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Die
Radikalkritik in Bedrängnis?
G.A. van den Bergh van Eysinga
“De Radicale Kritiek in het gedrang?”
Godsdienstwetenschappelijke Studiën XV – 1954”
Übersetzt 2005 von Frans-Joris Fabri
lhr sagt, das mutet mich nicht an,
Und meint, damit seis abgetan.
Ich bin euch sämmtlichen zur Last,
Einigen auch sogar verhasst;
Das hat aber gar nichts zu sagen....
Goethe-Werke, ed. Düntzer, I 362, 388.
Die sogenannte Radikalkritik wurde jahrzehntelang
totgeschwiegen, dann als hoffnungslos veraltet bezeichnet,
und jetzt soll ihr der unlängst entdeckte Codex Jung den
Todesstoß versetzt haben. Weiland
Brede Kristensen
schrieb über das Leben aus dem Tode. Das ist eine
tröstliche Vorstellung zu einem Zeitpunkt, da mit mir, als
ihrem letzten Vertreter, hier zu Lande mein Lebenswerk, die
Kritik, angeblich auf dem Sterbebett in den letzten Zügen
liegt, nach dem Schlag, der ihr kürzlich versetzt wurde.
Dass aber dieser Schlag, trotz aller ihn begleitenden Pauken
und Trompeten, statt zu treffen ins Leere gegangen ist,
hoffe ich in diesem Aufsatz plausibel darstellen zu können.
Auf den Codex Jung und das darin vermutete Evangelium der
Wahrheit werde ich dabei nicht näher eingehen, aus dem
einfachen Grunde, dass er noch nicht veröffentlicht wurde.
Auf jeden Fall hat das ungewöhnliche Aufhebens, das die
Presse von diesen Fund gemacht hat, das Interesse derjenigen
geweckt, die dann doch etwas mehr über jene gottlose
Radikalkritik wissen möchten. Ich wurde zu öffentlichen
Vorträgen zum Thema eingeladen, — so etwas war mir noch nie
passiert! — in Tageszeitungen und Zeitschriften erschienen
Artikel mit Reaktionen zu meiner Stellungnahme in (Godsdienstwetenschappelijke)
Studiën XIV, von allen Seiten bekam ich Briefe. Sollte das
mir nicht zeigen, dass die hoffnungslos überholte und fast
Totgeglaubte plötzlich bis zu einem gewissen Grade attraktiv
geworden ist? Das war gewiss nicht die Absicht von Professor
Quispel! Kristensen
hat Recht, auch in diesem Fall: Der Tod erzeugt
Leben.
3
Im vergangenen Sommer fragte mich in Frankreich ein
neutestamentlicher Kollege ohne viel Umschweife, ob ich
nicht der einzig übriggebliebene Vertreter der
Niederländischen Radikalen Schule sei.
Ich musste ihm das wohl bestätigen.
Der orthodoxe Kollege fühlte sich durch meine Antwort
ersichtlich erleichtert: Radikalkritik ist für Bibelgläubige
ein Stein des Anstoßes, der so schnell wie möglich aus dem
Weg geräumt werden sollte. Ich hätte zwar auf etwa fünfzig
meiner ehemaligen Studenten hinweisen können, die sich in
einer nach mir benannten Studiengruppe zusammengefunden
haben; ein paar Mal im Jahr treffen wir uns im gastlichen
Gebäude der Vrije Gemeente in Amsterdam; zusammen studieren
wir die Werke der großen Meister der Niederländischen
Radikalen Kritik und versuchen diese fortzuführen unter
Verwendung des Materials aus unserer Zeit. Ich habe meinem
Kollegen dann doch nicht darauf hingewiesen, da zu diesem
der Sache dienenden Kreis nur wenige gehören, die ihre
Stimme öffentlich erheben. Bolland sprach im
vergleichbaren Fall von seinen „stummen Aposteln”, denen er,
genau wie ich den meinigen, sich zu großem Dank verpflichtet
fühlte.
Die Bezeichnung Radikalkritik sagt als solche zum rechten
Verständnis der Sache genauso wenig aus wie die
Bezeichnungen Geusen und Quäker, die ihre Entstehung einem
Scherz oder aber einer feindlichen Einstellung zu verdanken
scheinen. Radikalkritik wird dann eben als Hyperkritik,
als maplose, zu weit gehende Kritik betrachtet.
Eigentlich ist Hyperkritik ein unsinniges Wort, womit man
glaubt, den Gegner erledigen zu können, wenn man es mit
Argumenten nicht schafft. Schon bevor es die
Radikalkritik hier zu Lande gab, hat Opzoomer darauf
hingewiesen, dass der Begriff Hyperkritik unsinnig sei. „Weder
unser Einsatz noch unser Talent, das Echte vom
Unechten, das Brauchbare vom Unbrauchbaren zu trennen, kann
je zu groß sein.... Was man .... (Hyperkritik)
nennt, ist niemals zuviel, sondern immer zu wenig Kritik,
nie ein zu starkes, sondern immer ein zu schwaches Urteil.
Wer zu falschen oder unsinnigen Ergebnissen kommt, hat nicht
zu viele Schlussfolgerungen gezogen, sondern schlecht
argumentiert. Es liegt nicht an der Sache, die er beurteilt,
es liegt ausschließlich an ihm selbst. Das Thema steht nicht
über der Kritik; nur er selbst ist unter dem Maßstab der
Kritik geblieben“1.
1
C. W. Opzoomer, „De vrije wetenschap". Amst. 1869, S.
14 f.. 4
4
Radikalkritik ist im Bereich der Entstehungsgeschichte des
Christentums keine andere Kritik als diejenige, die
der Wissenschaftler in jedem anderen Bereich auch verwendet.
Sie ist die Einstellung desjenigen, der ohne jegliches
dogmatisches Vorurteil sein Material prüft. Beim Studium des
Mithras- oder des Dionysoskultes ist das Apriori des
Glaubens keine Voraussetzung sondern ganz im Gegenteil ein
Hindernis. Genau so wenig darf der moderne Forscher sich ein
„gläubiges" Apriori aufzwingen lassen, wenn er den
Ursprüngen des Christentums nachspürt.
Es gibt ein berühmtes Lehrbuch zur Einführung der Studenten
in das Neue Testament; es wurde von
Paul Feine
1 geschrieben und erreichte schon seine
zehnte Auflage. Nun betrachtet
Feine dieses
N. T. nicht als eine Sammlung frühchristlicher Texte, die
anhand der philologisch-kritischen Methode zu untersuchen
wären, sondern er sieht — mit der Christlichen Kirche — in
diesem N. T. eine ganz und gar einzigartige Schrift, die
Urkunde der endgültigen Offenbarung Gottes in Jesus
Christus. Für einen Religionswissenschaftler eher
humanistischer Prägung sind das schon recht seltsame Töne.
Zu den Radikalen, namentlich zu Bruno Bauer, Steck und mir
sagt Feine,
wir würden von geschichtsphilosophischen Voraussetzungen
ausgehen, über die nicht zu diskutieren sei.
So entledigt er sich in bequemer Weise der Diskussion.
Ich kann antworten: „Sie gehen von
offenbarungsgläubigen Voraussetzungen aus, was mich
jedoch nie daran gehindert hat, Ihre Richtung mit
wissenschaftlichen Argumenten zu bekämpfen, nachprüfbar
in den zahlreichen Buchbesprechungen, die ich in den
vergangenen vierzig Jahren Ihrer Richtung gewidmet habe."
Von Außenstehenden wird Radikalkritik gewöhnlich
gleichgesetzt mit der Leugnung der Historizität Jesus. Was
wäre das für eine rein negative und fast inhaltsleere Art
von Wissenschaft! Die Radikalkritik hat immer und überall
weitaus mehr beabsichtigt; sie hat den Versuch unternommen,
rein wissenschaftlich und ohne dogmatische Vorurteile eine
Geschichte der Entstehung des Christentums zu liefern. Sie
ging dabei von den zum Thema vorhandenen Schriften des
Frühchristentums aus; zuerst von den Büchern des Neuen
Testamentes,
1
„Einleitung in das Neue Testament", Leipzig, 1936, S. 9,
141.
5
trennte diese aber nicht von andern, nicht in den
römisch-katholischen Kanon aufgenommenen Texten. Bei ihr ist
deshalb auch nicht die Rede von neutestamentlicher, sondern
von frühchristlicher Literatur. "Neues Testament" ist ein
kirchlicher, "frühchristliches" ein wissenschaftlicher
Begriff. Wir müssen das Neue Testament in der gleichen
kritischen Weise untersuchen, wie wir es mit den Werken
Platos oder Senecas tun. Da ist kein Platz für Vorurteile
aus dem Glauben heraus, allerdings sollte der Forscher
sehr wohl in der Lage sein, sich in den Geist seines
Objektes einzudenken. Kann denn aber ein Kulturmensch
unserer modernen Zeit sich nicht in die verschiedensten
Empfindungs- und Gedankenwelten einleben? Er kann sowohl die
primitive Malerei wie auch Leonardo, Rembrandt sowohl wie
die Haagsche Schule verstehen. Gleichermaßen bleibt ihm die
Götterwelt des Homer nicht unverständlich, so wenig wie der
Islam, der Animismus, der Totemismus oder das
Wiedertäufertum. Der römisch-katholische Gelehrte
Bielek, der
geschrieben hatte, das Wesen des Katholizismus könne
sinnvoll nur vom gläubigen Katholiken erforscht werden,
bekam zu Recht von
Friedrich Pfister die Antwort: „Dann können aber
Sie keine nicht-katholischen verstehen. Beim
Versuch, zum Wesentlichen einer anderen Religion
vorzudringen, stehen gerade dem dogmatisch Festgelegten viel
größere Probleme im Wege als dem nicht ,gläubigen’
Forscher.“
Im Verständnis des Religionshistorikers wandelt Gott oder
der Sohn Gottes nicht als historische Person auf der Erde
umher; das ist für ihn ein Glaubenssatz, in dem sich eine
tiefsinnige Wahrheit verbirgt, ein Faktum in der Geschichte
Palästinas zu Beginn unserer Zeitrechnung kann das für ihn
aber nicht sein.
