|
Die
Paulusbriefe
in der
Holländischen Radikalkritik
Hermann Detering, Berlin
Die
Kenntnis der Holländischen Radikalkritik und ihrer Vertreter
ist heute nicht sehr weit verbreitet.[1]
Selbst bei vielen neutestamentlichen Wissenschaftlern
besteht darüber Unwissenheit. In den meisten
neutestamentlichen Kommentaren und Einleitungen
werden die holländischen Radikalkritiker nur selten erwähnt.
In der bekannten neutestamentlichen Einleitung von
W.G. Kümmel
erfährt man lediglich, daß es sich hierbei um eine
theologische Schule handelt, deren Vertreter dem Apostel
Paulus auch die sog. Hauptbriefe absprachen und "sie als
Niederschlag antinomistischer Strömungen aus der Zeit um 140
n Chr erklärten."[2]
Über die dabei von den Kritikern vorgebrachten Argumente
erfährt man freilich nichts.
Nur die
englischen und amerikanischen Leser haben es etwas besser,
weil sie sich anhand der Encyclopaedia Biblica
und der
darin enthaltenen Beiträge des holländischen
Radikalkritikers Van
Manen immer noch aus erster Hand informieren können.[3]
Die
allgemeine Unkenntnis über die holländischen Radikalkritik
und deren Vertreter ist um so befremdlicher, als es sich bei
den von ihnen aufgeworfenen und behandelten Problemen
keineswegs nur um Randfragen der neutestamentlichen
Wissenschaft handelt, sondern um deren Zentrum: Als
Holländische Radikalkritik pflegt man eine im 19.
Jahrhundert aufkommende Richtung innerhalb der
niederländischen ntl. Wissenschaft zu bezeichnen, deren
Vertreter sich bemühten, zwei bis heute gültige Axiome der
neutestamentlichen Wissenschaft außer Kraft zu setzen. Sie
bestritten a) die historische Existenz Jesu von Nazareth
und/oder b) die Echtheit sämtlicher Paulusbriefe. Das
und/oder weist bereits darauf hin, daß nicht immer
beide Thesen gleichzeitig vertreten wurden. Der
Radikalkritiker Van
Manen beschränkt sich in seinen Untersuchungen nur
auf den Nachweis der Unechtheit sämtlicher Paulusbriefe,
ohne die Historizität Jesu anzutasten, während sein Schüler
Van den Bergh van
Eysinga in seinen zahlreichen Schriften immer beide
Thesen verfocht.[4]
Die
Bezeichnung Radikalkritiker bzw. Radikale
(später kamen noch die Bezeichnungen Hyperkritiker
oder Ultratübinger hinzu) haben sich die Vertreter
der obengenannten Position(en) nicht selber beigelegt, sie
ist ihnen vielmehr "von fachgenössischer Seite ... wohl
nicht ohne Sarkasmus beigelegt" worden, "weil sie angeblich
nicht nur die wilden Äste der Überlieferung, sondern auch
ihre Wurzel zu zerstören beabsichtigten."[5]
Dennoch haben die damit bezeichneten niederländischen
Kritiker diesen Begriff übernommen und versucht, ihm einen
positiven Sinn zu geben. Sie wollten sich gerne als
"Radikalkritiker" bezeichnen lassen, sofern mit radikaler
Kritik eine nicht an der Oberfläche steckenbleibende,
sondern zu den radices, zu den Wurzeln vordringende
Kritik gemeint sei. Die niederländischen Wissenschaftler
vertraten die Ansicht, daß eine echte wissenschaftliche
Untersuchung gar nicht "weit genug" gehen könne bzw. wie
Van Manen
sagte: "There ist nothing a priori 'too far' in this field."[6]
Aus
heutiger Sicht scheint es allerdings, daß der sowohl von den
holländischen Wissenschaftlern selber als auch ihren Gegnern
verwendete Begriff "Radikalkritiker" den damit bezeichneten
Wissenschaftlern eher geschadet als genutzt hat. M.E. hat
auch die Tatsache, daß der Begriff des "Radikalismus" bis
heute für viele Menschen mit politischem oder religiösem
Extremismus belastet ist, dazu beigetragen, daß viele
Wissenschaftler von einer unvoreingenommenen Beschäftigung
mit dem Werk der Niederländer abgehalten werden. In jedem
Fall weckten und befestigten die Begriffe Radikalkritik,
Radikalkritiker usw. in der Vergangenheit Vorurteile -
und davon sind leider auch Wissenschaftler nicht ganz frei.
Diejenigen, die sich ungeachtet solcher Vorurteile,
unvoreingenommen mit der wissenschaftlichen Arbeit und den
Ergebnissen der holländischen Radikalkritiker
auseinandersetzten, haben dies in der Regel nicht bereut.
Wer sich die Mühe macht, sich mit dem - heute nicht mehr
ganz leicht zugänglichen und inzwischen weithin vergessenen
- Werk der holländischen Radikalkritiker näher zu
beschäftigen, wird reichlich belohnt. Er lernt, die
urchristliche Welt aus einer neuen, völlig ungewohnten
Perspektive zu betrachten. Er muß anerkennen, daß die
niederländischen Forscher das wissenschaftliche Handwerk der
historisch-kritischen Methode souverän beherrschten. Selbst
für den, der ihren Ergebnissen am Ende nicht zustimmt,
bleibt der Eindruck einer einzigartigen Konzeption, die bis
heute geeignet scheint, die wissenschaftlichen Diskussion zu
bereichern und zu befruchten.
Einer der
ersten, der die wissenschaftliche Bedeutung der
Holländischen Radikalkritiker erkannte, war der bekannte
deutsche Theologe
Albert Schweizer.
Schweizer hat
den holländischen Gelehrten seinen Respekt nicht versagt. In
seiner Geschichte der paulinischen Forschung, die ein
bis heute lesenwerte Zusammenfassung der radikalkritischen
Thesen enthält, spricht er von den Holländern als von denen,
die "des Fragens nicht vergaßen, als es für die übrige
Theologie außer Mode gekommen war."[7]
Wie
bereits aus der Themenstellung dieses Aufsatzes hervorgeht,
möchte ich mich darin nur mit einem Aspekt der
wissenschaftlichen Arbeit der holländischen Radikalen
befassen, dem ihrer Kritik der paulinischen Briefe.
Hierbei handelt es sich zweifellos um ein Spezifikum der
holländischen Radikalkritiker. Radikale Theologen, die die
Existenz Jesu leugneten, gab es in der ersten Hälfte dieses
Jahrhunderts auch anderswo (in Deutschland u.a.
A. Drews[8]
und A. Kalthoff[9],
in England E. Johnson[10]
und A. Robertson[11],
in Amerika W.B. Smith[12]),
aber solche, die es wagten, die Echtheit sämtlicher
Paulusbriefe zu bestreiten und dafür auch noch plausible
Argumente zur Hand hatten, vor allem in Holland.[13]
Auf
welchem Wege waren nun die holländischen Wissenschaftler zu
ihren Resultaten gelangt, die auf die Theologenwelt bis
heute schockierend, irritierend und befremdlich wirken?
Die
Holländische Radikale Kritik der Paulusbriefe hatte eine
Vorgeschichte, die über die Grenzen der Niederlande
hinausreicht. In England hatte der Theologe
Edward Evanson (1731-1805) bereits im Jahre 1792 ein Werk
verfaßt, in dem er es unternahm, die Echtheit eines der
später als "Hauptbriefe" bezeichneten Briefe des Corpus
Paulinum, des Römerbriefes, anzutasten. In seinem Buch
The dissonance of the four generally received evangelists
and the evidence of their respective authenticity, das
1796 auch ins Holländische übertragen wurde und
Van Manen
bekannt war, bringt
Evanson einige bis heute bemerkenswerte Argumente
gegen die Echtheit des Römerbriefs (sowie Eph, Kol, Phil,
Tit und Phlm) vor.
Evanson geht dabei vor allem von den dissonances
aus, die sich für ihn aus dem Vergleich der eben erwähnten
paulinischen Briefe mit der Apostelgeschichte ergeben.[15]
In
Deutschland war der Begründer der sog. Tübinger Schule,
F.C. Baur (1792-1860), der erste, der nicht nur die
Pastoralbriefe, sondern auch den Kolosserbrief,
Epheserbrief, Philemonbrief und selbst den Philipperbrief
für unecht erklärte. Für
Baur galten nur
noch vier Briefe, die sog. "Hauptbriefe", als paulinisch:
der Römerbrief, die beiden Korintherbriefe und der
Galaterbrief.[16]
Obwohl
Baur den meisten deutschen Kritikern damit zu weit
gegangen war und sie sich in der Folgezeit wieder um den
Nachweis bemühten, daß auch I Thess, Phil und Phlm echte
paulinische Schreiben seien, gab es einen radikalen
Kritiker, dem Baur
nicht weit genug gegangen war: der
Hegel-Schüler
Bruno Bauer (1809-1882). In seiner 1850-1852
erschienenen Kritik der paulinischen Briefe[17]
bestritt Bauer die Echtheit sämtlicher Paulusbriefe und
bezeichnete diese als Produkte des "christlichen
Selbstbewußtseins" im 2. Jahrhundert, von mehreren
Schriftstellern verfaßt.
Die
Hauptargumente gegen die Echtheit waren für
Bauer die vor
allem in den Korintherbriefen mit Händen zu greifende
Beeinflussung durch die Gnosis, die für
Bauer in das 2.
Jahrhundert gehörte, sowie die von ihm beobachtete
Abhängigkeit des Verfassers der Briefe von dem Verfasser des
Lukasevangeliums und der Apostelgeschichte. Des weiteren
bemerkte Bauer
auch in den sog. "Hauptbriefen" eine Reihe von inhaltlichen
Widersprüchen, stilistischen Fehlern und formalen
Unzulänglichkeiten, die er als Indiz für deren Unechtheit
ansah. - Bauer,
der zugleich die historische Existenz Jesu bestritt, stellte
für die Theologenwelt in Deutschland eine arge Provokation
dar und wurde im Jahre 1842 als Dozent der Theologie seines
Amtes enthoben.[18]
Während
das Werk Bauers
in Deutschland bald in Vergessenheit geriet, begann sich
noch zu dessen Lebzeiten an einigen niederländischen
Universitäten eine theologische Schule zu etablieren, die
sich mit seinen Thesen teils in Anknüpfung, teils in
Ablehnung auseinandersetzte: die Holländische
Radikalkritik. Zu den Vertretern der Schule gehören
unter anderem der bekannte Theologe, Kunst- und
Literaturgeschichtler
Allard Pierson (1831-1896), sein Freund, der
Altphilologe Samuel
Adrianus Naber (1828-1913), der Amsterdamer
Theologieprofessor
Abraham Dirk Loman (1823-1897), der Leidener Gelehrte
Willem Christiaan van Manen (1842-1905) und der ebenfalls aus
Leiden stammende Philosoph
G.J.P.J. Bolland
(1854-1922). Der letzte Ausläufer und Vertreter der
Radikalkritik in diesem Jahrhundert ist der Theologe
Gustaaf Adolf Van den Bergh van Eysinga gewesen (1874-1957).
Den
Anfang der holländischen Radikalkritik sieht man gewöhnlich
in der Veröffentlichung von
Piersons
Bergrede im Jahre 1878, ein Werk, in dem bereits sowohl
die historische Existenz Jesu als auch die Echtheit der sog.
Hauptbriefe bezweifelt wird. Merkwürdigerweise wird in
diesem Werk Piersons ebenso wie in den 1886 entstandenen,
zusammen mit seinem Freund S.A. Naber in lateinischer
Sprache verfaßten Verisimilia nirgendwo der Name Bruno
Bauers erwähnt. Dennoch kann kaum ein Zweifel daran
bestehen, daß Pierson das Werk Bauers kannte und von ihm
beeinflußt wurde.TC " Naber in lateinischer Sprache
verfaßten Verisimilia nirgendwo der Name Bruno Bauers
erwähnt. Dennoch kann kaum ein Zweifel daran bestehen, daß
Pierson das Werk Bauers kannte und von ihm beeinflußt
wurde."
Der erste
niederländische Wissenschaftler, des es wagte, ausdrücklich
an Bruno Bauer
anzuknüpfen, war der Amsterdamer Theologe A.D. Loman. Drei Jahre nach Erscheinen der Bergrede,
am 13. Dezember 1881, hielt der seit 1874 erblindete
Loman im Haus der Vrije Gemeente in Amsterdam einen Vortrag
über das Über das älteste Christentum[19],
der bei den Zuhörern einen Sturm der Entrüstung auslöste.
Loman
behauptete darin, daß das Christentum seinem Ursprung nach
nichts anderes gewesen sei als eine jüdisch-messianische
Bewegung. Die Gestalt Jesu sei eine Symbolisierung und
Personifizierung von Gedanken, die sich erst im 2.
