Kalthoff in Bremen
1888 wurde Albert Kalthoff als zweiter Pastor
an St. Martini zu Bremen berufen. Primarius war dort der als
Treviranus-Nachfolger schon genannte Moritz Schwalb (s. o., 3. Kirchenstreit).
Am benachbarten Dom arbeitete seit längerem schon ein liberaler Theologe,
nämlich der bereits erwähnte K. R. Schramm, ein alter Bekannter Kalthoffs aus
Berliner Tagen.
Wie Kalthoff, war auch Schramm nicht der von
D. F. Strauß geäußerten Ansicht, die Religion werde von den
(Natur-)Wissenschaften auf ein immer kleiner werdendes Terrain gedrängt und sei
- wie die amerikanischen Indianer - letztlich zum Aussterben verurteilt, sondern
sie sei "der Dienst des Ewigen mitten im Irdischen, Wurzel und Mutter
aller Tugenden und jeglicher Wahrheit".
So sah sich also Albert Kalthoff nun in Bremen
nicht nur in Amt und Würden, sondern auch in einem Kreise gleichgesinnter
Amtskollegen. Bald darauf fand er überdies in der 25jährigen Kaufmannstochter
Emmy Linne seine dritte Ehefrau. Von Vater Linne sind Aufzeichnungen erhalten,
in welchen dieser seinen Eindruck von Kalthoffs Probepredigt am 2. Mai 1886
beschrieb: In seinem Auftreten wirkte Kalthoff durch "große Ruhe und
Sicherheit, Wärme und tiefe Empfindung", und in seiner Predigt offenbarte
er "die große Gabe, einfach, klar und doch in hohem Grade gemütvoll ein
Thema zu behandeln. Ich habe einen solchen Redner noch nicht gehört, und
dasselbe hörte ich von vielen anderen. " 27
1890 wurde der jüngste Sohn, Max Kalthoff
geboren, der später Arzt wurde. 28
Eine herzliche Freundschaft verband die
Kalthoffs mit der Familie des Richters Kirchhoff. Heinrich Kirchhoff war
Vizepräsident der Bremer Bürgerschaft und an St. Martini "Bauherr"
(Gemeindevorsteher). 29 Seine Frau Auguste kam aus dem Rheinland (AsbachfWied)
und wurde um 1910 eine wichtige Bremer Frauenführerin.
Die Freundschaft mit den Kirchhoffs hat
Kalthoff ausgesprochen genossen. Sie waren nicht nur sehr aufgeschlossen 30 und
vielseitig interessiert, sondern auch sachverständige Kunst- und
Musikliebhaber, wie er selbst, so daß er die ausgebildete Sängerin an Flügel
oder Orgel begleiten konnte. Blieb ihm die Zeit nicht für einen Konzertbesuch,
so pflegte sich Kalthoff statt dessen die Partitur zu Gemüte zu führen. Auch
habe er, so wußte sein Freund Steudel (1907), sich insgeheim immer mit dem
Gedanken getragen, einen großen Roman zu schreiben. Neben dem beruflichen und
privaten Glück scheint sich Kalthoff auch in der Stadt, die übrigens damals
mancherlei und erstaunliche Parallelen zu Barmen aufwies, recht heimisch
gefühlt zu haben und entwickelte er rasch eine Vielzahl von nebenberuflichen
Aktivitäten.

A. Kalthoff "bei dem Weine, den er
liebte..." (H. Bösking)
von links: Friedrich Steudel - Albert Kalthoff - stehend Oscar Mauritz
(Foto: Staatsarchiv Bremen)
Soziales Engagement.-
Mit
dem Elend der Arbeiterschaft vor seiner Kirchentür tagtäglich konfrontiert,
und angesichts der Bemühungen seiner jungen, sozial engagierten Kollegen, durch
Mildtätigkeitsaktionen zumindest punktuell die ärgste Not zu lindern,
vertiefte sich Kalthoff in das Studium nationalökonomischer und
sozialpolitischer Fachliteratur, um diesem Übel systematisch auf den Grund
gehen zu können. Quasi als Nebenprodukt stieß er dabei auf den englischen
Gelehrten und Amtsbruder Charles Kingsley (1819-1875), der zugleich orthodoxer
Hofprediger der Königin und radikaler Sozialist war, Erzieher des Prinzen von
Wales wie der Arbeiterschaft in den Slums von London. Mit großer Begeisterung
stellte Kalthoff diesen ungewöhnlichen "Apostel des Sozialismus" in
einem 1892 erschienenen "religiös-sozialen Charakterbild" vor
und erläuterte dessen vielfältige Ansätze, von Wohnhygiene über
Produktionsgenossenschaften bis zu Arbeiterakademien. Kalthoff sah seinerseits
in Aufklärung, Bildung und Ausbildung wesentliche Vorbedingungen für eine
wirksame Bekämpfung des Elends, indem dadurch eine solide Basis für
nachhaltige Selbstbefreiung aus Unterdrückung und Ausbeutung (12-Stunden-Tag
bei Hungerlöhnen, 8-Klassen-Wahlrecht etc.) gelegt werden könne. Seine
vielfältigen diesbezüglichen Aktivitäten und Anregungen zu erfassen, würde
ausführliche archivalische Recherchen erfordem;31 hier sollen nur einige der
Initiativen erwähnt werden, die in den genannten gedruckten Quellen angeführt
wurden.
1891 begründete Kalthoff den
Arbeiterbildungsverein "Lessing", mit welchem er so etwas wie die Idee
einer Volkshochschule realisierte. Sein erklärtes Ziel war es, Kunst und
Wissenschaft in möglichst breite Kreise hineinzutragen, die ganze Gesellschaft
an der von ihr selbst hervorgebrachten Kultur teilhaben zu lassen. Er
persönlich trug zu diesem Bildungsprogramm mit unzähligen Vorträgen,
Zeitungsaufsätzen, Broschüren und Büchern bei, nicht zuletzt auch in seinen
Predigten und Hauskränzchen, durch welche er vor allem den Unternehmern ins
Gewissen redete und um Verständnis warb. Im "Lessing-Verein" hielt er
selbst Kurse ab, dirigierte sogar den Männerchor. Später richtete er
Literatur- und Bildungskurse speziell für Damen ein.
1900 gründete er den Bremer
"Goethe-Bund", einen Volksbühnenverein, der verbilligte Abonnements
für Theater und Konzert vermittelte und pro Spielzeit einige Vorträge
organisierte: Zur "Förderung der geistigen Erziehung des Volkes und
Bekämpfung aller Bestrebungen, die auf eine Beschränkung der geistigen
Freiheit der deutschen Nation gerichtet sind", wie es in der Satzung
hieß. Dem gleichen Ziel diente die ebenfalls durch Kalthoff initiierte
Einrichtung der "Lesehalle" im Jahre 1901, einer niedrigschwelligen
Ergänzung zur vornehmen Stadtbibliothek.
Das "Recht auf Bildung" sah Kalthoff
in engem Zusammenhang mit dem "Recht auf freie Entfaltung der
Persönlichkeit", für welches er nach allen Seiten hin eintrat: Im Kampf
gegen Benachteiligung von Arbeitern, für Frauenemanzipation, für das Recht des
Kindes, gegen Zensur, gegen Wehrpflicht, gegen Todesstrafe, für
Strafrechtsreform, für Frieden, für Völkerverständigung, für Europa etc. Er
scheute sich nicht, in Zeitung und Gewerkschaftsversammlung für streikende
Arbeiter Partei zu ergreifen und stand mit den Bremer Sozialisten auf gutem
Fuß. 1891 hatte dortselbst der zwanzigjährige Friedrich Ebert nach seinen
Wanderjahren als Sattlergeselle (die ihn auch durchs Bergische Land geführt
hatten) sich niedergelassen und die SPD als Parteiorganisation zügig wieder
aufbauen können. Nachdem er ihr zum Durchbruch verholfen und Bremen wieder
verlassen hatte, wurde das Verhältnis der Bremer Sozialisten zu Kalthoff
allerdings kühler und mißtrauischer, aus Sorge um die Parteilinie und Furcht
vor Abwerbung.
Stark war auch Kalthoffs Engagement im
Schulwesen; er gründete einen "Elternbund für Schulreform" und hatte
über den Bremischen Lehrerverein wesentlichen Einfluß auf die Lehrerschaft,
deren Eintreten für eine Abschaffung des kirchlichen Religionsunterrichts als
"Bremer Schulstreit" in die Geschichte der Pädagogik einging. 32 Er
selbst wandte sich in mehreren seiner Predigten und Broschüren gegen die
Spaltung des Volkes durch Klassen- und Konfessionsschulen, plädierte
leidenschaftlich für die "Einheitsschule" und einen allgemeinen statt
kirchlich-konfessionellen Religionsunterricht. Harte Kritik übte er auch an der
"Barbarei der humanistischen Bildung", die die jungen Menschen
verbiege und für eine "vergitterte", durch Standesdünkei abgesperrte
Welt erziehe.33
Kalthoffs Engagement in Sachen Wissenschaft
ist bislang leider noch gar nicht aufgearbeitet worden und daher völlig
unbekannt. Er gründete in Bremen eine "Sozialwissenschaftliche
Vereinigung" zur Förderung dieses neuen Wissenschaftszweiges und dessen
Rezeption in der Öffentlichkeit. Und was sein eigenes Fach betrifft, so
kommentierte er mit herben Worten Harnacks damaligen Coup, die Theologie als
solche im modernen Hochschul-Fächerkatalog festzuschreiben, statt sie der
Religionswissenschaft einzugliedern.
Aus verschiedenen seiner Vortragsreihen sind
Bücher entstanden wie z. B. über die griechische Antike, über das Zeitalter
der Reformation, über Goethes Faust und vor allem über "Friedrich
Nietzsche und die Kulturprobleme unserer Zeit" (s. Werkverzeichnis).
Ähnlich wie seine um 20 Jahre jüngere Landsmännin Helene Stöcker hatte auch
Kalthoff schon relativ früh, noch zu Lebzeiten Nietzsches, die überragende
Bedeutung dieses Philosophen erkannt und wurde von dessen Gedanken stark
beeinflußt. Daneben teilten die beiden Wuppertaler die Hochschätzung Goethes,
dessen damals große Zugkraft im Hinblick auf das Ideal der freien
Persönlichkeitsentfaltung aus heutiger Sicht (glücklicherweise) nur noch
schwer nachzuempfnden ist.
Friedensarbeit -
Schon
als jungem Wanderprediger ist Kalthoff das Friedensthema wichtig gewesen und
taucht auch in den Bremer Kanzelreden immer wieder auf. Später dann engagierte
sich Kalthoff aktiv in der Deutschen Friedensgesellschaft und begründete deren
Bremer Ortsgruppe. Während die früheren Kalthoff-Biographen aber diesen Aspekt
völlig vernachlässigt bzw. "vergessen" hatten, arbeitete ihn Donat
1988 erstmals deutlich heraus. Weitere Bremer Arbeiten
folgten 34 so daß Kalthoff heute in erster Linie als Pazifist bekannt ist.
Insofern dürfen hier einige kurze Hinweise zu diesem Thema genügen.
Kalthoff war, ähnlich wie Ludwig Quidde, ein
Patriot im guten Sinne des Wortes; er "liebte" sein Land und sein Volk
und sah es gerne im internationalen Wettstreit mit anderen Staaten,
Volkswirtschaften und Kulturen. Es schmerzte ihn, daß Deutschland hinsichtlich
der Demokratisierung zum hoffnungslosen Schlußlicht in Europa zu werden drohte.
Krieg hielt er nicht grundsätzlich für völlig ausgeschlossen, aber für
idiotisch, eines Kulturvolkes für unwürdig, und ökonomisch für widersinnig.
Angesichts der weltweiten wirtschaftlichen Verflechtungen erschien er ihm zu
seiner Zeit auch als unwahrscheinlich. Den säbelrasselnden flotten Kaiser in
Berlin schien er kaum ernstzunehmen, und statt vor dem wachsenden Militarismus,
den er zwar erkannte und benannte, zu warnen, beschwor er die Vernunft seiner
Zuhörer und ermutigte sie zu Besonnenheit und Völkerverständigung. Ohne Haß
auf die Engländer zu schüren, prangerte er den Burenkrieg als barbarisches
Menschenabschlachten an und äußerte seinen Abscheu über die inhumane deutsche
Kolonialpolitik - alles innerhalb seiner Predigten.
Anfang 1903 leitete Kalthoff eine Versammlung,
bei welcher er den aus Bremen stammenden Münchner Friedensführer Prof. Ludwig
Quidde als Redner vorstellen konnte. Dabei rief er zur Gründung einer
Ortsgruppe der Deutschen Friedensgesellschaft auf, als deren Vorsitzender er
sogleich gewählt wurde. Sein Stellvertreter wurde der Kunstmaler Rittinghoff,
ein Freund aus dem Kirchhoff-Kreis, von dessen Hand ein kurz nach Kalthoffs Tod
gefertigtes Ölporträt überliefert ist.
