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Marcion als Zeuge
für ein vorkatholisches Christentum
2. Teil
G. A. van den Bergh van Eysinga:
Erschienen unter dem Titel
Deutsche Übersetzung von Frans-Joris Fabri
Einem bekannten Zitat aus Horaz
zufolge ist sogar der gute
Homer manchmal ein bisschen geistesabwesend. Dieser Satz fiel mir ein, als ich
bei HARNACK[1] die folgenden Ausführungen
las. Auf die Frage Tertullians (I 27), warum Marcion, da sein Gott doch reine Güte
sei, nicht „auf Teufel komm heraus“ sündige (eine reichlich banale
katholische Moral!, antwortet der Häretiker: „absit, absit“ = „das sei
fern von mir“. Dem entnimmt
Harnack, dass Marcion es für unnötig hielt, die Gläubigen in Sachen Moral noch
speziell zu motivieren. Dieses „absit“ bezeichnet er dann als ein
„religionsgeschichtliches Dokument ersten Ranges“, jedoch hätte er diese
Ehre nicht dem Marcion, sondern Marcions Apostel Paulus (Röm. 6:15 ‚mè
genoito’ = absit) zukommen lassen sollen. Der Redaktor hat an den bei Marcion ursprünglicher klingenden Texten Änderungen angebracht. Seine Dogmatik bringt mit sich, dass er nichts wissen will von Marcions Unterscheidung zwischen einem Schöpfergott und einem Gott, der mit dieser Welt nichts zu tun hat. Er setzt den Gott des Alten Testamentes als identisch mit dem des Neuen. Aber manchmal übersieht er doch einen mit dem kirchlichen Monotheismus nicht im Einklang stehenden Ausdruck. Das sieht man in 2 Kor. 4:4, wo der Gott dieses Äons erwähnt wird, der die Sinne der Ungläubigen geblendet hat, so dass sie das Licht des Evangeliums von der Herrlichkeit Christi nicht erblicken. Dieser ist offensichtlich ein niedrigerer Gott als der Vater Jesu Christi. WINDISCH[2] hat schon festgestellt, dass der Autor hier „ganz gnostisch spricht“; weniger korrekt war seine Ansicht, dass der Gott dieses Äons oder dieser Welt Satan sein müsse.[3] Ich denke hier eher an Marcions Schöpfergott-der-Juden (vgl. Röm. 8:20; 1 Kor. 2:8; 15–24). Ptolemaeaus’ Epistula ad Floram nennt den Gott des Mosaischen Gesetzes, den Weltschöpfer, den gerechten Gott und als diesen gewiss nicht den Bösen – aber doch auch noch nicht den [4] Guten Vater. Cerinthus, ein Jude aus Vorderasien am Anfang des 2. Jahrhunderts, der ägyptische Weisheit in sich aufgenommen, aber Beschneidung und Sabbatsfeier nicht abgeschafft hatte, betrachtete die Schöpfung und das Gesetz nicht als Werke des Allerhöchsten, sondern als die eines niedrigeren Gottes bzw. Anführers der Engel, der den Allerhöchsten nicht einmal gekannt habe. Es sei ja erst der Christus in Jesus gewesen, der nach dessen Taufe den bis dahin unbekannten Vater offenbart habe.[4] Noch der Autor von 2 Clemens 3: 1 und 3 sagt, dass die Christen den Vater kennenlernten durch Christus, während die Juden sich nur einbildeten, Gotteserkenntnis zu haben. Diese Unterscheidung zweier Götter schimmert noch durch in unserm kanonischen N.T., zum Beispiel in Joh. 8 : 44, wo die Rede ist vom Vater, dem Teufel; die Juden sind Kinder desselben Vaters, des Demiurgs. Marcion (Tert. II 10) nannte diesen Demiurg auctor diaboli und den Teufel angelus creatoris (V 16).[5] Auch bei „Paulus“ begegnet uns dieser Demiurg, obgleich die Überarbeitung ihn in den Hintergrund gedrängt hat. Paulus zufolge stammt das Gesetz nicht vom Vater der Christen (Röm. 8 : 3; 3 : 20–22), der das Evangelium, den Glauben und die Gnade schenkt, welche alle drei dem Gesetz entgegen stehen (Röm. 3 : 21; 8 : 32: 2 Kor. 3 : 6–17; Gal. 3 : 10ff.; 19). Auch WINDISCH hat gesehen, dass der gnostisch-marcionitische Radikalismus zum Großteil durch Paulus vorbereitet und inspiriert wurde. Gott lasse sich nicht ein auf die vernunftlose Schöpfung; diese sei der Vergänglichkeit unterworfen worden durch denjenigen, der sie unterworfen habe, d.h. durch den Demiurgen (Röm. 8 : 20). Dieser oberste Herrscher der Welt habe unter sich die Herrscher dieses Äons, die den Herrn der Herrlichkeit nicht gekannt und infolgedessen sich an ihn vergriffen hätten (1 Kor. 2 : 8); es gebe viele Götter und Herren (1 Kor. 8 : 5), dämonische Mächte, welche Christus vernichten werde (1 Kor. 15 : 24). Im Brief an die Epheser (Marcion kannte ihn als Brief an die Laodicener) ist in 2 : 2 die Rede von einem Wandel „nach der Art des Äons dieser Welt, des Herrschers der Mächte im Bereich der Lüfte“, des Luftraums zwischen Himmel und Erde, einer Macht außerhalb Gottes, welche über die Materie herrsche, die [5] in unserm materiellen Leib wirke. Christus habe Fürsten und Gewalten entwaffnet und sie besiegt (Kol. 2 : 15). Der Herr oder Fürst dieser Welt habe die Erschaffung einer bösen Welt auf dem Gewissen; diese Schöpfung müsse rückgängig gemacht werden (1 Kor. 15 : 24–28). Ein Vorläufer dieser Gedankengänge war Philo. Bei ihm preist Gott an seiner Schöpfung den materiellen Anteil nicht, denn dieser sei unbeseelt, gebrechlich, könne aufgelöst werden, sei ungleich und ungleichmäßig (qu. rer. div. 180).
Es ist Marcions Paulus, den wir aus dem bereits zitierten Text von Eph. 2 : 2 heraushören: Der Schöpfergott hat dem Menschen einen fleischlichen Leib gegeben, um ihn sündigen zu lassen und so Grund zu haben, seinen Zorn über ihn auszugießen. In dieser Weise sind die Menschen Söhne des Zorns, insofern ihre fleischliche Natur automatisch zur Sünde führt, worauf dann die Rache des Schöpfers folgt. Nach ihrer Erlösung sind sie das Werk (2 : 10, die Vulgata hat factura) des guten Gottes, erschaffen in Christus Jesus. Kommt auch der Leib nach dem Fleische vom Schöpfer; wenn sie Christen geworden sind, ziehen sie den neuen Menschen an, der von Gott erschaffen wurde. Dies alles ist Gnosis. Der katholische Herausgeber hat aber Änderungen angebracht. Wir sehen das in 3 : 5: dem Apostel wurde das Mysterium offenbart, ein [6] Mysterium (3:4), „das den Menschen früherer Generationen nicht bekannt gemacht wurde, wie es jetzt offenbart worden ist“. Wir haben hier eindeutig eine gnostische Vorstellung. Die gleich danach folgenden Worte: „an seine heiligen Apostel Propheten“ gehören zur Überarbeitung. ‚Heilige’ Apostel kommen sonst im N.T. nicht vor, es handelt sich um eine katholische Qualifizierung. Diese Elite-Kategorie erwirbt die Kenntnis vom Christusmysterium durch Offenbarung, die große Menge durch die Verkündigung. Den Äonen, die man hier personalisiert sehen muss, blieb dieses Mysterium verborgen (3 : 9). Beim Lesen des katholischen Textes: „In Gott, der alles erschaffen hat“ fragen wir uns: wozu diese nähere Bestimmung? Sinn macht in diesem Kontext nur die Lesart des Marcion: „(verborgen) dem Gott, der alle Dinge erschaffen hat“. Kein Wunder dass Tertullian von der katholischen Lesart ausgehend behauptete: „Marcion hat das in gestrichen“, aber er verschwieg nicht, dass die Marcioniten die Katholiken beschuldigten, das in eingefügt zu haben. Wer der obigen Argumentation ohne Vorurteil gefolgt ist, wird HARNACKs Bemerkung (S.50), in der er auf „Marcions berüchtigtste Streichung“ hinweist, amüsant finden. Als wäre der Häretiker ein Fälscher von Banknoten oder Wechseln gewesen! Das Bemerkenswerteste am ganzen Vorgang ist aber, dass Marcions Lesart ohne „in“ sich auch in der Handschrift vom Sinai (Codex Sinaiticus, Aleph) findet. BLACKMAN (S. 45) ist ehrlich genug, um diese Tatsache zu erwähnen, aber sagt: „but no importance can be attached to this“. Auch Eph. 2: 20 verlangt unsere Aufmerksamkeit. Der uns überlieferte Text lautet: „(Ihr seid) auf das Fundament der Apostel und Propheten gebaut“. Bei Marcion fehlen die Worte „und Propheten“; der Katholik wollte die Apostel durch die alttestamentlichen Propheten sekundiert sehen (vgl. was ich oben aus Anlass von 3 : 5 bereits ausgeführt habe). In Eph. 5 : 22 – 6 : 9 werden die Pflichten der verschiedenen sozialen Klassen beschrieben; zunächst die der Ehegatten. In der katholischen Variante lesen wir: „Wer seine Frau liebt, liebt sich selbst“, bei Marcion heißt es: „Sein eigenes Fleisch liebt, wer seine Frau liebt, wie auch Christus die [7] Kirche“, d.h. ungeschlechtlich. Hier spricht die frühchristliche Askese, wie sie sich äußert in Christi Wort Mt. 19 : 12 : „Es gibt Verschnittene von Geburt an, manche sind durch Menschen kastriert worden, und es gibt auch welche, die sich selbst kastriert haben um des Himmelreiches willen“; womit dann noch Origenes bitteren Ernst gemacht hat. Dieses Wort wird dann auch als ein geheimnisvolles Orakel vorgetragen, wobei Jesus vorausgehen lässt: „nicht alle verstehen dieses Wort, sondern nur die, denen es gegeben ist“, und abschließend noch einmal sagt: „der es fassen kann, fasse es!