StartAktuellesBuecherKlassikerBiographienLinksGaestebuch

 

 

 

DIE ERSTAUSGABE DER PAULUSBRIEFE

von

PAUL-LOUIS COUCHOUD

 

Deutsche Übersetzung von Frans-Joris Fabri © 2001

 Titel des französischen Originals: LA PREMIÈRE ÉDITION DE SAINT PAUL, 7-31, Premiers Écrits du Christianisme, Paris 1930

pdf-Format

 

 

Inhalt:

I. Die Ursprünglichkeit des  Apostolikon

II. Dogmatisch fundierte Änderungen

III. Historische Retuschen

IV. Verdeutlichungen

 

 

 

Adolf von Harnack hat in seinem bemerkenswerten Marcionbuch, das Apostolikon, d.h. die marcionitische Ausgabe der Briefe des hl. Paulus, teilweise wiederhergestellt.

Diese Ausgabe, von Marcion vor dem Jahre 140 vorgelegt, enthielt zehn Briefe, geordnet wie folgt: Galater, 1. und 2. Korinther, Römer, 1 und 2 Thessalonicher, Laodicener (d.h. unser Epheser), Kolosser, Philipper, Philemon. Die zwei Briefe an Timotheus und der Brief an Titus fehlten. Diese Ausgabe existiert nicht mehr. Nur die katholische bzw. Längere Rezension, die dreizehn Briefe enthält, ist uns erhalten geblieben.

Das Apostolikon jedoch wurde von einer Reihe antiker Autoren gelesen, zitiert und bekämpft. Tertullian hatte davon eine sehr buchstabengetreue lateinische Übersetzung vor Augen, aus der er um 210 einen großen Teil in seinem Gegen Marcion zitiert hat. Der Autor der Dialoge des Adamantios um 300 und Epiphanius im Panarion von 377 bringen zahlreiche Zitate aus der griechischen Fassung.

[8] Aus diesen drei Quellen und unter Verwendung einiger Andeutungen von Irenäus, Origenes, Ephraem und Chrysostomos ist es Harnack gelungen, im ganzen oder teilweise etwa vierhundertfünfzig Verse des Apostolikon wiederherzustellen.

Dank dieser Wiederherstellung können wir jetzt das Apostolikon mit der Längeren Rezension der Epistelausgabe vergleichen. Es enthält nicht nur drei Briefe weniger, der Text der vorhandenen Briefe ist auch kürzer. Damit stehen wir vor einer schwerwiegenden Frage. Ist es Marcion, der den längeren Text gekürzt hat? Oder enthält der längere Text Hinzufügungen zum Apostolikon? Anders gesagt: Welche von beiden ist die Paulusausgabe erster Hand?

Für kirchliche Autoren stellte sich die Frage nicht. Sie benutzten die Längere Rezension, die einzige mit kanonischer Anerkennung. Ganz selbstverständlich hielten sie sie für das Original. Wenn die als häretisch abgestempelte ihnen in die Hände fiel, stellten sie fest, dass drei Briefe und mehrere Passagen fehlten und notwendigerweise zogen sie daraus den Schluss, der Häretiker Marcion habe sie herausgeschnitten.

Irenäus (I, 27, 2) erklärt, Marcion habe die Briefe des Apostels beschnitten (abscidit) und alles daraus weggenommen, was den Schöpfergott und die Prophezeiungen betreffe.

Tertullian sagt, Marcion habe fleißig „abgekratzt“ (industria erasit V, 3; V,14), gelöscht (abstulit V, 4) und dabei Spuren hinterlassen, ganz nach Diebesart (ut furibus solet V, 4), an dieser Stelle tiefe Gruben ausgehoben und dabei mitgenommen, was er wollte (quantas foveas... fecerit auferendo quae voluit V, 13), an jener Stelle eine gewaltige Bresche geschlagen (amplissimum abruptum intercisae scripturae V, 14). Er verkündet die Integrität des katholischen Dokuments (nostri instrumenti integritate V, 13) und mit einem kühnen  Anpfiff bringt er den Schwamm des Marcion zum Erröten (erubescat  spongia Marcionis! V, 4).

In gemäßigterer Form sagt Epiphanius ebenfalls, Marcion habe [9] die Briefe des Apostels gekürzt (perite,mnwn Haer. 42, 9).

 Harnack ist den kirchlichen Schriftstellern gefolgt, ohne ihre Behauptungen einer ernsten Prüfung zu unterziehen. Er hat ihnen vertraut. Wenn er in Erwägung gezogen hätte, dass Irenäus, Tertullian und Epiphanius, ohne Häretiker zu werden, nicht mehr anders denken konnten, als sie es taten und dass ihre Meinung durch ihren Glauben festgelegt war, dann hätte er zugestanden, dass es nützlich wäre, nach ihnen die Frage wieder aufzugreifen und sie mit einer rein kritischen Methode anzugehen.

 Kritische Überprüfung steht ja nun der An- und  Mutmaßung kirchlicher Autoren entgegen. Sie zeigt, wir werden es sehen, dass das Apostolikon keine Verstümmelung der Längeren Rezension ist, sondern im Gegenteil, dass die Längere Rezension nichts anderes ist als ein umgearbeitetes und erweitertes Apostolikon. Mit andern Worten: der von Harnack wiederhergestellte Text ist die richtige Textedition des heiligen Paulus, d.h. die älteste, die wir erreichen können.

 

 

I. URSPRÜNGLICHKEIT DES APOSTOLIKON

  

Ein erstes und starkes Argument ergibt sich aus den drei Briefen, die die Längere Rezension zusätzlich enthält. Man erkennt leicht, dass sie anderswo herkommen und von anderer Hand stammen als die übrigen zehn. Ihr Stil ist anders: er ist „langsam, monoton, schwerfällig, verschwommen, ausfasernd, an manchen Stellen matt und farblos“, in totalem Kontrast zum paulinischen Stil. Durch Grammatik, Sprachbesonderheiten und besonders durch Wortgebrauch stehen sie eindeutig abseits von den andern. Während zum Beispiel in den andern pro Seite 3 bis 6 Vokabeln vorkommen, die sonst im Neuen Testament nicht aufzufinden sind, und 7 bis 12 pro Seite, die sonst in der Sammlung der zehn Briefe nicht vorkommen, so sind es hier 13 bis 16 von der ersten Art und 24 bis 30 von der zweiten. Im Gegensatz dazu zeigen sie Verwandtschaft [10] mit den apologetischen Schriften des 2. Jahrhunderts. Während die andern 10 Briefe pro Seite 4 bis 6 Sondervokabeln enthalten, die man auch bei den Apologeten des 2. Jahrhunderts findet, sind es bei den 3 zusätzlichen 14 bis 16, die dreifache Menge also.

Letztere setzen auch eine entwickeltere Kirchenorganisation voraus und einer (1 Tim. VI, 20) verkündet die Verurteilung der Antithesen des Marcion, die 144 vorgenommen wurde. Da sie später sind als Marcion, sind sie ganz offensichtlich eine Erweiterung des ursprünglichen Corpus Paulinum. Zumindest diese drei genannten Texte stellen eine Aufstockung zur Längeren Rezension dar.

