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Das Christus-Problem
Grundlinien zu einer
Sozialtheologie von A. Kalthoff
Verlegt bei Eugen Diederichs Leipzig 1902
(Mit Überschriften, Zitaten und
Anmerkungen versehen von H.Detering, 2006)
Erstes Kapitel
Zweites Kapitel
Drittes Kapitel
Viertes Kapitel
Fünftes Kapitel
Sechstes Kapitel
Erstes Kapitel
Man kann es für die neuere Geschichtsforschung geradezu als ein
Verhängnis bezeichnen, daß die Methode des modernen
wissenschaftlichen Denkens, welche doch auch für die
Geschichtswissenschaft maßgebend sein muß, zuerst unter dem
Namen der materialistischen Geschichtsbetrachtung und in der
Gestalt, die der Begründer derselben, Karl Marx, ihr gegeben,
ihre weiteren Kreise gezogen hat. Das moderne Denken ist
evolutionistisch. Es sucht alle einzelnen Erscheinungen des
Lebens im Zusammenhange des Entwickelungsgedankens zu erfassen.
Der historische Materialismus, wenigstens in seiner ältesten
ursprünglichen Form, betrachtet nun ausschließlich die in der
Gesellschaft wirksamen Produktivkräfte als die alle Bewegungen
der Geschichte regelnden Faktoren. Die Klassenkämpfe, welche
sich in der Gesellschaft aus dem beständig sich erneuernden
Widerspruch zwischen den bestehenden Eigentumsverhältnissen und
den fortschreitenden Produktionsweisen des wirtschaftlichen
Lebens immer wieder vorbereiten, dann in bestimmten Katastrophen
zum Austrag kommen, erscheinen als die treibenden Faktoren des
gesamten historischen Lebensprozesses. Es läßt sich nicht
leugnen, daß der historische Materialismus in dieser Gestalt
durch die Verbindung, die derselbe mit der Partei des radikalen
Sozialismus eingegangen ist, schnell ein Machtfaktor im modernen
politischen Leben geworden ist. Aber er hat auch durch seine
dogmatische Verwertung innerhalb dieser Partei wesentlich zu den
Einseitigkeiten beigetragen, die seinen Anhängern den freien
Blick für die Wertung der geistigen Faktoren in der Geschichte
beschränkt haben. Wenn auch Ed. Bernstein vorgeschlagen hat, die
materialistische Geschichtsbetrachtung
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sicher die ökonomische zu nennen, so genügt doch auch dieser
Name wohl kaum, weil auch dann, wenn zugegeben wird, daß die
ideologischen Lebensgebilde: das Recht, die Philosophie, die
Kunst, die Religion, durch die ökonomischen Vorgänge bedingt
sind, doch um des einheitlichen Zusammenhangs der Geschichte
willen auch eine Rückwirkung dieser idealen Faktoren auf den
ökonomischen Prozeß behauptet werden muß, so daß erst in der
Wechselwirkung beider Seiten des Lebens, der materiellen und der
ideellen, das ganze Gebiet der Geschichte begriffen werden kann.
Bis ein besserer Name gefunden sein wird, dürfte diese neuere,
monistische Geschichtsauffassung vielleicht am besten als die
realistische bezeichnet werden, weil auch die abstraktesten,
geistigsten Lebensgebiete als Kulturfaktoren in der Geschichte
nur in Betracht kommen, sofern dieselben Realitäten sind und dem
Wirklichkeitsleben gerade so gut angehören wie die konkreten
Erscheinungen des ökonomischen und sozialen Lebens.
Für die bürgerlichen, namentlich kirchlichen Kreise der
Gesellschaft wurde der Name Geschichtsmaterialismus indeß noch
verhängnisvoller als für die sozialistischen Kreise. Die
unklaren Empfindungen, die das Wort Materialismus für den noch
dualistisch denkenden Teil der Menschen im Gefolge hat, ließen
eine unbefangene Würdigung dessen, was die neuere
Geschichtstheorie eigentlich bedeute, nicht zu. Man dachte sich
bei dem Geschichtsmaterialismus einen neuen Angriff auf die
geistigen Güter der Menschheit, vielleicht gar die Proklamierung
des alleinseligmachenden materiellen Genusses, und auf diese
Weise wurde der historische Materialismus um seines Namens
willen mit dem Bann belegt, bevor derselbe noch richtig
verstanden, geschweige denn nach seinem Wert oder Unwert für die
Wissenschaft, auf den es hier doch allein ankommt, ge-
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würdigt worden war. Zudem wurde der Gegensatz, der zwischen den
bürgerlichen Parteien und der Sozialdemokratie sich
herausgebildet, naturgemäß auch auf eine Geschichtstheorie
übertragen, von der die bürgerlichen Kreise ohne weiteres
annahmen, daß dieselbe gebildet sei, um dem radikalen
Sozialismus sein wissenschaftliches Ursprungsattest
auszustellen. Man vergaß im Eifer des Kampfes ganz und gar, daß
die Grundgedanken des historischen Materialismus keiner
politischen Partei angehören, sondern unveräußerliche
Bestandteile des modernen wissenschaftlichen Denkens ausmachen,
daß nicht Karl Marx, sondern Immanuel Kant der erste
wissenschaftliche Vertreter einer Weltanschauung gewesen ist,
von der die Marxistische Geschichtsbetrachtung doch nur eine
einseitige Anwendung gemacht hat. Wie Kant durch den von ihm
erst entdeckten Begriff des Naturgesetzes die moderne
Naturwissenschaft geschaffen, so hat er durch den Begriff des
historischen Gesetzes auch die moderne Geschichtswissenschaft
begründet, er hat durch das Prinzip von der Einheitlichkeit
aller Vernunfterfahrung, auf welches er seine ganze kritische
Philosophie gegründet, auch das historische Gesetz als eine
besondere Anwendung des in dem Naturgesetz wirksamen
Vernunftgesetzes betrachten gelehrt. So hat Kant die Vorgänge
der Menschheitsgeschichte in den organischen, das heißt
naturgesetzlichen Entwickelungsprozeß des gesamten Lebens
eingegliedert. Er behauptet (Idee zu einer allgemeinen
Geschichte in weltbürgerlicher Absicht), daß die Erscheinungen
des Willens, die menschlichen Handlungen, ebensowohl als jede
andere Naturbegebenheit, nach allgemeinen Naturgesetzen bestimmt
seien. Er stellt die Erreichung einer allgemeinen, das Recht
verwaltenden, bürgerlichen Gesellschaft als das größte Problem
für den Menschen hin, zu dessen Auflösung die Natur ihn zwinge,
und bezeichnet als das
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Mittel, dessen sich die Natur zu diesem Zwecke bedient, den
Antagonismus der menschlichen Anlagen in der Gesellschaft. Da
haben wir die Hauptbestandteile der marxistischen
Geschichtstheorie: zunächst die naturgesetzliche, d. h.
empirische Basis für die Totalität aller historischen
Erscheinungen, dann den Klassenkampf als treibende Kraft der
historischen Entwickelung, und endlich das ideale Ziel eines
Vernunftstaates, zu dem die historische Entwickelung sich
hinbewegt. Aber auch Kant hat nur in der für den deutschen
Philosophen gegebenen Schulsprache einen Gedanken ausgesprochen,
der nun einmal zu dem unveräußerlichen Inventar des
wissenschaftlichen Bewußtseins der modernen Zeit gehört. So
schafft Aug. Comte unabhängig von Kant, ja von ganz andern
Prämissen ausgehend, den französischen Positivismus, der in der
Soziologie als einer wissenschaftlichen Erforschung und
Darstellung der menschlichen Gesellschaft und ihrer
Entwickelungsgesetze gipfelt, und Spencer führt in England auf
positivistischer Grundlage den Riesenbau seiner synthetischen
Philosophie auf, in welchem wieder die auf Biologie gegründete
Soziologie das wichtigste Stockwerk darstellt. Auch in
Deutschland fängt die bürgerliche Wissenschaft heute an, die ihr
durch das Ursprungsattest der modernen Geschichtsbetrachtung
gegen dieselbe eingeflößte Abneigung zu überwinden. Rud.
Stammler untersucht das organische Verhältnis zwischen dem
wirtschaftlichen Leben und den jeweiligen Rechtsformen auf
Kantscher Grundlage, Karl Lamprecht schreibt, von den gleichen
Ideen beeinflußt seine deutsche Geschichte, insbesondere schafft
die soziologische Forschung neues Licht über die Entstehung der
Gesellschaft und die ursprünglichen, zum Teil noch
prähistorischen Formen derselben, und Werke wie die von Morgan,
Bachofen, Schurz wären ohne die durch die realistische
Geschichtsbetrachtung geschaffenen Fundamente un-
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denkbar. Überall, wo neue Gesichtspunkte innerhalb der
Menschheitsgeschichte gewonnen werden, sind es auch die Bahnen
der soziologischen Forschung, die zu denselben geführt haben.
Die Theorie von den großen einzelnen, als den Trägern der
Menschheitsgeschichte, die Carlylesche Heldengeschichte, hat für
die moderne Geschichtswissenschaft keine Bedeutung mehr, sie
dient lediglich noch zur Befriedigung eines aus Gemüt und
Phantasie seine Nahrung gebenden Bedürfnisses, sofern sie nicht
das Werk einer alldurchsichtigen Interessenvertretung bedeutet.
Dabei ist es doch ein Mißverständnis, wenn der Soziologie schuld
gegeben wird, sie sei individuenfeindlich, sie lasse überhaupt
keinen Raum mehr für menschliche Größe und wolle durchaus jedes
Genie in der nivellierten Masse und den in derselben
naturgesetzlich wirkenden historischen Gesetzen untergehen
lassen. Das Entwickelungsgesetz der Gesellschaft ist eben ihre
Differenzierung in Individuen, und das Individuum bleibt deshalb
unter allen Umständen der Träger der Menschheitsgeschichte. Die
geistigen Faktoren, die Ideen, die als Bewegungsfaktoren in der
Geschichte auftreten, erscheinen zwar keineswegs als
individuelle Gründungen, sondern als Kulturprodukte, die als
Wirkungen vorangegangener Ursachen notwendig sind, aber diese
Ideen haben doch immer in den Einzelnen individuelles Leben, sie
erhalten in den Einzelnen, kraft der in ihnen vorhandenen
Veranlagung und Ausrüstung, ihren individuellen Ausdruck. Das
Individuum, auch das Genie ist aber kein Mirakel, es ist
naturgesetzlich und gesellschaftlich bedingt, deshalb kann die
Forschung bei den großen Männern nicht Halt machen, sie muß, wie
Spencer ausführt, nun weiter fragen: woher kommen denn die
großen Männer? Mit dieser Frage gelangt die
Geschichtswissenschaft freilich oft zu ganz anderen
Größenschätzungen als die traditionelle Geschichts-
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darstellung, weil die geschichtlichen Größen, das heißt die
ausschlaggebenden, in großen Krisen der Menschheitsentwickelung
Gestaltung schaffenden Größen oft genug weit abliegen von
denjenigen Punkten, auf denen der nur dem Augenschein folgende
Blick sie sucht.
In der Theologie hat die realistische Geschichtsbetrachtung
ihren befruchtenden Einfluß noch fast ausschließlich auf dem
Gebiete der alttestamentlichen Forschung bemerkbar gemacht, in
der großen Revolution der alttestamentlichen Wissenschaft, die
an die Namen Wellhausen und Stade sich anschließt. Für die
verschiedenen religionsgeschichtlichen Phasen, die Gott Jahwe
von seinen ersten Anfangen im Naturkultus des altisraelitischen
Stammesleben bis zu seinen geistigsten Ausprägungen in den
Ausläufern des späteren Judentums durchlaufen hat, ist der reale
Untergrund in der entsprechenden Gesellschaftsgeschichte klar
gelegt, so daß dem Inhalte des Gottesbewußtseins in der
Jahwe-Religion jedesmal eine bestimmte Formation des lokalen und
politischen Lebens parallel geht. Und der religiöse Wert dieser
Geschichte hat wahrlich dadurch in keiner Weise etwas eingebüßt,
daß hier an einem durchsichtigen, auch untrem Volke geläufigen
Beispiel erkennbar wird, wie die Religion ein integrierender
Faktor der Volksgeschichte ist, und wie das Auf- und
Niederwogen, das Vorwärtsdrängen und das Zurückgestautwerden der
religiösen Strömungen in einem genauen und lebendigen
Zusammenhange mit dem ganzen Entwickelungsgange des Volkslebens
steht. Aber was für das alte Testament recht gewesen ist, das
muß für das neue billig werden. Die ganze Geschichte des
Christentums fordert nach dem Stande der Dinge im kirchlichen,
und mehr noch im religiösen Leben des Einzelnen, gebieterisch
eine solche Darstellung, bei welcher das Christentum nicht mehr
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als eine über den Menschen schwebende Macht, nicht als eine von
allen übrigen Funktionen des Menschenlebens isolierte
Erscheinung behandelt, sondern in den ganzen sozialen und
kulturellen Lebensprozeß der christlichen Nationen eingegliedert
wird. Die Entwickelungsgeschichte des christlichen, des
trinitarischen Theos muß die gleichen Gesetze aufzeigen wie die,
welche in jeder anderen Religionsgeschichte wirksam sind, nur
daß das geistige Leben des christlichen Theos, der die Führung
in einer neuen weltgeschichtlichen Ära übernommen, in seiner
dogmatischen Ausdeutung und kirchlichen Entfaltung naturgemäß
ungleich verwickelter und reicher ist als dasjenige, welches
irgend eine andere Religionsgeschichte aufzeigt. Das
schwierigste, aber zugleich dankbarste Gebiet für eine
soziologische Betrachtungsweise des Christentums ist ohne
Zweifel die Geschichte des Urchristentums. Hier wird die Methode
moderner Geschichtsforschung ihre entscheidende Probe abzulegen
haben. Sollte dieselbe dauernd hier versagen, so würde sie nicht
mehr den Anspruch erheben können, eine allgemein gültige zu
sein. Aber so lange auch die Theologie noch glaubt, den Bestand
und Wert der christlichen Religion darauf gründen zu müssen, daß
sie sich der Einordnung des Ursprungs dieser Religion in die
allgemeinen Gesetze der Geschichte widersetzt und über diesen
Ursprung einen dogmatischen Schleier ausbreitet, wird eine freie
und unbefangene Würdigung des Christentums für den heutigen
Menschen unmöglich werden. Die Epigonen der liberalen Theologie,
welche sich noch immer als Vertreter echter historischer
Wissenschaft ausgeben und gelegentlich auch noch für ihren
Anspruch Glauben finden, zeigen gerade an den Problemen des
Urchristentums, wie wenig von ihnen für ein historisches
Verständnis des Urchristentums zu hoffen ist. Soll die ungeheure
Geistesarbeit,
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welche in dem Bienenfleiß der Besten unsrer protestantischen
Theologen gethan ist, für eine wirklich religionsgeschichtliche
Erkenntnis des Urchristentums und damit der gesamten
christlichen Kirchengeschichte fruchtbar gemacht werden, so muß
die Theologie wahrhaft historisch denken lernen, sie muß aus
einer liberalen eine soziale Theologie werden.
Zweites Kapitel
Innerhalb der gelehrten Forschung giebt es kein Problem, auf
welches sie soviel Mühe verwandt hätte, wie auf das, welches in
der kritischen Untersuchung der neutestamentlichen Evangelien
beschlossen liegt, es giebt aber auch keines, welches sich bis
jetzt so hartnäckig jeder befriedigenden Lösung widersetzt hätte
wie dieses. Die alte protestantische Theologie mit ihrem Dogma
von der göttlichen Inspiration der Bibel las naturgemäß über
alle historischen Anstöße in den Evangelienschriften hinweg. Was
Gott den biblischen Schriftstellern eingegeben, was er ihnen
diktiert bis zu den einzelnen Worten und Buchstaben, ja bis zu
den vorhandenen Fehlern der Grammatik und der Übersetzung, das
konnte der Mensch nur lesen und gläubig hinnehmen. Seitdem aber
das Fundamentaldogma der protestantischen Orthodoxie auf der
ganzen Reihe der heutigen Theologen wenigstens der Sachen nach
fallen gelassen ist und nur noch von vereinzelten Vertretern
derselben dem Namen nach, d. h. als theologische Phrase
festgehalten wird, haben die Evangelien der Bibel der gelehrten
Forschung ein Rätsel aufgegeben, das beispiellos in der
Geschichte der Littera-
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tur dazustehen scheint. Vier verschiedene Berichte schildern
einen und denselben Vorgang, aber der Vorgang selbst will sich
aus den Berichten nicht darstellen lassen. Wie müssen die
Evangelien angesehen und behandelt werden, um aus ihnen einen
richtigen und zuverlässigen Bericht über das von ihnen Erzählte
entnehmen zu können? Zur Beantwortung dieser Frage hat die
Theologie in mehr als hundertjähriger Arbeit die ganze Reihe
aller möglichen Kombinationen durchlaufen, von der alten naiven
Harmonistik, die alle vier Evangelien ineinander arbeitete, weil
man annahm, daß jedes derselben von einem Augenzeugen der darin
enthaltenen Erzählungen herrühre und also jedes derselben eine
Ergänzung für die Lücken des andren darbiete, bis zur Behauptung
der vollen Unglaubwürdigkeit aller Evangelien, von denen kein
einiges auf Authenticität Anspruch machen könne. Nachdem die
Schleiermachersche Schule die höhere Dignität des vierten
Evangeliums gegen die drei ersten, die sogenannten Synoptiker
ausgespielt, wandte sich das Blatt ebenso energisch zu Gunsten
der zurückgesetzten drei gegen das vierte. Aber die Frage nach
dem Verhältnis des vierten Evangeliums zu den Synoptikern ist
heute noch offen. Daß zwischen dem Johannes-Evangelium trotz
seiner eigenartigen, der neuplatonischen Gedankenwelt entlehnten
Darstellungsweise und den Synoptikern eine innere Verbindung
bestehen muß, ist klar, denn alle vier Evangelien gehören dem
Gedankenkreise des Christentums an. Aber niemand hat bis jetzt
einleuchtend zu machen gewußt, welcher Art diese Verbindung ist,
und wie weit sich dieselbe erstreckt. Die Zusammenfassung der
drei ersten Evangelien unter die gemeinschaftliche Bezeichnung
der Synoptiker unterstellt zudem, daß diese drei Evangelien
unter sich eine Einheit bilden, während doch jede derselben eine
selbständige Evangelienschrift
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sein und sich als solche von den andern unterscheiden will.
Hinter diesen drei Evangelien soll deshalb die denselben zu
Grunde liegende Einheit erst wieder gesucht werden. Aber
obgleich nun eine wilde Jagd nach einem Ur-Evangelium entstanden
ist, muß sie heute als verloren preisgegeben werden. Die Annahme
eines mündlichen Urevangeliums hat sich ebenso unhaltbar
erwiesen wie die von einem Bischof Papias bei dem
Kirchenhistoriker Eusebius erhaltene Überlieferung von einer
hebräischen Spruchsammlung des Matthäus, des Ur-Markus ebenso
wie die einer namenlosen Urschrift, die alle denkbaren
Urevangelien in sich vereinigt. Doch nimmt die Leben-Jesu-Theologie als ausgemacht an, daß den synoptischen
Verschiedenheiten unter allen Umständen die Identität einer
historischen Persönlichkeit zu Grunde liegen müsse, sie läßt
sich also durch die Mißerfolge der theologischen Forschung auf
dem Gebiete der Quellenlitteratur nicht in ihrem Bestreben
beirren, auf dem Siege der schriftstellerischen Rekonstruktion
ein Bild des Mannes herzustellen, dessen Leben in den Evangelien
so verschieden aufgefaßt und dargestellt sein soll. Aber so
lange ein sichrer Maßstab für die kritische Beurteilung der
literarischen Quellen nicht gefunden ist, sind alle diese
Leben-Jesu-Schriftsteller darauf angewiesen, entweder nun die
Synoptiker in der gleichen Weise harmonistisch zu verarbeiten,
wie es früher mit allen vier Evangelien geschah, oder auf Grund
ihrer persönlichen Vorliebe einen Ausschnitt aus einzelnen
Evangelien zu machen und für diesen Ausschnitt dann die
historische Ursprünglichkeit und Richtigkeit in Anspruch zu
nehmen, wobei dann eben Vorliebe gegen Vorliebe steht.
Wie das Prinzip der Einheit, so spottet bis jetzt auch das der
vorhandenen Verschiedenheiten jeder Erklärung. Man hatte eine
Zeit lang geglaubt, in dem Schema der durch Ferd. Baur
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begründeten Tübinger Schule von dem Gegensatz der Judenchristen
und Heidenchristen das Differenzierungsprinzip der synoptischen
Evangelien zu besitzen. Aber das Schema versagte, sobald die
Evangelien in ihren Einzelheiten nach demselben geprüft und
klassifiziert werden sollten. Da standen in einem Evangelium,
das auf den ersten Blick ganz gesetzesfrei, heidenchristlich
erschien, die härtesten Dogmen des Judenchristentums zu lesen
und umgekehrt. Ja die ganze Voraussetzung dieses Schemas, die
zentrale Bedeutung des von demselben herangezogenen Gegensatzes
für die ältesten Christengemeinden, erscheint heute mehr als
fraglich. So bleibt als Resultat der ganzen Evangelienforschung
im großen und ganzen nur das Eingeständnis übrig, daß die
unsägliche Mühe, die auf die Lösung des Problems verwandt worden
ist, ihr Ziel nicht erreicht hat. womit ja noch keineswegs
gesagt ist, daß dieselbe vergeblich gewesen sei. Nach dem
heutigen Stande der Dinge dürfte die von Holtzmann in Straßburg
scharfsinnig verteidigte Hypothese von der historischen
Ursprünglichkeit eines Markusevangeliums am meisten Anhänger in
der liberalen Theologie Deutschlands gefunden haben, aber auch
die Herrlichkeit der Urmarkus-Hypothese zeugt nur noch von
verschwundener Pracht, und schon ist ihr in Wrede: das
Messiasgeheimnis in den Evangelien, der Gegner erwachsen, der
die schon geborstene Säule zum völligen Sturze zu bringen
berufen erscheint. Es entsteht also nun die Frage, was weiter zu
thun ist? Soll die Sisyphusarbeit der Theologie fortgetrieben
werden? Es läßt sich ja vielleicht mit einigem Scharfsinn noch
eine bis jetzt vergessene Hypothese entdecken, die auf das
Schicksal ihrer Vorgängerinnen wartet, als Zeugnis für die
Unverdrossenheit der deutschen Gelehrten den Akten der
Geschichte einverleibt zu werden, ein reeller Erfolg für die
Lösung des Problems läßt sich nach
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Lage der Dinge von keiner dieser Ursprungshypothesen mehr
erwarten. Oder sollen wir das ganze Problem auf sich beruhen
lassen und mit seiner Unlösbarkeit uns abfinden, wie wir ja auch
den Stein, den wir nicht heben können, an seiner Stelle liegen
lassen? Aber der Stein liegt uns doch gar zu sehr im Wege. Ihn
liegen lassen, heißt drauf verzichten, eine weltgeschichtliche
Erscheinung, wie das Christentum, in seinem Ursprunge überhaupt
zu begreifen, es heißt, in der Geschichte der Völker gerade da,
wo ein neues Licht hervordringt, einen Punkt festhalten, der in
ein undurchdringliches Dunkel gehüllt sein soll. Zu solcher
Resignation haben wir keiner geschichtlichen Erscheinung
gegenüber ein Recht. Was wir Erscheinung nennen, muß auch
innerhalb der Grenzen unsrer Erkenntnis liegen. Deshalb wird uns
nichts übrig bleiben, als eine Revision des ganzen Problems
vorzunehmen, vielleicht, daß gerade das rein negative
Gesamtresultat aller bisherigen Forschungen uns einen Fingerzeig
für eine neue Behandlung des Problems bietet.
Die bisherige kritische Forschung wurde, oft genug vielleicht
unbewußt, von einem bestimmten theologischen Interesse geleitet:
von dem Gegensatz gegen die Theologie der römisch-katholischen
Kirche. Es sollte eine Quelle ausgesucht werden für die
geschichtliche Persönlichkeit Jesu, um auf Grund dieser Quelle
zu beweisen, daß die protestantische Auffassung vom Christentum
die einzig richtige, die katholische also eine Trübung und
Entartung des Christentums darstelle. Man suchte, und sucht auch
heute noch nach echten und ursprünglichen Jesusworten, oder nach
dem echten und ursprünglichen Sinn, den Jesus mit seinen Worten
verbunden haben sollte, und will damit ein Argument für das
eigene und gegen das anders geartete Kirchentum und seine
konfessionelle Ausprägung gefunden
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haben. Der historische Jesus ist deshalb der Strohhalm, an den
das Autoritätsbedürfnis sich anklammert, von welchem die
liberale Theologie doch nicht loskommt: Im Verfolg des
Lessingschen Wortes, daß die Religion nicht wahr sei, weil die
Evangelisten und Apostel sie lehrten, sondern daß diese Männer
sie gelehrt hätten, weil sie wahr sei, machte die
protestantische Theologie doch vor dem historischen Jesus Halt.