Donat & Jung (1988) haben ihren Porträts
dreier Bremer Friedens-Prediger (Kalthoff, dessen Nachfolger Emil Felden, sowie
Gustav Greiffenhagen, einziger Bremer Teilnehmer an der Barmer Bekenntnissynode
1934) den nationalistischen Normal-Pastor vorangestellt, dem scheinbar der
Sedanstag der höchste kirchliche Feiertag war. 35 Dieser zur Beurteilung Kalthoffs so wichtige Kontrast sei hier durch einen kurzen Blick ins eigene Tal
ersetzt. Dadurch wird zugleich deutlich werden, daß Kalthoff, der den Ausbruch
des ersten Weltkriegescht mehr erleben mußte; bei aller Kritik an der
Untertanen-Amtskirche wohl keine Vorstellun nig davon hatte, wie schwach es um
deren Friedensfähigkeit tatsächlich bestellt war. So hätte er gewiß nicht
für denkbar gehalten, daß wenige Jahre später z. B. ein Elberfelder
Amtskollege Nachrufe wie diesen auf frühere Konfirmanden verfassen würde:
"Robert Bergmann (23.09.1897-30.12.1997): Freiwillig sich an einem
Sturmangriff mit kleiner Schar beteiligend, fiel er durch Kopfschuß, nachdem er
noch eben einem Kameraden zugerufen: 'Heute kannst du 50 Engländer auf mein
Konto schreiben!' Eine reine Jünglingsseele. Bestattet in Serranvillers."
36
Wie wohlfeil gerade den in so heiligem Zorn
wider Kalthoff entbrannten Verfechtern der "reinen Lehre" in jenen
Kriegsjahren das vormals so teure Gotteswort war, und die Bibel nun plötzlich
skrupellos als nationalistisches Propagandamaterial ausgeschlachtet wurde, soll
hier schamhaft übergangen werden, steht es doch mit deren heute üblicher
Benutzung als tiefenpsychologisches Lehrbuch kein Deut besser.
Als Pazifist war Kalthoff weit davon entfernt,
den göttlichen (Kanzel-Segen-) Frieden, "welcher höher ist als alle
Vernunft", zu verwechseln mit dem oft schrecklichen Frieden, "wie ihn
die Welt gibt" ; dieser Punkt wird weiter unten, im Zusammenhang mit seinem
theologischen Spätwerk, wieder aufgegriffen.
Kalthoff als Prediger.- Den
Bremer Protestanten stand (und steht) es frei, sich unabhängig vom Wohnquartier
derjenigen Gemeinde anzuschließen, die ihnen zusagte, z. B. hinsichtlich der
Denomination (lutherisch, reformiert etc.) oder des Predigers. Wenn ihnen der
ihrige nicht gefiel, so konnten sie sich, zumal in der Altstadt, nur ein paar
Ecken weiter in eine andere Kirche begeben, etwa auch, um der Verderbnis durch
darwinistische Irrlehren zu entgehen und sich an der Geschichte vom Lehmkloß zu
erquicken. So dürfte sich über die Gemeinden hinweg ein markantes
theologisches Profil ergeben haben, auch wenn es in einzelnen Kirchhäusern
wiederholt zu krassem Richtungswechsel kam. Kirchensteuer gab es nicht, so daß
die auf Spenden angewiesene Arbeitsfähigkeit der Gemeinde wesentlich vom guten
Einvernehmen zwischen Pastor, Kirchenvorstand und Gläubigen abhing. Kalthoff,
der seiner Gemeinde mit Wärme und Verbindlichkeit begegnete, setzte auf ein
vertrauensvolles, fast intimes Klima, und als er nach der Pensionierung Schwalbs
1894 Primarius wurde, verzichtete er sogar auf die Einstellung eines zweiten
Pfarrers und nahm lieber die ganze Arbeit auf sich allein. Dennoch ist von
Eifersüchteleien wegen seiner vielfältigen außergemeindlichen Aktivitäten
nichts berichtet worden und war die Anhänglichkeit der Gemeindeglieder
mindestens ebenso groß wie bei den anderen, einen autoritären Führungsstil
pflegenden Pastoren: "Unser Kalthoff" wurde er genannt.
Von der Kanzel redete er seine Hörer stets
mit "meine Freunde" an, und die sehr zahlreich überlieferten
Predigttexte lassen erkennen, daß er es auch so meinte. Erbauung und Belehrung,
Mahnung und Ermunterung sind seine Hauptregister, und wo andere im Donnergrollen
Straf- und Bußpredigten dröhnen ließen, da war er persönlich-bekenntnishaft
oder lockte verständnisvoll Einsicht in eigene Schwäche und Ungerechtigkeit
hervor. Einsicht, Verständnis und Zuversicht lassen sich geradezu als die drei
Grundpfeiler bezeichnen, auf denen seine Kanzel ruhte: Niemals legte er den
Finger in eine Wunde, sondern versorgte sie wie ein Sanitäter, ging aber den
Unfallursachen schonungslos nach, zeigte Wege der Verhütung auf und machte Mut
zu mehr Umsicht und Vorsicht. Je übler die Schwären, desto leidenschaftlicher
prangerte er die hygienischen Verhältnisse an und strebte nach Verbesserungen.
Zu den "gemüthvollsten" seiner Predigten gehören die über Erziehung
und Kinderrechte, in weichen er in anrührenden Worten und Bildern kindlichen
Bewegungs-, Entdeckungs- und Liebesdrang schildert und dabei die Keulen benennt,
mit welchen Elternhaus, Schule und Kirche kindliche Kreativität, Offenheit,
Sozial- und Zukunftsfähigkeit ertöten. "Im Recht des Kindes gewinnt die
Zukunft Gewalt über uns", findet das vorwärtsdrängende Leben seine erste
Gestaltung; während eine rückwärts gewandte Kultur die kommenden Generationen
für die Vergangenheit erzieht, der Jugend mit einer idealisierten guten, alten
Zeit "einen Spiegel vorhält für ihm eigene Entartung" und sie zur
Rückkehr mahnt zu dem, "was den Vätern einst heilig gewesen". 37
Er war ein brillanter Redner, der seine
Zuhörer so in Bann schlug und in fremde Gedankenwelten entführte, daß sie
beim Verlassen der Kirche Schwierigkeiten hatten, in ihren sonntäglichen
Habitus zurückzufinden. Seine Deklamation sei jedoch keineswegs dramatisch oder
theatralisch gewesen, berichtet Steudel (1907), sondern eher gedämpft,
kraftvoll, aber unaufdringlich und wohlklingend, wobei besonders sein am
griechischen Versmaß geschulter Sinn für rhythmische Sprechweise als angenehm
empfunden worden sei.
Offenbar schon früh hat Kalthoff seine
Predigten zu Serien um einen Themenschwerpunkt herum konzipiert, wobei er
zunächst wohl biblische Probleme wählte und später zu allgemeineren
religiösen Zeitfragen kam oder auch einzelne Philosophen behandelte (z. B.
Lessing oder Nietzsche). Auch verzichtete er in den letzten Jahren auf die
Voranstellung eines biblischen Predigttextes. Das trug erheblich zu strengerer
gedanklicher Durchführung und Oberzeugungskraft seiner Betrachtungen bei, indem
die oftmals so seichten Assoziationsketten beim berüchtigten "heiligen
Schwenk" zum vorgeschriebenen Text entbehrlich wurden und er nicht in die
Verlegenheit kam, aus Gründen einer Kirchenordnung den Bibelworten Gewalt
anzutun. Mitunter sind seine Predigten streng dialektisch aufgebaut und muten
insofern den Hörern einiges zu. Dies sei kurz am Beispiel der Predigt
"Rassenkampf' skizziert:
In anschaulichen, teils gar blumigen Worten
beschreibt Kalthoff den "Seid-umschlungen-Millionen"-Traum des 18.
Jahrhunderts von einer erdumspannenden Menschheitsfamilie in ewigem Frieden. Dem
stellt er das stolze Nationalbewußtsein des 19. Jahrhunderts gegenüber, wobei
er seine eigene patriotische Gesinnung bekennt und die Vorteile eines
Konkurrenzkampfes der Völker herausstreicht. Sodann versucht er, auch zu dieser
liebgewordenen Haltung auf Distanz zu gehen und als Perspektive auf das 20.
Jahrhundert Möglichkeiten einer Synthese (Wettstreit im Rahmen von Kooperation
und Kulturaustausch, besonders auch mit den sog. primitiven Völkern,
Partnerschaft statt Kolonialismus etc.) zu entwerfen - hinter welcher sich
übrigens, noch unscheinbar, der Gedanke "Europa" verbirgt.
üblicherweise schildert er jede der gegensätzlichen Ausgangspositionen (These
und Antithese) sehr lebendig und ansprechend, lädt die Hörer ein, sich ebenso
vorbehaltlos etwa in die Welt eines Säufers wie in die eines
Abstinenz-Fanatikers hineinzuversetzen und stürzt sie damit nicht selten in ein
Wechselbad der Gefühle.
Weniger streng dialektisch konzipierte
Predigten erinnern an die Sonatenform, wo die Antithese das Hauptthema nur als
Nebenmotiv kontrastiert und die Durchführung lediglich unterschiedliche Aspekte
aufzeigt, ohne eine neue These hervorbringen zu wollen.
Das wohl faszinierendste Beispiel seiner
Kunst, Erbauliches und Belehrendes organisch zu verbinden, Gemüt und Verstand
gleichermaßen anzusprechen, ist seine 1898 erschienene Predigtreihe "An
der Wende des Jahrhunderts. Kanzelreden über die sozialen Kämpfe
unserer Zeit. Von Herbst 1897 bis Himmelfahrt 1898 behandelte er in 26
Ansprachen die brennendsten Zeitfragen, von Arbeitskampf und Arbeitslohn über
Todesstrafe, Trunksucht, Krieg, Wissenschaft, Schulfrage, moderne Kunst, über
Porträts der wichtigsten politischen Parteien bis zu einer mehrstündigen
Analyse und Kritik privater, kirchlicher und staatlicher Formen der
Wohltätigkeit. Weihnachten sprach er über die Frauenfrage, wobei er an der
Krippen-Maria anknüpfte und mit der Aufforderung an die Männer schloß, den
Frauen die gleichberechtigte Teilhabe an ihrer Welt zu schenken.
Wohl wissend, "daß nichts den Menschen
anfangs so stutzig macht und ihm so schwer angeht, als wenn er über den Kreis
der Vorstellungen, in die er durch sein äußeres Leben hineingeboren ist,
hinausgehen und seine gewohnten Anschauungen wohl gar umdenken soll" (S.
10), und dies an Jesus, Paulus und Lessing erläuternd, mutete Kalthoff
seinen Hörern mit diesem Projekt also ganz beträchtliches an Umdenken zu. Als
Ziel hatte er vorab benannt, "das Verständnis für die sozialen Kämpfe
unserer Zeit zu fördern und in uns zu vertiefen. Wir wollen die inneren Gesetze
aufsuchen, nach denen diese Kämpfe sich vollziehen, wollen dann den neuen
Lebensidealen ins Auge schauen, die aus den sozialen Gährungen unseres
Jahrhunderts sich zu bilden beginnen." (S. 5).
Bei Besprechung der politischen Parteien,
deren jeder er eine ganze Predigt widmete, warb er um Verständnis für deren
spezifische Ideale und Bedeutung im zeitgenössischen Spiel der
Entwicklungskräfte, sparte jedoch auch nicht mit Kritik an der jeweiligen
Realpolitik, wobei er besonders hart mit den Liberalen ins Gericht ging (die
speziell in Bremen heillos zersplittert waren).
Die mit Abstand schärfste Polemik jedoch fuhr
Kalthoff dabei gegen die Innere Mission auf: Ausführlich zitierte er aus der
(übel reaktionären) Gründungspropaganda Wicherns, der die 48er Revolution als
verbrecherischen Frevel eines trunkenen, bösen Volkes gegen die von Gott
eingesetzte staatliche Obrigkeit und als Ausgeburt des Satanismus gebrandmarkt
hatte und sich nun als Schutzstaffel der Kirche und des Königs diesen
geöffneten Pforten der Hölle entgegenzuwerfen entschloß. Kalthoff: "Eine
Kampfgenossenschaft ist die innere Mission, nicht um die Ungerechtigkeit und das
Elend, darunter das Volk seufzt, aufdecken und beseitigen zu helfen, sondem um
das Volk in der Gefügigkeit gegen die Autorität zu erhalten. Die Liebe der
inneren Mission ist aus der Angst geboren, darum ist sie nicht echt und rein.
Ihr eigentlicher Zweck ist: Stärkung der Gewalten, der hierarchischen in der
Kirche und der patriarchalischen im Staate. Die innere Mission kennt nur eine
Quelle alles menschlichen Verderbens: die Emanzipation des Volkes von der
Autorität. Sie kennt nur ein Mittel zur Beglückung und Beseligung der
Menschen: Unmündigkeitserklärung der Massen, Unterwerfung des Volkes unter die
Vormünder und Pfleger, die in Staat und Kirche ihm gestellt sind." (S. 251
f). Mit tiefem Schmerz erfülle ihn, Kalthoff, nicht der Dreck, mit dem er
persönlich im Vorjahr, beim Bremer Kongreß der Inneren Mission, beworfen
worden war, sondern die Tatsache, daß im Ringen um die dem Christentum
entfremdeten Massen "hier so viel tüchtige Kraft und gutes, ehrliches
Wollen in falsche Bahnen gelenkt ist und deshalb gerade das Gegenteil erreicht
von dem, was erreicht werden sollte. Für ein Christentum, das die Geister in
Fesseln schlägt und dem Wahrheitsstreben einen Riegel vorsteckt, sind die
Massen des Volkes, die einmal zum Bewußtsein ihres eigenen Menschenwesens
erwacht sind, nicht mehr zu haben." (S. 253).