Was die andern zehn Briefe betrifft: wenn man den Text des Apostolikons und den katholischen Text nebeneinander stellt, gibt es nicht wenige Fälle, bei denen man zögert, sich darauf festzulegen, welches das Original und welches die Überarbeitung ist. Nacheinander wenden sich die Argumente wie in einer Sanduhr. Man muss also die Stellen suchen, bei denen eine Umkehrung der Erklärung nicht möglich ist. Eine kleine Anzahl solcher entscheidenden Fälle genügt, um die Richtung für alle andere vorzugeben.

Ich werde vier Fälle zitieren, die mir eindeutig scheinen.

1° Röm. I, 17. 

Im  Apostolikon liest man (es ist die Rede vom Menschen, egal wer er sei, der glaubt):

dikaiosu,nh ga.r qeou/ evn auvtw/| avpokalu,ptetai
evk pi,stewj eivj pi,stin\
avpokalu,ptetai ga.r ovrgh. avpV ouvranou/
evpi. th,n avse,beian kai. avdiki,an avnqrw,pwn
tw/n th.n avlh,qeian evn avdiki,a| kateco,ntwn(
oi;damen de. o[ti to. kri,ma tou/ qeou/
evstin kata. avlh,qeian

[11]In ihm offenbart sich eine Gerechtigkeit Gottes,
von Glauben zu Glauben (nach dem Maße, wie sein Glaube wächst),
denn es offenbart sich ein Zorn (kommend) aus dem Himmel
gegen die ungerechte Ruchlosigkeit von Menschen,
die in ihrer Ungerechtigkeit die Wahrheit gefangen halten,
aber wir wissen, dass das Gerichtsurteil Gottes
der Wahrheit gemäß erfolgt.

Dieser Abschnitt ist schön verknüpft. Man kann darin die für den paulinischen Stil so charakteristischen Wortspiele wiederfinden: avpokalu,ptetai. zweimal; evk pi,stewj eivj pi,stin; dikaiosu,nh( avdiki,an( avdiki,a|( alh,qeian zweimal. Der Sinn ist klar. Derjenige, der glaubt, wird durch Gott freigesprochen, denn (ga,r) der himmlische Zorn schlägt diejenigen, die die Wahrheit gefangen halten, aber (de,) der göttliche Urteilsspruch entspricht der Wahrheit. Die Wiederholung des Wortes alh,qeian ist der Angelpunkt des Argumentes: diejenigen, die der Wahrheit Fesseln anlegen, trifft der Zorn des Himmels; diejenigen, die an die Wahrheit glauben (d.h. an das von Paulus gepredigte Mysterium), erhalten den Freispruch, da Gott auf Grundlage dieser Wahrheit urteilt.

Die Längere Rezension  fügt an der zweiten Zeile ein Zitat aus Habakuk (II 4) hinzu: wie geschrieben steht: Denn der Gerechte wird aus dem Glauben leben; in der dritten Zeile setzt er Gottes nach Zorn; in der vierten jede Ruchlosigkeit statt die Ruchlosigkeit. Diese Unterschiede erlauben es nicht, das Original zu erkennen. Aber zwischen der fünften und der sechsten Zeile schiebt die Längere Rezension ein ganzes Halbkapitel (I, 18–II, 1) ein, eingeleitet mit weil (dio,ti).

Es handelt sich um rhetorische Ausführungen über Götzendienst. (Die Heiden kennen Gott, sie haben aber die Schöpfung anstatt des  Schöpfers geehrt. Auch hat Gott sie der Päderastie, der Homosexualität und allen Lastern ausgeliefert). Dieses reichlich banale Gebräu enthält keine speziell paulinischen Zutaten. Es ist ein Gemeinplatz stoischer Diatribe, auf jüdisch zurechtgemacht. Er durchzieht das Buch der Weisheit, Philo, Josephus, die Orakel der Sybillen und die christlichen Apologeten wie Athenagoras und [12] Pseudo-Meliton. Das ganze ist ein Zwischenspiel aus Banalitäten innerhalb einer Strophe mit hohem Gedankenflug.

Es ist nicht glaubhaft, dass Marcion, falls er die zwei buntgemischten Seiten, die wir zu lesen bekommen, vor Augen hatte, es mit seinem Schwamm und seinem Radierer fertiggebracht hätte, sieben starke und klare, sauber miteinander verknüpfte und wohlklingende Zeilen herauszupräparieren. Im Gegenteil, es ist offensichtlich der katholische Herausgeber, der dem Text einen Zettel angeklebt hat, um ein überall verwendbares Versatzstück einzuschleusen. Es sieht danach aus, dass er die falsche Bedeutung von kateco,ntwn gewählt hat. Er hat der Vokabel, die hier gefangen halten bedeutet, die übliche Bedeutung besitzen zugewiesen. Er hat dann erklären wollen, wie man sagen könne, die Ungerechten besäßen die Wahrheit. Es komme daher, dass sie Gott zwar kennen würden, ihm jedoch die Ehrbezeugung verweigerten. Das ganze fromme Klischee kam danach.

Man muss also — und Paulus wird dabei nichts verlieren — den zweiten Teil des I. Kapitels des Römerbriefes dem katholischen Herausgeber überlassen. Daraus folgt, dass derselbe Herausgeber das Habakukzitat beigesteuert, Gottes zu Zorn hinzugefügt (antimarcionitische Präzisierung) und Ruchlosigkeit, was ein Zustand ist, durch jede Ruchlosigkeit, was eine Aufeinanderfolge von Verfehlungen ist, ersetzt hat.

2° Röm. III, 21.

Das Apostolikon gibt diese vier gedrängten Zeilen:

to,te no,moj( nuni. dikaiosu,nh qeou
dia. pi,stewj tou/ Cristou
\
dikaiwqe,ntej ou=n evk pi,stewj Cristou/( ouvk evk nomou(
eivrh,nhn e;cwmen pro.j to.n qeo.n)

Früher Gesetz, heute Gerechtigkeit Gottes,
durch Glauben an den Christus:
gerechtfertigt also durch Glauben an Christus, nicht durch Gesetz,
lasst uns den Frieden mit Gott erwerben.

[13] Das ergibt ein klares Bild: Früher das Gesetz mitsamt der Unmöglichkeit, es zu erfüllen. Heute die Freisprechung, erworben durch den Glauben, und infolgedessen der Frieden mit Gott.

Anstelle dieses kraftvollen Textstückes enthält die Längere Rezension eine weitschweifige Abhandlung mit folgender Tendenz  (Röm. III, 21—V, 1).

Jetzt aber ist ohne Gesetz Gottes Gerechtigkeit geoffenbart worden,
bezeugt durch das Gesetz und die Propheten:
Gottes Gerechtigkeit
aber durch Glauben an Jesus Christus
für alle, die glauben. Denn es ist kein Unterschied,
...(Vierunddreißig Verszeilen über den Glauben Abrahams)...
Da wir nun gerechtfertigt worden sind aus Glauben,
so haben wir Frieden mit Gott...