Sie wagte nicht, die Religion durchaus auf ihre innere Kraft und
Wahrheit zu gründen, sie mußte für dieselbe ein historisches
Argument haben, und ist damit dem Schicksal aller nach rückwärts
gewandten Geistesrichtungen verfallen: Sie ist reaktionär
geworden! An diesem historischen Jesus hängt deshalb die innere
Unfreiheit des kirchlichen Freisinns. Er braucht eine Autorität
für sich, weil er kein Vertrauen hat zu den in der Volksseele
pulsierenden Lebenskräften und deshalb das Fundament seines
Glaubens, statt in der Gegenwart, in der Vergangenheit sucht. An
dem historischen Jesus hängt aber auch der nicht unbedeutende
Rest hierarchischen Bewußtseins, von dem die liberalen
Kirchenmänner sich nicht frei machen können. Indem der
freisinnige Pfarrer seine eigene Theologie im Namen des
historischen Jesus verkündigt, fällt auf ihn selber noch ein
Strahl des kirchlichen Nimbus, mit dem der Fromme alten Stils
seinen Christus umgeben hat. „Christus ist groß, und ich bin
sein Prophet“ — so lautet kurz und bündig das Argument, auf
welches hin der liberale Pfarrer um Gläubige für seinen Jesus
wirbt. Die der freisinnigen Theologie von Hause aus innewohnende
Tendenz hat dieselbe zu einer rein wissenschaftlichen, objektiv
historischen Betrachtungsweise ihres Problems nicht kommen
lassen. Wer von der Voraussetzung ausgeht, daß unsre
gegenwärtige christliche Kultur an der Person eines gewissen
Jesus hänge, der wird jeden Versuch,
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zu dem echten und ursprünglichen, d. h. dem historischen Jesus
vorzudringen, als eine das Christentum rettende That betrachten.
Aber es ist eine Selbsttäuschung, wenn die kritische Theologie
für ihre Leben-Jesu-Darstellungen eine mehr als temporäre
Bedeutung beansprucht. Diese Theologie mag sich selbst mit ihrem
historischen Jesus in dem Bestand des modernen Kulturlebens den
Platz für eine freisinnige Kirche sichern wollen, aber es wäre um
das historische Verständnis und den historischen Wert der
christlichen Kultur schlecht bestellt, wenn wir für dieselbe
kein anderes Fundament auffinden könnten als den Christus, mit
dem der theologische Freisinn die Welt beschenkt, von dem die
ganze patristische Litteratur, das ganze deutliche Mittelalter,
ja noch das Zeitalter der Reformation nichts gewußt. Gegen
diesen liberalen Christus, der im Grunde nichts ist als ein
rationalisierter Jude, bleibt selbst die Orthodoxie im Recht,
wenn sie statt eines willkürlichen Excerptes aus den Evangelien
den ganzen Christus der Evangelien haben und behalten will.
Dieser excerpierte Christus hat zudem dem kirchlichen Christus
gegenüber nicht einmal die Präsumption des besseren und
solideren wissenschaftlichen Fundamentes für sich. Die
zahlreichen Stellen in den Evangelien, die von dieser Theologie
bei Seite geschoben, für ihren historischen Jesus gestrichen
werden müssen, stehen litterarisch genau auf einer Linie mit
denjenigen Stellen, aus denen die Theologie ihren historischen
Jesus zusammensetzt, sie beanspruchen also auch den gleichen
historischen Wert wie diese. Der synoptische Christus, in dem
die moderne Theologie durchweg die Züge des historischen Jesus
zu haben meint, steht einer wirklich menschlichen Auffassung des
Christentums nicht um ein Haar breit näher als der Christus des
vierten Evangeliums. Der Jungfrauen-Sohn, der Auferstandene und
gen Himmel Gefahrene
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ist als historische Persönlichkeit genau so unvorstellbar wie
der johannische Christus, und was die Epigonen der freisinnigen
Theologie aus diesem synoptischen Christus als historischen
Extrakt glauben herausdestillieren zu können, das hat
historischen Wert nur als Denkmal der virtuosen Sophistik, die
unter dem Namen der theologischen Wissenschaft ihre üppigsten
Schößlinge getrieben.
Die meisten Vertreter der sogenannten modernen Theologie
brauchen bei ihren Excerpten die Schere nach der von David
Strauß beliebten kritischen Methode: das Mytische in den
Evangelien wird weggeschnitten, was übrig bleibt, soll der
historische Kern sein. Aber dieser Kern ist den Theologen
schließlich selber unter den Händen zu dünn geworden. Ein
jüdischer Rabbi, der nach Schleiermachers Ausdruck einige artige
Gleichnisse und Gnomen vorgetragen, schien doch zu wenig, um das
leidenschaftliche Interesse zu rechtfertigen, das diesem Jesus
auch heute noch von Anhängern und Gegnern entgegengebracht wird.
Und wenn nur der Sinn der Gleichnisse und Sprüche nach dem
Wortlaut der Evangelien über jeden Zweifel erhaben wären! Aber
auch hier finden sich so bedeutsame Abweichungen, daß es
unmöglich erscheint, im Einzelnen festzustellen, welche Fassung
auf Jesus zurückzuführen sei, welchen Sinn Jesus mit seinen
Worten ursprünglich verbunden habe. Wenn z. B.
Matthäus
von den
Armen im Geiste, den nach Gerechtigkeit hungernden redet, so
spricht Lukas
von den Armen und den hungernden im allgemeinen,
also im ökonomischen Sinne. Wenn Jesus bei
Matthäus sagt, man
könne nicht zween Herren dienen, nicht Gott und dem Mammon, so
fordert er bei Lukas
von seinen Jüngern, daß sie sich mit dem
ungerechten Mammon abfinden und mit demselben sich Freunde
machen sollen. Zeigt sich nun endlich,
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daß die grundlegenden Gedanken dieser Jesusworte, der Glaube an
Gott als den Vater der Menschen, die Bruderliebe und
Feindesliebe, die individuelle Wertschätzung des Menschen, die
Befreiung der Religion von der Last statutarischer Bestimmungen,
die Zurückführung der Moral auf die Gesinnung, beim Ausgang der
alten Zeit längst vorbereitet, daß sie sogar schon feste
Bestandteile der damaligen geistigen Kultur geworden waren,
Produkte sowohl der aus dem prophetischen Judentum
hervorgegangenen religiösen Entwickelung, wie der durch den
Weltverkehr und die philosophischen Schulen bewirkten
Humanisierung der Gottesidee, so kommt die Theologie immer mehr
in Verlegenheit, wenn sie für ihren historischen Jesus immer
noch an der alten liberalen Vorstellung eines bahnbrechenden
Genius und Religionsstifters festhalten will. Man hat geglaubt,
dem Rabbi Jesus dadurch etwas nachhelfen zu können, daß ihm
wenigstens die Heilung der Dämonischen als historisch reserviert
wurde. Es sollte feststehen, daß Jesus als ein wandernder
Therapeut solche Nervenkranke geheilt, die nach den Anschauungen
der Zeit als von einem Dämon besessen betrachtet wurden. Allein
derartige Heilungen, in denen die Pharisäer zudem ihm arge
Konkurrenz gemacht haben würden, wären, auch wenn dieselben noch
so sehr zu geistigen Kraftwirkungen aufgebauscht würden, doch
jedenfalls keine bahnbrechenden Thaten, die über Jahrtausende
hinweg ihrem Vollbringer einen Namen in der Geistesgeschichte
der Menschheit zu sichern imstande wären, zumal die
Massenhaftigkeit, in der diese Dämonischen überall, in den
Städten wie in den Dörfern auftreten, doch einigen Verdacht
gegen die vulgäre Annahme, daß unter denselben einfach nervöse
Menschen zu verstehen seien, erregen muß. Es bleibt noch der
Kreuzestod Jesu, von dem freilich die theologische Kritik wieder
alles
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abstreicht, was irgendwie an das Mirakulöse erinnert, d. h.
alles das, was nach den Evangelien eigentlich den besonderen
Eindruck bei demselben gemacht haben soll. Aber Gekreuzigte gab
es in den Zeiten der Evangelien nur allzuviele, denn das Kreuz
war der Galgen der Sklaven, und am Kreuze haben es damals
Tausende gebüßt, daß sie es gewagt, aus ihren Sklavenketten eine
Erlösung zu hoffen oder gar das an ihnen und ihren
Schicksalsgenossen verübte Unrecht beim rechten Namen zu nennen.
Unter diesen Gekreuzigten wird sicher auch mancher Jesus gewesen
sein, der im Geiste prophetischer Frömmigkeit sein armes
Märtyrerleben beschlossen und von dem die römische Soldateska
bei ihrem Henkerdienste doch bekennen mußte:
„wahrlich, dieser
ist ein frommer Mann gewesen!“
In Ermangelung jeder historischen Bestimmtheit ist dann der Name
Jesus für die protestantische Theologie ein leeres Gefäß
geworden, in welches jeder Theologe seinen eigenen
Gedankeninhalt hineingießt. So macht der eine aus diesem Jesus
einen modernen Spinozisten, der andre einen Sozialisten, während
die offizielle Kathedertheologie ihn naturgemäß in der
religiösen Beleuchtung des modernen Staats betrachtet, ja ihn
neuerdings immer durchsichtiger als den religiösen
Repräsentanten aller derjenigen Bestrebungen darstellt, die
heute in der großpreußischen Staatstheologie eine führende
Stellung beanspruchen. Es ist die berüchtigte Kunst der alten
Alexandriner gewesen, historische Typen aus der Vergangenheit
für die Bedürfnisse der eigenen Zeit zurechtzudeuten und sich
dann einzureden, diese Deutung geschehe im Interesse der
historischen Forschung. Alexandrinismus ist allemal das Ende
jeder Geistesrichtung, die keine Kraft in sich fühlt, sich offen
zum Werdenden zu bekennen und den schaffenden Geistern der Zeit
sich zu vermählen, sich
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aber doch den Mächten einer neuen Kultur nicht völlig zu
verschließen im stande ist. So ist auch die Methode, durch
welche die protestantische Theologie ihren historischen Jesus zu
stande bringt im Grunde noch ganz und gar alexandrinisch, und an
dem Maßstabe wirksicher Wissenschaft gemessen ist der Jesus, auf
den das moderne „Wesen des Christentums“ gegründet werden soll,
ebenso historisch, wie der Moses, den Philo, der Meister in
Alexandrien, als Weltenheiland feiert. Da kommt es vor allen
Dingen darauf an, einen Jesus zu konstruieren, der für die
herrschenden politischen Strömungen völlig ungefährlich ist, und
der doch den auseinanderstrebenden Tendenzen der Zeit möglichst
weit entgegenkommt, um dieselben zusammen halten zu können.
Dieser Jesus ist so elastisch, daß er Konservative und Liberale
unter seiner Fahne vereinigen könnte: er ist nach Harnack kein
Wundertäter und hat doch Wunder gethan, er ist nicht
auferstanden und doch auferstanden, er ist kein Messias und doch
der Messias! Jesus erscheint in diesem „Wesen“ des Christentums
durchweg als die einzige Ausnahme von der allgemeinen Regel des
Philosophen, daß der Mensch ein politisches Wesen fei. Er ist so
ganz „innerlich“ in seinem Glauben, so ganz unpolitisch und
weltentrückt in seinem Denken, daß alle seine konkretesten
Ausdrücke nur abstrakt, geistig gemeint sein können, und er
wirklich in dieser Welt nur als ein großes Kind erscheint, mit
den Kindesaugen nach den Sternen schauend, ein geborener
Metaphysiker. Auch die Moral dieses Jesus wird so „geistig“, so
kryptogam, daß die christliche Welt vollständig gerechtfertigt
erscheint, wenn in der harten Wirklichkeit des Lebens nichts von
derselben zu merken ist. Höchstens bekommen die „wohllebenden
Pfarrer“ einen Spruch ins Stammbuch, daß sie wenigstens, als
berufsmäßige Diener Jesu, besser thäten, jene
Regel des Herrn,
die
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den Dienern am Worte Besitzlosigkeit vorschreibe, zu befolgen,
oder sich doch um den Besitz und irdische Güter nur so weit zu
bekümmern, daß sie selbst nicht andren zur Last fielen, darüber
hinaus aber sich ihrer zu entäußern — eine Exegese, die sicher
in den Kreisen des wohllebenden protestantischen Bürgertums
durchaus beifällig aufgenommen werden wird. Da doch aber einige
hervorstechende revolutionäre Züge in dem Christusbilde der
Evangelien nun einmal unverkennbar sind, so statuiert das „Wesen
des Christentums“ eine doppelte Obrigkeit: „In jedem Volke
etabliert sich neben der befugten Obrigkeit eine unberufene,
oder vielmehr zwei unberufene. Das ist die politische Kirche und
das sind die politischen Parteien.“ Natürlich hat sich dann
Jesus nur gegen den Terrorismus der „unberufenen“ Obrigkeit
aufgelehnt, während wir bisher geglaubt hatten, die
national-jüdische Obrigkeit, die Ältesten, das Synedrium,
Herodes, seien in Palästina die „berufene“, und die
usurpatorische der römischen Cäsaren sei die „unberufene“
Obrigkeit gewesen. Unverhüllter kann das Wesen“ dieses
Christentums nicht hervortreten, als es in dieser Stellungnahme
Harnacks zur Frage der Obrigkeit geschieht: es ist der Kultus
des absoluten Staates, dem dieses Christentum huldigt. Wahrlich,
der Weltgeschichte müßte hier einmal ein großartiges Versehen
passiert sein, wenn sie aus diesem so ganz und gar
unpolitischen, dem absoluten Staat auf den Leib zugeschnittenen
Jesus, das reine Gegenstück dieses Staates, die politische,
absolute Kirche geschaffen hatte! Die Theologen der alten und
mittelalterlichen Kirche müßten arg unwissende oder ebenso
böswillige Menschen gewesen sein, wenn sie ihren Gläubigen
beständig von einem Jesus gepredigt, der gerade das Gegenteil
von dem gewesen wäre, was jetzt als das Wesentliche an ihm
entdeckt worden! Ein protestantisch-
19
liberaler Christus wäre ins Grab gelegt worden, und ein
katholischer Christus wäre aus denselben auferstanden! Diese
historische Theologie ist deshalb so ganz und gar unhistorisch,
weil sie die neutestamentliche Litteratur nicht aus den
treibenden Kräften ihrer Zeit, der werdenden katholischen
Kirche, der werdenden mittelalterlichen Gesellschaft, sondern
aus der Bildungsperspektive der Gegenwart erklärt, also vom
Standpunkte der heutigen bürgerlichen, verstaatlichten
Gesellschaftsform aus beurteilt.
So hat sich der orthodoxe Liberalismus bei der Christusfrage in
eine theologische Sackgasse festgerannt. Dieser Ausgang ist
nicht durch einzelne Irrtümer oder Unvollkommenheiten der
Forschung zustande gekommen, er ist von vornherein durch einen
Grundirrtum notwendig geworden. Um aus dem Menschen Jesus — und
ein bloßer Mensch soll ja dieser Jesus unter allen Umständen
bleiben — eine weltgeschichtliche Erscheinung wie das
Christentum abzuleiten, mußte die liberale Theologie sich von
der Methode der modernen Geschichtsforschung, von ihren
sichersten Ergebnissen und elementarsten Gesetzen vollständig
unberührt erhalten, sie mußte in dem alten liberalen
Heroenkultus weiterleben, in dem Glauben an die auf sich selbst
gestellten Individuen als die treibenden Faktoren der
Weltgeschichte, während die Wissenschaft wie überall, so auch in
dem Entwicklungsgange der Geschichte die inneren Zusammenhänge
aussucht und auch die Individuen nicht als vom Himmel gefallene
Wunder, sondern als natürliche Wirkungen natürlicher, namentlich
soziologischer Ursachen betrachtet Der Glaube an den isolierten
Heros, dieser Todfeind jeder wissenschaftlichen
Geschichtsauffassung, lebt in der Theologie noch fort als der
Rest des Glaubens an den dogmatischen Gottmenschen. Nachdem die
liberale Theologie nicht mehr
20
den Mut hat, sich zu dem dogmatischen Glauben zu bekennen, soll
der Heros Jesus im Bewußtsein der Kirche dieselbe Stelle
einnehmen wie einst der Gottmensch. Diese Unterschiebung eines
modern-liberalen Menschenbildes unter einen ganz anders
gearteten Begriff ist der Fundamentalirrtum der liberalen
Theologie, der durch alle Verwickelungen der Evangelienforschung
und alle Verlegenheiten der Leben-Jesu-Darstellungen nur sich
selbst offenbart. Um aus dem Menschen Jesus das Christentum
abzuleiten, bleibt nur eine doppelte Möglichkeit: entweder hat
dieser Jesus selber ein Religionsstifter sein wollen, er hat
sich für den Messias, den Begründer eines Weltreiches und einer
Weltreligion, eben des Christentums, gehalten. Dann ist er als
Mensch ein Schwärmer gewesen, der höchstens noch ein
pathologisches Interesse beanspruchen kann, aber sein Werk ist
dann die katholische Kirche, nicht die protestantische. Oder
dieser Jesus war wirklich der, als den die liberale Theologie
ihn beschreibt, dann hat aber sein „Wesen" etwas lange Zeit
gebraucht, um bekannt zu werden: fast neunzehn Jahrhunderte!
Achtzehn Jahrhunderte christlicher Kirchengeschichte wären
verstrichen in dem Glauben, daß der Messianismus wesentlich zum
Christentum gehöre, bis endlich erkannt wäre, daß dieser
Messianismus bei dem ersten christlichen Bekenner desselben
entweder gar nicht vorhanden oder nur eine unwesentliche Schale
gewesen wäre, ja daß die heutigen Theologen Jesum viel besser
verständen als ihn seine Jünger verstanden, denen diese
abstrakte, transzendente Auffassung des Messiasgedankens bei
ihrem Meister so vollständig entgangen wäre, daß sie gerade die
allerkonkreteste, weltlichste Anwendung von demselben hatten
machen können! Das aussichtslos Dilemma, in, dem die liberale
Theologie sich befindet, wird am deutlichsten bei dem
Auferstehungs-
21
glauben, der als das Bindeglied zwischen dem Messianismus der
Jünger und dem wie auch immer gearteten Messianismus Jesu gelten
soll. Die psychologische Voraussetzung dieses
Auferstehungsglaubens wäre unter allen Umständen der
pharisäisch-rabbinische Messiasgedanke, nicht eine
nebensächliche Begleiterscheinung, sondern das eigentlich
konstitutive Element dieses Glaubens, ohne welches derselbe
schlechterdings keinen Sinn haben würde. Die physiologische
Realität dieses Glaubens müßte dann die Vision sein, so daß wir
also ein Christentum bekämen, dessen Lebensfähigkeit von Hause
aus nur in der Selbstzersetzung seiner ursprünglichen
Bestandteile gelegen hätte, und welches heute, um Christentum zu
sein, alles das negieren müßte, was es in seinen Ursprüngen
bejaht und umgekehrt. Die Illusion des Messianismus hätte die
Vision von der Auferstehung des Gekreuzigten hervorgerufen,
durch die Verkündigung dieser Vision wären immer mehr Leute in
den Bannkreis der Messianischen Vision gezogen worden, und so
wäre die erste christliche Gemeinde in Jerusalem entstanden, mit
ihr der Grundstein gelegt zur christlichen Kirche, zum
Christentum überhaupt. Daß die christliche Orthodoxie einen
solchen Ursprung des Christentums aus den denkbar trübsten und
krankhaftesten Erscheinungen des menschlichen Geisteslebens
ablehnt, ist wohl zu begreifen. Die Visionshypothese, die
wissenschaftlich hier allein in Betracht kommen könnte, ist
zudem für die Erklärung großer historischer Realitäten völlig
unbrauchbar. Visionen mögen spiritistische Klubs schaffen, die
solange zusammenhalten, als der Glaube an die Medien derselben
dauert. Neue soziale Gebilde, wie das christliche Mittelalter in
seinen kirchlichen Organisationen aufzeigt, bauen sich nicht auf
Visionen auf, sie bedürfen eines solideren Bodens für ihre
Entwicklung. Die
22
realistische Geschichtsbetrachtung weist uns aber auch einen
wesentlich anderen Weg zu den Ursprüngen des Christentums.
Drittes Kapitel
Der Punkt, an dem der Irrweg der protestantischen Theologie in
der Wissenschaft begonnen, liegt gleich am Anfang der
protestantischen Lehrentwickelung, in dem sogenannten
Formalprinzip des Protestantismus, in der Voraussetzung, daß die
Bibel, insbesondere auch das neue Testament mit seinen vier
Evangelien, gegenüber der Kirche das ursprüngliche, Normative
bedeute, die Kirche also den Evangelien gegenüber das später
Gewordene, Abgeleitete und Sekundäre darstelle. Es waren nicht
wissenschaftliche, sondern rein konfessionelle Gründe, die diese
Position der protestantischen Theologie geschaffen haben. Der
Autorität des Papsttums sollte eine andere, höhere
gegenübergestellt werden, und da nach den Anschauungen der
Orthodoxie diese höhere zugleich eine ältere sein mußte, ein
Teil der Bibel aber, das alte Testament, diese Bedingung des
höheren Alters unbesehen erfüllte, so wurde nun die ganze Bibel
mit der Aufgabe betraut, eine protestantische Instanz gegen die
katholische Kirche abzugeben. Damit aber wurde der wirklich
historische Sachverhalt gerade umgekehrt, und die katholische
Theologie hat in der Frage der Bibel stets an dem richtigeren
Standpunkt festgehalten, daß sie die Kirche als das
Ursprüngliche, die Bibel als das Abgeleitete betrachtet. Wie das
Leben unter allen Umständen ursprünglicher ist als die Schule,
so hat auch die Kirche, wenn auch in ihrem
23
Werden, als eine lebendige Realität die Bibel geschaffen, nicht
umgekehrt. Es ist der kritische Scharfblick Lessing's gewesen,
der diese Einstellung der protestantischen Orthodoxie in dem
Verhältnis von Kirche und Bibel wieder richtig zu stellen
versucht hat in dem Satze: „Das Christentum war, ehe
Evangelisten und Apostel geschrieben hatten; es verlief eine
geraume Zeit, ehe der erste von ihnen schrieb, und eine sehr
beträchtliche, ehe der ganze Kanon zustande kam“, und auch
Schleiermacher hat in seiner Glaubenslehre den für das
Verständnis der Evangelien Ausschlag gebenden Gesichtspunkt
aufgestellt, indem er auf die katholische Auffassung
zurückgehend die Schriften des neuen Testaments als das erste
Glied in der fortlaufenden Reihe aller Darstellungen des
christlichen Glaubens bezeichnet. Wenn der Kirchenhistoriker der
Constantinschen Ära, Eysebius, die Schriften der alten Kirche
einteilt in solche, die allgemein als zum neuen Testament
gehörig anerkannt seien, und solche, denen widersprochen werde,
um dann von beiden Gruppen die der unechten Schriften, zu denen
er in der Hauptsache die sogenannten apostolischen Väter
rechnet, zu unterscheiden, so wäre nichts verfehlter als die
Annahme, daß bei dieser Einteilung Gründe der historischen
Kritik mitgesprochen hätten.
Wie Eysebius in der betreffenden
Stelle (III, 25) ausdrücklich sagt, sind es lediglich
kirchliche, in erster Linie dogmatische Gründe, die bei dieser
Rangstellung der einzelnen Bücher bestimmend waren. Wo eine
Schrift irgendwie für eine Abweichung von der in der
Glaubensregel der Kirche dogmatisierten Tendenz der Kirche
Anhalt gab, oder auch nur zu geben schien, wurde ihr
widersprochenen, sie wurde in einzelnen kirchlichen Kreisen
wenigstens mit Mißtrauen angesehen, bis der Widerspruch entweder
überwunden, oder die Schrift auf den Index gesetzt war. Daher
gehören für die
24
wissenschaftliche Forschung auch die als „unecht“ bezeichneten
Schriften doch durchweg dem werdenden kirchlichen Gedankenkreise
an, sie unterscheiden sich von ihren bevorzugteren
neutestamentlichen Gefährten keineswegs durch eine geringere
historische Glaubwürdigkeit oder gar spätere Abfassung, sondern
lediglich dadurch, daß sie von der kirchlichen Entwickelung
überholt wurden, oft auch nur dadurch, daß ihnen von Hause aus
die Firma eines apostolischen Namens oder des Namens eines
unmittelbaren Apostelschülers fehlte, unter der die
neutestamentlichen Schriften sämtlich sich eingeführt. So sagt
auch Ferd. Baur (Kirchengeschichte I, 130), daß nur die
überspannteste Vorstellung von der Theopneustie der sämtlichen
Schriften die Schriften der apostolischen Väter von denen des
neuen Testaments durch die unermeßliche Kluft zweier völlig
verschiedener Perioden geschieden sehen könne. Die Kirche hat im
neuen Testament sich ihren eigenen Kanon gegeben, sie hat hier
von vornherein festgesetzt, was kanonisch, d. h. kirchlich
rechtsgültig sein solle. Die kanonischen Erfordernisse, die bei
der Sammlung der Bücher ausschlaggebend gewesen sind, haben auch
schon die Abfassung dieser Bücher sowohl dem Inhalte wie der
Form nach bestimmt Das „Evangelium“, das nur als der technische
Ausdruck für die gesamte kirchliche Lehrentwickelung gebraucht
wird, hat durchaus seine Basis an der Kirche, wie Augustin
bekennt, er würde dem Evangelium nicht glauben, wenn ihn nicht
die Autorität der Kirche dazu bewöge. Evangelium im Sinne der
alten Kirche ist nie das von der Reformation angeblich wieder
entdeckte und auf den Leuchter der protestantischen Theologie
gestellte, sondern immer das katholische Evangelium, wie schon
im ersten Korintherbriefe des Clemens als der Anfang des
Evangeliums die Warnung vor der Spaltung, die Mahnung zur
Einheit mit den kirch-
25
lichen Oberen bezeichnet wird (V—VII). Dieses „Evangelium“ ist
es auch, das in den neutestamentlichen Evangelienschriften seine
prägnante litterarische Ausprägung gefunden hat. Dabei kann nun
gar kein Zweifel darüber bestehen, daß in den Schriften der
apostolischen Väter Christus, oder wie er noch öfter genannt
wird „der Herr“ kein historisches Individuum, sondern die
personifizierte Idee, das trancendente Prinzip der Kirche
bedeutet Wie die Kirche sich als den wahren Erben des alten
Testaments betrachtet, so ist es nach dem Barnabasbrief überall
der „Herr“, es ist Jesus Christus, der im Gesetz und den
Propheten der Juden schon zu den Menschen geredet. Im ersten
Korintherbrief des Clemens ist „der Herr Jesus Christus“ der
Urheber aller kirchlichen Ordnungen, selbst derjenigen, die sich
auf die äußeren Umstände, auf Zeit und Ort des Kultus beziehen.