Jahrhundert vollständig durchsetzen konnten. Zu der frühen
jüdisch-christlichen Messiasgemeinde habe sich später noch
eine gnostische Messiasgemeinde hinzugesellt. Beide Gruppen
hätten sich in der Zeit von 70-135 n. Chr. in erbitterter
Feindschaft gegenübergestanden. Erst in der Mitte des 2.
Jahrhunderts sei es zu einer Versöhnung dieser Gruppen
gekommen, von denen die erste Petrus, die zweite Paulus zum
Repräsentanten hatte. Das Resultat des Versöhnungsprozesses
sei der römische Katholizismus gewesen.
Eine
entscheidende Voraussetzung für
Lomans Thesen
ist wie bei Bruno
Bauer die Unechtheit sämtlicher Paulusbriefe.
Loman sieht in
ihnen Produkte gnostischer Messiasgemeinden im 2.
Jahrhundert. Er bemüht sich in der Folgezeit darum, dafür
den historischen Nachweis zu führen. Dies geschieht in einer
Reihe von Aufsätzen, die in der renommierten holländischen
Theologenzeitung, der Theologisch Tijdschrift, unter
dem Titel Quaestiones Paulinae erscheint (1882-1886).
Loman geht
darin vor allem den sogenannten argumenta externa
nach, d.h. den Argumenten, die sich aus der Betrachtung der
Wirkungsgeschichte der paulinischen Briefe im 1. und 2.
Jahrhundert für die Unechtheit der Paulusbriefe ergeben. Das
Ergebnis ist nach
Loman eindeutig: Die Existenz von paulinischen
Briefen im 1. und selbst gegen Anfang des 2. Jahrhunderts
kann nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden. Selbst vom
katholischen Theologen Justin in der Mitte des 2.
Jahrhunderts werden keine Paulusbriefe erwähnt. So bleibt -
nach Abzug des 1. Clemensbrief und der 7 Ignatiusbriefe, die
von Loman (mit
den meisten Gelehrten seiner Zeit) als Fälschungen aus der
Mitte des 2. Jahrhunderts betrachtet werden - der Ketzer
Marcion als erster und wichtigster Zeuge für die
Existenz paulinischer Briefe. Aufgrund dieses Befundes legt
sich für Loman
die Vermutung nahe, daß die paulinischen Briefe der
katholischen Seite aus ketzerischen (marcionitischen?)
Kreisen zugeflossen sein könnten.
Der
Leidener Gelehrte W.C.
Van Manen[20]
war durch Lomans Quaestiones Paulinae nicht von der Unechtheit
sämtlicher Paulusbriefe überzeugt worden und blieb lange
Zeit dessen
erbittertster Gegner.
Van Manens Kritik enzündete sich vor allem daran, daß
Loman in seinen
Arbeiten der äußeren Bezeugung der Paulusbriefe (argumenta
externa) zu viel Gewicht beimaß und die argumenta
interna, d.h. solche Argumente, die sich aus der
Eigenart der paulinischen Briefe, ihren inneren
Widersprüchen, historischen Unwahrscheinlichkeiten etc.
ergeben, zu sehr vernachlässigt hatte. Immerhin hatte
Van Manens
wissenschaftliche Arbeit durch die Anstöße von
Loman,
Pierson und
Naber
inzwischen eine Richtung genommen, die ihn im Laufe der Zeit
selber immer näher an seine einstigen Gegner heranbringen
sollte. Am Ende gelangte auch
Van Manen,
wenngleich auf einem ganz anderen Weg als
Loman, zu der Erkenntnis der Unechtheit sämtlicher
Paulusbriefe.
Kurz vor
seinem endgültigen Wechsel in das radikale Lager
veröffentlichte Van
Manen 1887 eine bemerkenswerte Studie[21],
in der er sich dem Problem der marcionitischen Rezension der
Galaterbriefes widmet. Das Interesse
Van Manens an
dem Thema Marcion erklärt sich zweifellos durch die
Beschäftigung mit
Lomans Quaestiones Paulinae. Wie
erwähnt, war Loman darin zu dem Ergebnis gekommen, daß die
Existenz von paulinischen Briefen vor der Mitte des 2.
Jahrhunderts nicht nachgewiesen werden könne. Damit war das
Interesse an dem ersten unbezweifelbaren Zeugen der
Paulusbriefe geweckt, dem 144 n.Chr. in Rom exkommunizierten
"Erzketzer" Marcion, der von den Kirchenvätern beschuldigt
wurde, nicht nur das Lukasevangelium, sondern auch die
Paulusbriefe im Interesse seiner dualistisch-gnostischen
Theologie verfälscht zu haben.
Van Manen will
diesen von den Kirchenvätern erhobenen und von den Theologen
bis heute nachgesprochenen Vorwurf in seiner Untersuchung
anhand des Galaterbriefes überprüfen. Treffen die
Anschuldigungen der Kirchenväter zu? Oder könnten nicht
vielmehr die damaligen Marcioniten recht gehabt haben, wenn
sie den Vorwurf zurückwiesen und umgekehrt die katholischen
Christen der Verfälschung der paulinischen Briefe
beschuldigten?
Das
Ergebnis, zu dem Van
Manen in seinem Aufsatz gelangt, ist insofern
überraschend, als er gegen das Urteil der Kirchenväter und
gegen den bisherigen Konsens der Theologen die größere
Ursprünglichkeit der marcionitischen Rezension des
Galaterbriefes behauptet. Nach einer eingehenden Überprüfung
des Textbefundes ist für
Van Manen klar: Nicht Marcion bzw. die Marcioniten haben den
Galaterbrief gekürzt, sondern die Katholiken bzw.
katholische Redaktoren haben Textpassagen hinzugefügt und
verändert. Marcions Ausgabe des Galaterbriefes war in jedem
Fall älter und ursprünglicher als die kanonische Rezension.
Hierbei handelt es sich um eine katholische Überarbeitung
des marcionitischen Textes.
Van Manen
erklärte zu Anfang seiner Untersuchung, daß es sich dabei um
einen Beitrag zur Frage nach der Echtheit der Hauptbriefe
handele. Tatsächlich müßte das Ergebnis der Untersuchung
Konsequenzen für die Beurteilung der Echtheitsfrage haben:
Wenn Marcion nicht nur der erste Zeuge für die Existenz von
Paulusbriefen war, sondern darüberhinaus zugleich den
ältesten und ursprünglichen Text der Briefe besaß, so könnte
dies leicht als ein weiteres Argument für die schon von
Loman geäußerte
Vermutung angesehen werden, daß es sich bei den paulinischen
Briefen insgesamt um Fälschungen aus marcionitischen
Kreisen handele, die erst später - nach entsprechender
Überarbeitung - in den Besitz der katholischen Kirche
gelangten. An diesem Punkte der Untersuchung wäre Raum für
weitergehende Fragen und Spekulationen. Mit einigen
Radikalkritikern wäre z.B. zu erwägen, ob das Verhältnis
Paulus-Marcion nicht umgekehrt bestimmt werden müßte als
bisher. Marcion wäre dann kein Schüler des Paulus, sondern
die Gestalt des "Paulus" wäre in Wahrheit ein Kind des
Marcionitismus gewesen, mit dessen Hilfe die Marcioniten
ihre Theologie und Lehre in die apostolische Vergangenheit
projizierten, um sich in den theologischen Kämpfen des 2.
Jahrhunderts zu legitimieren.
Tatsächlich gab es neben
Van Manen
Radikalkritiker, die die Frage im letzten Sinn
beantworteten. Zu ihnen gehörte z.B. der niederländische
Altphilologe S.A.
Naber. Dieser kommt in seinen lateinisch verfaßten
Nuculae zu dem Ergebnis, daß die paulinischen Briefe "ortas
esse in Cerdonis vel Marcionitarum scholis" ("in den Schulen
Kerdos[22]
oder Marcions entstanden seien"[23]).
Van Manen
selber hat diese Konsequenz weder in dem erwähnten Aufsatz
noch in späteren Arbeiten gezogen. Während er in seiner
Untersuchung zum marcionitischen Galaterbrief der eingangs
gestellten Frage nach der Echtheit des Galaterbriefes am
Ende ausweicht, besteht er in seiner 1891 erschienenen
Römerbrief-Untersuchung darauf, daß "die Vermutung nicht
zugelassen werden" kann, "daß 'Paulus' sein Entstehen den
Marcioniten zu verdanken habe. In diesem Falle, dürfen wir
hinzufügen, würden jene Leute wohl dafür gesorgt haben, daß
ihr Patron in allen Hinsichten mehr ihr Vorbild heißen
konnte."[24]
Bei der Frage nach der Verfasserschaft der Briefe sei nach
Van Manen
vielmehr an eine paulinische Schule (allerdings ohne
Paulus!) zu denken. Deren Theologie dürfe nicht ohne
weiteres mit der des späteren Marcionitismus identifiziert
werden, da dieser nur eine einseitige Fortentwicklung bzw.
Entartung desselben darstelle. Dies schließt nach
Van Manen nicht
aus - insofern bleibt er seinem frühen Ansatz treu - daß
wenigstens im Hinblick auf Röm und Gal an "a catholic
adoption of a letter previously read in the circle of the
Marcionites" zu denken sei.[25]
Nachdem
Van Manen in den Jahren 1887/88 endgültig zum Radikalismus
"bekehrt" worden war, folgten hintereinander drei
umfangreiche Untersuchungen zur Apostelgeschichte und den
paulinischen Briefen (Paulus I: Apostelgeschichte; Paulus
II: Römerbrief ; Paulus III: 1./2. Korinterbrief), die
seinen Namen über die Niederlande hinaus bekannt machen und
untrennbar mit der Holländischen Radikalkritik verbinden
sollten.[26]
Van Manen geht
darin sehr viel intensiver als
Loman auf die von diesem vernachlässigten argumenta
interna für die Unechtheit der paulinischen Hauptbriefe
ein. Vor allem die Literarkritik bot ihm, wie wir noch sehen
werden, ein willkommenes Betätigungsfeld für seine
ausgezeichnete Kombinationsgabe.
Van Manen
hatte mit seinem Werk die Grundlage für eine kompetente und
fruchtbare Diskussion der Echtheit sämtlicher Paulusbriefe
geschaffen. Dennoch kam diese kaum zustande. Das Echo auf
Van Manens
Thesen blieb sowohl in den Niederlanden als auch im Ausland
schwach.[27]
Daß die
Rezeptionsgeschichte der Radikalen Kritik über weite
Strecken die Geschichte ihrer Nichtkenntnisnahme war, mußte
auch der Schüler Van
Manens, G.A.
van den Bergh van Eysinga, Professor für Neues
Testament in Utrecht und Amsterdam, erfahren. Man hat den
als den "Großmeister der Radikalkritik"[28]
bezeichnet - nicht ganz zu Unrecht:
Van den Bergh van
Eysinga verstand es meisterhaft, die
Forschungsergebnisse seiner Vorgänger zu systematisieren und
zu popularisieren. Trotz eines umfangreichen
wissenschaftlichen Werkes war auch ihm kein Erfolg
beschieden. Die Geschichte der Holländischen Radikalkritik
ging mit seinem Tode im Jahre 1957 zu Ende. Einen Vertreter
der radikalen Schule hat es an den Universitäten nach
Van den Bergh van Eysinga in Holland nicht mehr gegeben.[29]
Zweifellos war Bruno
Bauer der große Anreger der Holländischen
Radikalkritik. Allerdings hatte sich
Bauer in seinem
wissenschaftlichen Werk trotz vieler genialer Einsichten
eine Reihe schwerer methodischer und formaler Fehler zu
schulden kommen lassen. Es ist das eigentliche Verdienst der
Holländischen Radikalkritik die radikalkritischen Ansätze
Bauers zum
ersten Mal auf eine wirklich wissenschaftliche Grundlage und
damit überhaupt erst wissenschaftlich "hoffähig" gemacht zu
haben.
Sowohl in Zielsetzung als auch Methode unterscheiden sich
die einzelnen Holländer mitunter recht stark voneinander.
Während Loman
einen ganz eigenen Weg geht, indem er mit der Untersuchung
der argumenta externa, war und blieb der
Ausgangspunkts Van
Manens in der Regel immer die Text- und
Literarkritik, die er mit einer grandiosen Virtuosität
handhabte. In allen größeren Untersuchungen der paulinischen
Briefe (Röm, 1/2 Kor) setzt
Van Manen stereopyp mit der Frage nach der Art des
Werkes, der Einheit des Buches und der Komposition des
Briefes ein, wobei vorwiegend literarkritische Fragen
abgehandelt werden. Das Ergebnis, zu dem er gelangt, ist
immer das gleiche: Wie die überall von
Van Manen
minuziös beobachteten Nähte und Brüche in der Textstruktur
zeigen, handelt es sich bei den Briefen nicht um Werke, die
in einem "aus einem Guß" gefertigt wurden, sondern um
"Flickenteppiche"[30],
die in einem längeren Zeitraum aus verschiedenen kleineren
Kompositionen zu einem relativ einheitlichen Ganzen
zusammengestellt wurden. Allen Briefen scheint eine
kürzere Ausgabe vorangegangen zu sein, die noch von
Marcion bezeugt wird.