Es ist schwierig, nicht zu sehen, dass diese Version eine Überarbeitung der ersteren ist. Sie plädiert für das Gesetz in einem Zusammenhang, der es verdammt. Die klipp und klare Gegenüberstellung: „früher Gesetz, jetzt Gerechtigkeit“ ist weggewischt: „unabhängig vom Gesetz, cwri,j no,mou Gerechtigkeit“. Dann wird gesagt, diese Gerechtigkeit Gottes werde bekräftigt durch das Gesetz selbst und durch die Propheten. Woraus resultiert, dass das Gesetz selbst in seiner Eigenschaft als Weissagung nicht vernichtet, sondern bestätigt wurde. Der Einschub: „bezeugt durch ...“ zwingt zu einer schwerfälligen Wiederaufnahme: „eine Gerechtigkeit Gottes ...“ Dann wird langatmig und bizarr vorgetragen, dass die Gerechtigkeit durch den Glauben gegründet ist auf eine Passage im Gesetz selber (Genesis XV, 6). Daran wird die Schlussfolgerung festgemacht: „gerechtfertigt also durch den Glauben“, wobei die Worte „nicht durch das Gesetz“ weggelassen werden.

Einerseits also vier kräftige und geradlinige Zeilen, anderseits drei gewundene Seiten, die jene vier Zeilen korrigieren. Es ist ein natürlicher Vorgang, wenn man von jenen zu diesen  kommt. Von diesen zu jenen, das ist nicht glaubhaft.

[14] 3°  Galater III, 10–26.

Das Apostolikon bringt diese Gedankenabfolge:

 

o]soi ga.r u`po no,mon( u`po. kata,ran eivsi,n))(
Cristo.j h`ma/j evxhgo,rasen evk th/j kata,raj tou/ no,mou)))
evla,bomen ou=n th.n euvlogi,an tou/ pneu,matoj dia. th/j pi,stewj\
pa,ntej ga.r ui`oi. evste th/j pi,stewj)

 

Alle unter dem Gesetz sind unter dem Fluch...
Christus hat uns vom Fluche des Gesetzes losgekauft...
Wir haben somit die Segnung des Geistes erhalten durch den Glauben,
denn ihr seid alle Kinder Gottes durch den Glauben.

Der Gedanke ist klar. Christus, am Holze hängend, ist Gegenstand des Fluches geworden. Sofort kam eine Segnung über uns, die nicht auf das Fleisch, sondern auf den Geist bezogen ist, denn sie besteht darin, dass man in spiritueller Weise Kind Gottes wird.

Im Apostolikon war kein anderer Gedanke enthalten. Es war in gar keiner Weise die Rede von der Segnung, die Abraham erhielt. Zu diesem Punkt haben wir das explizite Zeugnis von Tertullian, (V, 3) und Origenes (in Hieronymus, Comm. in Gal. zum Abschnitt).

Die Längere Rezension leitet den Abschnitt mit der Abraham erteilten Segnung ein (III, 6–9). Dann schwächt sie in der ersten Zeile ab: aus „alle, die unter dem Gesetz sind, o[soi u`po. no,mon “ wird „alle, die aus den Werken des Gesetzes sind, o[soi evx e;rgwn nomou“. Dann entkoppelt sie „die Segnung“ und „des Geistes“. Die Segnung ist diejenige, die Abraham zuteil wurde: der Geist ist der Heilige Geist, dessen Herabkunft in der Apostelgeschichte erzählt wird. Danach wird in elf Versen das Thema der Segnung Abrahams entwickelt, worauf der Schluss folgt.

[15] Denn alle, die aus Gesetzeswerken sind, die sind unter dem Fluch; ...

Christus hat uns losgekauft von dem Fluch des Gesetzes, ...
damit
der Segen Abrahams in Christus Jesus zu den Nationen komme,
damit wir die Verheißung des Geistes durch den Glauben empfingen
...(elf Verse über die Abraham erteilte Segnung)...
Denn ihr alle seid Söhne Gottes durch den Glauben in Christus Jesus.

Auch da ist die Längere Rezension ersichtlich ein erweiterter Text. Die Abraham-Segnung und die Versprechung des Heiligen Geistes sind Fremdelemente. Der Kurztext genügt in sich. Der andere Text ist eine Verlängerung. Man findet den Weg von jenem zu diesem leicht, aber nicht den vom diesem zu jenem.

4° Galater IV, 24.

Es ist die Rede von den zwei Frauen Abrahams, die eine Sklavin, die andere Freie; die eine hat einen Sohn dem Fleische nach, die andere einen versprochenen Sohn. Das ganze ist eine Allegorie. Im Apostolikon wird sie so interpretiert:

 

a[tina, evstin avllhgorou,mena\
au-tai ga,r eivsin ai` du,o e`pidei,xeij(
mi,a me.n avpo. o;rouj Sina/( eivj th.n sunagwgh.n tw/n
  vIoudai,wn
kata. to.n no.mon gennw/sa eivj doulei,an(
a;llh. de. u`pera,nw pa,shj arch/j gennw/sa(
kai. duna,mewj( kai. evxousi,aj kai. panto.j ovno,matoj ovnomazome,nou(
ouv mo,non evn
tw/| aivw/ni tou,tw| avlla. kai. evn tw/| me,llonti(
eivj h[n evphggeila,meqa a`gi,an evkklhsian(
h[tij evsti.n mh,thr h`mw/n\

 

Das ist allegorisch zu verstehen:
es sind zwei Erscheinungsweisen:
eine vom Berge Sinai zur Synagoge,
die in die Sklaverei hinein gebiert
die andere, höher als jedes Fürstentum, die gebiert
Tugend, Herrschaft, höher als jeder je genannte Name,
[16]sie gebiert nicht nur in diesem, sondern auch im zukünftigen Äon,
die Heilige Kirche, uns versprochen,
die unsere Mutter ist.

Und in der katholischen Ausgabe:

Das ist allegorisch zu verstehen:
diese Frauen bedeuten zwei Bündnisse:
eines vom Berg Sinai, das in die Sklaverei hinein gebiert,
das ist Hagar. Denn Hagar ist der Berg Sinai in Arabien,
entspricht aber dem jetzigen Jerusalem,
denn es ist mit seinen Kindern in Sklaverei.
Das Jerusalem droben aber ist frei,
und das ist unsere Mutter.

Es genügt, beide Texte miteinander zu vergleichen, um festzustellen, dass der zweite eine korrumpierte Form des ersten ist. Der erste stellt auf zwei mystischen Ebenen die Synagoge der Juden und die Heilige Kirche einander gegenüber. Der zweite gibt vor, die Juden zu schonen. Er ersetzt die beiden radikal verschiedenen Erscheinungsweisen (epi.dei,xeij) durch zwei Bündnisse (diaqh/kai) und am Schluss durch zwei Jerusalems. Er bringt alles durcheinander, indem er erklären will, wie Hagar, die Mutter der heidnischen Araber, dennoch die Juden repräsentieren kann. Schließlich sind es dann nicht mehr Gesetz und Gnade, die sich gegenüberstehen, nicht einmal mehr zwei Bündnisse, sondern das von den Römern versklavte Jerusalem und das Jerusalem aus den Höhen, wie es in der Apokalypse beschrieben wird. Die Perspektive ist total verdreht.