Unser J. van Loon
hat die impertinente Frage gestellt: „Welchen
Charakter hat die Geschichte der Evangelien? Enthalten
die Evangelien die Biographie eines Rabbis oder Propheten,
eines religiösen Genies?“ Die Antwort der Radikalkritik wie
die der Orthodoxie so vieler Jahrhunderte lautet
gleichermaßen: Nein! Ganz und gar zu Unrecht wird dann auch
den Radikalen vorgeworfen, sie würden die Tradition
nicht würdigen. Wenn irgendetwas auf der Welt die
Bezeichnung traditionell verdient, dann gerade doch die
Vorstellung des göttlichen, des himmlischen Christus. Wir
folgen hier der orthodoxen Linie, ohne selbst deshalb
orthodox zu sein. Wir verstehen die Historisiering des
religiösen Mythos im Kontext der Geschichte des zweiten
Jahrhunderts,
6
haben aber die Einsicht gewonnen, dass die ursprüngliche
Evangeliumserzählung nichts anderes als die irdische
Erscheinung eines göttlichen Wesens im Sinne hatte. Der
Jesus der modernen Theologie — genau der ist eine
Neuerung, die mit der Tradition von über achtzehn
Jahrhunderten bricht; das ist Hypothese, — und darüber
hinaus eine unbegründete Hypothese —, dass der Mythos, in
dem die frühesten Christen ihr Ideal und ihre Weisheit zum
Ausdruck gebracht haben, an Hand einer nüchtern-rationalen
Abziehmethode letztlich zuverlässige Ergebnisse liefern
werde über eine historische Person am Beginn unserer
Zeitrechnung. In rationalistischer Manier zieht man von den
Evangelien alles ab, was wunderlich, anstößig oder
widersprüchlich ist, und glaubt dann, dass das
übriggebliebene Ereignishafte sich auch wirklich
ereignet hat.
Mein Interesse an den Ursprüngen des Christentums ist
bereits mehr als ein halbes Jahrhundert alt. Die Anliegen
aber, um die es dabei geht, sind für mich nur von
historischer Bedeutung; meine eigene Lebens- und
Weltanschauung ist davon nicht betroffen. Genauso wenig wie
bei der Lektüre der heiligen Schriften des Ostens oder der
Werke Philos van Alexandria, gehe ich davon aus, dass meine
Sicht der Wirklichkeit und mein Verständnis von Wahrheit dem
entsprechen. Ich lasse einfach nur die Texte selbst reden
und brauche nicht selbst Partei zu sein in den
Problemstellungen jener alten Zeiten, weil die Probleme
meiner eigenen Zeit ganz andere sind.
In 1878 begann die Radikalkritik hier zu Lande mit
Allard Piersons
De Bergrede en andere Synoptische fragmenten.
An anderer Stelle habe ich aufgezeigt, dass dies eine
selbständige Arbeit
Piersons war
und dass er die Werke seines deutschen
Vorläufers Bruno Bauer (1809—'82) nicht kannte1.
Zur Mitte des neunzehnten Jahrhunderts war dieser zum
Ergebnis gekommen, dass keine einzige der Schriften des N.
T. von dem Apostel oder dem Apostelschüler verfasst wurde,
dem die Kirchentradition sie zuschreibt.
Pierson
richtete sich gegen diejenigen, die von der Unechtheit des
johanneischen Jesusbildes auf die Echtheit des synoptischen
schließen wollten, genau so, wie Bruno Bauer das getan
hatte. Hat man zwei verschiedene und untereinander nicht in
Übereinstimmung zu bringende Berichte, dann darf man, so
meint er, den einen nicht als glaubwürdig ansehen,
1
„Allard Pierson Herdenking op 23 Mei 1946". Uitgave van de
Allard Pierson Stichting No. 21. Groningen-Batavia, S. 17
ff..
7
wenn die Glaubwürdigkeit des anderen von der Kritik
widerlegt wurde; auch jener eine muss mit dem gleichen
scharfen Auge untersucht werden1. Pierson brachte
Loman, der ihn zunächst bekämpft hatte, zum Zweifeln. Van
Manen wurde von Loman in die gleiche Richtung getrieben.
Loman und Van Manen hielten beide Bruno Bauer für seine
Leistung in Ehren und wollten von ihm lernen, verbesserten
aber auch in manchen Punkten dessen Werk. Auch Rudolf Steck
in Bern kam unabhängig von den andern über den langen Weg
der internen Kritik zu einem ähnlichen Befund, als er den
Brief des Paulus an die Galater, der als das Echteste vom
Echten betrachtet wurde, als Produkt des zweiten
Jahrhunderts erkennen ließ. Somit ist diese Richtung zu
verschiedenen Zeiten und an mehreren Orten durch die
natürliche Entwicklung einer unvoreingenommenen Kritik
hervorgetreten und in keiner Weise kann sie als die törichte
Idee eines alleinstehenden Skeptikers abgetan werden 2.
Damals zweifelte
Pierson noch
nicht daran, dass es in der Zukunft zu einer kohärenten
Vorstellung vom Leben Jesu kommen könnte; 1878 leugnete er
dessen historische Existenz noch nicht, war aber der
Meinung, dass diese Existenz für die Entstehung des
Christentums keine große Bedeutung gehabt habe3.
Die Vorstellung in den Evangelien eines Halbgott-Jesus nennt
er älter als diejenige der Tradition, die ihn als Lehrer
darstellt4. Vom Anfang an war
Pierson ein
Verfechter des wissenschaftlichen Umgangs mit dem N. T. Von
ihm stammt der köstliche Satz: „unvoreingenommen heißt nicht
ohne Vor-Urteile, der Geist als Tabula rasa, das wäre
der Tod jeglicher Wissenschaft. Nein, unvoreingenommen zu
sein, ist einfach die Einstellung, nicht schon von
vornherein als gesichert zu setzen, was noch erforscht
werden muss"5. Für seine Weltanschauung und sein
Glaubensleben brauchte
Pierson den
historischen Jesus nicht, auf den sowohl seine
rechtgläubigen wie auch seine liberalen Zeitgenossen
–
wenn auch aus unterschiedlichen Gründen - nicht verzichten
konnten. 1926 schrieb
Arthur Drews: „die Tage des Holländischen
Radikalismus sind gezählt'6. Aber, so sage
ich, eigentlich hat er
1
a.a.O., S. 19. 2 S. 21. 3 S. 23.
4 S. 25. 5 A. Pierson, „De Oorsprong
der Moderne Richting". Haarlem 1862. Vgl. meine oben
genannte „Herdenkingsrede“, S. 30. 6 „Die
Leugnung der Geschichtlichkeit Jesu in Vergangenheit und
Gegenwart."
Karlsruhe 1926, S. 71.
8
seine wenigen Tage bei uns nur rein zufällig
gehabt. Allard
Pierson war in den Niederlanden niemals Dozent der
Theologie; A. D.
Loman und W. C.
van Manen
hatten schon einen Lehrstuhl, bevor sie durch die Werke
Piersons,
Rudolf Stecks
und Bruno
Bauers
die Richtigkeit dieser Kritik erkannten. Abberufen
konnte man sie nicht, wären sie aber nicht schon im Amt
gewesen, so hätten sie es gewiss nie bekommen. Seitdem hat
es zuviele Fälle ungerechtfertigter Nichtberücksichtigung
eines radikalen Kritikers gegeben, die Prof.
Qujspels
Darstellung vom Stand der Dinge in einem ganz besonderen
Licht erscheinen lassen. Dieser behauptet ja, der Codex Jung
werde gerade noch rechtzeitig verhindern, dass die freie
Forschung durch die Radikalen abgeschafft wird.
Das lese ich in der Zeitschrift De Hervormde Kirche.
Weiter schreibt dort Prof.
Quispel: „Ich
bin noch nie einem Fachmann begegnet, der diese Theorie
ernst genommen hätte". Ich fordere ihn auf, Namen derjenigen
zu nennen, die in Sachen der Radikalen Kritik wirklich als
Männer vom Fach bezeichnet werden können. Wenn ich sage,
mein ehemaliger Schüler Dr. G.
Hartdorff, der
meine Kritik zum Thema seiner Dissertation wählte, sei
bezüglich dieser Kritik fachkundiger als Prof. Quispel,
fürchte ich, Hartdorff werde dazu bemerken: „Mit wem
vergleichen Sie mich da? Ich habe schließlich Ihr
komplettes Werk studiert mit dem Befund, dass Sie die
unverdächtig moderne Erforschung der Evangelien fortsetzen
und dass Sie die Prinzipien des Modernismus, namentliich den
Anti-Supranaturalismus und den Idealismus ernst genommen
haben.
Deshalb ist Ihr Standpunkt legitim modern freisinnig.
Meines Erachtens könnte man Sie als das Gewissen der
freisinnigen Theologie bezeichnen; als Historicus haben Sie
aufgezeigt, dass die liberale Abziehmethode unhaltbar ist.
Meiner Meinung nach haben Sie das in den Diskussionen mit H.
Windisch und G. Sevenster überzeugend aufgezeigt“ 2.
Derselbe ehemalige Schüler, Dr.
Hartdorff
3,
sagt aber klipp und klar, dass er an die Historizität Jesu
glaubt und zwar aufgrund der Offenbarung Gottes und
er fügt hinzu, er sei sich apriori sicher gewesen,
dass Jesus gelebt habe und der von Gott gesandte Retter und
Heiland sei.
1
„Historie of Historisering". Amst. 1950, S. 191. 2
225 f.. 3 „De historiciteit van Jesus". Amst.
1952, S. 97.
9
Das ist ein ehrliches Bekenntnis, aus dem hervorgeht, dass
eher religiöse Bedürfnisse im Spiel sind als
wissenschaftliches Interesse. So offen finde ich es bis
jetzt bei Prof.
Quispel nicht ausgesprochen, dass die Fleischwerdung
des Wortes, die als Mensch auf Erden wandelnde zweite Person
der göttlichen Dreieinigkeit, Glaubenssatz ist. In
einem solchen Gedankenkontext muss die Wissenschaft dann
dazu dienen, eine schon im Voraus feststehende
Glaubensüberzeugung zu beweisen.
Zwei weitere meiner ehemaligen Studenten haben dem Kollegen
Quispel bereits geantwortet: Prof. Dr.
C. W. Mönnich
im Groene Amsterdammer vom 19. und Drs. J.
van Rossum in
Zwingli vom 22. Dezember des vergangenen Jahres.
Der erstgenannte schrieb durchdacht, jedoch
satirisch-scharf, der zweite rein sachlich bescheiden. Für
Mönnich kommt
der Auftritt Quispels einer puren Stimmungsmache verdächtig
nahe; er nannte ihn sogar demagogisch; es verursache ihm
großes Unbehagen, zu sehen, wie ein respektabler Gelehrter
durch sinnlose Verdächtigungen sich selbst lächerlich macht,
die Theologie diskreditiert und ein leichtgläubiges Publikum
verwirrt. Mönnich
bezeichnet Quispels Darstellung von den Ansichten der
Radikalen Schule nicht nur als unvollständig, sondern auch
als direkt falsch. Seiner Meinung nach zeigt Quispel einen
erschreckenden Mangel an Kenntnis der Theologie und Kultur
des vorigen Jahrhunderts.