In werktäglichen Gesprächskreisen konnten
die Themen vertieft und diskutiert werden, so daß Kalthoff die Möglichkeit
hatte, am folgenden Sonntag auf Mißverständnisse oder Gegenargumente
einzugehen. Verschiedene dieser Predigtserien erschienen auch im Druck, wobei
wohl die "Zarathustra-Predigten - Kanzelreden über die sittliche
Lebensauffassung" die berühmtesten wurden, mit Einzelthemen wie "Ewigkeitsliebe",
"Sehnsucht", "Persönlichkeit", "Neue Treue",
"Schenkende Tugend" usw.
Vorträge über Literatur zu halten, war
sicherlich für Pastoren nichts Außergewöhnliches 38; daß es aber von der
Kanzel geschah, war insofern besonders skandalös, als Kalthoff die biblischen
Bücher in eine Reihe mit der bedeutenden Weltliteratur stellte - den
Gläubigen, denen die Heilige Schrift über alles erhaben galt, ebenso zum
Äraetuis wie den Literaten, die sie als minderwertige Volksprosa (=
Nichtliteratur) erachteten. 39
Am Beispiel solcher Kontroversen (Heilige oder
profane, Welt- oder Kleinliteratur) erweist sich, wie etwa auch bei dem bereits
erwähnten Engagement für Arbeiterbildung, Kalthoffs wenig gesunde Vorliebe,
seine Position just im unwirtlichen Gelände zwischen zwei Fronten zu beziehen.
Auch für seine Gemeindeglieder war dies schwierig und belastend, zumal sie
unter der von außen kommenden Kritik und Anfeindung nicht nur indirekt zu
leiden hatten, indem sie etwa von anderen Pfarrern als arme verblendete
Schäflein, die blind hinter einem Geisteskranken her rennen, tituliert wunden.
Die Bremer Geistlichkeit war im wesentlichen
in zwei Lager gespalten, die Orthodoxen und die Liberalen, welch letztere sich
im Protestantischen Reformverein zusammengeschlossen hatten. Zu diesem Verein
hielt sich auch Albert Kalthoff, obwohl sich seine eigene theologische
Entwicklung ständig weiter von dessen Linie entfernte. Je älter er wurde,
desto stärker wurde auch seine Ungeduld mit jenen, die sich in der Frage des
historischen Jesus "festgebissen" und im Streit um dieses
"periphere Gelehrtenproblem" die Gesinnung Jesu aus den Augen verloren
hatten. Und doch, bei aller Liebe und Leidenschaft für wissenschaftliche
Probleme und Auseinandersetzungen, in denen er einen vitalen Kampfgeist und
teils beißende Schärfe an den Tag legte, lag ihm als Seelsorger einzig an dem
moralischen Ertrag solcher Bemühungen. Entsprechend schlug er auf der Kanzel
einen völlig anderen Ton an, blieb vornehmlich positiv, aufbauend und
Zuversicht ausstrahlend, predigte nicht theologische Fachfragen, sondern
lebendigen Glauben. Aus der wüstesten Pfaffenrauferei kommend war er vor seinen
Schäfchen gleich wieder der sanfte, umsichtige Hirte, der mit freundlicher
Gebärde den Weg zum saftigen Grün wies - statt Silo-Futter vorzusetzen.
Sicherlich war er ihnen Erklärungen schuldig, zumal wenn sie durch giftige
Pamphlete verunsichert wurden, doch führte er seinen fachlichen Streit als
etwas Unwichtiges, nur Experten betreffendes, grundsätzlich nicht im
Gottesdienst fort. Bereits in seiner Berliner Predigt über die Gesinnung Jesu
(1887, S. 12) hatte er erklärt:
"Und dann, meine Freunde, es gilt weiter,
daß wir in unserem religiösen Leben den Blick von allerlei Nebensachen, die
sich wohl breit machen, weglenken auf die Hauptsache, auf das Eine, was noth
thut. Jede Religion setzt im Laufe der Zeit eine große Zahl von Fragen ab, die
für die wissenschaftliche und begriffliche Darstellung der Religion von
Wichtigkeit sind, die aber verschwindend klein werden, sobald die Hauptfrage der
Religion, die Stellung des Menschen zu Gott und seinen Mitmenschen, in Betracht
kommt. Das ist der Fluch unserer kirchlichen Kämpfe, daß sie die Gemüther so
vielfach abziehen von dem, worauf es ankommt, und dafür einen Fanatismus für
Nebensachen erzeugen." (z. B. Wunderfrage, Leben Jesu). "Es ist eben
viel leichter, über die religiösen Fragen zu räsonniren, zu disputiren, als
die Religion selber praktisch in Angriff zu nehmen."
Trotz dieser bezeichnenden Schere zwischen
religiöser Verkündigung und "gelehrter Streiterei um nebensächliche
Fragen" machte er aus seinen theologischen Grundüberzeugungen keinen Hehl.
Sie sind in jeder seiner Reden präsent und greifbar, betreffen sie doch gerade
die Kernfrage nach dem Wesen des christlichen Glaubens. Trotz der
beträchtlichen Wandlungen, die Kalthoff in seiner theoretischen Entwicklung
zeigt, blieb er dieser Kernfrage stets treu. Zunächst hatte er die Antwort im
"historischen Jesus" gesucht, im entmythologisierten, bereinigten
Original als lebendigem Vorbild. Bald aber bemerkte er, daß die so gewonnene
"intellektuelle Redlichkeit" nur vordergründig war, die eigenen
modernen Anschauungen lediglich einem heiligen Rock untergejubelt wurden, an
dessen Zipfeln man dann weiter hängen konnte - eine übrigens auch von Albert
Schweitzer40 zugestandene Gefahr des liberalen Ansatzes.
Von der historischen Persönlichkeit
abrückend kaprizierte sich Kalthoff dann auf die Gesinnung Jesu, welche er als
Konzentrat des urchristlichen Gemeindeglaubens verstand und in die Gegenwart,
für den modernen Menschen geeignet, zu übersetzen trachtete. Dabei stieß er
jedoch u. a. auf die gleiche Schwierigkeit, in die antiken Texte moderne
Überzeugungen nur hineinzuinterpretieren, letztere also damit bloß historisch
zu legitimieren.
Auch die gegenwärtig boomende Jesus-Literatur
zeichnet sich durch etwas aus, was Emst Bloch in seiner Strauß-Kritik ("Prinzip
Hoffnung") spöttisch als biedermeierlichen
"Plüsch-Liberalismus" deklassierte: Jesus als Heilpraktiker,
Psychotherapeut, Feminist, Pazifist, Müsli-Man (absolute Rohkorn-Frische durch
Ährenraufen selbst am Sabbath) etc. Kalthoffs Kommentar zu solchen Unterfangen:
„Sie
wollen die Religion Jesu ausfindig machen und in ihr die Heilung aller
Krankheiten der Zeit entdecken. Sie sind bemüht, aus der Religion Jesu eine
auch dem modemen Gaumen schmackhafte Speise herzustellen und nennen ihr nach
eigenem Rezepte gebrautes Ragout dann das ursprüngliche Christentum."
(Zarathustra-Predigten, 1904).
Der Versuch, einen Glaubenskern von bleibender
Gültigkeit gleichsam aus zeitgebundenen Schalen herauszulösen, erwies sich -
ähnlich wie bei einer Zwiebel - als vergeblich. Nun wählte Kalthoff den
umgekehrten Weg, nämlich von einer gründlichen Analyse der damaligen
Zeitströmungen her das Neuartige und Durchschlagende am Christentum zu
erkennen. Er sah es schließlich - um das Ergebnis seiner "radikalen
Sozialtheologie" (s. u.) vorwegzunehmen - nicht in spezifischen
Glaubensinhalten, sondern hauptsächlich in dem eisernen Griff, mit dem das
Urchristentum alle wesentlichen vorwärtstreibenden Kulturkräfte seiner Zeit
umfaßte, ethisch veredelte und kreativ nutzbar machte. Entsprechend definiert
sich christlicher Glaube nicht durch Dogmen oder Bekenntnisformeln, wie sie auf
Konzilen verabschiedet werden, sondern ist um so lebendiger, je mehr er die
Zukunft im Auge hat. Erste und wichtigste Voraussetzung ist die Erkenntnis und
Anerkennung der gottgegebenen, unabänderlichen Naturgesetze; indem sich der
Mensch diesen unterwirft, wird er erst wirklich frei, kann sich ihre Gewalten
nutzbar machen und ihren Gefahren entziehen. So ist z. B. die Tuberkulose von
Kellerkindern oder Familien, welche Neubauten "trockenwohnen", nicht
Gottes unerfindlicher Ratschluß, sondern seine aus ökonomischen und
sozialpolitischen Gründen mißachtete Naturgesetzlichkeit.41 Entsprechend
finden sich in der Predigtreihe "Religiöse Weltanschauung" (1903)
Kanzelreden über Kosmogonie, Evolution, Gesetz der Erhaltung der Kraft,
Vererbungsgesetze usw. Auch im Gang der Geschichte sieht Kalthoff solche Gesetze
wirksam und hält es für töricht, den Lauf der Zeit aufhalten, gegen den Strom
schwimmen zu wollen. Richtiger sei es, diese Entwicklungskräfte zu erkennen und
in christlicher Gesinnung selbstverantwortlich zu nutzen, im großen
Zeitgeschehen gleicher= maßen wie im persönlichdn Schicksal, so daß sich etwa
die Frage "Wie konnte Gott das zulassen?" von selbst erübrigt. 42
"Leben" heißt, sich an den Kämpfen
der Zeit nach bestem Wissen und Gewissen aktiv zu beteiligen;
"Glauben" aber heißt, seine dabei eingenommene, eigene Position nicht
zu verabsolutieren, sondern auf eine Zukunft zu hoffen, die man selbst nicht
kennt, die jenseits des eigenen Wollens und Strebens liegt. Als Beispiele für
mächtige, unaufhaltbare Trends, seiner Zeit benennt Kalthoff den sozialen
Wandel (Emanzipation der Arbeiter und der Frauen, Demokratisierung in Politik,
Wirtschaft und Gesellschaft, Wegfall der Klassen- und Kulturschranken etc.) und
die freie Entfaltung der Persönlichkeit. In letzterem sieht er die eigentliche
Domäne einer Religion der Zukunft, die sich zuerst in völliger
Glaubensfreiheit ausdrückt: Jeder kann und darf seinen eigenen, aus tiefstem
Herzen kommenden und nicht indoktrinierten Glauben in der ihm angemessenen
Sprache bekennen! ("Zungenreden"). Wenn es so viele
Glaubensbekenntnisse wie Gläubige gibt, haben Konfessionsgrenzen,
Glaubenskriege und fromme Verhetzung keine Chance (und Kirchenfürsten keine
Macht) mehr; ein echtes, persönliches Glaubensbekenntnis kann aber nicht im
zwanghaften Hersagen blutleerer Formeln bestehen, sondern muß aus freiem Herzen
sprudelnde "Glaubenspoesie" sein. Während das Wissen "ein jedes
Ich unter seine Gewalt zwingt' und auf Kosten der Freiheit Einheit schafft,
läßt es keinen Raum für die freie Persönlichkeit. "Die Sprache des
Glaubens ist tatsächlich die einzige, die freie Geister zu innerer Einheit und
Herzensgemeinschaft verbindet." 43
Daß autoritäre Herrschaftsstrukturen
überlebt und keine Zukunft mehr haben, sprach Kalthoff immer wieder ganz
unverblümt aus; in ihrer ängstlichen Anhänglichkeit daran sei die Kirche
bereits jetzt zum "Tempel des Todes" geworden, da das untergehende
Schiff viele der besten Kräfte mit in den Abgrund reißen müsse. Christen
seien nicht zum "Rücklicht der Welt" berufen, nicht an die
Ankerwinde, wie es die beliebte Übersetzung "religio = Rückbindung"
nahelegt, sondern in den Ausguck, ans Navigationspult.
Die Zeichen der Zeit zu erkennen, sich der
Zukunft klug vorbereitet zu stellen, die Notwendigkeiten und Gesetze
historischer Entwicklungen zu erkennen und anzuerkennen; das sind für Kalthoff
vornehmste christliche Tugenden; denn der moderne Glaube lebt nicht mehr in der
festen Burg Luthers, sondern in Abschied und Aufbruch, zwischen Gestern und
Morgen. So erweist sich gerade im Thema "Jahrhundertwende" besonders
sinnfällig ein Grundprinzip der Theologie Kalthoffs, daß sie nämlich weder
lösungs- noch ziel- und erst recht nicht vergangenheitsorientiert ist, sondern
"prozeßorientiert", wie man heute sagen würde.