Aus dieser so trüben Strophe die klare Strophe des Apostolikon zu destillieren, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Es steht also außer Zweifel, das der Redaktor der katholischen Strophe die andere vor Augen gehabt hat und sie ungelenk neu komponiert hat. Eigenartigerweise hat er die drei Zeilen „höher als jedes Fürstentum, usw. ...“ nicht verloren gehen lassen. Er hat sie verschoben nach Epheser, I, 21 und hat daraus eine Lobpreisung auf den Christus gemacht, der im Himmel thront „höher als jedes Fürstentum usw. ...“ An dieser Stelle fehlen sie im Apostolikon.

[17] Ich glaube, diese vier Beispiele genügen, um zu zeigen, dass die Kurzform älter ist als die Längere Rezension. Das von Marcion herausgegebene Corpus Paulinum ist dem Original näher als das des Neuen Testamentes. Der Heilige Paulus, den wir lesen, ist nichts anderes als eine zweite Auflage, durchgesehen, erweitert und mit der orthodoxen Lehre in Übereinstimmung gebracht und er stammt aus einer Zeit nach Marcion, ein Jahrhundert nach dem historischen Paulus.

 

 

II. DOGMATISCH FUNDIERTE ÄNDERUNGEN

 

Welcher Anteil in der ersten Paulusausgabe stammt von Paulus, und welcher von Marcion? Wir haben keine äußere Methode, um das zu bestimmen. Was wir können ist, die Arbeit des zweiten Herausgebers beurteilen. Er hat die marcionitische Ausgabe in dreifacher Hinsicht retouchiert: dogmatische Korrekturen, historische Korrekturen und Erläuterungen.

 In dogmatischer Hinsicht ist er Monotheist in der jüdischen Variante und streng feindlich eingestellt gegen Marcions Thesen, die den Schöpfergott unterscheiden von dem der Welt fremden Gott. Er behauptet, der Schöpfergott, der Gott des Alten Testamentes, Gott der Christen, sei ein und derselbe Gott und im ganzen Universum gebe es keinen anderen.

 Wohl hat er – vielleicht aus Unaufmerksamkeit – einiges durchgehen lassen, wie:
2 Kor. IV, 4 : „der Gott dieser Welt“, der ein anderer Gott ist als Gott, und 1 Kor. VIII, 5: „wie es ja viele Götter gibt“. Doch er duldet es nicht, dass Paulus zu den Galatern (IV, 8) sagt: „wenn ihr versklavt seid durch die Götter, die in der Natur sind,
toi/j evn th/| fu,sei ou=si qeoi/j“. Er korrigiert: „Damals dientet ihr den Göttern, die von Natur nicht sind, toi/j fu,sei [18] mh. ou=sin qeoi/j“, ein sehr linkischer Trick, wo das fu,sei nahezu jeden Sinn verliert.

 Er erträgt die Stelle Laod. III, 9 nicht: „die Verwaltung des Mysteriums, das von Ewigkeit an dem Gott, der die Welt erschuf, verborgen geblieben ist, avpokekrumme,nou tw/| qew/| tw/| ta pa,nta kti,santi.“ Er setzt das kleine Wörtchen evn vor tw/| qew/|. Das christliche Mysterium war „von Ewigkeit her verborgen in Gott, der alles erschaffen hat“. Diese zwei Buchstaben bewirken, dass der Satz nun das Gegenteil aussagt von dem, was er vorher aussagte. Ein elegante Bekehrung zur Orthodoxie, erreicht auf Kosten der Klarheit.

Er duldet nicht, dass gesagt wird, wie es das vierte Evangelium klipp und klar sagt (VII, 29; VIII, 19, 55 usw.), dass die Juden Gott nicht kennen. Er fährt auf bei Röm. X, 3: „(die Juden), die Gott nicht kennen (qeo.n avgnoou/ntej) und ihre eigene Gerechtigkeit aufzurichten trachten, haben sie sich der Gerechtigkeit Gottes nicht unterworfen“. Er korrigiert: „ die Gottes Gerechtigkeit nicht erkannten und ihre eigene aufzurichten trachteten, sie haben sich der Gerechtigkeit Gottes nicht unterworfen“. Diese Binsenweisheit rettet dann die Doktrin.

Er will betonen, dass Strafe und Rache nur Gott selber zustehen, wie es das Alte Testament lehrt. Paulus sucht vage Formulierungen heraus, die den Vollstrecker der Bestrafungen im Dunkeln lässt. Der katholische Herausgeber strengt sich an, ihn zu benennen. I Kor. III, 17: „Wenn jemand den Tempel Gottes verdirbt, der wird verdorben“. Seine Korrektur: „..., den wird Gott verderben“. II Thess. II, 11: “ Und deshalb wird eine wirksame Kraft des Irrwahns über sie kommen“. Korrektur: „Und deshalb sendet ihnen Gott eine wirksame Kraft des Irrwahns“. Röm. I, 17: “ein Zorn vom Himmel her“. Korrektur: „Gottes Zorn vom Himmel her“.

Er ist darauf bedacht, Gott und Christus klar zu unterscheiden. Paulus im Gegenteil bringt sie absichtlich durcheinander. Er sagt über Christus in Kol. I, 19: „19 denn es gefiel ihm (eudo,khsen) [19], die ganze (göttliche) Fülle in sich (evn evautw/|) wohnen zu lassen alles mit sich (eivj e`auto,n) zu versöhnen“. Der orthodoxe Redaktor ersetzt evautw/| und e`auto,n durch auvtw/| und avuto,n und im zweiten Teil fügt er di´ auvtou hinzu. Seinem Satz fehlt dann das Subjekt, man soll jedoch verstehen: „(Gott) gefiel es die ganze Fülle, in ihm (in Christus) wohnen zu lassen und durch ihn (durch Christus) alles mit ihm (Christus) zu versöhnen“. Sein Ergebnis ist ein theologisches Monstrum: ein von Gott zu unterscheidender Christus, der dennoch die göttlich Fülle besitzt. Es wird die Aufgabe der späteren Theologen sein, damit ins reine zu kommen.

Eine weitere Unterscheidung: es ist Christus, und nicht etwa Gott, der gestorben ist.
2 Kor. IV, 10: „der Tod Gottes,
th.n ne,krwsin tou/ qeou/“ wird korrigiert zu „der Tod Jesu“. Umgekehrt wiederum ist es Gott und nicht Christus, der urteilen wird. Röm XIV, 10: „wir werden alle vor den Richterstuhl Christi gestellt werden“, wird korrigiert zu: „Richterstuhl Gottes“.

