Die
Synoptische Apokalypse (Mk 13 par) —
ein
Dokument aus der Bar Kokhba-Zeit
Hermann Detering, Berlin 2000
(Überarbeitete Fassung 2006)
Das 13.
Kapitel des Markusevangeliums gehört zu den in der letzten
Zeit besonders häufig untersuchten neutestamentlichen
Texten. Trotz zahlreicher Differenzen im einzelnen läßt sich
insofern ein gewisser Konsens unter den verschiedenen
Exegeten erkennen, als sie alle davon ausgehen, daß der
darin verarbeitete Text, die sog. »Synoptische Apokalypse«
(im folgenden als SynApk abgekürzt), entweder aus der ersten
oder aber zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts stammt.
Die
Untersuchung wird zeigen, daß es eine Reihe von
Beobachtungen gibt, die eine solche Datierung nicht zulassen
und daß zahlreiche Indizien eher auf eine spätere Zeit, die
Zeit des Bar Kokhba-Aufstandes (132-135), als
Entstehungsdatum hindeuten.
Freilich
gerät die Möglichkeit einer solchen, von der üblichen
Datierung der Apokalypse abweichenden späteren zeitlichen
Ansetzung bei den meisten Exegeten gar nicht erst in den
Blick, weil das Ergebnis ihrer Untersuchung offenbar durch
eine methodische Vorentscheidung zustandekommt: Da die
Entstehungszeit sowohl des Markus- als auch des
Matthäusevangeliums nach herrschender Meinung in die zweite
Hälfte des 1. Jahrhunderts fällt, muß auch die Entstehung
der SynApk in dieselbe Zeit bzw. die Zeit davor fallen.
Es ist
m.E. jedoch aus verschiedenen Gründen sehr fraglich, ob die
heute übliche und allgemein akzeptierte Datierung des Mkev
um 70 n.Chr überhaupt zutreffend ist. Wer sich näher mit der
Frage der Entstehungszeit der synoptischen Evangelien befaßt,
bemerkt schnell, daß er auf einen wirklichen Schwachpunkt
der neutestamentlichen Wissenschaft gestoßen ist. Während
sich deren Vertreter anderswo in verschwenderischer
Ausführlichkeit und bewundernswerter Kenntnis der
historischen Details mit exegetischen Einzelfragen
beschäftigen, bleiben sie im Hinblick auf die Datierung der
synoptischen Evangelien auffallend kurz angebunden. Das kann
angesichts der wenigen vagen Kriterien, anhand derer die
Datierung vorgenommen wird, kaum verwundern. Man beschränkt
sich bei den inhaltlichen Ausführungen zur Entstehungszeit
der synoptischen Evangelien auf die immer gleichen
Feststellungen. Einerseits wird zu Recht betont, daß die
kirchliche Überlieferung bezüglich der Frage der
Entstehungszeit ebenso wie der Verfasserschaft weithin
wertlos ist. Andererseits verweist man zur Gewinnung eines
terminus a quo auf einige wenige inhaltliche Argumente. Als
einziger wirklich zuverlässiger Anhaltspunkt bleibt zumeist
nur die Tatsache, daß die Synoptiker auf die Zerstörung
Jerusalems zurückblicken und somit nach 70 geschrieben sein
müssen.
Dagegen
wäre nichts einzuwenden, wenn nicht aus der an sich
richtigen Feststellung, daß das Markusevangelium nach 70
n.Chr. (wegen Kap. 13) entstanden ist, unter der Hand
sogleich die Behauptung würde, es müsse um 70n. Chr. verfaßt
worden sein[1].
Da ein nach 70n. Chr. verfaßtes Evangelium theoretisch auch
noch im 2. Jahrhundert n. Chr. entstanden sein könnte, ist
die Datierung um 70 n. Chr. kaum zwingend—zumal weitere
Indizien, die eine Datierung um 70n. Chr. nahelegen und
rechtfertigen könnten, nicht vorgebracht werden können.
Dies gilt auch dann, wenn man die argumenta externa, die
zur Bestimmung eines terminus ad quem angeführt werden,
akzeptieren sollte. Freilich fällt dies nicht ganz leicht,
da als äußere Zeugen für die Existenz von synoptischen
Evangelien im 1. Jahrhundert so unsichere Kandidaten wie
Ignatius und Clemens angeführt werden, von denen weder mit
eindeutiger Sicherheit gesagt werden kann, wann die
angeblich aus ihrer Hand stammenden Schriften
(Ignatiusbriefe und 1. Clemensbrief) entstanden, noch ob die
darin sich findenden neutestamentlichen Zitate bzw.
Parallelen bereits als Belege für die Existenz der
synoptischen Evangelienliteratur herangezogen werden dürfen.
Beides gilt auch für die Didache, die dem Matthäusevangelium
zwar sehr nahesteht, aber auffallenderweise nur dessen
Spruchgut kennt.
Jedenfalls bleibt festzuhalten, daß weder die Ignatianen,
der erste Clemensbrief, der Barnabasbrief, die Didache oder
andere frühchristliche Schriften, die Existenz der
synoptischen Evangelien, deren Namen sie nirgendwo erwähnen,
mit Sicherheit zu bezeugen vermögen[2].
Noch nicht einmal bei Justin in der Mitte des 2.
Jahrhunderts läßt sich eine Kenntnis der synoptischen
Evangelien nachweisen, auch wenn er offenbar eine Art
Evangelienliteratur gekannt hat, die als »Denkwürdigkeiten
der Apostel« zu seiner Zeit bereits im Gottesdienst verlesen
wurde[3].
Genaugenommen begegnen wir den synoptischen Evangelien
erstmals bei Irenäus gegen Ende des 2. Jahrhunderts[4].
Die fehlende bzw. äußerst problematische äußere Bezeugung
der Evangelien im 1. und in der ersten Hälfte des 2.
Jahrhunderts macht deutlich, daß es sich nicht empfiehlt,
bei der historischen Betrachtung der SynApk von vornherein
eine Entstehungszeit der synoptischen Evangelien in der
zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts zugrundezulegen. Dies
gilt zumal dann, wenn sich herausstellen sollte, daß die
SynApk nur mit Mühe in dem Prokrustesbett eines vorgegebenen
zeitlichen und historischen Bezugsrahmens untergebracht
werden kann und sich zahlreiche Widersprüche und Spannungen
ergeben, die nur durch Annahme späterer redaktioneller
Einfügungen ausgeglichen werden können.
Daher sollte es möglich und erlaubt sein, jenseits solcher
apriorischer chronologischer Festlegungen, sozusagen über
den Tellerrand des 1. Jahrhunderts hinauszublicken und zu
prüfen, inwieweit möglicherweise auch noch in späterer Zeit
eine historische Situation gefunden werden kann, die ein
adäquateres Verständnis des Textes ermöglicht.
Bevor ich jedoch zur Frage der Datierung der SynApk im
einzelnen komme, möchte ich zuvor ein paar notwendige
Anmerkungen über das Verhältnis des mt und mk Textes machen.
Bei einem unbefangenen Vergleich der beiden Kapitel Mt 24
und Mk 13 kann alsbald deutlich werden, daß der gegenwärtige
Konsens noch an einem anderen entscheidenden Punkt in Frage
gestellt werden muß, da es, wie wir noch sehen werden,
einige Beobachtungen gibt, die die herrschende Annahme, daß
es sich bei der mk Version der SynApk um die ältere und
ursprüngliche handele, keineswegs bestätigen.
Bei einem
Vergleich zwischen Mk 13 und Mt 24 ergeben sich die
folgenden augenfälligen Unterschiede:
(1) Mk
13,3/Mt 24,3:
Pe,troj kai. VIa,kwboj kai. VIwa,nnhj kai. VAndre,aj
anstatt oi` maqhtai....
(2) Mk
13,6/Mt 24,5: VEgw,
eivmi
statt
Egw, eivmi o` Cristo,j..
(3) Die
Jesuslogien Mk 13,9.11.12 stehen bei Matthäus an anderer
Stelle (10,17-21).
(4) Mk
13,9 fehlt das kai.
toi/j e;qnesin
der entsprechenden Mt-Stelle (10,18).
(5)
kai. eivj pa,nta ta.
e;qnh prw/ton dei/ khrucqh/nai to. euvagge,lion
steht bei Markus vor, bei Mt nach
o` de. u`pomei,naj eivj
te,loj ou-toj swqh,setai
(Mt 24,13 = Mk 13,13). Bei Lukas fehlt der Satz ganz.
Mt 24,14/Mk
13,10 10
euvagge,lion th/j basilei,aj
statt euvagge,lion.
(6) Das
prw/ton,
Mk 13,10, fehlt bei Mt 24,13.
(7) Bei
Mt folgt auf die Prophezeiung, daß das Evangelium in der
ganzen Welt verkündigt werden müsse, 24,13, die Ankündigung
des Endes: kai.
to,te h[xei to. te,loj.
Fehlt bei Markus 13,13.
(8) Bei
Mt 24,14 werden die Christen
u`po. pa,ntwn tw/n evqnw/n,
bei Mk 13,13 nur
u`po. pa,ntwn.
(9) Der
Abschnitt Mt 24,10-12 :
kai.
to,te skandalisqh,sontai polloi. kai. avllh,louj
paradw,sousin kai. mish,sousin avllh,louj\ kai. polloi.
yeudoprofh/tai evgerqh,sontai kai. planh,sousin pollou,j\
kai. dia. to. plhqunqh/nai th.n avnomi,an yugh,setai h`
avga,ph tw/n pollw/n
findet bei Markus keine Entsprechung.
(10) Der
»entsetzliche Greuel« 24,15 wird nach Mt durch den Propheten
Daniel prophezeit (to.
r`hqe.n dia. Danih.l tou/ profh,tou).
Mk 13,14 fehlt dieser Hinweis.
(11) Der
bde,lugma th/j
evrhmw,sewj
steht bei Mt 24,15 an »heiliger Stätte«,
evn to,pw| a`gi,w,
bei Markus 13,15 dagegen
o[pou ouv dei/.
(12a) Bei
Mt 13,20 ist h` fugh
das Subjekt von
ge,nhtai
Mk 13,18
fehlt der ausdrückliche Bezug auf die Flucht, statt dessen
heißt es unpersönlich:
proseu,cesqe de. i[na mh.
ge,nhtai ceimw/noj.
(12b) Mk
13,18 fehlt die Erwähnung des Sabbats nach Matthäus soll die
Flucht in die judäischen Berge möglichst weder im Winter
noch am Sabbat,
mhde. sabba,tw
(24,20), geschehen.
(13) Mk
13,19 avpV avrch/j
kti,sewj
statt avpV avrch/j
ko,smou.
Mt, 24,21.
Bei
Markus heißt es zudem tautologisch:
avpV avrch/j kti,sewj
statt avpV avrch/j
ko,smou.
(14)
13,20 ist bei Markus wiederum tautologisch von
tou.j evklektou.j ou]j
evxele,xato
die Rede; fehlt bei Mt.
(15) Der
Abschnitt Mt 26-28:
eva.n ou=n ei;pwsin u`mi/n( VIdou. evn th/| evrh,mw| evsti,n(
mh. evxe,lqhte\ VIdou. evn toi/j tamei,oij( mh. pisteu,shte\
w[sper ga.r h` avstraph. evxe,rcetai avpo. avnatolw/n kai.
fai,netai e[wj dusmw/n( ou[twj e;stai h` parousi,a tou/
ui`ou/ tou/ avnqrw,pou\o[pou eva.n h=| to. ptw/ma( evkei/
sunacqh,sontai oi` avetoi,
hat bei
Mk keine Entsprechung (vgl. Q 17,23-24)
(16) Mt
24,29: Euvqe,wj de.
meta. th.n qli/yin;
dagegen Markus 13:24:
meta. th.n qli/yin
evkei,nhn.
(17)
24,30: Das Zeichen des Menschensohnes
to. shmei/on tou/ ui`ou/
tou/ avnqrw,pou;
fehlt bei Mk ebenso wie der nachfolgende
(18)
Hinweis auf die Geschlechter der Erde, die bei der Ankunft
des Menschensohnes heulen werden:
kai. to,te ko,yontai pa/sai
ai` fulai. th/j gh/j.
Statt dessen heißt es bei Markus nur:
kai. to,te o;yontai to.n
ui`o.n tou/ avnqrw,pou evrco,menon evn nefe,laij meta.
duna,mewj pollh/j kai. do,xhj.
(19) Mt
24,36 fehlt die Erwähnung des Sohnes Mk 13,32:
o` ui`o,j.
(20) Der
Abschnitt 13,33-37 steht bei Mt wiederum an anderer Stelle (Mt
25,13,13.14,15b = Q 19,12-27 = Gleichnis von den
anvertrauten Talenten; 24,42 = Q 12,39-40 = Gleichnis vom
nächtlichen Einbrecher).
*
Die
Stellen:
(5) Mt :
to. euvagge,lion th/j
basilei,aj,
(9) Mt:
kai. dia. to.
plhqunqh/nai th.n avnomi,an,
(10) Mt:
to. r`hqe.n dia.
Danih.l tou/
profh,tou,
(11) Mt:
evn to,pw|
a`gi,w|,
(12b) Mt:
mhde.
sabba,tw,
(17) Mt:
to. shmei/on
tou/ ui`ou/ tou/ avnqrw,pou,
(18) Mt:
pa/sai ai` fulai. th/j gh/j
machen
deutlich, daß in der mt Fassung der SynApk verstärkt auf die
Anliegen judenchristlicher Leser Rücksicht genommen wird:
das Anwachsen der
avnomi,a
ist
judenchristlich-apokalyptischer Topos (vgl. Did 16,4); der
atl. Bezug auf den Propheten Daniel (siehe die
Reflexionszitate), Tempel und Sabbat gehören ebenso in
diesen Bereich wie das
to. euvagge,lion th/j
basilei,aj
und die Frage nach dem Zeichen des Menschensohnes (Näheres
s.u.). Auch die Rede vom Haß der Völker:
(4) Mt:
kai. toi/j e;qnesin,
(8) Mt:
u`po. pa,ntwn tw/n evqnw/n
könnte
auf jüdisches Erbe und insofern auf den judenchristlichen
Standpunkt des Verfassers[5]
(Jub 23,23) hinweisen.
Die
Frage: Hat Mk (für seine heidenchristliche Leserschaft[6])
gekürzt (indem er die judenchristlichen Elemente beseitigte)
oder hat Mt die Vorlage (für seine judenchristlichen Leser[7])
erweitert? müßte unentschieden bleiben, wenn nicht an
einigen Stellen ganz deutlich wäre, daß die markinische
Version die matthäische voraussetzt; das ist insbesondere
bei (6), (12a) und (18) der Fall. An diesen Stellen ist der
markinische Text ohne die Annahme einer Abhängigkeit vom
matthäischen nicht zu verstehen.
(6) Das
prw/ton,
13,10,
macht bei Markus keinen Sinn, da aus dem bisherigen
Zusammenhang des Textes nicht hervorgeht, worauf es sich
beziehen soll. Markus hatte sicherlich kaum sagen wollen, daß das
Evangelium vor den Christenverfolgungen, von denen 13,9 die
Rede ist, auf der ganzen Welt verbreitet werden müsse.
Eigentlich kann der Satz nur auf das der
Evangeliumsverkündigung folgende Ende,
te,loj,
bezogen werden. Davon ist 13,7 und 13,13 die Rede. Aber der
große Abstand läßt diesen Zusammenhang nicht mehr erkennen.
Daran wird deutlich, daß Markus seinen Blick auf eine
Vorlage richtete, in der—wie Mk
24,13-14—Evangeliumsverkündigung und Ende einen sinnvollen
Zusammenhang bildeten.
Der Vers
13,10 scheint also mit Blick und auf der Grundlage von Mt
24,14 zustandegekommen zu sein. Nur daß Mk, der ihn bildete,
es unterließ, den Halbvers
kai. to,te h[xei to. te,loj
mit zu übernehmen. Gleichwohl behielt Markus den Satz im
Geiste gegenwärtig. Daher das
prw/ton,
das jetzt zum verräterischen Indiz der Abhängigkeit des
Markus von der matthäischen Vorlage wird.