Es ist schon eine Abirrung von der Disziplin Christi, wenn
jemand sagt, er werde nur das glauben, was er in den alten
Schriften, d. h. dem Evangelium finde, einem solchen antwortet
Pseudo-Ignatius im Philipperbriefe, daß ihm Jesus Christus an
Stelle der alten Schriften stehe. Jesus Christus ist in der
katholischen Kirche gegenwärtig, er stellt sich dar in der
Jurisdiktion der Bischöfe und dem mit dem Bischöfe zusammen
hängenden Klerus. Deshalb ist der Gehorsam gegen Christus eben
der Gehorsam gegen den Bischof, eine Trennung vom Bischof ist
eine Trennung von Christus. Wie im
Johannesevangelium von
Christus gesagt wird, er sei vor aller Zeit gewesen und alle
Dinge seien durch ihn geschaffen, so wird im
Pastor Hermae ganz
dasselbe von der Kirche gesagt. Besonders lehrreich ist auch die
erste kirchliche Polemik gegen die doketische Ketzerei, also
gegen die Lehre, daß Christus nicht reelles Fleisch gehabt habe.
Gegen diese Doketen eifert
Pseudo-Ignatius im Brief an die
Gemeinde
26
zu Smyrna, indem er bekennt, daß Christus noch immer im Fleische
sei. Das kann gar nichts anders heißen, als daß die Realität und
Sichtbarkeit der Kirche, die durch die Doketen in Frage gestellt
war, behauptet wird. Die Frage, ob ein Individuum Christus, das
vor etwa zwei Jahrhunderten gelebt haben sollte, wirkliches
Fleisch gehabt, hätte ganz und gar außerhalb des Gedankenkreises
der Väter gelegen, wogegen eine doketische Auffassung der
Kirche, die ihre irdische Wirklichkeit und Machtfülle in Frage
stellte, das Fundament des Katholizismus untergraben mußte, so
daß die Energie begreiflich wird, mit der nicht nur hier am
Anfang, sondern Jahrhunderte hindurch die doketische Ketzerei
bekämpft wurde. Christus wahrer Gott: das bedeutet bei den
Vätern durchgängig die göttliche Absolutheit und
Machtvollkommenheit der Kirche. Christus wahrer Mensch — das
heißt, daß diese Absolutheit der Kirche nicht für den Himmel,
sondern für die Erde gilt, daß sie nicht metaphysisch, sondern
durchaus real, für die Sichtbarkeit wirksam aufgefaßt werden
soll. Wenn deshalb in der protestantischen Schultheologie die
Dogmatiker noch darüber streiten, wie die vielumstrittene Lehre
von den zwei Naturen in Christus, der göttlichen und
menschlichen, zu verstehen sei, so haben sie den historischen
Sinn dieser Lehre noch gar nicht erfaßt, die Sprache der Kirche
noch nicht verstanden. Die zwei Naturen in Christus sind nichts
als der dogmatische Ausdruck für die Doppelnatur der Kirche, die
in dieser Lehre ihren eigenen göttlichen Charakter, ihre
Absolutheit behauptet, und doch zugleich dieser Absolutheit
volle irdische Realität beigelegt wissen will. — Aber auch in
einzelnen Büchern des neuen Testaments ist Christus ganz
unzweifelhaft die werdende Kirche.
Im ersten Johannesbriefe wird
die Salbung in der Kirche als Kraft und Grund aller Lehr-
27
Erkenntnis bezeichnet. Durch die Salbung, das Chrisma, bleibt
der Gesalbte, der Christus, in ihr, daß sie nicht nötig hat,
sich von jemand belehren zu lassen, sondern durch die Salbung
über alles belehrt wird, und was gemäß dieser Salbung gelehrt
wird, das ist wahr. Im Epheserbrief wird die ganze hierarchische
Organisation der Kirche auf den „Christus“ den einen Herrn
zurückgeführt, wie später Eyseb. I,1 ausführt, daß Christus den
apostolischen Episkopat geregelt, oder III, 5, daß Christus für
Jerusalem als seinen unmittelbaren Nachfolger im Bischofsamt den
Jakobus eingesetzt habe. Aber auch in den Korintherbriefen des
neuen Testaments ist Christus das Einheitsprinzip der Kirche,
das heißt das personifizierte Lebensprinzip der Kirche. Christus
darf nicht zerteilt werden, das heißt: es darf in der Gemeinde
keine Spaltungen geben. Christus ist der Leib, der aus vielen
Gliedern besteht, das heißt: es giebt in der einen Gemeinschaft
viele geistliche Beamtungen und Begabungen. Ja die Gemeinde wird
im Kolosserbrief kurzweg der Leib Christi genannt: Sie ist die
wahre Realität, die Sichtbarkeit, die Menschwerdung des
transcendenten kirchlichen Einheitsgedankens.
Steht es aber fest, daß die ganze altchristliche Litteratur, bis
bin zu den Episteln des neuen Testaments, in der Person Christi
die Idee der werdenden Kirche darstellt, so dürfte der Schritt
kaum noch gewagt erscheinen, auch den Christus der Evangelien
unter dem gleichen Gesichtspunkte anzuschauen. Zunächst steht
auch für die Evangelien das Eine fest, daß in ihnen Jesus gar
nichts bedeutet ohne den Christus. Die Evangelien lassen darüber
gar keinen Zweifel, daß sie nicht geschrieben find, um von einem
Jesus zu erzählen, sondern um einen, d. h. ihren kanonischen
Christus zu schildern. Damit aber reihen sich diese Evangelien
ein in die Erzeugnisse
28
der messianischen Litteratur, wenn sie auch ein eigenartiges
Genre derselben darstellen. Die litterarischen Produkte eines
Zeitalters lassen ja immer ihre gemeinsame Physiognomie wieder
erkennen, und wenn die Darstellungsform einer bestimmten Gruppe
dieser Produkte klar geworden ist, so lassen sich die gewonnenen
Einsichten für alle einzelnen Glieder dieser Gruppe verwerten.
Hier z. B. die Natur der utopistischen Staatsromane des 17. u.
18. Jahrhunderts an einigen Beispielen derselben verbanden hat,
wird ohne große Schwierigkeit auch die übrigen Werke dieses
litterarischen Genres verstehen. Die typische Form der
messianischen Litteratur aber war die Apokalyptik, die durch den
Gang der politischen Ereignisse zu Stande gekommene Metamorphose
der älteren Propheten. Die Propheten von Amos bis Jesaja hatten
aus der Jahwe-Religion die Forderung einer sittlichen und
sozialen Wiedergeburt des Volkes abgeleitet. Den Unterdrückten
sollte Recht geschaffen, der Ausbeutung der Schwachen durch die
geistlichen und weltlichen Machthaber sollte ein Ende bereitet
werden. Dann versuchte die unter dem Namen Mosis eingeführte
deuterononistische Gesetzgebung die prophetischen Forderungen in
einem bürgerlichen Gesetzbuche zu kodifizieren und damit den
Versuch einer praktischen Sozialreform einzuleiten. Endlich aber
schuf der Widerspruch zwischen der historischen Wirklichkeit und
dem in der prophetischen Gesetzgebung niedergelegten
ethisch-sozialen Programm die messianische Apokalyptik, eine
religiöse Betrachtungsweise der Dinge, bei welcher die einzelnen
Zeitverhältnisse in das Licht der durch die prophetische
Gesetzgebung geschaffenen, durch griechisch-römische
Bildungselemente beeinflußten Gedankenwelt gerückt wurden. Die
hervorstechendsten Merkmale dieser jüdischen Apokalyptik, die
ihre bekanntesten litterarischen Denkmäler im Danielbuch, den
29
Orakeln der Sibylle, dem Henochbuche und der Apokalypse des Esra
gefunden, sind durch den Gedanken eines Endgerichts bestimmt, in
welchem die durch die prophetische Gesetzgebung geschaffenen
Ideen ihre zeitgeschichtliche Erfüllung finden sollen. Die
Katastrophe in diesem Endgericht erfolgt als eine Allmachtsthat
Gottes von weltgeschichtlicher Bedeutung, deshalb bildet eine
himmlische Welt die Umrahmung für alles irdische Geschehen. In
visionären Erscheinungen werden die bezüglichen Offenbarungen
den Sterblichen durch Engel kund gethan und das Gericht selbst
wird durch den Auserwählten Gottes vollzogen, durch den Messias,
der entweder als das Jahwe treu gebliebene Volk, oder, was nur
eine andere Darstellung desselben Gedankens bedeutet, als der in
den Wolken des Himmels kommende Menschensohn gedacht wird. Dabei
liebt es die Apokalyptik, die ihr zu Grunde liegenden
Zeitverhältnisse rückwärts zu datieren, oder auch in eine anders
geartete geographische Umgebung zu verlegen. Das Danielbuch
führt den Leser aus der Zeit der Syrerherrschaft, die mit ihren
makkabäischen Freiheitskriegen das Signal zu dieser
apokalyptischen Schreibweise gegeben, in diejenige des
Nebukadnezar und verpflanzt seine Visionen nach Babylon, Henoch
kündigt sich sogar an als ein Zeitgenosse Noahs, der angebliche
Esra verletzt uns in die Ausgangszeiten des babylonischen Exils.
Aber immer dient die fremdländische Scenerie zur
Veranschaulichung messianischer Erwartungen, die, wie Hilgenfeld
an den Orakeln der Sibylle nachweist, je weiter sie schon vom
Danielbuch abliegen, ihre gespannte Überweltlichkeit, welche uns
im Daniel entgegentritt, mildern und mehr Anknüpfung in der
Wirklichkeit finden. Daß auch die christliche Ära ihre
Apokalyptik besessen, wird ohne weiteres durch die Offenbarung
Johannis, die wir wahrscheinlich als eine Überarbeitung einer
jüdischen Apokalypse
30
zu betrachten haben, erwiesen. Aber auch die Briefe des neuen
Testaments sind ganz und gar eingetaucht in die apokalyptische
Gedankenwelt, und in gewissem Sinne kann sogar die Hauptschrift
Augustins über den Gottesstaat noch zu dieser Litteraturgattung
gerechnet werden, freilich als der letzte kirchliche Abschluß
derselben, in dem dann die Apokalyptik vorläufig zur Ruhe kommt.
Von diesem Ende der Apokalyptik fällt dann ein sehr bedeutsames
Licht auf die ganze Entwickelung, die zu diesem Ende hingedrängt
hat. Das Ende ist die konsolidierte Kirche geworden. Die
ursprünglich noch ganz verschleierte realistische Tendenz der
Apokalyptik ist hier völlig zum Durchbruch gekommen. Wir sehen,
wie unter dem Spiegel der Jenseitigkeitsvorstellung sich eine
durchaus praktische soziale Wirksamkeit verbirgt, die die
Apokalyptik als Erbe ihres prophetischen Ursprunges bewahrt hat.
Ihr Messianismus zielt auf ein politisches Gebilde, dessen
Reichsgrundgesetz der prophetische Rechtsgedanke in seiner
allseitigen Ausbildung und völligen Durchbildung sein soll. In
der civitas dei ist nun der christliche Messianismus katholische
Kirche geworden, das apokalyptische Jenseitigkeitsideal ist mit
dem sozialen Wirklichkeitsgedanken der Propheten
zusammengeschlossen. Die civitas dei hat sich im Gegensatz gegen
die civitas huius saeculi, die römische Weltmonarchie,
konstituiert, sie ist mit den höchsten Attributen eines
menschlichen Lebensideals ausgestattet, in ihr ist alles
geistig, himmlisch, ihr geistlicher Ursprung ist Christus, ihr
Werk die Vermittelung der Beseligung für die zum Heil erwählten
Menschen. Aber diese himmlische civitas ist doch zugleich etwas
sehr reelles, nämlich die in der Einheit der Lehre und des
Bischofsamtes beschlossene, den Glauben mit unbedingter
Notwendigkeit gebietende und in ihren kanonischen Ordnungen das
Leben heiligende, katholische
31
Kirche, die gottmenschliche Einheit der himmlischen und der
irdischen civitas.
Es kann nur die Nachwirkung scholastischer Überlieferungen sein,
wenn die Theologen Bedenken tragen, die neutestamentlichen
Evangelienschriften in die Litteratur der messianischen
Apokalyptik einzugliedern und damit das doch von vornherein fast
selbstverständliche Argument für das Verständnis dieser
Schriften anzuwenden, daß die litterarischen Kräfte, welche bei
der Abfassung der Evangelien thätig gewesen sind, nur im
Zusammenhange mit der ganzen kulturgeschichtlichen Lage des
Zeitalters erfaßt werden können. Die altchristlichen
Schriftsteller haben das Schreiben in der jüdischen Synagoge
gelernt. In den litterarischen Produkten der Synagoge aber war
es gang und gäbe, Personifikationen zu schaffen, die als Träger
der rabbinischen Gedankenwelt erscheinen. Der ganze
alttestamentliche Kanon hat durch diese litterarische
Eigentümlichkeit der Synagoge sein Gepräge erhalten.
Stammesgeschichte und Volkssage wird erzählt in der Form der
Einzelgeschichte, vor allen Dingen ist die Idee der Synagoge
selbst personifiziert in der Gestalt und Geschichte Mosis. Wie
der leidende Knecht Jahwes im zweiten Teil des Jesajas, der für
den Glauben der Kirche geradezu typisch geworden ist, eine
Personifikation der frommen israelitischen Volksgemeinde
darstellt, so läßt auch das Messiasbild des späteren Judentums
unter der individuellen Hülle leicht den nationalen und
politischen Kern erkennen. Dieser Mensch, der bei Gott verborgen
war, ehe die Welt geschaffen wurde, ist eben kein Mensch, kein
Individuum, sowenig wie der König, der eine immerwährende
Herrschaft über die Völker der Erde ausübt, ein individueller
König ist. Deutlich tritt dieser Sinn des Messias in einer
Partie des Henochbuches hervor, von der noch nicht feststeht,
wie weit dieselbe
32
von späteren christlichen Gedanken beeinflußt ist. Hier hat der
Messias, der Menschensohn, ehe er aus seiner Verborgenheit bei
Gott heraustritt, bereits eine Gemeindeversammlung von Gläubigen
auf der Erde, der Auserwählte ist das Haupt einer Gemeinde von
Auserwählten, der auf Erden erschienene Menschensohn ist nur
durch die Gründung einer Gemeinde das Licht der Völker. (Hilgenfeld,
jüdische Apokalyptik 157). Dieser Eigentümlichkeit jüdischer
Schreib- und Redeweise verdanken verschiedene außerkirchliche
Gemeindebildungen ihre persönlichen Repräsentanten: Ebjon für
die Sekte der Armen, der Ebjoniten, Elksai für die Elksaiten.
Besonders aber ist der Magier Simon zu nennen als
Personifikation aller widerkirchlichen Sektenbildungen, als
Vater aller Häresie. So mußten die treibenden Kräfte der Zeit
von selbst dahin drängen, die Idee der neuen Synagoge, als
welche doch die altchristliche Gemeinde sich betrachtete,
ebenfalls zu personifizieren: Christus, der größere Moses, der
in der Welt erscheint, um ihr das Evangelium, eben die frohe
Botschaft von dem werdenden Gottesstaate zu bringen. Diese
Darstellungsweise der Synagoge ermöglicht dann der Apokalyptik,
in ihren messianischen Personifikationen ein Stück
Sozialgeschichte zu schreiben.
Mit dieser Apokalyptik teilen die Evangelien nicht nur die Form,
sondern auch die Tendenz der Darstellung. Engelerscheinungen
umrahmen die Erzählungen der Evangelien, die Geschichte des
messianischen Menschensohnes soll gegeben werden, bei der die
apokalyptische Jenseitigkeitsperspektive des Endgerichts
zusammengeht mit dem Wirklichkeitsdrang prophetischer
Lebensbetrachtung, und die civitas dei, der Gottesstaat, tritt
schon deutlich genug als das Ziel hervor, zu dem die in den
Evangelien dokumentierte Entwickelung hindrängt; denn der als
die Königsherrschaft Gottes aufgefaßte Gottesstaat ist der
33
Mittelpunkt, um den sich in den Evangelien alles dreht. Und
diese Königsherrschaft ist gar nicht das, wozu die Theologen der
protestantischen Kirche sie „vergeistigt“, d. h. verflüchtigt
haben, nicht „das Reich Gottes“, dieses abstrakte Gedankending,
das vollständig außerhalb des Gesichtskreises eines
Schriftstellers der werdenden Kirche gelegen haben würde. Sie
ist auch in den Evangelien schon das, wenn auch als Keim, als
werdendes, was sie später geworden ist; der Riesenbaum der
Weltkirche, in dessen Zweigen die Völker der Erde wohnen sollen.
Dieser Gottesstaat und Christus gehören zusammen wie Erscheinung
und Idee, wie Wirklichkeit und Prinzip, und der Christus der
Evangelien verbirgt unter dem Schleier einer apokalyptischen
Darstellungsweise ein Stück Geschichte aus der zum Gottesstaate
auswachsenden Bewegung, zu der die ersten Anfänge in der von den
Propheten angestrebten Sozialreform zu suchen sind.
Viertes Kapitel
Insofern die biblischen Evangelien zu der großen Gruppe der
apokalyptischen Litteratur zu rechnen sind, läßt sich auch
das charakteristische Merkmal dieser Litteratur, die
Verschiebung der geschichtlichen und geographischen
Beziehungen, in den Evangelien wiederfinden. Bestimmte
historische Notizen bringen die Evangelien nur in Bezug auf
die Geburt und den Tod Jesu. Lucas verlegt die Geburt in die
Tage der Schätzung, die Kaiser Augustus veranstaltet haben
soll zu der Zeit, da Quirinius Landpfleger in Syrien war.
Aber welche Mühe haben sich die Gelehrten gegeben, diese
Schatzung herauszurechnen, die
34
doch in der von Lucas angegebenen Weise nie stattgefunden
haben kann! Denn „für Judäa“ — so sagt Holtzmann in seiner
neutestamentlichen Theologie — „konnte eine römische
Schatzung unter allen Umständen erst angeordnet werden,
nachdem es zur römischen Provinz geworden war, also
namentlich nicht unter Herodes dem Großen, der als rex
socius galt und selbständig über das Abgabenwesen in
Palästina verfügte. Ebenso aber stand das Land auch unter
seinem Nachfolger Archelaus nur mittelbar unter römischer
Oberherrschaft“. Statt nun aber mit Holtzmann einen
Gedächtnisfehler bei Lucas anzunehmen, durch den die ganze
Chronologie der Geburtsgeschichte, namentlich auch durch das
Hereinziehen des Quirinius, zu einem unauflöslichen Knäuel
von Verwirrungen geworden sein würde, dürfte die andere
Vermutung am Platze sein, ob nicht diese ganze
Zeitbestimmung nach Art der apokalyptischen Schilderungen
gebildet, das heißt in freier Dichtung als Rahmen für die
weitere Darstellung geschaffen sei, mithin gar nicht den
Anspruch eines historischen Datums erhebe. — So bleibt noch
die Nachricht von dem Kreuzestode Jesu unter Pontius
Pilatus, und der Name dieses Landpflegers geht ja auch durch
das Credo der Kirche: gelitten unter Pontius Pilatus. Aber
gerade dieses Credo macht die Sache einigermaßen verdächtig.
Daß eine solche rein historische Notiz in einem sonst ganz
dogmatisch gehaltenen kirchlichen Symbol steht, ist
jedenfalls auffallend und hat den Theologen von jeher als
Rätsel gegolten. Geschichtliche Facta brauchen nicht
geglaubt, noch weniger durch ein kirchliches Dekret zu
Glaubensartikeln gestempelt zu werden, vorausgesetzt, daß
dieselben sonst urkundlich feststehen. Und es wäre doch an
und für sich gar zu gleichgültig, wie gerade der Landpfleger
geheißen,
der Christum zum Tode hätte führen lassen, wenn sich nicht
35
ein bestimmtes kirchliches Interesse hinter dieser
Bestimmung des Credo verbergen sollte. Alle Lehrbestimmungen
dieses sogenannten apostolischen Glaubensbekenntnisses sind
eben Kontroversen gegen irgend eine von der kirchlichen
Regel abweichende Lehre. Gegen ein feststehendes, noch dazu
amtlich beglaubigtes historisches Faktum giebt es aber keine
Kontroversen mehr, und um die Realität des Leidens Christi
gegen die Doketen, die nur ein Scheinleiden des
Scheinmenschen Christus behaupteten, zu verteidigen, genügte
das vere passus, das sich sonst in der alten Glaubensregel
der Kirche findet, der Name des Pontius Pilatus würde da gar
nichts bedeuten, weil sein Name ja kein Argument gegen die
Behauptung der Doketen gewesen sein würde. So muß also die
historische Notiz im Credo notwendig geworden sein, weil es
Leute gab, die an dieses Leiden unter Pontius Pilatus nicht
glaubten. Zu denken giebt auch eine Stelle im
Martyrium S. Ignatii, einer zu den apostolischen Vätern gehörigen
Schrift. Da verhört Trajan in allerhöchster Person den
Bischof von Antiochia, und nachdem der Angeschuldigte den
Namen Jesu Christi genannt, fragt ihn der Kaiser: „Meinst Du
den, der unter Pontius Pilatus gekreuzigt ist?“ worauf
Ignatius antwortet, er meine den, der die Sünde gekreuzigt
und alle Werke des Teufels zerstört habe. Wenn nun
feststeht, daß Trajan durch Plinius, den Statthalter von
Bythinien, die erste, noch ganz und gar unbestimmt gehaltene
Kunde von der dem Statthalter selber noch rätselhaften Sekte
der Christen erhalten hat, so merkt man doch bei diesem
ostentativen Hineinziehen des Pontius Pilatus in das
fingierte Verhör eine bestimmte Absicht des Verfassers der
Schrift. Offenbar soll die kaiserliche Majestät selbst als
Zeuge dafür angeführt werden, daß Christus unter Pontius
Pilatus gekreuzigt sei. Der Sache selbst wird
36
eine solche Wichtigkeit beigelegt, daß sogar der Kaiser
dieselbe sofort in seinem Gedächtnis gegenwärtig gehabt
haben soll, obwohl in Wirklichkeit Trajan damals eben erst
die erste Nachricht von der Existenz der Christen erhalten
hatte. Liegt da nicht der Gedanke nahe, daß dem „Leiden
Christi“ ganz andere historische Daten zu Grunde zu legen
seien, die nur in bekannter apokalyptischer Manier in eine
andere Zeit versetzt sein könnten? Wenn Antiochius Epiphanes
unter der Maske des Nebukadnezar im Danielbuch auftritt,
kann dann nicht der Statthalter Plinius unter der Maske des
Pontius Pilatus eingeführt sein? Unter Trajan ist den
Christen zuerst von Staatswegen das Todesurteil gesprochen
worden, und Plinius war der Exekutor des Urteils. Die
früheren Verfolgungen unter Nero und Domitian hatten keinen
staatsrechtlichen, sondern einen privaten Charakter. Jetzt
erkennen die christlichen Apo-logeten den ganzen Ernst der
Situation, dem sie in ihren Schriften beredten Ausdruck
geben. Wohl hat Plinius
den Christen das Zeugnis
ausgestellt, daß sie eigentlich nichts schlechtes thun, wie
Pilatus im Evangelium bekennt: „ich finde keine Schuld an
ihm“. Um so schlimmer erscheinen die Maßnahmen der
Staatsräson, einen frommen Glauben unter Anklage zu stellen
und seinen Anhängern zu sagen: ihr dürft nicht sein! Sollte
hier nicht der wahre historische Pontius Pilatus zu suchen
sein? Zudem dienten die unter Trajan ausgebrochenen
furchtbaren Judenrevolten ohne Zweifel dazu, die Maßregeln
gegen die Christen zu verschärfen, und der seit der
Zerstörung Jerusalems maßlos gesteigerte Haß der Juden gegen
die Sekte der Abtrünnigen, der Gotteslästerer, stellte die
Christen zwischen zwei Mächte, die wiewohl unter einander
Todfeinde, doch in dem unversöhnlichen Haß gegen die
Christen sich zusammenfanden. Die viel zitierte Notiz des
Tacitus aus
37
den Annalen, die bei der Erzählung der neronischen
Verfolgung den Kreuzestod Christi unter Pontius Pilatus
erwähnt, kann nichts anderes beweisen, als daß eben schon
Tacitus von der christlichen Überlieferung, die an sich gar
nichts Unwahrscheinliches hatte, gehört und dieselbe sich
angeeignet. Denn daß Tacitus noch eine andere Quelle für
seine Notiz gehabt haben sollte, ist bei dem völligen
Schweigen aller römischen Chronisten über das Ereignis, das
ja auch in den Hekatomben, die am Kreuze geschlachtet
wurden, spurlos untergegangen sein würde, völlig
ausgeschlossen. Bemerkenswert dagegen ist es, daß
Eyseb. II,
2 einen Brief erwähnt, den Pilatus an Tiberius geschrieben
haben soll, in welchem sich mit Leichtigkeit eine
Rückbildung des von Plinius an Trajan geschriebenen Briefes
erkennen läßt. Auch hier gelangt ein Bericht an den Kaiser
über die göttliche Verehrung Christi, nach welchem der
Kaiser einen Senatsbeschluß herbeigeführt haben soll, daß
niemandem göttliche Ehre zuteil werden dürfe ohne Sanktion
des Senats, für die Einrichtung eines Christus unter Pontius
Pilatus, oder auch nur für das Leben eines Mannes, das den
Erzählungen der Evangelien zu Grunde liegen könnte, findet
sich in der zeitgenössischen und der der Zeit zunächst
liegenden Profanlitteratur kein einziger zuverlässiger
Beleg. Philo, der gelehrte Alexandriner, der die Ära des
Pontius Pilatus zum Gegenstande eingebender Darstellung
gemacht und die Verhältnisse in Palästina genau gekannt hat,
erwähnt von dem, was nach den biblischen Berichten das Land
und seine Leute so tief erregt haben soll, keine Silbe. In
den Schriften des etwas späteren
Josefus, des
Geschichtsschreibers des jüdischen Kriegs, finden sich zwei
Stellen, in denen der christliche Jesus wenigstens genannt
zu sein scheint. Aber die eine derselben ist
anerkanntermaßen unecht, und die andere ist so stark
angezweifelt, daß
38
selbst die Theologen der historischen Schule von Keim an auf
dieselbe nicht mehr viel Gewicht legen. Es ist dort die Rede
von „Jakobus, dem Bruder Jesu, des sogenannten Christus“.