Van Rossum
in Zwingli kann nicht erkennen, wie die Entdeckung
des Codex Jung der Radikalen Schule, die die Gnosis als eine
der ältesten Formen des Christentums betrachtet, nunmehr
definitiv den Todesstoß versetzt haben soll. „Dass die
Gnosis älter ist als das Christentum, scheint Prof. Quispel
für eine neu aufgekommene Idee zu halten; tatsächlich wurde
das in den Arbeiten Van den Bergh van Eysingas schon immer
behauptet". Zum Hinweis Prof. Quispels auf die Vorstellung
des himmlischen Adams in der jüdischen Gnostik
–
eine symbolischen Figur, die die ganze Schöpfung in sich
einschloss, der vollkommene Mensch
–
sagt Van Rossum
sehr richtig: „Wenn wir nun diesen himmlischen Adam
im N. T. wiederfinden (1 Kor. 15 : 45—47), dann ist dessen
Ursprung nicht in der angeblich historischen Figur des Jesus
von Nazareth zu suchen, sondern im himmlischen Adam der
Gnosis. Worin unterscheidet sich das aber von dem, was die
Radikalkritik schon immer gesagt hat?.... Wenn Johannes sein
Evangelium um 140 u.Z. geschrieben hat und Valentinus
10
das seinige um 150, dann ist es, meine ich, durchaus möglich
und fast selbstverständlich, dass Valentinus das
Johannesevangelium und auch die andern Evangelien kannte, so
wie offensichtlich auch der Evangelist Johannes die
Evangelisten vor ihm kannte. Welches fatale Element dies für
die Auffassungen der ,Radikalen Schule' ergibt, können wir
noch nicht erkennen. Der neue Fund beweist m.E. nur, dass um
die Mitte des zweiten Jahrhunderts der Prozess der
Evangelienentstehung noch nicht beendet war und die Gnosis
–
Prof. Quispel zufolge älter als das Christentum
–
noch so springlebendig war, dass sie ein neues Evangelium
hervorbringen konnte!“ Ds
van Rossum
schließt seinen exzellenten
Artikel mit den treffenden Worten: „Ein kirchlicher
Kanon ist kein wissenschaftlicher Maßstab. Diesen Grundsatz
der ,Radikalen Schule’ kann kein Fund weg argumentieren“.
Weder Bultmann
noch ich selbst haben je geleugnet, dass die altjüdischen
Adam-Spekulationen aus einer älteren gnostischen Tradition
entliehen worden waren. Deutlich zeigt davon die Logoslehre
bei Philo bereits im vorchristlichen Alexandria die
Kennzeichen, und Philo selbst setzt die Existenz einer ihm
viel zu weit gehenden Gnostik in seiner Umgebung voraus
(siehe G. S. VIII, S. 36-53). Der
jüdisch-vorderasiatische Okkultismus, dem Prof.
Quispel den
Ursprung der Adamspekulationen zuschreibt, hatte in der Zeit
des Hellenismus selbstverständlich die Gelegenheit, nach
Alexandria hinüberzuwehen. Die Ansicht der Holländischen
Radikalen Kritik, dass den kanonischen Evangelien ein
gnostisches Evangelium ohne jeglichen historischen Charakter
zugrunde liegt, stützt sich auf die Paulusbriefe und das
Zeugnis des Ignatius. Puech und Quispel datieren letzteres
auf das Jahr 115, dagegen setzt der champion passionné
der Radikalen Kritik — wie man mich zu nennen beliebt1
— den Autor der Ignatiana auf ± 170 an. Ignatius
schreibt an die Philadelphier (9 :2), das Besondere des
Evangeliums sei: das Kommen unseres Herrn Jesus Christus,
sein Leiden und Auferstehung (vgl. 8 : 2). Es ist ein
Missverständnis meiner Gegner, dass mir, wenn ich von einem
ursprünglich gnostischen Evangelium spreche, so etwas wie
ein Evangelium der großen gnostischen Schulen des zweiten
Jahrhunderts vorschweben würde.
1
In „Vigiliae Christianae" 1954, vol. VIII 1-2, S. 26.
11
Das jetzt aufgefundene Manuskript scheint aus der zweiten
Hälfte des 4.
Jahrhunderts zu stammen.
Prof. Quispel
nimmt jedoch die Entstehung im Jahre 150 an, ja sogar zu
einem noch früheren Zeitpunkt, und er findet darin Zitate
aus den vier Evangelien, den Paulusbriefen und der
Offenbarung des Johannes. Die Radikalkritik hat nichts gegen
eine so frühe Datierung neutestamentlicher Texte
einzuwenden, wenn dabei nicht vergessen wird, dass der
Prozess der Kanonbildung damals noch im Gange war. Besaß
nicht Marcion schon vor der Großkirche einen Kanon heiliger
Schriften? Harnack
zufolge zwang dadurch der Häretiker die Kirche dazu,
ebenfalls einen Kanon zusammen zu stellen. Marcion hatte
zwar das Johannesevangelium nicht, es ist aber klar
nachgewiesen worden, u.a. von
Windisch, dass
nicht nur die Synoptiker ihm zugrunde liegen, sondern als
weitere Quelle auch ein gnostischer Text; auch
Bultmann
vertritt überzeugend diese Ansicht.
Die uns in den Vigiliae Christianae, vol. VIII, 1—2,
S. 33 ff. vorgelegten Beispiele, die beweisen sollen, dass
das Evangelium der Wahrheit das kanonische N. T.
kennt, können kaum überzeugen. Wo es im valentinianischen
Text heißt: „Das Evangelium, das verborgene Mysterium, Jesus
Christus. Durch dieses hat er die erleuchtet, die in
Finsternis waren durch das Vergessen“, sehen
Puech und
Quispel eine
Kombination paulinischer (Kol. 1: 26; Eph. 3 : 9; 5 : 14; 6
: 19) und johanneischer (Ev. v. Joh. 1: 5 en 9) Anklänge.
Nun sind in der Tat das verborgene Geheimnis, das jetzt den
Heiligen offenbart worden ist, (Kol. 1: 26, vgl. Eph. 3 :9;
6 : 19) sowie die Aufforderung an den Schlafenden,
aufzuwachen und von den Toten aufzustehen, damit Christus
ihm aufleuchte (Eph. 5 :14), verwandte Gedankengänge. Dies
aber nicht so, dass man Abhängigkeit von ihnen annehmen
müsste; die beiden Gedankenreihen wurzeln in einem
gemeinsamen Boden: in der vorchristlichen Mysterienweisheit.
Das zweischneidige Schwert von Hebr. 4: 12
(Puech-Quispel
S. 36, Anm. 74) hat seine Parallele schon bei Philo, und
beide Stellen beruhen auf einer gemeinsamen Tradition, die
ihren Ursprung hat in der Lehre vom eschatologischen Schwert
Gottes (Jes. 27 :1; 34 : 5, Ezech.
21: 3). Das Gleiche gilt für Offenb. 2 : 12 1.
Von den Parallelen zwischen dem Evan-
1
Ernst Käsemann, „Das wandernde Gottesvolk", Göttingen
1938, S. 5.
12
gelium der Wahrheit und unserm Kanon bleiben also nur noch
Mt. 12 :11 f.; 18 :10 : 14, vgl. Lk. 15 :3-7 (S. 38). Das
sind Texte, die gewiss vor 150 bekannt waren; schon Markions
Evangelium kannte das Gleichnis vom verlorenen Schaf.
Kollege Quispel
erwähnte im Verlauf der Diskussion die Atheisten und
benannte einige davon in den Zeitungen namentlich.
Eine solche Qualifizierung ist m. E. irreführend.
Das Niveau der Religionsbeurteilung vieler Zeitungsleser ist
nach wie vor nicht höher als das von Fräulein Laps in
Multatulis klassischem Woutertje Pieterse. Ist es nicht
einfach eine lächerliche Vorstellung, dass die Vertreter
radikaler Ideen Frevler gegen das Heilige wären, Bösewichte,
denen es ein teuflisches Vergnügen bereite, sich am
Göttlichen zu vergreifen? Eine solche Beurteilung kann nur
aus dem dogmatischen Gehirn oder dem intoleranten Herzen
eines Ketzerjägers hervorgehen. Nach Art eines laienhaft
beschränkten Sprachgebrauchs werden die Begriffe atheistisch
und gottlos gleichgesetzt!
So etwas hätte man einem heutigen Hochschuldozenten kaum
zugetraut.
H. Hackmann, mein verstorbener Vorgänger auf dem Lehrstuhl
für Religionsgeschichte an der Universität von Amsterdam,
hat in einem Aufsatz aufgezeigt, dass man auch ohne den
Glauben an einen Gott religiös sein kann; der
Hinayana-Budhismus des Südens ist dafür ein gutes Beispiel.
In der Verwendung als wissenschaftlicher Terminus technicus
anstatt als Schimpfwort bedeutet Atheismus die Verneinung
des Theismus; in diesem Sinne will ich mich in Gesellschaft
mit dem frommen Spinoza, mit Lessing, Goethe und Hegel gerne
als Atheisten bezeichnen lassen. Sie konnten nicht mehr
glauben an den lieben Herrgott, der über den Wolken die
Strippen zieht. Nun ja, daran glaubt die heutige
Niederländische Reformierte Kirche auch nicht mehr, nachdem
sie sich aufs Neue zur göttlichen Dreieinigkeit bekennt; man
muss doch wohl davon ausgehen, dass es der Kirche mit ihrem
Bekenntnis ernst ist und dieses Bekenntnis mehr ist als eine
Kirchenpolitik, von der sie annimmt, sie könne damit den
Confessioneelen [Anm. des Übersetzers: eine Abspaltung
konservativ-orthodoxer Calvinisten] den Wind aus den Segeln
nehmen.
Aber lassen wir das.
Prof. Quispel
teilte mir in einem privaten Schreiben mit, er habe mit
seinem Eintreten gegen die Radikalkritik beabsichtigt: „die
Bekämpfer des Christentums lächerlich zu machen". Das aber
wirft ein eigenartiges Licht auf seine wissenschaftliche
Einstellung.
Beim wissenschaftlichen Forschen sind Nebenabsichten
gefährlich. Ein sauberes wissenschaftliches
13
Vorgehen verlangt ausschließlich wissenschaftliche
Absichten: die für sich selbst sprechen lassen, sorgfältig
übersetzen und umsichtig erklären, ihren Ort in der
Literatur feststellen, mit größter Vorsicht aus Form und
Inhalt Schlussfolgerungen ziehen, um sie so als
Baumaterialien für die Geschichte der alten Zivilisation zu
verwenden. Geht es um religiöse Texte, so muss man sich
selbstverständlich in religiöse Phänomene einfühlen können;
zum Glück braucht man dazu kein Anhänger der jeweiligen Form
von Religion zu sein. Der Religionsgeschichtler käme nicht
weit, wenn er zur Ausübung seiner Wissenschaft gleichzeitig
dem römisch-katholischen und dem lutherischen Christentum,
dem Islam und der Altägyptischen Religion, dem Buddhismus
und dem Parsismus anhängen müsste. Darüber habe ich mich
weiter oben schon ausgelassen
–
und im Verlauf der Jahre immer wieder. Das kann m.E. aber
nicht oft genug gesagt werden, da dieses Geschlecht
anscheinend taub und schwer von Begriff ist. Man glaubt sich
mit dem Kompass eines supranaturalistischen Glaubens im
sicheren Fahrwasser und versucht dann, diesen Glauben
rationalistisch für sich selbst und für andere akzeptabel zu
machen. Unsere geistig ermattete Zeit wird sich kaum noch
vertiefen in den kritischen Untersuchungen des vorigen
Jahrhunderts, die mühelos als „hoffnungslos veraltet"
eingestuft werden können, da sie keiner mehr kennt, seitdem
sie in den Vorlesungen der Hochschulen nur noch in
Ausnahmefällen angesprochen werden.