Spricht bereits die Komposition aus verschiedenen
Textelementen gegen die Annahme, daß wir es mit echten
Briefen zu tun haben, so erst recht die zahlreichen
Hinweise auf eine spätere Zeit.
Van Manen geht
diesem Aspekt in dem dem Abschnitt über die Herkunft der
Briefe nach. Die in den Briefen entwickelten
theologischen Vorstellungen, die Verwandtschaft mit der
Gnosis, der Stand der Entwicklung der Gemeinden, die
Nachrichten von Christenverfolgungen, einzelne Rückblicke
auf Israels Verwerfung (z.B. Röm 9-11), Fehler in der
Briefform, die Existenz eines schriftlichen Evangeliums, das
vorausgesetzt wird, dies alles spricht nach
Van Manen
deutlich gegen die Entstehung der Briefe im 1. und für ihre
Herkunft aus dem 2. nachchristlichen Jahrhundert. Die
Untersuchung der Nationalitität des Briefschreibers
ergibt weiterhin, daß wir es aller Wahrscheinlichkeit nicht
mit einem Juden-, sondern mit einem bzw. mehreren
Heidenchristen zu tun haben, da - bei aller Nähe zum
Judentum - deutlich aus dem Bewußtsein des Nicht-Juden
argumentiert werde.
Van Manen rechtfertigt seine Thesen schließlich in
einem weiteren Abschnitt und entwickelt zum Schluß seine
Theorien über den vermutlichen Ursprung der Briefe sowie ihr
Alter. Van Manen
versetzt sie sämtlich in die erste Hälfte des 2. Jahrhundert
und sucht ihren Ursprung in einer paulinischen Schule
bzw. im Paulinismus, den er vom Marcionitismus als einer
einseitigen Fortentwicklung desselben abgrenzt. Der
Paulinismus hat sich für
Van Manen neben
bzw. nach dem Petrinismus entwickelt und mündet mit diesem
zusammen in den Katholizismus. Der historische Paulus soll
die Richtung nicht selber veranlaßt und auch keine Briefe
geschrieben haben, sondern nur als Patron dieser
Richtung fungiert haben. Im Paulinismus berief man sich dann
zur eigenen Legitimation auf seinen Namen und verfaßte unter
seinem Namen "Briefe", d.h. verschiedene zu einem Ganzen
vereinigte Lehrschreiben, in denen man die Anschauungen des
Paulinismus darlegte und gegen den Judaismus verteidigte.
Nach anfänglicher Skepsis sei Paulus auch von den (zwischen
Judenchristen und Paulinisten stehenden) Katholiken
akzeptiert worden. Seine Schriften seien schließlich (nach
entsprechender Umarbeitung) als autoritativ anerkannt und
kanonisisert worden.[31]
Die
Holländische Radikalkritik ist in ihrer Geschichte von ihren
Kritikern immer wieder totgesagt worden.[32]
Ob es sich hierbei um die ernsthafte Überzeugung der
Kritiker, um Wunschdenken oder um geschickte Taktik handelt,
ist schwer zu entscheiden. Mit etwas, was man für tot
erklärt, braucht man sich nicht auseinanderzusetzen. Es läßt
sich totschweigen. Entsprechend ist die holländische
Radikalkritik in ihrer Geschichte nicht nur totgesagt,
sondern auch totgeschwiegen worden.
Wie ich
in meiner Dissertation in dem Abschnitt über die Rezeption
der holländischen Radikalkritik[33]
gezeigt habe, ergibt sich die Aktualität der
radikalkritischen Paulusforschung aus dem einfachen
Sachverhalt, - daß sie bisher weder zureichend rezipiert
noch sachgemäß widerlegt wurde. Die Anstöße, die die
Holländer gegeben haben, sind weitgehend unbeantwortet
geblieben. Viele der von ihnen aufgeworfenen Probleme harren
nach wie vor der Lösung. Aus der Fülle der von den
Holländisch-radikalen Kritikern aufgegeben Fragestellungen
verdienen m.E. die folgenden besondere Beachtung:
1. Zu den
dringendsten Desideraten, die sich für die heutige
neutestamentliche Wissenschaft aus der Beschäftigung mit der
Holländischen Radikalkritik ergeben, gehört eine erneute
Untersuchung des marcionitischen Apostolikon, dessen
Rekonstruktion und Vergleich mit der kanonischen Fassung der
Paulusbriefe.
Zwar wird
eine solche Rekonstruktion in der Gegenwart ohnehin seit
längerem gefordert und z.T. bereits in Angriff genommen.
Während z.B. auch
Barbara Aland "als "wichtiges Forschungsdesiderat" in
ihrem Marcion-Artikel in der TRE eine "neue
Gesamtrekonstruktion der marcionitischen Bibel fordert[34]
hat John F. Clabeaux 1989 in seinem Buch: A Lost Edition of
the Letters of Paul[35]
bereits den Entwurf einer solchen, nämlich der
Rekonstruktion des marcionitischen Apostolikon, vorgelegt.
Gleichwohl bzw. gerade deswegen erscheint mir die Warnung
angebracht, daß diejenigen, die sich heute der Aufgabe einer
Rekonstruktion des marcionitischen Apostolikon unterziehen,
nicht wieder denselben Fehler begehen wie ihre Vorgänger,
indem sie die grundlegenden Resultate der holländischen
Radikalkritik ignorieren.
Zu den
unaufgebbaren Einsichten der holländischen Radikalkritiker
aber gehörte die Erkenntnis, daß der schon von den
Kirchenväter erhobene und dann in der Neuzeit durch
Hilgenfeld[36],
Harnack[37]
und andere Wissenschaftler wissenschaftlich festgeschriebene
Vorwurf, Marcion habe die Paulusbriefe einer tendenziösen
Korrektur unterzogen, nicht als gesichertes Axiom gelten
kann und daher einer kritischen Prüfung bedarf. Die
Möglichkeit, daß die marcionitische Ausgabe der Paulusbriefe
älter und ursprünglicher ist als die kanonische, darf bei
einer unvoreingenommenen Untersuchung (schon aus
methodischen Gründen) nicht ausgeschlossen werden. Weder
Harnack noch
dessen Vorgänger und Nachfolger haben diese Möglichkeit
ernsthaft in Betracht gezogen und gründlich geprüft;
ebensowenig Clabeaux,
der in seiner oben erwähnten Abhandlung den neuesten
Rekonstruktionsversuch der marcionitischen
Paulusbriefsammlung bietet. Man scheint immer noch
anzunehmen, daß nur Marcion eine "Tendenz" gehabt haben
könne. Man sieht nicht, daß auch die sich konstituierende
katholische Kirche des 2. Jahrhunderts ein starkes Interesse
an schriftlichen Dokumenten aus der apostolischen Zeit haben
mußte, in denen sie ihre theologischen Vorstellungen
wiederfand.[38]
Darum kann die Möglichkeit, daß die katholische Kirche des
2. Jahrhunderts ihre Tendenz in die paulinischen
Briefe eintrug, nicht a priori ausgeschlossen werden.
Es handelt sich also bei dem (in bezug auf die
marcionitischen Lesarten der Paulusbriefe ausgesprochen)
Urteil: "tendenziöse Änderung" in fast allen Fällen um ein
Vor-urteil der Kritiker, das zumeist ohne nähere Begründung
und nähere wissenschaftliche Prüfung dekretiert wird.[39]
Eine Auseinandersetzung mit der These, daß nicht die
katholische, sondern die marcionitischen Rezension der
Paulusbriefe die ältere und ursprünglichere sei, findet bei
Harnack -
ebenso wie bei den anderen Kritikern vor und nach ihm -
nicht statt.
Mir
scheint, daß die theologische Wissenschaft heute den nötigen
Grad von Unvoreingenommenheit erreicht hat, der es ihr
erlaubt, den textlichen Befund vorurteilsloser als in
früheren Zeiten zu prüfen. Eine Theologie, die gelernt hat,
ohne Rücksicht auf kirchliche Interessen in unparteilicher
Weise nach der historischen Wahrheit zu fragen, wird auch
den "Ketzern" das ihnen zukommende historische Recht
widerfahren lassen wollen.
Ich
möchte in diesem Zusammenhang schließlich noch auf einen
Punkt aufmerksam machen, der m.E. besondere Aufmerksamkeit
verdient:
Nach
meiner Ansicht haben
Harnack und andere Gelehrte schon im Ansatz ihrer
Untersuchung einen Gesichtspunkt von fundamentaler Bedeutung
übersehen. Sie gehen davon aus, daß Marcion sich eine eigene
Ausgabe der Paulusbriefe hergestellt habe, so wie er sich
ein eigenes Evangelium schuf. Die Gleichsetzung von
Evanglium und Briefen ist nicht zulässig. Wohl wird uns
mitgeteilt, daß sich Marcion rühmte, das Evangelium
gereinigt zu haben: Secundum Lucam evangelium decurtantes
gloriantur se habere evangelium (Irenäus, Haer III,2,2)
Im
Hinblick auf die Paulusbriefe ist jedoch davon nirgendwo die
Rede. Hier heißt es nur, und zwar im Blick auf den
Galaterbrief, daß Marcion den Brief an die Galater
gefunden (nancisici = durch glücklichen Zufall
entdecken) habe:
"Sedenim
Marcion nactus epistolam Pauli ad Galatas" (= Nun aber da
Marcion den Brief des Paulus an die Galater entdeckt hat ...
), Marc 4.3.1.
Der
"Fund" des Galaterbriefes gab Marcion dann die Legitimation
für die "Reinigung" des Evangeliums von judaistischen
Zusätzen.
Der
Unterschied zwischen Evangelium und Briefen will beachtet
sein. Die Annahme, daß Marcion die Paulusbriefe einer
textkritischen Revision unterzogen habe, beruht (anders als
bei dem Evangelium) nicht auf einer Selbstaussage
Marcions, sondern auf einer Unterstellung der Kirchenväter.
Marcion selber hat nie behauptet, daß die Paulusbriefe von
katholischen Zusätzen befreit werden mußten.
2.
Vergleicht man das Bild, das die heutige Wissenschaft von
der Geschichte der ältesten Paulusrezeption zeichnet,
mit demjenigen der holländischen Radikalkritiker, so wird
man feststellen müssen, daß wenigstens in der Beurteilung
des Befundes auffallende Übereinstimmungen bestehen. Wie
schon von den Radikalkritikern wird das weithin wahrnehmbare
Fehlen literarischer Zeugnisse, die den Einfluß des
Paulinismus in der frühen nachapostolischen Zeit belegen
könnten, ebenso wie der Umstand, daß die ersten
wirkungsgeschichtlich feststellbaren Spuren des Paulinismus
ausgerechnet in die Richtung der Gnosis und des häretischen
Christentums weisen, als ein schweres Problem empfunden.[40]
Die Differenz zu den Radikalkritikern besteht in der
unterschiedlichen Beurteilung der historischen
Voraussetzungen und Ursachen für den Befund. - Die radikalen
Holländer haben mit ihren Arbeiten einen Anstoß gegeben, das
Phänomen der negativen Paulus-Rezeption im 1. Jahrhundert
auf einer ganz anderen Grundlage zu lösen, d.h. auf der
Basis der Unechtheit der Briefe. Die frühe
gnostisch-marcionitische Inanspruchnahme des Paulus, die in
der eindrucksvollen Arbeit von
E. Pagels
beobachtet wurde, erklärt sich dann vor dem Hintergrund der
Tatsache, daß die Briefe selber in gnostisch-marcionitischen
Kreisen entstanden.
3. Die
Frage nach der Echtheit der Apostolischen Väter, d.h.
des I Clemensbriefes und der 7 Ignatiusbriefe, ist neu zu
stellen.
Ich habe
bereits in meinem Buch über die Holländische Radikalkritik
darauf hingewiesen,[41]
daß das von der modernen Forschung sehr selbstsicher
ausgesprochene Urteil, bei I Clem sowie den 7
Ignatiusbriefen handele es sich um authentische Briefe,
angesichts des heutigen weitgehenden Fehlens einer
inhaltlichen Auseinandersetzung[42]
mit den zahlreichen, nicht nur von den Radikalkritikern in
der Vergangenheit vorgebrachten Echtheitsbedenken, wenig
Vertrauen einflößt. Viele Fragen sind immer noch nicht
beantwortet.[43]
Die Behauptung der Echtheit dieser Schriften sollte, um der
ntl. Wissenschaft eine sicherere Basis zu geben, besser
begründet und fester fundamentiert werden. Dazu kann aber
nur eine radikale Infragestellung verhelfen. Sie muß auch
auf die Gefahr hin gewagt werden muß, daß die alten
Leuchttürme, die der ntl. Kritik seit Jahr und Tag scheinen,
um einen Großteil der ntl. Literatur im sicheren Hafen des
1. Jahrhunderts unterzubringen, sich als Irrlichter
erweisen.