Mt 24: 13 Der Durchhaltende aber zum Ende,
dieser wird gerettet werden. 14 Und verkündet
werden wird dieses Evangelium des Königtums auf
dem ganzen Erdkreis zum Zeugnis allen Völkern,
und dann wird kommen das Ende
kai. to,te h[xei to. te,loj.
|
Mk
13:9 Seht aber ihr auf euch selbst; übergeben
werden sie euch in Synhedrien, und in Synagogen
werdet ihr geschunden werden, und vor
Statthalter und Könige werdet ihr gestellt
werden wegen meiner, zum Zeugnis ihnen.
13:10 Aber zu allen
Völkern muß zuerst verkündet werden das
Evangelium. |
(12a) Ein
Vergleich zwischen Mk 13,18 und Mt 24,20 macht deutlich, daß
Markus den matthäischen Text bzw. die ihm vorausgehende
Vorlage gekannt zu haben scheint; er konnte das dort
begegnende Subjekt von
i[na mh. ge,nhtai
=
h` fugh. u`mw/n
weglassen, weil er es offenbar stillschweigend voraussetzte.
Bei jenen (im Apparat von NA aufgeführten) markinischen
Textvarianten, die—wie Matthäus—eure Flucht lesen,
handelt es sich offenbar um einen Versuch, den markinischen
an den matthäischen Text anzugleichen.
Mt 24:15 Wann nun ihr seht ›den Greuel der
Verwüstung,‹ den angesprochenen durch Daniel,
den Propheten, stehend an heiligem Ort - der
Lesende soll begreifen -, 16 dann sollen die in
der Judaia fliehen in die Berge, 17 der auf dem
Dach soll nicht herabsteigen, wegzutragen die
(Dinge) aus seinem Haus, 18 und der auf dem
Acker soll nicht zurückkehren nach hinten,
wegzutragen sein Gewand.
19 Wehe aber den Schwangeren und den Säugenden
in jenen Tagen ! 20 Betet aber, damit nicht
geschehe eure Flucht winters und nicht am
Sabbat !
|
Mk 13:14 Wann aber ihr seht ›den Greuel der
Verwüstung‹ stehend, wo er nicht darf - der
Lesende soll begreifen -, dann sollen die in der
Judaia fliehen in die Berge,
15 der auf dem Dach [aber] soll nicht
herabsteigen und nicht hineingehen, wegzutragen
etwas aus seinem Haus, 16 und der auf dem Acker
soll nicht zurückkehren nach hinten, wegzutragen
sein Gewand.
17 Wehe aber den Schwangeren und den Säugenden
in jenen Tagen ! 18 Betet aber, damit
es nicht geschehe
winters; |
(18) Das
Subjekt des kai.
to,te o;yontai
(3.Pers.Pl.) bleibt bei Markus 13,26 unbestimmt. Da es kaum
auf die vorangehenden »Kräfte in den Himmeln«, 13,25, bezogen
werden kann, wird es in der Regel entweder unpersönlich
übersetzt oder aber (bereits mit Blick auf Matthäus) auf die
Menschen (bzw. »Stämme der Erde«) bezogen, von denen
aber bei Markus bisher gar nicht die Rede war.
Mt 24:29 Sogleich aber nach der Bedrängnis jener
Tage ›wird die Sonne verfinstert werden, und der
Mond wird nicht geben seinen Schein, und die
Sterne werden fallen‹ vom Himmel, ›und die
Kräfte der Himmel‹ werden erschüttert werden.
30 Und dann wird erscheinen das Zeichen des
Sohnes des Menschen am Himmel, und dann werden
trauern alle Stämme der Erde, und sie werden
sehen ›den Sohn des Menschen, kommend auf
den Wolken des Himmels‹ mit Kraft und viel
Herrlichkeit;
|
Mk 13:24 Doch in jenen Tagen nach jener
Bedrängnis ›wird die Sonne verfinstert werden,
und der Mond wird nicht geben seinen Schein, 25
und die Sterne werden sein‹ aus dem Himmel
›fallende, und die Kräfte in den Himmeln‹ werden
erschüttert werden.
26 Und dann werden sie
sehen
kai.
to,te o;yontai
›den Sohn des
Menschen, kommend in Wolken‹ mit viel Kraft ›und
Herrlichkeit.‹
|
Auch hier
wird deutlich, daß Mk die mt Version kannte. Das
kai. to,te ko,yontai pa/sai
ai` fulai. th/j gh/j
wurde
nicht etwa von Matthäus hinzugefügt, sondern von Markus
weggelassen. Vielleicht hatte die Rede von den bei der
Ankunft des Menschensohnes heulenden
fulai. th/j gh/j
für Markus einen allzu judenchristlichen Klang (s.u.).
Die an
(6), (12a) und (18) gemachten Beobachtungen bilden eine
solide Grundlage, von der aus die übrigen oben aufgeführten
Abweichungen zwischen Mk und Mt beurteilt werden können,
d.h. jene Abweichungen, die für sich allein nur schwer einen
sicheren Schluß auf die Richtung der Abhängigkeit zwischen
den Evangelisten voneinander zulassen würden.
(1)
erweist sich als Einfügung bzw. als redaktionelle Bildung
innerhalb des Mkev, das den betreffenden Jüngern auch
anderswo eine hervorgehobene Stellung zusichert (Mk 1,29;
3,17f; vgl. 5,37; 9,2; 10,35; 10,41; 14,33)[8].
(2) Hier
macht sich die auch sonst bei Mk zu beobachtende Tendenz
geltend, den mt Text verkürzend wiederzugeben, ohne daß im
Einzelfall die dogmatische Tendenz dieser Kürzung immer klar
erkennbar wäre (vgl. Mt 24,7 par; Mt 24,10-12; Mt 24,15 par;
Mt 24,26-28 par; Mt 24, 30 par).
(3) Die
Verse wurden nicht von Mt in einen anderen Kontext (Mt
10,17-21) transponiert, sondern von Mk in den ihm
vorliegenden Text (aus Q?)
eingefügt. Lk hat sich bei der Wiedergabe nicht an Mt,
sondern an Mk orientiert. Er ist Mk nur insofern nicht
gefolgt, als er 13,10 nicht übernahm.
In der
Tat wäre es m.E. ohnehin sehr schwierig, das Vorgehen des Mt
an dieser Stelle unter der Voraussetzung der
ausschließlichen Abhängigkeit von Mk zu erklären. Wenn es
auch vorstellbar wäre, daß er den bei Markus vorgefundenen
Abschnitt 13,9.11-23 in das 10. Kapitel seines Evangeliums
versetzt hätte, bliebe zu fragen, warum er
kai. khrucqh,setai tou/to
to. euvagge,lion th/j basilei,aj evn o[lh| th/| oivkoume,nh|
eivj martu,rion pa/sin toi/j e;qnesin
von Mk
übernahm. Mt 24,14 schließt den Gedankengang gut ab und
erweckt nicht den Eindruck, künstlich eingefügt worden zu
sein.
(4) reiht
sich zusammen mit (5), (8), (9), (10), (11), (12b), (17),
(18) in die Gruppe jener von Mk vorgenommenen Änderungen
ein, mit denen dieser das starke judenchristliche Kolorit
der Vorlage zu beseitigen und den Text für heidenchristliche
Leser annehmbar zu machen versuchte.
(7) Durch
die Umstellung von Mt 24,14 wurde die Streichung des
kai. to,te h[xei to. te,loj
erforderlich; bei Beibehaltung des Satzes wäre der
gedankliche Zusammenhang unterbrochen worden und der Blick
des Lesers hätte vom
te,loj
wieder
auf die Ereignisse davor gelenkt werden müssen.
(10),
(11) Viele Neutestamentler, die die Priorität des
Markus-Textes voraussetzen, gehen davon aus, daß Matthäus
Markus an dieser Stelle korrigiert habe. Nach Vielhauer habe
Markus mit seinem Appell an dieser Stelle unbedacht zu
erkennen gegeben, daß er aus einem schriftlichen Dokument
zitiere und trotz 13,5 keine wirkliche Rede Jesu wiedergebe.
Matthäus habe dann die »Mißlichkeit, daß Jesus seine Hörer
als Leser anredet«, bemerkt und durch Verweis auf das
Danielbuch »geschickt beseitigt«[9].
Diese
Erklärung ist m.E. bereits deswegen unwahrscheinlich, weil
die »Korrektur« des Matthäus allzu »geschickt« anmutet, um
noch als nachträgliche Verbesserung gelten zu können.
Auch
diese Stelle fügt sich vielmehr in die bereits beobachtete
Tendenz des Markus, das jüdische bzw. judenchristliche
Kolorit der Vorlage zu beseitigen. Offenbar verstand Mk den
Text ebenso wie Mt, meinte aber, den Hinweis auf den
Propheten Daniel seinen im AT und in den jüdischen
Eigenheiten weniger bewanderten Lesern ebenso ersparen zu
können wie die Erwähnung der »heiligen Stätte«, die er für
seine heidenchristliche Leserschaft, die an einer »heiligen
Stätte« kein Interesse hatte, durch den »Ort, wo er [der
»entsetzliche Greuel«] nicht sein darf«, ersetzte.
Durch die
von Markus vorgenommenen Änderungen ist der Text
mißverständlich geworden: der Appell »wer es liest, der
merke auf«, könnte sich jetzt auch auf den Leser des
Evangeliums beziehen und müßte dann in der Tat als Hinweis
auf eine von Markus verarbeitete schriftliche Vorlage
verstanden werden[10].
(13) Die
Änderung mit ihrem ausdrücklichen Insistieren auf dem
Schöpfergott erweckt den Eindruck, als hätte sich Markus
bereits mit Gnostikern auseinandergesetzt. Das ist (auch
aufgrund der m.E. wahrscheinlichen Datierung der Apokalypse)
in der Tat nicht auzuschließen[11].
(14)
Mißlungener Versuch, 13,20 rhetorisch »aufzuputzen«, in
Analogie zu (13), aber hier vollkommen sinnlos.
(15)
Kürzung ohne ersichtlichen Grund.
(16) In
dem Weglassen des
euvqe,wj
scheint sich eine gewisse Skepsis gegenüber dem von Mt bzw.
seiner Vorlage noch in Kürze »alsbald« erwarteten Weltende
zu spiegeln. Auch dies ein Indiz dafür, daß Mk den jüngeren
Text wiedergibt und bereits auf einen längeren Zeitraum nach
den 13,5-13 geschilderten (und inzwischen offenbar
eingetretenen) Vorzeichen des Endes zurückblicken kann (die
Aufstellung des
bde,lugma th/j evrhmw,sewj
scheint
für Markus bereits länger zurückzuliegen als für Mt).
»Wenn
Matthäus Jesus weissagen läßt, daß das Ende alsbald nach der
'greulichen Verwüstung' eintreten werde, so wird er hier
wiederum einen besseren Text der Weissagung als Markus
bewahrt haben, der wahrscheinlich schon die 'greuliche
Verwüstung' auf die Zerstörung Jerusalems bezog und so das
'alsbald' nicht mehr zu behaupten wagt. Matthäus gibt auch
hier ältere Elemente der Weissagung, ohne sie zu verstehen
weiter«[12].
(17) (18)
Das »Zeichen des Menschensohnes« weist auf judenchristliches
Milieu (siehe Offenbarung des Petrus 1, die darunter ebenso
wie die Elias-Apokalypse 32,2 das Kreuz versteht); dessen
Erwähnung konnte von dem für Heidenchristen schreibenden
Markus unbekümmert fortgelassen werden, ebenso wie der
Hinweis auf die bei der Ankunft des Menschensohnes
»heulenden« ai`
fulai. th/j gh/j,in
denen Heidenchristen sich womöglich sogar leicht selber
hätten erkennen können.
(19) Ob
die Einfügung des o`
ui`o,j,
erst auf Mk zurückgeht oder ob dieser bereits (nach einigen
guten Textzeugen) bei Mt stand, läßt sich nicht mehr
entscheiden.
(20) An
dieser Stelle läßt Markus Motive aus den in Q (bzw. Q)
breiter ausgeführten Gleichnissen anklingen.
Im Grunde
ist die Folgerung, daß es sich bei der matthäischen Version
der SynApk mit ihrer sehr viel stärkeren judenchristlichen
Prägung um die ursprünglichere handelt, auch insofern
konsequent, als die ganze Apokalypse nach Form und Inhalt
ohnehin in die judenchristliche Richtung weist[13].
Der mt Text mit seiner stärkeren Betonung der
judenchristlichen Elemente sollte der ursprünglichen
Herkunft der Apokalypse wohl a priori näherstehen als ein
solcher, in dem diese weithin fehlen. Der einzige Grund
dafür, daß sich die meisten ntl. Exegeten dieser Erkenntnis
bisher verschlossen haben[14],
lag und liegt offenbar nur darin, daß sie die eigentlichen
Abhängigkeitsverhältnisse aufgrund der ihnen wegen der
2-Quellen-Theorie von vornherein feststehenden
Markuspriorität nicht erkannten oder erkennen wollten.
Dabei
nötigte die Erkenntnis der Abhängigkeit des Markus von Mt an
dieser einen Stelle ja noch keinesfalls zur Revision der 2
Quellen Theorie bzw. zur Anerkennung einer durchgehenden
Mt-Priorität. Wie schon Bousset vermutete, ist es ja
durchaus möglich, daß Matthäus neben seinem Markusevangelium
(und Q) auch noch eine weitere Quelle besessen haben kann,
aus der er gemeinsam mit Mk die SynApk schöpfte, und zwar in
ursprünglicherer Form als dieser.
III.
Abgrenzung der SynApk
Schon
seit langem ist erkannt, daß Mt 24 bzw. Mk 13 eine von den
Evangelisten übernommene und bearbeitete Vorlage (SynApk)
zugrundeliegt. Auch wenn über Umfang, Gestalt und Abgrenzung
dieser Vorlage bisher keine Einigung erzielt werden konnte,
kann diese Annahme, wie noch gezeigt werden wird, als gut
begründet gelten.
Nach dem
oben Gesagten ist allerdings klar, daß die ursprüngliche
Form der SynApk nicht, wie von den meisten Exegeten, auf der
Basis des mk, sondern des mt Textes rekonstruiert werden muß.
a) Einem
ersten Hinweis begegnen wir Mt 24,3. Obschon Anlaß und
Ausgangspunkt für die Frage der Jünger im Zusammenhang des
Evangeliums die von Jesus angekündigte Zerstörung des
Tempels ist, geht es in der Antwort Jesu nicht mehr um den
Zeitpunkt der Tempelzerstörung, sondern allgemein um das
»Zeichen der Ankunft« (24,3).
Bei Mk
ist der Bruch noch deutlicher als bei Mt 13,4. Dort lautet
die Frage der Jünger an Jesus: »Sage uns, wann wird das
sein, und welches ist das Zeichen, wenn dieses alles sein
Ende finden soll?«
Da bisher
nur von der Zerstörung des Tempels die Rede war, kommt die
Bemerkung, daß »dieses alles sein Ende finden soll« (Mt
24,3: »des Endes des Äons«) unerwartet. Es wird deutlich,
daß ein Gefälle besteht zwischen dem Tempelwort Jesu, das
nur von der Zerstörung des Tempels sprach, und der in seiner
Vorlage stehenden Beschreibung einer großen Weltkatastrophe.
»Das Weissagungswort Jesu und die folgende kleine
Apokalypse, in der es uns schwer fallen wird, das Moment von
der Zerstörung des Tempels überhaupt wieder zu entdecken,
gehörten ursprünglich gar nicht zusammen«[15].
Auch
Theißen stellt mit Blick auf das Verhältnis Mk 13,1-4 und
13,5ff fest, daß die Antwort Jesu »nirgendwo eindeutig auf
den Tempel Bezug« nimmt[16].
Er wendet sich gegen Lührmann, Sowers, Gunther und andere,
die den »Greuel der Verwüstung« auf die Zerstörung des
Tempels im Jahre 70 beziehen: sei es dadurch, daß sie diesen
auf die Wahl des Hohenpriesters durch die Zeloten deuten
oder auf das Erscheinen des römischen Heeres unter Cestius
Gallus auf dem Skoposberg im Jahre 66 oder auf die
Feldzeichen der römischen Soldaten im Tempel nach dessen
Eroberung usw. Allen diesen Versuchen hält Theißen entgegen,
daß »das Stichwort
bde,lugma
(Greuel) im Alten Testament meist mit Götzendienst
verbunden« sei, also »einen frevelhaften Akt des Menschen«
bezeichne. Da das Gericht über Jerusalem im Vorangehenden
jedoch als Gericht Gottes gedacht worden sei (vgl. Mk 12,9),
läge darin nach Theißen ein unaufhebbarer Widerspruch.