Das jetzt aufgefundene Evangelium bezeichnet sich selbst
als: „Freude für diejenigen, welche die Gnade empfangen
haben vom Vater der Wahrheit, ihn zu erkennen durch die
Kraft des Logos, welcher gekommen ist aus dem Pleroma
(= die Fülle Gottes, die himmlische Lichtwelt), welcher ist
in der Ennoia (dem Denken) und dem Nous (dem
Geist) des Vaters, welcher der ist, den man nennt Soter
(Retter, Erlöser), weil er der Angelos (Gesandter)
ist, dazu bestimmt, zu kommen zur Erlösung von denen, welche
den Vater nicht kannten“.1 Das sind rein
gnostische Vorstellungen, die aber dem N. T. ganz und gar
nicht fremd sind. Zu diesem Thema habe ich soviel publiziert
2, dass ich mich hier kurz halten kann. Für
Paulus ist Christus etwas anderes als der jüdische Messias:
Er ist der Sohn Gottes, der himmlische Mensch (1 Kor. 15
:45—49), älter als alles Geschaffene; er gibt seine gött-
1
„Vigiliae Christianae".
VIII, 1-2, S. 22. 2 Siehe zB.
„De Wereld van het Nieuwe Testament", Huis ter Heide 1929,
S. 67-71; „G. S." X 32.
14
liche Existenzweise auf und nimmt die menschliche Gestalt an
(Phil. 2:6 ff.). Es ist der Gehorsam eines Himmelbewohners,
der sich zu einem irdischen Leben erniedrigt, um die dunklen
Mächte dieser Welt zu besiegen, schließlich auch den
Tod (Römer 5 :19; 1 Kor. 15 : 26). Die an ihn glauben,
werden aus der gegenwärtigen Welt erlöst (Gal. 1:4), und die
Rettung des Gottes aus dem Tode verbürgt die Rettung seiner
Verehrer. Das Christentum ist ein Zweig der gnostischen
Bewegung, der nicht aus dem Neuen Testament hergeleitet
werden kann. Es verhält sich umgekehrt: Der Paulinismus
wurzelt in der vorchristichen Gnosis, in einem
jüdisch-alexandrinischen Mysterium. Diejenigen, die dieses
Evangelium annehmen, kommen unter Führung des Heiligen
Geistes zum Bewusstsein, dass sie Söhne Gottes sind (Röm.
8:14—16) und werden mit der Zeit als solche erkannt werden
(8:19 ff.). Dieser Sohn hat den Anschein des
Fleisches, in Wirklichkeit ist er aber der Geist (2 Kor. 3 :
17), der Herr der Herrlichkeit (1 Kor. 2:8; 8 : 6). Paulus
denkt nicht an die überlieferten Worte einer Person aus der
Vergangenheit, einer historischen großen Persönlichkeit, es
geht um Realität in der Gegenwart, eine Energiequelle, aus
der Paulus selbst Tag für Tag lebendige Kraft erhält (Phil.
3: 21; Kol. 1:29). Das Kreuz ist nicht einfach nur ein
Ereignis aus der Vergangenheit, sondern täglich erlebbare
Realität (Gal. 3:1). Die wahre Erlösung kommt nicht durch
den Tod eines religiösen Genies aus der Geschichte, sondern
durch mystische Vereinigung mit dem Gott, der jeweils
dadurch lebt, dass er sein Leben hingibt (Röm. 6:1-10; Gal.
5:24; 6:14). Der sterbende Christus ist das Prinzip
göttlichen Lebens; dieses Leben bekommt man, wenn man dem
natürlichen abstirbt. In der Kirche wird die Darstellung
dieses Sterbens als ein irgendwann geschehenes, einmaliges
Ereignis zum Hilfsmittel dieser Idee.
Philo lehrte, dass alles voll ist von Gott und Gott voll ist
von sich selbst.
Das ist das Pleroma, die Fülle.
In der Gnosis werden die einzelnen Faktoren dieser Fülle
Äonen genannt, ewige Wesenheiten, Kräfte, Ideen; sie
entspringen dem göttlichen Logos wie Äste aus einem Baum,
bleiben so im Wesen eins mit dem Vater und bewirken die
Vollständigkeit seiner Größe, so wie die Finger zur
Vollständigkeit einer Hand gehören (Irenäus II 17, 6); im
Heiland haben sich auch alle Äonen wieder vereinigt (II 14,
5). Kol. 1:19 sagt das explizit: „denn es gefiel der ganzen
Fülle, in ihm zu wohnen und durch ihn alles mit sich zu
versöhnen“. Eph. 5:14: „Wache auf, der du schläfst,
15
und stehe auf von den Toten! und der Christus wird dir
aufleuchten!“ ist als Tauflied erkannt worden; in einem
vorausgehenden Vers (8) heißt es nämlich: „Denn einst wart
ihr Finsternis, jetzt aber seid ihr Licht im Herrn
....“ Denn bei der Taufe hat man auch euch zugerufen: „Wache
auf, der du schläfst“ usw. .. Der Christus, der aufleuchtet,
ist kein Zimmermannssohn aus Nazareth!
Prof. Quispel
sieht als Gipfel der Zweifelsucht die törichte Annahme,
Sokrates habe nicht existiert; das ist zwar auch schon mal
behauptet worden, so sagt er, aber mit solchen Kritikern
solle man sich am besten gar nicht erst abgeben. Die
Geschichte kennt aber einen weitaus humorigeren Fall
angeblicher Widerlegung radikaler Kritik: Kanzler F.
von Müller1
berichtet von einem Gespräch Napoleons mit Wieland,
in
welchem der Kaiser es diesem gegenüber in Frage stellte, ob
Jesus Christus jemals gelebt habe. „Ich weiß wohl,
Majestät“, gab Wieland ihm zur Antwort, „daß es einige
Unsinnige gab, die daran zweifelten, aber es kommt mir
ebenso töricht vor, als wollte man bezweifeln, daß Ew.
Majestät leben.“ Der Kaiser soll Wieland hiernach auf die
Schulter geklopft und „wohl, wohl“ gesagt haben. Er wird
sich aber vermutlich, sagt Drews, der den Fall nacherzählt,
seinen Teil über die wahrhaft verblüffende Erwiderung des
deutschen „Philosophen“ gedacht haben. Übrigens hat Wieland
mit seiner Antwort Schule gemacht bis auf den heutigen Tag2.
Ich besitze ein kurioses Büchlein eines Witzboldes mit Namen
J. B. Pérès,
das die Ideen des genialen Dupuis in verdeckter Form
angreift. Dieser hatte 1791 die Evangeliengeschichte
astralmythologisch erklärt.
Pérès zeigt
darin auf, dass auch Napoleon nichts anderes ist als eine
allegorische Figur, namentlich die personifizierte Sonne.
Das war 1827.
Fast ein Jahrhundert später argumentiert
Eduard Meyer,
der Großmeister der Geschichte des Altertums, allen
Ernstes in gleicher Weise: „Wer Jesus zu einer
mythischen Gestalt macht, kann auch Napoleon als mythische
Verkörperung napoleonischer Ideen betrachten“. Er meint
offensichtlich, sich nicht die Mühe machen zu müssen, diese
Behauptung näher zu erläutern. Wie konnte der große
Eduard Meyer
so töricht sein, die Historizität Jesu und die Napoleons auf
eine Stufe zu setzen? Außerhalb des N. T.
1
„Erinnerungen aus den Kriegsjahren von 1800—1813", 1851.
2 „Die Leugnung der Geschichtlichkeit Jesu",
Karlsruhe 1926, S. 22. [online: www.radikalkritik.de/leugnung.htm]
16
Wissen wir von Jesus nichts und als Geschichtsquelle
wird man das N. T. doch gewiss nicht mit
Thiers'
Histoire du Consulat et de l´Empire gleichsetzen wollen.
Für Jesus fehlen Archiveinträge, Berichte von
Zeitgenossen, Monumente, Inschriften usw. usw.1.
Geht es hier schließlich vielleicht um romantische
Vorstellungen? Ich denke etwa an
Renans
theatralisches 2: „O Jesus, ich brauche
es, dass Du gelebt hast, und gelebt im Ideal, das man uns
von dir überliefert hat. Dieses Ideal, das mich zur Ekstase
bringt, ach, wenn das nur ein Symbol wäre! Nein, um dich zu
lieben, brauche ich es, dass Du gelebt hast, dass Du mir
gleich gewesen bist mit einem fleischlichen Herzen wie dem
meinigen“. Wie der orthodoxe Christ den für seine Sünde
geopferten Christus nicht entbehren kann, so der aufgeklärte
moderne Christ den edlen Rabbi-Profeten; es ist ihnen ein
Bedürfnis des Gemüts, sich halsstarrig daran zu klammern.
Brüderlich verwerfen dann beide die „hoffnungslos veraltete”
Radikalkritik, von der sie meistens nicht mehr wissen, als
dass sie die Existenz Jesu verneint. Schon mein Kollege
De Hartog hat
sich gewundert über das Entsetzen, das sich in der Welt der
Theologie wegen dieser Kritik verbreitete; ihm war dieses
Entsetzen der eindeutige Beweis dafür, wie wenig aus dem
ewigen Christus gelebt wird. Und er schließt mit den
goldenen Worten: „Auch wenn die Gestalt Jesu Christi
erdichtet wäre, wäre sie keineswegs aus willkürlicher
Phantasie geboren, sie wäre trotzdem als solche (nl. als
Erdichtung) die Frucht göttlicher Offenbarung“3.
Die Verehrer des Osiris zweifelten nicht daran, dass dieser
Sohn des Ra im Gebiet des Nildeltas gelebt hatte. Sie
wussten um dessen Reisen zur Erziehung der Menschen, um die
Hindernisse, die böse Mächte ihm in den Weg gelegt hatten,
um gegen ihn geplanter Verrat, um sein Leiden, seinen Tod
und Beerdigung und um das neue Leben, das er erwarb.
Attisdiener waren genauso informiert über den kurzen,
tragischen Lebenslauf dieses göttlichen Hirten. Der
Mithrasverehrer Euboulos soll das Leben des Mensch
gewordenen Gottes Mithras in zahlreichen Büchern beschrieben
haben 4.