Möchte nun Josefus von einem solchen Jesus wirklich gehört
haben, so wäre die Sache für den Jesus der Evangelien doch
völlig belanglos, da es sich gar nicht um die Frage handelt,
ob einmal ein Jesus gelebt, der der sogenannte Christus
geheißen, sondern wie derjenige Jesus, den die Evangelien
als Christus einführen, und auf den die christliche
Litteratur allein Wert legt, zu verstehen sei. Es ist nur
die ärgste Verlegenheit der historischen Theologie, wenn sie
schließlich, um ihren historischen Jesus in den Evangelien
zu retten, ihre Zuflucht dazu nimmt, in den Evangelien eine
spätere Schale und einen ursprünglichen Kern zu
unterscheiden, oder schließlich sogar nicht eine Schale,
sondern eine ganze Reihe übereinander gearbeiteter
Schalenschichten. Da gilt das Wort des neuesten
Markusforschers Wrede: Das Messiasgeheimnis. S. 91): „Wenn
man mit einem historischen Kern arbeiten will, so muß man
wirklich auf einen solchen stoßen. . . . Wo ist ein
Anzeichen verschiedenartiger Schichten? Wir haben den
nackten Ausdruck der Gemeindeanschauung vor uns und weiter
nichts.“
Was die Theologen verführt hat, in der Evangelienlitteratur
verschiedene übereinander gelagerte Schichten, deren jede
eine besondere Abfassungszeit und einen eigenen Überarbeiter
gehabt haben soll, anzunehmen, das ist in Wirklichkeit ein
historisches Dokument für die Thatsache, daß der
Messianismus von seinen ersten rohesten Anfängen bis zu
seiner Ausgestaltung im katholischen Christentum gar
verschiedene Entwickelungsstufen durchlaufen hat, von denen
keine in einer als kanonisch anerkannten Schrift fehlen
durfte. Um ihrer kanonischen Geltung
39
willen mußte der ganze Bewegungsprozeß, den der Messianismus
durchgemacht, in den Evangelien zu der Einheit eines
evangelischen Lebensbildes zusammengearbeitet werden: enger
Rationalismus und weiteste Internationalität, utopistische
Schwärmerei und nüchterne Erfassung der Wirklichkeit,
Betonung der konkreten wirtschaftlichen Lebensinteressen und
ein rein geistiger religiöser Idealismus. Eine nicht zu
unterschätzende Instanz gegen die historische Theologie
bieten auch die alten christlichen Katakombenbilder. Der
gute Hirte, wie er hier regelmäßig wiederkehrt, ein
bartloser, fast knabenhafter Jüngling, kann unmöglich einen
historischen Jesus, den Zimmermannssohn aus Nazareth,
darstellen sollen, wie ihn die protestantische Theologie als
das aus den synoptischen Evangelien excerpierte Individuum
auffaßt. Das Bild, das seinen Typus vielleicht dem Hermes
entlehnt, symbolisiert vielmehr die jugendliche
Christengemeinde, die als der wahre Christus die Schwachen
trägt und die Irrenden führt ebenso geht aus den
Katakombenbildern hervor, daß der Christus der alten Kirchen
nicht als der historische Stifter des protestantischen
Abendmahls, sondern als der mystische Träger des kirchlichen
Sakraments, der Eucharistie, zum Mittelpunkte der
Glaubensdarstellungen gemacht wurde. Die Katakombenbilder
geben nicht, wie später Leonardo da Vinci, Bilder der
letzten Passahfeier, die Jesus vor seinem Tode mit seinen
Jüngern begangen haben soll, sie zeigen vielmehr das Mahl am
galiläischen Meere, das der auferstandene Christus nach
Joh.
21, 12 zur feierlichen Installation des Petrus gehalten.
Hier wird also das vierte Evangelium ein Argument gegen die
behauptete Geschichtlichkeit der Synoptiker. Wäre das
kirchliche Sakrament ursprünglich so zustande gekommen, wie
die Leben-Jesu-Theologie voraussetzt, daß ein Religions-
40
stifter Jesus die Erinnerung an sein Leben und Sterben in
der Anordnung dieser Abendmahlsfeier für die kommenden
Zeiten der Kirche niedergelegt hätte, dann wäre es
unverständlich, wie die Kirche das vierte Evangelium in ihre
kanonischen Schriften hätte aufnehmen können, da dieses
Evangelium von einer solchen Einsetzung gar nichts weiß, ja
dieselbe in seiner Chronologie der Leidensgeschichte —
Christus wird hier schon vor dem Passahfeste gekreuzigt und
begraben — geradezu ausschließt. Öfter ist in den
Katakombenbildern Christus der Fisch, der sich im Sakrament,
der christlichen Fortsetzung des Mysteriums der
Mithrasdiener, den Seinen zur Speise der Unsterblichkeit
darbietet (Victor Schulde: Die Katakomben. S. n4 M.). So
scheint die liberale Theologie selber von der lange
behaupteten historischen Ursprünglichkeit der
Abendmahlsfeier zurückzukommen. In einem Hauptorgan dieser
Theologie, den Protestantischen Monatsheften, schreibt Rud.
Schultze (Januar 1902): „Ob das Abendmahl — als sakramentale
Feier — von Christo selbst eingesetzt sei, ist übrigens eine
Streitfrage oder vielmehr keine Streitfrage mehr; daß das
nicht der fall gewesen, dürfte in wissenschaftlichen Kreisen
eine ausgemachte Sache sein.“ — Die Kirche als Leib Christi
symbolisiert sich selber in Brot und Wein, die sie in der
Eucharistie den Gläubigen zur Seelenspeise darbietet. Noch
im Zeitalter Hadrians denkt kein christlicher Apologet
daran, den Vorwurf der Römer, daß die Christen bei ihren
Liebesmahlen Menschenfleisch äßen und andre Greuel trieben,
mit der Berufung auf eine Stiftung Jesu zu widerlegen,
wodurch doch der Widersinn der heidnischen Anklage am
handgreiflichsten dargethan wäre. Gegen die Anschuldigung
der thyesteischen Mahlzeiten berufen sich die Apologeten
lediglich auf Gründe der allgemeinen Moral und der in ihren
Kreisen
41
herrschenden religiösen Anschauungen. So kann die
Eucharistie, das altkirchliche Herrenmahl, nicht aus der
Wiederholung eines von Jesus mit seinen Jüngern geübten
frommen Brauches, wie ihn die synoptischen Evangelien in der
Abendmahlsscene darstellen, entstanden sein, und auch der
vorsichtige Engländer Hatch (Griechentum und Christentum, S.
223) ist doch der Meinung, daß kein Verständiger seinen
Beweis für die Bestandteile des Herrenmahles auf die Stellen
des neuen Testamentes bauen werde. Die kirchliche
Eucharistie ist eben älter als die Erzählung von der
synoptischen Passahfeier, sie ist die kirchliche Umbildung
der in den eleusinischen Mysterien begangenen Lebensfeier,
mit der sie nicht nur den religiösen Grundgedanken, das
Auferstehungsleben in der Natur, sondern auch die Elemente
der kultischen Feier gemeinsam hat. Das synoptische
Abendmahl dagegen ist eine freie litterarische Nachbildung
der eucharistischen Feier im Sinne evangelischer
Apokalyptik: Die messianische Gemeinde hat im Angesichte
der, drohenden Verfolgung ihr Passah-, ihr Freiheits- und
Freudenfest gefeiert und in demselben ihre feste Hoffnung
der messianischen Parusie ausgesprochen. Die Evangelien
sagen in dieser Abendmahlsscene dasselbe aus wie Justin,
wenn er im Angesichte der durch das Trajansche Edikt
geschaffenen Sachlage seinen Glauben bekennt, daß Christus
bei seiner Ankunft in Jerusalem mit den Seinen essen und
trinken werde, ein Gedanke, der auch in einer messianischen
Stelle der Henoch-Apokalypse angedeutet wird (Hilgenfeld:
Jüdische Apokalyptik. S. 177). Der Gedanke der messianischen
Parusie ist also die Hauptsache bei der synoptischen
Abendmahlsfeier, und der kanonische erste Korintherbrief in
seiner die Parusie mit der kirchlichen Gegenwart schon
vermittelnden Tendenz hat mit seinem: „Das thut zu meinem
Gedächtnis“, das sich sonst
42
nur bei Lukas findet, die scharfe eschatologische Spitze der
ganzen Scene schon umgebogen.
Es ist ja auch unmöglich, die den synoptischen Evangelien zu
Grunde liegenden Daten der Leidensgeschichte mit dem
jüdischen Gesetz und den Gepflogenheiten des jüdischen
Gerichtswesens in Übereinstimmung zu bringen, wie in
überzeugender Weise von Brandt: „Die Evangelische
Geschichte“ dargethan ist. In den synoptischen Evangelien
erscheinen die heiligsten Festtage der Juden während der
Leidenszeit Christi als die regulärsten Arbeitstage, während
das Johannes-Evangelium wenigstens die Gefangennahme und das
Verhör vor dem jüdischen Obergericht ebenso wie die
Verbandlungen mit Pilatus vor den Beginn der Passahfeier
verlegt. Diese historisch unmögliche Chronologie der
Leidensgeschichte wird indes vollständig verständlich, wenn
es sich in dieser Geschichte um eine apokalyptische
Schilderung der unter Trajan verhängten Verfolgung bandelt.
Die Opfer dieser Verfolgung waren für die messianische
Bewegung ein Passahlamm, ein Bundes- und Befreiungsopfer,
wie auch im ersten Korintherbrief der Bibel Christus das für
seine Gemeinde geschlachtete Passah genannt wird.
Der eigentümlichen Chronologie entspricht eine ebenso
eigentümliche Geographie der Evangelien. Die Scenerie im
allgemeinen ist wohl Palästina, aber wie unbestimmt und
fließend, wie widerspruchsvoll wird dieselbe im Einzelnen!
Nach den drei ersten Evangelien ist der Schauplatz der
eigentlichen Wirksamkeit Jesu Nordpalästina, besonders
Galiläa, Jesus ist in Jerusalem noch so unbekannt, daß, als
er bei der Reise zum letzten Passah dorthin kommt, das Volk
erst fragt, wer der Mann sei, und die Antwort gegeben wird,
das sei Jesus, der Prophet aus Nazareth in Galiläa, nach dem
vierten Evan-
43
gelium dagegen liegt der Schwerpunkt der Erzählung in
Südpalästina, besonders Jerusalem, und der dritte Evangelist
verlegt sogar einen Hauptteil der Ereignisse nach Samarien,
dem mittleren Teile Palästinas, dem Lande der Unreinen, von
deren Bewohnern kein frommer Jude ein Stück Brod nehmen
durfte, wo aber Jesus so gut zu Hause zu sein scheint wie
nur in allen übrigen Gebieten. Auch fehlt für eine Anzahl
evangelischer Ortsbezeichnungen jede geographische Spur, und
die spätere Überlieferung hat in vielen Fällen erst nach den
Evangelien eine Geographie konstruiert, die für die
Evangelien eingerichtet ist. Das alles macht die größten
Schwierigkeiten, wenn den Evangelien eine Geschichte zu
Grunde liegen soll, die sich in Palästina abgespielt hat, es
wird aber leicht begreiflich, wenn die evangelischen
Erzählungen in bekannter apokalyptischer Darstellungsweise
von anderswoher nach Palästina projiciert sind, von wo doch
sowohl die realen wie die idealen Impulse der Bewegung
ausgegangen waren, so daß die Schilderung in freier Weise
mit den geographischen Verhältnissen schalten konnte.
Daß nun diese Projektion von Rom aus erfolgt lein muß,
scheint sich vor allem aus der Rolle zu ergeben, die der
Gestalt des Petrus in den Evangelien zu erteilt wird, Petrus
ist für die Evangelien fast ebenso wichtig wie Christus. Ihm
wie seinem Bruder Andreas wird gleich bei dem ersten
Erscheinen Jesu die Mission, Menschen zu fischen, erteilt.
Aber Petrus ist unverkennbar die Personifikation der
römischen Gemeinde und ihrer weltgeschichtlichen
zentralisierenden Tendenz. Schon sein Name ist symbolisch:
Petrus, der Felsen, auf den die christliche Gemeinde sich
gründet. Am durchsichtigsten ist diese Symbolik im vierten
Evangelium. Die Erinnerung an die böse
Verleugnungsgeschichte wird hier nur ganz flüchtig
gestreift, dafür steht der
44
Apostelfürst im Vordergrunde der Scene bei der Fußwaschung,
und er wird zuletzt sogar feierlich installiert, die
Schäflein Christi zu weiden. Das Schlußkapitel, welches
diese Sanktion der zentralen Machtstellung Roms enthält, ist
freilich ein späterer Anhang zum ganzen Evangelium, aber
dasselbe bringt doch nur die Tendenz des ganzen Buches zum
Abschluß, und diese Tendenz ist eben römisch-katholisch: Ein
Hirt und Eine Herde! Die starke Betonung des kirchlichen
Einheitsgedankens in diesem vierten Evangelium steht
durchweg im Dienste der Zentralisationsbestrebungen des
römischen Bischofs, der eben im Streite über die Feier des
Osterfestes den ersten Sieg über die kleinasiatische Kirche
davongetragen hat. Aber auch in der Geschichte von dem
Stater, den Petrus nach dem Matthäus-Evangelium einem auf
Christus Geheiß gefangenen Fisch entnimmt, um die heidnische
Münze den römischen Beamten als Steuer zu entrichten, ist
Petrus unverkennbar die römische Gemeinde, die im Zeitalter
Domitians vor die Frage gestellt war, ob die Christen, die
noch als nach jüdischer Weise lebend betrachtet wurden,
verpflichtet seien, die den Juden auferlegte Kopfsteuer zu
zahlen. Doch durchsichtiger ist die Maske, die hinter der
Gestalt des Petrus den römischen Episkopat verbirgt, in der
Matthäus-Stelle, wo Petrus als der Fels der Kirche mit der
Gewalt zu binden und zu lösen für Himmel und Erde, der
sogenannten Schlüsselgewalt der Kirche belehnt
wird.
Auch für das Messiasbekenntnis des Petrus, das den Theologen
der historischen Schule die allergrößten Schwierigkeiten
bereitet, ergiebt sich ein historischer Hintergrund des
römischen Gemeindelebens, durch welches dasselbe durchaus
verständlich wird: „du bist Christus“, das ist die erste
Anerkenntnis des katholischen Kirchenideals von Seiten der
römischen
45
Gemeinde, der Übergang des ebjonitisch - partikularistischen
Judenchristentums in Rom zum kirchlichen Universalismus, als
deren Träger von nun an die römische Episkopatkirche
erscheint. Die evangelische Apokalyptik verlegt bezeichnend
genug dieses Zusammenwachsen der Petrusgestalt mit der
universalen Christusidee, also die Entstehung des
kirchlichen Zentralbewußtseins der römischen Gemeinde, in
die Gegend von Caesarea Philippi. Diese Stadt bedeutete für
Palästina die politische Gegenwart Roms, hier war der Sitz
der römischen Verwaltung. In Caesarea Philippi soll nach Eyseb VII, 18
das Haus des blutflüssigen Weibes gestanden
haben, das durch Berührung des Kleides Jesu Teilung von
seiner unreinen Krankheit gefunden haben soll, und bei dem
Hause sollen zwei Statuen gezeigt worden sein, von denen die
eine das geheilte Weib, die andere Christum dargestellt
habe. Sollte sich vielleicht unter der Gestalt dieser Frau
die der Poppäa Sabina verbergen, der anrüchigen und
sittenlosen Gemahlin Neros, die wegen ihrer starken
Hinneigung zum Judentum für eine apokalyptische Schreibweise
wohl als die Frau, die den Saum des Gewandes Jesu berührte,
gelten konnte? Ist diese Deutung des Messiasbekenntnisses
Petri im allgemeinen richtig, dann weist die Erzählung
selber bin auf die Gestalt des römischen Clemens, der nach
Hilgenfelds Untersuchungen der pseudoclementinischen
Schriften den ersten Impuls zu einer fortschrittlichen,
universalistischen Bewegung in die bis dahin noch arg
partikularistisch gesinnte römische Gemeinde getragen hat;
und die noch heute nicht völlig aufgeklärten Wirren in der
an den Namen des Clemens sich anschließenden Litteratur
geben dann auch einen Anhalt für die Verleugnungsgeschichte,
sie zeigen, wie bald nach dem im dritten Jahre der Regierung
Trajans erfolgten Tode des Bischofs
46
Clemens unter dem Einfluß der durch Plinius veranlaßten
Christenverfolgung ein energischer Rückfall in den alten
Partikularismus stattgefunden hat, der aber bald wieder
überwunden worden ist. Auf diese Weise löst sich auch ganz
natürlich die bittere Fehde zwischen katholischer und
protestantischer Theologie, den römischen Aufenthalt des
Petrus betreffend, in Frieden auf. Von dem evangelischen
Individuum Petrus führen keinerlei Spuren nach Rom, darin
hat die protestantische Theologie ganz recht. Aber hinter
diesem Individuum verbirgt sich von Anfang an die römische
Gemeinde mit ihrer zentralistischen Tendenz, also ist Petrus
immer in Rom gewesen, er ist nur der Name für das
Kirchenideal der römischen Gemeinde, das die
schriftstellerische Eigentümlichkeit der apokalyptischen
Schreibweise nach Palästina projiciert. Dafür, daß die
biblischen Evangelien außerhalb Palästinas verfaßt sein
müssen, spricht auch die Sprache derselben. Das Griechisch
der Evangelien ist zweifellos original, nicht eine
Übersetzung aus dem Aramäischen. Selbst wo alttestamentliche
Stellen citiert werden, liegt dem Citat der Text der
griechischen Bibelübersetzung, der Septuaginta, zu Grunde.
Wohl weiß der Bischof Papias bei
Eyseb (III, 39)
von einer
Spruchsammlung zu berichten, die Matthäus in hebräischer
Mundart verfaßt haben soll. Was aber diese Spruchsammlung,
die nicht einmal als eine Sammlung von Aussprüchen Christi
angeführt wird, enthalten hat, weiß heute kein Mensch mehr.
Jedenfalls ist die theologische Wissenschaft heute darüber
einig, daß das neutestamentliche Matthäus-Evangelium nicht
eine griechische Übersetzung oder auch nur eine einfache
Überarbeitung der von Papias erwähnten syrischen Logia sein
kann. So kommt auch Holzmann in seinem Evangelien-Kommentar
zu dem Zugeständnis, daß mindestens das Markus- und
Lukas-Evan-
47
gelium, vielleicht auch der von ihm angenommene Ur-Markus,
in Rom die Gestalt angenommen hätten, die späterhin die in
der Kirche herrschend gewordene Auffassung des Christentums
vertreten.
Nach Rom weist auch die
Erzählung vom Zinsgroschen, den sich
Jesus zeigen läßt, um an dem der Münze aufgeprägten
Kaiserbilde den Grundsatz zu entwickeln, man solle dem
Kaiser geben, was des Kaisers, und Gott, was Gottes sei.
Diese Stelle ist eine gefährliche Klippe für die Leben-Jesu-Theologie. Die Kaiser ließen ja, wie Holtzmann in
seinem Evangelien-kommentar sagt, „um das auf diesem Gebiete
so empfindliche Gewissen der Juden zu schonen, für Palästina
Münzen ohne Kopfbild schlagen“. Nun soll, nach Holtzmann,
Jesu bei dieser Gelegenheit eine der Kopfmünzen in die Hände
gefallen sein, die der Zufluß von auswärtigen Juden um die
Osterzeit in Umlauf hätte bringen müssen! Aber die
Evangelien rechnen mit der Kopfmünze nicht als mit einer
Ausnahme, sondern als mit der selbstverständlichen Regel, ja
der ganze Effekt der Erzählung würde illusorisch werden,
wenn es lediglich ein Spiel des Zufalls gewesen wäre, der
auf die Forderung Christi, ihm den Denar zu zeigen, gerade
eine der verhaßten Kopfmünzen zur Stelle geschafft hätte.
Auch paßt der von Christus anempfohlene Grundsatz mit der in
demselben statuierten Trennung der Gewalten lediglich in die
unter Trajan geschaffene Situation. Dieser Grundsatz enthält
kurz und bündig das Hauptargument, das die christlichen
Apologeten bis zu Tertullian gegen die über sie verhängte
Verfolgung geltend machen.
Nach Rom weist ferner die Anrede Kyrios, lateinisch Dominus,
Herr, für Christus. Wie Friedländer (Darstellungen aus der
Sittengeschichte Roms I, IV.) überzeugend nachgewiesen, ist
diese
48
Anrede eine konventionelle Form des Verkehrs, als welche sie
uns in den Evangelien entgegentritt, erst in dem Rom der
Kaiserzeit geworden und vorwiegend in dem Verhältnis der
Klienten zu ihrem Patron gebräuchlich gewesen. Dieses
Verhältnis lag ja auch der Anschauung der Christengemeinde
in Bezug auf ihren Kyrios zu Grunde: er galt als ihr idealer
Sachwalter und Schutzherr, aber erst der heilige Geist, das
heißt der Geist der kirchlichen Gemeinschaft, der
katholischen Einheit, gab dem einzelnen die Möglichkeit,
Jesum „Herrn“ zu heißen
(I. Cor. 12).
Endlich schildern die Evangelien lokale Zustände, wie
dieselben in dieser Gestalt nur auf die Agrarverhältnisse
Italiens in der römischen Kaiserzeit passen, nicht auf
diejenigen Palästinas, denen die ökonomischen Vorbedingungen
einer solchen agrarischen Entwickelung vollständig fehlten.
Jm Handwörterbuch der Staatswissenschaften stellt Georg
Adler (die soziale Reform im alten Rom) die Ausbildung des
Kolonats als eine spezifische Form der Agrarwirtschaft in
Italien kurz dar: Der kleinbäuerliche Grundbesitz war in
Italien der Latifundienwirtschaft gewichen. Als aber die
Sklavenzufuhr mit dem Aufhören der Eroberungspolitik seit
Tiberius zu stocken anfing, wurde der landwirtschaftliche
Großbetrieb auf die Dauer unhaltbar. An seine Stelle trat
unter dem Kaiserreiche die Ausbildung des auch früher schon
vereinzelt vorhandenen Kolonats, die pachtweise Austeilung
kleinerer Landparzellen an fronpflichtige Bauern, die
dadurch wieder eine gewisse ökonomische Selbständigkeit
erhielten, sodaß diese Wirtschaftsform den Ausgangspunkt für
die wichtigsten ökonomischen Institutionen der folgenden
Epoche der zivilisierten Welt zu bilden vermochte. — Diese
Kolonenwirtschaft haben die Evangelien im Auge, wenn sie in
mehrfachen Wendungen von dem Menschen
49
erzählen, der über Land zieht und seinen Knechten seine
Güter austhut, und der dann zurückkehrt, um selbst den
Ertrag der Güter zu fordern, oder seine Beamten sendet, um
die fällige Pacht einzustreichen. Auf Palästina mit seinen
ganz und gar kleinbäuerlichen Verhältnissen würde dieser dem
Betriebe der italienischen Landwirtschaft entnommene
ökonomische Hintergrund in keiner Weise paffen. In Rom
allein waren auch die organisatorischen Kräfte vorhanden,
die den Gottesstaat nach dem Muster des römischen
Weltstaates zu schaffen im stande waren. Dach Rom zielte
durchweg jener Zusammenfluß internationaler Kultur, der die
drei Geistesströme der damaligen Zeit, lateinisches Recht,
jüdischen Glauben und griechische Weisheit in dem großen
Bette des mittelalterlichen Katholicismus vereinigte. Von
diesen Strömen sind aber auch schon die Evangelien des neuen
Testaments so sehr durchflutet, daß sogar die Vermutung
immer wieder auftaucht, der Held dieser Evangelien müsse
arisches Blut in seinen Adern gehabt oder wenigstens in
seiner Jugend eine internationale Geistesbildung erhalten
haben. Wie der Jesus des vierten Evangeliums die Sprache der
neuplatonischen Philosophie in alexandrinischer Auffassung
redet, so ist auch der Jesus der übrigen Evangelien über die
Gedankenwelt des palästinensischen Judentums weit
hinausgewachsen, sein Menschenideal ist weit mehr das der
Stoa als das des jüdischen Nationalismus, sein Gott, der die
Sonne Scheinen laßt über Böse und Gute und läßt regnen über
Gerechte und Ungerechte, hat die sittlichen Schranken des
alten Jahwe überwunden.