Das mag
zutreffen. Abgesehen davon gibt es aber auch noch andere
schwerwiegende Gründe, die es nicht zulassen, den
»entsetzlichen Greuel« mit den Ereignissen um 70 zu
verbinden. Wir werden darauf an anderer Stelle zurückkommen,
wenn wir eingehender nach der Bedeutung des Begriffs fragen.
Lukas, der, wie wir noch sehen werden, diese Verbindung
tatsächlich (als erster) vollzogen hat und die Mk 13
berichteten Ereignisse auf die Tempelzerstörung bezieht, hat
dies erkannt und ihn weggelassen bzw. uminterpretiert! Aus
dem »Greuel der Verwüstung« ist bei ihm die »Verwüstung« der
Stadt Jerusalem geworden (21,13). Das zeigt klar, daß der
»Greuel der Verwüstung« für Lukas als ein Phänomen, das mit
der Tempelzerstörung im Jahre 70 zusammenhing, unbekannt
war.
Insgesamt
ist also deutlich, daß keine ursprüngliche inhaltliche
Beziehung zwischen 24,1-2 und 24,3f besteht, sondern daß
diese erst nachträglich vom Evangelisten hergestellt wurde.
Mt 24,3ff (ab ti,
to. shmei/on th/j sh/j parousi,aj kai. suntelei,aj tou/
aivw/nojÈ)
bildet den Anfang einer selbständigen literarischen Einheit.
b) Einen
weiteren deutlichen Hinweis darauf, daß wir Kap. 24 eine vom
Evangelisten bearbeitete Tradition vorliegen haben, erhalten
wir in 24,15. Der Satz: »Wenn ihr aber den 'entsetzlichen
Greuel' aufgerichtet seht« (2. Pers.Pl.) wird
eigenartigerweise in der 3. Pers.Pl. fortgesetzt: »dann
sollen die in Judäa in die Berge fliehen« (24,16).
Im
Hinblick auf das Markusevangelium heißt es bei Bousset: »Das
ist ein Zeichen, daß diese Weissagung ursprünglich nicht auf
die Leser des Markus berechnet war, sondern auf die Leute in
Judäa. Sie ist also in Palästina entstanden und von Markus
erst übernommen worden«[17].
c) Als
weiterer Beleg für das Vorhandensein einer vom Evangelisten
übernommenen Vorlage wird häufig noch auf eine andere, an Mk
13,14 zu machende Beobachtung verwiesen, die freilich für
uns als Argument schon deswegen ausscheidet, weil, wie wir
erkannt haben, der markinische Text sich im Vergleich mit
dem matthäischen als sekundär erwiesen hat.
Obschon
Markus voraussetzt, daß es sich 13ff um eine Rede Jesu
handelt, spricht dieser in diesem Vers überraschenderweise
den Leser an: »Wer es liest, der merke auf!« Daraus soll
nach Meinung vieler Ausleger hervorgehen, daß Markus eine
schriftliche Vorlage besaß, die noch nicht als Rede, sondern
als Schrift konzipiert war.
Wie wir
oben gesehen haben, kann ein Vergleich mit der
entsprechenden Stelle bei Mt 24,15 zeigen, daß der
unvermutete Appell an den Leser von Markus offenbar ganz
anders gemeint war, als die Ausleger vermuten. Dadurch, daß
Matthäus—anders als Markus—den Hinweis auf den »Greuel der
Verwüstung« mit der Bemerkung »von dem durch den Propheten
Daniel geredet worden ist«, versieht, zeigt er, wie er den
Appell an den Leser verstanden wissen will: Er bezieht sich
nicht auf den Leser der Apokalypse, sondern auf den des
Danielbuches!
Es ist
also davon auszugehen, daß Markus den Appell an den Leser
13,14 ebenso wie Matthäus verstand, aber den Hinweis auf
Daniel mit Rücksicht auf die heidenchristlichen Leser
wegließ.
d)
Während die SynApk als unabhängiges Traditionsstück nach
vorn relativ sicher abgegrenzt werden kann, ergeben sich
Schwierigkeiten bei der Bestimmung des Endes. Wie ein
Vergleich mit der Offenbarung des Petrus deutlich machen
wird, ist damit zu rechnen, daß der von Markus übernommene
Abschnitt auch das Feigenbaumgleichnis enthielt und
mindestens bis 24,34 reichte. Die Mahnung: »Amen, ich sage
euch: Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis dies alles
geschieht« paßt nach Form und Inhalt gut zum prophetischen
Stil des Bisherigen. Während das »Amen-Wort« das Gesagte gut
abrundet und (gleichsam als Legitimation) noch einmal die
prophetische Vollmacht des Sprechers anzeigt, schärft der
Hinweis darauf, daß die Hörer das Angekündigte noch selber
erleben werden, wiederum den Ernst der Situation ein. Sie
unterstreicht die Notwendigkeit, die vom Verfasser der
Apokalypse angedeuteten Zeichen der Zeit ernst zu nehmen und
seine Forderungen in aller Radikalität (einschließlich
Flucht) auf sich (»dieses Geschlecht«) zu beziehen.
Wenn es
sich bei der SynApk um eine selbständige literarische
Einheit handelt, stellt sich die Frage nach Funktion und
Sinn jenseits ihres jetzigen Kontextes, d.h. nach ihrem
»Sitz im Leben«. Die gängige Auffassung geht dahin, daß wir
es hierbei mit einem »apokalyptischen Flugblatt« zu tun
haben, das dann von Markus aufgenommen und verarbeitet wurde[18].
Trotz
mancher Kritik scheint der Begriff insofern passend, als die
Apokalypse nicht nur eine im Großen und Ganzen zweckfreie
Darstellung der Zeichen der Endzeit geben will, sondern eine
ganz bestimmte Situation im Blick hat; sie ist, wie Schoeps
es treffend ausgedrückt hat, eine »Warnung in allerletzter
Stunde«[19],
in die sie wie ein richtiges Flugblatt eingreifen und die
Leser zu einer konkreten Aktion, der Flucht in die
judäischen Berge, veranlassen will.
Von
Hegesipp wissen wir[20],
daß die Flucht der jerusalemischen Gemeinde nach Pella
unmittelbar vor dem Jüdischen Krieg durch eine Prophezeiung
veranlaßt sein soll. Auch hier scheint also die Existenz
einer selbständig umlaufenden (vermutlich schriftlichen)
Prophezeiung vorausgesetzt zu werden, die dann zum Signal
für die Flucht der Gemeinde aus Jerusalem wurde.
Es kann
nicht verwundern, daß einige Forscher die Prophezeiung, von
der Hegesipp spricht, mit der SynApk identifizieren[21].
Daß eine eine solche Annahme allerdings auf einer falschen
Einschätzung der Entstehungszeit der SynApk beruht, wird
unten noch deutlicher werden.
IV.
SynApk und Petrusapokalypse
Bekanntlich begegnen wir einer Reihe von Zitaten aus der
SynApk in der sog. »Offenbarung des Petrus« (äth.)[22].
Daraus
wird zwar vielfach geschlossen wird, daß der Verfasser der
Petrusapokalypse Mt und Lk benutzt habe, aber das ist eine
unbewiesene Annahme. Es muß nämlich auffallen, daß in dem
Gespräch der Jünger mit Jesus auf dem Ölberg im 1. Kapitel
der Petrusapokalypse kein Bezug auf die Tempelzerstörung
genommen wird, wie in den synoptischen Evangelien. Statt:
»Sage uns, wann wird das [Tempelzerstörung] geschehen usw.«
(Mt 24,3), wird die Rede Jesu mit der Frage der Jünger
eingeleitet: »Tue uns kund, was die Zeichen deiner Parusie
und des Endes der Welt sind, damit wir erkennen und
merken...« Ich sehe darin einen Hinweis, daß auch der
Verfasser der Petrusapokalypse seinen Text nicht im Kontext
eines synoptischen Evangeliums, sondern als selbständig
überlieferten Text vor sich liegen hatte. Er bestätigt damit
zugleich die These, daß es tatsächlich eine von den
Synoptikern unabhängige Quelle gab und daß diese offensichlich auch vom Verfasser der Petrusapokalypse
benutzt wurde. Wenn der Verfasser der Apokalypse den von ihm
übernommenen Abschnitt im Kontext eines der synoptischen
Evangelien kennengelernt hätte, wäre gewiß auch das dort eng
mit der Apokalypse verbundene Motiv der Tempelzerstörung mit
überliefert worden.
Die
Tatsache, daß die verwendeten Zitate eine dem Mt (und nicht
dem Mk!) nahestehende Textform aufweisen, könnte übrigens
zusätzlich zeigen, daß tatsächlich der mt (und nicht der mk)
Text dem ursprünglichen Text der Apokalypse am nächsten
steht. Damit soll gewiß nicht gesagt sein, daß die
Petrusapokalypse den ursprünglichen Text repräsentiert. Das
ist schon allein deswegen nicht möglich, weil sie selber
eine Reihe von literarischen Spannugen (z.B. der auffällige
Wechsel von den »Seinigen« zum »wir« gleich im ersten Satz
des 1. Kapitels) aufweist, die deutlich zeigen, daß der
Verfasser die Apokalypse (und evt. andere, den Evangelien
nahestehende Texte) als Quelle benutzt hat. Gleichwohl
spricht m.E. prinzipiell nichts dagegen, bei der
Interpretation, Rekonstruktion und Datierung der SynApk auch
die Petrusapokalypse als weiteren, von den Synoptikern
unabhängigen Text mit heranzuziehen.
Auf einen
bisher noch gar nicht behandelten Gesichtspunkt, an dem mir
besonders gelegen ist und der für mich den Ausgangspunkt
meiner Überlegungen zum ganzen Thema bildete, möchte ich in
diesem Zusammenhang vor allem hinweisen.
In Kap. 2
der Offenbarung des Petrus ist im Zusammenhang mit dem
Feigenbaumgleichnis von einem »lügnerischen Christus« die
Rede, der die Christen verfolgt.
Wahrlich, ich sage dir,
wenn seine Zweige getrieben haben am Ende, werden
lügnerische Christusse kommen und die Hoffnung erwecken
mit den Worten: Ich bin Christus, der ich einst in die
Welt gekommen bin. Und wenn sie die Bosheit seines je
des falschen Christus Tuns sehen, werden sie sich
abwenden hinter ihnen her und den verleugnen, dem unsere
Väter Lobpreis sagten, die den ersten Christus
kreuzigten und damit schwer sündigten. Dieser
Lügnerische ist aber nicht Christus. Und wenn sie
ihn verschmähen, wird er mit Schwertern Dolchen morden,
und es wird viele Märtyrer geben. Alsdann werden die
Zweige des Feigenbaums, d. h. des Hauses Israels,
treiben, allein es werden viele durch seine Hand
Märtyrer werden, sie werden sterben und Märtyrer werden.
Weinel bemerkt dazu, daß
die Stelle eine »ganz genaue Zeitbestimmung« zuläßt: »denn
sie kennt einen Antichrist aus dem jüdischen Volk, der die
Christen verfolgt und zu Märtyrern macht. Das war nach 70
nur einmal, dem Barkochba möglich. Danach würde unser Buch
ungefähr in das Jahr 135 gehören«[23].
Dieser
auch von Alon[24]
und Abramsky[25]
sowie anderen vertretenen (und nur von Schäfer[26]
mit schwachen Gründen bestrittene) Auffassung besteht m.E.
zu Recht. Tatsächlich nehmen das 1. und das 2. Kapitel auf
die Ereignisse zur Zeit des Bar Kokhba mit den von Justin[27]
und Eusebius[28]
bezeugten christlichen Martyrien Bezug. »Dieser Lügnerische«
(! Sg.) ist dann natürlich kein anderer als Bar Kokhba
selber, der in der jüdischen Tradition als Bar Koziba
(Lügensohn) weiterlebte.
Natürlich
ist mit der (allgemein akzeptierten) Datierung der
Petrusapokalypse noch keineswegs ein Urteil über das
Entstehungsdatum der von ihr offenkundig benutzten SynApk
gesprochen, zumal in der letzteren (anders als in den
Evangelien) kein direkter Zusammenhang zwischen dem
Lügenmessias und der Verfolgungssituation hergestellt wird.
Immerhin könnten die auffälligen Parallelen aber als Anlaß
zu einer Überprüfung der bisher allzu selbstverständlich
angenommenen Datierung im ersten Jahrhundert und als
Anregung, die synoptische Apokalypse vor den
zeitgeschichtlichen Ereignissen des 2. Jahrhunderts zu
verstehen, gesehen werden.
Tatsächlich läßt sich m.E. bei näherer Betrachtung zeigen,
daß
a) nicht
nur die übliche Datierung der SynApk in die Zeit der sog.
»Caligula-Krise« im Jahre 40 bzw. die These, diese sei in
der Zeit des Jüdischen Krieges 70 noch einmal aktualisiert
worden, unhaltbar ist, sondern
b) allein
die Datierung in die Zeit des 2. Jüdischen Krieges, d.h. in
die Zeit des Bar Kokhba 132-135, historisch angemessen ist.
V. Die
synoptische Apokalypse als Dokument aus der Zeit der
»Caligula-Krise« (37-41)?
Die
(erstmals von Hölscher aufgestellte) These, die SynApk
stamme ursprünglich aus der Zeit der »Caligula-Krise«, wurde
m.W. bisher am umfassendsten und gründlichsten von Theißen
begründet[29].
Gegen
alle Versuche, die SynApk im ersten Jahrhundert zu datieren,
spricht die Tatsache, daß es bisher nicht gelungen ist, die
charakteristische Verbindung der einzelnen Motive der SynApk
in ihrer Gesamtheit (ob bei Mt oder Mk ist an dieser Stelle
relativ unwichtig) aufrechtzuerhalten:
(1)
Falsche Messiasse (Pl.!):
polloi. ga.r evleu,sontai
evpi. tw/| ovno,mati, mou le,gontej(VEgw, eivmi o` Cristo,j
(Mt 24,5 par);
(2)
Kriege und Kriegsgerüchte: :
mellh,sete de. avkou,ein
pole,mouj kai. avkoa.j pole,mwn
(Mt 24,6 par);
(3) Volk
gegen Volk, Reich gegen Reich: :
evgerqh,setai ga.r e;qnoj
evpi. e;qnoj kai. basilei,a evpi. basilei,an
(Mt 24,7 par);
(4) Hungersnöte:
kai. e;sontai
limoi
(Mt 24,7 par);
(5) Erdbeben:
kai. seismoi.
kata. to,pouj
(Mt 24,7 par);
(6) Verfolgungen:
to,te
paradw,sousin u`ma/j eivj qli/yin kai. avpoktenou/sin u`ma/j
(24,9);
(7)
Verrat: to,te
skandalisqh,sontai polloi. kai. avllh,louj paradw,sousin
kai. mish,sousin avllh,louj
(Mt 24,10 par);
(8)
Verkündigung des Evangeliums in der ganzen Welt:
kai. khrucqh,setai tou/to
to. euvagge,lion th/j basilei,aj evn o[lh| th/| oivkoume,nh|
(24,14 par);
(9)
»entsetzlicher Greuel«:
to. bde,lugma th/j
evrhmw,sewj
(Mt 24,15
par);
(10) der
Prophet Daniel: to.
r`hqe.n dia. Danih.l tou/ profh,tou
(Mt 24,15);
(11)
Winter: proseu,cesqe
de. i[na mh. ge,nhtai h` fugh. u`mw/n ceimw/noj
(Mt 24,20 par);
(12)
Verführung durch Zeichen und Wunder des falschen Christus: :
evgerqh,sontai ga.r
yeudo,cristoi kai. yeudoprofh/tai kai. dw,sousin shmei/a
mega,la kai. te,rata w[ste planh/sai( eiv dunato,n( kai.
tou.j evklektou,j
(Mt 24,24
par).
Bisher
sahen sich die meisten Exegeten immer wieder genötigt, zur
Rettung ihrer These im ganzen einzelne Motive aus dem
Gesamtgefüge herauszubrechen und als spätere redaktionelle
Ergänzungen zu behandeln oder aber einzelne Verse gewaltsam
in die von ihnen postulierte historische Situation der
Caligula-Krise hineinzupressen, anstatt sie umgekehrt
zwanglos daraus zu erklären. Zwar vertritt auch Theißen den
guten Grundsatz: »Je weniger Textteile unter keinen
Umständen in die angenommene Situation passen und als
sekundär ausgeschieden werden müssen, um so besser!«[30]
Und doch sieht auch er selber sich an verschiedenen Stellen
seiner Untersuchung dazu veranlaßt, dagegen zu verstoßen.