In der Einleitung zur Predigtreihe "Religiöse
Weltanschauung" (1903) erläutert er dazu: "Das ist der Glaube,
den ich auch bei euch suchen, in euch befestigen möchte, daß über dem
Menschen, der Altes und Neues voneinander trennt und in Gegensatz zu einander
stellt, der Gott steht, der nicht alt wird und nicht neu ist, weil sein Leben
ewig ist, und aus seinem ewigen Lebensquell beides, Altes und Neues
hervorquillt. Diesem Gott lauschen, seinem Leben ins Herz schauen, seinen Geist
in uns selber finden, das löst auch in uns den Zwiespalt des Alten und Neuen,
es gibt auch uns in allen Wandlungen des Lebens den Frieden der Ewigkeit, seinen
Frieden ins Herz!" (S. 11). 44
Insofern dürfte klar sein, daß Kalthoff
niemandem seinen Glauben hat nehmen wollen, sondern es zutiefst respektierte,
wenn ein Mensch auch mit sehr traditionellen religiösen Vorstellungen und
Überzeugungen identisch leben konnte, d. h. ohne seinen Glauben als
Scheuklappe, als Waffe, als Unterdrückungsmittel bzw. umgekehrt, als
Gängelband mißbrauchen zu müssen. Und diejenigen, welche aus Ablehnung
gegenüber ihrem eigenen Kinderglauben und/oder dem Machtanspruch real
existierender Kirchen sich dem Christentum entfremdet hatten, wollte er
keineswegs missionieren, sondern sie ermuntern, sich nicht in einer
Abwehrstellung einzugraben, sondern den ihnen gemäßen Weg zu suchen und
offenen Auges fortzuschreiten. Wenn es ihm - in "schwachen Stunden" -
manchmal auch bitter wurde, daß von den Arbeitern, für die er sich so
abrackerte und obendrein verprügeln ließ, kaum einer je den Fuß in seine
Kirche setzte.
Auch in Kalthoffs eigenem Verhalten als
Vereinsmitglied trat diese seine Auffassung zutage: Ein erzielter Gruppenkonsens
diente ihm augenscheinlich nicht als warmes Nest, um sich fürderhin darin
wohlzufühlen, sondern eher als Ausgangsbasis zum Weiterdenken, und zwar
durchaus auch dialektisch, indem er zu der womöglich mühsam erreichten
Synthese nunmehr eine neue Antithese entwickelte. Hierin erwies er sich
vielleicht am deutlichsten als Vollblut-Wissenschaftler und hat damit wohl gar
manchen lieben Amtsbruder charakterlich bzw. sozialpsychologisch völlig
überfordert, so daß er nicht nur als Konflikthansl geziehen, sondern sogar als
"pathologischer Fall" beschimpft wurde.
1904 brachte er es sogar fertig, eine Frau in
St. Martini predigen zu lassen! Es handelte sich um die Amerikanerin Reverend
Anna Shaw, die sich anläßlich der Berliner Weltfrauenkonferenz
(Stimmrechtskongreß) in Europa aufhielt und die Einladung Kalthoffs gerne
annahm. Kalthoff verfolgte die Frauenbewegung nicht nur aufmerksam und
interessiert, sondern hatte im vorangehenden Winter auch eine Predigt dem
"Recht der Frau" gewidmet. 45 Vielleicht ist Anna Shaw die erste Frau
gewesen, die im neuzeitlichen Deutschland eine Kirchenkanzel bestiegen hat.
Kalthoff selbst scheint übrigens eher ein
Reisemuffel gewesen zu sein. Von Auslandsreisen wird - außer Schweiz - nichts
berichtet, auch nicht von ausgedehnter, zumal internationaler
Kongreßtätigkeit.
Jeglichem Personenkult abhold, betrachtete er
in beinahe pietistischer Weise gerade auch die von ihm verehrten Dichter und
Denker primär als Werkzeuge Gottes. Mit all seiner Hochschätzung der frei
entfalteten Persönlichkeit verband Kalthoff keineswegs einen liberalen
Individualismus, sondern sah den Menschen als soziales Wesen, das nicht nur
physikalischen, chemischen, biologischen und historischen, sondern auch
soziologischen Gesetzen unterworfen ist. Zeitweise vertrat er die extreme
Ansicht, die "Großen der Weltgeschichte" dankten sowohl ihre
Ressourcen als auch ihre Bedeutung ausschließlich ihrem Umfeld und ihrer Zeit,
insbesondere seien die Werke wichtiger Neuerer lediglich die in einer
(eigentlich beliebigen) Person erfolgte, enorme Verdichtung vieler, in ihrem
Kulturkreis vorhandener Fortschrittsimpulse. Später schwächte er diese
Position etwas ab; sie war ihm vor allem dazu dienlich gewesen, von der
historischen Persönlichkeit Jesus wegzukommen und seinen eigenen
historisch-kritischen Ansatz zu begründen und zu akzentuieren, aber u. a. auch
dazu, die heftigen Aversionen gegenüber Nietzsche zu mildem, indem er seinen
Zeitgenossen diesen Denker als ihr eigenes Spiegelbild vorhalten konnte. 46
Wie in seiner sozialgeschichtlichen Analyse
des Urchristentums untersuchte Kalthoff mit derselben Methodik auch Etappen der
späteren Kirchengeschichte (Reformation) und der Gegenwart, um von daher in die
Zukunft zu blicken. Dabei arbeitete er einige Schwachstellen und Achillesfersen
des Protestantismus sehr klar heraus, die tatsächlich sowohl 1914 als auch 1933
den evangelischen Kirchen zum Verhängnis wurden. Sein Essay "Religion
und Pfaffentum" (in "Religiöse Weltanschauung", 1903)
schließlich ähnelt in bedrückender Weise einer Prophezeiung der NS-Zeit; wenn
auch Kalthoff selbst damit wohl lediglich den von seinen wilhelminischen
Amtsbrüdern gepredigten Untertanen-Geist parodieren wollte.
"Radikale Sozialtheologie"
In den beiden 1897 nach Bremen berufenen
jungen Amtsbrüdem Friedrich Steudel (1866-1939, an St. Remberti bis 1933) und
Oscar Mauritz (1867-1958, am Dom bis 1946) gewann Kalthoff aufgeschlossene und
selbständige Mitstreiter, und diese drei bildeten fortan den harten Kern der
sog. Bremer Radikalen. Mit Gleichgesinnten bildete man innerhalb des
Protestantenvereins ein spezielles theologisches "Kränzchen", was
für Kalthoff offenbar das Äußerste an Organisationsgrad war - eine
theologische Schule zu begründen, widersprach seiner Mentalität zutiefst,
ebenso wie Parteisoldatentum.
1902 und 1904 erschienen Kalthoffs
theoretische Hauptwerke "Das Christus-Problem. Grundlinien zu einer
Sozialtheologie" und "Die Entstehung des Christentums - Neue
Beiträge zum Christusproblem", begleitet von Predigt- und
Vortragssammlungen wie "Religiöse Weltanschauung" (1903), "Zarathustra-Predigten"
(1904) und "Die Religion der Modernen" (1905), sowie einer
Vielzahl kleinerer Schriften und Aufsätze apologetischer oder praktischer Art.
Das zentrale Werk "Christus-Problem"
(1902) ist ein schmales Bändchen von 90 Seiten, das obendrein sein
Titel-Versprechen erst auf den letzten 10 Seiten und in denkbar bescheidener
Form, als äußerst knappe Skizze, einlöst. Die vorangehenden fünf Kapitel
enthalten in dichtgedrängter Argumentation eine rigorose, oft polemische
"Abrechnung" mit der liberalen Theologie, in welcher Kalthoff die
Leben-Jesu-Forschung als wissenschaftlichen Irrweg und religiöse Torheit
darstellt. Deren Kardinalfehler sieht er letztlich in der individualistischen
Geschichtsauffassung begründet, weiche auch Religion lediglich als eine
psychologische Erscheinung des einzelnen Menschen zu betrachten gestatte.
Christentum aber ist kein individuelles, sondern ein gesellschaftliches
Phänomen, seine Entwicklung ist durch soziale Faktoren bestimmt und wirkt auf
das soziale Leben zurück .47
In der Antike war es üblich und z. B. einem
Plutarch selbstverständlich gewesen, in Macht und Herrlichkeit etwa eines
erfolgreichen Staatsgebildes den Beweis dafür zu erblicken, daß dieses
Unternehmen durch göttlichen Willen auf den Weg gebracht worden ist
(Mythologisierung). Daraus folgte unmittelbar, daß es für Erhalt und weiteres
Gedeihen entscheidend darauf ankomme, daß die verantwortlichen Manager ihr
Schiff stets im Fahrwasser jener treibenden Kraft hielten, also die
Gründer-Gottheit in Ehren hielten und nicht durch Abdriften vom Kurs deren
Unmut erregten - eine ja auch im Alten Testament anzutreffende
Unternehmens-Philosophie. Bei Kalthoff finden wir nun eine ganz ähnliche
Argumentationsfigur: Die Nutzung der damals entscheidenden Wachstums-Impulse
muß auch für die Gegenwart und Zukunft des Christentums erfolgversprechend
sein. Um die Faktoren und Bedingungen, welche für den Durchbruch des
Christentums damals verantwortlich waren, zu erkennen, muß man allerdings
hinter den Gründungsmythos zurück, mit dem die Kirche damals zeitgemäß -
ihre tatsächlichen Wurzeln schon früh "eingekleistert" hat (durch
Errichtung von Kapellen über "heiligen Orten" ebenso wie durch
Redaktion und Selektion der frühen Schriften).
Auch heute noch glaubt ein jeder Christ mehr
oder weniger implizit, daß es Gottes Werk, seine lenkende Hand gewesen ist, die
eine kleine, zusammengewürfelte und wieder versprengte Jüngerschar zu jener
mächtigen, Jahrtausende überdauernden Kirche werden ließ. Für eine
wissenschaftliche Analyse historischer Prozesse gibt eine solche Argumentation
natürlich nichts her; es gilt vielmehr zu klären, welcher Mittel und Wege sich
Gott dabei im einzelnen - und innerhalb seiner historischen Gesetzmäßigkeiten
- denn bedient hat.
In bewußtem Kontrast zur herkömmlichen
"individualistischen Geschichtsauffassung" als Aneinanderreihung
"privater Einfälle genialer Persönlichkeiten" versucht Kalthoff, die
Entstehung des Christentums unter kultur- und sozialhistorischem Aspekt als
"organischen Entwicklungsgang" zu beschreiben, dessen Produkt sich
bildete aus dem Zusammenfluß von drei Hauptströmungen: Griechische
Philosophie, jüdischer Messianismus, römische Wirtschafts- und Sozialpolitik.
Anders als die Hegel-Schüler betrachtet er dieses "Produkt" jedoch
nicht als theologisches Phänomen, sondern - zugespitzt formuliert - als
Gesellschaftsform (Gemeinde). Ausführlich und detailliert verfolgt Kalthoff
diese drei Wurzeln anhand der zur Jahrhundertwende hierzu reichhaltig
vorliegenden Literatur (z. B. Max Weber, Lujo Brentano, Otto Lüders) sowie der
antiken Quellentexte. 48 Er spürt ideengeschichtlichen Verknüpfungen der
griechischen und jüdischen Philosophie einerseits, der römischen und
jüdischen Wirtschafts- und Rechtsordnungen andererseits nach und fragt nach
deren soziologischen Erscheinungsformen, also ob und wie das neue Denken sich in
gesellschaftlichen Strukturen niederschlug und sich der soziale Wandel in der
geistesgeschichtlichen Entwicklung widerspiegelte.
Als soziodynamische Vermittlungsglieder und
Kristallisationspunkte im vor- und urchristlichen Entwicklungsprozeß erkennt
Kalthoff verschiedene Vereine (öffentlichen Rechts), die er als
"kommunistische Klubs" bezeichnet. Gemeint sind religiöse
Verbindungen oder Logen, international und klassenübergreifend angelegte Kult-
und Konsumgenossenschaften verschiedenster Art (z. B. thiasische oder eranische
Assoziationen), die sich von Kleinasien aus auch nach Rom verbreiteten und in
ihren Sozialordnungen eine Fülle jener Merkmale hatten, wie sie in den
neutestamentlichen "Jesus-Worten" anklingen. Ähnlich auch die
Bedeutung der jüdischen Synagogen als "Organisation merkantilen
Kapitals" und zugleich reichsweite, auf Jerusalem zentrierte
Unterstützungsgenossenschaften. 49
Indem Kalthoff historisch-kritisch versucht,
die neutestamentlichen Schriftteile und Versatzstücke einigermaßen
chronologisch zu sortieren, und diese Partikel in die antike Sozialgeschichte
quasi hineinzupuzzeln, erkennt er größere und kurzlebigere Trends der
sozio-ökonomischen Entwicklung des Urchristentums, die zu verfolgen ungemein
spannend ist. 50 Innerhalb verschiedener urchristlicher Bruderschaften erhielt
jeder, "wes er bedurfte", und der dort gebrauchte Begriff des
"Armen", so Kalthoff, sei keineswegs zu vergleichen mit dem
gegenwärtigen Pauperismus, sondern bezeichne lediglich den Besitzlosen. In
bewußter Abkehr vom römischen Besitzrecht hätten sich innerhalb solcher
Genossenschaften ein neuartiges Arbeitsrecht (mit entsprechendem
"Arbeitswert") und eine eigene Gerichtsbarkeit entwickelt - um nur
einige der von Kalthoff herausgearbeiteten Aspekte zu benennen. 51
Die urchristlichen Gemeinden waren im Kein
ihres Wesens ein extrem progressives Fortschritts-Konsortium, welches nahezu
alle vorwärtstreibenden Kräfte im Mittelmeerraum einzubinden wußte, und seien
sie noch so widersprüchlich gewesen: Die in riesigen Sklavenmassen und
unterjochten Völkern gärenden Auflehnungspotentiale ebenso wie apokalyptische
Heilserwartungen, Einheitsstreben der Vernunft, Gesetzestreue und Überwindung
der Gesetzesmoral, und vieles andere mehr. Der Zusammenfluß der kulturellen
Hauptströme findet seinen Niederschlag in der dreieinigen Gottheit, deren einer
Teil nach Palästina blickt, der andere nach Griechenland und der dritte nach
Rom.