Sowohl
die Rekonstruktion des marcionitischen Apostolos und
dessen Vergleich mit der katholisch-kanonischen Rezension
der Paulusbriefe als auch eine erneute kritische
Untersuchung des I Clem und der Ignatianen sind letztlich
nur Vorbeitung für die alles entscheidene Frage nach der
Echtheit der paulinischen Briefe selber sowie den damit
verbundenen Einzelfragen:
4. Der
Frage nach dem historischen Rahmen, aus dem heraus die
paulinischen Briefe zu verstehen sind, ist neu nachzugehen.
Immer noch wird allzu selbstverständlich vorausgesetzt, daß
die historischen Anspielungen in den Briefen sich auf
Verhältnisse in der Mitte des 1. Jahrhunderts bezögen.
Obwohl
die radikalen holländischen Kritiker auf eine Reihe von
Anachronismen hingewiesen haben, die auf eine spätere Zeit
hinzudeuten scheinen, sind diese von der Forschung bisher
kaum beachtet worden. Um nur einige zu nennen:
die Frage
nach Israels Verwerfung, die in Röm 9-11 abgehandelt
wird (z.B. Röm 11,15f), sowie die Aktualisierung des atl.
"Restgedankens" (Röm 9,27; 11,5) konnte erst in einer
späteren Zeit, vermutlich erst nach 135 (frühestens nach 70)
aufkommen.
Für die
Verfolgungen von Christen, von denen in den
paulinischen Briefen immer wieder die Rede ist (Röm 8,35;
12,14, 1Kor 4,12; 2Kor 4,9; 12,10 usw.) gibt es vor Nero
keinerlei Belege. Die angebliche Christenverfolgung im Jahre
64 nach dem Brand von Rom ist überdies historisch
umstritten. Von Verfolgungen kann daher, abgesehen von denen
unter Domitian[44]
und jenen, welchen die jüdischen Christen unter Bar Kochba
ausgesetzt waren,[45]
erst nach 135 im Zusammenhang mit dem sog. Aposynagogos,
d.h. dem Ausschluß von Christen aus dem Synagogenverband,
geredet werden. Der Aposynagogos ist allerdings
erstmals bei Justin in der Mitte des 2. Jahrhunderts
bezeugt.[46]
Gehört
der Streit um Glaube und Gesetz ebenso wie die Frage der
Beschneidung überhaupt in das 1. oder nicht eher in das 2.
Jahrhundert, vgl. Justin, der sich in seinem Dialog mit
dem Juden Trypho immer wieder mit eben diesen
Fragestellungen auseinandersetzt?[47]
Das
theologische Niveau, das in den Gemeinden der paulinischen
Briefe vorausgesetzt wird, setzt eine längere
Inkubationszeit voraus und konnte unmöglich innerhalb
von zwei Jahrzehnten erreicht werden.
Der den
Niederländern nahestehende Franzose
Delafosse hat
darauf aufmerksam gemacht, daß es in den paulinischen
Briefen Hinweise darauf gibt, daß der Verfasser der Briefe
sich an einigen Stellen auf den sog. Passastreit
unter Viktor im 2. Jahrhundert, von dem Eusebius berichtet,[48]
bezieht (1Kor 5,8).
Die
Totentaufe (1Kor 15,29) ist erst bei den Marcioniten des 2.
Jahrhunderts belegt[49]
usw. usw.
Abgesehen
von solchen (und einer Reihe anderer, hier nicht
aufgeführter) Beobachtungen, die eine Ansetzung der
Paulusbriefe im 1. Jahrhundert in negativer Hinsicht
unmöglich machen, liegt in der Holländischen Radikalkritik
aber auch ein positiver Anstoß, alternative Modelle
zu bedenken und zu erproben und so die entscheidende Frage
zu stellen, ob und wie sich die paulinischen Briefe in den
historischen Rahmen 2. Jahrhunderts einfügen lassen.
Die (Re-)Konstruktion
eines solchen Szenarios könnte exemplarisch am Beispiel des
Galaterbriefes erfolgen. Ausgangspunkt müßte m.E. die
Auseinandersetzung über die Frage nach der Gestalt und
Bedeutung des Apostels sein, die offenbar in der Mitte
des 2. Jahrhunderts zwischen dem katholischem,
judenchristlichen und marcionitischem bzw. gnostischem
Christentum geführt wurde. Es ging, wie wir vor allem von
Irenäus und Tertullian[50]
wissen, um Fragen wie: Wer war Paulus? Wie stand er zum
Gesetz des Alten Bundes und zur Beschneidung? Welche
christliche Gruppierung darf sich mit größerem Recht auf ihn
berufen? War er der Apostel der Häretiker, d.h. der
Marcioniten und Gnostiker (Tertullian), oder war er der
Apostel der Katholiken? Oder war er gar der Feind,
wie die Judenchristen behaupteten[51]?
Während
die Judenchristen Paulus ablehnten, hatten sowohl der
Marcionitismus als auch der Katholizismus (mit einer
gewissen zeitlichen Verzögerung) den Apostel für sich
vereinnahmt. Für Marcion war Paulus der wichtigste Apostel,
da Gott ihm allein[52]
das Geheimnis der Offenbarung anvertraut hatte. Die
exklusive Berufung auf Paulus bzw. den Paulus der Briefe (in
der marcionitischen Rezension) ermöglichte Marcion, seinen
Angriff gegen das katholische Christentum zu führen und das
Evangelium von judaistischen Zusätzen zu reinigen.[53]
Auch im
katholischen Christentum, das sich um diese Zeit in
Rom und von Rom aus konstituierte, begann man sich sich
(nach anfänglicher Abwehr) - auf den Apostel Paulus neben
Petrus - zu berufen. Das katholische Paulusbild tritt uns in
der Apostelgeschichte entgegen. Der Verfasser der
Apostelgeschichte zeichnet das Bild des Apostels so, daß
dieser - anders als der Paulus der Briefe, die der Verfasser
nirgendwo erwähnt (!) - als ein gesetzestreuer Judenchrist
erscheint, der z.B. die Beschneidung praktizierte (Apg
16,3). Weiterhin wird Paulus den Zwölfen als Vertreter
(Rom-) Jerusalems untergeordnet. Dies geschieht, indem
Paulus die Augenzeugenschaft abgesprochen[54]
und er sofort nach seiner Bekehrung an die Jerusalemer
Gemeinde verwiesen wird. Auf diese Weise wird der Anspruch
der Marcioniten, Gott habe Paulus und nur ihm allein (solus
Paulus), ihrem obersten Gemeindepatron, das Geheimnis
der Offenbarung anvertraut, entschieden bestritten. Paulus
hat sein Wissen nicht aus unmittelbarer Offenbarung
empfangen, sondern von den Repräsentanten der Jerusalemer
Gemeinde erhalten.[55]
Mir
scheint, daß der Galaterbrief (in seiner ursprünglichen
Form) vor eben diesem Hintergrund als marcionitische
Kampfschrift verstanden werden muß. Der (marcionitische)
Verfasser des Galaterbriefs wehrt sich gegen die
Vereinnahmung des Apostels und die Verfälschung seines
Bildes durch die Katholiken. Gegenüber der Behauptung der
Abhängigkeit von den Aposteln (Apostelgeschichte) weist er
gleich zu Beginn seines Schreibens darauf hin, daß sein
Apostel "Apostel nicht von Menschen her noch durch einen
Menschen" (Gal 1,1) ist. Darüberhinaus läßt er ihn
Auskunft über die geschichtlichen Umstände seines
Verhältnisses zu den Jerusalemer Aposteln vor ihm geben, und
zwar genau die Auskunft, welche die Marcioniten jetzt
benötigen, um sich als souveräne Kirche zu
legitimieren. In der marcionitischen Version des
Galaterbriefes (in der 1,18- 1,24 ebenso wie das abermals
in 2,1, fehlt,[56]
also nur eine Jerusalemreise berichtet wird) hat
Paulus nach seiner unmittelbar von Gott kommenden
Offenbarung, 1,16, keinen Kontakt mit den Jerusalemer
Christen aufgenommen. Das geht daraus hervor, daß er sich
zwar nach Arabien begab und wiederum nach Damaskus
zurückkehrte, aber nicht sofort nach Jerusalem ging. Erst
nach vierzehn Jahren (2,1) zog er nach Jerusalem wegen der
Beschneidungsfrage.
Daß der
Protest gegen das Paulusbild des Lukas im Galaterbrief (oder
auch im 2. Korintherbrief) für uns heute nur noch
eigentümlich gedämpft vernehmbar ist, ist offensichtlich.
Das liegt daran daß die katholische Redaktion sich genötigt
sah, dem Apostel an entscheidenden Stellen einen Knebel in
den Mund zu stopfen. Ein deutliches Beispiel dafür ist der
Abschnitt Gal 1,18-2,2, der, wie gesagt, in der
marcionitischen Version des Briefes noch nicht enthalten
war.
Hierbei
handelt es sich offenbar um den Versuch, Paulus, auf den
sich die Marcioniten beriefen, mit dem Führer der
Jerusalemer Partei, auf den man sich in Rom berief, d.h.
Kephas-Petrus, kurzzuschließen, und zwar so bald wie
möglich nach seiner Bekehrung. Der Einschub dient dazu,
Paulus die Souveränität zu nehmen und ihn zum Abhängigen
Jerusalems zu machen. Der Galaterbrief, in dessen Eingang
ausdrücklich gesagt wird, daß Paulus gottberufener Apostel
ist, nicht von Menschen noch durch einen Menschen,
wird auf der Grundlage der katholischen Apostelgeschichte
bearbeitet. Wie dort ist die Tendenz: Paulus hat gar
keine eigene Offenbarung gehabt (wie die Marcioniten
behaupteten), sondern ist bei den Aposteln bzw. bei Petrus
gewesen. Der (und nicht Gott) hat ihn als
Repräsentant der Jerusalemer Gemeinde instruiert. Folglich
können sich die Marcioniten nicht auf Paulus berufen und
haben auch keinen Anspruch darauf, eine selbständige Kirche
zu sein. Wie Paulus von Jerusalem so sind sie von Rom
(der legitimen Nachfolgerin der Jerusalemer Kirche)
abhängig!
Die
Rekonstruktion des historischen Kontextes, in den wir den
Galaterbrief in der ersten Hälfte des 2. Jahrhunderts
einfügen und neu verstehen könnten, ist ein skizzenhafter
Entwurf. Er soll die Perspektive aufzeigen, unter der ein
Versuch einer historischen Ortung des Schreibens im 2.
Jahrhundert geschehen könnte. Die zentrale Frage muß die
nach dem cui bono? sein. Welcher christlichen
Gruppierung im 2. Jahrhundert konnten die Briefe nutzen? Die
Antwort ist klar: Die ersten Nutznießer der Paulusbriefe
waren zweifellos zugleich diejenigen, bei denen zuerst ein
Kanon von 10 paulinischen Briefen nachweisbar ist: die
Marcioniten. Erst eine gründliche Überarbeitung hat deren
Rezeption durch die katholische Kirche ermöglicht und aus
dem Apostel Marcions, dem Apostel der Häretiker, den
katholischen Paulus gemacht, der von nun an gleichberechtigt
neben Petrus steht.
SEQ s5.
Weiterhin wäre der Frage nachzugehen, wie sich das
Vorhandensein marcionitischer Elemente in der paulinischen
Theologie erklärt. Bei näherer Betrachtung zeigt sich, daß
sich nicht nur in der Theologie des ursprünglichen (marcionitischen)
Paulus, sondern auch im überarbeiteten kanonischen Text noch
eine Reihe von Vorstellungen und Begriffen finden, die nur
im Kontext des marcionitischen Systems sinnvoll verstanden
werden können. Man hat in diesem Zusammenhang von
Anknüpfungspunkten gesprochen, die Marcion bei Paulus fand.[57]
Hierbei könnte es sich freilich ebensogut um marcionitisches
Urgestein handeln, das unter dem katholischen Gras, das
darauf wächst, immer wieder hindurchscheint.
a. Man
beachte in diesem Zusammenhang vor allem die doketische
Christologie, d.h. die in den Paulusbriefen vertretene,
aus der Gnosis stammende Auffassung, Jesus sei kein
wirklicher Mensch aus Fleisch und Blut gewesen, sondern habe
nur einen Scheinleib (Phantasma) gehabt.
Das kommt
z.B. in der eigenartigen Redeweise von Röm 8,3 zum Ausdruck,
wo der Verfasser von Christus sagt, er habe sich (in seinem
Erdenleben) "in der Gestalt des sündigen Fleisches"
befunden. In entsprechender Weise heißt es auch im
Christushymnus aus dem Philipperbrief 2,7 von Christus
Jesus, daß er "das Erscheinungsbild" eines Menschen annahm.
