Lieber Herr Dr. Detering,
Gratulation zu Ihrem großartigen Buch!
Mit von Seite zu Seite wachsendem Interesse habe ich Ihre tiefgründige
Studie gelesen. Sie haben damit wieder ein Werk vorgelegt, das zumindest
jeder Theologe zur Kenntnis nehmen sollte und das deshalb in keiner
Uni-Bibliothek fehlen dürfte. Geschrieben vom Experten für Experten,
aber auch so klar und verständlich verfasst, dass es darüber hinaus auch
für historisch interessierte Laien von großem Interesse sein dürfte.
Besonders beeindruckend, wie Sie mit
ausgefeilten Mitteln der Philologie und nahezu kriminalistischem
Spürsinn einen roten Faden in die für den Laien oft zusammenhanglose
Indizienkette bringen und dadurch letztlich so überzeugend
argumentieren, dass man die „falschen Zeugen“ auch ohne eigentliche
Beweise ihrer gerechten Strafe (der Nichtbeachtung) zuführen kann. Wenn
Sie z.B. akribisch untersuchen, ob Tertullian als Vorlage für Plinius
gedient haben könnte, wird das Buch so spannend wie ein Krimi. (Dies nur
als Beispiel, das für zahlreiche solcher Stellen genannt werden soll.)
Sehr gut also, dass Sie nicht nur die von
kirchlicher Autorität immer wieder behütete Autorschaft der einzelnen
Dokumente widerlegen, sondern auch die wahrscheinlichen Urheber der
Fälschungen einkreisen und benennen (so z.B. S. 41, wo Sie die
Interpolation aus der Feder des Eusebius feststellen können). Das geht
erfreulich weit über das Bekannte zum Thema außerchristliche
Jesus-Zeugen hinaus, wodurch Ihr Buch mehr Aktualität erhält, als man
allein dem Thema nach erwarten würde. Glückwunsch also zu dieser
wunderbaren Synthese aus umfassender Recherche, philologischem Spürsinn
und gelungener Darstellung.
Wissenschaftlich korrekt dann auch das
Fazit Ihrer gründlichen Untersuchung, das sich sehr genau mit meinen
Befunden deckt: Mit Hilfe der außerchristlichen Quellen kann „weder
die historische Gestalt Jesu von Nazareth noch die Existenz eines frühen
Christentums im 1. Jahrhundert bewiesen werden.“
Besonders hat mich auch das letzte Kapitel über den Zusammenhang Ihrer
Resultate mit dem christlichen Glauben interessiert, zumal ich (für
meine Person) in dieser Frage sehr nüchtern und ganz leidenschaftslos
bin und bleiben kann. Natürlich werfen die „negativen historischen
Resultate … die Frage nach der Bedeutung der Geschichte für den
christlichen Glauben auf“, wie im Klappentext sehr richtig festgestellt
wird. Mir mag es da ähnlich ergehen wie vielen anderen auch. Ohne
historischen Jesus macht das Christentum keinen Sinn, wie wir schon aus
dem Glaubensbekenntnis ableiten müssen. Für mich ergibt sich natürlich
folgerichtig die Frage: Warum dann überhaupt noch christlicher
Glaube?
Ich habe daraufhin noch einmal in Ihrem
chinesischen Interview nachgelesen, als Sie dort auf die Frage „Wie
können Sie noch Christ sein, wenn Sie so kritisch zur Historizität von
Jesus und Paulus stehen?“ antworteten. Sie beziehen sich dort
hauptsächlich auf das christliche Wertesystem, auf Tradition und
Sozialisation. Wenn dies allein auch nicht immer überzeugende Gründe
fürs Christsein sind, so mögen sie doch sicherlich gute persönliche
Argumente abgeben, die zu respektieren sind.
Auf Seite 191 empfehlen Sie ganz
folgerichtig, anstatt „diese Monstrosität (der isolierten historischen
Faktensicht) weiter zu pflegen, täten die Kirchen und ihre Vertreter …
gut daran, ihre auf den historischen Jesus fixierte Theologie zu
korrigieren…“. Dies, so bin ich sicher, wird nicht geschehen, ist in
sich unmöglich, ohne das Christsein selbst aufzugeben. Jesus mag als
Person ohne Belang für eine bestimmte Weltsicht und unwichtig für das
(und den) Glauben sein, für den christlichen Glauben und noch mehr die
christliche Theologie ist er aber unabdingbar.
Zu Recht sprechen Sie auf den letzten
Seiten Ihrer „Falschen Zeugen“ von existenziellen Wahrheiten (Stichworte
Kruzifix, Symbole, Faust). Gerade Faust (und Goethe selbst) sind gute
Beispiele, sich solchen existentiellen Wahrheiten nähern zu können, ohne
von christlichem Glauben „abhängig“ sein zu müssen. Und doch bleibt der
Theologe Ratzinger bei seiner 1000-jährigen Orthodoxie, kommt ein
Drewermann nicht los vom historischen Jesus, klammern sich andere an
einen undefinierten Glauben, der oftmals eher unbewusste Spiritualität
ist und nicht zwangsläufig an das christliche Bild gebunden sein muss.
Vielleicht habe ich hier eine „negative Einstellung“ zum christlichen
Glauben, über die Sie im letzten Satz Ihres so ehrlichen Buches
sprechen. (Man zeige mir einen tieferen Sinn im Glauben; ein Sinn, der
anders nicht erfüllt werden kann. Der Glaube wäre einzigartig und auch
mir ohne Zweifel Notwendigkeit. Vielleicht bin ich aber in dieser Frage
auch nur unverbesserlich.)
Aber: Kein Mensch soll über seinen
Schatten springen (müssen), gut jedoch, dass er dennoch weit über diesen
Schatten hinausblicken kann. Wenn dabei unter anderem auch solch ein -
in jeder Hinsicht - beeindruckendes Buch wie „Falsche Zeugen“ entsteht,
um so besser!!
Ich wünsche dem Buch eine weite Verbreitung, nachdenkliche und
wahrheitssuchende Leser und - wenn alles gut geht, womöglich sogar -
eine würdige Diskussion im Theologenkreis. Man soll die Hoffnung nicht
aufgeben.
Ihnen weiterhin alles Gute!
HSP