So z.B.
gelingt es ihm im Hinblick auf (1) nicht, plausibel zu
machen, daß es (außer dem von ihm genannten, offenbar seit
ca. 36 n.Chr. öffentlich wirksamen Simon Magus) auch noch
andere »Verführer« gab, die in der Zeit zwischen 36-41, der
vermuteten Entstehungszeit der SynApk, mit dem Anspruch
VEgw, eivmi
auftraten und somit den Pluralgebrauch
polloi
Mt 24,5 par rechtfertigten. Dabei gibt uns Josephus sowohl
in seinen »Altertümern« als auch seinem »Jüdischen Krieg«
eine ausführliche Übersicht über die in der ersten Hälfte
des 1. Jahrhunderts auftretenden Pseudopropheten, die nach
Theißen theoretisch an dieser Stelle gemeint sein könnten;
alle treten abgesehen von Simon Magus erst später auf, d.h.
nach 41 (so z.B. Theudas oder der sog. Ägypter).
Theißen
selber registriert dieses Manko seiner Argumentation[31],
hält es aber für nicht entscheidend. Im übrigen sei es
seiner Meinung nach sehr wohl möglich, daß erst Markus 13,5
»im Rückblick auf viele Irrlehrer und Propheten diese
Einleitung formuliert« habe.
Man wird
also festhalten müssen, daß die Existenz von »vielen«
Pseudomessiassen, von denen sowohl Matthäus als auch Markus
sprechen, von Theißen nur postuliert, nicht aber anhand von
Quellen belegt werden kann.
Grundsätzlich wäre noch zu fragen, ob die Stelle Mk 13,6
überhaupt von (christlichen) Pseudopropheten spricht, die im
Stile des Simon Magus auftraten (wie Theißen meint), oder ob
damit nicht wirkliche Messiasprätendenten gemeint sind. Denn
erstens unterscheiden sowohl Mk als auch Mt die falschen
Messiasse deutlich von den falschen Propheten und grenzen
diese von jenen ab (24,11.24; Mk 13,22). Außerdem sagen die
»Verführer« (in der älteren mt Version) von sich nicht: »Ich
bin's«, sondern »Ich bin der Christus« = »Ich bin der
Messias«. Die von Theißen zitierten Pseudopropheten bei
Celsus[32]
dagegen proklamieren sich als »Gott« oder »Sohn Gottes«,
aber nicht als Messiasse. Das ist ein von Theißen nicht
beachteter entscheidender Unterschied, der ebenfalls gegen
seine These einer Datierung der Apokalypse um 40 n. Chr.
spricht. Denn Männer, die mit messianischem Anspruch in die
Öffentlichkeit traten, sind in der Zeit zwischen 36-41 noch
unbekannt und scheinen erst mit dem Beginn des ersten
Jüdischen Krieges aufgetreten zu sein (s.u.). Theißen kann
sich für Mk 13,5.6 aus diesem Grunde m.E. noch nicht einmal
auf Simon Magus berufen.
Auch im
Hinblick auf (2) will es Theißen nicht recht gelingen, den
Plural pole,mouj
zu
erklären. Theißen erkennt dieses Manko wohl und weist darum
außer dem von ihm zitierten nabatäischen Krieg auf Kriege
zwischen den parthischen Thronprätendenten sowie auf die
Einsetzung eines römischen Klientelkönigs in Armenien hin,
die offenbar von Unruhen begleitet wurden[33].
Aber daß diese fernliegenden Ereignisse auf Palästina
ausgestrahlt und die Menschen dort beunruhigt hätten, ist
sehr unwahrscheinlich und läßt sich den Quellen, z.B.
Josephus, keineswegs entnehmen.
Aber auch
der nur ein Jahr andauernde nabatäische Krieg 36-37 scheint
von Theißen sowohl in seiner Dimension als auch in seiner
Wirkung auf die jüdische Bevölkerung maßlos überschätzt zu
werden. Bousset faßt den Einduck, den das vom Verfasser
entworfene apokalyptische Szenario beim Leser hinterläßt,
richtig zusammen: »Ein allgemeiner Weltkrieg soll dem Ende
vorausgehen«[34].
Bei dem nabatäischen Krieg handelte es sich keineswegs um
einen das jüdische Volk in seiner Existenz bedrohenden
»Weltkrieg«, um »internationale Kriege«[35],
sondern um ein lokal begrenztes militärisches Geplänkel von
geringer Bedeutung, das bezeichnenderweise in den jüdischen
Quellen keinen nennenswerten Niederschlag gefunden hat.
Auch im
Hinblick auf (6), d.h. den Nachweis von Christenverfolgungen
in dem betreffenden Zeitraum, hat Theißen Mühe, seine These
zu begründen. Er nimmt daher zunächst an, daß der Abschnitt
Mk 13,9-13 »erst später in den vorliegenden Zusammenhang
eingefügt worden sein« dürfte[36]
und daß darin auf eine Christenverfolgung in Syrien zwischen
66-76 angespielt werde[37].
Dazu s.u.
In dem
Fall, daß der Abschnitt doch zur Tradition gehören sollte,
vermutet Theißen einen Zusammenhang mit der Verfolgung der
hellenistischen Gemeinde in Jerusalem und der Steinigung des
Stephanus, nach der die Gemeinde aus der Stadt vertrieben
wurde. Auch auf die Apg 9,24ff (2 Kor 11,32f) berichtete
Verfolgung der Christen in Damaskus, in der Paulus vom
Verfolger zum Verfolgten wurde, wird verwiesen.
Auf die
in der SynApk beschriebene Situation mit gegenseitigem
Verrat der Familienmitglieder, mit gegenseitiger Anzeige und
Auslieferung passen die in der Apostelgeschichte berichteten
Verfolgungen in der Anfangszeit des Christentums jedoch
keinesfalls (auch abgesehen davon, daß Lukas von dieser
Urgemeinde an anderer Stelle noch sagen kann, daß sie zu
dieser Zeit »ein Herz und eine Seele«, Apg 4,32, gewesen
sei).
Markus
spricht in dem von Theißen zugrundegelegten Text der
Apokalypse 13,9 von Prügelstrafen, die Christen vor den
»Synhedrien« (Pl.!) erleiden, was, wie Grundmann[38]
mit Recht feststellt, Verhältnisse voraussetzt, die in die
Diaspora weisen. Damit kann in keinem Fall die Verfolgung
der Jerusalemer Christen gemeint sein, allenfalls käme die
Christenverfolgung in Damaskus in Frage. Es gibt jedoch
keinerlei Quellen, die über Damaskus hinaus von einer
Christenverfolgung in der Diaspora zu dieser frühen Zeit
wissen.
Legt man
den mt Text zugrunde, so wird ebenfalls deutlich, daß die in
der SynApk beschriebene Verfolgungssituation bereits
universale Dimensionen hat. Christen scheinen von Juden wie
von Heiden (»von allen Völkern«, Mt 24,9) gleichermaßen der
Verfolgung ausgesetzt zu sein. Die hier zugrundegelegte
weltweite Ausbreitung des Christentums darf aber in den
dreißiger bzw. vierziger Jahren des 1. Jahrhunderts noch
keineswegs vorausgesetzt werden. Wenn es weiter heißt, daß
die Verfolgungen um des bloßen christlichen »Namens willen«
(Mt 24,9) geschehen, so weist dies, wie wir unten noch sehen
werden, vielmehr auf eine Situation, wie wir sie in aus den
Berichten der Apologeten über Christenverfolgungen in der
ersten Hälfte des 2. Jahrhunderts (oder in dem Brief des
Plinius an Trajan) kennen.
Dem
entspricht, daß (8) von der Verkündigung des Evangeliums in
der ganzen Welt (24,14 par) ausgeht, was ebenfalls nicht gut
in die Anfangszeit des Christentums paßt. Auch an dieser
Stelle sieht sich Theißen (und mit ihm viele andere
Neutestamentler) gegen seinen oben zitierten Grundsatz
wieder einmal genötigt, eine spätere redaktionelle Ergänzung
anzunehmen[39].
Dagegen
scheint (9) der »Greuel der Verwüstung« von Theißen
historisch gut durch die sog. Caligula-Krise, d.h. die vom
römischen Kaiser Caligula geplante und durch seinen frühen
Tod am 24.1.41 verhinderte Aufstellung des Kaiserbildes im
Jerusalemer Tempel, erklärt werden zu können. Aber auch hier
sind Zweifel angebracht. Die Errichtung des Greuels ist,
wie wir von Josephus und Philo wissen, zwar von Caligula
geplant, aber nie verwirklicht worden.
Dagegen
scheint Mk 13,14 par eher darauf hinzudeuten, daß es sich
bei dem angekündigten Ereignis um ein vaticinium ex
eventu handelt, auf das der Verfasser der Apokalypse
rückblickend Bezug nimmt. Dieser scheint bereits sicher zu
wissen, daß der »Greuel der Verwüstung« »an heiligem Ort«,
d.h. dort, wo der ehemalige Tempel stand, errichtet wurde.
Sonst hätte er sich kaum 24,23 so sicher festlegen können:
ivdou. w-de o`
cristo,j.
Seine einzige Sorge besteht darin, daß der Leser die
inzwischen eingetretenen Ereignisse nicht richtig, d.h. als
endzeitliche Ereignisse, vor dem Hintergrund der Weissagung
des Danielbuches verstehen könnte. Daher der nachdrückliche
Appell zur Flucht (Mt 24,15)[40].
(11) Die
ausdrückliche Bitte, daß die Flucht nicht in den Winter
fallen möge (Mt 24,20 par), ergibt nur einen Sinn, wenn man
die Chronologie des Josephus voraussetzt und annimmt, daß
die Tempelentweihung etwa in den Monaten Oktober/November 40
drohte.
Unter
Zugrundelegung der philonischen Chronologie ergeben sich
dagegen Schwierigkeiten. Nach Philo fielen die Verhandlungen
mit Gaius ins Frühjahr, so daß die Errichtung des »Greuels
der Verwüstung« im Mai bzw. den folgenden Sommermonaten
bevorgestanden hätte. Die Bitte, daß die mit der
Tempelentweihung unmittelbar zusammenhängende Flucht nicht
in den Winter fallen möge, wäre unter diesen Umständen
deplaziert. Mit dem Hinweis, daß der Winter »in beiden
Fällen« unaufhaltsam näher rückte[41],
läßt sich das Mißverhältnis zwischen Mk 13,18 und
philonischer Chronologie wohl kaum beseitigen. Daß der
Winter bereits im Mai »unaufhaltsam näher rückt«, ist nur in
dem Sinne zutreffend, wie die Aussage, daß jeder Mensch
einmal sterben muß, allgemein gültig ist.
Auch
gegen die von Theißen und anderen Neutestamentlern
vorgetragene Annahme einer Adaption bzw. »Aktualisierung«[42]
und Neuinterpretation der aus dem Jahre 40 stammenden SynApk
vor dem Hintergrund des ersten Jüdischen Krieges um 70
erheben sich m.E. erhebliche Bedenken.
a) Nach
Theißen spiegeln sich in dem Abschnitt 13,9-13 »Erfahrungen,
wie sie syrische Christen in der Zeit von ca. 66-76 n.Chr.
machen konnten«[43].
Sein Hauptbeleg für diese These ist Bell 2,461-464, wo von
»Judaisierern« (tou.j
ivoudai<zontaj)
die Rede ist, die mit den verfolgten Juden in Verbindung
stehen und von der syrischen Stadtbevölkerung »wie Feinde«
gefürchtet werden.
Mit der
in 13,9-13 dargestellten Situation, wie Theißen sie treffend
beschreibt (»Bedrängnis von allen Seiten [13,13],
gegenseitiger Verrat von Familienmitgliedern [13,12],
Verhöre vor jüdischen und heidnischen Instanzen [13,9], aber
auch die Gewißheit einer Verbreitung des Evangeliums in
allen Verfolgungen«[44]),
haben die bei Josephus geschilderten Verhältnisse freilich
wenig zu tun. Wenn man wie Theißen (mit Recht) davon
ausgeht, daß es sich bei den in der SynApk dargestellten
Verhältnissen nicht nur um apokalyptische Topoi handelt,
sondern um den Reflex historischer Wirklichkeit, sollten die
zeitgeschichtlichen Bezüge deutlicher sein.
Was trotz
Josephus nicht plausibel gemacht werden kann, ist vor allem,
daß in dem besagten Zeitraum Verfolgungen von Christen mit
a)
überregionalem Charakter stattgefunden haben, an denen
b)
sowohl Juden als auch Heiden beteiligt waren. Die
Verfolgungen, von denen in der SynApk die Rede ist,
beschränkten sich offenbar nicht nur auf ein bestimmtes
geographisches Gebiet (Syrien), wie insbesondere Mt (24,9:
»ihr werdet gehaßt werden um meines Namens willen von allen
Völkern«) zeigt (indirekt auch Mk 13,9; 10). Außerdem werden
die bei Josephus erwähnten »Christen«, sofern es sich bei
den »Judaiserern« überhaupt um solche handelt, was nicht
beweisbar ist, von syrischen Polisbewohnern bedroht, nicht
zugleich auch von Juden. Aber auch von der Stadtbevölkerung
werden sie nicht eigentlich verfolgt und getötet, sondern
nur, wie Josephus ausdrücklich sagt, »wie Feinde«
gefürchtet. Kurzum: die von Theißen als Beleg für seine
These beigebrachte Josephusstelle, die von Judenprogromen in
Syrien berichtet, hat mit den in der SynApk angekündigten
Christenverfolgungen nicht das Geringste zu tun.
b)
Theißen setzt voraus, daß Mk auch nach 70 den »Greuel der
Verwüstung« wieder oder immer noch erwartete: »Alles deutete
darauf hin, daß jetzt in Erfüllung gehen sollte, was sich
damals angebahnt hatte«[45].
Für die
Erwartung einer unmittelbar bevorstehenden Errichtung eines
Kaiserbildes »an heiliger Stätte« (»Greuel der Verwüstung«)
durch Vespasian geben die zur Verfügung stehenden Quellen
keinerlei Hinweise. Auch die bald nach 70 entstandenen
Schriften 4 Esr, syrBar, Sib deuten nichts dergleichen an.
Nachdem die mit dem um 70 zu Ende gegangenen Jüdischen Krieg
erweckten messianischen Erwartungen zunächst enttäuscht
worden waren, scheint verständlicherweise eine kurze Phase
des Innehaltens und der Neubesinnung eingetreten zu sein.
Die apokalyptische Erwartung der Errichtung des »Greuels der
Verwüstung« hätte dagegen ein erneutes Aufflammen
messianischer Hoffnungen bedeutet. Dafür aber scheint die
Zeit unmittelbar nach den Ereignissen um 70 noch keineswegs
reif gewesen zu sein trotz mancher »Nachwehen des Krieges«,
die man Theißen durchaus wird konzedieren müssen (Masada 73
bzw. 75).
Statt
weiterhin auf einen schnellen militärischen Sieg über Rom zu
hoffen, was wenigstens unmittelbar nach 70 als kaum
realistisch erscheinen konnte, begann zunächst eine Periode
der Konsolidierung, in der die gemäßigten Kräfte, d.h. die
Führer des Lehrhauses von Jabne (Johanan ben Sakaj und sein
Nachfolger Gamaliel II.), über einen längeren Zeitraum die
geistige Führung beanspruchten. In der nach 70 entstandenen
jüdischen Literatur wird, wie vom Verfasser des vierten
Esrabuches, die Frage nach dem Sinn der Niederlage gestellt;
danach, warum Gott sein Volk den Heiden dahingegeben habe;
wie es dazu kam, daß Gott jenen, die Gesetz und Gebote
Israels nicht achteten, Frieden und Wohlergehen schenke,
während er sein auserwähltes Volk, dem doch die
Weltherrschaft verheißen worden war, offenbar verstoßen habe
usw.
Man
suchte auf diese und andere Fragen Trost und Rat dort, wo
man ihn in all den Jahren immer schon gesucht und gefunden
hatte: in der Heiligen Schrift. Hier konnte man in der Tat
nicht nur im Hinblick auf die Bewältigung der Vergangenheit,
sondern auch im Hinblick auf die Zukunft neue Hoffnung
schöpfen.