Texte und Monumente enthalten Anspielungen auf
1 Vgl. G. S.
V,
S. 28-31. 2 „Cahiers de Jeunesse", S. 399.
3 A. H. de Hartog, „Noodzakelijke
aanvullingen tot Calvijn's Institutie", 1911,
II
204 n..
4
Vgl. Fr. Cumont, „Die Mysteriën des Mithra", 3.
Aufl. Leipzig, Berlin 1923, S. 73.
17
seine Geburt, seinen Kampf gegen den Geist des Bösen, sein
letztes Abendmahl mit den seinigen, seinen Tod und seine
Verherrlichung. Justin der Märtyrer bestätigt in Kapitel 66
seiner ersten Apologie die Ähnlichkeit des liturgischen
Mahles bei Mithrasverehrern und Christen, wo er schreibt:
„Auch diesen Brauch haben die bösen Dämonen in den
Mithrasmysterien nachgeahmt und Anleitung dazu gegeben. Denn
dass Brot und ein Becher Wassers bei den Weihen eines neuen
Jüngers unter Hersagen bestimmter Sprüche hingesetzt werden,
das wisst ihr oder könnt es erfahren“.
Und so sagt es Tertullian (de praescr.
40): „... Vom Teufel, versteht sich, dessen Rolle es ja ist,
die Wahrheit zu verdrehen, der sogar die Handlungen der
göttlichen Sakramente in seinen Götzenmysterien nachäfft. Er
tauft auch - natürlich seine Gläubigen und Getreuen;
er verheißt Nachlassung der Sünden in Kraft eines Taufbades,
und wenn ich noch des Mithras gedenke, so bezeichnet er dort
seine Kämpfer auf der Stirn, feiert auch eine Darbringung
von Brot, führt eine bildliche Vorstellung der Auferstehung
vor und nimmt unter dem Schwerte einen Kranz hinweg“. Das
ist offensichtlich als Symbol ewigen Lebens gemeint mit dem
Kranz als Lohn der Unsterblichkeit. Jahrhundertelang bis zu
Konstantin dem Großen, ja bis Theodosius, konkurrierte
Mithras mit Christus. Hätte nicht Christus, sondern Mithras
gesiegt, würden heute rationalistische Mithras-Gelehrte in
ihm einen überlegenen Ausnahmemenschen sehen, dessen Worte
und Taten ihm den Ruf des göttlichen verliehen hatten. Jetzt
ist es allein Jesus, der als historische Gestalt betrachtet
wird, weil von allen Mysterienkulten das Christentum als
einziges übriggeblieben ist.
Regelmäßig lehnen die Bekämpfer der Radikalen Kritik als
erstes die Resultate ihrer Gegner ab; danach suchen
sie dann nach Argumente, um ihre Ablehnung zu begründen. Sie
haben zwar keine Antwort auf die Argumente des anderen, von
seinen Schlussfolgerungen wollen sie aber nichts wissen. Im
Altertum, so sagen sie, hat niemand die Historizität Jesu
bezweifelt, nicht einmal Celsus, der große Gegner des
Christentums, dessen Ansichten wir aus dem Buch contra
Celsum des Origenes kennen.
Ist es aber erlaubt, von einem Autor des
18
zweiten
Jahrhunderts mehr Skepsis zu erwarten als von einem des
zwanzigsten? Kein Autor des Altertums bezweifelte, dass
Herkules auf Erden gelebt oder Orpheus die griechischen
Mysterienkulte gestiftet hatte. Vor allem darf das
Christentum seinen Ursprung ja keiner gnostischen Lehre
mitsamt der Verehrung eines göttlichen Wesens verdanken; man
zieht es vor, es in den Halluzinationen unwissender Fischer
und überspannter Frauen wurzeln zu lassen1.
Zu Recht sagt aber
Wellhausen:
„Nie bekommt man den Eindruck, dass diejenigen, die mit
Jesus zusammen gegessen und getrunken haben, es versucht
haben, anderen irgendeine Vorstellung von dessen
Persönlichkeit zu vermitteln“, und
Bultmann:
„praktisch wissen wir nichts über Leben und Charakter Jesu.
Der ganze Rahmen seiner Geschichte ist redaktionelle
Bearbeitung, eine ganze Reihe typischer Szenen aus dem Leben
Jesu wurden offensichtlich von den Evangelisten erdichtet.
Für kein einziges Jesuswort ist je der entscheidende
Nachweis der Echtheit geliefert worden“2. Die
Evangelien sind demselben
Bultmann
zufolge aus dem Christuskult und dem Christusmythos geboren;
sie sind die Kultlegende der christlichen Gemeinde, die zu
Missionszwecken und zur Verteidigung des Glaubens
aufgezeichnet wurden. Ihre Absicht ist nicht, die Biographie
eines großen Menschen zu liefern mit einer Schilderung
seiner Persönlichkeit, Familie, Entwicklung, seines Äußern
und Charakters. Sie wurden in religiösen Versammlungen zur
Erbauung vorgelesen; sie erzählen nicht, sie predigen; sie
zeichnen keine geschichtliche Gestalt sondern den
Gottessohn, den Herrn. Wie wären die Anhänger eines
historischen Jesus dazu gekommen, diesen Titel „Herr", „Kyrios",
der in der heidnischen Gottesverehrung seinen Ort hatte, auf
den Menschen Jesus zu übertragen, und das schon bald nach
dessen Tod? Kyrios ist Titel eines Gottes, bei den Juden
sogar der von Jahwe selbst. Konnten Juden einen
Menschen vergöttlichen, mit dem sie zu tun gehabt hatten und
dessen Kreuzigung sie erlebt hatten? Das sollte man als ein
größeres Wunder betrachten als sämtliche in den Evangelien
erzählten Wundergeschichten zusammengenommen. Wie hätte man
unter Juden einen Zimmermannssohn aus der eigenen
1
L. Gordon Rylands, „The Christian Tradition.
An Examination of objections to the opinion that Jesus was
not an historical person".
London 1937, S. 3—5, 48. 2 „Die Erforschung der
synoptischen Evangelien". Giessen, 1925. S. 10, 13, 33.
19
Umgebung zum Logos, zum zweiten Gott machen können? In den
Evangeliengeschichten geht es um den himmlischen Christus.
Die Idee des Gottmenschen-Heilands ist der Kern des
Christentums. Durch die Ausarbeitung des
irdisch-menschlichen Lebens Jesu bekam dieser ganz
selbstverständlich einen Vorteil in Vergleich mit andern
Heilandsgestalten; so hatte man ein anschauliches Bild, an
dem man sich halten konnte: keine Gnosis, Theosophie oder
irgendeine Art mystischen Erfahrens, sondern Fakten, den
fleischlichen Heiland, der sich durch Worte und Taten als
Messias gezeigt hatte. Bei Paulus finden wir ausschließlich
den himmlischen Menschen, der stirbt und aufersteht.
Das ist in Kurzfassung der Inhalt des ursprünglichen
Evangeliums. Der himmlische Mensch wird in den später
gekommenen Evangelien zu einer quasi-historischen Person,
deren Geheimnis in Form eines Gleichnisses erzählt wird. S.
Hoekstra hat
das für das Markusevangelium akkurat aufgezeigt. Ich
übernehme J. van Loons
Interpretation der wohlbekannten Stelle Markus 4:11,
wo Jesus zu den Jüngern sagt: „Euch ist das Geheimnis des
Reiches Gottes gegeben, jenen aber, die draußen sind, wird
alles in Gleichnissen zuteil“: Die äußere Form, die
metaphorische Sprache, die Einkleidung der göttlichen
Wahrheit, das ist für die Massen, der Sinn ist für
die Jünger, die Eingeweihten; das Geheimnis ist nicht nur
die Verkündigung des Gottessohnes sondern seine Offenbarung.
Aus dem Munde Jesu lassen hier die Evangelien selbst
durchblicken, wie man sie verstehen soll. Dieser Vers kann
als Schlüssel zu ihrer Interpretation angesehen werden. Das
Geschehen der Evangelienerzählung ist nur ein Geschehen in
Gleichnissen. Redeten die Gnostiker Gottes Weisheit
im Geheimnis (1 Kor. 2:7), so schrieben sie
diese wohl auch im Geheimnis. Nach den synoptischen
Evangelien, die eher den Anschein von Historizität aufweisen
können, kommt mit Johannes die stärker gnostisch gefärbte
Version als Zugeständnis der werdenden Großkirche an ihre
geistige Mutter, die vorchristliche alexandrinische Gnosis.
Noch ± 170 wird das vierte Evangelium in kirchlichen Kreisen
Kleinasiens von den sogenannten Alogern verworfen.
Sie schrieben den Text dem Ketzer Cerinth zu.
Vorgefunden wurde er zuerst bei den Valentinianern;
Valentinus' Schüler Herakleon gab
–
auch ± 170
–
einen Kommentar zum vierten Evangelium heraus. Der
Valentinianer Ptolemäus berichtet davon in seinem Brief an
Flora.
In gnostischen Kreisen war es anscheinend sehr
20
beliebt.
Irenäus sagt, die Valentinianer hätten ein eigenes
Evangelium, das sich vom apostolischen Evangelium der
Kirche ganz und gar unterscheide: sie würden es „Evangelium
der Wahrheit" nennen, wodurch sie die anderen Evangelien als
Lügen bezeichneten". Was nun aber noch zu geklärt werden
muss, ist die Frage, ob das mit Pauken und Trompeten dem
Volke kundgetane Evangelium der Wahrheit tatsächlich
identisch ist mit dem von Irenäus angesprochenen.
Unser kanonisches viertes Evangelium ist ein katholisches
Buch.
Dessen Autor benutzt nicht nur in freier Weise die andern
drei, sondern auch Material aus einer anderen, älteren
Quelle. Obwohl es zu einem späteren Zeitpunkt als die
anderen drei auftaucht, ist es dennoch altertümlicher von
Charakter als jene. Als die gnostischen Systeme durch ihren
Hang zum Heidentum in der Kirche immer mehr als verbotene
Schmuggelware abgelehnt wurden, versuchten verwandte Geister
–
von der Art der späteren Clemens von Alexandrien und
Origenes
–,
denen auch die ursprüngliche christliche Theosophie noch
bewusst war, von den durch die Katholisierung bedrohten
gnostischen Elementen jenes alten Evangeliums noch einiges
für die Großkirche zu retten. Auch das letzte Buch der
Bibel, die Offenbarung, wird dem Johannes zugeschrieben.