50
Fünftes Kapitel
Mommsen (röm. Geschichte 8, 10) schildert die Lage der Juden
im römischen Kaiserreiche folgendermaßen: „Schlossen sich
diejenigen Juden, die eine Heimat außer Palästina gefunden
hatten, außerhalb derselben nicht ihren Wohnsitz-, sondern
ihren Religionsgenossen an, wie das nicht anders hat sein
können, so verzichteten sie damit auf die Geltung und die
Duldung, welche den Alexandrinern und den Antiochenern und
so weiter im Ausland entgegenkam und wurden genommen, wie
sie sich gaben, als Juden. Die palästinensischen Juden des
Occidents aber waren zum größten Teil nicht hervorgegangen
aus der kaufmännischen Emigration, sondern kriegsgefangene
Leute oder Nachkommen solcher und in jeder Hinsicht
heimatlos. Die Pariastellung, welche die Kinder Abrahams vor
allem in der römischen Hauptstadt einnahmen, der Betteljude,
dessen Hausrat in dem Heubündel und dem Schacherkorb besteht
und dem kein Verdienst zu gering und zu gemein ist, knüpft
an den Sklavenmarkt an. Unter diesen Umständen begreift es
sich, weshalb im Occident die Juden während der Kaiserzeit
neben den Syrern eine untergeordnete Rolle gespielt haben.
Die religiöse Gemeinschaft der kaufmännischen und der
Proletariereinwanderung drückte auf die Gesamtheit der Juden
noch neben der allgemeinen mit ihrer Stellung verbundenen
Zurücksetzung“. — Wie groß die Zahl dieser jüdischen
Bevölkerung schon allein in der Hauptstadt gewesen sein muß,
geht daraus hervor, daß der bei Augustus an der Spitze einer
jüdischen Gesandtschaft erscheinende Herodes nach
Josefus
von ungefähr 8000 seiner in Rom ansässigen Glaubensgenossen
geleitet worden sein soll, und Tacitus berichtet (Annalen
II, 85), daß im Jahre
51
19 unter Tiberius 4000 waffenfähige Freigelassene, die von egyptischem und jüdischem Aberglauben angesteckt waren, zur
Deportation nach Sardinien verurteilt worden seien. Die
unterste Schicht dieses jüdischen Proletariats gehörte der
Sklavenklasse an. Viele von ihnen trugen noch an Leib und
Seele die Spuren eines Daseins, in welchem sie das Vieh
beneidet haben mochten, wo sie heerdenweise
zusammengekettet, das Brandmal der Sklaven an der Stirn,
unter der Peitsche des Aufsehers den Tag über den Acker
bestellen und nachts im unterirdischen Zwinger
zusammengepfercht wurden. Und doch lebte auch in ihnen der
Stolz der Abrabamssöhne weiter, das Gefühl, „Glieder des
auserwählten Volkes zu sein, ihre Knechtschaft galt ihnen
als Frevel gegen Jahwe, ihr Sklavendienst beraubte Jahwe des
Dienstes, den seine Getreuen ihm hätten leisten können am
Sabbath und allen anderen heiligen Tagen des Jahres. Mit
diesen Sklaven fühlten sich durch religiöse und nationale
Gemeinschaft solidarisch verbunden die kleinen Händler, die
ihre Holzbuden am Zirkus, im römischen Ghetto, aufgetragen
hatten, aber ebenso auch die Großkaufleute und Geldmakler,
die durch günstige Konjunktur und ererbtes Talent sich zur
haute finance emporgearbeitet, in deren Schuldkonten mancher
Name von Prinzen des kaiserlichen Hauses verzeichnet stand,
die aber trotz, und vielleicht gerade wegen des Einflusses,
den ihnen die Kapitalmacht verschaffte, von dem
privilegierten agrarischen Adel mit Verachtung angesehen
wurden und staatsrechtlich doch immer unter dem
Ausnahmegesetz blieben. Diese reiche Judenschaft, die
namentlich in Alexandrien ihren Sitz hatte, war wohl auch
von den Bildungselementen ihrer Zeit berührt, mit der
griechischen Sprache hatte sie auch die Hauptgedanken der
damaligen Weltanschauung, platonische Metaphysik und
stoischen Kosmopolitismus,
52
in sich aufgenommen, aber sie war dabei doch den Traditionen
und Dogmen der Synagoge durchaus treu geblieben, sie war
gegebenen Falles bereit, mit ihren Volksgenossen zu leiden,
aber auch die Kräfte ihrer geistigen Bildung und ihres
Kapitals in den Dienst derselben zu stellen. So war das
Judentum im römischen Reiche der eigentliche Explosivstoff,
bei dem die unbezwingbarsten Mächte des Menschenwesens,
politische, soziale und religiöse Ideen sich miteinander
verbündeten, um der Stunde zu warten, wo sie die Gegner die
ganze Flucht ihrer Überlegenheit fühlen lassen konnten.
Was ein Sklavenaufstand in Rom zu bedeuten hatte, das hatte
schon Pompejus erfahren, als er gezwungen gewesen war, seine
besten Legionen zu entbieten, um in furchtbarem Blutbade die
heldenmütigen Scharen des Spartakus niedermetzeln zu lassen.
Mochte auch die kluge Politik der Cäsaren eine ähnliche
Eruption im Großen nicht wieder aufkommen lassen, so hatte
doch das Blut der Zehntausende, die als Märtyrer der
Freiheit niedergehauen und gekreuzigt waren, den
proletarischen Boden vorbereitet und mit neuen
Zukunftsgedanken besät. Auf der einen Seite ging die
Propaganda der revolutionären That ihren unterirdischen Weg
weiter, auf der andern lernten auch die Führer der
proletarischen Bewegung von ihren Gegnern: Sie lernten
negativ, daß gegen die militärische Disziplin der römischen
Legionen das kriegerische Handwerkszeug der Sklaven
ohnmächtig sei, sie lernten aber auch positiv, die
organisatorische Kraft und die geistige Bildung der Gegner
in den Dienst der eigenen Sache nehmen. Beide Strömungen
fanden ihre beste Nahrung und ihre mächtigsten Impulse an
der religiösen Ideenwelt des Judentums, in der seit den
Tagen der Propheten der Kampf gegen jede Art von
Unterdrückung und Ausbeutung in den verschiedensten Weisen
53
gepredigt worden war. Die Prediger der revolutionären Gewalt
brauchten nur die Geister der Makkabäer zu beschwören, so
hatten sie die frommsten Motive für jeden die Unterdrückung
mit bewaffneter Faust sich erhebenden Widerstand, und die
Vertreter des langsameres Tempos, des passiven Widerstandes
und der durch denselben frei werdenden sittlichen
Menschenkräfte fanden in der älteren Prophetie reichlich
Anhalt, um auch ihr Vorgehen mit den reichsten und idealsten
Gedanken des frommen Glaubens zu begründen. Der ganze
Messianismus war ja von Hause aus nichts als die religiöse
Ausprägung des sozialen Rechtsgedankens, und das religiöse
Recht ist immer ein allgemeines, ein Menschenrecht, es hat
immer und überall einen demokratischen Untergrund, ja
kommunistischen Zug in sich. Dieser demokratische Untergrund
der messianischen Bewegung ist selbst in ihren
kleinbürgerlichen Vertretern in Palästina, den Pharisäern,
unverkennbar, er schafft in der essenischen Gemeinde einen
ersten religiösen Kommunismus und ruft dann in den
radikaleren Elementen der Bewegung stark utopistisch
gefärbte, mit schwärmerischer Ekstase verbundene
Erscheinungen hervor, die bis in das Zeitalter der Gnosis
hineindauern, wie die gnostische Sekte des Karpokrates eine
solche Vermischung prophetischer Ekstase und kommunistischer
Ideen bis zur völligen Verwerfung des Privateigentums und
der Ehe in ihren Grundsätzen darstellt. Aber mit dieser
Unterströmung kämpft von Anfang an eine andere, die von
demselben proletatischen Ursprung ausgehend das messianische
Ziel auf anderem Wege zu erreichen sucht und dabei
naturnotwendig auch bei einem anderen Ziele, dem realen
Gottesstaate der organisierten Kirche anlangt. So müssen wir
das werdende Christentum als eine soziale Bewegung großen,
ja größten Stiles, betrachten, zu der eine
54
elementare Kraftentfaltung einer aufwärtsringenden,
unterdrückten Menschenklasse den Anstoß gegeben, die dann im
weiteren Verlauf eine so gewaltige historische Metamorphose
durchgemacht, daß das Gewordene, die katholische Kirche, auf
den ersten Blick als das direkte Gegenteil seines eigenen
Ursprungs erscheint, während doch auf dieser Stufe der
kirchlichen Entwicklung die ursprünglich treibenden Kräfte
der ganzen Bewegung dem tiefer Schauenden noch unverkennbar
erscheinen. Die eruptiven Kräfte des alten
Gesellschaftslebens sind kirchlich organisiert, sie sind
damit ihrer elementaren Wucht ledig, aber in das breite Bett
des die große, allgemeine Kultur schaffenden Lebens
geleitet. Im Klosterleben, der sozialen Grundform des
mittelalterlichen Kirchenlebens, ist Arbeit und Besitz
genossenschaftlich organisiert, aber der klösterliche
Kommunismus soll nur den großen katholischen
Weltenkommunismus vorbilden, in welchem die Kirche als die
wahre Besitzerin der Erde alle irdischen Güter, alle
Eigentumsverhältnisse in Staat und Gesellschaft nach ihren
kommunistischen Ordnungen regelt. Dieser internationale
Kommunismus der Kirche hat indes seinen Schwerpunkt im
Jenseits, er gründet sich auf metaphysische Voraussetzungen,
nicht auf ökonomische Wirklichkeiten, er ist ein religiöses
Programm, das seine praktische Auslegung und Anwendung
findet durch die kirchlichen Kanones, durch Encyklika und
Syllabus des Papstes. Ihm erwächst deshalb in den realen
Völkergebilden, die sich zum modernen Staat ausreifen
wollen, der entschlossene Widersacher, der zunächst alle
seine Kraft daran setzt, den kirchlichen Kommunismus zu
zertrümmern, dann aber in seinem eigenen Schoße die Keime
einer neuen sozialen Bewegung trägt, die auf eine neue, eine
ökonomische Organisation der Welt abzielt. War nun auf der
einen Seite der Ausgang des jüdischen
55
Messianismus eine soziale Bewegung, war auf der andern Seite
der erste Kristallisationspunkt der kirchlichen
Entwickelung, die gewordene katholische Kirche, wieder ein
durchaus praktisches, sozial-politisches Gebilde, so liegt
es in der Natur der Sache, daß die treibenden Faktoren,
welche die Verbindung zwischen jenem Ausgang und diesem
Anfang hergestellt haben, nur in der gleichen Bewegungslinie
gearbeitet haben können: das Christentum, welches mit seinen
Wurzeln hineinreicht in die messianische Apokalyptik und in
seiner weiteren Entwicklung sich zunächst zum katholischen
Gottesstaate ausgestaltet, ist das Produkt des Kampfes der
religiösen, von den Propheten proklamierten Rechtsidee mit
zwei entgegengesetzten Polen, der Gewalt von oben und der
Gewalt von unten. Aber wie es bei allen historischen Kämpfen
der Fall ist, so ist auch hier der Kampf ein Kompromiß, in
welchem der Sieger von seinen Gegnern alle die Kräfte und
Fertigkeiten in sich aufnimmt, die die eigentliche Stärke,
weiterhin aber auch die Schwäche derselben ausmachen, hier
also von der einen Seite die staatsmännische Weisheit, den
Universalismus des geistigen Lebens, von der andern den
Enthusiasmus des Ideals und die Glut des religiösen
Empfindens. Die Geschichte dieses Kampfes, das ist die
Geschichte Christi, eine Geschichte, die durch Jahrhunderte
sich hindurchzieht, von der jedes Stück der kirchlichen
Litteratur zu erzählen weiß. Deshalb aber müssen wir auch
die biblischen Evangelien als historische Dokumente dieses
Kampfes zu verstehen lernen, und wenn wir nur diese
Schriften nicht loslösen von ihrem großen
religionsgeschichtlichen Zusammenhange, in welchem dieselben
entstanden sind, so geben uns dieselben scharf geschnittene,
auch unter der Hülle apokalyptischer Schreibweise noch
durchsichtige Zeichnungen von den Kämpfen und
56
Leiden, den Bestrebungen und Hoffnungen der werdenden
Kirche.
Der proletarische Grund und Ausgang der großen Bewegung, die
die alte Gesellschaft zur christlichen Kirche umwandelte,
ist in den Evangelien noch ganz unverkennbar. Wie in der
Epistellitteratur des neuen Testaments den Reichen gesagt
wird, daß die Tage der Abrechnung für jeden dem Arbeiter
vorenthaltenen Lohngroschen gekommen seien
(Jacob. 5), und
daß Gott die Schwachen, Unedlen und Verachteten, die nichts
seien, erwählt habe, um zu nichte zu machen, die etwas seien
(I. Cor. 1), so steht auch in den Evangelien das „Wehe euch
Reichen!“ und „selig die Armen!“ Nicht die Vornehmen und
Großen, die gnädigen Herren bilden die Bürger des
Gottesstaats, sondern die Kleinen und niedrigen, die der
Gemeinde sich zu ihren Diensten widmen. Schätze sammeln ist
ein Götzendienst, und Sorge um die Güter der Erde eine
heidnische Gesinnung. — und im Hintergrunde der Evangelien
stehen noch ganz andere Erscheinungen. Die Ideen eines
religiösen Kommunismus, verschmolzen mit denjenigen eines
philosophischen Kommunismus, die im letzten Jahrhundert der
alten Zeit immer mehr die Gemüter ergriffen, hatten in
Nordafrika und Unteritalien ebenso wie in Palästina festen
fuß gefaßt und sich in praktischen Gemeindebildungen
versucht unter der Ägide die Neupythagoräer und Essäer. Das
religiöse Symbol aller dieser kommunistischen Klubs war die
Taufe, wie auch im Reformationszeitalter unter diesem Symbol
der alte radikale Kommunismus wieder auflebt in den
Anabaptisten. Getauft wurde am Nil, an der Tiber ebenso wie
am Jordan, und im mystischen Zeichen der Askese kam der
schwärmerische Geist über die Getauften, der dann immer
weitere Kreise in seinen Bann zog und in der Gestalt des
Jordantäufers seinen
57
biblischen Typus gefunden. Aber schon hier zeigt sich die
praktische Tendenz, mit welcher das werdende Christentum den
ursprünglich radikalen proletarischen Kommunismus zur Kirche
Christi umgebildet hat. Wie auch später, so hat die Kirche
ihren Universalismus von Anfang an dadurch bewährt, daß sie
aus allen Bewegungen, die sie bezwungen, sich selbst ein
lebenskräftiges Reis auf ihren Stamm gepfropft Sie stößt den
proletarischen Kommunismus der Täufergemeinde von sich aus,
nachdem sie doch das Haupt derselben, Johannes, einen
älteren Knipperdolling oder Johann von Leiden, kanonisiert.
Bezeichnender Weise lassen die Evangelien auch Christus aus
der Täufer- Gemeinde hervorgehen. Dieser Christus hat wohl
in den Evangelien Geburtsgeschichten, aber keine
jugendgeschichtliche Entwickelung. Die Geburtsgeschichten
haben dann eine eigentümliche Wandlung durchgemacht. In dem
älteren ebjonitischen Evangelium ist Jesus durchweg der Sohn
Josefs und der Maria, und die Gemeinde „der Armen“ hält mit
jäher Energie das Bewußtsein ihres eigenen proletarischen
Ursprungs fest: Josef, der Zimmermann, als Vater Christi,
wird ein ständiger Artikel ihres Gemeindeglaubens. Aber mit
dem stets sich steigernden Selbstbewußtsein, mit dem die
Kirche in die Bewegungen ihrer Zeit eingreift, wird ihr
Christusbild, das Bild ihres eigenen idealen Wesens, transscendent; eben der Geist, der in der Gemeinde der
Taufgesinnten lebendig gewesen, wird nun der „heilige“
Geist, der in der Jurisdiktion der Bischöfe und ihrer
apostolischen Succession sich kirchlich realisiert, und
dieser heilige Geist ist jetzt der eigentliche Erzeuger
Christi, der an seinem lieben Sohne Wohlgefallen hat. Eine
Jugendgeschichte, deren Fehlen in den Evangelien den
Theologen so viel Kummer bereitet, braucht dieser Christus
garnicht, höchstens, daß von ihm gesagt wird,
58
daß er schon als Knabe hätte sein müssen in dem, was seines
Vaters sei. Eine Jugendgeschichte hat dieser Christus gar
nicht, wohl aber eine Vorgeschichte, und diese Vorgeschichte
ist in den Evangelien deutlich genug zu lesen. — Das Werk
Christi stellt sich in den Evangelien zunächst dar als ein
Kampf mit den Besessenen und eine Austreibung der bösen
Dämonen aus den mit derselben Behafteten. Es unterliegt nun
keinem Zweifel, daß diese Dämonischen, die in den Evangelien
meistens massenweise auftreten, in enger Verbindung mit dem
Messianismus ihrer Zeit gelebt haben. Sie sind es, die Jesum
zuerst als Messias proklamieren und ihm anmerken, daß er
gekommen sei, sie zu verderben. Ein Oberster dieser Dämonen,
Satan, versucht, auch Jesum in die trüben Gewässer dieser
utopistischen Schwärmereien, die den radikalen Messianismus
überall umfluten, hineinzuziehen: er soll zu den Steinen
sprechen, daß sie Brot werden, von der Zinne des Tempels
herabspringen und den Dämon anbeten. Auch von dem Führer der
Taufgesinnten am Jordan sagt das Volk, er habe den Dämon.
Wenn nun die Evangelien diese Dämonischen zugleich als
nervös überreizte, ekstatische Phantasten schildern, so
können wir auch diese Schilderung nur in Zusammenbang
bringen mit ihrem sonstigen Wesen: es sind dämonische
Messianisten, die durch sozial-revolutionäre Ideen in einen
apokalyptischen Rausch versetzt worden, wie solche
Messiaserscheinungen als Vorboten und Symptome tiefgebender
lokaler Gärungen auch sonst auftreten, z. B. in den
Geißlerbrüderschaften des Mittelalters. Mit der Ablehnung
dieser unklaren utopischen Schwarmgeister erwächst dann die
Aufgabe, der Bewegung positive Ziele und Aufgaben zu stellen
und dieselbe sicher alle Fährnisse, die von rechts und links
ihr drohten, hindurchzuführen. Diese
asketisch-anarchistischen Elemente stößt die
59
werdende Kirche von sich aus, sie überwindet die in den
ekstatischen Tendenzen derselben liegenden Gefahren, indem
sie zugleich die revolutionären Kräfte derselben in ihren
Dienst nimmt, so daß es den ängstlichen Zeitgenossen so
aussieht als ob der Christus eigentlich das schlimmere Übel
sei, und Christus die Dämonen austreibe durch Beelzebub, den
Obersten der Dämonen. Zugleich aber beginnt der Kampf nach
der anderen Seite, gegen die von oben her der kirchlichen
Entwickelung sich entgegenstellenden Mächte, um in der
modernen Sprache zu reden: gegen die eine große reaktionäre
Masse der bei der vergangenen und vergehenden Welt
interessierten Bevölkerungsschichten, gegen die geistlichen
und weltlichen Ausbeuter. Hier liegt die ungleich
schwierigere Aufgabe der messianistischen Bewegung. Sie muß
verneinen und zugleich bejahen, sie muß einer alten
Hierarchie und privilegierten Gesellschaftsordnung den
letzten Stoß geben und dabei den Grundstein legen für eine
soziale Neuordnung der Dinge im Gottesstaate, der
klösterlich organisierten Kirche. Da erweisen die alten
prophetischen Reformgedanken ihre noch immer nicht
erloschene Lebenskraft. Sie werden wieder hervorgeholt aus
der Vergessenheit der Jahrhunderte und den veränderten
sozialen Verhältnissen der Zeit angepaßt. Die Propheten
hatten ja ursprünglich zu ihrer Zeit im kleinen Rahmen des
nationalen Lebens den gleichen Kampf zu kämpfen gehabt, der
jetzt internationale, weltgeschichtliche Dimensionen
angenommen. Sie hatten den Gedanken des sozialen Rechts
schon ethisiert, jetzt wird der ethische Rechtsgedanke noch
humanisiert, er wird auf die allgemeine Menschennatur
angewandt, ein neues Menschenideal wird mit denselben
geschaffen. Und wenn die alten Propheten das Volk als ein
Ganzes betrachten, so hatte die weitere Entwickelung des
jüdischen Lebens unter den Ein-
60
Wirkungen der griechischen, namentlich der epikurischen
Gedankenwelt auch das Individuum ins Auge gefaßt und seinem
Rechte in der individualistischen Ethik der
alttestamentlichen Spruchlitteratur eine Basis geschaffen.
So entsteht nun innerhalb der messianischen Bewegung eine
neue Spruchlitteratur, die Logia Christi, in denen die
sozialen Gedanken der Propheten mit den individualistischen
Anschauungen des späteren Judentums sich assimilieren. Diese
Sprüche Christi sind praktische Anweisungen, taktische
Regeln, wie der Einzelne aus dem großen sozialen Kampfe als
Sieger hervorgehen, wie er durch sein sittliches Verhalten
auf exponiertem Posten der werdenden civitas Dei am besten
dienen könne. Da finden sich Anweisungen für die
Gesindeordnung der damaligen Zeit wie für den Normallohn der
Arbeiter, über Schulden machen und Borgen wie über die
Stellung des Einzelnen im allgemeinen Kampfe um das Recht.
Alle diese Sprüche und Gleichnisse, in die die spätere
Theologie unglaubliche Mysterien hineingeheimnißt hat,
erweisen sich bei einer realistisch-historischen Betrachtung
als die maßgebenden ethischen und sozialen Gesichtspunkte,
unter denen die messianische Bewegung sich allein zur Kirche
Christi ausweiten, ausreifen und konsolidieren konnte. Alle
diese Logia Christi zielen eben doch unverkennbar auf die
civitas Dei hin, sie geben ein Menschheitsideal, das in
seinen Grundzügen schon das Ideal des Klosterheiligen
erkennen läßt. Das Lebensideal der biblischen Evangelien
liegt durchweg auf der gleichen Linie mit demjenigen der
apostolischen Väter, es ist das in der Urzelle des
katholischen Gottesstaates, dem Klosterlehen wirksame
organisatorische Prinzip, die Trias des Gehorsams, der Armut
und der Keuschheit. Wie der erste Clemensbrief an die
Korinther in Analogie mit dem ersten neutestamentlichen
Briefe an die Korinther die
61
Vermeidung des Schismas als die erste Christenpflicht
hingestellt, wie Christus dort als der Heerführer
geschildert wird, dem die Christen in strenger Subordination
Heeresfolge zu leisten haben, so sind es besonders die
pseudoignatianischen Briefe, die in der unbedingten
Unterwerfung des einzelnen unter den im Bischof
gegenwärtigen Christus das Zeichen der Zugehörigkeit zu
Christus erblicken. Ebenso aber verlangt der Christus der
Evangelien
eine bedingungslose Nachfolge, einen Gehorsam,
der absagt allem, was der Mensch hat. Gegen die Pflicht
dieses Gehorsams gilt keine Instanz des Lebens, nicht Vater,
Mutter, Weib und Kind dürfen in Betracht kommen, wenn
Christus etwas fordert. Der gleiche Gehorsam ist aber auch
den Aposteln an Christi Statt zu erweisen:
wer Sie hört, der
hört ihn, wer sie verachtet, verachtet ihn.