Die
messianischen Hoffnungen und Erwartungen, von denen man sich
schon im ersten Krieg gegen Rom hatte beflügeln lassen und
die durch die Niederlage vorübergehend kurz abgeflaut waren,
begannen erst allmählich (vor allem in der jüdischen
Diaspora) wieder zu erwachen, um sich nun allerdings zu
gewaltigen, alles Frühere an Haß und Radikalität
übertreffenden apokalyptischen Zukunftsbildern vom Endkampf
aller Völker gegen Rom, vom Auftreten eines Nero redivus
und vom schließlichen Erscheinen des Messias zu steigern (4.
Esr, syrBar).
Auch die
Prophezeiung aus dem Danielbuch, die möglicherweise schon in
der ersten großen Auseinandersetzung gegen Rom eine wichtige
und offenbar verhängnisvolle Rolle spielte, wurde noch
einmal neu interpretiert. So zirkulierte offenbar eine
anonyme Berechnung, die auf der Grundlage der Prophezeiung
des Danielbuches entstand[46].
Der Verfasser nimmt darin an, daß nach Daniel nicht 70, wie
man bisher geglaubt hatte, sondern 71 Jahrwochen vergehen
müßten, bevor der Messias erscheinen könnte. Diese Ansetzung
war tatsächlich ein »Notbehelf. Um die Hoffnung nicht
aufgeben zu müssen, daß der Messias trotz seines Ausbleibens
nach der Katastrophe des Jahres 68 n.Chr. nahe sei, schob
man zwischen der Zerstörung des Tempels u. der erwarteten
Offenbarung des Gottesreiches eine volle Jahrwoche als
Wartezeit ein. Die biblische Begründung fand man in Dn 9,27«[47].
Alle
Berechnungen wiesen nun auf die Zeit zwischen 128 und 138,
d.h. in die Zeit Bar Kokhbas, mit der die 71., d.h. die
ultimativ letzte der von Daniel angekündigten Jahrwochen,
vollendet sein würde.
Es ist
naheliegend, daß derartige Berechnungen auch den Christen
nicht unbekannt blieben und daß sie an der Hoffnung ihrer
jüdischen Glaubensbrüder partizipierten, auch wenn sie sie
im einzelnen anders interpretierten.
Zur
Unmöglichkeit einer Entstehung der SynApk in der Zeit des 1.
Jüdischen Krieges (66-70) s.u.
VI.
SynApk und Bar-Kokhba-Aufstand 132-135
Anders
als bei der oben besprochenen und kritisierten Datierung der
SynApk in die Zeit der sog. Caligula-Krise empfiehlt sich
die Datierung in die Zeit Bar Kokhbas deswegen, weil kein
einziges der oben im Zusammenhang aufgelisteten Motive
ausgeschieden oder als späterer Zusatz betrachtet zu werden
braucht.
(1),(12),(6): Im Gegensatz zu der Zeit des Gaius Caligula
kannte man in der vermutlichen Entstehungszeit der SynApk
bereits mehr als nur einen falschen Messias bzw.
Messiasprätendenten. Man konnte einerseits auf eine
beachtliche Reihe (polloi.
ga.r evleu,sontai,
Mt 24,5 par) von Messiassen und Pseudomessiassen
zurückblicken. Aus der Zeit des ersten Jüdischen Krieges ist
z.B. der Judas-Enkel/Sohn? Menahem bekannt, der sich selber
nach der Eroberung Jerusalems im Herbst des Jahres 66 den
»königlichen Purpur« angelegt hatte und aufgrund dessen (?)
ermordet wurde (Bell 2,444; 2,17,8). Ebenso Simon ben Giora,
der sich mit hoheitlichen Insignien gefangen nehmen ließ
(Bell 7,26ff). Zählt man (mit Theißen) m.E. jedoch ohne
guten Grund, s.o. auch christliche und jüdische Propheten
mit hinzu, so wäre abgesehen von Simon Magus weiterhin an
Theudas (Josephus, Ant 20,97-99) unter Cuspius Fadus 44-46
zu denken oder auch an den ägyptischen Propheten am Ölberg (Josephus,
Bell 2,261-263) unter Felix, 52-60 n.Chr. (Parallele in
Josephus, Ant 20,169-171; vgl. Apg 21,38).
Andererseits gab es auch in der Gegenwart, d.h. in der
ersten Hälfte des 2. Jahrhundert, eine Reihe von
Messiasprätendenten, die messianische Ansprüche erhoben zu
haben scheinen. Bei den Judenaufständen 115-117 unter Trajan
in der Kyrenaika soll ein jüdischer »König« namens Lukuas
aufgetreten sein[48],
unter dessen Führung in Ägypten Verwüstungen und
Mordbrennereien verübt wurden[49].
Cassius Dio nennt als Führer der cyrenaischen Judenschaft
dagegen einen Andreas[50].
Auf Zypern scheinen die Juden das Beispiel der cyrenaischen
Glaubensgenossen unter einem Artemio (bzw. »Artunion«)
nachgeahmt zu haben[51].
Vor allem
muß an dieser Stelle der jüdische Messias Simon Bar Kokhba
genannt werden. Nachdem die Archäologen eine Reihe von
Zeugnissen und Dokumenten aus der Bar Kokhba Zeit
entdeckten, darunter auch einige Originalhandschriften, weiß
man, daß sein eigentlicher Name offenbar Simon ben Kosiba
lautete. Der Name Bar Kokhba erklärt sich offenbar daher,
daß das damalige geistige Oberhaupt der Juden, Rabbi Aqiva,
in ihm den Messias sah und seinen Namen in Anknüpfung an Num
24,17 (»es geht auf ein Stern aus Jakob, ein Szepter erhebt
sich aus Israel«) in Bar Kokhba (»Sternensohn«) änderte[52].
Im Talmud begegnet Bar Kokhba dagegen zumeist als »Ben
Koziba«. Die Rabbinen haben auf diese Weise angezeigt, daß
sie den vermeintlichen Messias nach seinem Scheitern nur für
einen Lügner,
bzwk,
hielten.
Bar
Kokhba war Führer einer jüdischen Untergrundbewegung, die
127, im Jahr des hadrianischen Beschneidungsverbots,
gegründet worden war und in der die zelotisch-makkabäischen
Traditionen des im Jahre 70 von den Römern
niedergeschlagenen Aufstandes fortlebten. Die eigentlichen
Ursachen für den Krieg sind umstritten. Zumeist wird
angenommen, daß der römische Kaiser Hadrian (117-138) sowohl
durch sein Verbot der Beschneidung im Jahre 127 als auch
durch die Ankündigung, auf dem Platz des früheren Tempels
einen Jupitertempel errichten zu wollen[53],
den Anlaß dafür gegeben habe. In der jüdischen Überlieferung
wird manchmal behauptet, daß Hadrian den Wiederaufbau des
alten Tempels versprochen habe[54],
was aber durch die Intrigen der Samaritaner verhindert wurde[55].
Für unseren Zusammenhang ist die Beantwortung der Frage nach
den Ursachen des Krieges unerheblich. Entscheidend ist, daß
Hadrian während seiner Orientreise im Jahre 130 nach
Jerusalem kam und den Befehl zum Aufbau der Stadt Aelia
Capitolina und zur Errichtung des Zeus-Tempels gab. Solange
Hadrian sich im Osten des Reiches aufhielt, herrschte Ruhe.
Erst als der Kaiser über Syrien und Pontus nach Griechenland
reiste, kam es (132-135) unter der Führung des Bar Kokhba
zum Aufstand, da die Juden insbesondere die Errichtung des
Zeus-Tempels (und des Kaiserbildes) an heiliger Stätte als
unerträgliche Provokation betrachteten, die sie an ein
traumatisches Ereignis ihrer Vergangenheit erinnern mußte:
den »Greuel der Verwüstung«, d.h. die Einweihung eines dem
Zeus Olympios gewidmeten Tempels in Jerusalem durch den
Seleukidenkönig Antiochus IV. Epiphanes im Jahre 168 v.Chr.
In der
Tat war die Parallelität der Ereignisse und Personen
verblüffend. Hadrian scheint sich, wie Perowne in seiner
Hadrian-Biographie herausstellt, als einen zweiten Antiochus
gesehen zu haben. Indem Perowne[56]
die Gründe zusammenfaßt, die den Zorn der Juden gegen
Hadrian erregen mußten, macht er deutlich, wieviel
Gemeinsamkeiten den römischen Kaiser mit Antiochus Epiphanes
miteinander verbanden:
»Erstens
hatte er sich als Nachfolger von Antiochus Epiphanes
bezeichnet. Er hatte sogar den Tempel des Antiochus in Athen
fertiggebaut. Zweitens hatte er sich, wie Antinous, zum Gott
Zeus Olympios erhoben oder doch geduldet, daß andere es
taten. Zum dritten hatte er sein Bild in dieser
Vergöttlichung auf Münzen prägen lassen, die auch in
jüdischen Gemeinden umliefen. Viertens hatte er die
Beschneidung verboten, die für die Juden das Siegel ihres
Wesens und ihres Glaubens bedeutete. Fünftens war er
unterwegs, um den Griechen in Alexandria, die stets als die
glühendsten Judenhasser aufgetreten waren, zu schmeicheln.
Sechstens hatte er seine Reise extra unterbrochen, um den
Mann zu ehren, der vor fast zweihundert Jahren Jerusalem
erobert und das Allerheiligste geschändet hatte. Siebentens
und letztens hatte er den Befehl gegeben, Jerusalem
auszulöschen und an seine Stelle eine römische Kolonie zu
bauen, die nach ihm selbst benannt werden und ausgerechnet
auf dem Gelände des alten Tempels ein Heiligtum erhalten
sollte, in dem ihm selbst göttliche Ehren dargebracht werden
mußten.«
Wie die
Entweihung des Jerusalemer Tempels durch Antiochus Epiphanes
168 v.Chr. zum Anlaß für den Aufstand der Makkabäer wurde,
so regte sich auch diesmal der jüdische Widerstand gegen die
Errichtung des Tempels und die damit verbundenen, auf
Auslöschung der jüdischen Identität zielenden hadrianischen
Unterdrückungsmaßnahmen. Bezeichnend ist, daß der Aufstand
in Judäa losbrach, der Heimat der Makkabäerfamilie. Seit 132
führten die jüdischen Rebellen einen Guerillakrieg gegen die
römischen Besatzer, der für sie zunächst erfolgreich
verlief. Im Jahre 132 scheint es den von Bar Kokhba
befehligten Truppen gelungen zu sein, Jerusalem einzunehmen.
Münzfunde aus der Bar Kokhba-Zeit belegen, daß dieses
Ereignis als das Jahr 1 der »Erlösung Israels« von den
Aufständischen gefeiert wurde. Bar Kokhba regierte Jerusalem
über zwei Jahre als Nasi,
ayfn
(Fürst), des neugegründeten Staates; ihm zur Seite stand der
Hohepriester Eleazar. Unter seiner Leitung wurde ein
behelfsmäßiges Tempelritual eingerichtet, möglicherweise
wurde sogar mit dem Wiederaufbau des bereits im ersten Krieg
zerstörten jüdischen Tempels begonnen. Unbeschnittene Männer
wurden in dem neuen Jerusalem nun nicht mehr geduldet.
Christen, die sich nicht an der nationalen Sache beteiligen
bzw. Bar Kokhba nicht als Messias anerkennen wollten, wurden
mit drakonischen Maßnahmen verfolgt (s.u.).
Hadrian
hatte indessen den ganzen Ernst der Lage erkannt. Wie schon
Nero im Jahre 66 ließ er einen seiner besten Generale aus
Großbritanien holen, um ihm das Oberkommando über Palästina
zu übergeben. Sextus Julius Severus verfolgte von Anfang an
eine Taktik der schrittweisen Vernichtung des Gegners durch
Belagerung und Aushungerung. Cassius Dio beschreibt das
Vorgehen des Severus folgendermaßen:
»Dieser
[Severus] wagte nun nicht, sich mit den Feinden in eine
förmliche Schlacht einzulassen, weil er ihre Menge und ihren
verzweifelten Mut kannte, ließ aber einzelne Haufen
derselben durch seine Unterbefehlshaber angreifen, ihnen
keine Lebensmittel zukommen und sperrte sie ab, und so
gelang es ihm endlich, zwar langsam aber desto sicherer sie
zu schwächen, aufzureiben und auszurotten[57].«
Mit der
Eroberung Jerusalems, in das sich die Aufständischen am Ende
zurückgezogen hatten, konnte man sich Zeit lassen. Severus
benutzte die Winterpause 133/134 zur Reorganisation seiner
Truppen; im Frühjahr zerstörte er dann die Reste des
jüdischen Jerusalem; Bar Kokhba und Eleazar hatten sich mit
dem Rest ihres Heeres nach Bethar zurückgezogen, einer etwa
8 km von Jerusalem entfernten kleinen Ortschaft. Dort wurden
sie im August 135 (am 9. Ab, d.h. am Tag der Zerstörung des
Tempels im Jahre 70) endgültig besiegt. Bar Kokhba wurde im
Kampf getötet.
Nach
Cassius Dio war die Taktik der Römer ungemein »erfolgreich«:
»Nur wenige kamen davon. 50 ihrer festesten Plätze, 985
ihrer bedeutendsten Ortschaften wurden zerstört. 580 000
kamen in den Ausfällen und Schlachten um; die große Zahl der
duch Hunger und Seuchen Umgekommenen läßt sich nicht genau
angeben, so daß beinahe ganz Judäa zur Einöde worde.« Am
Ende stand die vollkommene Vernichtung des Gegner. Das ganze
Ausmaß der Zerstörung versinnbildlicht die Feststellung aus
dem Talmud, man habe nach dem Krieg »50 Jahre lang in
Palästina keinen Vogel fliegen sehen[58].«
Nach dem
Sieg der Römer, der freilich auch auf ihrer Seite mit
schweren Verlusten erkämpft worden war, wurden die schon vor
dem Krieg von Hadrian eingeleiteten Unterdrückungsmaßnahmen
wieder aufgenommen und noch weiter intensiviert: der
jüdische Kultus wurde ebenso verboten wie die Beschneidung;
statt dessen wurde auf dem Tempelplatz mit dem Bau des
Zeus-tempels begonnen; aus den Trümmern Jerusalems erstand
Aelia Capitolina; Juden war das Betreten der Stadt bei
Todesstrafe verboten, auch das judäische Bergland wurde
vollständig von der jüdischen Bevölkerung geräumt.
Daß die
SynApk auf die geschilderten Ereignisse Bezug nimmt, daß wir
es bei dem falschen Messias Mt 24,5 offenbar mit keinem
anderen als Bar Kokhba zu tun haben, läßt sich in allen
Einzelheiten zeigen:
Der von
Mt überlieferte Ausspruch der falschen Messiassse,
Ich bin der Christus, 24,5,
hat wortwörtliche Parallelen in der rabbinischen Literatur.
San 93b heißt es:
(1) »Bar
Koziba (abyzwk)regierte
2 ½ Jahre. Er sprach zu den Rabbinen: Ich bin der Messias.
Da sagten sie zu ihm: Vom Messias steht geschrieben, daß er
mit einem sicheren Spürsinn für das Recht begabt ist. Wir
wollen sehen, ob er diesen Spürsinn hat. Als sie sahen, daß
er ihn nicht hatte, töteten sie ihn«
[59].
(2) Aus
dem Seder ha-Qabbalah von Abraham Ibn David aus dem 12.
Jahrhundert: »In ihren Tagen stand ein Mann mit dem Namen
Koziba (abyzwk)
auf und behauptete, er sei der Messias b. David«[60].
Zu 24,23
vgl. y Taan 4,8, fol. 68d:
(3) »R.
Aquiva sagte [nämlich], als er den Bar Kozeba (hbyzwk)sah:
Dieser ist der König Messias!
[61]«
Auch wenn
der historische Wert der einen oder anderen Quelle
bestritten wurde[62],
wird man feststellen müssen, daß es innerhalb der jüdischen
Geschichte des 1. und 2. Jahrhunderts keine andere Gestalt
gibt, von der mit größerer Sicherheit als von Bar Kokhba
gesagt werden kann, daß sie mit messianischem Anspruch
aufgetreten sei. Es können kaum Zweifel daran bestehen, daß
Bar Kokhba messianische Ambitionen geäußert hat,
wahrscheinlich sogar im Ich-Stil—die Beziehung zu Mt 24,5,
kann mithin kaum deutlicher sein.