Im Christus der Evangelien nun sieht Kalthoff
die Personifizierung des urchristlichen Gemeinschaftsbewußtseins, der
Gesamtheit seiner religiös-sozialen Lebensmächte, und dieses Bewußtsein kann
insofern, ebenso wie seine Chiffre, nur soziologisch verstanden werden. Und
schließlich ist von sozialtheologischer Bedeutung nicht der konkrete
historische Inhalt jenes Bewußtseins, sondern seine ideale Form: Die
Bündelung, Ethisierung und Humanisierung der treibenden sozialen Kräfte. Dies
für die Gegenwart neu zu leisten, darin sieht Kalthoff die Aufgabe der Religion
mit ihrer Hoffnung und Zuversicht auf die Wiederkunft Christi.
Eingehender noch als im
"Christus-Problem" beschließt Kalthoff auch sein Buch zur Entstehung
des Christentums in der ihm eigenen pastoralen Grandezza mit einem
gleichermaßen kritischen wie hoffnungsfrohen Ausblick: "Die
Zukunftsperspektive des Christentums". Darin fordert und prophezeit er
den Auszug der Kirche aus ihren dicken Mauern und ihre Verwandlung in eine
gesamtgesellschaftliche Arbeitsgemeinschaft, in der alle zukunftsfähigen
Kräfte um eine fortschreitend säkularisierte Christus-Idee gebündelt werden.
Im Zusammenhang mit seiner Mahnung, im Zentrum christlichen Denkens dürfe nicht
die Frage "Was war?" stehen, sondern die größere, christlichere:
"Was soll sein?", knöpft er sich wieder und wieder die liberale
Theologie vor, die den angeblich doch freien Menschen ängstlich an einen Pflock
der Vergangenheit, an eine historische Autorität binden wolle. Die Menschen
sollten nach liberaler Auffassung zwar eigenständige Persönlichkeiten werden,
zugleich aber auch "Jesuskopien", so daß die Verlegenheit entstehe,
das historische Modell fortwährend umbasteln zu müssen. Zu der ansonsten so
weitblickenden prophetischen Vision in diesem Schlußkapitel steht dies
unablässige, kleinliche Eindreschen auf die Liberalen in sehr seltsamem
Kontrast. Zudem entsteht beim Lesen der Eindruck, als handle es sich bei den
Liberalen nicht um eine winzige Randgruppe, sondern um die vorherrschende
theologische Schulmeinung. Erst nach wiederholtem Durchsehen dieses seltsamen
Textes geht dem Leser zwischen den Zeilen ein Licht auf: Wo Kalthoff so
penetrant Autoritätsbedürfnis und Autoritätskult geißelt, von
"Jesuanismus" und von "Kopien" spricht, da zielt er gar
nicht wirklich und zuerst auf die liberalen Theologen, sondern hat vielmehr wohl
den deutschen Kaiser und dessen riesiges Heer von Schnurrbart-Imitatoren und
Kadetten im Visier!
Speziell erweckt die - nicht nur von Kalthoff
-vielbeschworene Metapher von der freien Persönlichkeitsentfaltung den
Verdacht, daß es sich dabei um eine hinter Goethe versteckte Chiffre für
"Demokratie" handeln könne. Zeitgenössischen Lesern mag es wohl
unmittelbar evident, und doch für Zensoren nicht greifbar gewesen sein: Hier
plädiert ein Pfarrer für demokratische Grundrechte und stellt Überlegungen
an, ob und wie christliche Kirche in einer künftigen Demokratie denkbar wäre
und wie sie aussehen könne. Dabei rekurrierte Kalthoff aber weder auf seine
eigenen Erfahrungen als Pfarrer in der Schweiz noch führte er Amerika als
Vorbild an, sondern bezog sich wesentlich auf diejenigen Entwicklungskräfte und
-gesetze, welche er in seiner Analyse des Urchristentums ausgemacht hatte, um
von daher eine eigene Utopie zu entwerfen. Lediglich in "Soziale
Religion", einer der Jahrhundertwende-Predigten (1898, S. 144) spricht er
einmal explizit von einem für die Gegenwart angemessenen "demokratischen
Gott" fürs ganze Volk, den er den Gottesbildern früherer Zeiten
gegenüberstellt, wie z. B. dem thronenden Fürsten, strahlenden Kriegshelden,
bürgerlichen Zunftmeister, oder dem privaten, apart für den Einzelnen und
dessen persönliche Wehwehchen besorgten Gott.
Der von Kalthoff propagierte Christenmensch
ist ein moralischer Kraftprotz, der - wie man heute formulieren würde - ganz
aus seiner Mitte heraus lebt und, der Zukunft zugewandt, seine Kultur, seine
Geschichte, seine Gesellschaft aktiv, selbstverantwortlich und frei gestaltet.
Er ist das Gegenteil vom "Untertan", sozusagen immun gegen
"Führer" jeglicher Couleur, und Religion ist für ihn weder
Heilmittel noch Psychodroge, sondern herzhafte Nahrung, kein buchhalterisch
verwalteter Katalog von Bekenntissätzen oder gar Dogmen, sondern lebendige
Grundlage seiner Moral.
Viele der von Kalthoff geäußerten Gedanken
waren keineswegs neu, insbesondere auch seine ethischen Ansichten waren bereits
um 1890 weiter verbreitet, als man vielleicht aus heutiger Sicht vermuten
möchte. Nicht wenige der von Kalthoff vertretenen religiösen Thesen sind
später zu Kernsätzen moderner Theologien geworden, etwa bei Dietrich
Bonhoeffer, Rudolf Bultmann, Harvey Cox oder Paul Tillich, und doch will eine
Etikette wie "Gott ist tot" so gar nicht zu Kalthoffs Mentalität
passen. Seine Botschaft lautete: Gott wurde Mensch und lebt in uns, als des
Menschen tiefstes, wahrhaftigstes Wesen. Ob und wie es "den Jesus" des
Neuen Testaments gegeben haben mag oder nicht, ist für den christlichen Glauben
belanglos und mag Theologen oder Historiker beschäftigen; "Christus"
aber ist eine Metapher für die dem kulturellen Fortschritt zutiefst
innewohnende Triebkraft, für eine ideale, zukunftsträchtige Lebensform, die
den Menschen jeweils über sich selbst hinauswachsen läßt, für den Urgrund,
auf welchem das "Prinzip Hoffnung" gedeiht. "Nachfolge Jesu"
heißt nun: Christus ist dort, wo wir morgen zu sein hoffen können, wenn wir
die Zeichen der Zeit erkennen und, der Stimme des Gewissens folgend, das
Notwendige tun. Christentum erweist sich in der zukunft-schaffenden Tat; nicht
im blinden Aktivismus des Machers oder im emsigen Treiben des Beflissenen,
sondern in der umsichtigen, selbstverantwortlichen Praxis einer kritischen
Theorie.
Kampf und Tod
1904 faßte Kalthoff den Plan, einen großen,
umfassenden Kulturbund "Lebendige Religion" zu gründen, in welchem
sich alle fortschrittlichen Kräfte zu gemeinsamer Arbeit versammeln sollten. Er
veranstaltete eine Umfrage, die sehr ermutigend ausfiel, und gründete daraufhin
zunächst die Wochenschrift "Europa" (Redaktion: Heinrich
Michalski), welche in einer eigens eingerichteten Berliner Verlagsgesellschaft
erschien und viele Geistesgrößen der Zeit zu ihren Autoren zählte. Dieses
Unternehmen scheiterte jedoch bald, vermutlich an der Unzuverlässigkeit der
Berliner Compagnions, so daß nur insgesamt 23 Hefte (Januar bis Juni, fast 1200
Seiten) gedruckt wurden.
Auch den Kulturbund-Plan vermochte Kalthoff
selbst zunächst nicht weiter zu verfolgen, da er sich nach Erscheinen seines
Hauptwerks "Entstehung des Christentums" durch eine ungeahnte
Flut teils äußerst heftiger Kritik geradezu überrollt sah und sich mit allen
Kräften zur Wehr setzte. Dennoch startete er nach dem Scheitern "Europas"
auf der Stelle ein neues Unternehmen gleichen Formats: "Das
Blaubuch. Wochenschrift für öffentliches Leben, Literatur und Kunst', gemeinsam
mit Heinrich Ilgenstein in Berlin herausgegeben. Das Verzeichnis der Beiträger
zu dieser freisinnigen Kulturzeitschrift liest sich wie eine Namensliste der
Fortschrittsfraktion innerhalb der geistigen Elite der Zeit, in welcher z. B.
auch E. H. Fried, Gustav Landauer, Erich Mühsam, Helene Stöcker, Ellen Key und
Alice Salomon sowie prominente Schriftsteller wie etwa Gerhart Hauptmann, Hugo
von Hofmannsthal, Frank Wedekind oder Hans Bethge vertreten sind. In seinem
Geleitwort zum ersten Heft legte Kalthoff dieses "Blaubuch" voller
Stolz und Kampfeslust der "Deutschen Nation als dem großen
Volksparlament" vor. Er bezeichnete den Parlamentarismus als das
Lebenselement der modernen Gesellschaft, Opposition als Kulturfaktor und Kampf
als Einheitsband, als wichtige Wachstumsbedingung. Als Ziel seines Unternehmens
benannte er, eine politische Bildung zu schaffen, die auf Selbstdenken und
eigenem Urteil beruht, nicht auf Nachsprechen dessen, was andere gedacht und
geurteilt haben. Jedes Heft wurde eröffnet mit einem polemischen politischen
Artikel, einem journalistischen Blattschuß in die aristokratische
Führungsriege, wie man ihn in der Fackel von Kraus oder in Hardens Zukunft
erwarten und für welchen man wohl bei der Personalplanung gleich zwei
Sitzredakteure zu veranschlagen haben würde. Den Anfang machte gleich der
Kaiser selbst, dessen oft verletzende Impulsivität und beleidigende
Unverschämtheit im Verkehr mit seinen Untertanen aufs Korn genommen wurde,
wobei dem als "Robert Richter" zeichnenden Verfasser als Aufhänger
eine Justizschelte über eine wegen Majestätsbeleidigung verhängte
zweijährige Haftstrafe diente. An zweiter Stelle stand jeweils ein
kulturkritischer Beitrag unterschiedlicher Thematik; dann folgten Gedichte und
kurze Dramen oder Novellen zeitgenössischer Autoren. An eine Theaterkritik von
Hermann Kienzl, der nach Kalthoffs Tod Mitherausgeber wurde, schlossen sich eine
beißend kritische "Umschau" zum aktuellen Zeitgeschehen, eine
Nachrichtenrubrik und eine Bücherschau an.
Der Untertitel dieser Zeitschrift war
übrigens der gleiche wie der von Paul Lindaus Gegenwart, und 1912 ging
das Blaubuch in die Gegenwart über.
Parallel zu Kalthoffs Blaubuch-Vorbereitungen
hatte der Jenaer Biologe Ernst Haeckel (1834-1919), durch seine
populärwissenschaftlichen Bücher zu Evolution und Naturphilosophie sehr
bekannt geworden (z. B. "Die Welträtsel"), seinerseits den
Kulturbund-Plan aufgegriffen und weiter verfolgt Ihm, dem als Materialist
verschrieenen, lag ebenso wie Kalthoff an einer "Versöhnung" zwischen
Naturwissenschaft und Religion, sozusagen im Glauben an die Einheit der Natur.
Zu diesem Zweck hatte er Vereinsstatuten entworfen und alle fortschrittlich
gesinnten Geister nach Jena eingeladen, wo am 11.01.1906 die Gründung des
Monistenbundes erfolgte. Auch Albert Kalthoff machte sich dorthin auf, das am
gleichen Tage erschienene erste Blaubuch-Heft in der Tasche. Er war vorab von
Haeckel, den er bis dato nicht persönlich kannte, in dessen Privatwohnung
geladen und mit dem Ansinnen überrascht worden, den Vorsitz des neuen Bundes
übernehmen zu wollen. Kalthoff erklärte sich bereit und wurde von der
Gründungsversammlung zum Präsidenten des Monistenbundes gewählt. Dieser
entwickelte sich in der Folgezeit zu einem Sammelbecken freisinniger
Bestrebungen unterschiedlichster Provenienz (kulturelle, wissenschaftliche,
ethische Vereine, darunter auch der bereits genannte für Feuerbestattung); ohne
daß sich jedoch Kalthoff, der bald darauf erkrankte und starb, mehr als durch
einige Aufsätze im Blaubuch dabei engagieren konnte.