Schon Luther war klar, dass Evangelium und Offenbarung nicht
den gleichen Autor haben können. Dennoch zeigt der Autor der
Offenbarung, obwohl er als Katholik die häretische Gnosis
bekämpft, eine Christus-Vorstellung, die man als
alt-gnostisch bezeichnen kann. Das erklärt dann auch
wiederum die Ablehnung in einem großen Teil der Kirche. Im
zwölften Kapitel schildert uns der Apokalyptiker die Mutter
des Christkindes auf dem Mond als ihrem Fußschemel stehen,
bekleidet mit der Sonne und das Haupt umkränzt mit den zwölf
Zeichen des Tierkreises. Mit
Bousset und
Franz Boll
erkennt man hier die Königin des Himmels, die Allgöttin Isis,
die himmlische Jungfrau. Im Kontext erscheint sie aber hier
als das himmlische Jerusalem bzw. das wahre Israel, die
wahre Ekklesia, die Kirche, die jungfräulich vor Gottes
Angesicht steht, aber dennoch den Sohn gebiert: Archetyp,
Modell ist sie der irdischen Kirche. Denn die Kirche gab es
schon, als es noch keine Erde oder Menschen gab: „die erste
Kirche, die pneumatische, wurde vor Sonne und Mond
erschaffen (2 Clemens 14:1 v.), sie ist anôthen, ein
zweideutiges Wort, das hier in seiner doppelten Bedeutung
verstanden werden muss, nämlich als „von Anfang an“ und als
„von oben“. Im
21
19. Kapitel vom Buch der Offenbarung ehelicht diese Frau das
Lamm, das ihr Kind ist. Sie ist Mutter und Gattin zugleich
in einer „heiligen Ehe“; in beiden Kapiteln ist sie die
himmlische Doppelgängerin der Gemeinde der Gläubigen1.
Ist es nicht unsinnig, bei diesen Vorgaben den gleichen
Maßstab anzulegen, wie er für die Biographie von Alexander
dem Großen oder von Kaiser Augustus verwendet wird?
Wir stehen hier außerhalb, dem Gläubigen zufolge
über der Geschichte.
Dem Historiker aber bedeutet dieses über das Gleiche
wie außerhalb, und der kritische
Religionswissenschaftler erkennt, dass die Historizität des
menschgewordenen Gottessohnes ein gewaltiges Stück Dogmatik
ist. Mehr als einmal hat man mich gefragt, ob denn niemals,
als die Christen ihre Geschichte vom Jesus-im-Land-der-Juden
verbreiteten, ein Jude dagegen den Einwand brachte, dass es
von der Existenz dieses Jesus noch nie ein Anzeichen gegeben
habe?
Meine Antwort: geschichtliches Bewußtsein ist überhaupt erst
ein Produkt des westlichen Bewußtseins seit der Renaissance.
Die Antike zweifelte nicht an der Existenz von Göttern, die
auf der Erde wandelten. Die Bestreitung der christlichen
Botschaft steht auf ganz anderem Niveau als die Bestreitung
des historischen Jesus durch die historische Kritik. Der
Jude Trypho im Dialog mit Justin sagt nicht: Ich habe mich
Palästina nicht danach erkundigt, ob euer Christus dort im
vorigen Jahrhundert wirklich gelebt und gewirkt hat; er sagt
nur: „Ihr
habt eine törichte Lehre angenommen, macht euch selbst einen
Christus. ...
Vorausgesetzt daß Christus irgendwo geboren ist und irgendwo
lebt, so ist er doch ... nicht erkennbar“ (Dial. c. Tryph.
Jud. 8, 4).
Mit anderen Worten: Es geht überhaupt nicht um die Frage
nach der Historizität, sondern ausschließlich um
Christologie, um das dogmatische Verständnis des
Messias, den sich der Jude als immer noch im Himmel
verborgen denkt. Um einiges krasser spricht ein Jude bei
Celsus, dem heidnischen Philosophen und würdevollen Gegner
des Christentums, dessen Polemik wir bereits aus Origenes'
contra Celsum kennengelernt haben. Da sagt ein Jude
zu den Christen: „Nicht einmal durch Lügen konntet ihr eure
Erdichtungen glaubwürdig verhüllen (II 26) .... Es
gibt unter den Gläubigen einige, die .... das Evangelium
nach seiner ersten
1
Vgl. mein Het Karakter der Evangeliegeschiedenis.
Assen (1939), S. 24 f., 28 f..
22
Niederschrift dreifach und vierfach und vielfach umprägen
und umformen, um den Beweismitteln gegenüber die Möglichkeit
des Ableugnens zu haben“
(II 27). Es fällt auf, dass die Polemik regelmäßig
ausgeht von der christlichen Vorstellungswelt aus der
Mitte des zweiten Jahrhunderts und sich gegen die zu der
Zeit von den Christen akzeptierte Fassung der
Evangeliengeschichte richtet und zwar aus jüdisch
messianologischen Gründen oder aufgrund der Widersprüche
innerhalb der Evangelienberichte. Dass in einem solchen
Kontext kein Zweifel an der Historizität geäußert wird, kann
wohl kaum als wissenschaftlicher Nachweis eines
historischen Jesus angesehen werden!
Die Erlöseridee soll
Reitzenstein zufolge aus einem iranischen
Erlösungs-Mysterienkult in das Christentum eingedrungen
sein. Prof. Quispel
bestreitet das und zieht Hinweise auf jüdische
Vorgänger vor. Der beste Philo-Kenner,
Erwin R.
Goodenough,
sagt1, die größten unter seinen Vorgängern
der letzten dreißig Jahren auf dem Gebiet der Erforschung
des jüdischen Alexandrinismus, namentlich Bousset, Bréhier,
Windisch, Leisegang, Reitzenstein, Lewy, Pascher u.a.,
würden zwar nicht in allen Einzelheiten mit ihm einer
Meinung sein, sehr wohl aber bestehe Einigkeit über einen
wichtigen Punkt: Philo unterscheide sich darin grundsätzlich
von der damaligen Norm des Judentums, dass er die heidnische
Erlösungsidee übernahm, die besagte, der Geist müsse vom
Fleisch befreit werden, um zu seiner geistigen Quelle in
Gott zurückkehren zu können.
Niemand wird leugnen können, dass das gnostische
Vorstellungen sind. Der ursprünglich himmlische Geist ist in
die Gefangenschaft der Materie geraten und muss daraus
erlöst werden. Philos idealer Mensch besaß von Anfang an das
höchste Gut, das Mose erst am Ende seines Lebens erreichte,
nämlich den Sieg über den Dualismus von Leib und Seele und
die vollkommene Verwandlung zu einem sonnenähnlichen Geist
(Vita Mosis II 288). Kann man da die Ähnlichkeit mit dem
persischen himmlischen Menschen übersehen? Dieser
ursprüngliche Mensch ist eine der kosmischen Mächte in der
Kette von Emanationen, von Äonen, die von der Gottheit
hinüberführen zur Welt der Erscheinungen. Das gehört zur
Sphäre der Gnosis2. Erstaunlich, dass Prof.
Quispel beim
Begriff des himmlischen Menschen zwar an unortho-
1
„An introduction to Philo Judaeus", New Haven 1940, S.
16.
2
Siehe „G. S." VIII, S. 49.
23
doxes Judentum denkt, von einem persischen Hintergrund aber
nichts wissen will. Als ob nicht schon lange zuvor in der
Perserzeit von Israels Geschichte Persien dem Judentum so
manch neue Vorstellung beigebracht hätte! Denken wir an die
Lehre von den Engeln, den Dämonen, der Welt und von der
Auferstehung der Toten! Dass die Idee der Erlösung erst aus
dem Christentum in die Gnosis eingedrungen wäre, dass es
keinen vorchristlichen Erlöser gegeben habe, daran wird
Prof. Quispel unmöglich festhalten können, wenn er die
vorchristliche alexandrinische Gnosis in Betracht zieht. Der
römisch-katholische Gelehrte
Josefh Pascher
1 hat aufgezeigt, wie Philos zwischen Gott und
Welt vermittelnde Kräfte, die das Heil bewirken, mit
iranischen Vorstellungen zusammenhängen. Im übrigen ist es
für den, der sich mit Religionsgeschichte befasst, doch kein
Geheimnis, dass es die Erlösungsidee mehr oder weniger
deutlich in jeder Religion gibt; sie ist so alt wie die
Religion selbst. Als Beispiel nenne ich den babylonischen
Marduk. Er ist der Mittler, der das Heil der Menschen
bewirkt, der Erretter-Gott, der Erlöser-Gott, der die
Dämonen vertreibt, die Kranken heilt, Tote aufweckt und
neues Leben bringt; er heißt Erstgeborener des Gottes Ea und
ist Schöpfer. Er steht wieder auf aus dem Totenreich: der
Erlöser, der selbst Erlöster ist. Mit dem babylonischen
Neujahrsfest war ein Mysterienkult verbunden, in dem der
Eingeweihte miterlebte, was der Erlösergott erlebt hatte. In
Adapa, dem Sohn des Menschen, dem babylonischen
ursprünglichen Menschen-Adam, verkörpert sich die Idee des
erwarteten Erlösers 2. Ich weiß schon,
Von Wesendonk
und Cumont
haben sich gegen
Reitzensteins
These vom iranischen Erlösungsmysterium
ausgesprochen; in Gestalt des Mithrazismus liegt uns aber
dennoch sehr wohl ein aus Persien stammender Mysterienkult
vor, und Goodenough
hat Recht mit der Annahme, dieser sei im Alexandrien
des Juden Philo bekannt gewesen.
Im Evangelium lesen wir über Wunderzeichen beim Tode Jesu
(Mt. 27: 45, 51 ff.): Sonnenfinsternis, Zerreißen des
Tempelvorhangs, Erdbeben, berstende Felsen, sich öffnende
Gräber, Aufer-
1
„Hè basilikè hodos. Der Königsweg zu Wiedergeburt und
Vergottung bei Philon von Alexandreia".
Paderborn 1931, S. 209-228. 2 Chantepie de la
Saussayes Lehrbuch, ed. 1925,
I
S. 512, 560, 589, 591, 599.
24
stehen der Heiligen. Diese Zeichen gehören zum Abstieg in
die Hölle1. Ungewöhnliche, übernatürliche
Ereignisse bei den Toten in der Unterwelt werden von einem
Erdbeben begleitet; die Auferstehung Gestorbener beweist,
dass Jesus die Macht der Hölle besiegt hat. Nachdem er die
Pforten der Hölle zerbrochen hat, öffnet er den gefesselten
Heiligen den Weg zum Licht und lässt sie in die heilige
Stadt eingehen, d.h. in die himmlische Stadt, die sie durch
eine Himmelfahrt mit Jesus zusammen erreichen.
Das älteste Evangelium dürfte den Sieg Jesu über die
gottfeindlichen Mächte gelehrt haben und zwar durch dessen
Tod am Firmament.
Ein schwaches Echo davon findet sich in einer Aussage des
Athanasius: „Der Herr ist gekommen, den Teufel
niederzuwerfen, die Luft zu säubern und uns den Aufstieg zu
den Himmeln frei zu machen.... Durch welchen anderen Tod
könnte das geschehen sein als durch den in der Luft, ich
meine den am Kreuz? Denn nur dann stirbt jemand in der Luft,
wenn er am Kreuz sein Leben beendet". Die Vorstellung einer
Kreuzigung Christi in der Luft kennt auch Justin Martyr (Apol.