Christus ist dem Herausgeber zufolge das erste der geschaffenen Wesen, er hat an der Erschaffung aller anderen gearbeitet, er stützt das ganze Universum, aber er ist nicht das erste Seiende. Der Herausgeber las in Kol. I, 15, 17:

(Christus) ist das Bild des unsichtbaren Gottes
und er ist vor allen Dingen....

Die zweite Zeile ist ihm gefährlich vorgekommen. Er hat sie ertrinken lassen in einer Gedankenflut, in der Christus Organisator und Beschützer der Welt wird, obwohl er als ältestes von allen dennoch ein Geschöpf bleibt.

Er ist das Bild des unsichtbaren Gottes,
der Erstgeborene aller Schöpfung.
Denn in ihm ist alles in den Himmeln und auf der Erde geschaffen worden,
das Sichtbare und das Unsichtbare,
[20] es seien Throne oder Herrschaften oder Gewalten oder Mächte:
alles ist durch ihn und zu ihm hin geschaffen;
und er ist vor allem, und alles besteht durch ihn.

Christus ist nicht aus eigener Machtvollkommenheit auferstanden, er hat sich nicht selbst auferweckt, er ist durch Gott von den Toten auferweckt worden. Röm. VI,9: “Christus, von den Toten auferstanden (avnasta,j), stirbt nicht mehr“. Der Herausgeber korrigiert: „der aus den Toten auferweckt wurde (evgerqei,j)“. 1 Kor.XV, 20: „Wenn man verkündet, dass Christus auferstanden ist  (avnasth/nai) aus den Toten“. Korrektur: „ Nun aber ist Christus aus den Toten auferweckt (evghvgegertai).  Gal. I,1: „durch Jesus Christus, der sich selbst auferweckt hat (evgei,rantoj auto,n)aus den Toten“. Korrektur: „durch Jesus Christus und Gott, den Vater, der ihn aus den Toten auferweckt hat“.

Der springende Punkt ist die Behauptung gegen Marcion, dass der Christus wirklich im Fleische ist, dass er einen Körper hat aus Fleisch und Blut. Kol. I, 22: „hat er aber nun versöhnt in seinem Leib, evn tw/| sw,mati auvtou.“ Der eifrige Korrektor kann sich nicht beherrschen und schreibt: „hat er aber nun versöhnt in dem Leib seines Fleisches, evn tw/| sw,mati th/j sarko.j auvtou/“, was den Sinn verändert.

Dieses ‚im Fleische’ beschäftigt ihn so sehr, dass ihm, sobald das Wort Fleisch ausgesprochen wird, der fleischliche Leib Christi einfällt. Über die Verschmelzung von Heiden und Juden sagt Paulus in Laod. II, 14:“ Er (Christus) ist unser Frieden, er hat aus beiden eins gemacht und die Zwischenwand der Feindschaft im Fleisch abgebrochen, to. meso,toicon th/j e;cqraj evn sarki. lu,saj“. Es handelt sich dabei um die ganz und gar fleischliche Feindschaft zwischen Vorhaut und Beschneidung. Der Korrektor schafft es, in diesen Text das Fleisch Christi eindringen zu lassen: „er hat die Zwischenwand der Umzäunung, die Feindschaft, in seinem Fleisch abgebrochen, evn th/ sarki. auvtou/“.

Er führt in die feierliche Anrede an die Römer das Fleisch Christi ein, geboren aus der Saat Davids. Röm. I, 3: „über seinen Sohn, in Kraft eingesetzt.“ [21] Er packt drauf: „über seinen Sohn, der aus der Nachkommenschaft Davids gekommen ist dem Fleische nach, als Sohn Gottes in Kraft eingesetzt.“

Er ist es auch, der in einer Passage über die Herabkunft Christi ein Glaubensbekenntnis an die fleischliche Geburt Christi im Schoß des jüdischen Volkes einfügt.

Gal. IV, 4:

sandte Gott seinen Sohn,
damit er die loskaufte, die unter dem Gesetz waren.

Zwischen diese beide Zeilen interpoliert er: „geboren von einer Frau, geboren unter dem Gesetz“, dies eine Zeile, die aus der gleichen Quelle kommt wie das zweite Kapitel des Lukasevangeliums.

Die Geburt Christi im Fleische steht im Widerspruch zu den Passagen, in denen sein himmlischer, nichtirdischer Ursprung verkündet wird, so zum Beispiel in 1 Kor. XV, 45, 47:

Der erste Mensch wurde zu einer lebendigen Seele,
der letzte, der Herr, zu einem lebendig machenden Geist.
Der erste Mensch ist von der Erde, irdisch;
der zweite, der Herr, ist vom Himmel.

Der Zensor hat diese Passage stehen lassen. Aber beide Male hat er „der Herr“ gestrichen. Das erste Mal hat er es ersetzt durch Adam: „der letzte Adam“, das zweite Mal durch Mensch: „der zweite Mensch“. Der Sinn wurde dadurch nicht wirklich abgeändert, aber es ergibt den kleinen Vorteil, dass er etwas undurchsichtiger wurde.

Ein wesentlicher Punkt der Lehre betrifft die Auferstehung von den Toten. Die Auferstehung soll als fleischliche und zukünftige verstanden werden. Man darf sie nicht als eine Auferstehung nur im Geiste, eine mystische, im Christen bereits vollzogene verstehen. Der zweite Brief an Timotheus (II, 18) verurteilt diejenigen, die sagen, dass die Auferstehung schon geschehen ist. Paulus müsste also durchweg verurteilt werden, denn der tiefe Inhalt seiner Lehre besagt, dass der Christ in Christus auferweckt worden ist.

[22] Manchmal begnügt man sich damit, die zu eindeutige Verneinung der Auferstehung des Fleisches abzuschwächen. So in 1 Kor. 15, 50: „Fleisch und Blut werden (ovu klhronom,hsousi) das Reich Gottes nicht erben“. Korrigiert zu: „Fleisch und Blut können das Reich Gottes nicht erben (ouv du,natai) ...“.

Ein einziger abgeänderter Buchstabe kann zu diesem Zweck ausreichen.

2 Kor. V, 2:

wir sehnen uns danach, mit unserer Behausung aus dem Himmel überkleidet zu werden,
damit wir als Entkleidete nicht nackt befunden werden

Das bedeutet, dass wir, indem wir im Tode unseres fleischlichen Leibes entkleidet werden, einen geistigen, himmlischen Leib anziehen. Dem Zensor hat dieses entkleidet (ekdusa,menoi) nicht gefallen. Er hat es ersetzt durch angezogen (evndusa,menoi) und die dadurch entstandene Tautologie ist noch heute die Crux der Kommentatoren.

An anderer Stelle bestätigt ein geschickt platziertes Wort die Auferstehung des Leibes in einem Text, in dem davon nicht die Rede war. 1 Thess. V, 23:

möge euer Geist und Seele und Leib untadelig bewahrt werden
in der Anwesenheit unseres Herrn Jesus Christus!