Trotz seiner wachsenden Kritik am
theologischen Liberalismus war Albert Kalthoff aktives, wenn auch höchst
unbequemes Mitglied im Bremer Protestantenverein und in der Redaktion des
Norddeutschen, später Deutschen Protestantenblattes geblieben. In letzterem
hatte er eine feste Rubrik (Umschau, vor allem Neuerscheinungen) und lieferte
daneben zahlreiche weitere Beiträge, in denen er u.a. vor ideologischer
Stagnation (speziell auch vor der liberalistischen Kaprizierung auf den Handel)
warnte und zu ständiger Weiterentwicklung liberalen Gedankenguts ermunterte und
ermahnte. So willkommen er dort als geharnischter Streiter gegen Orthodoxie und
Konservatismus auch gewesen war, so sehr verübelte man ihm die volle
Breitseite, welche er im "Christus-Problem" (1902) gegen die
Leben-JesuTheologie abgefeuert hatte, und es kam zum offenen Bruch. Für
Kalthoff war diese Trennung sowohl persönlich als auch hinsichtlich seiner
Auffassung von "Freisinn" sehr schmerzlich, hatte er doch von seinen
liberalen Freunden entschieden mehr Verständnis für Dialektik und zudem auch
mehr Gespür in der Wahl der Waffen erwarten dürfen. Neben innerkirchlichen
Intrigen und persönlichen Verunglimpfungen in der Presse verfiel sinnigerweise
der Vorsitzende des Bremer Protestantenvereins, Pastor Dr. Veeck, ausgerechnet
auf die reaktionäre "Methode der Autorität", indem er eine lange
Liste namhafter, führender Theologen erstellte, deren wissenschaftliche Meinung
Kalthoffs Theorie widerspreche, und überdies - ähnlich wie weiland im Falle
Dulon (s. o., Vorspann) - diese Expertise als eine Art Gutachten verwendete, um
auch kirchenpolitisch gegen Kalthoff vorgehen und ihn aus seinem Amt
katapultieren zu können. Nach Erscheinen der "Entstehung des
Christentums" (1904) lud Veeck den Göttinger Theologen Bousset nach
Bremen ein, der bereits als frühvollendeter 28-Jähriger (1892) die Ergebnisse
der Leben-Jesu-Forschung letzt- und endgültig festgeschrieben und Jesus als
lebendigen, kraftvollen Jung-Siegfried-Protest gegen das verknöcherte,
absterbende Judentum dargestellt hatte.
Kalthoff antwortete auf die sogleich als
Druckschrift erschienenen Bousset-Vorträge mit selbst für sein Temperament
ganz außerordentlicher Schärfe: "Was wissen wir von Jesus? Eine
Abrechnung mit Prof D. Bousset in Göttingen". Diese Broschüre
erschien 1904 gleich in zwei Auflagen. Ohne auf die konkreten theologischen und
historischen Argumente eingehen zu wollen (A. Schweitzer hat diesen
Schlagabtausch übrigens als "langweiliges Gezänk" abgetan,
sei doch darauf hingewiesen, daß Kalthoff in einer betont antijüdischen
Konzeption von Christentum eine gefährliche Triebfeder für Antisemitismus sah,
wie er es bereits als junger Mann in Berlin erlebt hatte, und es zudem unter den
buntscheckigen Bremer Liberalen damals auch eine entschieden antisemitische
Fraktion gab. Davon abgesehen, gilt Boussets Theorie heute, hundert Jahre
später, als gründlich widerlegt.
Exkurs: Marcion. -
Bousset
vertrat mit der sog. Substitutions-These eine Position, die sich schon bei dem
frühchristlichen Kirchenvater und hernach als Ketzer ausgeschlossenen Marcion
(ca. 84-160) findet. Für Marcion war das Evangelium von Jesus Christus etwas
radikal Neues, eine urplötzlich und unerwartet geschehene Offenbarung, die alle
bisherigen religiösen Oberzeugungen hinwegfegt. Dieses Absolute in hergebrachte
Denkschemata einflechten, an den eigenen Kulturkreis assimilieren zu wollen, wie
es viele Urgemeinden versuchten, erschien ihm als übles Teufelswerk. Um die
neue Lehre rein zu erhalten gegenüber kleinmütiger Verfälschung, setzte er
dem nach wie vor in den Gemeinden gebräuchlichen "Alten Testament"
ein "Neues Testament" entgegen. Den alten Gott, den er als
stümperhaften und geschmacklosen Schöpfer des irdischen Jammertals zutiefst
verabscheute, stellte er den neuen, unbekannten, fremden Gott gegenüber, der
seinen Sohn in diesen weltlichen Unrat gesandt hat, um die Menschheit davon zu
erlösen. Marcion war der große Apostel der Askese, dem nichts ekelhafter war,
als die widerliche Art, wie das Menschengewürm sich vermehrt, dahinvegetiert
und schließlich wieder in Fäulnis zerfällt. 52 Ehelosigkeit bzw.
Enthaltsamkeit bei Verheirateten waren bei ihm Bestandteil des Taufgelübdes.
Dennoch galt ihm als der größte Sünder nicht der in schweinischer
Fleischeslust Suhlende, sondern - der Gerechte, der das Gesetz über alles
schätzt und deshalb gegenüber der Botschaft des neuen Gottes der Liebe und der
Gnade taub ist. Dieser Marcion gilt in der Kirchengeschichte als der Erfinder,
erste Redakteur und Herausgeber des Neuen Testaments. Es bestand aus dem
Lukas-Evangelium und 10 Paulusbriefen, die er gesammelt, teilweise sogar - im
Falle des Galaterbriefes - wiederentdeckt hatte, und es enthielt gegenüber den
etwa hundert Jahre später kanonisierten Fassungen all jene Stellen nicht, die
in irgendeiner Weise an jüdischen Glauben anknüpfen. In seinem Kampf gegen
gleichzeitig kursierende Abschriften, die viele solcher Judaismen enthielten und
im Laufe der Zeit um immer mehr sog. "Gemeindegut" angereichert
wurden, kam es im Jahre 144 zu einem Eklat in Rom, wo Marcion auf der vermutlich
ersten Synode den krassen Gegensatz von Gesetz und Evangelium herausstellte und
den Urgemeinden wegen ihrer Verwässerungen eine Verschwörung gegen die reine
Lehre vorwarf. Er aber wurde seinerseits des "Schnibbelns" und der
Irrlehre (worauf hier nicht eingegangen werden kann) geziehen und kurzerhand als
Ketzer ausgeschlossen. Marcion gründete daraufhin eine sehr weit verbreitete,
bis ins 6. Jahrhundert bestehende Gegenkirche, der sich viele der von ihm
missionierten Gemeinden anschlossen und die zeitweise die "römische"
Kirche überflügelte. Leider wissen wir heute von Marcion und seiner Kirche,
wie überhaupt von der Vielfalt des frühchristlichen Glaubens und Schrifttums,
nur wenig, und dies meist aus gegnerischen Schriften. Hauptquelle ist der erste
Ketzerbekämpfer Irenäus (ca. 140-202), Bischof von Lyon, der zugleich als der
erste Bücherverbrenner großen Stils gelten muß und dadurch den späteren
Kanonikern viel Arbeit abgenommen hat.
Daß die Paulusbriefe von mehreren Autoren
("Deuteropaulinen") verfaßt und der darin vorgestellte Apostel eine
zumindest aus mehreren Missionaren zusammengesetzte, also legendäre Figur ist,
steht seit langem fest. Andererseits aber sind es gerade sieben Paulusbriefe,
die nach gegenwärtigem Stand der Forschung im Kanon der insgesamt 27 in das
Neue Testament aufgenommenen Stücke als "echt" gelten können; obwohl
man nicht weiß, wer eigentlich dieser Paulus gewesen sein könnte und ob es ihn
tatsächlich gegeben hat. Kalthoff, der diese Bedenken teilte, berief sich dabei
auf die sog. "holländischen Radikalkritiker", ein interdisziplinäres
Forscherteam aus Theologen, Philologen und Historikern, welches die
Authentizität sämtlicher Paulusbriefe bestritt, sie also als pseudepigraphisch
(ins Journalistische übersetzt: "gefälscht") befand. Bis auf eine
entsprechende "Würdigung" in Albert Schweitzers "Geschichte
der Paulinischen Forschung" (Tübingen, 1911) und kurze Erwähnung in
seiner Leben-Jesu-Geschichte ist diese Holländergruppe seltsamerweise in
Deutschland kaum rezipiert und erst vor kurzem durch den Berliner Theologen
Detering 53 wiederentdeckt worden. Unter dem Titel "Der gefälschte Paulus.
Das Urchristentum im Zwielicht" (Düsseldorf: Patmos) hat Hermann
Detering (1995) nun die spannende, aber für Fundamentalisten wohl besonders
schmerzliche Vermutung geäußert, der falsche Lehren verfluchende
Briefschreiber an die Galater könne ausgerechnet jener Marcion gewesen sein,
von welchem ja bekannt ist, daß er diesen Brief (mit der prononcierten
Gesetz-contra-Evangelium-Botschaft) entdeckt und in Umlauf gebracht hat.
Detering schloß an diese Hypothese die Spekulation an, hinter dem von Marcion
gezeichneten Paulus könne teilweise der aus der Apostelgeschichte bekannte
Simon Magus stecken, welcher öfters dem missionierenden Petrus in die Quere
gekommen ist und von Irenäus als "Vater aller Ketzer" tituliert
wurde. 54
Albert Kalthoff würde an solchen
Überlegungen gewiß ein besonderes Wohlgefallen gefunden haben, galt ihm doch
der blinde Buchstabenglaube im Protestantismus als eine weitaus schlimmere
Autoritäts-Hörigkeit denn der Papismus der römischen Katholiken. 55
Daneben aber demonstriert das Beispiel Marcion
in unserem Zusammenhang dreierlei:
1) die große Bedeutung der Forschungs- und
Lehrfreiheit, wie sie Kalthoff in 30 Berufsjahren nicht müde geworden ist, zu
fordern, zu propagieren, und zudem auch vorzuleben;
2) die Art und Weise, wie soziale
Diskriminierung sich durch Geschichtsklitterung eine historische Grundlage
schafft, welche hernach dann als Legitimation dient und Mentalitäten erzeugt
bzw. verstärkt, wie Kalthoff dies am Problem des historischen Jesus dargelegt
hat; 56
3) die Vergeblichkeit des Versuchs,
kirchlichen Antisemitismus (und auch: kirchliche Frauenverachtung) per Dekret
oder durch moralischen Druck (wie es heutzutage besonders die Journalisten
lieben) zu überwinden, so lange dessen Wurzeln sakro-sanktioniert sind, indem
sie einem unantastbaren Top-Heiligen zugeschrieben werden.
Wenn Schweitzer von Kalthoff und den
kritischen Religionsgeschichtlern und -philosophen seiner Zeit spricht als von
"denjenigen, die darauf bedacht wann, dem modernen Christentum die Gestalt
Jesu zu entreißen" und "den galiläischen Lehrer zu
diskreditieren" (1984, S. 461f), um sie von einem dergestalt
untergeschwäbelten Ziel her sodann hinsichtlich ihrer Motivation und Methodik
zu kritisieren, erweckt dies nicht unbedingt Vertrauen in die
Wissenschaftlichkeit und Objektivität seiner Historiographie der
Leben-Jesu-Forschung, und mit Schweitzers "Geschichte der Paulinischen
Forschung" (1911), in welcher die holländischen Radikalen etwas
ausführlicher bedacht werden, steht es kaum besser.
Davon abgesehen aber hat Kalthoff in seiner
Streitschrift gegen Bousset (1904) betont, daß er zu seiner
Paulus-Einschätzung durch völlig eigenständige und neuartige Studien,
nämlich solchen zur wirtschaftlichen Entwicklung der korinthischen Gemeinden,
gekommen sei, die er Jahre zuvor bei der Vorbereitung eines entsprechenden
Predigtzyklus angestellt habe.
In die Diskussion um das Christusproblem
schaltete sich 1904 auch ein früherer, 1901 pensionierter Amtskollege Kalthoffs
von der Bremer Liebfrauenkirche ein, der seinen Ruhestand dazu nutzte, sich mit
einem wenig sachdienlichen Pamphlet gegen Kalthoff ziemlich peinlich den Mund zu
verbrennen. Es wäre dies hier nicht erwähnenswert, wenn es sich bei diesem
Herrn nicht zugleich um einen Landsmann Kalthoffs gehandelt hätte, nämlich um
Dr. Julius Thikötter (1832-1913), der aus Wupperfeld stammte. 57 Thikötter war
1857 Pfarrer in Hattingen, bald danach Superintendent geworden, und 1864 an die
Liebfrauenkirche nach Bremen gekommen (Bauks, 1980). Mit dem dortigen Fehlen
einer preußischen Amtshierarchie hat er sich offensichtlich nicht abfinden
können und in seinen Angriffen auf Kalthoff mehr oder weniger verdeckt nach
einem Kadi gerufen. Vielleicht deshalb wußte Kalthoff die Sache so ernst
nehmen, daß er seine Entgegnung eigens als Broschüre drucken ließ.
Thikötter, ein begeisterter Nationalist und Militarist, der sich zum Sedanstag
in selbstgereimten kriegsgeilen Oden ergoß ("Deutscher Schwerter
schneidiges Schwingen ...") 58 dürfte zu dieser weniger schneidigen
Attacke vor allem durch Kalthoffs ("vaterlandslose") Friedensarbeit
gereizt worden sein.