I 60); er beruft sich dafür auf Platos Timaios VIII 36 bc,
wo dieser über die Erschaffung der Weltseele durch den
Demiurgen spricht. Die zwei großen Himmelskreise Äquator und
Ekliptik überschneiden sich in den Punkten der
Tagundnachtgleichen von Frühling und Herbst und bilden ein
Chi (X)- Der Äquator bestimmt die Bahn der Fixsterne,
die Ekliptik die der sieben Planeten. Justin sieht in der
Weltseele den Sohn Gottes und im Chi das Kreuz
Christi (auch Irenäus Epid.
I 34).
Im Weltall ist Gottes Sohn gekreuzigt; er durchdringt den
ganzen Kosmos in seiner Breite, Länge, Höhe und Tiefe. Der
irdische Jesus am Kreuz ist die körperliche, sichtbare
Erscheinung des Gottessohnes, der himmlische Mensch, der,
indem er sich in die Materie hineinbegibt, zum Anfang und
Bewirker der Schöpfung wird. All dies konnte aus dem
Kosmologischen ins Eschatologische und Soteriologische
transponiert werden. Man dachte sich das Licht der Welt als
leidend am Firmament. Das wohlangenehme Jahr des Herrn, in
dem Jesus predigt, gehört zum Gott des Jahres, d.h. der
Sonne, die im zwölften Monat leidet und stirbt2.
Dass ein Mensch von rechter Gesinnung wie Justin, der
1 Vgl. zu all dem Josef Kroll, „Gott und
Holle", Leipzig 1932, S. 6 ff.; H. Schlier, „Christus
und die Kirche im Epheserbrief“. Tübingen 1930, S. 5 ff..
2 Siehe „Nieuw Theol. T.“ 1943, S. 15.
25
um des Glaubens willen zum Martyrium bereit war, solche
Ansichten über Jesus hatte, spricht nicht für die
Richtigkeit der „Leben-Jesu-Forschung".
Auch der Hebräerbrief setzt durchgehend einen
metaphysischen, keinen historischen Jesus voraus; seine
Christologie hat einen gnostischen Hintergrund. In seinem
Kommentar sieht
Windisch den Jesus des Hebräerbriefes als
Himmelbewohner, der zur Erde herabsteigt, Fleisch und Blut
annimmt und dann wieder zum Himmel zurückkehrt und zur
Rechten Gottes seinen Platz einnimmt. Diese Jesusvorstellung
gehört Windisch
zufolge zum gleichen Genus wie der Logos des
Philo, wie der mythische Gottessohn Herakles, wie der
Gottesknecht von Jesaja 53. Da aber
Windisch als
gut liberaler Theologe den Jesus am liebsten als einen
großen Propheten sah, klammerte er sich an Hebr. 1:2, wo es
heißt, endlich sei nunmehr das Ende der Zeiten angebrochen,
da Gott in oder durch seinen Sohn gesprochen
haben soll; der Autor und seine Leser müssen ihr Wissen um
das Heil den unmittelbaren Augenzeugen dieser
Gottesverkündigung des Herrn zu verdanken haben.
Windisch
hat daraus zuviel schlussfolgern wollen.
Das Sprechen Gottes durch einen Sohn am Ende der Zeiten
besagt höchstens, dass das Evangelium vor kurzer Zeit
gepredigt worden ist, — dass dies durch einen Menschen von
Fleisch und Blut, einen Rabbi oder Propheten, geschah, ist
nicht impliziert. Da das Wort zunächst vom Herrn und dann
von denen, die ihn gehört haben, verkündigt und schließlich
in verlässlicher Weise uns überliefert worden ist, wird
bereits eine Traditionsreihe vorausgesetzt.
Von einem großen Propheten ist nicht die Rede.
In Hebr. 1: 3b nimmt der Sohn Gottes seinen Platz ein zur
Rechten der Majestät in der Höhe. Das ist doch gewiss eine
dogmatische und keine historische Begebenheit. Wo es dann
des Weiteren heißt, er habe die Reinigung von den Sünden
bewirkt, ist auch das eine dogmatische Formel.
Windisch
selbst nannte dies dann auch „ein Machtwerk des Sohnes" und
gab als Parallele „die Reinigungsarbeiten des Herakles,
Epiktet III 26, 31 ff.“, „die Wiederherstellung des durch
die Sünde verdorbenen Kosmos". Eine Wiederherstellung solch
kosmischen Umfangs kann man schwerlich einem irdischen
Propheten zuschreiben.
Was soll man dann halten von der üblichen Qualifizierung
Jesu als: „einer ganz einzigartigen Persönlichkeit"? Es ist
eine leere Phrase, die besser zu Hamlet und Don Quichotte
passt, womit dann aber
26
auch die Historizität dieser erdichteten Figuren akzeptiert
werden müsste.
Windisch meint, die Radikalen hätten ein Interesse an
der Nicht-Historizität Jesu, weil sie für große
Persönlichkeiten keinen Platz haben. Ist es aber immer eine
einzige große Persönlichkeit, die das Neue hervorbringt? Wer
war der Schöpfer der Reformation? Doch nicht Luther allein,
sondern auch Huss, Calvin, Zwingli u.a.? Wer steckt hinter
der französischen Revolution? Wiederum kann man eine Reihe
von Namen erwähnen: Mirabeau, Danton, Robespierre, Marat
usw.. Wer waren die Väter der “Moderne Richting” im 19.
Jahrhundert hierzulande?
Opzomer und Scholten!
Selbstverständlich stehen Menschen am Anfang des
Christentums: schon Bruno Bauer bezeichnete den Autor des
ältesten Evangeliums, der die Antithese von Altem und Neuem
Gesetz aufstellte, als Autor von Römer 1-8. Jede große
geistige Schöpfung verdankt ihre Entstehung einem Kreis
einander bekämpfender Personen und Gruppen; nie ist sie mit
einem Schlag fertig da; auch die später Kommenden müssen
schöpferisch tätig sein. Der Gründer des Christentums ist
nicht der vom Rationalismus seiner Gottheit beraubte Jesus,
sondern die Idee des Gottmenschen, die in einer bestimmten
religiösen Umgebung vorherrschte und von verschiedenen
Autoren konkretisiert wurde.
Wie einseitig das Publikum informiert wird, und das nicht
nur von Theologen, sieht man an
Will Durants
Caesar en Christus1. Dieser
Historiker hat sich kundig gemacht bei Leben-Jesu-Forschern
verschiedener Richtungen. Durch seine Behauptung, nur
Arthur Drews
bezweifle die Authentizität von Tacitus, Annalen XV 44,
zeigt er sogleich, dass er
Drews' Werk
nicht kennt, denn dessen Christusmythe2
erwähnt als Leugner jener Authentizität: Bruno Bauer,
Hermann Schiller, Allard Pierson, Edwin Johnson und P.
Hochart. Sogar Franklin Arnold3, der nun ganz und
gar kein Radikaler ist und der sogar die teilweise Echtheit
der Stelle annimmt, hat eine ganze Menge an Bedenken gegen
den Tacitusbericht vorgebracht. Ein Thallus-Fragment aus der
Mitte des ersten Jahrhunderts, das Julius Africanus uns ±
220 überliefert hat, beeindruckt
Durant sehr.
Es geht um die ungewöhnliche Dunkelheit beim Tod Christi,
die vom Autor als ein
1
's-Gravenhage 1951, S. 65l-698. 2 Jena
1911, II S. 54. 3 „Die neronische
Christenverfolgung" 1888.
27
nur-natürliches, zufälliges Ereignis interpretiert wird.
„Jenes Dokument setzt die Existenz Christi als
selbstverständlich voraus. Dessen Historizität zu leugnen
ist eine Idee, die nicht einmal den erbittertsten
heidnischen oder jüdischen Gegnern des entstehenden
Christentums eingefallen zu sein scheint". Dazu lese man
jedoch, was Von
Wilamowitz-Moellendorff 1 über
diesen Africanus schreibt: „eine starke Verirrung, den Ruhm
(des Eusebius) auf den kaum halbgebildeten, dem gröbsten
Aberglauben frönenden Africanus zu übertragen". Dieser Mann
gehörte zum Umkreis des Hofes von Edessa, der sich durch
gefälschte Jesusbriefe einen besonders guten Ruf erwarb!
Durant
betrachtet auch die auf vor dem Jahre 64 CE datierten
Paulusbriefe, von denen er behauptet, ihre Echtheit werde
nahezu allgemein anerkannt, als Nachweis der Historizität
Christi. Sie erwähnen ja wiederholt das Letzte Abendmahl und
die Kreuzigung! Für das Abendmahl kann
Durant
ausschließlich 1 Kor. 11: 23—26 heranziehen. Als die am
stärksten skeptisch eingestellten Forscher nennt er
Guignebert und
Loisy und
verwendet auch noch die schon lange umgestürzten Säulen
Schmiedels. Da
sollte doch eine wissenschaftlich arbeitende Kontrollbehörde
fürs Bauen und Wohnen mal eingreifen, um Unglücksfälle zu
vermeiden.
Im Grunde verdient
Durant es nicht, dass ich hier so auf ihn eingehe.
Ich wollte aber die fast fünfzig Seiten, die er Jesus und
den Aposteln gewidmet hat, nicht übergehen in einer Zeit, da
niederländischen Laien diese englische rationalistische
Erklärung der Entstehung des Christentums als zeitgemäße
Geschichtswissenschaft angedient wird. Schade, dass ein
Historiker, der für sein eigenes Fachgebiet anscheinend gut
qualifiziert ist, der Versuchung nicht widerstehen konnte,
sich auch auf dem Felde der Evangelienkritik auszutoben.
Albert Schweitzer
schrieb einmal, es gebe nichts Negativeres als die
Leben-Jesu-Forschung; er kann es wissen, denn er hat
Dutzende von Leben Jesu gewogen und zu leicht befunden. Der
Jesus von Nazareth, der die moralische Größe des
Gottesreiches verkündete, dieses Reich auf Erden gründete
und sein Werk mit seinem Tod besiegelte, hat
Schweitzer
zufolge nie existiert 2. Seines Erachtens ist das
eine vom Rationalismus entworfene Gestalt; der
1
„Die Kultur der Gegenwart", I VIII, S. 274. 2
„Geschichte der Leben-Jesu-Forschung" 2, Tüb. 1913, S. 631,
633.
28
Liberalismus hat ihr Leben eingehaucht und die moderne
Theologie hat sie mit Geschichtswissenschaft bekleidet.
Dennoch bekämpft
Schweitzer die Radikalkritik.
