschränkung zu unterwerfen. Infolge seines frühen Todes vermochte Albert Kalthoff weder im DMB seine Aktivitäten zu entfalten noch den Kampf mit seinen Bremer Gegnern bis zum Ende auszufechten. Dem DMB gehörten bis zu 10.000 Mitglieder an.
Kalthoff greift in seiner Schrift „Das Christusproblem“, erschienen im Jahr 1902, eine zu seiner Zeit mächtige theologische Strömung im Protestantismus an: die liberale Theologie und ihre „Leben-Jesu-Forschung“. Die historische Kritik an der Überlieferung der Bibel, die im 17./18. Jahrhundert einsetzte, führte im 19. Jahrhundert zu Versuchen, das Leben Jesu zu rekonstruieren, zurückzufragen hinter die sich vielfach widersprechenden Texte der Evangelien nach dem, „wie es wirklich gewesen ist“ (Ranke). Man hoffte mit den neuen Instrumenten historischer Quellenkritik unterscheiden zu können zwischen dem, was Jesus tatsächlich getan und was er selbst gesagt hat, und dem, was die urchristlichen Gemeinden bzw. die Autoren der Evangelien ihm in den Mund gelegt und zugeschrieben haben. Man wollte die Überlieferung reinigen von frommen Überwucherungen – „Gemeindebildungen“ – und die „ipsissima vox“, die echte Stimme des historischen Jesus herauspräparieren und wieder hörbar machen und damit dem Glauben ein historisches Fundament geben. Kalthoff stellt in seiner Schrift – wie schon Martin Kähler („Der sogenannte historische Jesus und der geschichtliche biblische Christus“, 1892) und der später weltberühmte Albert Schweitzer („Geschichte der Leben-Jesu-Forschung“, 1906) – das Scheitern dieser Versuche fest: Wenn es einen historischen Jesus gegeben habe, bleibe er für „realistische“ historische Forschung unerreichbar, ein historisches X.
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