Angesichts der Tatsache, daß Bar Kokhba innerhalb der
jüdischen Geschichte des 1. und 2. Jahrhunderts der einzige
Messiasprätendent ist, von dem Äußerungen nachgewiesen
werden können, die wortwörtliche Parallelen in den
Evangelien haben, ist es unverständlich, daß seine Gestalt
ebenso wie die Ereignisse 130-135 bei der
historisch-kritischen Exegese der SynApk bisher ganz
unberücksichtigt blieb[63].
Die Erklärung dafür kann offenbar nur darin liegen, daß die
Interpretation der SynApk von der Datierung des Mk und Mt in
der zweiten Hälfte des ersten Jahrhunderts inzwischen wie
von einem Axiom ausgeht, an dem selbst dann noch
festgehalten wird, wenn die Texte oft nur noch mit viel Mühe
(d.h. mit Hilfe der Annahme redaktioneller Einfügungen) mit
den historischen Ereignissen des 1. Jahrhunderts in Einklang
gebracht werden können.
—Bei Mt
und Mk werden die falschen Messiasse als
yeudo,cristoi
(24,24 par) bezeichnet. Auch in der Petrusapokalypse Kap. 2
ist die Rede von »lügnerischen Christussen«. »Dieser
Lügnerische ist aber nicht Christus«.
In dem
Begriff
yeudo,cristoi
(von yeu/doj =
Lüge) klingt noch an, daß Bar Kokhba auch gemäß der späteren
jüdischen Tradition ein Bar Koziba, ein »Lügensohn«, war.
—Die
Annahme, daß bei den Pseudomessiassen zur Zeit der Abfassung
der Apokalypse offenbar nur an einen gedacht war, nämlich
Bar Kokhba, würde auch den Singular Mt 24,24 erklären:
to,te eva,n tij u`mi/n ei;ph,|
VIdou. w-de o` Cristo,j.
Ebenso wie es in der Zeit der Entstehung der SynApk vor
allem einen Pseudochristus, Bar Kokhba gab, gab es
einen (tij)
Pseudopropheten, der Bar Kokhba als Messias = Christus
proklamiert hatte, Rabbi Aqiva[64].
(12) Mt
24,24 par ist die Rede von der Verführung durch Zeichen und
Wunder des falschen Christus. Auch von Bar Kokhba wurden
solche »Zeichen und Wunder« überliefert. Nach Hieronymus
soll Bar Kokhba »trügerische Wunder« getan haben, indem er
z.B. Feuer aus seinem Mund gehen ließ (vgl 2. Thess 2,8; Jes
11,4b; 4 Esr 13,10.27)[65].
Auch in bezug auf seine ungeheuren Körperkräften kursierten
Gerüchte[66].
(6) Aber
nicht nur kann ein Zusammenhang zwischen Bar Kokhba als dem
vermutlich gemeinten »Pseudochristus« von Mt 24,24 und den
»Zeichen und Wundern« (24,24 par) dargetan werden, auch
zwischen den Verfolgungen, von denen Mt 24,9 par die Rede
ist, und den Christenverfolgungen des Bar Kokhba scheint es
Zusammenhänge zu geben.
Für
Theißen und andere besteht letztlich keine innere Verbindung
zwischen den beiden Themen Verführung und Verfolgung. Beide
Komplexe laufen beziehungslos nebeneinander her. Ihr
Zusammenhang wird aber in dem Augenblick klar, wo man
erkennt, daß es sich bei dem Verführer und falschen Christus
(Mt 24,24) zugleich um den Verfolger (Mt 24,9) handelte und
bei diesem offenbar um keinen anderen als Bar Kokhba.
Mt 24,9
heißt es: to,te
paradw,sousin u`ma/j eivj qli/yin.
Aus der Stelle geht nicht hervor, welches das Subjekt des
Satzes ist, das sich hinter der 3 Ps. Pl.
paradw,sousin
verbirgt. Da es sich nicht auf den unmittelbar vorangehenden
Abschnitt 6-8 zurückbeziehen kann, scheint es wieder an 24,5
anzuknüpfen und die
polloi
zu meinen[67].
M.a.W. der matthäische Text zeigt, daß die Pseudomessiasse
bzw. der hier offenbar speziell im Blick befindliche
Pseudomessias Bar Kokhba (24,24) an den Verfolgungen gegen
Christen beteiligt war, was, wie oben angedeutet, historisch
vollkommen zutreffend ist. Von Justin erfahren wir:
»Während
des jüngst entbrannten jüdischen Krieges befahl nämlich Bar
Kokhba (Barcwcebaj),
der Anführer des Aufstandes der Juden, nur die Christen zu
schwersten Strafen abzuführen, wenn sie nicht Jesus Christus
verleugneten und lästerten.[68]«
Die hier
sowie in der SynApk dargestellte Situation entspricht ganz
jener, wie wir sie aus der Petrusapokalypse kennen:
»Dieser
Lügnerische [also Bar Kokhba bzw. Koziba] ist aber nicht
Christus. Und wenn sie ihn verschmähen, wird er mit
Schwertern (Dolchen) morden und es wird viele Märtyrer
geben... Und deshalb werden diese, welche durch seine Hand
gestorben sind, Märtyrer und werden gerechnet zu den guten
und gerechten Märtyrern, welche Gott in ihrem Leben gefallen
haben.«
Schäfer
hat mit wenig triftigen Gründen bestritten, daß bei dem
»Lügenmessias« der Petrusapokalypse an Bar Kokhba gedacht
sei[69].
Er verweist (unter Hinweis auf Mk 13,22 par) auf das
»stereotype Arsenal des endzeitlichen falschen Messias« In
Mk 13 par spiegelt sich aber keineswegs ein »stereotypes
Arsenal« apokalyptischer Vorstellungen wider, sondern, wie
wir gesehen haben, eine bestimmte historische Situation -
dieselbe wie in der Offenbarung des Petrus!
Warum man
viel Phantasie benötigt, um in jenen, die den falschen
Messias verschmähen, »die von Bar Kokhba verfolgten
Judenchristen erkennen zu können«[70],
ist mir angesichts des auch von Schäfer zitierten
Justinzitates unerklärlich. Schäfer scheint überdies die
historische Dimension apokalyptischer Texte, die nicht im
luftleeren Raum enstanden sind, zu unterschätzen.
Schließlich weist Schäfer darauf hin, daß in der
Petrusapokalypse nicht von »Juden, die einem falschen
Messias nachlaufen«, die Rede ist, sondern von »Christen,
die am Ende der Zeiten ihrem falschen Messias Jesus untreu
werden«. Eine fragwürdige Unterscheidung, wenn man bedenkt,
daß es sich bei den von Bar Kokhba verfolgten Christen um
Judenchristen handelte.
Die von
Bar Kokhba verfolgten Christen sollen den Namen Jesu Christi
verleugnen und lästern[71],
leiden also m.a.W. um seines »Namens willen« (Mt 24, 9). Der
Zusatz u`po. pa,ntwn
tw/n evqnw/n
macht
klar, daß der Verfasser der Apokalypse (bzw. Mt als dessen
Bearbeiter) an dieser Stelle (anders als im Satz zuvor) aber
nicht nur die Bar Kokhba-Verfolgungen im Blick haben kann.
Hier ist bereits summarisch von verschiedenen Arten der
Verfolgung die Rede, sowohl von solchen, die durch Juden
geschahen, als auch von solchen durch die römischen
Behörden. Auch das
dia. to. o;noma, mou
weist
darauf hin, daß wir uns im 2. Jahrhundert befinden, als
Christenverfolgungen
dia. to. o;noma,
an der
Tagesordnung waren. So fragt der Statthalter in Bithynien,
Plinius der Jünger, in seinem bekannten Brief X, 96 an den
Kaiser Trajan, ob »nomen ipsum, si flatitiis careat, an
flagitia cohaerentia nomini puniantur«; daraus geht hervor,
daß für die bisherige Rechtspraxis das bloße Eingeständnis,
Christ zu sein, genügte, um verurteilt zu werden[72].
Auch in den Märtyrerakten des 2. Jahrhunderts werden
Christen »um des Namens« willen verfolgt: siehe das
stereotype »Christianus bzw. christiana sum« in den
Märtyrerakten (Acta Iustini 3.4; Acta martyrum Scilitanorum
1-17).
Systematische Christenverfolgungen
dia. to. o;noma,
scheinen
erst seit Trajan stattgefunden zu haben[73].
Die Christenverfolgungen im ersten Jahrhundert trugen
dagegen einen anderen Charakter. Christen wurden nicht »um
des Namens willen«, sondern aufgrund ihres vermeintlichen
Verbrechens (der Brandstiftung) unter Nero bzw. aufgrund
ihrer davidianischen Herkunft (Eus Hist III, 19-20) unter
Domitian verfolgt[74].
In dem
von Mk aus der Logienquelle Q übernommenen Ersatz 13,9-13
für den aus Mt nicht in Gänze übernommenen Abschnitt 24,9-14
werden ebenfalls bereits Verfolgungen sowohl von jüdischen
als auch römischen Behörden vorausgesetzt. Auf das erste
deutet unmißverständlich Mk 13,9. Bemerkenswert ist in
diesem Zusammenhang die Erwähnung der Synhedrien (Plural!),
was, wie schon oben angedeutet, auf die Verhältnisse in der
jüdischen Diaspora hinweist:»
sune,drion
begegnet sonst nur im Singular (14,55; 15,1); der Plural
meint jüdische Lokalgerichte außerhalb Jerusalems«[75].
Für die
hier gemeinten Verfolgungen von Christen durch Juden
außerhalb Palästinas lassen sich vor 60 nur schwer Belege
finden[76].
Auch hier paßt der Text viel besser in die Situation des
ausgehenden 1. bzw. beginnenden 2. Jahrhunderts. Die
frühesten verläßlichen Zeugnisse über jüdische
Christenverfolgungen stammen jedenfalls allesamt aus der
flavischen Periode bis zum Bar-Kokhba-Aufstand[77].
Zwar stammen die meisten Beispiele aus Palästina. Man muß
allerdings davon ausgehen, daß es nicht erst zwischen
130-135 in Palästina, sondern bereits zuvor in der Zeit
115-117 auch in der Diaspora aufgrund der
christlich-pazifistischen Haltung, die (wie später im Bar
Kokhba-Aufstand) als Verrat an der nationalen Sache
betrachtet werden konnte, zu schweren Verfolgungen von
Christen durch Juden gekommen sein wird.
Eine
wichtige rechtliche Handhabe dafür, daß Christen in dieser
Zeit—freilich von staatlicher Seite—dem Druck der Verfolgung
ausgesetzt waren, bildete der sog. »Aposynagogos«, der
Synagogenausschluß. Durch die vermutlich gegen Ende des 1.
Jahrhunderts durch Gamaliel II. in das tägliche
Achtzehn-Bitten-Gebet aufgenommene Erweiterung der zwölften
Bitte: »Den Abtrünnigen sei keine Hoffnung und die freche
Regierung mögest du eilends ausrotten in unseren Tagen, und
die Minim und die Nazarener mögen umkommen in einem
Augenblick...« konnten Christen aus dem Synagogenverband
ausgeschlossen und somit der staatlichen Verfolgung
preisgegeben werden[78].
Die
Johannes-Apokalypse weiß wohl nur von Verfolgungen durch die
römischen Behörden (auch hier möglicherweise solche »um des
Namens willen«, 2,13; 3,8). Außerdem ist ihre
Entstehungszeit umstritten. Wenn sie sich auf die
domitianischen Verfolgungen beziehen sollte, wäre sie
zwischen 90 und 95 entstanden[79]
d.h. in jedem Fall später als zur angeblichen
Entstehungszeit des Markusevangeliums.
(2), (3):
»Krieg und Kriegsgerüchte« (Mt 24,6 par) waren in der Zeit
zwischen ca. 100-135, die m.E. den geschichtlichen
Hintergrund für die in der SynApk beschriebenen Ereignisse
darstellt, keine Seltenheit. Um ca. 115 spitzte sich die
allgemeine weltgeschichtliche Lage unter Trajan erstmals
nach der Beendigung des Jüdischen Krieges um 70 erneut
krisenhaft zu. Man braucht anders als im Hinblick auf die
Zeit der sog. Caligula-Krise kein historisches
Vergrößungsglas, um zu erkennen, daß die Situation dieser
Zeit in höchstem Maße dazu angetan war, apokalyptische
Ängste zu schüren und eine allgemeine Weltuntergangsstimmung
zu erzeugen, wovon ja auch die Literatur dieser Zeit (4. Esr,
syr. Bar; Sib) ein beredtes Zeugnis ablegt (es sollte nicht
übersehen werden, daß fast alle entscheidenden literarischen
Quellen über die jüdische Apokalyptik aus dieser Zeit
stammen! s.u.) Die »gesamtpolitische Konstellation war«, wie
Maier im Hinblick auf die jüdischen Aufstände in der
Diaspora sagt, »115 n. Chr. eben eine besondere, die
Spekulationen auf einen Fall Roms blühten, und für jüdische
Apokalyptiker war damit ja der Eintritt in die messianische
Ära verknüpft[80].«
»Spekulationen und Prophezeiungen über einen Fall Roms waren
damals fast Mode, und in jüdischen Kreisen der Diaspora
fielen sie wohl auf besonders fruchtbaren Boden, nachdem
gerade die meist militant-apokalyptischen Kriegsgefangenen
von 66-70 n.Chr., von den Disporagemeinden losgekauft, diese
mit ihrem Fanatismus infizierten...
[81]«
Hinzu kam, daß, wie wir gesehen haben, auch die Vorhersagen
des Danielbuches jetzt auf die Zeit zwischen 128 und 138
gedeutet wurden.
Für die
Juden und Judenchristen Palästinas mußten, abgesehen von dem
Feldzug Trajans gegen die Perser (114-117), insbesondere die
Ereignisse in der jüdischen Diaspora, die sich zur Zeit des
Herrschers Trajan, in den Jahren 115-117, zu verschiedenen
antirömischen Aufständen zuspitzten, den Eindruck des
Beginns eines »allgemeinen Weltkriegs«[82]
erwecken. Tatsächlich ging es in diesen Kämpfen nicht nur
bzw. in erster Linie um einen Krieg »Reich gegen Reich«,
sondern »Volk gegen Volk« (Mt 24,7 par), nämlich um
Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen
Polisbürgerschaften, insonderheit den jüdischen und
hellenischen, also Juden und »Griechen«[83].
Da die
römischen Truppenteile durch die Vorbereitung des
Orientfeldzuges in Beschlag genommen wurden, hielt man in
der Judenschaft Ägytens (Alexandriens), Mesopotamiens, der
Kyrenaika und Zyperns den Zeitpunkt für gekommen, um mit den
»nichtjüdischen Landsleuten«[84]
mit denen sie seit langem in schwerem Konflikt lagen,
abzurechnen.
Während
sich in den Auseinandersetzungen auf Seiten der »Griechen«
der Haß über den vermeintlichen oder auch tatsächlichen
Sonderstatus, den die Juden genossen, entlud, war auf seiten
der jüdischen Aufrührer der religiös-apokalyptische
Fanatismus der entscheidende Auslöser für den Aufruhr. Der
Messiasprätendent Lukuas-Andreas hegte offenbar die Absicht
nach der Zerstörung der Hauptstadt Kyrenaika und anderer
hellenistischer Städte nach Palästina vorzudringen und von
den Römern zu befreien. Das wahnwitzige Vorhaben wurde
freilich durch die Römer vereitelt; die Truppen des
kyrenäischen Messias-König wurden schon vorher vernichtend
geschlagen und er selber zum Tode verurteilt.
Die
Auseinandersetzungen verliefen häufig auf unvorstellbar
grausame Weise. Nach Cassius Dio sollen die Juden in Cyrene
das Fleisch ihrer nichtjüdischen Mitbürger gegessen und sich
mit ihrem Blut beschmiert haben; Menschen wurden von ihnen
zersägt oder den wilden Tieren zur Speise vorgeworfen[85].