Der Korrektor hat gemeint, dass die Anwesenheit Christi (evn th/| paroousi,a|) die zukünftige Parousie bedeute (als ob dastünde eivj th.n parousia,n). Vor „euer Geist und Seele und Leib“ hat er eingefügt: „vollständig, o`loklhron“, um zu lehren, dass das gesamte menschliche Kompositum, Leib inbegriffen, in das zukünftige Königreich eingehen wird.

Was das moralische Verhalten betrifft, bekämpft er die extreme Askese, die das Fleischliche als beschmutzt betrachtet und die Ehe verurteilt. 2 Kor. VII, 1: „so wollen wir uns reinigen von jeder Befleckung des Fleisches und des Blutes“ wird geändert zu „von Befleckung des Fleisches und des Geistes“, was eine banale Bedeutung ergibt.

Eine kuriose Retuschierung ist diejenige einer Passage über die [23] mystische Ehe des Gläubigen mit der Kirche.

Laod. V, 31:

avnti. tau,thj katalei,yei a;nqrwpoj to.n pate,ra kai. th.n mhte,ra
kai. e;sontai oi` du,o eivj sa,rka mi,an
to. musth,rion tou/to me,ga evsti,n\
evgw. de. le,gw eivj Cristo.n kai. th.n evkklhsi,an


Für sie (die Kirche) wird ein Mensch Vater und Mutter verlassen
und die zwei werden ein Fleisch sein.
Dieses Geheimnis ist groß,
ich will sagen in Christus und der Kirche

Das bedeutet, dass die wahre Ehe nicht diejenige eines Mannes mit einer Frau ist, sondern die eines Menschen (a;nqrwpoj) mit der Kirche. Darauf bezieht sich geistig, im Mysterium, die biblische Aussage: aus zweien ein einziges Fleisch machen. Diese vollkommene Vereinigung verwirklicht sich in Christus und der Kirche.

Der Korrektor hat die Rechte der normalen Ehe gegen den Text wiederherstellen wollen. Er hat dazu „ihretwegen, a;nti. tau,thj“ durch „deswegen, avnti. tou,tou“ ersetzt. Er hat das Zitat dann vervollständigt, um zu zeigen, dass es sich um einen Mann und eine Frau handelt. Dadurch hat er einen Satz produziert, dessen Anfang klar und dessen Schluss unverständlich ist:

Deswegen wird ein Mensch Vater und Mutter verlassen
und seiner Frau anhängen,
und die zwei werden ein Fleisch sein.
Dieses Geheimnis ist groß,
ich beziehe es auf Christus und (auf) die Kirche

 

 

III.  HISTORISCHE RETUSCHEN

 

Es war opportun, gewisse historische Angaben zu modifizieren, um sie der reinen Lehre anzupassen. Daher entstammt eine weitere Reihe von Korrekturen, deren wichtigste zu finden sind im [24] Galaterbrief. Ihr Zweck ist es, die Unabhängigkeit des Paulus zu leugnen oder abzuschwächen.

Gal. II, 1: „Darauf, nach vierzehn Jahren, zog ich nach Jerusalem hinauf.“ Der katholische Herausgeber schreibt: „zog ich wieder (pa,lin) hinauf“. Er gibt dadurch zu erkennen. dass er die Verse I, 18–20, wo von einer angeblichen früheren Reise des Paulus berichtet wird, selber verfasst hat: „Darauf, nach drei Jahren, ging ich nach Jerusalem hinauf, um Kephas kennen zu lernen, und blieb fünfzehn Tage bei ihm. Keinen anderen der Apostel aber sah ich außer Jakobus, den Bruder des Herrn. Was ich euch aber schreibe – siehe, vor Gott! – , ich lüge nicht.“

Mit der Erfindung dieser ersten Reise will der Autor gegen den Text beweisen, dass Paulus nicht gezögert hat, den Kontakt mit den Führern der Kirche von Jerusalem herzustellen. Sein Phantasieprodukt ist zurückhaltender als das des Redaktors der Apostelgeschichte (IX, 26—30), in dessen Darstellung Paulus kurz nach seiner Bekehrung von Barnabas den Aposteln vorgestellt wird, um dann von ihnen in den Straßen Jerusalems gemeinsam predigend umhergeführt zu werden.

Gal. II, 4 fährt Paulus fort mit der Aussage, er habe sich keinen Augenblick lang den Jerusalemer Aposteln untergeordnet: „wegen der (Dia. tou.j) heimlich eingedrungenen falschen Brüder, die sich eingeschlichen hatten, um unsere Freiheit, die wir in Christus Jesus haben, zu belauern, damit sie uns in Knechtschaft brächten, haben wir auch nicht einen Augenblick (oude. pro.j w-ran) durch Unterwürfigkeit nachgegeben, damit die Wahrheit des Evangeliums bei euch verbliebe“. Es handelt sich um eine Unterwerfung den Würdenträgern Jerusalems gegenüber, wovon gerade vorher die Rede ist.

Mittels zweier nicht auffallender kleiner Wörtchen bricht der Abschreiber den Satz auseinander und vernichtet die bestürzende Aussage. Er setzt de. nach dia. und oi-j vor ouvde.. „ Denn (es war) wegen der falschen Brüder ... ; ihnen haben wir auch nicht einen Augenblick durch Unterwürfigkeit nachgegeben ...“.

[25] Auf diese Weise werden die falschen ausspionierenden Brüder aus dem Satz ausgeklammert; es macht den Eindruck, als hätten sie sich in das, was vorausgeht (dass Titus nicht beschnitten wurde) eingemischt. Die Unterwerfung wird so nicht mehr den Aposteln sondern den falschen spionierenden Brüdern verweigert. Der Sinn ist nicht überzeugend, aber die Gefahr wurde abgewehrt.

Etwas weiter kommt das Ergebnis der Unterredung. Gal. II, 9: „gaben Jakobus, Petrus und Johannes, die als Säulen angesehen werden, mir und Barnabas den Handschlag der Gemeinschaft, damit wir unter die Nationen gingen, sie aber unter die Beschnittenen: Nur sollten wir der Armen gedenken“. Man schlägt ein: es wird zwei Arten geben, das Evangelium zu predigen, die eine für die Heiden, die andere für die Juden; man wird als einziges den Unterhalt der Heiligen des Tempels in Jerusalem gemeinsam bestreiten.

Der katholische Herausgeber weitet die Szene aus. Er denkt sich für Petrus und Paulus, die beiden großen Apostel der zukünftigen Römischen Kirche, eine vorherbestimmte, unterschiedliche Mission aus. II, 7—8: „als sie sahen, dass mir das Evangelium für die Unbeschnittenen anvertraut war ebenso wie Petrus das für die Beschnittenen, denn der, der in Petrus zum Apostelamt für die Beschnittenen wirksam war, war auch in mir für die Nationen wirksam, gaben Jakobus, Petrus und Johannes mir...“ Er nennt Jakobus vor Petrus um zu vermeiden, dass „als sie sahen“ sich zunächst auf Petrus beziehen würde und um die Vereinbarung des Paulus mit dem am stärksten judaisierenden der Würdenträger zu betonen. Er belässt Paulus nicht in seiner wichtigtuerischen Isolierung. Er stellt ihm Barnabas zur Seite, den er schon vorher eingeführt hat: „reichten mir und Barnabas die rechte Hand“. Diesem Satz fügt er hinzu: „in Gemeinschaft, koinwni,aj“, um eine Gemeinschaft zwischen Paulus und den Aposteln in Jerusalem herzustellen. Durch das Einschieben des Barnabas betrifft das „wir werden eingedenk sein“ Paulus und Barnabas, nicht mehr Paulus und die Würdenträger. Alles ist gründlich modifiziert worden.