Immerhin danken wir Thikötters Vorstoß
einige prägnante Formulierungen des späten Kalthoff ("D. Thikötter
und das Christus-Problem", 1903) zum Liberalismus, wie z. B.: "Ich
begriff den Widerspruch, daß eine historische Persönlichkeit außerhalb des
Entwicklungsgesetzes des Lebens stehen und eine absolute Bedeutung für die
Geschichte beanspruchen solle.' (S. 6) "Der Begriff der historischen
Persönlichkeit schließt rundweg alles Übermenschliche aus." (S. 14)
"Das Christentum ist ebensowenig 'gestiftet' wie Rom 'gegründet' worden.
" ( S. 14).
Mit Abstand schlimmer noch als Thikötter
erging es in diesem Streit einem anderen Landsmann, Dr. Oskar Henke. Dieser war
Nachfolger Thieles am Barmer Gymnasium (1883-1893) gewesen und anschließend bis
1907 Direktor des Bremer Gymnasiums, und er hat in den Streit um den
historischen Jesus so unglücklich eingegriffen, daß er dabei seiner
wissenschaftlichen Reputation nahezu verlustig ging. 59
Mit beißender Ironie ist Kalthoff in "Die
Entstehung des Christentums" (1904, S. 17-22) auf Henkes seltsame
Argumentation eingegangen, wobei er die Gelegenheit zu erneuter, ausgiebiger
Polemik gegen den protestantischen Reformverein nutzte, welchem Henke angehörte
und hier scheinbar als "Terrier" dienstbar war.
Auch Kalthoffs früherer Lehrer Dr. August
Döring meldete sich zu Wort; ansonsten soll und kann hier auf das
außerordentlich vielfältige Echo (die Kritik kam ja nun aus dem orthodoxen und
aus dem liberalen Lager) nicht eingegangen werden.
Im Winter 1905/06 war Kalthoff an einer
hartnäckigen Bronchitis erkrankt, mit offenbar ernsten Herzproblemen, die
zunehmend an seinen Kräften zehrten. Doch erst im April ließ er sich von
Freunden und Ärzten breitschlagen, auf vier Wochen zur Erholung an den Genfer
See zu reisen. Auf der Rückfahrt erlitt er in der Eisenbahn einen vermutlich
weiteren Herzinfarkt und war, als er in Bremen wieder eintraf, körperlich
ruiniert. Auf dem Sterbebett überreichte man ihm die Anklageschrift des
geistlichen Ministeriums, in welcher er von den orthodoxen und liberalen
Amtsbrüdern - in seltener Eintracht - u. a. des Atheismus geziehen und der
Senat zu Kalthoffs Amtsenthebung aufgefordert wurde. Er diktierte dem Freund
Steudel, der dies berichtete, eine geharnischte Antwort in die Feder. Drei Tage
später riß er sich noch einmal hoch, führte mehrere Trauungen durch, dann
verließen ihn endgültig die Kräfte und am folgenden Tag, dem 11.05.1906, war
er tot.
Da das auf Kalthoffs Initiative hin erbaute
Bremer Krematorium noch nicht in Betrieb war, wurde sein Leichnam in Hamburg
feierlich eingeäschert. An den weiteren Trauerfeiern in seiner Kirche, auf dem
Friedhof und im Goethebund nahmen viele hundert Trauergäste teil, während
gleichzeitig noch ein Pamphlet erschien, das seine Gemeinde als dumme Patienten
eines Quacksalbers bezeichnete. Von seinen Amtsbrüdern aber heißt es, sie
hätten mit frommem Augenaufschlag geseufzt: "Der Herr ist uns
zuvorgekommen."
Nachspiele
Das Blaubuch-Heft Nr. 23 (1. Jg. 1906) ist dem
Andenken Kalthoffs gewidmet. Ilgenstein schreibt unter dem Titel "Die
Priester des Todes" eine flammende Verteidigungsrede für Kalthoff und
gegen "eine Geistlichkeit, für die nichts so tot ist wie der Geist, für
die nichts so gleichgültig ist als das Leben." - Auch in den übrigen
Nachrufen stehen tiefe Trauer und Bestürzung hart neben ohnmächtiger Wut und
Verbitterung, ist von "Pfaffen-Rancune" und
"Judas-Priestern" die Rede. Friedrich Steudel würdigt in seinem
Beitrag "Der moderne Pfarrer" (S. 922-926) Kalthoff als
progressiven Kanzelredner, der Schleiermachers Traum vom kirchlichen Lehramt
verwirklicht habe. "Daß diese neue Form der Predigtweise, zu der sich
Kalthoff das Recht einfach herausnahm, bei den andern allen Anstoß und Ärgernis
erregen mußte, wird niemanden überraschen." Wie niederträchtig aber
derlei Anfeindungen konkret dann aussahen (Steudel zitiert Beispiele), löst
auch heutzutage noch ungläubiges Staunen aus. Heinrich Bösking
("Kalthoffs Gedenken", S. 927-930) schildert in bewegten Worten seine
letzte Begegnung mit dem Sterbenden sowie den Ablauf der Trauerfeierlichkeiten.
Und Kalthoff selbst kommt mit seiner Predigt "Die Religion der
Zukunft" (S. 915-921) zu Wort.
Nach seinem Tode gab der Kollege und Freund
Friedrich Steudel bis 1908 vier weitere Predigtreihen Kalthoffs heraus, und 1910
folgte der Goethebund mit einer Sammelausgabe von Reden und Aufsätzen: "Volk
und Kunst". Auch die Nachrufe und Traueransprachen sind als Sammelband
im Druck erschienen (bei Nößler, Bremen). Kalthoffs letzte Predigtserie,
"Religiöse Menschentypen", ist leider nicht mehr veröffentlicht
worden; offenbar deshalb, weil Kalthoffs Frau Emma, die seine mikroskopische
Schrift zu entziffern verstand und dem Herausgeber Steudel zuarbeitete, bereits
1908 ebenfalls verstarb. Unvollendet blieb auch Kalthoffs Arbeit an einer
umfassenden, systematischen Darstellung seiner Sozialtheologie; die beiden 1902
und 1904 dazu erschienenen Bücher machen durchaus den Eindruck von Vorabdrucken
einzelner Kapitel, jeweils ergänzt durch eilig hingeworfene Skizzen.
Kalthoffs Nachfolger Emil Felden (1874-1959),
ein enger Studienfreund A. Schweitzers, fuhr Kalthoffs Kurs weiter, wurde
1921-1924 SPD-Abgeordneter in Bürgerschaft und Reichstag, 60 und brachte das
(damals wie heute undenkbare) Kunststück fertig, St. Martini zu einer
Arbeitergemeinde umzufunktionieren. Bereits 1911 (!) wurde in seiner
Gemeindeordnung die kirchliche Gleichberechtigung der Frauen verankert. Das "Monistische
Jahrhundert" verfolgte seine Aktivitäten und Schwierigkeiten mit
interessierter Aufmerksamkeit. 1933 wurde Felden aus seinem Amt und später aus
dem Land vertrieben, viele seiner Schriften verboten, darunter auch ein
biographischer Roman über Friedrich Ebert. Felden, Steudel, Jatho, 61 Drews und
andere moderne Theologen waren zwar anfangs noch im Monistenbund aktiv, jedoch
eher als kuriose Randerscheinung. So klug die Wahl des ersten Präsidenten auch
gewesen sein mag, so fatal war Kalthoffs früher Tod für diesen Bund, der
fortan in einer seichten "Vulgärtheologie" dümpelte, 62 und eben
diese ungünstige Entwicklung hat bald auch auf das Kalthoff-Bild rückwirkend
abgefärbt.
Der 1904 in Elberfeld geborene Historiker
Jürgen Kuczynski hat in seiner Anthologie "1903" versucht, den
Zeitgeist des Jahres 1903 per Querschnitt durch die damaligen Publikationen zu
erfassen und dabei auch Ausschnitte aus Kalthoff-Predigten wiedergegeben.
Kalthoff schien ihm in einer - zumal für einen Geistlichen - ganz
ungewöhnlichen Weise aus dem kulturellen Milieu jener Tage herauszuragen. 63
Dennoch kam es damals nicht zu einer
gründlichen wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit seinem Werk. Von einigen
wenigen fachtheologischen Arbeiten vor dem ersten Weltkrieg abgesehen, gab es
praktisch keine Kalthoff-Rezeption.
Albert Schweitzer geht zwar, wie erwähnt, in
seinen Geschichten. der Leben-Jesu- und der Paulinischen Forschung näher auf
Kalthoff ein, doch ist die Art, wie er ihn abhandelt bzw. abkanzelt, eher durch
Schläue als durch kritische Auseinandersetzung charakterisiert. Durchgängig
rügt Schweitzer Kalthoffs Abfall vom Liberalismus, wobei er Kalthoffs akribisch
ausgebreiteten Argumente kurzerhand beiseite läßt und auch dessen
Zielvorstellungen völlig ignoriert. Schweitzer bemühte sich also nicht um
einen "enzyklopädischen" Beitrag, sondern warf sich in die damals
aktuelle Diskussion, so daß die - in späteren Auflagen nicht entsprechend
überarbeitete - Darstellung (eigentlich muß man von mutwilliger Karikatur der
Kalthoff-Theorie sprechen) für Nachgeborene ein ziemlich schiefes Bild ergibt.
Auch der Ketzerforscher Walter Nigg 64 befaßt
sich kurz mit Kalthoffs Ansatz, akzeptiert aber die "Bremer Radikalen"
nicht als eigene theologische Klasse, sondern ordnet sie kurzerhand in eine
Restkategorie moderner Liberaler, die "Außenseiter", ein, was er mit
Kalthoffs "individualistischer Eigenständigkeit" begründet.
Offenbar sind es aber in erster Linie
fundamentalistische, deutschtümelnde, antisemitische und antikommunistische
Trends in Kirche und Theologie gewesen, die nach Kalthoffs Tod rasch dazu
geführt haben, daß seine religionswissenschaftliche Theorie kaum aufgegriffen
wurde, sondern geradezu wie ein gefährlich strahlendes Material in
antikommunistischen Phrasen und Klischees sarkophagisiert worden ist. Pastor O.
Veeck, der den Kalthoff-Artikel für die „Bremischen Biographien" (1912)
verfaßte, hatte selbst manche Blessur von Kalthoffs streitbarer Hand
davongetragen, war Mitinitiator der Anklage gewesen und nutzte den Nachruf zu
verspäteter Replik, während der RGG-Autor Huntemann seine pietistische Meinung
zu Kalthoff ebensowenig zurückzustellen vermochte wie seinerzeit Albert
Schweitzer seine liberale. Die dabei gewählten, abweisenden Formulierungen sind
hernach entsprechend eingegangen sowohl in die Bremer
Kirchengeschichtsschreibung 65 als auch in die Stadt-Geschichte (Schwarzwälder,
1976), und nicht zuletzt - wenn auch in etwas vorsichtigeren Formulierungen - in
die Lexikon-Dateien.
Wie nur wenige "berühmte
Wuppertaler" ist Kalthoff in fast jedem guten Lexikon mit einer
Kurzbiographie vertreten, wenn auch diese Eintragungen mit Vorsicht zu genießen
sind, indem sie, wie gesagt, alte Klischees und Wertungen aus
theologisch-kirchlichen Lagern der Jahrhundertwende kolportieren.
In der Wuppertaler Philosophen-Galerie "Genii
loci dispersi" (1980) indes fehlt Kalthoffs Name, wäre hier unter der
Rubrik "Wuppertaler Nietzscheaner" nachzutragen.
Einige seiner Bücher sind in der Wuppertaler
Stadtbibliothek vorhanden, wobei sich besonders "Die Entstehung des
Christentums" reger Ausleihen erfreute.
In seinem Bremer Friedens-Pfarrer-Buch hat
Donat (1988) ein hübsches Foto veröffentlicht, welches um 1900 aufgenommen
wurde. Es zeigt Albert Kalthoff und sein "Radikalen"-Kränzchen auf
Klappstühlen im Martini-Pfarrgarten sitzend, eben dort, wo 60 Jahre vorher der
jugendliche Engels sein Pfeifchen geschmaucht und "Das Leben Jesu" studiert
hatte. 1894, ein Jahr vor seinem Tode, kehrte Engels zu eben diesem Thema
zurück und publizierte in der Neuen Zeit seines Freundes Kautsky einen Aufsatz "Zur
Geschichte des Urchristentums", der in ganz verblüffender Weise der
Auffassung Kalthoffs ähnelt. Engels zieht darin Parallelen zwischen
Urchristentum und Sozialistischer Internationale, wobei er die Entstehung des
Christentums interessanterweise - und genau wie Kalthoff - als "soziale
Bewegung" auffaßt 66 und daneben auch bzgl. des über ein sich
entfaltendes Meinungsspektrum fluchenden Paulus zu ähnlichen Beurteilungen und
Formulierungen wie Kalthoff kommt. 67
In dem Jahrhundert nach Kalthoff ist vieles,
wofür er sich eingesetzt und gekämpft hat, Wirklichkeit geworden; und zwar
beschämenderweise weitestgehend ohne die Mitwirkung der Kirchen und
christlichen Gemeinden, sondern meist gegen deren heftigen Widerstand.