- Warum spricht der Verfasser nicht einfach davon, daß Gott
seinen Sohn in das Fleisch gesandt habe? Der Begriff
"Erscheinungsbild" wird offenbar ganz bewußt vom Verfasser
verwendet, um auf diese Weise den Gegensatz zur katholischen
und judenchristlichen Anschauung deutlich zu machen.[58]
b. Man
beachte weiterhin den an einzelnen Stellen zutage tretenden
Dualismus im Gottesbild des Verfassers:
2 Kor 4,4
spricht der Verfasser in dualistischer Weise vom "Gott
dieser Welt", der die Gedanken der Ungläubigen verblendet
hat; vgl. noch 1 Kor 2,6.8; Eph 2,2.6,12.
Röm 5,7
werden der Gerechte und der Gute in
marcionitischer Weise antithetisch einander
gegenübergestellt. Während für den Gerechten kaum
jemand das Leben hingeben will, ist er gerne bereit, für den
Guten zu sterben. Üblicherweise werden die beiden
Termini auf den (guten bzw. gerechte) Menschen
bezogen. Doch ergeben die gewundenen Erklärungen der
Exegeten wenig Sinn. Deswegen sollte man sich fragen, ob
nicht die Marcioniten, die wie wir von Origenes wissen[59]
sich auf diese Stelle beriefen, durchaus im Recht waren, als
sie den Guten und den Gerechten auf ihre
beiden Götter deuteten.
Durch
Überarbeitung undeutlich geworden ist der bekannte Vers Eph
3,9. Hier soll Marcion die ursprüngliche Vorstellung von dem
Verborgensein des Geheimnisses in Gott seiner
2-Götter-Theologe angepaßt haben, indem er einfach das
Wörtchen in wegließ. Dadurch sei ein ganz neuer, eben
marcionitischer Sinn des Satzes 3,9 entstanden, weil das
Geheimnis nicht mehr in Gott, sondern dem Gott,
der alle Dinge erschaffen hat, verborgen war. Marcion habe
auf diese Weise zum Ausdruck bringen wollen, daß dem
Demiurgen, denn um keinen anderen mußte es sich für ihn
bei dem "Gott, der alle Dinge geschaffen hat", handeln, das
Heilswerk des Erlösergottes verborgen blieb.[60]
Die Sache verhält sich aber offenbar genau andersherum.
Offenbar bog der katholische Redaktor die Spitze des
Satzes durch Zufügung eines in um und tilgte auf
diese Weise die für katholisches Denken unerträgliche
Vorstellung eines Demiurgen, freilich auf Kosten der
Verständlichkeit der nun völlig dunklen Aussage.
1Kor 2,8
nimmt ebenfalls einen typisch marcionitischen Gedanken auf:
den vom verborgenen Wirken des Erlösers, der, für den
Demiurgen und seine Mächte unerkannt, den Kreuzestod
erleidet und die Menschheit auf diese Weise aus ihrer Macht
loskauft. Entsprechend ist auch 1 Kor 2,8 davon die Rede,
daß die Archonten dieses Äon den Herrn der Herrlichkeit
nicht gekreuzigt hätten, wenn sie ihn erkannt hätten.
Die
paulinische Loskauftheologie[61]
scheint ein dualistisches Gedankensystem vorauszusetzen.
Wovon kauft Christus los? Vom Gesetz, das beinahe
"persönlich gedacht" wird,[62]
- oder, was doch am naheliegendsten wäre, von den
"Weltherrschern" (stoicei,a
Gal 4,9) als den Urhebern des Gesetzes, und damit - von
deren obersten Befehlshaber, dem Demiurgen?
Freilich
scheint die ursprünglich paulinisch-marcionitische
Soteriologie durch die katholische Überarbeitung oft bis zur
Unkenntlichkeit entstellt worden zu sein. Indem die
ursprünglich für ein dualistisches System konzipierten (und
nur hier sinnvollen Gedanken) durch die
katholisch-judenchristliche Überarbeitung in ein
monistisches bzw. monotheistisches System übersetzt wurden,
entstand das Unklar-Verschwommene der paulinischen
Erlösungslehre. Die Gedanken bleiben in den Paulusbriefen
nur angedeutet - und lassen sich nur um den Preis der
Ketzerei zu Ende denken.
Die
Existenz gnostisch-marcionitischer Elemente im Corpus
Paulinum bedarf der Erklärung. Bisherige Exeten
begnügten sich häufig damit, zu erklären, daß sich Paulus
(an Stellen mit gnostisch-marcionitischem Einschlag)
gnostischer Terminologie bediene (ohne selber Gnostiker zu
sein)[63]
bzw. daß wir es mit späteren Interpolationen zu tun hätten.[64]
Der Ansatz der Holländischen Radikalkritiker ermöglicht uns,
den/die Verfasser selber als Gnostiker/Marcioniten zu
verstehen. Marcion ist hier nicht der radikale Paulus, für
den ihn die Forschung bis heute hält, sondern "Paulus" ein
abgeschwächter (= katholisierter, an das katholische Dogma
des einen Schöpfer- und Erlösergottes angebundener)
Marcion.
SEQ s6.
Es ist mit den Holländischen Radikalen in den paulinischen
Briefen auf eine Reihe von Fehlern in der Form aufmerksam zu
machen, durch die der briefliche Charakter der
vermeintlichen "Briefe" in Frage gestellt wird. Aus der
Fülle der damit zusammenhängenden Probleme:
Einige
Paulusbriefe (Röm/1/2Kor) sprengen sogar den Umfang eines
antiken Buches. Hierbei kann es sich unmöglich um
"Gelegenheitsschreiben" gehandelt haben. Die moderne
Literarkritik, die z.B. den 2. Korintherbrief für eine
redaktionelle Komposition aus verschiedenen Paulusbriefen
hält, löst das Problem nicht. Denn nun muß gefragt werden,
warum es den Wissenschaftlern bisher nicht gelungen ist,
ganze, in sich geschlossene Briefe zu rekonstruieren.
Die
Angaben über Anlaß und Situation der Entstehung der Briefe
sind vielfach verworren und unklar. Warum schreibt der
Apostel der römischen und der korinthischen Gemeinde kurze
Zeit vor seiner Ankunft, um z.B. Streitigkeiten zu
schlichten, die er "vor Ort" viel besser hätte lösen können?
Wenn der
Verfasser des 2. Korintherbriefes seinen Brief an eine
Partikulargemeinde schickt, warum dann eine ökumenische
Adresse (1Kor 1,2b).
Die
Briefe beanspruchen von einem Juden(christen) verfaßt zu
sein, tragen aber auf weite Strecken einen völlig
unjüdischen Charakter.[65]
Diejenigen Passagen, die einen jüdischen Klang haben (Röm
9-11), sind in Wahrheit katholisch.
7.
Schließlich ist die Frage nach den bzw. dem Verfasser(n) der
paulinischen Literatur neu zu stellen. Diese wurde von den
Holländischen Radikalkritikern, wie wir oben sahen,
unterschiedlich beantwortet. Während z.B.
Naber und
Bruins (und
offenbar auch Loman)
davon ausgingen, daß die Briefe aus marcionitischen Kreisen
stammten, nahm Van
Manen Vertreter einer paulinischen Schule als
Verfasser an.[66]
Die Idee
einer Paulusschule ist - unabhängig von
Van Manen -
eines der Lieblingsideen heutiger Theologen geworden. M.E.
hat sie freilich einen entscheidenden Haken: Sie stellt (ob
nun mit - so die heutige Forschung - oder ohne
den "Schulmeister" Paulus
- Van Manen)
ebenso wie die Annahme, es habe eine johanneische Schule
gegeben, eine reine Hypothese dar, für die sich aus
dem Neuen Testament kaum Anhaltspunkte finden lassen. Als
Argumente dienen in der Regel vage Hinweise auf den
zeitgenössischen Lehr- und Schulbetrieb heidnischer
Wanderlehrer, die diese Vermutung nahelegten, sowie die
Tatsache, daß Paulus in seinen Briefen des öfteren
Mitarbeiter erwähne. Um die Existenz einer Paulusschule
hieb- und stichfest zu beweisen, ist das natürlich zu wenig,
zumal die Mitarbeiter des Paulus, die in den Briefen erwähnt
werden, kirchengeschichtlich genauso wenig faßbar sind wie
dessen Gemeinden. Die Kirchenhistoriker Hegesipp, Eusebius
usw. wissen jedenfalls nichts von einer "Paulusschule" und
von irgendwelchen Schülern des Paulus, die darin eine
besondere Rolle gespielt hätten.
Im Grunde
gilt also hier dasselbe wie für die johanneische Schule.
Über sie bemerkte der kritische Theologe und
Nietzsche-Freund
Overbeck schon im letzten Jahrhundert, daß es sich hierbei um
eine jener "Gelehrtenerfindungen" handele, die "bodenlos"
seien, das "Prachtmuster eines Hirngespinstes", da man
"nicht nur nichts von ihrer Stiftung weiß, sondern auch
nichts davon, wer drin gewesen ist".[67]
Aus den
genannten Gründen ist m.E. die Annahme einer
marcionitischen Schule (als Produktionsstätte von "paulinischen
Briefen") wahrscheinlicher als die einer Paulusschule. Im
Gegensatz zur Paulusschule ist diese historisch zweifelsfrei
belegt. Das "Unmarcionitische" an den paulinischen Briefen
läßt sich in der Regel durch katholische Überarbeitung
erklären. Es ist m.E. sehr wohl denkbar, daß Marcion und
sein Schüler die Probleme in ihren Gemeinden auf der
Grundlage von Dokumenten zu lösen versuchten, die ihre
Autorität vom legendären marcionitischen Gemeindepatron
Paulus bezogen. Ebenso denkbar ist es, daß die Kämpfe, die
sich in den paulinischen Briefen widerspiegeln und ihnen
jenen angeblich unverwechselbaren und unerfindlichen
Charakter geben, nichts weiter sind als der Reflex jener
Auseinandersetzungen, die Marcion und seine Schüler in und
mit den marcionitischen Gemeinden ausfochten.
8. Die
holländische Radikalkritik könnte schließlich als ein
entscheidender Anstoß angesehen werden, erneut der Frage
nach dem historischen Paulus nachzugehen.
Auch
dort, wo in der Vergangenheit schon einmal die Echtheit
sämtlicher Paulinen bestritten wurde, konnte und wollte man
sich im allgemeinen nicht der Einsicht verschließen, daß die
Briefe auf eine historische Gestalt zurückweisen und auf
diese Bezug nehmen. Da diese nach Meinung der radikalen
Kritiker nicht mit dem Verfasser der Briefe identisch war,
bezeichnete man sie im Gegensatz zu diesem[68]
als Paulus historicus.
Loman
und Van Manen
landeten bei ihrer Suche nach dem historischen Paulus
allerdings in einer Sackgasse, weil sie sich dabei noch zu
sehr vom Paulusbild der Apg leiten ließen. So entstand das
paradoxe Bild des "rechtgläubigen" jüdischen Apostels und
Wanderpredigers, der von späteren Häretikern zur
Legitimierung ihrer Theologie mißbraucht wurde. Das war
selbstverständlich wenig überzeugend.
M.E.
könnte sich die Suche nach dem Paulusbild, das den
Paulusbriefen zugrundeliegt, in 2 Richtungen bewegen:
a)
Zunächst wäre zu fragen, ob der Verfasser der Paulusbriefe
überhaupt an eine geschichtliche Gestalt anknüpfte oder ob
er sich auf eine Legende bezog (was nicht
ausschließen muß, daß diese Legende einen historischen Kern
besitzt, s.u.). Es wäre ja durchaus möglich, daß er seinen
Helden ausschließlich aus der mündlichen oder schriftlichen
Legendenüberlieferung seiner Zeit kennengelernt hat. Dann
hätte er ihn auch in seinen Briefen nicht als historische
Person vor Augen gehabt, sondern so, wie ihn die Legende
schilderte: als den großen Glaubenshelden der Vergangenheit,
mächtig in Worten und Taten.
Dies
würde dann zugleich auch erklären, wie es zu der
eigenartigen und mitunter geradezu anmaßend wirkenden
Selbststilisierung des Paulus in den Briefen kommt, so
z.B. wenn der Verfasser seine Leser zur Nachahmung seines
Vorbildes ermuntert (1Kor 4,16; 11,1; Phil 3,17) ) oder sich
phantastischer Wundertaten rühmt (Röm 15,19, 2Kor 12,12).
Der Verfasser der Briefe redet an diesen Stellen in Wahrheit
gar nicht von seiner eigenen Person, sondern von seinem
verehrten Vorbild, so wie er es aus der Legende
kennengelernt hatte.
Daß in
den christlichen Kreisen des 2. Jahrhunderts tatsächlich
eine Pauluslegende existiert hat, läßt sich nicht
bestreiten. Der beste Beweis für das Vorhandensein einer
solchen Legende ist ja u.a. die Apostelgeschichte des
Lukas. Doch ist die Darstellung des Paulus in der
Apostelgeschichte keineswegs die einzige Form der
Pauluslegende, sie stellt vielmehr nur eine ganz bestimmte
Ausprägung, eben die lukanisch-großkirchliche
(katholische), derselben dar. Auch und vor allem in den
Kreisen der Gnostiker und Marcioniten des 2. Jahrhunderts
scheinen Erzählungen und Anekdoten kursiert zu sein, in der
das Leben und Wirken des Apostels in ähnlich wunderbarer und
legendenhaft ausgeschmückter Weise dargestellt wurde.