Wie Christus in
den biblischen Evangelien als ein Muster der bei den Vätern
(im Barnabasbrief, dem I. Clemensbrief a. d. Kor.) so hoch
gepriesenen Niedrigkeit dasteht, so verlangt er auch die
Armut, die Entäußerung des irdischen Besitzes, um den Erlös
den Armen zu geben. Wie im
Pastor Hermae
der Arme der
fruchttragende Weinstock, so ist auch im
Evangelium
der arme
Lazarus der fromme, der nach seinem Tode ewiger Seligkeit
teilhaftig wird und für den reichen Mann Fürbitte leisten
soll. Und die Keuschheit der Evangelien ist ebenfalls ganz
die kanonische Keuschheit, wie sie in der Introduktion zum
Pastor Hermae gepredigt wird, die Pflicht, kein weibliches
Wesen anzublicken, ihrer zu begehren. Alle diese
Klostertugenden aber stehen im Dienste der christlichen
Caritas, der Klosterthätigkeit, eben des Palliativmittels,
das die civitas Dei für alle Schäden der civitas hujus
saeculi bereit hatte. Diese Wohlthätigkeit wird in den
Evangelien gemäß den Tendenzen der werdenden Kirche
kanonisiert: das Almosengeben wird
62
der Sphäre aller irdischen Beziehungen entrückt und zum
Fundament der Lebensordnung der civitas Dei gemacht. Die
Moral der Evangelien ist also durchweg Kampfesmoral, sie
sammelt die sittlichen Kräfte der Zeit und richtet dieselben
alle auf einen bestimmten Punkt: auf die werdende Kirche und
ihre neue Lebensordnung. Diese Kampfesmoral bedeutet im
sozialen Werdeprozeß der katholischen Gesellschaft etwa
dasselbe, was heute formulierte Programme der politischen
und sozialen Parteien bedeuten. Wichtige Punkte dieser
sozialen Moral der Evangelien lassen sich noch leicht als
ethisierte Umbildungen der im Kaiserreiche geübten sozialen
Praxis erkennen. Die großen organisierten Kaiserspenden des
Augustus, bei denen an durchschnittlich 200 000 Arme im Jahr
Geld und Getreide verteilt wurde, gaben ja das weltliche
Vorbild für die christliche Wohlthätigkeit. Und wenn das von
Nerva und Trajan geschaffene Institut der Alimentation als
eine Jugendversicherung bezeichnet werden kann, als die
Übernahme der Versorgung und Erziehung unbemittelter Kinder
auf den Staat mittels gewaltiger fundierter Kapitalien, die
durch Stiftung fortwährend vermehrt wurden (G. Adler:
Sozialreform im alten Rom), so haben wir an diesen
ökonomischen Maßregeln, um dem Rückgang der Bevölkerung
Einhalt zu thun, das Muster für die kirchliche Fürsorge an
den Kindern, denen nach den Evangelien das Gottesreich
gehört, und die man deshalb zu Christus kommen lassen soll.
Die eminenten praktischen Erfolge dieser von führenden
Geistern ersten Ranges der ganzen Bewegung vorgesteckten
Moral lassen sich in den Evangelien schon deutlich erkennen.
Die evangelische Litteratur kündigt sich selbst durchweg als
eine zeitgenössische an, unter deren Augen die Entwickelung
der katholischen Gesellschaft begonnen hat und mit
Riesenschritten ihrem Ziele un-
63
aufhaltsam entgegeneilt. Der Gottesstaat ist als
Gottesherrschaft erschienen, unter die Menschen getreten;
die Zeit ist erfüllet, ein neues Leben ist in die Geister
gefahren, seitdem den Armen frohe Botschaft verkündigt wird.
Schon fühlen die Gefangenen ihre Freiheit, die Mißhandelten
und Zerschlagenen Heilung, und Christus kann sich freuen im
Geiste und Gott danken, daß er solches den Klugen Weisen und
Klugen verborgen hat und hat es den Unmündigen geoffenbart.
Es ergeht ein Gruß stolzester Freude an das Zeitalter, in
dem ein mächtiger Lebensaufschwung unter den Augen des
Beschauers vor sich gebt, wo's eine Lust wird zu leben:
„Selig die Augen, die da sehen, was ihr sehet! Wahrlich,
viele Könige und Propheten wollten sehen, das ihr seht, und
haben es nicht gesehen!“ Da war die aufatmende Menschheit
von einer Siegeszuversicht ohnegleichen ergriffen: sie sah
den Christus über die Wasser dahinwandern, ohne von ihren
Tiefen verschlungen zu werden, Sie hörte, wie er dem Sturm
gebot, daß er ganz stille wurde. Der gute Hirte trug und
weidete seine Schäflein, wie das Katakombenbild ihn
darstellt, die jugendfrische Christengemeinde, ein großes
Liebesmahl, eine Eucharistie, war die Welt geworden, wo
Tausende sich herzudrängen und mit wenigen Broden und
Fischen satt gemacht wurden. Auch nach einer andern, der
rein religiösen Seite hin ist der Ausgang der messianischen
Bewegung schon in den Evangelien ersichtlich. Der
Messianismus hatte von Hause aus eine partikulare und eine
universale Seite. Die letztere aber bedurfte nur eines
wirksamen Anstoßes durch den sich entwickelnden Weltverkehr,
um in ihrer religiösen Kraft als monotheistischer Glaube die
erstere zu besiegen. Der universale Messianismus tritt jetzt
in einen praktischen Gegensatz zu dem partikularen, Christus
beginnt den Kampf mit Phari-
64
säern und Schriftgelehrten, den Vertretern des nationalen
Messianismus. Es ist die Naivetät der individualistischen
Theologie in der Behandlung historischer Verhältnisse, daß
dieselbe die Überwindung des jüdischen Ritualgesetzes als
das Werk einzelner Individuen auffaßt. Als ob die Umwandlung
Jahrhunderte alter Volkssitten und Institutionen, wie des
Sabbaths und des ganzen jüdischen Rituals, durch
theologische Debatten in der Synagoge, oder dadurch, daß ein
Einzelner sich als Herr des Sabbaths proklamiert, zu
bewerkstelligen gewesen wäre! Gegenüber diesen
religiös-sozialen Institutionen mußten wieder
religiös-soziale Kräfte wirksam werden. Der Weltverkehr, die
Verschmelzung mit griechischen Ideen und lateinischen
Wirtschaftsbetrieben haben die Formen des jüdischen Gesetzes
gesprengt, die für die neuen Lebensbedingungen zu eng
geworden waren. Aber erst die Erhebung der neuen
Lebensbedingungen zu einem neuen, dem
monotheistisch-trinitarischen Glauben der Kirche hat mit der
Sprengung der alten auch neue Formen geschaffen, die dem
gesellschaftlichen Zustande des Katholizismus einen
religiösen Ausdruck verliehen. So versteckt sich hinter dem
Gegenlatz der gesetzesstrengen und der freier gerichteten
Messianer zwar ein lokaler Gegensatz, nämlich der zwischen
einer zünftlerisch-rabbinisch gebundenen und einer zu neuen
wirtschaftlichen Bildungen sich herausarbeitenden
Gesellschaftsschicht, aber dieser soziale Gegensatz konnte
zum Austrag gebracht werden nur als ein religiöser Kampf,
und die biblischen Evangelien lassen die erste Phase dieses
Kampfes, sowie die in denselben wirksamen Kräfte deutlich
erkennen: durch die Aufnahme der monotheistischen Gottesidee
hat das dem internationalen Verkehr sich erschließende
Wirtschaftsleben den Sieg davon getragen über die
rabbinisch-nationale Theologie, die dem in ihren Traditionen
gebundenen
65
Verkehrsleben den Stempel der Rückständigkeit aufdrücken
mußte, und an dem Christus der Evangelien wird Kampf und
Sieg der neuen religiös-sozialen Bildung, der katholischen
Gesellschaft, anschaulich.
Aber während die Evangelien die messianische Entwickelung
durch den Kampf der offenen Gegner von oben und unten
siegreich hindurchschreiten sehen, droht der ganzen Bewegung
eine andere, schlimmere Gefahr: die Gegenströmung äußerlich
verwandt erscheinender, innerlich aber anders gearteter
messianischer Bewegungen. Diese Gefahr wurde akut in der
Zeit des jüdischen Krieges, als während desselben der
Messianismus seine üppigsten Blüten trieb. Die Stücke der
Evangelien (Matth. 24, Mark.. 13, Luk. 21), in denen
unverkennbare Beziehungen auf die der Zerstörung Jerusalems
vorhergehenden Ereignisse sich finden, haben der
theologischen Forschung eigentümliche Schwierigkeiten
bereitet. Da nach der traditionellen Voraussetzung der
Christus, von dem die Evangelien handeln, unter Tiberius um
das Jahr 34 gestorben sein soll, so konnte er eine Rede, die
frühestens aus den Jahren 66—70 herstammt, nicht gehalten
haben, sofern man nicht der Auskunft der orthodoxen
Theologie zustimmen wollte, daß Jesus hier vor seinem Tode
eine Vorhersagung dessen, was später geschehen war,
geliefert habe. Deshalb wurden die betreffenden Partien der
Evangelien als kleine Apokalypsen betrachtet, die von
fremden Überarbeitern später in die Evangelien hineingefügt
sein sollten. Man wollte sicher diesen Überarbeitern, die
doch nicht allzu spät ihr Werk getrieben haben dürften, die
ungeheure Verwirrung ihres historischen Gedächtnisses
zutrauen, die bei einer solchen Einfügung zu Tage getreten
wäre, als aus diesen offenkundig apokalyptischen Stücken
eine den „historischen Jesus“ in frage stellende Konsequenz
ziehen. Dazu
66
kommt noch ein zweites. Diese den jüdischen Krieg zum
Hintergrunde habenden Kapitel der Evangelien werden
eingeleitet mit einer Frage der Jünger an Christus nach
seiner Parusie. Parusie aber heißt Ankunft, Erscheinung.
Unter den Voraussetzungen der Leben-Jesu-Theologie war es
aber doch zu sinnlos, daß die Jünger den leibhaftig vor
ihnen zu denkenden Meister nach seiner Ankunft fragen
sollten. Aus der Parusie wurde deshalb eine „Wiederkunft“
gemacht, den Jüngern wurde der Glaube imputiert, der
nachweisbar einer viel späteren Zeit angehört, daß ein
gekreuzigtes Individuum nach seinem Code vom Himmel her
wiederkommen und alle die Funktionen übernehmen werde, in
denen die zeitgenössische Apokalyptik das Kommen des
Messias, das Werden und Wachen des Messiasreiches angeschaut
hatte. Diese apokalyptischen Stücke, die nach dem jüdischen
Kriege hinschauen, stehen aber in den Evangelien keineswegs
isoliert da. Von dem Kommen des messianischen Menschensohnes
redet der Christus der Evangelien öfter, aber nirgends von
einem Wiederkommen, zuletzt kurz vor der Kreuzigung, bei
Gelegenheit des Verhörs im Synedrium. So scheint in diesen
Parusiereden, die in ihren wichtigsten Stücken an den
jüdischen Krieg anknüpfen, wieder ein Argument gegen die von
der individualistischen Theologie dem Leben Jesu zu Grunde
gelegte Chronologie gefunden zu werden müssen: um's Jahr 70
hätte die Frage nach der Erscheinung des Christus nicht mehr
so durchaus offen sein können, wie es nach den Parusiereden
der Fall war, wenn nach dem unter Pontius Pilatus erfolgten
Tode des historischen Jesu sich eine Gemeinde gebildet
hätte, die auf diese Katastrophe gerade ihren Glauben
gegründet. Die sogenannten Wiederkunftsreden, die aber mit
der „Wiederkunft“ nichts zu thun haben, sondern lediglich
von dem Kommen
67
des messianischen Menschensohnes im Sinne der jüdischen
Apokalyptik handeln, zeigen eben die Thatsache, daß bis ums
Jahr 70 die messianische Bewegung, deren Ziele und Aufgaben
den führenden Geistern wohl klar gewesen, sich noch in
lebendigem Fluß befunden haben muß, und diese Thatsache barg
die erste große Gefahr für den Entwickelungsgang der
werdenden Kirche in sich. Messianische Bewegungen mit
eigenartig gebildeten religiös-sozialen Programmen und
Zielen entstanden in dieser Zeit der kriegerischen
Verwirrungen in großer Zahl, jede derselben sagte: „ich bin
der Christus“, sie verkündigte sich selbst als Retterin der
Gesellschaft und warb mit Energie für ihre
Sonderbestrebungen, um „so es möglich wäre, auch die
Auserwählten zu verführen“. Da mußte Christus diesen
Sozialreformern entgegentreten und ihnen sagen, sie seien
falsche Christi; die ihres universalen Zieles klar bewußten
Führer der Bewegung mußten vor gefährlichen Abirrungen, vor
brutaler Gewalt oder schwächlicher Kompromißbildung warnen.
Wie aber auch diese Stücke der Evangelien in römischer
Beleuchtung dargestellt wurden, zeigt das bei Matthäus aus
diesen Parusiereden herausgewachsene Gleichnis von den 10
Jungfrauen, in welchem deutlich der römische Hochzeitsbrauch
der Einholung der Braut beim Aufgang des Abendsternes beim
Scheine leuchtender Fackeln als Bild für die zu erwartende
Parusie des Messias verwandt wird.
Nachdem diese Gefahr, die der jüdische Krieg der
messianischen Bewegung gebracht hatte, glücklich überwunden
war, war die christliche Gemeinschaft unter Trajan soweit
erstarkt, daß sie aus der über sie hereinbrechenden
Katastrophe nur gefertigt hervorgeben konnte: der
gekreuzigte Christus erstand aus seinem Grabe, und die an
den Namen des Paulus sich anschließende Epistellitteratur
führt nun den inneren Ausbau der werdenden
68
Kirche weiter; sie setzt auch in ihren ältesten
Erscheinungen, den beiden Korintherbriefen, schon so
entwickelte Gemeindeverhältnisse, eine einheitlich
organisierte Verfassung, feste liturgische und kultische
Gepflogenheiten voraus, daß eine Revision der herkömmlichen
Chronologie dieser Briefe unausbleiblich sein wird. Kennt
doch der erste Korintherbrief schon die Idee des
katholischen Klerus, die Idee eines Kollegiums, dessen
Glieder alle als Diener Christi und Haushalter der
göttlichen Mysterien von jedermann gehalten sein wollen. In
diesem Klerus giebt es schon hierarchische Grade, und jedem
einzelnen Grade soll seine Rolle im ganzen angewiesen und
gewahrt werden. Der erste Korintherbrief setzt auch einen
liturgisch entwickelten christlichen Kultus voraus und kennt
sogar die Sitte, daß Christen sich für Verstorbene taufen
lassen, eine Sitte, die erst vom Zeitalter Trajans an unter
dem Eifluß der beginnenden Gnosis in einigen häretischen
Sekten, namentlich denjenigen des Kerinth, vorübergebend
Gebrauch wurde. So wird der alte Streit um die
Glaubwürdigkeit und Authentie der biblischen Evangelien
allein vom Standpunkte realistischer Geschichtsbetrachtung
aus seine Erledigung finden, indem dieselben aus dem
Zusammenhange mit dem Kulturleben ihrer Zeit heraus
verbanden werden. Wenn wir nur den vom Rationalismus uns
angezüchteten Begriff des Geschichtlichen den Gesetzen der
modernen Geschichtsforschung gemäß umbilden, so sind die
Evangelien in der That durchweg als Geschichtsquellen zu
verwerten; nur sind sie nicht Urkunden der Geschichte eines
Individuums, sondern der einer sozialen Bewegung, der
werdenden katholischen Gesellschaftsordnung. Dabei bilden
alle vier Evangelien eine zusammengehörige Gruppe, und
daraus, daß das vierte Evangelium einem anderen Ideenkreise
angehört als die drei ersten, ist noch nichts be-
69
wiesen für oder gegen seine historische Bedeutung. Wie die
spätere Apokalyptik sich selbst hellenisierte, so ist das
vierte Evangelium solch ein hellenisiertes Werk der
apokalyptischen Litteratur. Alle vier Evangelien aber
enthalten als Selbstzeugnisse der werdenden Kirche nicht nur
ein Spiegelbild der Zeitereignisse, die die Hauptpunkte in
der großen sozialen Umwälzung zum Beginn der christlichen
Ära markieren, sie geben, was mehr ist, eine authentische
Darstellung der geistigen Strömungen, die bei dieser
Umwälzung zusammengetroffen und, sowohl um sich gegenseitig
zu unterstützen, wie um sich zu bekämpfen, jedenfalls aber
um eine neue Ära der Menschheitskultur zu schaffen, von
deren Wellen wir alle heute noch umspült sind. Das ist die
innere Einheit und Zusammengehörigkeit dieser Evangelien,
daß sie alle den Werdeprozeß der Kirche darstellen. Das ist
ihre Verschiedenheit, daß sie verschiedene Phasen in diesem
Prozeß vor Augen haben, den Prozeß selbst von verschiedenen
Standorten aus betrachten. Wie heute im sozialen Kampfe die
Parteiprogramme sich modifizieren je nach dem Tempo und dem
Charakter der Bewegung, so modifizieren sich auch in der
alten Bewegung die Christusworte, die Bilder und
Erzählungen, die dieser Bewegung ihre Ziele und Aufgaben
vorhielten. Nur ein Symbol bleibt unverändert, weil es das
Symbol derjenigen Bevölkerungsschicht ist, von der die große
sozial-religiöse Umwandlung des Lebens ausgeht: das Kreuz,
das Marterinstrument der Sklaven, das Bild alles Elends der
Enterbten, das dann von dem Proletariat als Kampfes- und
Siegeszeichen verwandt wird, wie auch die Bauern im
Reformationszeitalter den Bundschub, das Zeichen der
Hörigkeit, in gleichem Sinn gebrauchten. Das Christentum ist
von Haufe aus die Religion des Kreuzes gewesen. Auch die
Evangelien sind von vorn-
70
herein auf den Kreuzestod Jesu angelegt. Daß Christus litt
und starb, war nach den Evangelien nicht ein Irrtum der
Zeitgenossen, die eine rein geistige Lehre nicht zu würdigen
verstanden, auch nicht ein Fehlgriff der weltlichen oder
geistlichen Justiz, die ein Jesusgemüt von
liberal-theologischer Harmlosigkeit so gröblich verkannte,
daß sie ihn wegen revolutionärer Gesinnung ans Kreuz schlug;
es war eine soziale Notwendigkeit für die aus der absoluten
Rechtlosigkeit emporringende Bevölkerungsschicht. Und daß
Tod und Auferstehung Christi durchweg als Fundament des
Christenglaubens betrachtet wurden, ist keineswegs, wie die
liberale Theologie die Welt gerne glauben machen möchte, ein
Mißverständnis der paulinischen Theologie, die den lehrenden
Christus, den religiösen Volksprediger, durch ihr
Leidensdogma verdrängt, sondern es ist die Bezeugung der für
den Fortbestand des Christentums ausschlaggebenden Tatsache,
daß die messianisch-soziale Bewegung ihre erste Feuerprobe
bestanden und dadurch erst den religiösen Glauben an ihre
eigene Unüberwindlichkeit, an ihre gottmenschliche Mission
gewonnen hatte. Dieser Glaube mit seinen im Zeitalter
Trajans gemachten Erfahrungen gab erst der noch unklaren,
zersplitterten und allen impulsiven Eindrücken folgenden
Bewegung die feste, klare Richtung auf ein
weltgeschichtliches Ziel, er schuf damit in der tat das
Fundament für die in der christlichen Kirche organisierte
mittelalterliche Gesellschaft. Die Evangelien kennen auch
schon Verfolgungen, die über die Christen um ihres
Christennamens willen kommen, sie kennen ein geordnetes
prozessuales Verfahren, dem die Christen vor den römischen
Gerichtshöfen unterworfen werden, und geben praktische
Anweisungen, wie die Christen dabei verhalten sollen. Das
alles sind historische Notizen, die zuerst nur auf die
unter Trajan geschaffene
71
staatsrechtliche Lage der Christen passen. Durchweg liegt
auch die Aufgabe der Jünger in den Evangelien nicht in der
Annahme einer theologischen Lehre, einer theologischen
Glaubensmeinung, wie der theologische Liberalismus
statuiert, sondern in einer Glaubensthat, in der Nachfolge
Jesu auf seinem Leidenswege. In dieser Kreuzesgeschichte der
Christen unter Trajan findet dann auch der vielbesprochene
Judas seine historische Deutung. Er war eben die
Personifikation der Zunft der Delatoren, die ihre Vertreter
bis in die Reihen der Christen hinein entsandte, und deren
sauberes Handwerk, Unschuldige um Geld anzugeben, sich unter
Domitian so furchtbar entwickelt hatte, daß Trajan den
ärgsten Auswüchsen dieses professionierten Verrats
entgegenzutreten sich gezwungen sah, ohne doch das Übel an
der Wurzel fassen zu können. Wie das an Plinius gerichtete
Edikt Trajans und der weitere Verlauf der Verfolgungen
gezeigt hat, sind es ja gerade die Christen gewesen, die
unter diesem bösartigen Treiben zu leiden hatten.
Bei dieser realistischen Geschichtsbetrachtung ist der
Streit über die größere oder geringere historische Dignität
und Ursprünglichkeit der einzelnen Evangelien belanglos
geworden. Die charakteristischen Merkmale in der Stellung
der Evangelien zur messianischen Bewegung sind auch in
historischer Hinsicht wichtiger als die chronologische
Reihenfolge der Schriften oder gar der Name ihrer Verfasser.
Bei Markus findet Wrede das Charakteristische darin, daß das
Evangelium den Messianismus bei seinem Träger unter den
Gesichtspunkt des kirchlichen Mysteriums stellt, Christus
selbst erscheint als Verkörperung des kirchlichen
Mysteriums. Das stimmt dazu, daß bei Markus die soziale
Seite des Messianismus hinter der rein religiösen
zurücktritt: das Evangelium von Jesu
72
Christo, dem Sohne Gottes soll dargestellt werden, die
metaphysische Seite, nach der die kirchliche Bewegung
notwendig sich hinwenden mußte, ist hier zuerst
ausschlaggebend geworden. Deshalb hat das Markusevangelium
auch keine Geburtsgeschichte. Zwischen Matthäus und Lukas
besteht der bemerkenswerte Unterschied darin, daß die Front
des messianischen Kampfes sich bei Matthäus mehr gegen die
Hierarchie, bei Lukas mehr gegen die Vertreter des
Kapitalismus wendet. Bei Matthäus erscheinen sogar die
Magier und bringen dem Christkinde ihre wertvollen Gaben
dar, während die mit dem Lukas-Evangelium zusammenhängende
Apostelgeschichte den Geld darbietenden Magier mit dem
Bannfluche belegt. Nun hat sich das
Matthäus-Evangelium in
der Erzählung von der Flucht des Jesuskindes nach Ägypten
wohl noch eine Erinnerung daran bewahrt, daß die totale
Bewegung, die ihre messianischen Fluten von Palästina aus
über die Welt ergossen, mit der einen ihrer Quellen nach
Nordafrika hinüberwies, wo alexandrinisches Judentum, durch
die religiösen und philosophischen Reformideen ergriffen,
für die revolutionär-messianische Propaganda so günstig
vorbereitet war wie nur irgendwo sonst auf der Erde. Lukas
hat die schärfsten Worte und Gleichnisse gegen die Reichen,
Matthäus gegen die Schriftgelehrten und Pharisäer. — Lukas
und Johannes haben das Gemeinsame, daß in ihnen der
kleinbürgerlich-partikularistische Standpunkt schon
überwunden ist, daß sich die neuen Ideen der Zeit schon als
eine siegreiche Macht für das öffentliche Leben erwiesen
haben. Bei Lukas hat sich das Proletariat schon durchweg
Anerkennung errungen. Er beginnt mit dem großen Magnificat
der Kirche, dem Lobgesang der Maria: „Er stößt die
Gewaltigen vom Stuhl und erbebt die Niedrigen! Die Hungrigen
füllet er mit Gütern
73
und lässet die Reichen leer!“ Die große Sünderin sitzt mit
Jesu zu Tisch, von der Straße werden die Blinden, die Lahmen
und Krüppel hereingeholt zum gastlichen Mahle, und niemand
fragt mehr, ob sie ein hochzeitliches Kleid anhaben; der
verlorene Sohn ist nicht enterbt, sondern in seine Rechte
eingesetzt im Vaterhaus. Aber nun entsteht die neue,
schwierige Frage: wenn die Armen selig gepriesen werden und
in der civitas Dei zu Tische sitzen sollen, was wird mit den
Reichen? Lukas hat auf diese Frage noch eine schroff
ablehnende Antwort: der reiche Mann gehört an den Ort der
Qual. Aber die Antwort war unhaltbar, sobald das Christentum
wirklich katholisch, allumfassend werden wollte. So
übernimmt es denn auch Rom, hier eine versöhnende,
vermittelnde Antwort zu geben. Wurde der Reichtum noch als
ein Übel betrachtet, so wurde er doch immer mehr ein
notwendiges Übel, je weiter sich die soziale Sphäre der
christlichen Gemeinde er-streckte. Deshalb sucht schon der
ganz nach Rom hinweisende
Pastor Hermae in dem Gleichnis von
der Ulme und dem Weinstock die Lehre zu verbreiten, daß der
Reiche, wenn er auch wie die Ulme von Natur unfruchtbar sei,
doch um des Armen willen notwendig sei, damit der Arme, der
fruchttragende Weinstock, an der Ulme emporranken und sich
halten könne, so daß also der Reiche seinen Wert durch den
Armen, durch die Gebete und frommen Werke, die der Arme für
ihn thue, erhalte. Jm vierten Evangelium ist die Situation
noch anders. Der proletarische Hintergrund ist verschwunden,
der Kampf gegen die Dämonischen liegt schon außerhalb des
Gesichtswinkels dieses Evangeliums. In der
Scenerie der
Hochzeit zu Cana befinden wir uns nicht mehr in der Umgebung
der enterbten, sondern im Haufe eines im Überflusse lebenden
Gastgebers. Wohl ist die alte demokratische Erinnerung
74
noch lebendig, daß niemand der Obersten an Christus glaube,
sondern nur das Volk, das bei den Obersten verflucht ist,
weil es nichts vom Gesetz versteht Aber es kommen doch auch
schon die Vertreter des Ranges und des Besitzes,
Josef von Arimathia und Nikodemus, um wenigsten den toten Christus mit
allen Ehren zu bestatten, vielleicht eine historische
Reminiscenz an den Konsul Flavius Clemens, den ersten
bekannten Patrizier, der zur Gemeinde der Christen gehalten
haben soll, oder vielleicht an den Astyrius, der als reicher
römischer Senator den christlichen Märtyrern nach Eyseb VII,
16 ein ehrenvolles Begräbnis verschafft haben soll.