“ KLOSTERMANN stellt in seinem Kommentar die Frage, ob diese Selbstkastration um des Himmelreiches willen geschieht, um für dieses Reich zu arbeiten oder um es zu gewinnen. Die Römische Kirche, der wir die Platzierung dieses logion zu verdanken haben, hat anscheinend ersteres gemeint. Sie verstand diesen Ratschlag als an die Adresse einer Elite kirchlicher Heiligkeit gerichtet, während vorher die Probleme der gläubigen Menge, Eheprobleme, abgehandelt würden. Die alttestamentliche, jüdische Forderung von Gen. 2 : 24 verlangt vom Manne, dass er Vater und Mutter verlasse und seinem Weibe anhange und dass die beiden ein Fleisch werden (Mt. 19 : 5). Etwas derartiges ist effizienter für Fortbestehen und Wachstum einer Kirche auf Erden als die einseitige Empfehlung der Selbstentmannung, wie sie beispielsweise die russischen Skopzen des 18. Jahrhunderts vertraten. Aber die frühchristliche Aszese, deren Vertreter Marcion war, obwohl sie in seiner Kirche aus praktischen Gründen auch schon abgeschwächt wurde, scheint doch immer noch deutlich im Hintergrund des katholischen Neuen Testamentes durch. So in Lk. 14 : 26, wo gefordert wird, Vater und Mutter zu verlassen, nicht jedoch um seiner Frau zu folgen; denn auch diese Frau, die Kinder, Brüder, Schwestern und das eigene Leben soll man hassen. Die Bewahrung der Jungfräulichkeit gilt als Ideal in 1 Kor. 7 : 27b: „Bist du ohne Frau, dann suche keine“ und in vs. 29b: „Daher soll, wer eine Frau hat, sich in Zukunft so verhalten, als habe er keine“. Das ist doch eine deutliche Aufforderung, den geschlechtlichen Umgang miteinander in der Ehe zu meiden, obwohl vs. 28 diese wiederum wohlwollender sieht, indem sie nicht-sündig genannt wird. Der unjüdische, gnostische Gedanke: „Es ist gut für den Mann, keine Frau zu berühren“ (7 : 1) wird auch gleich wieder als für [8] die Menge unerfüllbare Forderung von seiner Kraft beraubt durch die Fortsetzung: „Wegen der Gefahr der Unzucht soll aber jeder seine Frau haben und jede ihren Mann“ (7 : 2). Als allgemeine These akzeptiert der Autor die absolute Jungfräulichkeit; wenn es aber auf die Anwendung ankommt, muss Wasser in den Wein gegossen werden, und in den unmittelbar folgenden Versen 3 – 5 werden die Ehepflichten den Eheleuten sogar ausdrücklich empfohlen, damit der Satan sie nicht verführe in Anbetracht ihres Unvermögens, sich zu enthalten. Eine Konzession also an die menschliche Schwäche. Keine Spur finden wir von einer höheren, moralischen Wertschätzung der Ehe, wie sie der Stoiker Musonius lehrt (ed. Hense, S. 67ff.). Der Zölibat steht in vs. 7 doch wieder obenan nach dem Beispiel des „Paulus“, und echt gnostisch und frühchristlich heißt es dort: „Ich wünschte, alle Menschen wären wie ich. Doch jeder hat seine Gnadengabe, charisma, von Gott, der eine so, der andere so“. Unverheiratete und Witwen werden dann auch gelobt, wenn sie so bleiben wie der Apostel; können sie sich aber nicht enthalten, lass sie heiraten, denn es ist besser zu heiraten als zu brennen (7 : 8f.). Die echt-römischen Pastoralbriefe richten sich gegen alle Enthalter der Ehe sowohl wie des Fleischverzehrs (1 Tim 4 : 3) und erachten die Askese als wenig nützlich (1 Tim. 4 : 8). Ein ganz anderer Tenor als der alte marcionitische, den wir in Gal. 5 : 24 heraushören: „Alle, die zu Christus Jesus gehören, haben das Fleisch und damit ihre Leidenschaften und Begierden gekreuzigt“. Nach diesem ausführlichen Exkurs, berechtigt und sogar notwendig durch Marcions Lesart von Eph. 5 : 28b, komme ich zurück zur Fortsetzung dieser Perikope. Nachdem Marcions Paulus gesagt hat, die Liebe des Mannes zur Frau solle ungeschlechtlich sein wie diejenige Christi zur Kirche, und er dadurch zu erkennen gegeben hat, dass Christus der Geist und die Kirche das Fleisch ist, fügt er in vs. 29b hinzu: „Keiner hat je seinen eigenen Leib gehasst, sondern er nährt und pflegt ihn, wie auch Christus die Kirche“. Die Worte von vs. 30: „Denn wir sind Glieder seines Leibes“ fehlten bei Marcion. Sie sind eine Erweiterung, um das Verhältnis Christi zu seiner Kirche und sein Ihr-Zugetan-Sein zu erklären. Marcion fährt dann fort mit dem, was wir in vs. 31 lesen, jedoch mit einem kleinen Unterschied: ihr zum Vorteil [9] (der katholische Text hat: „deshalb“ ) wird der Mensch Vater und Mutter verlassen und sich an seine Frau binden, und die zwei werden ein Fleisch sein (vs. 32). Dieses Geheimnis ist groß: ich (nämlich im Gegensatz zur gängigen Meinung, da der Autor kraft Offenbarung Einsicht in das Christusmysterium bekommen hat), ich beziehe dies auf Christus und die Kirche. HARNACK beschuldigt hier seinen Häretiker der tendenziösen Änderung; der habe deshalb in zu ihrem Vorteil, d.h. der Ecclesia umgewandelt und vs. 30 weggelassen. Aber Harnack muss zugeben, dass das in vs. 31 ebenfalls tendenziös weggelassene „und er wird seinem Weibe anhangen“ Origenes und Hieronymus zufolge auch in katholischen Manuskripten fehlte; mehr noch: Origenes scheint kein Manuskript gekannt zu haben, das dieses Sätzchen enthielt! Dies kann jedoch unsern protestantischen Gelehrten nicht zu einem milderen Urteil über den römischen Häretiker bewegen, denn er schreibt: „Die Ausstoßung ist aber doch wohl marcionitisch-tendenziös“ (S. 120*). Eine Bemerkung, die ich meinerseits als „harnackianisch-tendenziös“ bezeichnen möchte; trotz allem Anschein: „Marcion, und nicht Barbertje (Lothario) muss hängen“. Hieronymus hat sich bei diesem alttestamentlichen Zitat in Marcions Lesart verwundert gefragt, wie der Mann ein solches jüdisches Bibelwort auf Jesus beziehen konnte, da doch ihm zufolge das Alte Testament mit Christus nichts zu tun hat. Diese Bemerkung scheint auf den ersten Blick wohl vernünftig. Dennoch ist der Ketzerbekämpfer hier inkonsequent. Seine These lautet: Marcion hantiert immer am Text herum, also hat er es auch hier getan. Er hat vieles weggelassen, vieles hat er geändert. Trotzdem hat er auch etwas stehen lassen, das seinen eigenen Prinzipien widersprach: ein Zitat aus der von ihm verachteten jüdischen Schrift, und er hat dieses dann sogar auf Christus und dessen Kirche bezogen! Meiner Meinung nach spricht es für Marcions Objektivität im Umgang mit Paulus’ Text, dass er dieses Zitat hat stehen lassen trotz seines eigenen Widerwillens gegen den Judengott und dessen Gesetz. Wie einfach wäre es doch für [10] diesen „Helden des Schwammes“ gewesen, neben so viele anderen auch diesen kompromittierenden Vers wegzuwischen. Ein besonnen Urteilender muss hier wohl zum sovielten Male zur Schlussfolgerung kommen: Marcion war nicht so finster, wie die Ketzerjäger – antike und moderne Theologen – ihn dargestellt haben. Die wahre Ehe war nach Marcion und seinem Apostel Paulus nicht die eines Mannes und einer Frau, sondern die eines Menschen mit der Kirche. Darauf zielt ihnen zufolge en mysteriôi, d.h. spirituell, der biblische Ausdruck „aus zwei eins machen“. SCHLIER[6] sieht dann auch in Eph. 5 : 31 „Mensch“ als den Anthrôpos, den himmlischen Menschen. Der Redaktor, welcher aus der katholischen Lesart spricht, hat gegen den ursprünglichen Text die Rechte der normalen menschlichen Ehe wiederherstellen wollen. Deshalb ersetzte er „zum Vorteil von“ bzw. „um ihretwillen“ durch „deshalb“. Er hat das Zitat aus Genesis hinzugefügt, um zu zeigen, dass es sich um Mann und Frau handelt, und dadurch ist ein Satz zustandegekommen, dessen Anfang klar, dessen Schluss jedoch unverständlich ist. Nicht Marcion hat gekürzt, wie HARNACK behauptet mit der Erläuterung (S. 50): „dieser Abschnitt über die Ehe war ihm überhaupt unbequem“. Die Lesart des Marcion ist offensichtlich dem Redaktor „unbequem“, weil zu asketisch. Über die Perikope Phil. 2 : 5–11 hat LOHMEIER[7] höchst Wichtiges gesagt, u.a. dass sie ein carmen Christi ist, vom Autor des Briefes einer alten Tradition entnommen. Wo von Christus gesagt wird, dass er sich „entäußerte und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich und an Gestalt als ein Mensch befunden“ (2 : 7), weist LOHMEYER darauf hin, dass eine Konstruktion von „befunden werden“ mit „als“ (heurethènai hôs) äußerst befremdlich ist. Bei Marcion fehlte „als“, und er war damit ursprünglicher als der Redaktor. Seine Lesart las sich nämlich: „in der Erscheinungsweise eines Menschen und in der äußeren Gestalt eines Mensch befunden“. Das ergibt gewiss [11] einen guten Sinn: die Sklavengestalt Christi bestand in der menschlichen Erscheinungsweise, er nahm Sklavengestalt an dadurch, dass er einem Menschen ähnlich sah, und, in äußerer Gestalt als ein Mensch befunden (oder: für einen Menschen gehalten), erniedrigte er sich selbst, gehorsam geworden bis zum Tode. Die katholische Lesart hat dann eine andere Nuance hineingebracht: die Sklavengestalt besteht darin, dass Christus in Gleichheit mit dem Menschen, i.a.W. , dass er dem Menschen gleich geworden ist (dieses geworden fehlte bei Marcion ebenfalls). Um jedoch von vornherein den Gedanken auszuschließen, dass der den Menschen gleich gewordene Christus nur Mensch gewesen sei und auf Erden aufgehört habe, Gott zu sein, hat der Redaktor ausdrücklich „als ein Mensch befunden“ geschrieben. Dadurch ergibt sich ausgerechnet in der katholischen Version ein semi-doketischer Zug, den der Doket Marcion weniger deutlich ausspricht. Die unterschiedliche Bedeutung von „befunden“ (heuretheis) bewirkte, dass Marcion es verstehen konnte als „er wurde angesehen als“ und der Katholik als „er wurde befunden zu sein“. Das führt uns zum merkwürdigen Ergebnis, dass der Katholik „als (wäre er) ein Mensch“ sagt, während man dies gerade aus der Feder des Doketen erwarten würde. Wie billig kommt einem beim hier von mir skizzierten, komplizierten Problem von Ausdrucksweise und Gedankengang der zwei Kontrahenten HARNACKs (S. 51) unsachliche Bemerkung vor: durch Weglassen von genomenos (= geworden) und hôs (= als) erreichte Marcion das Christologische Bild, das er sich wünschte.“ Vom Sohne sagt Kol. 1 : 15–17 im katholischen Text: „Er ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene der ganzen Schöpfung. Denn in ihm wurde alles erschaffen im Himmel und auf Erden, das Sichtbare und das Unsichtbare, Throne und Herrschaften, Mächte und Gewalten; alles ist durch ihn und auf ihn geschaffen. Er ist vor aller Schöpfung, in ihm hat alles Bestand“. Marcion hat an dieser Stelle nur gelesen: „der das Abbild ist des unsichtbaren Gottes, und selber ist er vor allen Dingen“. Das bei ihm fehlende „Erstgeborener“ ist Röm. 8 : 29 entliehen. Dort ist übrigens auch nicht die Rede von einem erschaffenen Sohn, wenn dieser „der erstgeborene unter vielen Brüdern“ genannt wird. Der frühe Paulinismus betrachtet die Schöpfung als [12] außerhalb Gottes stehend; die hier gemeinten Brüder gehören dann auch nicht zur Schöpfung. Die kirchliche Lesart von Kol. 1 : 15–17 erweist sich wieder als Erweiterung aufgrund des jüdischen Schöpfungsdogmas. Dieses hat einen Vorläufer in der hellenistischen Philosophie des Philo, bei dem wir in seinem Buch über die Schöpfung der Welt (§§ 20ff.) die Scala vorfinden: Gott, Weltgedanke = Logos, Welt. Von letzterer ist der Mensch dann ein Teil. Man kann hier auch die Hermetischen Schriften heranziehen (IX 8, X 14). Ein schwieriger Punkt ist Kol. 1 : 19. Die katholische Version: „Denn Gott wollte in seiner ganzen Fülle in ihm (Christus) wohnen“, wurde nach der üblichen Einschätzung von Marcion verpfuscht durch die Änderung von ihm (autôi) in sich selber (heautôi). Er las also: „(Christus) wollte, dass die ganze Fülle in ihm selber wohne“. Selbstverständlich hält man dies wieder für eine tendenziöse Änderung, einen Beweis für den Modalismus des Häretikers. SCHLIERs[8] Studien haben seit 1930 den hellenistischen Hintergrund des Epheserbriefes und gleichzeitig des damit verwandten Kolosserbriefes neu beleuchtet. Die Fülle (das plèrôma) ist in der Gnosis die Höhere Welt, das göttliche Reich der Äonen.[9] Wenn nicht Gott, sondern Christus selbst Marcion zufolge sich entschließt, die Höhere Welt in sich selbst wohnen zu lassen, dann haben wir hier wieder die schon oben erwähnte Gleichstellung von Christus mit Gott. Das ist der später heftig bekämpfte Modalismus, der im Patripassianismus seine Fortsetzung fand: Christus nur ein Modus, eine Erscheinungsform Gottes. Es ist der Vater selber, der das Heilswerk verrichtet, indem er geboren wird, leidet und stirbt. Dem Modalismus zugrunde liegt sichtlich das Bedürfnis, die Alleinherrschaft Gottes zu retten. Galt diese Überlegung jedoch auch schon bei Marcion? Nach Eph. 1 : 22f. ist die Fülle = der Leib = die Kirche. Somit bilden Gott, Christus und Kirche eine Einheit. Christus ist hier der himmlische Mensch (Anthrôpos), der sowohl das Ganze als auch einen Teil des Ganzen darstellt, Leib und Haupt [13] zugleich. Die Kirche ist ein Leib (Eph. 4 : 4) und zwar der Leib Christi (Kol. 1 : 24b); die Gläubigen sind Christi Glieder und dadurch einander zugehörend und eng verbunden (Eph. 4 : 25; 5 : 30). Diese Vorstellung hat Marcion auch, wo er den Leib Christi als die Kirche bezeichnet (Kol. 1 : 24b), und Christus ebenso als das Haupt der Kirche (Eph. 5: 23). SCHLIER traut sich nicht, diesen Vorstellungskomplex dem Paulus zuzuschreiben;[10] dennoch habe ich den Eindruck, dass er schon einer Form des Paulinismus angehört hat, die älter ist als die durch die Orthodoxie passend gemachte Katholische. Trotz SCHLIERs Argumentation[11] finde ich in Röm. 12 : 5 und in 1 Kor. 12 : 12 ff. einen Gedanken von der gleichen Art wie „der Leib Christi = die Kirche“. Kol. 2 : 8 lautet in der Version der Kirche: „Gebt acht, dass euch niemand mit seiner Philosophie und falscher Lehre verführt usw...