Literarisch schlug sie sich in den sogenannten
Paulusakten nieder, zu denen auch die Taten des
Paulus und der Thekla gehören. Wenn wir nach der
literarischen bzw. überlieferungsgeschichtlichen Herkunft
des Paulusbildes fragen, das der Verfasser unserer Briefe
vor Augen gehabt haben könnte, dann dürfen wir gerade diese
apokryphen Quellen nicht außer acht lassen. M.E. könnte sich
z.B. die umstrittene Stelle 1Kor 15,32, wo sich Paulus
rühmt, in Ephesus mit den Tieren gekämpft zu haben, auf
einen Abschnitt aus den Taten des Paulus und der Thekla
beziehen, wo in legendärer und phantastischer Weise von
einem Tierkampf des Paulus mit wilden Tieren berichtet wird[69].
b) Auch
mit dem Hinweis auf die Legendenliteratur des 2.
Jahrhunderts lassen sich noch nicht alle Züge des in den
Briefen begegnenden Paulusbildes befriedigend erklären.
Außerdem ist zu fragen, ob nicht dem Paulus der
Legendenliteratur ein historischer Kern zugrundeliegt, der
auf eine bestimmte historische Person hinweist. M.E.
ist die Frage nach der historischen Identität des Paulus nur
lösbar, wenn zugleich die folgenden Probleme mitbedacht und
einer Lösung zugeführt werden:
Zunächst
wäre die Frage nach der Herkunft des Namens "Paulus" zu
klären. Zwischen Saulus und Paulus besteht kein sprachlicher
Zusammenhang. Die oft diskutierte Möglichkeit, daß es sich
beim Namen Paulus um ein supernomen (Paulus = der
Kleine) handelt, ist neu zu erwägen. In diesem Zusammenhang
ist darauf hinzuweisen, daß in zahlreichen Nag
Hammadi-Texten die Bezeichnung "die Kleinen" für eine
bestimmte Gruppierung von Christen begegnet.[70]
In welchem Zusammenhang stehen diese Kleinen zu dem
"Kleinen" = Paulus?
Es wäre
neu zu prüfen, warum in einem bestimmten Zweig der
urchristlichen Literatur, den sog Pseudoclementinen und
Kerygmata Petrou, Paulus mit Simon (Magus) identifiziert
wird. Das Grundproblem, das hier vorliegt, läßt sich m.E.
auf die folgende Formel bringen: In den Pseudoclementinen
wird Simon namentlich genannt und bekämpft. Die Häresien,
die man ihm vorwirft, sind marcionitisch und die Worte, die
man ihm in den Mund legt, sind die des Paulus. Die in der
pseudoklementinischen Literatur vorgenommene Identifizierung
von Simon-Paulus stellt bis heute für die neutestamentlichen
Wissenschaft eines der schwierigsten Probleme dar. Es gibt
eine Reihe von Lösungen dafür; ich habe die Theorie der
Tübinger, die in Simon eine Karikatur des Paulus sahen, in
Paulusbriefe ohne Paulus? eingehend beschrieben;
heute wird das Problem mehrheitlich in sehr komplizierter
Weise literarkritisch gelöst. Für unsere Suche nach dem
historischen Paulus stellt sich m.E. dringlicher denn je die
Frage: Wie ernst müssen wir die Aussage nehmen, daß für den
oder die Verfasser dieser judaistischen, antipaulinischen
Literatur Paulus tatsächlich kein anderer als Simon (Magus)
ist? Auch in der neu entdeckten Nag Hammadischrift Die
Apokalypse des Petrus
begegnen wir in dem Bilde des vielgestaltigen Betrügers
wieder dem schon von den Pseudoklementinen her gewohnten
Ineinander von Simon und Paulusbild.
c) In
diesem Zusammenhang sollte auch die grundsätzliche Frage
geklärt werden, wie es zu den auffallenden Übereinstimmungen
im Bild des Paulus und des Simon Magus kommt. Einige
Parallelen in dem Simon-Paulusbild, die erklärt werden
müßten:
Simon/Paulus
versucht Menschen zu gefallen;[71]
Simon/Paulus hat Visionen;[72]
Simon/Paulus tut Wunder;[73]
Simon/Paulus ist missionarisch erfolgreich;[74]
Simon/Paulus als Antinomist;[75]
simonianische/paulinische Soteriologie;[76]
Simon/Paulus als Verfolger der Heiligen und "Feind";[77]
Simon/Paulus und das Kreuz;[78]
Simon/Paulus und die Krankheit/ die äußere Unansehnlichkeit;[79]
Simon/Paulus wandeln ihre Gestalt.[80]
Simon/Paulus in Rom /während der Regierungszeit des
Claudius, 41-54)[81]
d)
Schließlich sollte gefragt werden, wie es kommt, daß sich
Marcion ausdrücklich auf Paulus (als seinen geistigen Vater)
beruft, obschon die Kirchenväter nachdrücklich daran
festhalten, daß Marcion über den Ketzer Kerdo mit Simon
Magus verbunden ist, d.h. aus der Schule des Simon Magus
stammt, welcher wiederum von Marcion nirgendwo erwähnt wird[82].
Alles in
allem liegt gerade, was die Frage nach dem Paulus
historicus sowie dem damit unmittelbar zusammenhängenden
(überlieferungsgeschichtlich interessanten) Problem des
Verhältnisses Paulus-Simon, ein arbeitsreiches
Aufgabengebiet vor uns, das der Einzelstudien und gründliche
Detailuntersuchung bedarf.
Fazit
Die
erstmals von Bruno
Bauer und der Holländischen Radikalkritik
aufgeworfene Frage nach der Echtheit der sog. Hauptbriefe
bzw. der heute von dem kritischen Konsens als echt
betrachteten paulinischen Briefe sollte von der Forschung
nicht länger tabuisiert werden. Gerade die entscheidenden
Grundlagenfragen in der neutestamentlichen Wissenschaft sind
viel zu wichtig, als daß sie Dilettanten oder Phantasten
überlassen bleiben sollten. Die Freiheit, in neuen Bahnen
denken zu dürfen, sollten sich auch und gerade die
professionellen Theologen nicht nehmen lassen.
Sicherlich wird man für eine Reihe der von den holländischen
Radikalen beobachteten Unstimmigkeiten und Probleme in den
paulinischen Briefen zu anderen, nicht-radikalen Lösungen
gelangen können.[83]
Allerdings sollte man bei alledem die naheliegendste aller
Möglichkeiten, die von den holländischen Radikalen
angedachte Unechtheit sämtlicher Briefe, die uns in
den Stand versetzt sämtliche Einzelprobleme mit einem
einzigen Erklärungsmodell zu lösen, nicht aus dem Blick
verlieren.
Freilich
wird, bevor die Unechtheitshypothese allgemeine Akzeptanz
findet, noch viel Wasser von den wissenschaftlichen Mühlen
fließen. Es ist eine enorme wissenschaftliche Arbeit zu
leisten, um das, was hier in groben Umrissen angedeutet
wurde, in zäher und geduldiger Kleinarbeit weiter zu
entfalten und zu erhärten, vielleicht auch das eine oder
andere als einen Irrweg zu erweisen. Insgesamt bin ich
jedoch gewiß, daß es zur Zeit kaum eine neutestamentliche
Forschungsaufgabe gibt, die reichere Ausbeute im Hinblick
auf unser historisches Wissen vom Urchristentum verheißt als
eine Untersuchung der paulinischen Schriften in der
Perspektive der Holländischen Radikalkritik - auch wenn
leider im Augenblick noch gilt: "Die Ernte ist groß, aber
der Arbeiter sind wenige" (Mt 9,37).
[1]
Über die Holländische Radikalkritik informieren (aus
neuerer Zeit):
H. Detering, Paulusbriefe ohne Paulus? Die
Paulusbriefe in der holländischen Radikalkritik,
1992; ders.: Der gefälschte Paulus, Urchristentum
im Zwielicht, 1995;
J.H. Ritzema
Bos: Een radicale Jezus-opvatting, in:
Zwingli, ab März 1990, 45. Jg.;
Eduard Verhoef,
W.C. van Manen. Eeen Hollandse Radicale theoloog,
1994 (mit vollständiger
Van Manen-Bibliographie)
- Artikel: A.J.
Allan: Jezus, een historische fictie? De
Hollandse Radicale School, in: Vrijzicht.
Rezensionen und Kommentare zu den beiden ersten
Büchern: A.J.
Allan: Over de historische achtergrond van
het Nieuwe Testament, in : Kerk & Wereld. 87.
Jg., Nr. 4., 7. April 1995;
W. Beilner: Wer ist der heilige Paulus?,
in: Kirche Intern 4/95, S. 55;
M.J. Beukema
Faber, De 'onechtheid' van de
Paulusbrieven, in: Zwingli, April 1995, 50. Jg.,
Nr. 4, S. 8-9;
U. Besser: Urchristentum im Zwielicht,
in: Evangelische Sammlung, 3/95, S. 16-17; E.
Böhm: Suche nach dem Ghostwriter: Hat
Paulus seine Briefe nicht selber geschrieben?
in: Hannoversche Allgemeine Zeitung,
Literaturbeilage, S. 6, 25. April 1995;
Frater Smid,
De betekenis van de Hollandse Radicale Critiek. Over
het proefschrift van Hermann Detering, in: Zwingli
Nr. 4, Mai 1993, S. 4-6;
W. Fuhrmann: Der gefälschte Paulus. Ein
Buch zu der Frage, was wir glauben können,
in: Bremer Kirchenzeitung 13,
1995, S. 13;
R. Gloor: Echte Auseinandersetzung
gefordert, in: Reformiertes Forum 15/16, 13.
April 1995, S. 15;
R. Riessner,
Paulus ist keine Erfindung. Nach Jesus
Christus wird nun auch der bekannteste Apostel ins
Zwielicht gebracht, in: Idea-Spektrum, 7/95,
24-25; V. Stolle: Der Briefe schreibende Paulus - eine
literarische Fiktion?, in: Information der SELK,
S. 21; R.
Thiede, Der falsche Paulus, in: Focus
5/95, S. 144-146, -: Wer war Jesus? in: Focus
22/96, 156-166; E.
Verhoef: Geen brief van Paulus? in:
Interpretatie, Juni 1995.
Ältere Werke:
Van den Bergh van Eysinga, Die
holländische radikale Kritik des Neuen Testaments,
1912; engl. Übersetzung von
S.B. Slack:
Radical views about the New Testament, London
1912; W.C. Van
Manen: Zur Literaturgeschichte und Exegese
des Neuen Testaments (in: JPrTh 1883-'85);
holländisch: Het Nieuwe Testament sedert
1859, 1886; A.
Schweitzer: Geschichte der paulinischen
Forschung, 1911.
Whittaker, T.:
The origins of Christianity with an outline of
van Manen's Analysis of the Pauline Literature,
1904/1909.
[2]
Kümmel, W.G,
Einleitung in das Neue Testament,
1973,
1993,
S. 215
[3]
Die Artikel von
Van Manen
in der Encyclopaedia Biblica III, (ed.
T.K. Cheyne,
J. Sutherland,
London 1902): Nicodemus, the Gospel of, 3410;
Nicolaitans, 3410-3412; Old Christian
Literature, 3471-3495; Paul, 3620-3638;
Philemon. Epistle to, 3693-3697; Philippi,
3701-3703; Philippians (Epistles), 3703-3713.
Ibidem IV, London 1903. Romans (Epistel),
4127-4145; Rome (Church), 4145-4157; Rufus,
4163-4164; Shepherd of Hermas, 4456-4458;
Simeon, 4534; Simon of Cyrene, 4535-4536;
Sosthenes, 4171-4172; Tertius, 4977.
[4]
Van den Bergh
van Eysinga, Radikale Kritik, 171:
"... es gibt", wie
Van Den Bergh Van Eysinga bemerkt, "Radikale,
die die Historizität Jesu angenommen haben, indem
sie die Briefe verwarfen", während freilich "der
umgekehrte Fall, daß man nämlich die Historizität
Jesu verwirft, und dennoch an der Echtheit der
Paulusbriefe festhält, ... nicht nachweisbar" ist.
Der Radikalkritiker
A.D. Loman
hat seine Bestreitung der historischen Existenz Jesu
später wieder revoziert - vermutlich aus
kirchentaktischen Gründen.
[5]
Van den Bergh
van Eysinga, Radikale Kritik, S. VI
[6]
Art.: Paul, in: Encyclopaedia Biblica, 3622.