Sechstes Kapitel
Das diesjährige Januar-Heft der von Hans Delbrück
herausgegebenen preußischen Jahrbücher bringt einen Aufsatz
von Dr. Ferd. Jac. Schmidt in Berlin über „Worte Christi“.
Der Verfasser vertritt gegen Chamberlain und die heutige
historische Theologie darin den Standpunkt, daß das
theologische Unternehmen, aus den vorhandenen Quellen den
historischen Jesus zu rekonstruieren, auf der ganzen Linie
gescheitert sei, und fügt gleich hinzu, daß es nicht eine
Vertiefung, sondern eine Verflachung der christlichen
Religion wäre, wenn sie vornehmlich auf die geschichtliche
Gestalt des einst auf Erden wandelnden Jesus gestellt würde.
Schmidt preist es als die Weisheit der Vorsehung, daß sie
den christlichen Geist vor der Verschränkung bewahrt, die
demselben drohte, wenn es wirklich gelänge, das Bild des
geschichtlichen Jesus festzustellen, er nennt es eine
75
irreligiöse Auffassung, wenn man glaubt, mit den in den
Evangelien enthaltenen Worten Christi die irdische,
geschichtlich Persönlichkeit erfassen zu können, und kommt
zu dem Schluß, daß alle einzelnen Stücke der synoptischen
Evangelien bis auf die schmale und erst später
hinzugekommene Rahmenerzählung nur Vorgänge und Zustände der
Urgemeinde widerspiegeln, sowie von ihr im Geiste des Herrn
durch Fragen, Zweifel, Störungen, Unglücksfälle veranlaßte
und in der Form von Sprüchen, Gleichnissen,
Wundererzählungen gegebene Entscheidungen. Diese Position
eines, wie es scheint, aus der Ritschlschen Schule
hervorgegangenen Theologen dürfte durchaus unanfechtbar und
klar sein, freilich kommt es nun auf die Konsequenzen an,
die aus dieser Position gezogen werden. Was von dem
historischen Jesus gilt, muß auch auf die historische
Gemeinde, deren religiöser Reflex in den Worten Christi
enthalten ist, seine Anwendung finden: auch die Urgemeinde
ist, weil historisch, vergänglich, beschränkt, daß auf
dieselbe das religiöse Leben nicht gegründet werden darf.
Kann der historische Jesus kein absolutes Prinzip des
religiösen Lebens darstellen, so kann es auch nicht eine
historische Gemeinde, so ist es überhaupt irreligiös, eine
Verflachung und Verschränkung des religiösen Lebens, irgend
ein absolutes Prinzip für dasselbe in der Geschichte
aufsuchen zu wollen. So stellt uns das Christusproblem zum
Schluß vor die Frage, ob und wie weit die in dem Christus
der Evangelien personifizierten sozial-religiösen
Lebensmächte noch im stande sind, eine geistige Führung im
Leben der Gegenwart zu übernehmen. Die alte, seit David
Strauß unendlich variierte frage, ob wir noch Christen
seien, wartet eben noch immer auf eine befriedigende
Antwort.
Die katholische Kirche ist nach dieser Seite bin ungleich
günstiger
76
situiert als die protestantische. Ihr macht diese Frage
keine Not, sie kann sich die christliche nennen und braucht
damit sich doch nicht zur unbedingten Sklavin der
Vergangenheit zu machen, weil sie, zur Zeit im infallibeln
Papsttum, ein lebendiges, also auch immerhin
entwicklungsfähiges Prinzip für die Auslegung der
Vergangenheit besitzt. So sehr der Katholizismus seine
historische Kontinuität mit der Vergangenheit aufrecht
erhält, so kann er doch immerhin im lebendigen Fluß der
Geschichte selber wachsen, also auch sich wandeln, er ist
accommodationsfähiger an jede Gegenwart, in gewissem Sinne
also auch freier als der dogmatische Protestantismus, der an
das unveränderliche „es stehet geschrieben“ gebunden bleiben
will. Aber dieser Katholizismus ist in seiner Wurzel
metaphysisch, deshalb geht auch keine Entwickelung nur in
derselben Richtung vor sich, in der seine
Existenzbedingungen gelegen, sie muß sich immer mehr
hierarchisch zuspitzen, den Willen der Menschheit immer mehr
sich selbst entäußern und einem transczendent gedachten
absoluten Willen unterwerfen. Deshalb hat der
Protestantismus darin sein höheres geschichtliches Recht daß
er als religiöse Renaissance mitgeholfen hat, der
kirchlichen Transcendenz den Weg zu den Wirklichkeiten des
Lebens zurückzubahnen. Hier sind auch die Verdienste der
liberalen protestantischen Theologie zu werten, die in
mühseliger Arbeit seit den Tagen Lessings zu den wirklichen
Quellen der Religion vorzudringen versucht hat. Aber die
individualistische Geschichtsauffassung, von der diese
Theologie beherrscht wurde, läßt sie die Religion nur als
eine psychologische Erscheinung des einzelnen Menschen
betrachten, sie kommt auch in ihren fortgeschrittensten
Vertretern nur zu einer Erklärung der religiösen Phänomen
aus der Einwirkung, die die Einzelnen kraft ihrer
natürlichen Einrichtung, ihrer seelischen Veranlagungen
77
und Bedürfnisse aufeinander ausüben, aber sie hat kein
Verständnis für die sozialen Faktoren, die die religiöse
Entwickelung bestimmen, und ebensowenig für die Rückwirkung,
die die religiösen Faktoren auf das soziale Leben ausüben.
Erst einige Neukantianer, so Natorp in seiner Schrift:
Religion innerhalb der Grenzen der Humanität, haben es
unternommen, die religiöse Frage von dieser sozialen Seite
aus energisch in Angriff zu nehmen, wie von sozialistischer
Seite aus Lütgenau's „natürliche und soziale Religion“ eine
Verwertung soziologischer Forschung für das religiöse
Phänomen unternommen hat. Die Überlegenheit, welche sich die
Ritschlsche Schule in der historischen Theologie über die
liberale errungen, ist ohne Zweifel darauf zurückzuführen,
daß dieselbe den atomistischen Standpunkt in der Theologie
verlassen und sich einer gesellschaftlichen, die großen
Zusammenhänge der Geschichte überschauenden Betrachtung des
religiösen Lebens zugewandt hat. Aber noch haftet der
Ritschlschen Schule ein alter metaphysischer Rest an, der
erst durch eine wahrhaft soziale Theologie überwunden werden
kann, und dieser Rest zeigt sich nirgends deutlicher als in
der theologischen Behandlung, die das Christusproblem in der
Ritschlschen Schule gefunden: der historische Christus, das
menschliche Einzelwesen soll hier ersetzt werden durch ein
religiöses Gattungswesen, das mindestens ebenso kompliziert
ist wie der Jesus der historischen Theologie, und für
welches in dem Anschauungsmaterial der Wirklichkeit jede
Anknüpfung fehlt. Entscheidet aber für die Geschichte des
Christentums nicht das irgendwie vorhanden gewesene
unbekannte X, welches etwa als historisches Individuum
Modell gesessen zu den Christusdarstellungen der Evangelien,
sondern das Gemeinschaftsbewußtsein, welches sich in diesen
Darstellungen objektiviert, personifiziert hat, dann muß
dieses Gemeinschafts-
79
bewußtsein auch durchaus soziologisch verstanden und
gewertet werden, mit anderen Worten: wenn nach Kant der
Antagonismus in der Gesellschaft, den Marx als Klassenkampf
bezeichnet, jede historische Entwickelung hervorgerufen hat,
dann muß auch in der Entstehung der christlichen
Gesellschaft dasselbe historische Lebensgesetz gegolten
haben, und die religiöse Moral, welche das Urchristentum in
der Gestalt seines Christus veranschaulicht hat, bezeichnet
die Klasse, mit der die werdende christliche Gesellschaft
sich selbst behauptet, ihren Sieg über die feindlichen
Mächte der alten Gesellschaft errungen hat. Die soziale
Theologie aber wurzelt, wie die ganze Kantsche
Geschichtsbetrachtung, in der Entwickelungsidee. Nur die
Idee, das Endziel, hat für sie eine absolute, d. h.
regulative, normgebende Bedeutung, jede empirische
Erscheinung, jede noch so bedeutungsvolle Geschichtsepoche
ist nur etwas Relatives, ein Entwickelungsfaktor für die
Verwirklichung der Idee. Deshalb kann nicht die Materie, der
historische Inhalt des Christusbildes, sondern nur seine
ideale Form, eben die Personifikation zu einem Christus,
eine sozialtheologische Bedeutung beanspruchen, nicht das
„Was“ der christlichen Kampfes- und Gemeindemoral, sondern
das „Wie“ derselben enthüllt ein Gesetz der Geschichte, aus
dem eine ideale Norm des Lebens gewonnen werden kann. Die
Kräfte, die den Klassenkampf zum Beginn der christlichen Ära
ethisiert und humanisiert, die aus einer
partikular-nationalen eine universelle menschheitliche
Bewegung geschaffen haben und in dem Christus der Evangelien
personifiziert sind, haben auch diesem Kampfe den Sieg
beschieden, sie haben ihm den Sieg so beschieden, wie er
historisch notwendig, aber auch allein möglich war. Deshalb
sind diese Kräfte nun integrierende Bestandteile der
menschlichen Kultur und Geistesentwickelung geworden,
dieselben müssen und werden
79
in jeder neuen großen Entwickelungsphase des Lebens der
Menschheit wieder erscheinen, es wird keine ökonomische und
soziale Entwickelung großen Stiles geben, ohne daß die
treibenden sozialen Kräfte des Klassenkampfes ethisiert und
humanisiert, d. h. religiös gebildet werden. Jede
wirtschaftliche Gestaltung wird durch das
Entwickelungsgesetz des Lebens bestimmt. Die eruptiven
Kräfte, welche bei einer sozialen Neugestaltung den ersten
Anstoß gegeben, treffen auf die ihnen entgegenwirkenden
Kräfte, sie werden dadurch in ihrer Richtung geändert, in
ihren Maßverhältnissen beeinflußt. Dieselben können zuletzt
nur dadurch ihre Tendenz auf das große Ganze verwirklichen,
daß sie ihre ursprünglich verdichteten Ziele entfalten,
erweitern, die partikularen loyalen Forderungen zu
allgemeingiltigen ethischen Normen umbilden, die zwar eine
höhere Stufe menschheitlichen Lebens darstellen, in ihrem
Schoße aber doch wieder das Prinzip zu neuen
Differenzierungen tragen. Zugleich verlangt der
Einheitstrieb der menschlichen Vernunft, daß diese ethischen
Normen in Zusammenhang gebracht werden mit ihrem kosmischen
Grunde. Das Gute muß als ein Bestandteil des gesamten
Weltlebens in seiner inneren Notwendigkeit begriffen werden,
wenn es den Menschen begeistern, zu thätiger Hingabe und
Opfern entflammen soll. Das Gute schafft somit einen
religiösen Glauben, der dasselbe im Zusammenhange der
sittlichen Weltordnung erfaßt und daraus die Gewähr seiner
Verwirklichung ableitet. Das Gute aber ist, unbeschadet
seines kosmischen Ursprungs, immer das menschliche Gute, es
wird sowohl in seinen Zielen wie in den Mitteln seiner
Verwirklichung immer angeschaut in einem Menschenbilde,
einem idealen Menschensohne: das ethische Ideal wird ein
religiöses, ein Christus.
Vom sozialtheologischen Standpunkte aus ist deshalb das
80
Christusbild der sublimierteste religiöse Ausdruck alles
dessen, was in einem Zeitalter an sozialen und ethischen
Kräften wirksam gewesen ist, und in den Wandelungen, die
dieses Christusbild beständig erfahren, in seinen
Erweiterungen und Verschränkungen, in dem Verblassen seiner
alten Züge und dem Aufleuchten in neuen Farben, haben wir
den feinsten Gradmesser für die Wandelungen, welche das
zeitgenössische Leben von den Höhen seiner geistigsten
Ideale bis zu den Tiefen seiner materiellsten Lebensvorgänge
durchmacht. Dieses Christusbild trägt bald die Züge des
griechischen Denkers, bald die des römischen Cäsaren, dann
wieder die des feudalen Grundherrn, des Zunftmeisters, des
gequälten fronpflichtigen Bauern und des freien Bürgers, und
diese Züge sind alle echt alle lebendig, solange nicht die
Theologen der Schule auf den Einfall kommen, die einzelnen
Züge gerade ihrer Zeit als die ursprünglichen und
historischen an dem Christus der Evangelien aufweisen zu
wollen. Höchstens entsteht ein Schein der Geschichtlichkeit
dieser Züge daraus, daß in den Entwickelungs-und
Bildungsseiten der christlichen Gesellschaft die
verschiedenartigsten, ja entgegengesetztesten Kräfte
zusammengewirkt haben, von denen eine jede einzelne eine
gewisse Ähnlichkeit mit den heute wirksamen Kräften verrät.
Das Christusbild der Gegenwart sieht nun auf den ersten
Blick sehr widerspruchsvoll aus. Es trägt zum Teil noch die
Züge des alten Heiligen oder des himmlischen Monarchen,
daneben aber auch die ganz modernen Züge des
Proletarierfreundes, ja des Arbeiterführers. Damit aber
verrät es nur die innersten Widersprüche, die durch unsre
Gegenwart hindurchgeben. Und es sind doch alles
Menschentypen, die in diesen Christusbildern sich
darstellen, die Dolmetscher einer Zeit, die auf der Suche
nach einer neuen Einheit alles dessen, was Menschenantlitz
trägt, begriffen
81
ist. Liegt die Wurzel dieses Christusglaubens in den
Einheitstrieben der menschlichen Vernunft, die die Fülle
ihres eigenen Suchens aus den entlegensten Weiten
zusammenholt für das fromme Bild eines Menschensohnes, dann
sind die schaffenden Kräfte dieses Glaubens heute noch so
gut thätig wie in den ältesten Zeiten menschlichen
Geisteslebens, wo der Mensch zuerst über sich selbst hinaus
wuchs, indem er sich anschaute im Lichte göttlicher
Verklärung. Aber mit dem gewachsenen Menschen sind auch
diese Kräfte gewachsen, wird deshalb auch das Christusbild
wachsen, in dem die heutige, mehr noch die kommende
Menschheit alle ihre kosmischen, totalen und ethischen
Lebenskräfte zusammenschließt zu einem religiösen
Menschenbilde, zu ihrem Christus. Was wußte die Zeit, die
zuerst den Menschen von den Schranken der Nationalität
befreite, in der der Sklave zuerst erwachte zum Bewußtsein
seiner Menschenwürde, vom Kosmos, der unendlichen Welt!
Kannte sie doch nicht einmal die Erde, die für sie die Welt,
wenigstens den Mittelpunkt der Welt bedeutete, daß sie ihr
eigenes Lebensideal nur schaffen konnte in den Farben der
Jenseitigkeit, der kirchlichen Überweltlichkeit, und der
Mensch seinen Christus nur erkaufen konnte um den Preis, der
Welt, soweit er dieselbe kannte, absterben! Nun steht der
Mensch in seiner unendlichen Weit! Ihre unermeßlichen Kräfte
vermählt er seinem Willen, aus ihren entlegensten Weiten
holt er seine Wahrheit, an dem ewigen Geheimnis ihrer
Unfaßbarkeit und Unergründlichkeit entzündet er sein frommes
Sehnen und Empfinden. Und diese Welt, die der frühere Mensch
eine tote nannte, wird jetzt lebendig in allen ihren Teilen.
Da liegt kein Stäubchen zu unseren Füßen, in dem nicht eine
Seele schlummerte, das nicht eine ewige Geschichte in sich
schlösse; kein Größtes und kein Kleinstes vermag unter Auge
wahr-
82
zunehmen, in dem nicht das ganze Wunder des Lebens sich uns
offenbarte und Kunde gäbe von einer eigenen Liebe, an der es
Teil hätte mit seinem Leben. Was wir erforschen in dieser
Welt, das ist nur ein Sammeln von Antworten, die dieses
unendliche Leben aus seiner Fülle dem fragenden
Menschengeiste erschließt; was wir in eigener Seele
empfinden von ihrer Schönheit und Erhabenheit, was wir aus
ihr gestalten mit freier, schöpferischer Kraft, das ist nur
eine Wiedergabe des Lebens, das wir von ihr empfangen. Und
was wußte der kirchliche Mensch vom Menschen, den er wohl
vor sich sah in seiner äußeren Gestalt, dessen inneres Leben
und Wesen ihm aber ein Buch mit sieben Siegeln geblieben
war. Jetzt sind die Siegel soweit gelöst, daß der Mensch
seine eigene Werdegeschichte verfolgen kann durch die Äonen,
die an ihm gearbeitet, um ihn zu dem zu machen, was er ist.
Jetzt weiß er, daß er das Leben von Ewigkeiten in sich
trägt, und daß diese Ewigkeiten in ihm erwachen aus ihrem
Schlummer, wenn ein übermächtiges Liebesleben über ihn
kommt, das ihn aus der Einsamkeit und Enge seines Ichlebens
hinführt in das Herz der ewigen Welt, der ewigen Menschheit,
in das Herz des lebendigen Gottes. — Was wird das für ein
Christusbild werden, wenn erst dieser neue Mensch in dieser
neuen Welt sich zurechtgefunden und dann seine
Vergangenheits-, Gegenwarts- und Zukunftskräfte gesammelt
haben wird, um in neuen unerhörten Menschengestalten sein
reinstes Wollen, sein höchstes Können und innerstes Lieben
zu offenbaren! Solche Weihnachtslieder sind ja noch nicht
gehört worden, wie sie gesungen werden, wenn diese neue Welt
dem Herzen dieses neuen Menschen die Töne entlockt von
tiefstem Weh und überquellender Seligkeit! Die heutige Welt,
das heißt nicht mehr nur leuchtende Sonnen und unzählbare
83
Sternenheere, nicht mehr nur stolze Firnen alles
überragender Gipfel. Welt, das heißt jetzt auch das
winzigste Moos, das Lebewesen, für dessen Kleinheit dem
Menschengeiste jeder Maßstab fehlt. Der heutige Mensch, das
ist nicht mehr nur Fürst oder Priester, Gelehrter oder
Künstler, das ist eben: der Mensch, der schaffende, der in
seinem Denken, Fühlen und Wollen ein Unfaßbares,
Unersättliches in sich birgt auch wenn er im Rinnstein lebte
und von den Trebern, die die Säure fressen, sich nährte.
Diesem Menschen stellt das Entwickelungsgesetz des Lebens
das Ziel, über sich selbst hinauszuwachsen, mehr noch, um in
der Gedankenreihe Nietzsche's zu sprechen, etwas zu
schaffen, das über ihn selbst hinausreicht. Sein Vaterland
läßt er hinter sich, um seiner Kinder Land zu suchen. Die
Liebe zum Nächsten ist ihm zu eng und klein für sein
reiches, überströmendes Menschenherz, er fordert vom
Menschen die Liebe zum Fernsten, zum Sternenhöchsten. Und
unter unsren Augen hat sich eine Entwickelung vorbereitet,
die derjenigen nahe verwandt ist, die einst den Christus aus
sich geboren. In den Bauernaufständen des 16. Jahrhunderts
machte sich der Antagonismus der Gesellschaft zuerst
fühlbar, der zu neuen Gestaltungsformen des sozialen Lebens
hindrängte. Im städtischen Proletariat glommen die auf den
Fronhöfen entzündeten Flammen langsam weiter, sie schufen
einen utopischen Kommunismus, der in anabaptistischer
Ekstase zuerst die Geister ergriff, bis derselbe in der
französischen Revolution die Zeit für die Gründung seiner
Hoffnungen gekommen glaubte. Schon trat der Prophet eines
„neuen Christentums“, St. Simon, gemeindebildend und
gemeindesammelnd hervor, der Heilige des Kommunismus; aber
während seine Jünger und Zeitgenossen schon meinten, er sei
der, der da kommen solle, erwies er sich in Wirklichkeit
doch nur als der Vorläufer. Auch
84
dieser Kommunismus mußte erst seine Utopien überwinden, er
mußte realistisch, ökonomisch denken lernen, aber er ist
doch ein soziales Ferment geworden, das den großen Teig der
modernen Gesellschaft durchsäuert, im Gärungsprozeß, den es
erregt, freilich auch sich selbst läuternd, mit den
Elementen, die ihm zuerst fremdartig gegenübertraten, sich
amalgamierend. Der radikale Sozialismus des kommunistischen
Manifestes wird eine ökonomische Theorie, deren Endziele
immer mehr den Charakter eines Wirklichkeitsideals annehmen,
das nur eine regulative, nicht eine konstitutive Bedeutung
beansprucht, und deren praktische Tendenzen immer mehr in
die Breite geben, den weiten Umfang des Wirklichkeitslebens
zu umfassen suchen, dabei aber selber mit den Faktoren der
Wirklichkeit zu rechnen, sich denselben anzupassen gezwungen
ist. Dieser Sozialisierungsprozeß zwischen den sozialen
Gärungserregern und dem historisch Gewordenen ist nach den
Gesetzen der Geschichte unaufhaltsam. Er ist ein
doppelseitiger und erscheint von der einen Seite als eine
Verflachung, Verbreiterung der ursprünglich in engem Bette
überschäumenden kommunistischen Bewegung zu dem weiten
Strome sozialistischer Lebensauffassung, von der anderen
dagegen als ein immer weiteres Umsichgreifen der
sozialistischen Propaganda, als ein Durchtränktwerden aller
bürgerlich-politischen Anschauungen, auch der
widerstrebendsten, mit den Ideen des Sozialismus. Dieser
Sozialisierungsprozeß der bürgerlichen Lebensanschauungen
ist zugleich der Prozeß der Ethisierung und Humanisierung
des älteren utopischen Kommunismus durch die geistigen
Mächte des gegenwärtigen Lebens, und je mehr das
Entwickelungsgesetz des Lebens verbindet, was in den Köpfen
der Menschen und den Programmen der Parteien getrennt
dasteht, desto unvermeidlicher wird sich auch in der
sozialen Bewegung der religiöse Faktor bemerkbar
85
machen und sein Recht fordern, so sicher das religiöse Leben
sich seiner geistigen Verbindung mit dem sozialen Leben
bewußt werden wird. Dann aber wird das Christusproblem der
Menschheit von neuem gestellt werden, es wird auch von neuem
seine Lösung finden. Zu einem neuen Christusbilde mischen ja
heute schon die Künstler ihre Farben, zu neuen
Christusliedern stimmen die Sänger ihre Harfen. Es giebt
keinen modernen Dichter von tieferem Ernste, der von den
Bewegungen des sozialen Lebens unberührt bliebe, es giebt
aber auch keinen, der nicht irgendwie von dem alle
religiös-sozialen Probleme in sich schließenden
Christusproblem ergriffen wäre. Die Kräfte, die einst im
römischen Kaiserreiche den Klassenkampf ethisiert und
humanisiert, aus einer partikular-nationalen eine
universell-menschheitliche Bewegung geschaffen, sind durch
den Christus der Evangelien Bestandteile der menschlichen
Kultur und Geistesentwickelung geworden, daß keine neue
Phase im großen Entwickelungsgange der Menschheit mehr
denkbar ist, die diesen religiösen Universalismus nicht in
sich aufgenommen hätte. Deshalb aber wird auch in dem neuen
Christus, der von den besten Kräften des ewig Menschlichen
im Mutterschoße der heutigen Gesellschaft gebildet wird, bis
sein Tag einer neuen Weihnacht gekommen ist, der alte
Christus wiedererscheinen, daß nichts von ihm verloren ist,
was wirklich einmal der Menschheit Leben und Kraft gegeben.
So gut wie die Natur, kennt auch die Geschichte ein Gesetz
von der Erhaltung der Kraft, sie läßt nichts umkommen, was
je und je in ihr lebendig gewesen, und läßt in ihren
kühnsten Neubildungen doch immer die Umbildungen des
früheren erkennen. Wie der Christus der Evangelien über die
Schriftgelehrsamkeit von Jahrhunderten hinweg dem Genius der
Propheten eine Auferstehung bereitete, so wird auch der
86
Christus der werdenden Gesellschaft den Christus der
Vergangenheit aus dem Grabe erlösen, in dem die Meister der
theologischen Schule ihn gehalten. Wir Übergangsmenschen
können nichts thun als daran mitarbeiten, daß nichts von
dem, was einst ein wirkliches Lebenselement der Menschheit
gewesen, dem gegenwärtigen Geschlechte verloren gebe.