Paulus bringt betont deutlich zu Gehör, dass er den Gottessohn in einer unmittelbaren Offenbarung kennengelernt hat und dass er sein Evangelium von keinem Menschen übernommen hat (Gal. I, 12, 15). Im Gegensatz dazu will der Korrektor [26] ihn zugeben lassen, dass er nur der Tradition der ersten Apostel gefolgt sei. Er kommt dahin über einen Umweg in 1 Kor. XV, 3: „Denn ich habe euch vor allem überliefert, dass Christus für unsere Sünden gestorben ist und dass er begraben wurde und dass er auferweckt worden ist am dritten Tag“. Am Ende der ersten Zeile fügt der Korrektor ein: „was ich auch empfangen habe, o[ kai. pare,labon“, am Ende der zweiten und der vierten: „nach den Schriften, kata. ta.j grafa,j“. Paulus in zweiter Auflage basiert auf Tradition und auf Altem Testament.

Wie ein Bruder ähnelt der zweite Herausgeber der Paulustexte dem Redaktor der Apostelgeschichte. Für beide ist das Christentum die legitime Fortsetzung des Judentums; das Heil ist zuerst den Juden, die es jedoch verweigert haben, angeboten worden, dann den Heiden. Dies ist der Grund für eine Änderung in Röm. I, 16: „ist es (das Evangelium) doch Gottes Kraft zum Heil jedem Glaubenden, sowohl dem Juden als auch dem Griechen, Ioudai,w| te kai.  [Ellhni“. Korrektur: „dem Juden zuerst, als auch dem Griechen, Ioudai,w| te prw/ton...“. Man erkennt hier ein Klischee, das durchwegs angewandt wird in der Apostelgeschichte.

Wie sein Mitbruder schwächt unser Herausgeber die Unvereinbarkeiten sorgfältig ab und überdeckt die Konflikte. Er greift ein, wenn zu deutlich von zwei gegensätzlichen Evangelien gesprochen wird. Gal. I, 6–7: „Ich wundere mich, dass ihr euch abwendet .... zu einem anderen Evangelium, wo es doch kein anderes gibt, o] a;llo pa,ntwj ouvk e;stin kata, to. euvaggelion mou; einige verwirren euch nur und wollen euch umkehren zu einem anderen Evangelium Christi, qe,lontej metastre,yai to. euvagge,lion [27] tou/ Cristou/“. Er schreibt diesen Satz um, indem er pa,ntwj, kata, to. euvaggelion mou und eivj e[teron herausnimmt. Was übrigbleibt, ist harmlos. Das Objekt von metastre,yai ist jetzt „das Evangelium“ anstelle von „euch“: „wo es doch kein anderes gibt, einige verwirren euch nur und wollen das Evangelium Christi umkehren“. Paulus verteidigt so nicht mehr sein besonderes eigenes Evangelium, sondern das allgemeine.

Gal. VI, 17: „Es mache mir keiner von den andern (tw/n de. a;llwn.... ))) mhdei,j) grundlos (eivkh/) Schwierigkeiten!“ Der Korrektor mildert die Aussage, indem er eivkh/ streicht und tw/n a;llwn durch tou/ loipou/ ersetzt: „in Zukunft mache mir keiner Schwierigkeiten!“

Phil. I, 16–17: „Die einen aus Liebe, die anderen aus Eigennutz, einige sogar schon aus Streitsucht (h[dh kai, tinej evk avgw/nej) verkündigen Christus“. Der Korrektor besänftigt. Er streicht „einige sogar schon aus Streitsucht“.

In die Serie der Korrekturen im Historischen muss man noch eine letzte einreihen. Kol. IV, 14: „Es grüßen euch Lukas und Demas“. Nach Lukas schiebt der Korrektor ein: „der geliebte Arzt, o` ivatro.j o` avgaphto,j“. Diese Worten rühren von einer Erinnerung an oder einer Legende über Lukas her, die zweifellos damit zu tun haben, dass das  dritte Evangelium und die Apostelgeschichte Lukas zugeschrieben werden.

 

 

IV.  VERDEUTLICHUNGEN

 

Weitere Retuschen schließlich haben den Zweck, den Text im Sinne des katholischen Herausgebers zu verdeutlichen oder zu ergänzen.

 1 Kor. IV, 15: „denn ich habe euch gezeugt im Evangelium.“ Korrektur: „denn in Christus Jesus habe ich euch gezeugt durch das Evangelium“.

1 Kor. I, 18:

Denn das Kreuz Christi ist denen, die verloren gehen, Torheit;
denen die errettet werden, ist es Gottes Kraft und Weisheit“.

[28] Korrektur:

Denn das Wort vom Kreuz ist denen, die verloren gehen, Torheit;
uns
aber, die wir errettet werden, ist es Gottes Kraft“.

Phil. III, 9:

„eine Gerechtigkeit habend ... diejenige (,die kommt) durch ihn aus Gott.“

Korrektur: „diejenige (die kommt) durch den Glauben an Christus, die Gerechtigkeit (die kommt) aus Gott aufgrund des Glaubens“.

Kol. II, 8: „durch die Philosophie, ein leerer Betrug“.

Korrektur: „durch die Philosophie und leeren Betrug“. Der Sinn ist unscharf geworden.

2 Kor. III, 18:

„Wir aber, die wir mit aufgedecktem Angesicht Christus anschauen,
werden so verwandelt in dasselbe Bild
von der Herrlichkeit des Herrn,
wie ausgehend vom Herrn der Geister“.

Wir haben hier einen lyrischen Schwung, dessen Sinn verständlich ist. Christus ist das sichtbare Ebenbild Gottes (Kol. !, 15). In ihm verwandeln wir uns. Unser Sein in Herrlichkeit geht von ihm und infolgedessen von Gott aus. Wir werden also vergöttlicht. Die Korrektur:

Wir alle aber schauen mit aufgedecktem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn an

und werden so verwandelt in dasselbe Bild
von Herrlichkeit zu Herrlichkeit,
wie vom Herrn, dem Geist.

Der Satz wurde zerstört. Der Korrektor hat den Ausdruck „der Herr der Geister (kuri,ou pneuma,twn)“, der dem Buch Henoch entstammt und Gott bezeichnet, nicht verstanden. Er hat ihn ersetzt durch kuri,ou pneu,matoj, was überhaupt keinen Sinn ergibt.