“, und bei Marcion: „ ... als falscher Lehre“. Warum dies nun eine „ingeniöse Vertauschung“ des Häretikers genannt werden muss[12], der alle Philosophie verachtete, leuchtet mir nicht ein. Beide Lesarten zeigen nur einen geringen Unterschied, eine Nuance in der Ausdrucksweise desselben Gedankens und gehören zu den nicht beabsichtigten variae lectiones, womit jeder Textkritiker vertraut ist. Weshalb ist HARNACK so leidenschaftlich ausfällig geworden[13] gegen seinen Häretiker aus Anlass von Kol. 4 : 14a, welches in der katholischen Lesart lautet: „Auch der Arzt Lukas, unser lieber Freund, grüßt euch“. HARNACK sagt nämlich: Lukas der Arzt wird bei Marcion wohl gefehlt haben, er wünschte sich kein Lob für Lukas, dem er ja das Evangelium abspenstig gemacht hatte. Wenn ich solche hypothetische, total aus der Luft gegriffene Bemerkungen lese, in denen die noch zu beweisende Annahme von vornherein als richtig angesehen und die Redlichkeit eines Autors angezweifelt wird, drängt sich mir der Gedanke auf: zum Glück war dieser Gelehrte kein Zeitgenosse des Häretikers. Über einen seit mehr als siebzehn Jahrhunderten toten Autor kann man ja ungestraft so herziehen. Psychologisch erhellt sich der ganze Vorgang, da es hier HARNACKs Entdeckung vom Mediziner Lukas betraf, der sowohl das Evangelium wie auch die Apostelgeschichte geschrieben habe, eine Hypothese, die seitdem von [14] Schürer, von Wilamowitz–Möllendorff, Cadbury und von mir selbst überzeugend widerlegt worden ist. Röm. 3 : 31–4: 25 fehlte bei Marcion ganz. Die Vorstellung, dass bei Annahme des Glaubens das Gesetz dennoch aufrechterhalten bleibe, d.h. bestätigt werde und nicht aufgehoben, ist die katholische Wertung des Alten Testamentes, so wie sie uns immer wieder begegnete. Die radikalste Änderung des Gesetzes lässt von diesem Standpunkt aus kein i-Pünktchen dieses Gesetzes verloren gehen. Es heißt, Jesus sei nicht gekommen, es abzuschaffen sondern es zu erfüllen, zu vollenden (Mt. 5 : 17 ff.). Nach dem Urteil der Kirche kann man auch zu weit gehen mit revolutionären Bestrebungen. Anschluss an Israels Heilige Schrift, für christliche Verkündigung durch allegorische Auslegung brauchbar gemacht, verschaffte der Kirche den Ehrenplatz in derjenigen Weltgeschichte, die Schöpfung und Zeitenende mit einander verband. Die ganze Synagogenpredigt, Midrash bzw. Schrifterklärung, was Röm. 4 doch recht eigentlich ist, passt nicht im Munde von Marcions Paulus. Sehr wohl jedoch passt es zu den vielen Zitaten aus dem A.T. und der Berufung auf Abraham und David im Munde des durch die Großkirche für ihre Zwecke katholisierten Paulus. Abraham ist nicht der Stammvater der Juden, sondern der Gläubigen! Dieser Gedanke Philos, dass nämlich der Patriarch bereits vor seiner Beschneidung an Gott glaubte und dieser Glaube ihm als Gerechtigkeit angerechnet wurde (Röm. 4 : 3; 5; 10) führt den Autor zur Schlussfolgerung, dass die Beschneidung im Grunde nicht mehr war als die Besiegelung von Abrahams Glauben (4 : 11ff.). Man möge Röm. 9–11 lesen um zu verstehen, dass Marcions Paulus damit genauso wenig hat anfangen können als mit der gerade eben von mir abgehandelten katholischen Exegese des Gesetzes. Diese Kapitel behandeln ein Thema, dass mit Röm. 1–8 ursprünglich in keiner Beziehung steht und nicht kann als eine Ausarbeitung der in Röm. 1 : 16 aufgestellten Behauptung betrachtet werden. Marcions liebevoller Gott richtet nicht; deshalb wird der Häretiker in Röm. 11 : 33 die Worte: „unergründlich sind seine Gerichte“ weggelassen haben, so HARNACK[14]. Aber an dieser Stelle fehlt bei ihm auch im Ausruf: „O Tiefe des Reichtums, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes“ ausgerechnet die Erwähnung dieser Kenntnis bzw. Gnosis, die ihm doch wohl kaum unangenehm gewesen sein kann. Weshalb er dieses „wegstrich“, bleibt für HARNACK [15]ein Geheimnis[15]. Die Stelle ist anscheinend nicht tendenziös, aber dennoch wurde sie nicht gestrichen. Dass dem Marcion eine kürzere Version dieses Textes vorlag, die durch eine spätere Hand erweitert wurde, diese Vermutung kommt HARNACK nicht einmal an dieser Stelle. Liest man bei den Gegnern des Häretikers immer wieder von Marcions Falschmünzerei, seinem Beschneiden und Korrumpieren von Texten, und vertraut ihnen aufs Wort, dann müsste man in ihm einen Kranken sehen, der ein manisches Behagen darin fand, überall in den Texten seines Apostels willkürlich Änderungen vorzunehmen, und der dabei dann noch nicht einmal konsequent sein Ziel verfolgte. Ausgehend von der Mentalität eines Orthodoxen einem Ketzer gegenüber kann man verstehen, dass er den Exkommunizierten sinnlos[16] und vollkommen total verrückt[17] nennt. Wenn aber Gelehrte unserer Zeit sich dieser Beurteilung unkritisch anschließen, dann muss ich wohl bei ihnen so etwas wie eine idée fixe diagnostizieren.
Dass bei
Marcion Röm. 15–16 fehlte, gründet nach HARNACK[18]
jedoch nicht in dogmatisch-tendenziösen Absichten; vielmehr nimmt er an, dass
diese Kapitel dem Häretiker nicht vorlagen[19]
(S. 164). Dessen Textänderungen jedoch beruhen immer auf dogmatisch-tendenziöse
Absichten[20] andere Absichten hatte
der nie. Jedoch: „dagegen lässt der breite Boden der großen Kirche für die
Annahme der verschiedensten Möglichkeiten Raum“. Beinhaltet denn diese
Bemerkung eigentlich nicht, dass die Kirchentreuen willkürlicher mit dem Text
des Neuen Testamentes umgingen als Marcion? Harnack[21]
betrachtet Röm. 16 : 25–27 als isoliert für sich stehend. Marcion habe es
nicht gekannt. Es ist aber streng marcionitisch und durch ein paar Hinzufügungen
notdürftig und unvollständig katholisiert worden. In meiner folgenden Übersetzung
der Perikope setze ich die katholisierenden Hinzufügungen zwischen Klammern:
„ 25) Dem aber, der euch zu stärken vermag nach meinem Evangelium (und der
Predigt von Jesus Christus), nach der Offenbarung eines Geheimnisses, das ewige
Zeiten hindurch verschwiegen war, 26) jetzt aber offenbart worden ist (und durch
prophetische Schriften) nach Befehl des ewigen Gottes zum Glaubensgehorsam an
alle Heiden (bekannt gemacht worden ist), 27) dem allein weisen Gott durch Jesus
[16] Christus, ihm sei die Herrlichkeit in Ewigkeit! Amen“.
In meinen
Augen ist dies ein wunderbares Beispiel dafür, wie katholische Redaktoren
versucht haben, marcionitische Texte durch Hinzufügungen zu entschärfen. Hier
ist ja wohl ganz klar, dass sie bei Übernahme eines Textes diesen
dogmatisch-tendenziös überarbeiteten. Bei Marcion folgte auf Röm. 14 : 23
wohl 16 : 25–27; beide Stellen geben so in dieser nicht von einem Redaktor
korrumpierten Lesart einen guten Sinn.
Selbstverständlich war es nicht ohne einen bestimmten
Anlass, dass seit Irenäus’ Zeiten das von Marcion benutzte Evangelium in
Beziehung gebracht wurde mit dem kanonischen Lukas, den der Häretiker dann
allerdings korrumpiert habe. War nicht Paulus sein einziger Apostel und Lukas
dessen Reisegefährte? Irenäus[22]
behauptet, der dritte Evangelist habe das von Paulus gepredigte Evangelium
niedergeschrieben. An anderer Stelle[23]
heißt es, Lukas habe auf Anordnung des Paulus geschrieben, und[24]
er sei Begleiter und Schüler der ersten Apostel gewesen. Nachdem Paulus kein
Evangelium gepredigt hat im Sinne einer Lebensgeschichte Jesu und seine Briefe
sich daran auch gar nicht interessiert zeigen, können wir Irenäus’ Angaben
zur Sache als Produkt großkirchlicher Phantasie und als historisch wertlos
betrachten. Für Mitteilungen des Tertullian gilt das Gleiche. Spätere Autoren
kennen noch weitere Einzelheiten. LOYSY[25] hat gezeigt, wie nichtssagend dies alles ist. Es fehlen
aber im dritten Evangelium mehrere speziell jüdische Bemerkungen und
Besonderheiten, die wir bei Matthäus und Markus vorfinden. Worte wie Mt. 5 :
17; 19f.; 10 : 5f; 10 : 23, oder auch eine Erzählung wie Mc. 7 : 1–23 finden
wir bei Lukas nicht. Hingegen finden wir schon eine spezielle Vorliebe für die
Sünder, welche das orthodoxe Judentum verachtete. Dies stimmt überein mit dem
Charakter des Heidenapostels Paulus.