Sachlich ist der kirchlichen, also der katholischen
Tradition über den Ursprung des Christentums das höhere
historische Recht gegenüber der kritischen Theologie
zuzuerkennen, nur daß die kirchliche Tradition die Vorgänge,
die sich auf der Erde abgespielt, transcendent darstellt,
daß sie aus der Ökonomie eine Metaphysik, aus der Realität,
der geschichtlichen Entwickelung eine alleinseligmachende,
gottmenschliche, Zwei-Naturen–Kirche gemacht hat. Insofern
die kritische Theologie an Stelle dieses transcendenten
Ursprungs nach einer historischen Begründung des
Christentums sucht, ist dieselbe deshalb formell im Recht
gegen die kirchliche Tradition. Nur verbaut sich diese
Theologie dadurch den Weg zu ihrem Ziele, daß sie die
christliche Entwickelung aus einem Individuum erklären will,
statt daß sie dieses so oder anders geartete Individuum,
oder auch die Reihe der Individuen, die für die werdende
christliche Gesellschaft in Betracht kommen, aus den
sozialen Faktoren zu begreifen sucht, die den individuellen
Kräften die für ihre Wirkung ausschlaggebende Richtung
angewiesen. Indem die kritische Theologie der traditionellen
Auffassung vom Christentum den absoluten Charakter
abspricht, nimmt sie denselben gerade in ihren
epigonenhaftesten Erscheinungen für sich selber in Anspruch,
sie datiert ihre Auffassung vom Christentum zurück in das
vermeintliche urchristliche Individuum und legt sich dadurch
selber die behauptete Ursprünglichkeit desselben bei.
87
Da aber Religion nicht eine Kraft des Gedächtnisses oder der
Nachahmung, sondern ein eigenes geistiges Leben bedeutet, so
kann jede Erforschung der Religionsgeschichte immer nur
einen wissenschaftlichen Wert haben, der erst durch ein
eigenes
religiöses Leben zu einem religiösen Wert umgeprägt werden
kann. So können wir an dem Christus der Vergangenheit die
Gesetze der Geschichte studieren, aber die Anwendung dieser
Gesetze auf das Leben der Gegenwart können wir nicht von ihm
lernen. Der Christus, der uns Heutigen das bedeutet,
was der Christus der Evangelien für seine Zeit gewesen ist,
kann nie ein historischer, ein vergangener Christus sein, er
muß aus dem gesamten Inhalt des modernen Lebens, aus
den treibenden Kräften unsrer gesellschaftlichen Kultur
geboren werden, er kann nur ein Menschenbild sein, in dem
alle gärenden, alle aufwärts und vorwärts strebenden
Tendenzen der heutigen Menschheit ihren verklärten,
vergeistigten und vermenschlichten Ausdruck finden.
88
|
Zur besseren Übersicht
wurden einzelne Abschnitte von mir am Rand mit kurzen
Titelüberschriften versehen (jeweils
grau).
Kalthoff geht es in seinem
Buch um "Grundlinien" - das einzelne exegetische Detail
bliebt dabei leider oft auf der Strecke. Bibelstellen und
Vätertexte werden wohl erwähnt, aber nicht immer zitiert.
Die am Rand zitierten Stellen sollen das Verständnis des Buches
erleichtern. Manchmal können sie allerdings auch belegen, daß
Kalthoff bei seiner Text-Auslegung recht großzügig verfuhr
HD
Materialistische, ökonomische und monistische
Geschichtsauffassung
Wurzeln
einer materialistischen Geschichtsbetrachtung bereits bei
Kant
Aug. Comte
und Spencer, als Vertreter des französischen und englischen
Positivismus
Die
Entwicklung in Deutschland: Stammler, Lamprecht, Morgan,
Bachofen, Schurz
Carlyle' s
Heldengeschichte überholt
Die
Entwicklung in der Theologie; Fortschritt nur bei den
Alttestamtentlern: Wellhausen, Stade
Moderne
(soziologische) Betrachtung auch für die Geschichte des
frühen Christentums gefordert
Soziale
statt liberale Theologie
Die
Situation nach
dem Fortfall der protestantischen Inspirationslehre
Harmonistik
Erfolglose
"Jagd" nach dem Ur-Evangelium
Leben-Jesu-Theologie
wird Widersprüchen der Synoptiker nicht gerecht
Kritik an
F.C. Baur und Tübinger Schule
Urmarkus-Hypothese (Holtzmann) durch Wrede überholt
(Messiasgeheimnis)
Theologisches Interesse der (protestantischen) kritischen
Forschung, Gegensatz zum Katholizismus, Suche nach
Autorität
Der
historische Jesus als Strohhalm, an den sich
Autoritätsbedürfnis klammert
Ein
"historische Jesus" war dem Mittelalter und der frühen
Kirche unbekannt
Keine
Unterschiede zwischen synoptischem und johanneischem Jesus
Die
"Abziehmethode" der Liberalen - aber der
übrigbleibende dünne "Kern" kann
Entstehung des Christentums zur Weltreligion nicht erklären
Mat
5:3 Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer
ist das Himmelreich.
Luk 6:20 Und er hob seine Augen auf
über seine Jünger und sprach: Selig seid ihr Armen; denn das
Reich Gottes ist euer.
Mat 6:24
Niemand kann zwei Herren dienen: entweder er wird den
einen hassen und den andern lieben, oder er wird an dem
einen hängen und den andern verachten. Ihr könnt nicht Gott
dienen und dem Mammon
Luk
16:9 Und ich sage euch: Macht euch Freunde mit dem
ungerechten Mammon, damit, wenn er zu Ende geht, sie euch
aufnehmen in die ewigen Hütten.
Mark
15:39 Der Hauptmann aber, der dabeistand, ihm gegenüber,
und sah, daß er so verschied, sprach: Wahrlich, dieser
Mensch ist Gottes Sohn gewesen!
Der
historische Jesus als "leeres Gefäß", das jeder Theologe
nach Gutdünken mit seinen Inhalten füllt
Der
Alexandrinismus der modernen Theologen
Harnacks
unpolitischer Jesus - und sein politischer Sinn: Harnack
huldigt dem absoluten Staat
Mat 10:9
Ihr sollt weder Gold noch Silber noch Kupfer in euren
Gürteln haben, 10 auch keine Reisetasche, auch nicht zwei
Hemden, keine Schuhe, auch keinen Stecken. Denn ein Arbeiter
ist seiner Speise wert.
Die
Unwissenschaftlichkeit der liberalen Theologie
Der
historische Jesus auf dem Thron des früheren Gottmenschen
Vgl.
Arthur Drews,
Die Christusmythe 1910, 225:
Das religiöse Problem der Gegenwart
[225] Nach Ansicht der
liberalen Theologie bildet nicht der Gott, sondern vielmehr
gerade der Mensch Jesus den wertvollen religiösen Kern des
Christentums. Sie behauptet damit nichts weniger, als daß
das gesamte Christentum bis auf den heutigen Tag, d. h. bis
zum Auftreten eines Harnack, Bousset, Wernle und ihrer
Gesinnungsgenossen, sich über sich selbst im Irrtum befunden
und sein wahres Wesen nicht erkannt habe.
Auferstehungsglaube macht Dilemma der liberalen Theologie
deutlich
Visionshypothese behauptet Unmögliches: Illusion des
Messianismus führte zur Vision und Vision zur Weltkirche
Das sog.
Formalprinzip des Protestantismus ist (historisch) falsch
und aus der konfessionellen Auseinandersetzung mit dem
Katholizismus erwachsen; der Katholizismus hat Recht: die
Kirche ist ursprünglich, nicht die Schrift
Euseb KG II 25 Es dürfte am Platze sein, hier die
erwähnten Schriften des Neuen Testamentes zusammenzufassen.
An die erste Stelle ist die heilige Vierzahl der Evangelien
zu setzen, an welche sich die Apostelgeschichte anschliesst.
Nach dieser sind die Briefe des Paulus einzureihen. Sodann
ist der sogenannte erste Brief des Johannes und in gleicher
Weise der des Petrus für echt zu erklären. Zu diesen
Schriften kann noch, wenn man es für gut hält, die
Offenbarung des Johannes gezählt werden, über welche
verschiedene Meinungen bestehen, die wir bei Gelegenheit
angeben werden. Die erwähnten Schriften gehören zu den
anerkannten. Zu den bestrittenen aber, welche indes
gleichwohl bei den meisten in Ansehen stehen, werden
gerechnet der sogenannte Jakobusbrief, der Brief des Judas,
der zweite Brief des Petrus und der sogenannte zweite und
dritte Johannesbrief, welche entweder dem Evangelisten oder
einem anderen Johannes zuzuschreiben sind. Zu den unechten
Schriften sind zu zählen die Paulusakten, der sogenannte
Hirt, die Offenbarung des Petrus, ferner der sogenannte
Barnabasbrief, die sogenannte Apostellehre und, wie ich
schon sagte, auch noch, wenn man will, die Offenbarung des
Johannes, welche, wie erwähnt, von den einen verworfen, von
anderen aber zu den echten Schriften gerechnet wird. Zu den
unechten zählten nun manche auch das Hebräerevangelium, das
vor allem bei den Hebräern, welche sich zum Christentum
bekehrt haben, Ansehen geniesst. Mögen auch alle diese
Schriften zu den bestrittenen gehören, so hielten wir es
doch für notwendig, auch sie aufzuzählen, zum Unterschied
von den nach der kirchlichen Überlieferung wahren, echten
und allgemein anerkannten Schriften und denen, welche
daneben, wenn auch nicht zum Kanon gehörig und sogar
bestritten, gleichwohl bei sehr vielen Kirchenmännern
Beachtung finden. Wir zählten sie auf, damit wir in der Lage
sind, eben diese und die Schriften zu kennen, die von den
Häretikern unter dem Namen von Aposteln z. B. eines Petrus,
eines Thomas, eines Matthias in Umlauf gesetzt worden sind
oder Evangelien von noch anderen Männern oder die Akten
eines Andreas, Johannes oder weiterer Apostel enthalten.
Kein in der Überlieferung anerkannter kirchlicher
Schriftsteller hat diese letzteren Schriften irgendwo der
Erwähnung gewürdigt. Überdies weicht auch die Art ihrer
Darstellung von der der Apostel ab. Auch ihre Gedanken und
das in ihnen zum Ausdruck kommende Streben stehen im
stärksten Gegensatz zu der wahren, echten Lehre und geben
dadurch deutlich zu erkennen, dass sie Fiktionen von
Häretikern sind. Man darf sie daher nicht einmal zu den
unechten Schriften zählen, sondern muss sie als völlig fehl
und als religionswidrig verwerfen.
Der "Herr"
ist kein historisches Individuum - er ist (bei den
Apostolischen Vätern und bei Paulus) der in der Gemeinde
wirkende Geist
Hier scheint der Brief an
die Philadelphier, nicht Philipper (nur in der
Langen Rezension)gemeint zu sein:
Ignatius an
die Philadelphier 8:2 Ich ermahne euch, nichts aus
Streitsucht zu tun, sondern gemäss der Lehre Christi. Da ich
einige sagen hörte: wenn ich etwas nicht in den Urkunden, in
dem Evangelium finde, glaube ich nicht; und als ich ihnen
erwiderte, dass es geschrieben steht, gaben sie mir zur
Antwort: dies steht ja in Frage. Mir aber ist Urkunde Jesus
Christus; mir sind die unversehrten Urkunden sein Kreuz,
sein Tod, seine Auferstehung und der durch ihn begründete
Glaube; in diesen will ich durch euer Gebet gerechtfertigt
werden.
Johannes 1:1-3 Im Anfang war das Wort, und das Wort war
bei Gott, und Gott war das Wort. 2 Dasselbe war im Anfang
bei Gott. 3 Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne
dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist.
Pastor Hermae Vis II 4:1
..."Wer ist es denn?" fuhr ich fort. "Die Kirche", war seine
Antwort; Ich sagte ihm: "Warum ist sie alt?" "Weil sie",
antwortete er, "von allem zuerst gegründet wurde; deswegen
ist sie alt, und ihretwegen wurde die Welt geschaffen."
Der historische Sinn der
2-Naturenlehre
Pastor Hermae Sim IX
12:2 Der Sohn Gottes ist älter als seine ganze
Schöpfung, so daß er auch der Ratgeber seines Vaters bei
seiner Schöpfung sein konnte ..."
Ignatius Smyrn 3:1 Ich nämlich weiss und vertraue
darauf, dass er auch nach der Auferstehung derselbe war im
Fleische.
1
Johannes 2:27 Und die Salbung, die ihr von ihm empfangen
habt, bleibt in euch, und, ihr habt nicht nötig, daß euch
jemand lehrt; sondern, wie euch seine Salbung alles lehrt,
so ist's wahr und ist keine Lüge, und wie sie euch gelehrt
hat, so bleibt in ihm.
Auch der
Christus der Evangelien muß vor diesem Hintergrund
verstanden werden.
Evangelien
als Zeugnisse apokalyptischer Literatur:
Gegenwartsereignisse werden in ein historisches Gewand
gekleidet und in die Vergangenheit projiziert
Der
christliche Messianismus der Apokalyptik wird zur Civitas
Dei im katholischen Sinn
In der
jüdischen Synagoge wird Stammesgeschichte in
Einzelgeschichte verwandelt
Apokalyptische Form und Tendenz der Evangelien
Der
apokalyptische Charakter der Evangelienliteratur
Ursache für falsche chronologische Angaben
Geschichtliche Fakten brauchen nicht geglaubt zu werden -
vorausgesetzt sie stimmen!
Martyrium des
Ignatius, Kap. 2,4: Ignatius antwortete (Trajan): “Du
bist im Irrtum, wenn du die Dämonen der Nationen Götter
nennst. Denn es gibt nur einen Gott, der Himmel und Erde
gemacht hat und das Meer und alles was darinnen ist;
und ein Jesus Christus, der eingeborene Sohn, dessen
Königreich ich mich erfreuen möchte” Trajan sagte: “Meinst
du den, der unter Pontius Pilatus gekreuzigt wurde?”
Ignatius antwortete: “Ich meine den, der meine Sünden
gekreuzigt hat ...”
Plinius Sec. als Pontius
Pilatus
Plinius Sec.
Epistula 10.96.8: Nihil aliud inueni quam superstitionem
prauam et immodicam.
Tacitus Annales 15.44
Euseb KG 2.2 Nachdem die wunderbare Auferstehung und
Himmelfahrt unseres Erlösers den meisten bereits bekannt
geworden war, erstattete Pilatus gemäss der alten Gewohnheit
der Provinzbeamten, über die neuen Vorfälle den Inhaber der
kaiserlichen Gewalt zu unterrichten, auf dass dieser über
kein Ereignis in Unkenntnis bleibe, dem Kaiser Tiberius
Bericht über die allen Bewohnern von ganz Palästina bereits
bekannten Vorgänge bei der Auferstehung unseres Heilandes
Jesus sowie über seine anderen ihm zur Kenntnis gekommenen
Wunder und über den Glauben der Menge, welche ihn bereits
seit seiner Auferstehung von den Toten für einen Gott hielt.
Tiberius soll nun die Angelegenheit an den Senat gebracht,
dieser aber die Sache abgewiesen haben.
Josephus
Antiquitates 18:63; 20:200
Evangelienliteratur ein Spätprodukt des christlichen
Messianismus
Bild
Christi in der Katakombenmalerei als Instanz gegen die
(liberale) historische Theologie
Joh 21:12-14 12 Spricht Jesus zu ihnen: Kommt und haltet
das Mahl! Niemand aber unter den Jüngern wagte, ihn zu
fragen: Wer bist du? Denn sie wußten, daß es der Herr war.
13 Da kommt Jesus und nimmt das Brot und gibt's ihnen,
desgleichen auch die Fische. 14 Das ist nun das dritte Mal,
daß Jesus den Jüngern offenbart wurde, nachdem er von den
Toten auferstanden war.
Kirchliche
Eucharistie älter als die Erzählung der synoptischen
Passahfeier. Apologeten berufen sich nicht auf Einsetzung
des Abendmahls durch Christus
Historische
Unmöglichkeit der synoptischen Chronologie, besonders der
Angaben über den Termin der Kreuzigung Christi
Der
leidende Christus ist in Wahrheit die (in apokalyptischer
Manier dargestellte) von Trajan verfolgte christliche
Gemeinde
Unmöglichkeit der synoptischen Geographie
Evangelien
in Rom entstanden
Petrus
symbolisiert in den Evangelien die römische Gemeinde
Mit dem
Petrusbekenntnis bekennt sich das partikularistische
Judenchristentum in Rom zum kirchlichen Universalismus
Euseb KG 7.18 Da ich diese Stadt (Caesarea
Philippi) erwähnt habe, halte ich es nicht für gut, eine
Erzählung zu übergehen, welche auch für die Nachwelt
wissenswert ist. Das blutflüssige Weib nämlich, von dem wir
aus den heiligen Evangelien wissen, dass es durch unseren
Heiland von seiner Krankheit befreit wurde, soll aus Cäsarea
Philippi gekommen sein. Auch zeige man daselbst sein Haus
und seien noch kostbare Denkzeichen an das Wunder vorhanden,
das der Heiland an ihm gewirkt hatte. Auf hohem Steine vor
dem Tore des Hauses, in dem das Weib gewohnt, stehe die
eherne Statue einer Frau, die, auf ein Knie gebeugt, gleich
einer Betenden die Hände nach vorne ausstrecke. Ihr
gegenüber befinde sich aus demselben Metalle die stehende
Figur eines Mannes, der, hübsch mit einem doppelten
Obergewand umkleidet, die Hand nach der Frau ausstrecke. Zu
den Füssen des Mannes wachse an der Säule eine seltsame
Pflanze, welche bis an den Saum des ehernen Mantels
hinaufreiche und ein Heilmittel gegen alle möglichen
Krankheiten sei. Diese Statue soll das Bild Jesu sein. Sie
ist noch heute erhalten; wir haben sie mit eigenen Augen
gesehen, als wir in jener Stadt weilten. Man braucht sich
nicht darüber zu wundern, dass die Heiden, denen unser
Erlöser seinerzeit Wohltaten erwiesen hat, ihm solche
Denkmäler errichteten. Denn wir haben auch die Bilder seiner
Apostel Paulus und Petrus und sogar das Bild Christi selbst
in Farben gemalt gesehen. War es doch zu erwarten, dass die
Alten sie als ihre Retter ohne Überlegung gemäss ihrer
heidnischen Gewohnheit auf solche Weise zu ehren pflegten.
Vom
historischen Individuum Petrus führen keine Spuren nach Rom
- aber er war (als Patron der römischen Gemeinde) immer da
Eusebius KG 3.39 "Matthäus
hat in hebräischer Sprache die Reden zusammengestellt; ein
jeder aber übersetzte dieselben so gut er konnte".
Erzählung
vom Zinsgroschen setzt römische Verhältnisse voraus
Mat 22:17-21 17 Darum sage
uns, was meinst du: Ist's recht, daß man dem Kaiser Steuern
zahlt oder nicht? 18 Als nun Jesus ihre Bosheit merkte,
sprach er: Ihr Heuchler, was versucht ihr mich? 19 Zeigt mir
die Steuermünze! Und sie reichten ihm einen Silbergroschen.
20 Und er sprach zu ihnen: Wessen Bild und Aufschrift ist
das? 21 Sie sprachen zu ihm: Des Kaisers. Da sprach er zu
ihnen: So gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott,
was Gottes ist!
1
Kor 12:4-5 4 Es sind verschiedene Gaben; aber es ist ein
Geist. 5 Und es sind verschiedene Ämter; aber es ist ein
Herr.
Einige
synoptische Gleichnisse setzen römische
Agrar-Verhältnisse voraus (Kolonenwirtschaft), keine
kleinbäuerlichen palästinensischen
Leben der
Juden in Rom
Josephus 17:300 For an embassy of the Jews was come to
Rome, Varus having permitted the nation to send it, that
they might petition for the liberty of living by their own
laws. Now, the number of the ambassadors that were sent by
the authority of the nation were fifty, to which they joined
more than eight thousand of the Jews that were at Rome
already.
Sklavenaufstände, Messianismus, kommunistische Ideen
Das
werdende Christentum als soziale Bewegung - die Kirche als
Endresultat
"Metaphysischer Kommunismus"
Die
Geschichte Christi als Abbild sozialer Kämpfe
Jakobus 5:4 Siehe, der Lohn der Arbeiter, die euer Land
abgeerntet haben, den ihr ihnen vorenthalten habt, der
schreit, und das Rufen der Schnitter ist gekommen vor die
Ohren des Herrn Zebaoth.
1 Kor
1:27 Sondern was töricht ist vor der Welt, das hat Gott
erwählt, damit er die Weisen zuschanden mache; und was
schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er
zuschanden mache, was stark ist;
Luk 6:24 Aber dagegen: Weh euch
Reichen! Denn ihr habt euren Trost schon gehabt.
Luk 6:20 Und er hob seine Augen auf
über seine Jünger und sprach: Selig seid ihr Armen; denn das
Reich Gottes ist euer.
Taufe als
religiöses Symbol
In der
Geburtsgeschichte Jesu spiegelt sich das proletarische
Bewußtsein der ebionitischen "Armen"
Christusbild wird mit steigendem Selbstbewußtsein der Kirche
transzendenter
Deutung der
Dämonen-austreibungen
Logia Christi dienen der Ordnung des Gemeindelebens
Ignatius an die Magnesier 13:2
Seid untertan eurem Bischof und euch gegenseitig, wie Jesus
Christus seinem Vater dem Fleische nach und die Apostel
Jesus und dem Vater und dem Geiste, damit Einheit herrsche
dem Fleische und dem Geiste nach.
Mark 10:29-30 29 Jesus
sprach: Wahrlich, ich sage euch: Es ist niemand, der Haus
oder Brüder oder Schwestern oder Mutter oder Vater oder
Kinder oder Äcker verläßt um meinetwillen und um des
Evangeliums willen, 30 der nicht hundertfach empfange: jetzt
in dieser Zeit Häuser und Brüder und Schwestern und Mütter
und Kinder und Äcker mitten unter Verfolgungen - und in der
zukünftigen Welt das ewige Leben.
Luke 10:16 16 Wer euch hört, der hört mich; und wer euch
verachtet, der verachtet mich; wer aber mich verachtet, der
verachtet den, der mich gesandt hat.
Pastor Hermae Sim II,
1:4 Du siehst also, daß sowohl die Ulme viel Frucht
hervorbringt, und zwar nicht weniger als der Weinstock, eher
aber noch mehr." [,'Wie sogar noch mehr, Herr?'] "Weil der
Weinstock, wenn er an der Ulme emporwächst, viele und gute,
wenn er aber am Boden kriecht, faulige und wenige Früchte
bringt. Dieses Gleichnis bezieht sich nun auf die Diener
Gottes, auf die Armen und die Reichen."
Luk
16:19ff
Pastor Hermae Vis I 1:8
Da lachte sie auf und sprach zu mir: "In deinem Herzen
stieg die Lust zum Bösen auf. Oder scheint es dir nicht
etwas Schlimmes zu sein für einen gerechten Mann, wenn in
seinem Herzen die böse Lust aufsteigt? Das ist eine Sünde",
sagte sie, "und zwar eine große.
Mat 11:25 Zu der Zeit fing
Jesus an und sprach: Ich preise dich, Vater, Herr des
Himmels und der Erde, weil du dies den Weisen und Klugen
verborgen hast und hast es den Unmündigen offenbart.
Jesus und
die Pharisäer:
Christlicher Messianismus in Auseinandersetzung mit
zünftlerischem Rabbinismus
Christlicher Messianismus und jüdische Apokalyptik
Mt 25:1 ff
setzt römischen Hochzeitsbrauch voraus (Einholung der
Braut beim Aufgang des Abendsterns)
Der
gekreuzigte Christus ersteht aus seinem Grabe - Entstehung
der paulinischen Literatur unter Trajan
Unterschiede in den Evangelien spiegeln unterschiedliche
Entwicklung der christlichen Bewegung
Das
christliche Zentralsymbol de Kreuzes und der Bundschuh
Kreuz und
Auferstehung spiegeln Geschichte der christlichen Bewegung
wider
Judas
symbolisiert Delatoren des 2. Jahrhundert
Markus
schildert Christus als Verkörperung des kirchlichen
Mysteriums - deswegen keine Geburtsgeschichte
Mt
2:13ff
Eine Wurzel
des christlichen Messianismus liegt in Ägypten
Joh
2:1ff
Mt
27:57ff
Die
Verehrung eine "historischen Jesus"
ist irreligiös
Sind wir
noch Christen?
Das
Christusbild als sublimiertester Ausdruck der ethischen und
sozialen Kräfte einer Epoche
Kräfte des
Chistusglaubens sind auch gegenwärtig tätig
...
... und
wächst mit der gewachsenen Menschheit
Der neue
Christus der neuen Menschheit
Der
Sozialisierungsprozeß der bürgerlichen Lebensanschauungen
ist unaufhaltsam
Der alte
Christus ist im neuen aufgehoben
Die
christliche Entwicklung kann nicht aus einem
Individuum erklärt werden
Der heutige
Christus kann niemals der historische sein |