[7]
Schweitzer,
Geschichte der paulinischen Forschung, S. 108
[8]
A. Drews:
Die Christusmythe I (1909)/II, 1911/1909; ders.: Das
Markusevangelium als Zeugnis gegen die
Geschichtlichkeit Jesu, 1921,
1928;
ders.: Die Entstehung des Christentums aus dem
Gnostizismus, 1924; ders.: Die Leugnung der
Geschichtlichkeit Jesu in Vergangenheit und
Gegenwart, 1926.[8]
- Auch Drews
"spielt" mitunter mit der Unechtheit sämtlicher
Paulusbriefe, vgl.
Detering,
H.,
Paulusbriefe ohne Paulus?, S. 414f.
[9]
Kalthoff, A.,
Entstehung des Christentums, 1904;
Kalthoff
kannte und schätzte - wie
Drews -
die Arbeit der Holländischen Radikalkritiker. In
Norddeutschland hat
Hermann
Raschke die Arbeit
Kalthoffs
fortgesetzt; siehe: Der Römerbrief des Markion
nach Epiphanius, in: Abh.u. Vorträge (hg. v.der
Bremer Wiss. Ges., Heft 2/3, Jahrg. 1, Dez., 1926,
128-201; ders: Der Römerbrief des Markion. Der
innere Logos im antiken und deutschen Idealismus,
1949.
[10]
Johnson, E.:
Antiqua mater. A Study of Christian Origins,
London 1887; Johnson empfing und gab mit seinem (an
B. Bauer
einnernden) Werk der Holländischen Radikalkritik
eine Reihe von Anregungen. Die Paulusbriefe waren
für ihn Produkte, mit denen der Marcionitismus seine
Lehre in die apostolische Vergangenheit projiziert
hatte; vgl.
Detering,
H.
Paulusbriefe
ohne Paulus?
422ff.
[11]
Robertson, A.,
Jesus: Myth or History, 1949.
[12]
Smith, W.B.,
Adress and Destination of St. Paul's Epistle to
the Romans, JBL, 1901, 1ff; ders.: Der
vorchristliche Jesus nebst weiteren Vorstudien zur
Entstehungsgeschichte des Christentums, 1906;
ders.: Ecce Deus. Die urchristliche Lehre des
reingöttlichen Jesu, 1911; ders.: The Birth
of the Gospel, 1927, veröff. 1957 (posth.). -
Auch W.B.
Smith war von der Holländischen Radikalkritik
angeregt und hat sich in einigen Schriften mit der
Frage der Echtheit der Hauptbriefe, vor allem der
des Römerbriefes beschäftigt; vgl.
Detering,
H.,
Paulusbriefe ohne Paulus?, S. 428ff. - Im
angelsächsischen Sprachraum hat sich m.W. als
letzter der Kanadier
F.R. Mcguire,
mit der Frage befaßt: Did Paul write Galatians?
in: Hibbert Journal 66, 1967-68 , 52-57.
[13]
Ein bemerkenswerter Versuch der Bestreitung der
Echtheit sämtlicher Paulusbriefe stammt von dem
Schweizer Radikalkritiker
R. Steck (ein Lehrer
Karl Barths):
Der Galaterbrief nach seiner Echtheit untersucht
nebst kritischen Bemerkungen zu den Paulinischen
Hauptbriefen, 1888; das Buch kann im Rahmen
dieses Artikels allerdings nicht berücksichtigt
werden.
[14]
Grundlegende Werke der (Holländischen)
Radikalkritik:
Evanson, E.:
The dissonance of the four generally received
evangelists and the evidence of their respective
authenticity, 1792.
Bauer, B.: Kritik der paulinischen Briefe, I-III, 1850/1852.
Ders.: Christus und die Caesaren. Der Hervorgang
des Christentums aus dem römischen Griechentum,
1877.
Johnson, E.:
Antiqua mater. A Study of Christian Origins,
1887.
Delafosse, H.:
Les écrits de Saint Paul, in: Christianisme,
1926-1928.
Steck, R.: Der Galaterbrief nach seiner Echtheit untersucht nebst
kritischen Bemerkungen zu den Paulinischen
Hauptbriefen, 1888.
Pierson, A.: De Bergrede en andere synoptische Fragmenten,
1879.
Naber, S.A./Pierson: Verisimilia. Laceram conditionem Novi Testamenti
exemplis illustrarunt et ab origine repetierunt,
1886.
Naber, S.A.:
Nuculae, in: Mnemosyne, S, 355-390, 1888.
Loman, A.D.: Quaestiones Paulinae, in: Theologisch Tijdschrift
1882/1883/1886.
Manen, W.C. van: Marcions brief van Paulus aan de Galatiëers, in:
Theologisch Tijdschrift 21, 1887, S. 382ff, 451ff
Ders.: Paulus I, Leiden 1890; II, 1891; III,
1896.
Ders.: Handleiding voor de oudchristelijke
Letterkunde, 1900.
Van den Bergh van Eysinga, G.A.:
Radical views about the New Testament,
translated from the Dutch by
S.B. Slack,
London, 1912.
Ders.: Inleiding tot de oud-christelijke
letterkunde, Amsterdam 1927.
Ders.: Marcion als getuige voor een voorkatholiek
christendom, in: Godsdienst-wetenschappelijke
Studiën , 1956.
Ders.: Het karakter der Paulusbrieven, in:
NTT, 1935.
Ders.: Oudchristelijke brieven, in:
Godsdienst-wetenschappelijke Studiën X, 1951.
[15]
Evanson
bestreitet die Echtheit des Römerbriefes aufgrund
der Widersprüche zur Apostelgeschichte, deren
Zeugnis er für historisch zutreffend hält. Während
im Römerbrief schon eine christliche Gemeinde in Rom
vorausgesetzt werde, deren Glauben in der ganzen
Welt bekannt sei, wisse die Apostelgeschichte von
einer Christengemeinde in Rom bei der Ankunft des
Paulus nichts zu berichten. Außerdem fragt sich
Evanson,
wie in Rom bereits eine Gemeinde bestehen konnte,
wenn das Evangelium zu dem Zeitpunkt, als Paulus die
Vision nach Mazedonien rief, noch nicht in Europa
verkündigt worden war. Während außerdem im
Römerbrief vorausgesetzt werde, daß den Juden Roms
das Evangelium bereits bekannt sei, möchte der
Paulus der Apostelgeschichte (Apg 28,27) die Juden
Roms noch mit dem Evangelium bekanntmachen. Vor
allem das 11. Kapitel des Römerbriefs zeigt nach
Evanson
sehr deutlich, daß der Schreiber des Briefes nicht
Paulus sein kann, sondern jemand, der nach der
Zerstörung Jerusalems, die im Ölbaumgleichnis
vorausgesetzt werde, schreibt.
[16]
F.C. Baur:
Die Christuspartei in der korinthischen Gemeinde,
in: TZTh 1831, H.4, 61ff; ders.: Die sogenannten
Pastoralbriefe des Apostels Paulus, 1835: ders.:
Paulus, 1845.
[17]
B. Bauer:
Kritik der paulinischen Briefe. Erste Abtheilung:
Der Ursprung des Galaterbriefes. - Zweite Abtheilung:
Der Ursprung des ersten Korintherbriefs. - Dritte
und letzte Abtheilung, 1850/1852.
[18]
Über B. Bauer
s. das ausgezeichnete Werk von
E. Barnikol:
Bruno Bauer. Studien und Materialien, 1972.
[19]
A.D. Loman:
Het oudste Christendom, in: StVG, 1882.
[20]
Über Van Manen
siehe jetzt die schöne Biographie von
Eduard Verhoef:
W.C. van Manen. Eeen Radicale theoloog,
Kampen 1994.
[21]
Marcion's brief van Paulus aan de Galatiërs I,
Theologisch Tijdschrift 21 (1887), 382-404;
451-533.
[22]
Dabei handelt es sich nach Auskunft der Kirchenväter
um den Lehrer Marcions, der seinerseits wiederum
Schüler des Simon Magus gewesen sein soll; Irenäus
I,27,1f.
[23]
Naber, S.A., Nuculae, in: Mnemosyne,
S, 355-390, 1888.
Ähnlich der Radikalkritiker
J.A. Bruins, in: Theologisch Tijdschrift 23, 1889, 60ff.:
"... im marcionitischen Kreise entstanden und auf
Pauli Rechnung gesetzt..." Vgl.
Van den Bergh
van Eysinga, Radikale Kritik, S. 73ff.
[24]
Van Manen,
Romeinen, S. 301; Römer, S. 275.
[25]
Van Manen,
Encyclopaedia Biblica, Art. Paul,
Sp.3627.
[26]
I. De Handelingen der Apostelen, 1890; II.
De brief aan de Romeinen, 1891; III. De
brieven aan de Korinthiers, 1896.
[27]
Vgl. Detering,
H.,
Paulusbriefe ohne Paulus?
389ff.
[28]
Vgl. G.
Hartdorff, Historie of historisering. Een
onderzoek naar de visie van G. van den Bergh van
Eysinga op de wordingsgeschiedenis van het
Christendom, voorzien van bibliografie, Diss.
1950, S. 148 u.ö.
[29]
Es existiert allerdings eine aus Schülern
Van den Bergh
van Eysingas bestehende Theologen-Gruppe:
Dazu gehören der Pfarrer Ds.
J.H. Ritzema
Bos († 1997), der als Redakteur der
Zeitschrift Zwingli eine Reihe von Aufsätzen
veröffentlicht hat, Ds.
E. Frater Smid
und die Theologin
M.J. Beukema
Faber.
[30]
So schon
Pierson/Naber, die in der Praefatio
ihre Verisimilia aus dem Jahre 1886 von der
lacera conditio Novi Testamenti sprachen.
[31]
Van Manen,
Römer 193ff,
[32]
H. Holtzmann
schreibt schon im Jahre 1885 (!) in seiner
Einleitung, S. 224: "Die von Evanson, B. Bauer
und A.D. Loman unternommenen Angriffe gehören der
Geschichte der Kritik an." Vgl.
van den bergh van Eysinga, G.A.: De hopeloos
verouderde radicale critiek, in: GWS V, 1949;
Detering,
H., Paulusbriefe ohne Paulus? 389ff.
[33]
Detering,
H.,
Paulusbriefe ohne Paulus? 389ff.
[34]
Art.: Marcion, in: TRE, S. 91ff. Ebenso
bemerkt der Neutestamentler
A. Lindemann
ThLz 1990, Nr. 8, in seiner Rezension des Werkes von
Clabeaux,
daß Harnacks
Werk inzwischen revisionsbedürftig geworden ist und
eine Rekonstruktion des marcionitischen Kanons eine
wichtige Forschungaufgabe darstellen würde
[35]
A Lost Edition of the Letters of Paul. A
Reassessment of the Text of the Pauline Corpus
Attested by Marcion, CBQ.MS 21, 1989.
[36]
Hilgenfeld, A.:
Das Apostolikon Marcion's, ZHTh, 1855,
426-484.
[37]
Harnack, A.v.:
Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Eine
Monographie zur Geschichte der Grundlegung der
katholischen Kirche. Neue Studien zu Marcion,
1921, 924
=1960.
[38]
Typische Elemente katholischer Theologie sind z.B.:
Monotheismus (statt 2-Gottglaube);
Schöpfungsbejahung (statt Schöpfungsverachtung);
Anbindung des Christentums an das Alte Testament
(statt Abkoppelung).
[39]
Als Beispiel sei auf
Harnack
verwiesen, der in seinem - ansonsten ausgezeichneten
- Marcion-Buch auf Marcions angebliche tendenziöse
Änderungen in den Paulusbriefen zu sprechen kommt.
Harnack
bekräftigt zunächst mit einigen Zitaten der
Kirchenväter (!) das "Verstümmelungsurteil" und
behauptet, daß die "Eingriffe ... in großen
Streichungen und in kleinen, aber oft
einschneidenden, ja sogar den Sinn des Textes an
einigen Stellen in sein Gegenteil verkehrenden
Korrekturen und Streichungen" bestünden,
"größtenteils nachweisbar im Interesse seiner
eigentümlichen Lehre" (S. 150). Daß es sich bei den
"tendenziösen Auslassungen und Korrekturen" um
marcionitische handelt, wird von
Harnack zwar konstatiert, aber nirgendwo näher begründet.
Statt dessen verweist
Harnack
auf die "Darstellung", d.h. auf den
vorangegegangenen Teil, die Rekonstruktion des
marcionitischen Apostolikon. Aber auch dort wird die
vermeintliche Priorität der katholischen Rezension
nirgendwo begründet, sondern überall nur behauptet.
2 Beispiele (aus dem
Galaterbrief): Gal 1,1 (Marcion las hier: "der sich
selbst auferweckte") soll für "M.s Gottes- und
Christuslehre charakterisch sein" - der Gedanke, das
aus ein katholischer Redaktor aus eben diesem Grunde
eine Änderung vorgenommen haben könnte, wird nicht
diskutiert; 1,7 soll von Marcion gemäß meinem
Evangelium hinzugefügt worden sein, "um das
paulinissche Evangelium als die authentische Gestalt
des Evangelium Christi hervorzuheben" (auch Marcion
besaß nur ein Evangelium) - der Gedanke, daß ein
katholischer Christ an der Einzahl des Evangeliums
Anstoß nehmen konnte, wird nicht erörtert usw. usw.