Sein Jesus ist der Mann, der zunächst glaubte, der Messias
werde noch vor der Rückkehr der von ihm ausgesandten Jünger
erscheinen. Als sich herausstellte, dass er sich in dem
Punkt geirrt hatte, kommt er zur Überzeugung, er selbst
müsse nach Jerusalem gehen und dort leiden und sterben, um
dadurch als Messias vom Himmel herabsteigen und das
Gottesreich bringen zu können.
Auch das endete dann mit einer Enttäuschung.
Meine Frage lautet: Wie kann man die Entstehung einer
Weltreligion aus einem einzigen doppelten Irrtum
erklären, aus der beschränkten Sicht oder dem Selbstbetrug
eines Phantasten, dessen Erwartungen durch die Realität ad
absurdum geführt wurden? In
Schweitzer's
Autobiographie1 schreibt er: „Zu
behaupten, Jesus habe nicht gelebt, ist nicht schwer. Wenn
man aber versucht, dafür den Beweis zu liefern, kommt man
unweigerlich zum Gegenteil". Da er das nun so allgemein
behauptet, müssen die Radikalen wohl auch mitgemeint sein.
Die haben jedoch wohl ein bißchen mehr getan als pures
Behaupten; sie haben doch auch versucht, ihre abweichende
Beurteilung zu beweisen. Bruno Bauer, Allard Pierson, Loman,
Bolland, sie alle behaupteten zunächst, Jesus habe sehr wohl
gelebt, — auch diese Behauptung ist nicht schwer! — aber
dann kam der Moment, da sie aus guten Gründen zur
Überzeugung kamen, daran nicht mehr festhalten zu können.
Haben sie dann etwa nicht versucht nachzuweisen, dass die
Hypothese eines historischen Jesus zur Erklärung der
Entstehung des Christentums unbrauchbar ist? Dass sie beim
Versuch diesen Nachweis zu liefern, zu ihrer früheren
gegenteiligen Ansicht zurückgekehrt wären, davon ist mir
nichts bekannt. Sehr wohl kann ich aber aus den Werken der
Gegner der Radikalkritik so manch eine Stelle zitieren, die
genau betrachtet deren eigene Unsicherheit in Sachen
Historizität der Evangeliumsgeschichte beweist.
In meinem Aufsatz G. S. VII S. 23—31 habe ich einige
aussagekräftige Beispiele von Mythenhistorisierung gegeben,
u.a. im Buddhismus und in der Religion Israels.
Geo Widengren
hat darauf hingewiesen, dass vor allem bei den Israeliten
die Tendenz zur Histori-
1
In niederländischer Übersetzung: „Uit mijn leven en denken".
Haarlem 1932, S. 127 f..
29
sierung des Mythos zu erkennen ist; der Drache Rahab, der
von Jahwe zerschmettert wird, wird mit Ägypten
identifiziert. Der mythische Sieg des göttlichen Heroen, der
leidet und stirbt, aber die Mächte des Chaos besiegt, konnte
leicht zu einen historischen Tatsache werden, denn die
Geschichte beginnt mit eben dieser Tat 1.
Böhl sieht
Gilgamesch und Adapa als Beispiele babylonischer
Historisierung des Mythos; das Übersinnliche wird in „die
Dimension einmaligen irdischen Geschehens herabgezogen"
2.
Indirekt lehrreich ist, was
Henri-Charles Puech,
der Mitarbeiter Prof.
Quispels
bei der Entdeckung des Codex Jung, behauptet über
„Zeit, Geschichte und Mythos im Christentum der ersten
Jahrhunderte". Er fängt mit dem bekannten Gemeinplatz an,
das Christentum sei gestiftet worden von einer Person namens
Jesus, an deren Historizität kein Zweifel besteht. Das wird
dann auch einfach so behauptet ohne Not, und ohne auch nur
ein einziges Argument anzuführen.
Puech fügt
dann hinzu: „das Christentum meint (entend) eine
historische Offenbarung als ihr Fundament zu haben,
die im Verlauf der Geschichte erschienen ist, gekennzeichnet
durch eine Reihe historischer, oder als solche
angesehener Ereignisse, die in den Büchern aufgezeichnet
worden sind, die es als echte Geschichtswerke betrachtet,
Genesis genauso wie die Evangelien oder die Handlungen
der Apostel". Da denkt er offensichtlich an das
Römisch-Katholische Christentum und nicht an eine ältere Art
von Christen, wie Markion einer war, der vom A. T. nichts
wissen wollte, nur ein einziges Evangelium und keine
Handlungen besaß.
Puechs
Sprache verrät, dass er selbst weniger naiv denkt als der
orthodoxe Kirchengläubige: das Christentum meint ihm
zufolge auf einer Offenbarung zu einem bestimmten Zeitpunkt
zu beruhen; diese Offenbarung ist gekennzeichnet durch
Ereignisse oder was als solche angesehen wird; sie
ist aufgezeichnet in Büchern, die es als echte
Geschichtswerke betrachtet. Mit andern Worten: Es ist
alles Meinung der Kirche, alles subjektiv. Die
Kirche stützt sich offensichtlich nicht auf eine
objektive, kritisch-wissenschaftliche, Erforschung von
Fakten und Texten, wie wir sie durchzuführen pflegen.
In Anbetracht Markions, dessen anfäng-
1
„Proceedings" van het 7de Congres voor
Godsdienstgeschiedenis te Amsterdam 1950 gehouden, S. 103.
2 L. 1., S. 100 f..
30
licher Popularität in der römischen Gemeinde und seiner
Verbannung, als er die Akzeptanz des Alten Testamentes in
der werdenden Kirche nicht mittragen wollte, rede ich
lieber nicht von einer subjektiven Meinung der
orthodoxen Kirche, sondern von deren absichtlicher,
wohlüberlegter Kursänderung, die sie dazu zwang, die
Kontinuität von alttestamentlicher und neutestamentlicher
Gottesoffenbarung sowie die Identifizierung des jüdischen
Schöpfers mit dem gnostischen Vater Jesu Christi zu
dogmatisieren. Dadurch war dann von selbst ein
Christentum entstanden, das
–
im Gegensatz zur revolutionären, paganisierenden Gnosis des
zweiten Jahrhunderts
–
positiv historisch sein wollte: einmalig in der
Vergangenheit wurde die Welt erschaffen und fand der Abfall
des ersten Adams statt; einmalig in der Vergangenheit, und
zwar unter Pontius Pilatus, wurde das Erlösungswerk
vollbracht; einmalig in der Zukunft wird das Ende der Welt
sich ereignen. Von Genesis bis zur Offenbarung des Johannes
verläuft die gerade Linie der Weltgeschichte. „Die junge
Religion", sagt Puech,
1 „musste ihre Selbständigkeit, ihre
Eigenart, ihre Ursprünglichkeit allen früheren und
gleichzeitigen Religionen gegenüber definieren; anderseits
ihr Aufkommen rechtfertigen und ihre Wahrheit beweisen,
indem sie aufzeigte, dass sie in der Vergangenheit
vorhergesehen, angekündigt, vorbereitet worden war und ihren
Ursprung sogar schon zum Anfang jeglicher Geschichte
zurückreichen ließ.... Ein vollständiger Bruch mit der
Vergangenheit Israels, das Neue Testament als Antithese zum
Alten, hätte zur Folge gehabt, die Ankunft Jesu zum
plötzlichen und billigen coup de théâtre verkommen zu
lassen, durch nichts vorbereitet und von niemandem
vorhergesagt. Ein solcher Bruch hätte Sendung und Autorität
Christi der Beweise beraubt, die sie brauchten... Das
Christentum wäre dann eine superstitio nova, ein
neuer Aberglaube gewesen, eine Religion von spät Gekommenen,
gerade mal gestern geboren und abscheulich, ein irrationaler
Glaube, der nicht einmal das Argument von Tradition und
ehrwürdigem Alter zu seinen Gunsten ins Feld führen konnte;
das wäre etwas Anstößiges gewesen für den konservativen
Geist Roms, der jeglichem Neuen in Sachen Religion feindlich
gegenüber stand".
Das ist ein langes Zitat, aber ein gut formuliertes und gut
überlegtes. Übertreibe ich, wenn ich in
Puechs
Worten die-
1
L. 1., S. 40.
31
selben Gedanken wiederfinde, die ich mehrmals
veröffentlicht habe? 1 Unbewusst und ohne es zu
wollen reiht er sich ein in die Schar von Zeugen für die
Richtigkeit der Radikalkritik. Die ersten
Christengenerationen, sagt er immer wieder, machten keinen
scharfen Unterschied zwischen dem, was für uns reine
Geschichte und dem, was für uns purer Mythos ist 2.
„Urzeit" und „Endzeit" sind im Christentum nicht
prähistorisch und posthistorisch, sondern integrierende
Bestandteile der historischen Zeit; Adam ist genauso eine
historische Person wie Jesus, der zweite Adam, und auch das
zweite Kommen Christi und die Gründung des Gottesreiches
werden historische Ereignisse sein 3. Freudig
übernimmt Puech
von G. van der Leeuw das Wort „Mythhistorie" 4,
was m.E. in der Mathematik mit einem quadratischen
Kreis gleichzusetzen wäre, ganz gewiss aber in
geschichtlicher Hinsicht uns jegliches Vertrauen auf die
Beweiskraft des Zeugnisses der Frühchristen für einen
historischen Jesus abhanden kommen lassen muss.
Historisierter Mythos ist und bleibt die einzige Lösung.
Was wird die Zukunft der Radikalkritik bringen? Ich bin
weder Prophet noch eines Propheten Sohn und die Begabung zur
Weissagung fehlt mir ganz und gar.
Eine neu Blütezeit erwarte ich vorläufig allerdings nicht.
Nicht deshalb, weil sie hoffnungslos veraltet wäre, sondern
weil die heutige Theologie lieber mit verstaubten, ihr
teuren erbaulichen Begriffen und Vorstellungen arbeitet, als
dass sie die Ursprünge des Christentums mit streng
wissenschaftlicher Methode erforschen würde. Auf jeden Fall
hat der Streit um den Codex Jung die Radikalkritik wieder
einmal ins Gespräch gebracht und gewitzte Leser von Tages-
und Wochenzeitungen dürften wohl den Eindruck bekommen
haben, dass die mit soviel Lärm für tot Erklärte immer noch
mehr Lebensgeister in sich hat, als sie es je vermutet
hatten. Wozu sollte man auch einem Toten laufend Todesstöße
versetzen und weiterhin gegen eine Leiche kämpfen wollen?
Bleibt die Hoffnung, dass nach dem Verfall des kritischen
Denkvermögens der heutigen Generation der Geist noch einmal
zu einer weniger reaktionären und rationaleren Einstellung
zurückfinden möge.
1
Siehe zuletzt „G. S."
XI,
S. 21-52: „De wording van de Katholieke Kerk". 2
l. 1. S. 47.
3 S. 49. 4 S. 50.
32
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