Solche
und andere Vorkommnisse mußten zweifellos auch den Juden in
Palästina zu Ohren gekommen sein und sie in ihrer
Überzeugung, in einer apokalyptischen Endzeit zu leben,
weiter bestätigt haben. Daß zahlreiche Berichte über
Aufstände der Jahre 115-117 als »Kriegsgerüchte« zu den
Juden und Judenchristen in Palästina drangen, ist
selbstverständlich. Diese waren einerseits noch fern, aber
zugleich, weil sie Volksgenossen betrafen und weil darin
Vorboten eines allgemeinen Weltkrieges gesehen werden
konnten, von existenzieller Nähe. So konnte sich die
Überzeugung bilden, daß mit der aus jüdischer Perspektive
weltweiten Auseinandersetzung zwischen den »Völkern« die
letzte Phase der Geschichte eingeleitet worden war und diese
nun mit dem Beginn des Bar-Kokhba-Aufstandes ihrem Ende
entgegenging.
Der
Aufstand wurde schließlich durch das Eingreifen der
römischen Staatsmacht, die nach dem Sieg gegen die Parther
mit ganzer Macht gegen die Aufständischen vorgehen konnte,
mit Gewalt niedergedrückt. Eine besondere Rolle spielte
dabei neben Marcius Turbo, einem der besten Feldherren
Trajans, der maurische Fürst Lusius Quietus, der die
Aufständischen mit rücksichtloser Härte aus Mesopotamien
vertrieb. Der »Krieg des Qitus«, von dem in den rabbinischen
Quellen häufiger die Rede ist, scheint darauf Bezug zu
nehmen.
Abgesehen
von dem Krieg »Volk wider Volk«, bei dem, wie wir gesehen
haben, mit großer Wahrscheinlichkeit an die
Diaspora-Aufstände 115-117 gedacht ist, gab es zur selben
Zeit auch noch einen Krieg »Reich wider Reich«: den Krieg
zwischen Römern und Parthern in den Jahren 114-117 n. Chr.
Als Trajan den Entschluß zu diesem Krieg im Jahre 113 faßte,
ging es ihm darum, die Gefahr, die für das Reich von seinen
Ostgrenzen ausging, endgültig zu beseitigen. Möglicherweise
meinte er, den gesamten Mittleren Osten wie Alexander der
Große unterwerfen zu können—ein Plan, der bereits in die
Zeit Neros zurückreichte. Die Gegner Roms dagegen
spekulierten auf eine vernichtende Niederlage der Römer.
Unter ihnen geisterte das Gerücht von einem aus dem Osten
erstehenden, wiederkehrenden Nero, Nero redivivus, herum.
Das Gerücht besagte, daß Nero in Wahrheit nicht getötet
worden sei, sondern sich nur verborgen halte, um an der
Spitze eines im Orient gesammelten Heeres zurückzukehren und
blutige Rache an Rom zu nehmen. Mit ihm verband sich die
Hoffnung auf einen baldigen Umsturz und auf einen Wechsel
der Weltherrschaft, die nun in die Hände des Ostens fallen
würde[86].
In diesem
Zusammenhang konnte ein
(5)
schweres Erdbeben (Mt 24,7 par) im Jahre 115, durch das
außer Antiochien viele Städte und Dörfer in Syrien und
Kleinasien zerstört wurden, als ein verheißungsvolles Omen
gedeutet werden[87].
Die römische Heeresmacht wurde von dem Erdbeben schwer
getroffen, da die Kriegsvorbereitungen dadurch in
erheblichem Maße zurückgeworfen wurden.
Theißen
hat darauf aufmerksam gemacht, daß bei Mk 13,7 f
(entsprechend Mt 24,7) »die Erdbeben ... mit den Kriegen
synchronisiert« werden[88]
und zu Recht bemerkt, daß die für die Zeit nach 37 bezeugten
größeren Erdbeben entweder vor oder nach dem ersten
Jüdischen Krieg liegen. Das ist zweifellos ein überzeugendes
Argument gegen die weit verbreitete Datierung der SynApk um
70. Ob damit die von Theißen angenommene Datierung der
Apokalypse zwischen 37-41 bewiesen ist, muß, wie wir oben
bereits gesehen haben, jedoch zweifelhaft bleiben, da die
übrigen von ihm zur Verteidigung seiner These vorgebrachten
Argumente letztlich nicht zu überzeugen vermögen. Im übrigen
hat Theißen übersehen, daß es wenigstens nach 70 noch einmal
eine Situation gab, die mit der in der SynApk dargestellten
insofern in vollem Einklang steht, als hier eine absolute
Synchronizität zwischen Kriegsereignissen und Erdbeben
bestand: das Jahr des römischen Feldzugs gegen die Parther
115 n.Chr., als ein verheerendes Erdbeben in Syrien im
Sommer die Vorbereitungen Trajans zurückwarf[89]—ein
Ereignis, dem wegen seiner weltgeschichtlichen Bedeutung
viel größere Beachtung geschenkt werden mußte und wurde als
dem von Theißen in Anschlag gebrachten Nabatäerkrieg.
Aus der
Perspektive des Jahres 130 bzw. 133/134, der vermutlichen
Zeit der Entstehung der SynApk, könnte es noch ein weiteres
Erdbeben gegeben haben, auf das der Verfasser sich hätte
beziehen können und das aus seiner Sicht sowohl zeitlich als
auch räumlich sehr viel näherlag als das Erdbeben im Jahr
115. Freilich läßt sich die Existenz dieses Erdbebens
quellenmäßig nicht ganz eindeutig belegen und kann nur aus
einigen wenigen Andeutungen erschlossen werden. Perowne
macht in dem Bericht des Cassios Dio über den Aufstand des
Bar Kokhba auf eine interessante Stelle aufmerksam; darin
heißt es:
»... das
Grab Salomos sei zusammengestürzt (es ist bis heute keine
Spur davon gefunden worden) und wilde Tiere seien durch die
Straßen der Städte gestreift.«
Da Tiere
dies nur tun, wenn die Städte verlassen sind, schließt
Perowne (m.E. vollkommen zu Recht), daß »das Land kurz
vorher von einem Erdbeben erschüttert worden war, das die
öffentliche Sicherheit bereits unterhöhlt hatte«[90].
(4) Für
Theißen lassen sich im Hinblick auf die Jahre 37-41 »von den
drei apokalyptischen Schrecken Kriege, Erdbeben und
Hungersnöte ... nur die Hungersnöte nicht direkt nachweisen«[91].
Wenn wir den zeitlichen Standort des Verfassers der SynApk
ca. hundert Jahre später ansetzen, fällt das nicht schwer.
Freilich
wird der Verfasser kaum mehr an die durch das Edikt
Domitians aus dem Jahre 92 bezeugte Hungersnot denken, auf
die möglicherweise auch die Apokalypse (6,6) Bezug nimmt[92].
Man braucht allerdings zeitlich auch kaum so weit
zurückzugehen. Der Verfasser denkt vermutlich an die während
des Bar Kokhba-Krieg entstandenen Hungersnöte, die durch die
typische römische Taktik der Einkesselung und Aushungerung
der Aufständischen entstanden; siehe den oben bereits
zitierten Cassius Dio, der neben der halben Millionen Juden,
die in den Schlachten umkamen, »die große Zahl der durch
Hunger und Seuchen Umgekommenen«[93]
nicht genau anzugeben weiß. In diesem Zusammenhang sei
darauf hingewiesen, daß einige Handschriften des Mt neben
limoi
auch limoi. kai.
loimoi
(= Pest, Seuche) bzw. umgekehrt lesen. So würde sich, falls
diese LA zutreffend wäre, auch hier ein frappierender
Zusammenhang zu der Situation der Jahre 130-135 ergeben,
ganz so, wie sie uns von Cassius Dio dargestellt wird.
Auch in
der nach 70 entstandenen jüdisch apolyptischen Literatur
wird häufig von Hungersnöten als Zeichen der Endzeit
gesprochen:
4. Esr
6,22: »Und plötzlich stehen ungesäte Felder ohne Frucht, und
volle Scheunen werden eilends leer erfunden.« syr. ApocBar
27,6 »Hunger und Regenmangel«; 70,8 »Und jeder, der sich aus
dem Kriege rettet, soll durch Erdbeben sterben, und der sich
aus dem Erbeben rettet, wird im Feuer verbrennen, und der,
der sich aus dem Feuer rettet, wird durch Hunger zu Grund
gehen.« Sib 2,153, ApkAbr 30,5.
Es ist
üblich geworden, in diesem Zusammenhang von apokalyptischen
»Topoi« zu sprechen und diese dem Repertoire der Sprach- und
Vorstellungswelt der Apokalyptik zuzurechnen, d.h. als rein
literarische Phänomene zu betrachten. M.E. ist eine solche
von den historischen Umständen losgelöste Betrachtung mit
einem für alle Zeiten gültigen literarischen Kanon
apokalyptischer Topoi problematisch. Es ist fraglich, ob
sich nicht eine Reihe der von den Apokalyptikern für die
Zukunft vorausgesagten Schrecken, wie z.B. Krieg,
Hungersnöte und Erdbeben, auf ganz bestimmte historische
Ereignisse beziehen und insofern einen zeitgeschichtlichen
Hintergrund haben. Es ist ja auch sonst zu beobachten, daß
die apokalyptische Literatur keineswegs nur von zukünftigen
Ereignissen phantasiert, sondern auf bestimmte
geschichtliche Ereignisse der Gegenwart und Vergangenheit
Bezug nimmt. Apokalyptische Literatur ist immer auch
Darstellung gegenwärtiger Ereignisse oder geschichtlicher
Abläufe, freilich in apokalyptisch verhüllender Sprache. Die
Wirkung solcher Literatur beruht zum nicht geringen Teil
darauf, daß der Leser hinter den literarischen Anspielungen
und Andeutungen des Apokalyptikers bereits die Zustände
seiner eigenen Zeit erkennen kann, in dem das als zukünftig
Vorausgesagte bereits gegenwärtig eingetroffen ist.
Zum
andern ist auffallend, daß jene apokalyptische Literatur, in
der ein bestimmtes feststehendes Arsenal an apokalyptischen
Topoi begegnet (4 Esr, Sib und syrBar), einer ganz
bestimmten Zeitspanne, d.h. der Zeit zwischen 70 und 135,
entstammt. Auch dies weist m.E. darauf hin, daß es sich bei
den Topoi nicht um bloße literarischen Phänomene handelt. Es
sind vielmehr offenbar die gleichen historischen Umstände,
die die gleichen apokalyptischen Topoi hervorbrachten. In
ihnen drückt sich offenbar ein ganz spezifisches
Epochen-Bewußtsein aus.
Es sollte
daher zu denken geben, wenn die SynApk sowohl von ihrer
Spachals auch Vorstellungswelt an Vorstellungen
partizipiert, die offenbar erst mehrere Jahrzehnte nach dem
Jüdischen Krieg entstanden. M.E. sollten die zahlreichen
Verweise in den neutestamentlichen Kommentaren auf Stellen
in der jüdisch-apokalyptischen Literatur aus der Zeit
zwischen 70-135 nicht nur als Verständnishilfe, sondern auch
als Datierungshilfe betrachtet werden.
Jedenfalls spricht einiges dafür, in den zum Repertoire
apokalyptischer Schrecken gehörenden Dreigespann: Kriege,
Erdbeben, Hungersnöte, nicht nur literarische Topoi sondern
Bezugnahmen auf reale historische Ereignisse in dem
betreffenden Zeitraum zu sehen.
(7) Das
Motiv des gegenseitigen Verrats der Familienangehörigen ist
aus der atl. Prophetie bekannt (Micha 7,6); dort begegnet es
freilich noch nicht in Verbindung mit anderen endzeitlichen
Zeichen wie Mt 24 par.
Auch hier
muß davon ausgegangen werden, daß der Verfasser der SynApk
bestimmte Verhältnisse seines Zeitalters im Auge hat. In der
Tat wird man solche Verhältnisse zur Zeit der Caligulakrise,
d.h. in der ersten Hälfte des ersten Jahrhunderts, kaum
nachweisen können, weswegen die entsprechenden Andeutungen
konsequenterweise entweder als spätere Zusätze betrachtet
und in die Zeit um 70 datiert oder umgedeutet werden.
Schmithals denkt dabei an die Verhältnisse »am Kaiserhof und
im herodianischen Geschlecht« sowie an »zunehmende
Sittenlosigkeit und moralischen Zerfall«, die darauf
hindeuten sollen, daß das Sündenmaß des alten Äon voll sei.«[94]
Doch darauf, daß der Apokalyptiker die Verhältnisse im
Kaiserhaus im Auge hat, deutet nichts. Der Kontext und das
paradw,sousin
machen vielmehr eindeutig klar, daß hier an Anzeige,
Denunziation und Verfolgung von Christen gedacht ist.
Zeugnisse
über gegenseitigen Verrat und Anzeige von (Juden)christen
(Mt 24,10 par) erhalten wir erst aus dem 2. Jahrhundert.
Schlatter weist auf verschiedene Stellen in der rabbinischen
Überlieferung hin, u.a. auch auf das Zeugnis über einen
Rabbiner aus Lydda, der in den Verdacht geriet, daß er dem
Christentum zuneige. Dieser wurde daraufhin durch zwei
Zeugen bespitzelt; nachdem sein christlicher Glaube
festgestellt werden konnte, steinigte man ihn[95].
Auch soll Elieser, der Sohn Hyrkans, von dem Statthalter
[vgl. Mk 13,9 par!] als Christ zur Verantwortung gezogen
worden sein. Dieser soll ihn allerdings freigesprochen haben[96].
Eben
solche Verhältnisse der Bespitzelung und des Verrats, die
sich in der ersten Hälfte des zweiten Jahrhunderts immer
wieder zwischen Judenchristen und Juden ereigneten, scheint
der Verfasser der Apokalypse im Auge zu haben. Zu solcher
Denunziation war sowohl durch die Verhängung des
Synagogenbanns als auch später durch den Bar
Kokhba-Aufstand, in dem Juden jüdischen Christen vorwerfen
konnten, daß sie die nationale Sache verrieten, die
Voraussetzung gegeben.
Aber auch
umgekehrt konnten Juden später von Christen denunziert und
»ausgeliefert« werden, so daß sich auch hier das Wort des
Micha von der anderen Seite bewahrheitete. Nachdem die
Christen zunächst von den Juden zur Zeit des Bar Kochba
terrorisiert und verfolgt worden waren, rächten sie sich
nun, indem sie nach Niederschlagung des Aufstandes
diejenigen Juden den römischen Behörden preisgaben, die sich
nicht an die hadrianischen Religionsgesetze hielten. Solche
desolaten Zustände scheinen sich in der rabbinischen
Literatur aus dieser Zeit tatsächlich widerzuspiegeln; kein
Wunder, daß man darin die Vorzeichen der Endzeit zu erkennen
meinte:
Sanh 97a
, 36 Bar: R. Nechorai (um 150) sagte: In dem Geschlecht, in
welchem der Sohn Davids kommt, werden Knaben das Angesicht
der Greise beschämen, u. Greise werden aufstehn vor Knaben;
die Tochter erhebt sich gegen ihre Mutter u. die
Schwiegertochter gegen ihre Schwiegermutter; das Angesicht
des Geschlechts ist (an Frechheit) wie das Angesicht des
Hundes, u. der Sohn schämt sich nicht vor seinem Vater.
Dasselbe anonyme Sota 9,15; hier noch der Satz: Die Feinde
eines Mannes sind seine Hausgenossen. Dieser Satz auch Pesiq
51b; PesiqR 15 (75b) usw.
Sanh 97a,
41 Bar: ... Der Sohn Davids kommt nicht eher, als bis die
Denunzianten sich gemehrt haben, oder als bis die Schüler
sich vermindert haben, oder als bis jede Peruta (Pfennig)
aus der Börse entschwunden ist, oder als bis man an der
Erlösung zweifelt[97].
In der
Ende des ersten, Anfang des zweiten entstandenen
jüdisch-apokalpytischen Literatur begegnet das Motiv des
Verrats von Verwandten dagegen bezeichnenderweise selten
bzw. noch gar nicht[98]!
(8) Mit
der zunehmenden Verschlechterung der allgemeinen
Verhältnisse (auf die der Verfasser der SynApk bzw. deren
Redaktor, d.h. der Evangelist Mt, offenbar bereits
zurückblickt) läuft auf der anderen Seite die Verkündigung
des Evangeliums in der ganzen Welt (24,14 par) parallel.