HERMANN RASCHKE meint, Marcions Evangelium sei das
Markusevangelium gewesen.[26] Dieser Gelehrte hat ein weit freieres Verhältnis zur römisch-katholischen
Tradition, als HARNACK es hat. [17] Nach RASCHKE konnten die Gegner des Häretikers
die Fakten nicht objektiv beurteilen, weil die dogmatisierte Fälschungsidee
ihnen im Wege war.[27] Allein weil Marcion radikaler Paulinist war, müsse sein
Evangelium Tertullian zufolge vom paulinischen Lukasevangelium abhängig sein
(S. 41). Auch Epiphanius sehe den kanonischen Lukas als Grundlage und gebe von
dort aus Übereinstimmung und Unterschied bei Marcion an. Er hätte genau so gut
den Matthäustext als Grundlage nehmen können. Vieles von dem, was Marcion als
Textfälschung angekreidet werde, sei als varia
lectio zu erklären.
Grundsätzlich Bemerkungen über den Charakter der
Evangeliengeschichte kann man bei RASCHKE in Fülle finden. Die Frage, ob Jesus
Christus Mensch war im Sinne unseres historischen Realitätsbegriffes, habe im
antiken Bewusstsein nicht einmal aufkommen können, er könnte auch als Gott
gelebt haben; die Realität Jesu Christi sei von der gleichen Art wie die Realität
Gottes. Tertullian habe Marcion vieles vorgeworfen, niemals aber, dass dessen
Christus nicht real wäre, weil er von ihm nicht als von einer Frau geboren und
nicht als Mensch aus Fleisch und Blut betrachtet werde. Tertullian wisse wohl,
dass die metaphysische Realität des marcionitischen Christus sich messen könne
mit derjenigen Realität, die die Kirche verkünde. Die Kirche brauche aus
praktischen Gründen (Auferstehung des Fleisches!) den realen
Christus-im-Fleische. Die historische Realität Christi sei ein soteriologisches
Postulat der Katholischen Kirche. Marcion habe den gnostischen Standpunkt einer
metaphysischen Realität, der ursprünglicher sei, vertreten. Nach antiker
Auffassung könne man Zeus und Caesar gleichermaßen als historische Figuren
betrachten; unser Begriff
„historisch“ gehöre dem 20. und nicht den frühchristlichen Jahrhunderten
an. Klassisch formuliert RASCHKE den Unterschied so: „Der evangelische
Christus ist nur ein geschichtlich gekleideter paulinischer Christus. Der
paulinische Christus ist ein katholisch [18] frisierter gnostischer Christus.
Der gnostische Christus ist nur eine metaphysische Wirklichkeit“ (S. 29f.).
Die Großkirche, die in Jesus das ideale Vobild als Garantie für die
Auferstehung des Fleisches haben wollte, sei auf die unmögliche Vorstellung
gekommen, dass dieser aus dem Geiste geboren und zugleich von der Natur
hervorgebracht sei. So ginge ja unser menschliches, auf natürliche Weise
entstandenes Fleisch doch noch verloren. Ein geistiger Leib könne den Tod und
das Grab überleben, aber da gehe es nicht mehr um einen Menschenleib, sondern
um den eines Engels, so dass Jesus sich als Wesen einer höheren Wirklichkeit
erweise. Deshalb würden in den Evangelien die Geister sofort seine geistige und
göttliche Natur erkennen[28].
In seiner späteren wichtigen Studie über Marcions Paulusbrief an die Römer
nach Epiphanius[29] hat RASCHKE Tertullian „das Irrlicht der ganzen neueren
Marcionkritik“ genannt. Nur die Tübinger Schule habe sich später von ihm
emanzipiert: „die Späteren, vor allem Harnack, sind ihm wieder in den Sumpf
gefolgt“. Raschke beurteilt den Stand der gegenwärtigen Kritik so: „Wir
stehen wissenschaftlich gesprochen noch mitten in der Aufgabe, die uns die großen
Tübinger gestellt haben und die die holländische Kritik vertieft hat“. A.
POTT[30] hatte aus Tischendorfs und Sodens textkritischen
Apparaten schon viele Textzeugen gesammelt für Lesarten, die HARNACK als
„unbezeugt“ vermerkt hatte. Dies beweist, dass Marcions Text dem
vorkanonischen näher stand als Harnack glauben machen wollte. Pott hielt dann
auch dessen Datierung der Evangelien als für zu früh angesetzt.
Lange habe ich jetzt verweilt bei RASCHKES überzeugende
Darstellung vom Gegensatz, der besteht zwischen dem gnostischen Christus und dem
Christus der Kirche. Dieser Gegensatz wirft ja ein Licht auf das
vorauszusetzende älteste Evangelium. Die kanonischen Evangelien wollen den
Christus dem Fleische nach darstellen, halten dies aber nicht konsequent durch
und verraten dadurch, dass sie ein ursprünglich doketisches Evangelium übermalt
haben. Es ist meines Erachtens RASCHKE vollkommen [19] gelungen, zu beweisen,
dass Marcions Evangelium ursprünglicher war als das des Lukas und dass man, um
Vergleiche anzustellen, nicht speziell auf Lukas zurückgreifen muss. Die
Beziehung zwischen Lukas canonicus und Marcion könnte sehr wohl um einiges
weniger einfach sein, als man sich das im allgemeinen denkt. So dachte auch
LOISY[31] darüber. Man könnte genauso gut Matthäus als
Ausgangspunkt nehmen, um die Unterschiede zwischen kirchlichen und
marcionitischen Lesarten zu beleuchten. RASCHKE hat schließlich die ganz enge
Verwandtschaft von Marcions
Evangelium auch mit Markus vertreten. So ist der Bann gebrochen, den Tertullian
zuerst und HARNACK noch vor einigen Jahrzehnten der Marcionforschung auferlegt
haben. Tertullian schrieb 70 Jahre nach Marcion, dass dieser einfach nur das
Lukasevangelium gekürzt habe. Dass dies die Beurteilung eines Häretikerbekämpfers
war, hätte allein schon Zweifel an seiner Aussage aufkommen lassen müssen.
Diejenigen Passagen, die Lukas hat und Marcion nicht, sind jüngeren Datums und
auffällig im Stil und Gedankengang im Vergleich zu den Marcion und Lukas
gemeinsamen. Zum Beispiel fehlen bei Marcion die ersten vier Kapitel des Lukas
canonicus; Marcion fängt erst mit dem Auftritt des Heilands in Kapernaum und
enthält nichts über die Empfängnis von Johannes dem Täufer und Jesus, nichts
über beider Geburt, über den zwölfjährigen Jesus im Tempel, über die
Predigt des Täufers und über die Taufe, die er Jesus spendete; es fehlen auch
der Stammbaum und der Bericht über Jesu erstes Predigen
in Nazareth. Der Autor dieser Kapitel ahmt alttestamentliche Erzählungen
nach, namentlich über Samuel und Samson, fügt psalmenähnliche Lieder ein,
betont Jesu Abstammung von David, – all das in Gegensatz zu dem, was wir sonst
im Evangelium vorfinden.[32] Bei seinem ersten Predigtauftritt in Nazareth wird Jesus
gebeten, die Wundertaten zu wiederholen, die er in Kapernaum gewirkt hat; Lukas
hat diese im vorausgehenden Text noch nicht erwähnt, Marcions Evangelium jedoch
fing damit an und ließ den aus dem Himmel herabgestiegenen Jesus [20] sofort in
der Synagoge zu Kapernaum unterrichten. Und alle wunderten sich über seine
Lehre, denn sein Wort war mit Macht.
All diese
Erweiterungen zeigen, dass der kanonische Lukas später ist als Marcion. Einen
treffenden Beweis für die Ursprünglichkeit Marcions liefert Lk. 16 : 17: „Es
ist aber leichter, dass der Himmel und die Erde vergehen, als dass ein
Strichlein des Gesetzes wegfalle“. Das ist ja wirklich eine Verbeugung vor dem
jüdischen Gesetz. Marcion las an dieser Stelle: „Es ist aber leichter, dass
der Himmel und die Erde vergehen, als dass von meinen Worten ein Strichlein
wegfalle“. Natürlich sagt hier die Kirche – und HARNACK mit ihr –, dass
Marcion hier dem Text Gewalt angetan hat um seiner Theorie willen. Aber Lukas
hat an anderer Stelle den doch wohl sehr für Marcions Lesart sprechenden Text:
„Der Himmel und die Erde werden vergehen, meine Worte aber werden nicht
vergehen „(21:33). Geht hieraus nicht hervor, dass der kanonische Lukas eine
Bemerkung zugunsten des jüdischen Gesetzes in einen Text eingefügt hat, den
diese nicht hatte?