[40]
Über die fehlenden Spuren des Paulinismus in der
Theologiegeschichte des 1. und der ersten Hälfte des
2. Jahrhunderts vgl.
E. Käsemanns
Aufsatz: Paulus und der Frühkatholizismus,
in: Exegetische Versuche und Besinnungen, Bd. II, S.
239-252. - Daß das geistige Erbe des Paulus im 2.
Jahrhundert zunächst nicht von den Theologen der
Großkirche, sondern von den Häretikern, insbesondere
von Marcion, rezipiert wurde, wird auch von
W.
Schneemelcher, Paulus in der griechischen
Kirche des 2. Jahrhunderts, in: ZKG 75, 1964, S.
1-20; K.
Beyschlag, 1. Clemens 40-44 und das
Kirchenrecht, in: FS Maurer, S. 9-22;
C.K. Barrett,
Pauline Controversies in the Post-Pauline Period,
in: NTS 20, 1974, S. 229-245;
E.Weiss,
Paulus und die Häretiker. Zum Paulusverständnis
der Gnosis, in: Christentum und Gnosis, BZNW 37,
1969, S. 116-128 und
E. Pagels,
The Gnostic Paul. Gnostic Exegesis of the Pauline
Letters, 1975, beobachtet, wobei letztere diesen
Sachverhalt schon durch den Titel ihres Buches
programmatisch zum Ausdruck bringt.
[41]
Detering,
H, Paulusbriefe ohne Paulus? S. 153-164.
[42]
Siehe aber:
Eggenberger, Chr.: Die Quellen der
politischen Ethik des I. Klemensbriefes, 1951.
- Joly, R.: Le dossier d'Ignace d'Antioche,
Bruxelles 1979. -
Rius-camps, J.:
The Four Authentic Letters of Ignatius, 1979.
- Weijenborg,
R.: Les Lettres d'Ignace d'Antioche. Etude
de critique littéraire et de théologie, 1969 -
ders.: Is Euagrius Ponticus the Author of the
longer Recension of the Ignatian Letters?,
Anton. 44, 1969, 339-347.
[43]
Läßt sich eine Schrift, die etwa den Umfang von
32-35 Papyrusblättern hatte, ohne weiteres als ein
Schreiben akzeptieren, das zum Zweck aktueller
Korrespondenz von Rom nach Korinth abgeschickt
worden sein soll? Warum kommt der Verfasser erst im
44. Kapitel auf den Parteienstreit in Korinth zu
sprechen, wenn dieser den unmittelbaren Anlaß seines
Briefes bildete? Warum bekommen wir beim Lesen des I
Clem kein Bild von den tatsächlichen Hintergründen
des korinthischen Konflikts? Warum kann der in Rom
schreibende Verfasser des Briefes, die Leser des
Briefe dazu auffordern zum gemeinsamen
Besuch des Heiligtums "am selben Orte
zusammenzukommen" (34,7)? Ist es historisch
wahrscheinlich, daß der Märtyrerbischof Ignatius von
Antiochien in Begleitung einer kleinen Mannschaft
römischer Soldaten auf die Reise durch die halbe
Mittelmeerwelt von Syrien nach Rom geschickt wird,
um hier in der Arena den Tieren vorgeworfen zu
werden? Warum schreibt er, daß er verurteilt ist (Eph
12,1f; IgnRöm 3,1), wenn er an anderer Stelle noch
unsicher ist, ob er und wie er sterben soll (IgnEph
1,2; IgnRöm 4.1)? Warum schreibt Ignatius 5,1 den
Römern von Smyrna aus, er sei von "Syrien nach Rom,
zu Lande und zu Wasser im Streit mit wilden
Bestien", wenn ihm die Seereise erst noch
bevorsteht? usw.
[44]
Eusebius Hist III,17ff
[45]
Justin Apol I,31; Eusebius Hist IV 8,4
[47]
Z.B. Justin Dial 23,4, wo über das Thema
Beschneidung debattiert wird.
[48]
Eusebius Hist V 24;
Delafosse, l'épitre aux Romains, 72ff.
[49]
Tertullian Marc V, 10; Joh Chrysostomos, X 378c
Montf.
(p.310f. Cramer), berichtet, daß "wenn ein
Katechumene bei den Marcioniten gestorben sei, er
gefragt würde, ob er die Taufe begehre; die
bejahende Antwort erteile dann ein unter das Bett
gekrochener Bruder und nun werde die Taufe
vollzogen" (nach
Harnack,
Marcion, 176; *367); die sog. Vikariatstaufe
könnte auch noch bei den (ebenfalls gnostischen)
Kerinthianern praktiziert worden sein, Epiph Haer
28,6,4.
[50]
Tertullian vergleicht die Auseinandersetzung
zwischen Katholiken und Marcioniten mit einem
Seilziehen, bei dem beide, er selber und Marcion,
ihre Kräfte erproben und "mit gleicher Anstrengung
hin und -herziehen. Ich sage, ich habe die Wahrheit.
Marcion sagt er hat sie. Ich sage, Marcions ist
gefälscht, Marcion sagt dasselbe von meiner";
Tertullian Marc IV,4.
[51]
U.a. wird in der judenchristlichen Epistula Petri
von der "gesetzlosen und unsinnigen Lehre des
feindlichen Menschen" gesprochen, wobei mit dem
feindlichen Menschen nach Ansicht der meisten
Forscher kein anderer als Paulus selber gemeint ist.
- Es lohnt sich damit Gal 4,16 zu vergleichen, wo
der Autor offenbar eben diesen gegen Paulus
erhobenen Vorwurf aufgreift.
[52]
Irenäus Haer III,13,1: solus Paulus.
[53]
Harnack,
Marcion, S. 35f
[54]
Vgl. zum ganzen Komplex
Klein, G.,
Die zwölf Apostel. Ursprung und Gehalt einer Idee,
FRLANT 77, 1961.
[55]
Die antimarcionitische Tendenz der Apg wurde schon
von J. Knox festgestellt: Acts and the Pauline Letter Corpus, in:
Studies in Luke Acts, FS P. Schubert, 1966,
279-287.
Vgl. ders.: Marcion und the New Testament. An
Essay in the Early History of the Canon, 1942.
[56]
Gal 1,18 sind unbezeugt. Außerdem geht aus Marc
5.3.1 hervor, daß Tertullian
π!lin,
Gal 2,1 nicht gelesen hat.
[57]
Der Theologe
A. Hilgenfeld in: Das Apostolikon
Marcion's, ZHTh, 1855, 426-484.
[58]
Chrysost., zu Phil. 2,7: "M. [=Marcion] sagt: er
wurde nicht Mensch, sondern nach dem
Erscheinungsbild Mensch"; vgl.
Harnack,
Marcion, 287*. Siehe noch das weitere Zitat
Nicephor., Antirrhet. adv. Euseb.
[59]
Origenes Comm in Rom, 5,6 (III, 119): Si quidem,
antequam lex per Moysen daretur, nemo peccasset,
volentes accusare legem ex his apostoli verbis
Marcion et ceteri haeretici occasionem capere
viderentur, tamquam haec fuerit causa datae legis,
ut peccatum, quod ante legem non fuerat, abundaret.
[60]
Vgl. Harnack,
Marcion, 50.
[61]
1Kor 6,20; 7,23; Gal 3,13; 4,5.9; Kol 2,15.
[62]
Bousset,
Kommentar zu Gal 3,13: "Und zwar ist in diesem
Zusammenhang die Macht, welche die stellvertretende
Hingabe Christi fordert, nicht Gott oder Gottes
Zorn, sondern eine gleichsam fremde, mit Gott nur in
loser Verbindung stehende Gewalt, die beinah
persönlich gedachte, fluch-heischende Macht des
Gesetzes."
[63]
So z.B. W.
Schmithals, Neues Testament und Gnosis,
1984. S. 19.
[64]
E. Barnikol,
Philipper 2. Der marcionitische Ursprung des
Mythos-Satzes Phil, 2,6-7, FEUC VII, 1932, im
Hinblick auf den Christushymnus im Philipperbrief.
[65]
Van Manen
macht u.a. auf 1Kor 11,4 aufmerksam wo Paulus die
Männer ermahnt, nicht mit bedecktem Haupt zu beten,
da dies eine Schande sei; die Nicht-Bedeckung des
Hauptes beim Beten entspricht nicht der jüdischen
Tradition.
[66]
Van Manen,
Römer, 194: Die Briefe haben für ihn miteinander
gemeinsam, "daß sie alle aus einem Kreise
stammen, daß sie alle ursprünglich im Dienste einer
Geistesrichtung gestanden haben, die wir die
paulinische nennen dürfen, weil sie mit dem Namen
des Paulus verknüpft war, so wie die johanneische
mit dem des Johannes. Sie bezwecken alle, wenn auch
nicht immer genau in demselben Sinn, die
Verteidigung dieser Richtung, die Empfehlung des
Paulinismus."
[67]
Overbeck,
Das Johannes-Evangelium, Studien zur Kritik
seiner Erforschung, 1911, 98, 104, 206.
[68]
Bei
Pierson-Naber Paulus episcopus
genannt.
[69]
Taten des Paulus und der Thekla 30ff.
[70]
Apokalypse des Petrus; Die zweite Apokalypse des
Jakobus
[71]
"Dieser ist mit Hilfe seines Vaters, des Teufels,
allen Menschen gefällig" - Acta Pt.c.Sim. 55
ed.
Lipsius Bonnet I 203, 1f; vgl. auch noch Hom
18,6-10, H.J.
Schoeps, Theologie und Geschichte des
Judenchristentums 1949, 301, 418ff; Gal
1,10, 2Kor 5,11
[72]
Hom XVII 13ff; Gal 1,16, Gal 2,2, 2Kor 12,1f
[73]
Vgl. den ganzen pseudoclementinischen Roman;
Sibyllinen II,63ff - Nach allgemeiner Ansicht ist
mit Beliar hier Simon gemeint;
Geffcken,
Komposition und Entstehungszeit der Oracula
Sibyllina, TU NF VIII, 1, 1902. Apg: 8,10:
"Simon, die große Kraft, die das samaritanische Volk
bezaubert hat"; Röm 15,19; 1Kor 15,32; 2Kor 12,12.
[74]
Hom II 17,3; XI 35,4-6; Petrus: "Während ich mich zu
den Heiden begebe, ... ist mir ... die Bosheit
zuvorgekommen und hat Simon vorangeschickt, damit
die Menschen, welche die angeblich auf der Erde
vorhandenen Götter verworfen haben und nicht mehr
von deren Vielzahl sprechen, glauben sollen, es gäbe
im Himmel viele Götter ... Ich muß ihm aber
schleunigst nach, damit seine lügnerischen
Behauptungen nicht Fuß fassen und sich überall
festsetzen"; Hom III, 59,2 Vgl. Hom II,17,5, Petrus:
"Simon, mein Vorläufer"; Röm 15,19; 15,23.24.
[75]
Iren Haer I,23,3; Röm 6,1f; 6,15f gegen das
Mißverständnisse der paulinischen Gnadenlehre.
[76]
Iren Haer I,23,3; 1Kor 6,20; 7,23; Gal 3,13; 4,5.9;
Kol 2,15.
[77]
ApkEl 36,2: Antichrist=Simon, s.
Preuschen, E.,
Paulus als Antichrist, in: ZNW 2, 1901,
169-201; Gal 1,13; 4,16.
[79]
ApkEl 33-34; Acta Pauli et Theclae 3
[80]
ApkEl 33-34; der vielgestaltige Betrüger in der
Apokalypse des Petrus: Simon oder Paulus?
Acta Pauli et Theclae
3, vgl. dazu Gal 4,15.
[81]
Justinus, Apolog. I ,26.; Hipp.
Refut. VI.20; Marty. Petr. 3; Petrusakten 32. Apg
27f. Röm 1,8ff; 15,22.
[82]
Irenäus I,27,1f: "Et Cerdon autem quidam ab his qui
sunt erga Simonem occasionem accipiens, ...
Succedens autem ei Marcion Ponticus."
[83]
Man könnte z.B. die gnostischen bzw. marcionitischen
Passagen in den paulinischen Briefen durch spätere
Redaktion bzw. Interpolation erklären (so der
französische Forscher
H. Delafosse,
Les écrits de Saint Paul, in: Christianisme,
1926-1928, und der Deutsche
E. Barnikol,
Philipper 2. Der marcionitische Ursprung des
Mythos-Satzes Phil, 2,6-7, FEUC VII, 1932, bezug
auf den Christushymnus im Philipperbrief); man
könnte darin ein "synkretistisches" oder auch ein
"sprachlich-hermeneutisches Geschehen" (Schmithals
Neues Testament und Gnosis, S. 19)) sehen,
d.h. den Versuch einer Übersetzung des
urchristlichen Kerygmas in gnostische
Begrifflichkeit usw. usw.
|