Röm. VII,7: „die Sünde kenne ich nicht außer durch das Gesetz“. Korrektur: „die Sünde hatte ich nicht erkannt“. Der Sinn wurde umgebogen. 

[29] Gal. V, 14: „Denn das ganze Gesetz ist unter euch (evn u`mi/n) erfüllt: du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“. Korrektur: „ist in einem Wort (evn evni. lo,gw|) ... erfüllt“. Das so wichtige „unter euch“ ist weggezaubert.

Der Revisor hat einige ihm teuere Vorstellungen, die er gern einschmuggelt, zum Beispiel die der Heiligung (a`giasmo,j).  1 Thess. IV, 4: „dass jeder von euch lernt, mit seiner Frau in achtungsvoller Weise zu verkehren.“ Korrektur: „dass jeder von euch lernt, mit seiner Frau in heiliger und achtungsvoller Weise zu verkehren.“ Röm.  VI, 19: „so stellt jetzt eure Glieder in den Dienst Gottes, in Gerechtigkeit“. Revidiert zu: „so stellt jetzt eure Glieder in den Dienst der Gerechtigkeit, so dass ihr heilig werdet“.

Vor allem verehrt er eifrigst die Bibel. Er zitiert sie gern buchstäblich und kommentiert, wo er es für nötig hält.

Röm. XIII, 9: „Du sollst nicht die Ehe brechen, du sollst nicht töten, du sollst nicht stehlen“. Er fügt aus Deuteronium V, 17 hinzu: „du sollst nicht begehren“.

Laod. IV, 25: „redet Wahrheit zum Nächsten (pro.j to.n plhsi,on)“. Er glaubt, Sacharja  VIII, 16 besser zu übersetzen, indem er schreibt: „mit dem Nächsten (meta. tou/ plhsi,ou)“.

Gal. III, 10: „Denn alle, die aus Gesetzeswerken sind, die sind unter dem Fluch“. Er steuert die Referenzstelle (Deuter. XXVII, 26) bei: „denn es steht geschrieben: Verflucht ist jeder, der nicht bleibt in allem, was im Buch des Gesetzes geschrieben ist, um es zu tun!“.

2 Thess. I, 7–8: (Jesus) der kommt, um Vergeltung (zu üben) an denen, die Gott nicht kennen“. Er staffiert das Wort evkdi,khsin mit einem Zitat aus Jesaja (LXVI, 14) aus: „in loderndem Feuer. Dann übt er Vergeltung an denen, die...“

Röm. XII, 18–19:

Rächt euch nicht selber, liebe Brüder,
sondern lasst Raum für den Zorn (Gottes); denn in der Schrift steht:
Mein ist die Rache, ich werde vergelten, spricht der Herr
 

[30] Er dreht die logische Abfolge um, damit er ein weiteres Bibelzitat anbringen kann:

Soweit es euch möglich ist, haltet mit allen Menschen Frieden!
Rächt euch nicht selber, liebe Brüder,
sondern lasst Raum für den Zorn (Gottes);
denn in der Schrift steht: Mein ist die Rache, ich werde vergelten, spricht der Herr.
Vielmehr: Wenn dein Feind Hunger hat ...

Es folgt ein Zitat aus dem Buch der Sprüche (XXVI; 21–22).

Schließlich noch zwei Beispiele, die belegen, wie der Interpolator die Schrift ausschmückt, sei es mit einem Kommentar oder mit einer allgemeinen Anwendung.

Laod. VI,2: „Ehre deinen Vater und deine Mutter“. Er kommentiert: „Das ist das Hauptgebot, und ihm folgt die Verheißung: damit es dir gut geht und du lange lebst auf der Erde“.

Gal. IV, 26, 31: „die andere Tochter...die heilige Kirche, die unsere Mutter ist. Deshalb Brüder, sind wir nicht Kinder der Magd, sondern der Freien“. Zwischen diese beiden Sätzen fügt der katholische Herausgeber ein hier überflüssiges Zitat aus Jesajas ein: „Denn es steht geschrieben: Freue dich, du Unfruchtbare, usw. ...“ Dann fügt er ohne Zusammenhang einen aktuellen Hinweis auf die Feindseligkeit der Juden den Christen gegenüber ein und den Rat, Vergeltung zu üben: „Ihr aber, Brüder, seid wie Isaak Kinder der Verheißung. Aber so wie damals der nach dem Fleisch Geborene den nach dem Geist Geborenen verfolgte, so ist es auch jetzt. Aber was sagt die Schrift? Stoße die Magd und ihren Sohn hinaus! Denn der Sohn der Magd soll nicht mit dem Sohn der Freien erben. Daher, Brüder, sind wir nicht Kinder der Magd, sondern der Freien“.

Die eingeschobene Aufforderung: Stoße die Magd und ihren Sohn hinaus...zeigt, wie der Herausgeber der zweiten Auflage es versteht, die Bibel gegen die zeitgenössischen Juden zu manipulieren.

[31] Wenn man die fünfundfünfzig Retuschen, die analysiert wurden, noch einmal Revue passieren lässt, wird man mühelos feststellen können, dass viele davon irreversibel sind und die Priorität des Apostolikon gegenüber der katholischen Ausgabe der Paulusbriefe erfordern.

 

Eine kritische Paulusausgabe muss also auf dem Apostolikon basieren. Die späteren Zusätze müssen aus dem Text entfernt und in den Apparat verbannt  werden.

Der Heilige Paulus der Erstausgabe ist derjenige, der für den Historiker der Ursprünge des Christentums bedeutsam ist. Er ist in weit höherem Maße kraftvoll, eindeutig verständlich und kühn als der überarbeitete, kraftlose Heilige Paulus der katholischen Ausgabe, den wir als einzigen lesen konnten.

 


Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott, Leipzig, 1921, Beilage III, 2. erweiterte Aufl 1924. 1891 hatte Th. Zahn bereits eine Wiederherstellung des Apostolikon in Angriff genommen Geschichte des N.T. Kanons, II, S. 495–523).

E. Jacquier, Histoire des livres du Nouveau Testament, I, Paris, 1903, p. 366

P. N. Harrison, The problem of the Pastoral Epistles. Oxford, 1921, Diagramme I, II, XI

Siehe die Nachweise in H. Lietzmann, Die Briefe des Apostels Paulus, I, Tübingen, 1910, S. 31

A. Loisy, Les livres du Nouveau Testament. Paris, 1922, p. 102

H. Delafosse ist zum gleichen Ergebnis gekommen aufgrund der internen Kritik der Briefe, ohne das  Apostilokon zu verwenden. Siehe „Les écrits de saint Paul“, quatre volumes, Rieder 1926–1928

Cfr. H. Delafosse: „L’ épitre aux Romains”, Paris, 1926, p. 28

wieder fehlt in 10 wichtigen Handschriften und auch in derjenigen des Irenäus (Haer. III 13,3)

A. Loisy, Les Actes des Apôtres. Paris. Rieder, 1925, p. 59

Der Abschnitt wurde auf S. 15  wiedergegeben.