In unserer
Untersuchung, ob Marcions Evangelium älter war als die kanonischen Evangelien,
müssen wir dieses nicht ausschließlich mit einem dieser vier, sondern mit
allen vieren vergleichen. HILGENFELD hat des öfteren betont; dass dem
Johannesevangelium eine dualistische Gnosis zugrunde liegt, eine Art Mittelding
zwischen Valentinus und Marcion, den beiden Häretikern, die Johannes dem
Irenaeus zufolge wiederlegt habe. Auch VOLKMAR und CORRODI erkannten
marcionitische Denkweisen im vierten Evangelium: einen plötzlich aus dem Himmel
herabgekommenen Heiland (6 : 38; 8 : 14), das Fehlen von Genealogien und
Geburtsgeschichten usw. ... Sogar EISLER[33] hat Harnacks Bemerkung zugestimmt, dass das
Johannesevangelium auf einer Linie von Paulus zu Marcion liege. HARNACK[34] hat diesem Punkt zwei Seiten seines Buches gewidmet.
Sowohl Marcion wie auch Johannes nehmen der Tradition gegenüber einen unabhängigen
Standpunkt ein; beide wollen sie das Neue von der Erscheinung Christi und seines
Evangeliums beleuchten, d.h. die absolute Bedeutung seiner Person und seines
Werkes, seinen überweltlichen Charakter und seine Gottheit. Gott ist bei
Johannes (4 : 24) Geist, Marcion nennt ihn spiritus salutaris; beide bezeichnen ihn als Liebe. So manche
johanneische Äußerung stimmt mit dem marcionitischen Modalismus überein. Als
Vater urteilt Gott nicht; das [21] überlässt er dem Sohn. Dieser jedoch sagt:
„Ich bin nicht gekommen, über die Welt zu urteilen, sondern um die Welt zu
erhalten“. Er ist ausschließlich liebevoller Erlöser, ganz im Geiste
Marcions. Das vierte Evangelium ist scharf anti-jüdisch, auch das ist ein
Charakteristikum für Marcion. Im Gespräch Jesu mit der Samariterin stehen jüdische
und heidnische Anbetung als gleichermaßen unwahr der christlichen Anbetung im
Geiste gegenüber (4 : 21ff.). Alle diejenigen, die vor Jesus gekommen sind,
werden Diebe und Räuber genannt (10 : 8). Das Predigen von Gnade und Wahrheit
gehört nicht zum Alten Testament, denn Moses hat nur das Gesetz gegeben (1 :
17). Zwar heißt es, das Wort sei Fleisch geworden, aber das Fleischliche des
Christus bleibt phantomhaft; man beachte doketische Züge
(4 : 32–34; 7 : 30; 8 : 59; 10 : 39; 12 : 36).
Auch das
Markusevangelium hat diese Charakteristik. Mit der sogenannten Markushypothese
habe ich mich nie anfreunden können; ich halte das zweite kanonische Evangelium
für nicht älter als Matthäus. Ich habe dafür an mehreren Stellen die Beweise
geliefert, jedoch auch dafür, dass Markus darin mit Johannes und Marcion übereinstimmt,
dass in allen dreien ein älterer Evangelientyp vorliegt. Wer irgendeines
der kanonischen Evangelien als ursprünglicher als das des Marcion einschätzt,
leugnet im Einklang mit den kirchlichen Häretikerbekämpfern den gnostischen
Charakter der ältesten Evangelienentstehung. Sowohl Markus als auch Johannes
stehen dem gnostischen Evangelientypus näher, und damit auch dem Marcion. Beide
kanonische Evangelien sind jedoch stark katholisch redigiert worden. Alles, was
Jesus bei Markus tut, sagt, erleidet, ist Gleichnis. Der wahre Jünger schaut
die geistige Wahrheit, die durch diese symbolische Tatsachen sowohl verborgen
als auch offenbart wird. Geschichte steht hier im Dienste der Dogmatik. COUCHOUD[35] hat in hervorragender Weise erläutert, wie die großen
Massen, die der Kirche beitraten, eine neue Einkleidung des Glaubens
erforderten. Die Gleichnisse, die im Pastor Hermae neben den Visionen und den
Vorschriften zur Katechese gehörten, bildeten einen Übergang im Prozess, den
geistigen Wahrheiten einen realhistorischen Aspekt zu verleihen. Manch [22] ein
Evangelienbericht wird ursprünglich wohl ein Gleichnis gewesen sein, so das
Wandeln über dem Wasser, die Verfluchung des Feigenbaums, die Auferweckung des
Lazarus. Ja, das gesamte Evangelium ist ein bewundernswert gelungenes
synthetisches Gleichnis. Kann man sagen, das sei Betrug? fragte COUCHOUD[36] und antwortete selber: Betrug wäre es, wenn Grundlage
des Glaubens eine „biographie réelle“ wäre, „qui n’aurait rien de malléable
ni d’extensible“. Mit Recht weist er darauf hin, dass es vor allen andern
die Juden und die Römer waren, die die Gabe hatten, ihren religiösen
Vorstellungen mit einer historischen Einkleidung zu versehen[37]
, dies ein Euhemerismus, der in der antiken Welt verbreitet war und der den Gefühlsbedürfnissen
der Menge entgegenkam.
Marcion
markiert die Grenze zur Historisierung des Mythos, wo er Jesus genau hundert
Jahre vor seinem eigenen Auftreten hat in Erscheinung treten lassen. Esnik,
Bischof von Kolb in Armenien (5. Jahrhundert), berichtet uns dies in seiner
Schrift Gegen die Sekten.[38] Ich habe diese Mitteilung in Beziehung gesetzt zu
persischen Vorbildern.[39] RASCHKE verneint jedoch, dass Marcion die Zeitangabe
„im 15. Jahr des Kaisers Tiberius“ gehabt habe; diese lukanische Datierung
sei ihm zu Unrecht durch Tertullian zugeschrieben worden. Zwar habe sie
auch Epiphanius in seiner Schrift gegen die Häresien, jedoch nicht in
seinen zuverlässigeren Anmerkungen (scholia)
zu den Evangelien.[40] Ich halte es für möglich, dass es gerade Marcion war,
der das Herabsteigen Christi mit einem Datum versehen hat und dass die Große
Kirche diese Angabe dankbar von ihm
übernommen hat. Sie hat ja auch seine Kanonbildung nach ihren Bedürfnissen
nachgeahmt. Es mag sein, dass sein berühmtes, sich in der Praxis seiner späteren
Reform deutlich zeigendes, organisatorisches Talent ihm die Notwendigkeit dieser
Historisierung des Mythos für die Propaganda hat einsehen lassen. Diese
Historisierung machte ihn gleichzeitig zum Vollender des Erlösungswerkes
Christi. [23] So ist dann auch die Behauptung einiger Marcioniten zu verstehen,
ihr Meister säße im Himmel neben Gott, er zur Linken, Christus zur Rechten.
Nachdem die Datierung des Herabsteigens Jesu durch die Kirche nun einmal
akzeptiert worden sei, haben sie alttestamentliche Bestätigung dafür gesucht
und gefunden, welche Marcion gewiss verschmäht hätte.[41] Nach Tertullian I 19 liegen etwa 115 Jahre und 6 ½
Monate zwischen Christus und Marcion. Die Epiphanie Christi, mit der das Heil
seinen Anfang nahm, kommt erst zu ihrem Recht, als der durch die Kirche Roms
exkommunizierte Marcion im Jahr 144 seine eigene Kirche gründet.
Ein
aufschlussreiches Beispiel bietet uns die Art und Weise, wie Lukas den
Marcionitischen Text über das Herabsteigen Jesu aus dem Himmel und sein
unmittelbar darauf folgendes Auftreten in der Synagoge von Kapernaum[42]
abgeändert hat. Nach Lukas’ Geburtserzählung und der weiteren Vorgeschichte
heißt es Lk. 4 : 31: „Und er kam (vom höherliegenden Nazareth) nach (dem
tieferliegenden) Kapernaum hinab“. Der Gegensatz von Himmel und Erde wird
abgeflacht zur rein geographischen Angabe eines niedrigeren Landschaftsniveaus.
Der Aufbruch des Sohnes Gottes aus der Herrlichkeit des Vaters zum Land der
Fremdheit wird jetzt zu einer kurzen irdischen Fußreise eines jüdischen
Rabbis.
Bei Lukas
lesen wir: „In dieser Stunde jubelte Jesus im Geist und sprach: Ich preise
dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, dass du dies vor Weisen und Verständigen
verborgen hast und hast es Unmündigen geoffenbart. Ja, Vater, denn so war es
wohlgefällig vor dir“ (10 : 21). Bei Marcion fehlt „der Erde“ und
„Vater“ in der ersten Hälfte des Verses. Wieso sind das notwendigerweise
vom Häretiker vorgenommene Änderungen? Gibt „Herr des Himmels“ etwa „für
sich allein keinen guten Sinn“? Ist der Herr des Himmels keine gute
christliche Vorstellung? Unmöglich konnte Marcion etwas dagegen haben, dass
Gott durch den Sohn als Vater angesprochen wird. Dass er dann anstelle von:
„dass du dies ... verborgen hast“ die Lesart hat: „dass du die Dinge, die
verborgen waren ... den unmündigen Kindern offenbart hast“ kann ich unmöglich
mit HARNACK[43] als tendenziös einstufen.[24] In Hom. XVIII 15 hat
Clemens das Gebet in marcionitischer Fassung.