Verschiedene Zeugnisse deuten darauf hin, daß die
christliche Mission nach dem Sieg Hadrians einen neuen Schub
erhalten hat. Eusebius teilt uns in seiner Kirchengeschichte
mit, daß nach dem Bar Kokhba-Aufstand der »Glaube an unseren
Erlöser und Herrn Jesus Christus siegreich zu allen Völkern
drang«[99].
Umgekehrt
bestätigt ein Schüler Rabbi Aquivas die missionarischen
Erfolge, die das Christentum nach 135 hatte, indirekt (wobei
er darin freilich nur ein weiteres Zeichen des herannahendes
Untergangs zu erkennen vermag):
R.
Nechaja (um 150) sagt: In dem Geschlecht, in welchem der
Sohn Davids kommt, wird die Frechheit groß werden u. die
Teuerung ausarten. Der Weinstock wird seine Frucht geben,
aber der Wein wird teuer sein u. die ganze Regierung (d.h.
das römische Reich) wendet sich der Häresie (d.h. dem
Christentum) zu, u. es gibt kein Rügen mehr[100].
Inwiefern
24,24 par zur ursprünglichen Schicht der Apokalypse gehört
oder ob es sich dabei um später Redaktion handelt, da die
hier vorausgesetzten großen Missionserfolge vermutlich erst
nach dem Bar Kokhba-Aufstand eintraten, kann offenbleiben.
Auch dem Verfasser der Apokalypse stand um 130 bzw 133/134
ein Christentum vor Augen, das bereits in der ganzen Welt
verbreitet war. Stammte die SynApk aus der Zeit um 70 oder
gar um 40 (!), wäre dies kaum möglich.
(9) (10)
Der Ausdruck
bde,lugma th/j evrhmw,sewj
(Mt 24,15 par) wird zumeist mit »Greuel der Verwüstung«
(besser wohl: »entsetzlicher Greuel«) übersetzt und leitet
sich vom hebr.
~mevo
#WQvi
ab. Dabei könnte es sich um eine Verballhornung des hebr.
~mevo #WQvi (der syrische Himmelsgott = der olympische Zeus,
dem der Tempel gewidmet war) handeln. Der Ausdruck stammt,
worauf ja Mt 24,15 ausdrücklich hinweist, aus dem Buch
Daniel (Dan 9,27; 11,31; 12,11; vgl. 1 Makk 1,54.59) und
bezieht sich dort auf die Errichtung des Zeus-Altars durch
Antiochus IV. Epiphanes am 15. Kislev 168 v. Chr.[101],
die von den Juden als »Greuel«, d.h. als Frevel, betrachtet
wurde.
1 Makk
1,54: Am 15. Tag des Monats Kislev im 145. Jahre errichtete
man den Greuel der Verwüstung auf dem Brandopferaltar, und
auch ringsum in den Städten Judas erbaute man [heidnische]
Altäre.
1.
Während das Daniel- und Makkabäerbuch unter
bde,lugma th/j evrhmw,sewj
wohl allgemein die Errichtung eines zweiten heidnischen
Altars auf dem Brandopferaltar (1 Makk 1,54) zu verstehen
scheinen, deutet der Sprachgebrauch der Evangelisten,
insbesondere der des Markus, (wohl unfreiwillig) darauf hin,
daß sie damit noch etwas Spezifischeres meinen bzw. vor
Augen hatten. Wie oft bemerkt wurde, spricht Mk 13,14 vom
»Greuel der Verwüstung« wie von einer Person, indem der
Wendung das Partizip
e`sthko,ta
beigefügt wird. »Die constructio ad sensum läßt hinter dem
'Greuel der Verwüstung' eine Person vermuten«[102],
nämlich die des Kaisers als eines (männlichen) Standbildes
bzw. eines (männlichen) Götzenbildes (des Zeus Olympios?).
Zu Recht betont Theißen, daß das »Partizip 'stehend'
inhaltlich ausgezeichnet zu einer Statue« paßt[103].
Auch das mt e`sto.j
(24,15) deutet daher in dieselbe Richtung wie das mk
e`sthko,ta,
das freilich verräterischer ist[104].
An dieser
von den Evangelisten vorgenommenen inhaltlichen
Spezifizierung des
bde,lugma th/j evrhmw,sewj
müssen m.E. alle Versuche, die SynApk in die Zeit des ersten
Jüdischen Krieges (66-70) zu datieren, scheitern. Denn
worauf sollte sich das
e`sthko,ta
oder das
e`sto.j
nun wohl beziehen? Nach Schenke »auf die vom Seher
vorausgesehene Schändung des Tempels durch römisches
Militär«[105]
oder auf die »Schändung des Tempels durch die 'Zeloten'«[106].
Mit einem »aufgestellten« bzw. »errichteten«
bde,lugma th/j evrhmw,sewj
im Sinne des Mk 13,14 oder Mt 24,15 hat das aber nichts mehr
zu tun. Ob
e`sthko,ta
oder e`sto.j—der
Greuel der Verwüstung steht! Von der Aufstellung eines
zweiten Altars oder gar der Errichtung eines (männlichen)
Standbildes ist aber im Zusammenhang mit dem ersten
Jüdischen Krieg nirgendwo die Rede[107].
Es muß
allerdings eingeräumt werden, daß in späterer Zeit mit
nachlassendem Wissen um den eigentlichen Inhalt dessen, was
bei Mk und Mt noch mit dem
bde,lugma th/j evrhmw,sewj
gemeint war, der Terminus tatsächlich auch auf den ersten
Jüdischen Krieg und die Zerstörung Jerusalems bzw. des
Jerusalemer Tempels angewendet werden konnte. Wie wir
bereits bei Lukas gesehen haben, scheint dieser das in
seiner Vorlage (Mk) befindliche
bde,lugma th/j evrhmw,sewj
in der Tat auf die Zerstörung Jerusalems im ersten Jüdischen
Krieg bezogen zu haben. Allerdings konnte er dies nur, indem
er das bde,lugma
th/j evrhmw,sewj
in die evrhmw,sij
Jerusalems (21,20) umwandelte.
Eusebius
hat auf diesen entscheidenden Unterschied dann schon nicht
mehr geachtet; er schreibt, daß der von den Propheten
verheißene Greuel der Verwüstung in dem seit alter Zeit
berühmten Gottestempel selbst sich dadurch verwirklichte,
daß er vollständig zerstört und ganz und gar durch Feuer
vernichtet wurde«[108].
2a) Der
Hinweis auf den
bde,lugma th/j evrhmw,sewj
ist
sicherlich eines der stärksten Argumente für eine Entstehung
der SynApk in der Bar Kokhba-Zeit. Es kann nicht oft genug
hervorgehoben werden, daß die Errichtung eines solchen
»Greuels der Verwüstung« in dem oben festgestellten Sinn als
historisches Ereignis in der gesamten jüdischen Geschichte
insgesamt nur zweimal bezeugt ist: das eine Mal im Jahre 168
v.Chr., das andere Mal vor und nach der Zeit des Bar
Kokhba-Aufstands. Auf das zweite Ereignis aber bezieht sich
die SynApk.
Noch
Hieronymus weiß davon zu berichten, daß auf dem Gelände des
ehemaligen Tempels, wo nach Cassius Dio der Zeustempel
errichtet wurde, eine Reiterstatue (equestri statua)
Hadrians (wohl neben der des Zeus) bis in die Gegenwart
(usque in praesentem diem) errichtet worden sei[109].
Über den
von Hadrian errichteten
bde,lugma th/j evrhmw,sewj
existieren auch rabbinische Quellen; so heißt es z.B. 1.1.m
Tam 4,6: »Am 17. Tammuz ... hörte das Tamid-Opfer auf, wurde
die Stadt erobert, verbrannte
swmjspa
die Torah und stellte ein Götzenbild im Tempel auf«[110].
Der Text
wird von Schürer[111]
wie auch von Schlatter[112]
und Herr[113]
m.E. zu Recht auf den Ausgang des Bar Kokhba-Aufstandes
bezogen[114].
Dagegen
behauptet Schäfer zwar: »Das Aufhören des Tamid-Opfers und
die Errichtung eines Götzenbildes im Tempel lassen am
ehesten an die Verfolgung unter Antiochus IV. denken,
vielleicht auch an den 1. Krieg, dagegen verweist nichts auf
den Bar Kokhba-Aufstand.« Aber das kann schon allein
deswegen nicht zutreffen, weil die Errichtung des »Greuels
der Verwüstung« durch Antiochus IV. Epiphanes von allen
Quellen übereinstimmend auf den 15. Kislev, aber nicht auf
den 17. Tammuz datiert wird. Auch die Zerstörung des Tempels
im Jahre 70 fand nicht im Monat Kislev, sondern im Monat Ab
(10. Ab = 10. Loos[115])
statt sie war überdies nicht mit der Errichtung eines
Götzenoder Kaiserbildes möglicherweise noch nicht einmal mit
der vollständigen Einstellung des Tamid-Opfers verbunden[116].
Die Eroberung der Stadt am 17. Tammuz im Jahre 134 ist
dagegen gut bezeugt[117].
2b)
Anders als die von Hadrian tatsächlich realisierte
Errichtung eines Zeusaltars und die Aufstellung einer Zeus-
bzw. Kaisersäule »an heiligem Ort«, war die Aufstellung
einer Kaisersäule vom römischen Kaiser Caligula wohl
beabsichtigt, konnte aber aufgrund seines Todes nicht
realisiert werden. Da nun deutlich ist, daß die Errichtung
des »entsetzlichen Greuel« (als Errichtung einer Kaiser-
bzw. Göttersäule und eines Zeus-Altars) für den Verfasser
offenbar bereits eine Realität darstellt, kann sich der
Inhalt der SynApk nur auf die Zeit Hadrians beziehen.
3. Der
Bezug des »entsetzlichen Greuels« Mt 24,15 par auf die Zeit
des Bar Kokhba-Krieges und auf Hadrian ist auch deswegen
naheliegend, weil dieser sich, wie wir bereits gesehen
haben, nach eigenen Selbstverständnis als ein Antiochus
Epiphanes redivivus betrachtete. Es ist aus diesem Grunde
kaum verwunderlich, daß der von Hadrian befohlene Neubau
Jerusalems als Aelia (Hadrians Patronymikon) Capitolina von
den jüdischen Zeitgenossen in vollkommener Analogie zu der
von Antiochus Epiphanes angeordneten Kultusreform (Dan 9,27;
11,31; 12,11) betrachtet werden konnte. Wie damals die
Errichtung des »entsetzlichen Greuels« im Jahre 168 v.Chr.
zum Aufstand der Makkabäer führte, kam es nach der
hadrianischen Kultusreform zu einem erneuten Krieg[118].
4.
Schließlich kann auch die Existenz der schon oben zitierten
allgemein verbreiteten (und darum auch den Evangelisten
bekannten) Erwartung, wonach sich die im Danielbuch
angekündigten Ereignisse in der Zeit zwischen 128 und 138
erfüllen sollten, als gut belegt gelten[119].
Von einer
entsprechenden Erwartung im Hinblick auf die Verwirklichung
der Prophezeiung des Danielbuches in der Caligula-Zeit, an
die der Verfasser der SynApk hätte anknüpfen können, wissen
wir dagegen nichts[120].
Da auch Josephus oder Philo den von ihnen berichteten
Vorgang nie explizit vor dem Hintergrund des Danielbuches
bzw. als bde,lugma
th/j evrhmw,sewj
deuten und jeder Hinweis auf eine entsprechende
Interpretation des Vorgangs in den antiken oder rabbinischen
Quellen fehlt, beruhen entsprechenden Überlegungen
genaugenommen auf Spekulation.
(11) Die
(kaum zufällige) Bemerkung des Apokalyptikers, die Flucht
aus Judäa möge nicht in den Winter (Mt 24,20 par) fallen,
wird von Theißen als eine weitere Anspielung auf die Zeit
der Caligula-Krise und damit als eine Bestätigung für seine
Datierung der Apokalypse in eben jener Zeit betrachtet: »In
der Tat weisen die Ereignisse von 13,14ff an Merkmale auf,
die nur bei echt zukünftigen Geschehnissen vorstellbar sind.
So steht noch nicht fest, zu welcher Jahreszeit die große
Drangsal eintritt. Sonst wäre die Aufforderung sinnlos, man
sollte darum beten, daß sie nicht in den Winter falle
(V.18). Offen ist noch, ob die Pseudopropheten und
-messiasse die Erwählten vor der Parusie verführen können«[121].
Theißen betont zu Recht, »daß der Text auf ein konkretes
Verhalten zielt: Nach Eintreten eines bestimmten Ereignisses
sollen die Angeredeten in die Berge fliehen«[122].
Gegen
Theißens Erklärung spricht, daß wenigstens Philo eine andere
Chronologie der Caligula-Krise als Josephus kennt (s.o).
Abgesehen davon haben wir schon oben festgestellt, daß der
Verfasser der SynApk bereits von der Errichtung des
»entsetzlichen Greuels« zu wissen scheint und auf diese als
ein vergangenes Ereignis zurückblickt, während sie nach der
Erklärung Theißens ein erst noch in der nächsten Zeit zu
erwartendes zukünftiges Geschehen darstellt.
Eine
Situation, in der die Errichtung des »entsetzlichen Greuels«
nicht nur als Drohung in der Zukunft schwebte, sondern
tatsächlich Realität geworden war, hat es in der jüdischen
Geschichte erst wieder zur Zeit des Bar Kokhba-Krieges
gegeben.
In der
Tat ließe sich auch der Appell zur Flucht im Winter gut in
dieser Zeit unterbringen, entweder in die Zeit unmittelbar
nach der Anordnung zur Aufstellung des »entsetzlichen
Greuels« (im Jahre 130[123])
oder in den Winter des Jahres 133/134, kurz vor der
Zerstörung Jerusalems.
Im
zweiten Fall müßte man allerdings annehmen, daß zwischen der
bereits erfolgten (und inzwischen durch die Aufständischen
wieder rückgängig gemachten) Aufstellung des »entsetzlichen
Greuels« (also 130 n.Chr.) und der Entstehungszeit der
SynApk bereits etwa 4 Jahre vergangen sind, so daß der
unmittelbare Zusammenhang von Aufstellung und Flucht (Mt
24,15-16) schriftstellerisch aufzufassen wäre[124].
Der (in
Judäa/Jerusalem lebende) Verfasser weiß einerseits von der
Errichtung des »entsetzliche Greuels« an heiliger Stätte
hatte doch gerade dieses Ereignis den Krieg gegen Rom
provoziert. Zugleich blickt er voll Sorge auf die
Zusammenballung der römischen Militärmacht in Palästina, die
sich zum letzten kriegsentscheidenden Schlag gegen Judäa und
Jerusalem rüstet.
Die
Winterpause von 133/134 gab Severus Gelegenheit, seine
Truppen zu reorganisieren und seine Strategie zu überdenken.
Noch hatte der Angriff der Römer nicht begonnen. Der
Prophet weiß jedoch, daß das Ende Jerusalems unweigerlich
naht, wie denn auch die römischen Truppen tatsächlich im
Frühjahr 135 Judäa räumten und Jerusalem zerstörten. Und so
ergreift er in der Apokalypse das Wort als »Warnung in
allerletzter Stunde«[125],
um die in Judäa und Jerusalem lebenden Christen eindringlich
zur Flucht zu mahnen.
Daraus,
daß all das, was er vorhergesagt hatte, inzwischen
eingetroffen war (Mt 24,25 par), mochten die in Judäa und
Jerusalem lebenden Christen ersehen, daß der Prophet in
Vollmacht sprach, so daß die ihnen zugemutete Flucht richtig
und notwendig war, selbst wenn sie, wie jetzt immer
sichtbarer wurde, in den Winter fallen mußte.
*
Zum Schluß möchte ich noch einmal den an schon oben
zitierten Grundsatz von Theißen erinnern: »Je weniger
Textteile unter keinen Umständen in die angenommene
Situation passen und als sekundär ausgeschieden werden
müssen, um so besser!«[126]
Daran gemessen kann nicht fraglich sein, daß die oben
gegebene Erklärung, in welcher der Versuch gemacht wird, die
SynApk aus der Zeit und vor dem Hintergrund des Bar
Kokhba-Aufstandes zu verstehen, dem von Theißen
aufgestellten Grundsatz zweifellos am ehesten gerecht wird,
da kein einziges Element aus dem Gesamtkontext ausgeschieden
zu werden braucht.
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