Die
Fortsetzung lautet dann bei Lukas: „Alles ist mir übergeben von meinem Vater;
und niemand weiß, wer der Sohn ist, als nur der Vater, und wer der Vater ist,
als nur der Sohn und wem der Sohn ihn offenbaren will“. An dieser Stelle ließ
HARNACK nach „weiss“ in Klammern „hat gewusst?“ drucken. Es ist bekannt,
dass „hat gewusst“ die Lesart der Markosier war, der Anhänger des
Valentinianers Markus, eines Zeitgenossen des Irenäus. Da Megethius in
Adamantius’ Dialogen I 23 diese Lesart hat und Marcion damit übereinstimmt, können
wir ruhig sagen, dass dies die einzig mögliche Lesart ist. Die Lukasperikope nämlich
–wie auch die Parallelstelle Mt. 11 : 27– haben eine unsinnige Lesart. Wenn
niemand den Sohn kennt als nur der Vater und wenn dieses Kennen des Sohnes unmöglich
ist, ohne dass der Vater es offenbart, dann kann dem kanonischen Text zufolge
niemand den Sohn kennen, da zwar der Sohn den Vater, nicht aber der Vater den
Sohn offenbart. Dieser Einwand entfällt in der Lesart der Markosier: „niemand
hat den Vater gekannt als nur der Sohn“. Auch Irenäus[44]
wirft den Ketzern an dieser Stelle nicht vor, den Text korrumpiert zu haben.[45] In der Lesart der Markosier kann sowohl der Vater wie
auch der Sohn Objekt des Offenbarens sein. Niemand hat vor der Erscheinung
Christi den Vater der Wahrheit gekannt, wohl aber den Schöpfer der Welt. Diese
Vorstellung kennen wir übrigens auch aus Johannes (6 : 46; 8 : 19; 14 : 6; 15 :
15; 17 : 3, 6, 25), insbesondere 7 : 28: „der mich gesandt hat, den ihr nicht
kennt“; 8 : 55: „Und ihr habt ihn nicht erkannt, ich aber kenne ihn“ und
16: 3: „Und dies werden sie tun, weil sie weder den Vater noch mich erkannt
haben“. Irenäus[46]
sagt, die Häretiker würden ihre abweichende Lesart zu Lukas 10 : 22 in
folgender Weise erklären: der wahre Gott war vor der Ankunft unseres Herren
niemandem bekannt gewesen, und der durch die Propheten verkündete Gott ist
nicht der Vater Christi. Diese Ansicht ist typisch alexandrinisch. Die Großkirche,
die den Vater Christi mit dem Herrn der Juden zu einem einzigen Gott
verschmolzen hatte, hat [25] die kanonische Lesung anstelle der ursprünglichen
eingefügt. Die griechisch-jüdische Theosophie, der Hintergrund für Cerinthus,
Basilides, Valentinus und Marcion, konnte dem Philo nicht beipflichten, wo
dieser Platons guten Vater mit dem grimmigen Herrn des Moses gleichgesetzt.[47] Die Geringschätzung der Gnosis für den Herrn der Juden
machte es unmöglich, ihn als das allerhöchste Wesen anzuerkennen. Die
Kirchenleute dachten darüber ganz anders nach dem Zeugnis des Irenäus, der in
seiner ‚Epideixis (=Beweis) der apostolischen Predigt’ (99) lehrt:
„Man soll Gott den Vater nicht unterscheiden von unserm Schöpfer, wie die
Sektierer meinen, die den Seienden Gott verschmähen, um das Nicht-Seiende zu
ihrem Abgott zu machen; sie bilden sich einen Vater ein, hoch erhaben über
unsern Schöpfer, und so wähnen sie dann, etwas Größeres gefunden zu haben
als die Wahrheit. Dieser Art sind alle Gottlosen, die ihren Schöpfer und Vater
lästern, wie wir es aufgezeigt haben in unserer Widerlegung und Bloßstellung
der sogenannten Gnosis.“ So etwas kann man getrost ein Musterbeispiel
klerikaler Ketzerbekämpfung nennen!
Während
man in Lukas 15 : 10 liest: „... ist Freude bei den Engeln Gottes über einen
Sünder, der Buße tut“, hat Marcion in seinem Text „den Engeln“ nicht;
die Freude ist bei Gott.
Selbstverständlich sagen seine Gegner, dass er absichtlich, tendenziös die
Engel weggelassen hat. Ihm zufolge hat ja allein der niedrigere Gott, der Schöpfer,
Engel. Aber sogar G. KITTEL[48] erkennt, dass auch
„Paulus“ dazu neigt, eine gewisse Minderwertigkeit der Engel zu lehren, so
in Gal. 3 : 19 und Hebr. 2 : 2, derart, dass sie es eigentlich sind, die
das jüdische Gesetz auferlegt haben, denn es kommt nicht vom Gott Jesu Christi.
Eng verbunden mit dieser Vorstellung steht auch die paulinische Ansicht, dass in
der vorchristlichen Zeit die Menschheit unter der Herrschaft der ärmlichen und
schwachen Geister der Elemente, halbgöttlicher Wesen, gestanden habe. Nach Irenäus
I 24, 5 lehrten die Anhänger des Basilides, dass das Weltall von Engeln
geschaffen wurde, deren Oberhaupt der Gott der Juden sei. Darin äußert sich
die gnostische Verachtung der Schöpfung. Basilides selber[49]: die Schöpfung möchte die Söhne
Gottes (die auserwählten [26] Christen) gern loswerden; sie leidet unter deren
Anwesenheit; sobald sie aufgefahren sein werden, wird die große Unwissenheit über
den Kosmos kommen. Saturnilus von Antiochia lehrte, der Gott der Juden sei einer
der Engel, welche die Welt gemacht hätten; über ihn stünde der bei allen
unbekannte Vater von allem. Jesus „unser Herr und Heiland“ sei von oben aus
der Höchsten Macht gekommen, um den Gott der Juden zu Fall zu bringen und
diejenigen zu erhalten, die an ihn glaubten. Nach Simon Magus[50] haben die Engel und die
niederen Mächte die Welt erschaffen.
Das Gleichnis des verlorenen Sohnes (Lk. 15 : 11–32) scheint Marcion
nicht gekannt zu haben. So beschreibe ich das Fehlen lieber, als dass ich die übliche
Unterstellung verwenden würde: er hat es gestrichen. Wozu sollte er das getan
haben? Dem Evangelisten Johannes, der den verlorenen Sohn genauso wenig erwähnt,
wirft man so etwas niemals vor. Gerade weil in diesem Gleichnis Gottes Mitleid
mit Menschen beleuchtet wird, hätte Marcion es sehr gut verwenden können.
Hieraus geht wieder einmal hervor, dass ein Vergleich seines Werkes mit dem
kanonischen Lukas ein Anachronismus ist, er repräsentiert eine ältere Phase
der Evangelienschreibung. Das geht auch daraus hervor, dass er im Gegensatz zu
Lukas 18 : 31–33 die Ankündigung von Jesu Leiden und Sterben nicht als Erfüllung
jüdischer Prophetie wiedergibt, oder auch dadurch, dass er in der Zachäuserzählung
(19 : 9) die Worte „weil auch er ein Sohn Abrahams ist“ nicht hat. Man
braucht weiter die Erzählung über die Emmausjünger in Lk. 24 nur zu lesen, um
zu begreifen, dass Marcion die alttestamentlichen Texte, die sich auf den
irdischen jüdischen Messias beziehen, der noch kommen musste (vs. 27), genauso
wenig hatte wie die Verse 44–46, in denen es heißt, die jüdische Schrift sei
in Jesus Christus erfüllt worden. Die Verse 39f., die einen echt katholischen
Beweis für den Christus nach dem Fleische liefern sollen, fehlten aus
selbstverständlichen Gründen beim Häretiker.
In Marcions Evangelium trank der Heiland keinen Wein und aß kein
Fleisch. Daraus spricht der Geist des allerältesten Christentums, der in Rom
verwässert wurde[51]. Die kanonischen Evangelien
beweisen dies, wo der Gegensatz aufgezeigt wird zwischen dem Täufer, dem weder
Essenden noch Trinkenden, [27] und Jesus, der aß und trank[52]. Der katholische Autor lässt
Jesus dann auch Fleisch essen und Wein
trinken bei einem jüdischen Paschamahl[53]. Die echt kirchlichen
Pastoralbriefe polemisieren gegen Häretiker, die die Ehe und gewisse Speisen
und Getränke verbieten.
Tertullian (IV 17) und auch Harnack (S. 127) haben sich darüber
gewundert, dass Christus[54]
nicht unzweideutig einen neuen Gott
predigte. Tertullian[55]
erklärt dies so: das überlieferte Evangelium erlaubte es nicht,
Christus die öffentliche Verkündigung zweier
Götter zuzuschreiben. Dieser habe nämlich seine Geduld und Langmut beweisen
wollen: er erlaubte es dem Aussätzigen, sich dem Priester zu zeigen (IV 9); er
wies diejenigen nicht zurecht, die wegen der von ihm erwirkten Wunder den
Weltenschöpfer priesen (IV 18); er duldete Missversständnisse seiner Anhänger,
sogar das große Missverständnis des Petrus bei dessen Glaubensbekenntnis (IV
21). Dasselbe gilt auch für Lk. 12 : 22, weswegen
Marcion gesagt haben soll: Christus, der Verachter des Schöpfers, will
nicht, dass man sich über Frivoles (wie Nahrung und Kleidung) Gedanken macht;
im Widerspruch dazu hat er in Lk. 12 : 30f. stehen lassen: „euer Vater aber
weiss, dass ihr dies benötigt. Trachtet jedoch nach seinem Reich! Und dies wird
euch hinzugefügt werden“. Nicht einmal bei seinem Verhör hat Jesus
ausgesagt, er sei der Sohn eines anderen Gottes, „damit er leiden könne“ (
IV 41). Die weltbeherrschenden Mächte mussten offensichtlich unwissend bleiben
über seine Gottessohnschaft, – sie hätten sie sonst verhindern können; so
waren sie hereingefallen.
Meine Frage lautet ein weiteres Mal: Was hätte den rücksichtslos
streichenden und willkürlich ändernden Marcion daran hindern können, für die
oben genannten, für ihn wirklich anstößigen Stellen seinen berüchtigten
Schwamm zu verwenden? Ist hier nicht deutlich erkennbar, dass er persönlich
eine marcionitischere Einstellung hatte als seine Heilige Schrift?
Marcion lehrte im Stile der Stoiker die
apatheia Gottes; Gott kennt keine Gefühlsregungen.
Wäre Gott zornig [28] und eifersüchtig, würde er aufbrausen oder verbittert
sein, so wäre er geschwächt und würde auch sterben (II 16). Dann kann aber
das Alte Testament keine Offenbarung Gottes sein. Marcions Gott ist Tertullian
(II 27) zufolge „der Gott der Philosophen“, von dem wiederum
er nichts wissen will. Dennoch
will auch Tertullian seinen Gott von Gemütsregungen frei halten, meint aber,
dass man deshalb das Alte Testament nicht aufgeben müsse, indem alle scheinbar
anstößigen Stellen nur auf den Logos zu beziehen seien, der seinem Wesen nach
geringer sei als Gott. Der Dualismus der gegensätzlichen Götter, des
guten und des gerechten, ist bei diesem Gegner Marcions[56] noch nicht überwunden. Zeigt
sich hier nicht wiederum, dass dieser Gegensatz in der
vorkatholisch-christlichen Vorstellungswelt zuhause war?
[1] „Marcion, das Evangelium vom fremden Gott”, 2. Aufl., Leipzig 1924, S. 135
[2] H. Windisch, „Der zweite Korintherbrief“, Göttingen 1924 [3] a. a. O., S. 135
[4] Vgl. Hippol. VII 33; 10 : 21; Iren. I 26, 1; Epiphan. 28, 1 [5] Vgl. Walter Bauers Kommentar zum Johannesevangelium, Tübingen, 1933, S. 127ff.
[6]
„Christus und die Kirche im Epheserbrief“ („Beiträge zur
historischen Theologie“.5). Tübingen 1920. S. 66
[7]
„Kyrios Ièsous: Eine
Untersuchung zu Phil. 2 : 5–11“. Heidelberg 1928. Vgl. seinen
„Meyerkommentar“ zu Phil., Göttingen 1928 und meine Rezension in
„N.T.T.“ 1928, S. 250ff.
[8]
Heinrich Schlier, „Christus und die Kirche im Epheserbrief“
(„Beiträge zur historischen Theologie 6“). Tübingen 1930
[9]
Vgl. K. Müller in “Nachrichten der Göttinger Gesellschaft der
Wissenschaften, phil.-hist. Klasse”, 1920, S. 179
[10]
A. a. O., S. 89
[11]
A. a. O., S. 40ff.
[12]
so Harnack, Marcion, S. 51
[13]
A.a.O.
[14]
Marcion, S. 109
[15]
A.a.O., S. 49
[16]
Tertullian, IV 10
[17]
IV 11
[18]
A.a.O., S. 49
[19]
A.a.O., S. 164
[20]
S. 165
[21]
A.a.O.
[22]
Haer. III, 1, 1
[23]
III, 14, 1
[24]
III, 10, 1
[25]
“L’Evangile selon Luc”, Paris 1924, p. 10–12
[26]
S. „G.S.” XVIII, S. 28ff.
[27]
Raschke, “Die Werkstatt des Markusevangelisten“, Jena 1924, S.
34. Das gnädige Nicken, mit dem Harnack Raschkes Werk „ein durch Fleiß
ausgezeichnetes Buch“ nennt, wird dem Autor vergällt durch die Hinzufügung
„aber ganz unbrauchbares“. Aber gerade im Hinblick auf Harnacks
„Marcion“ steht Raschke in einer besonders starken Position, wie es
diese süßsaure Beurteilung ausreichend aufzeigt. Hätte Harnack dieses
‚Unbrauchbare’ ernsthaft in Gebrauch genommen, die 2. Auflage seines
„Marcion“ hätte dabei gewonnen. (Siehe S. 246, Anm. 1).
[28]
Raschke, S. 73f.
[29]
„Marcions Paulusbrief an die Römer nach Epiphanius“, in
„Abhandlungen und Vorträge herausgegeben von der Bremer
wissenschaftlichen Gesellschaft“, Heft 2/3, Jahrgang 1, S. 129, Dez. 1926,
Bremen, Car Schünemann Verlag, S. 139
[30]
„Zeitschrift für Kirchengeschichte“, 42, S. 202–203
[31]
„L’Evangile selon Luc“. Paris, 1924, p. 62
[32]
Man vergleiche die Kommentare von Loisy (s.o.), E. Klostermann in
Lietzmanns „Handbuch“, 2. Aufl. Tübingen, 1929; zu empfehlen ist auch
Gottfried Erdmanns „Die Vorgeschichten des Lukas- und Matthäusevangeliums
und Vergils vierte Ekloge“, Göttingen, 1932
[33]
„Eranos-Jahrbuch“, 1936, S. 351f.
[34]
„Marcion“, 2. Aufl., S. 204f.
[35]
In „La Nouvelle Revue Française“. 27. année, No. 312, 1er Sept.
1939, p. 413
[36]
S. P.-L. Couchoud,
„L’ Evangile de Marc a été écrit en latin“, in „Premiers écrits
du Christianisme“ par G. A. van den Bergh van Eysinga, Paul-Louis
Couchoud, Robert Stahl. Paris – Amsterdam 1930. Couchoud nimmt an, wie
bereits Ephraem der Syrer im 4. Jht., dass das Markusevangelium in Rom in
lateinischer Sprache abgefasst wurde.
[37]
S. 389
[38]
ed. J. M. Schmid, 1900, S. 176
[39]
„Godsdienstwetenschappelijke Studies“, XI, S. 34f.
[40]
Raschke, S. 71
[41]
Vgl. meinen Aufsatz in „Nieuw Theologisch Tijdschrift“, 1933, S.
237–248
[42]
Vgl. Tertullian I 19; IV 7
[43]
„Marcion“, S. 206
[44]
II 14, 7; vgl. I 20, 3
[45]
Vgl. E. Norden, „Agnostos Theos“, Berlin 1913, S. 277ff.;
Johannes Weiss, in „Neutestamentliche Studien Georg Heinrici
dargebracht“, 1914, S. 120ff.
[46]
IV 6, 1
[47]
Vgl. Bolland, „De Theosophie in Christendom en Jodendom“, Leiden
1910, S. 27
[48]
in „Theologisches Wörterbuch zum Neuen Testament“, I 84
[49]
Siehe Hippol. VII 27
[50]
a.a.O. VI 19
[51] vgl. Röm. 14 : 2, 17
[52] Matth. 11 : 18f.)
[53] Darüber findet man das Nötige in: G.
W. Wolthuis, „Wijsbegeerte van den Godsdienst, bewerkt naar dictaten,
geschriften en brieven van prof. Bolland, Leiden 1923, S. 89ff. [54] Im Original steht hier „Marcion“ – wohl ein Flüchtigkeitsfehler. [55] Im Original steht hier ‚Harnack’ – wohl ein Flüchtigkeitsfehler.
[56] Vgl. Max Pohlenz, „Vom Zorne
Gottes“, Göttingen 1909, S. 28
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