Weitblickende Menschen haben damals, an der Schwelle zum 20. Jahrhundert, zu
massenhaftem Kirchenaustritt aufgerufen, wie z. B. Otto Lehmann-Rußbüldt von
der Berliner Giordano-Bruno-Gesellschaft, der mit seinem Kirchenaustritts-Verein
später auch dem Monistenbund beitrat.68
Der Gedanke, wieviel Unheil der Menschheit in
diesem Jahrhundert hätte erspart werden können, wäre eine drastische
Schwächung der Amtskirche damals wirklich gelungen, muß bedrücken.
Kalthoffs Menetekel von den "Tempeln des
Todes" hat sich in unvorstellbar schrecklichem Ausmaß bewahrheitet, und
die deutschen Kirchen mußten nicht zuletzt deshalb mitschuldig werden an zwei
Weltmassakern, weil sie unliebsame Stimmen in den eigenen Reihen kleinmütig
erstickt und Widerstandskräfte; die 1933 dann schmerzlich fehlten, systematisch
eliminiert hatten.
Daß es zur nächsten Jahrhundertwende immer
noch eine prussoide, mit demokratischen Prinzipien sich abquälende Amtskirche
geben sollte - eine solche Prognose hätte Kalthoff wahrscheinlich mit einem
milden Lächeln beantwortet. Unter einem "Landeskirchenamt" an der
Schwelle zum 3. Jahrtausend würde er sich vielleicht eine riesige, hypermodeme
Zukunftswerkstatt ausgemalt haben, mit einem Heer von Experten, unter denen der
"Club of Rome" lediglich eines von vielen Kränzchen wäre ...
In Albert Kalthoff ist ein hochinteressanter
moderner Theologe zu entdecken, der auch nach hundert Jahren noch "voll von
Zukunft" ist, und es scheint an der Zeit, diesen Jahrhundertwende-Propheten
aus seinem Verließ wieder auferstehen und ihm eine gerechtere Beurteilung
widerfahren zu lassen.
Auswahl wichtiger Schriften Albert Kalthoffs
1879/1880 & 1887: Predigten I. Berlin:
Homberg und Geist. (Zusammenstellung von "Schriften des protestantischen
Reform-Vereins zu Berlin")
1880: Die neueste Maßregel zur Bekämpfung
des Judentums. Berlin: Würtzburg. (basierend auf einer Rede im
Handwerkerverein)
1880: Das Leben Jesu. Berlin: Kupfer &
Herrmann. 1884: Die Religion und die Feuerbestattung. Hamburg: Rademacher.
1892: Charles Kingsley. Ein religiös-soziales
Charakterbild. Religiöse Volksbibliothek, Berlin: Bibliographisches Bureau.
1894: Christliche Theologie und socialistische
Weltanschauung. Ein Wort zur Verständigung. Berlin: Wiegandt.
1896: Schleiermachers Vermächtnis an unsere
Zeit. Berlin: Schwetschke. 1898: An der Wende des Jahrhunderts. Berlin:
Schwetschke.
1900: Friedrich Nietzsche und die
Kulturprobleme unsererZeit. Berlin: Schwetschke.
1901: Die Philosophie der Griechen, in
kulturgeschichtlicher Grundlage dargestellt. Berlin: Schwetschke
1901: Die religiösen Probleme in Goethes
Faust. Berlin: Schwetschke 1901: Kunst und Volk. Goethebund, Bremen: Winter.
1902: Das Christusproblem. Grundlinien zu
einer Sozialtheologie. Leipzig: Diederichs. 1903: D. Thikötter und das
Christusproblem. Eine Replik. Bremen: Hampe.
1904: Zarathustra-Predigten - Kanzelreden
über die sittliche Lebensauffassung.
1904: Die Entstehung des Christentums. Neue
Beiträge zum Christusproblem. Leipzig: Diederichs.
1904: Was wissen wir von Jesus? Eine
Abrechnung mit Prof. D. Bousset in Göttingen. Berlin: O. Lehmann, und daselbst,
Verlag "Renaissance".
1905: Die Religion der Modernen. Jena:
Diederichs. 1905: Schule und Kulturstaat. Leipzig: Voigtländer.
1906: Modernes Christentum. Moderne Zeitfragen
Nr. 13, Berlin: Pan-Verlag.
1907: Das Zeitalter der Reformation. Hgb. von
F. Steudel. Jena: Diederichs.
1907: Zukunftsideale. Mit einer Lebensskizze
hgb. von F. Steudel. Jena: Diederichs.
1908: Vom inneren Leben. Hgb. von F. Steudel.
Jena: Diederichs. (Predigtreihen "Das menschliche Glück" und
"Unser inneres Leben")
1910: Volk und Kunst. Reden und Aufsätze.
Hgb.: Goethebund. Bremen: Rolandverlag. Kalthoff, A. (Hgb.): Europa.
Wochenschrift für Politik und Kultur. 1. Jg. 1905. Redaktion: Heinrich
Michalski. Berlin: Verlagsgesellschaft Europa.
Kalthoff, A. & Ilgenstein, H. (Hgb.): Das
Blaubuch. Wochenschrift für öffentliches Leben, Literatur und Kunst (1.
Jahrgang, 1906). Darin von Albert Kalthoff selbst:
Zur Einführung. 3-7 (Nr. 1, 11.01.)
Ein deutscher Monistenbund. 109-111 (N r. 3,
25.01.) Religion und Monismus. 261-268 (Nr.7, 22.02.) Geist! 479-483 (Nr. 12,
29.03.) (Pfingstpredigt)
Der religiöse Eid. 603-609 (Nr. 15, 19.04.)
Die erwachende Wissenschaft. 681-687 (Nr. 17,
03.05.) (Renaissance-Geschichte) Christus in Hilligenlei. 793-799 (Nr. 20,
24.05.) (Gustav Frenssens neuer Roman) sowie eine Anzahl nachgelassener
Predigten, die später von Steudel nochmals herausgegeben wurden.
Zusammenstellung der in den Anmerkungen
genannten Literatur
Abresch, J. (1987): Hermann Ebbinghaus -
Kindheit und Jugend im Wuppertale. In Traxel, W. (Hgb.): Ebbinghaus-Studien Band
2. Passau: Passavia. S. 71-87.
Abresch, J. (1994): Helene Stöcker. In Rheinische
Lebensbilder Band 14, S. 191-213. Köln: Rheinland Verlag.
Autorenkollektiv/Gemkow, H. (1988): Friedrich
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Anmerkungen
1 Hans Koschnik im Vorwort (S. 7) zu Heitmann,
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Evangelischen Kirche. Bremen: Donat & Temmen.
2
Einen Einblick in die vielfältigen Verflechtungen zwischen Barmen und Bremen
vermitteln die von M. Knieriem (1991) herausgegebenen Briefe der Familie Engels:
"Die Herkunft des Friedrich Engels. Briefe aus der Verwandtschaft
1791-1847. Trier: Schriften aus dem Karl-Marx-Haus 42. Z.
B. geht wohl auf Menkens Vermittlung zurück, daß ein Engels-Sohn, Johann
Caspar III (17921863), 1808 zu Pfr. Hermann Müller (1774-1839) nach Braunfels
in Pension gegeben wurde. 1809 ist übrigens auch H. Müller nach Bremen berufen
worden, und später ebenfalls dessen Schützling Friedrich Ludwig Mallet
(1792-1865), der 1827-1865 an St. Stephani wirkte. Mallet war bereits als
Schüler in Braunfels durch Joh. Caspar Engels II (1753-1821) finanziell
unterstützt worden (Knieriem, 1991, S. 125-151).
3 In Auszügen abgedruckt z. B. bei Dirx, Ruth
(Hgb.) (1988): Von Engels bis Böll. Respektlose Stimmen aus dern Wuppertal. Oberhausen:
Graphium press.
4 F. W. Krummacher (1796-1868) wurde
1825 Pfarrer in Barmen-Gemarke, 1834 in Elberfeld, 1847 in Berlin und 1853
Hofprediger in Potsdam. Somit fällt auf, daß
interessanterweise alle vier genannten, führenden Bremer Pietisten jener Jahre
(Menken, Krummacher, Mallet und Treviranus) in irgendeiner Beziehung zur Familie
Engels gestanden haben.
5 Zu Belegen hierzu sowie Hinweisen auf
ausführliche Darstellungen dieser echt opernreifen Groteske aus Theaterdonner,
Intrige und Camouflage s. Knieriem, M. (1979): Über Friedrich Engels.
Nachrichten aus dem Engels-Haus 2. Zu Engels' Bremer Zeit s. ferner z. B.
Knieriem, M. (1995): Friedrich Engels Vater und Sohn. Eine biographische Skizze.
Zeitschrift des Bergischen Geschichtsvereins 96, S. 79-112; oder
Autorenkollektiv/Gemkow, H. (1988): Friedrich Engels. Berlin: Dietz.
6 Krummacher, Maria (1926): Unser
Großvater, der Ätti. Faksimiledruck von 1968 bei Braun, Duisburg. (1.
Auflage 1891, zuvor bereits gedruckt von Heyse, Bremen, 1849). S. 156.
7 Krummacher (1926), S. 193.
8 Krummacher (1926), S. 108.
9 wegen der im Glaubensbekenntnis
vorgenommenen Verquickung von Profan- und Heilsgeschichte: Jesu Leben kann -
ebenso wie das Karls des Großen oder Bismarcks - nicht Gegenstand eines
Glaubensbekenntnisses sein.
10 s. Nigg, W. (1937): Geschichte des
religiösen Liberalismus. Zürich: Niehans.
11 Heitmanns Bremer Kirchenführer enthält
sinnigerweise ein Bild, welches Dulon in der Gefängniszelle zeigt. Nach seiner
Haftentlassung bereitete Bremen ihm einen volksfestlichen Empfang, hernach
mußte er aber nach Amerika flüchten, um seinen Kopf zu retten (Heftmann 1985,
S. 25).
12 Neue Deutsche
Biographie. Stichwort "Kalthoff" von G. Schmolze.
13 Siedel, O. (1908): Albert Kalthoff und
die Persönlichkeit unserer Dichter. Leipzig: Deutsche Zukunft. S. 4. Die
nachstehenden Angaben zu Kalthoffs Lebensweg stützen sich auf die folgenden
Kurz-Biographien:
(NDB:) Neue Deutsche Biographie. Stichwort
"Kalthoff" von G. Schmolze.
(RGG:) Galling, K et al. (Hgb.) (1959): Die
Religion in Geschichte und Gegenwart. Tübingen: Mohr. Stichwort
"Kalthoff" von G. Huntemann.
von Bippen, W. (Hgb.) (1912): Bremische
Biographie des neunzehnten Jahrhunderts. Bremen: Winter. Stichwort
"Kalthoff" von O. Veeck (S. 241-247).
Steudel, F. (1907): Biographische Einleitung
des Herausgebers. In Kalthoff, A.: Zukunftsideale. Jena: Diederichs. S.
V-XXXIV.
Schwelbel (1960) in Wehowsky, W. (Hgb.): St.
Martini zu Bremen. Bremen.
Hannover, Elisabeth (1989): Albert Kalthoff
und die Gründung der Bremer Ortsgruppe der Deutschen Friedensgesellschaft. In
Donat, H. & Röpcke, A. (Hgb.): "Nieder die Waffen - die Hände
gereicht!" Friedensbewegung in Bremen 1898-9958. Bremen: Donat. S.
13-17.
Donat, H. (1988): Albert Kalthoff - Ein
"vergessener" Pazifist und Pionier der Bremer Friedensbewegung. In
Donat, H. & Jung, R. (Hgb.) (1988): "Mit Gott dem Herrn zum
Krieg"? Bremer Pastoren für den Frieden. Bremen: Donat Verlag. S.
26-57.
Kalthoffs Nachlaß wird im Bremer Stadtarchiv
aufbewahrt.
14 Döring quittierte 1883 den Schuldienst und
wurde Philosophie-Dozent an der Berliner Universität. Zu seiner
"Güterlehre" s. Gillen, W. (1980): August Döring. Philosophie als
Güterlehre. In Heinz, Heide (Hgb.): Genii loci dispersi. Beiträge zu
"Wuppertaler Philosophen". Würzburg: Königshausen und Neumann.
15 Bauks, F. W. (1980): Die evangelischen
Pfarrer in Westfalen, von der Reformation bis 1945. Bielefeld: Luther.
16 Hermann Ebbinghaus (in Bohles Festschrift
zum 350jährigen Jubiläum des Barmer Gymnasiums, 1929, fälschlich als
"Karl Ebbinghaus" verzeichnet) ist der erste Abiturient des Barmer
Gymnasiums gewesen, Albert Kalthoff wird unter Nr. 17 geführt. Zu Ebbinghaus s.
z. B. Abresch; J. (1987): Hermann Ebbinghaus - Kindheit und Jugend im
Wuppertale. In Traxel, W. (Hgb.): Ebbinghaus-Studien Band 2. Passau:
Passavia. S. 71-87.
17 Thiele, G. (1870): Jahresbericht
über die Realschule I. O. und das Gymnasium zu Barmen; Henke, O. (1890): Chronik
des Gymnasiums zu Barmen. Die Mitabiturienten
Kalthoffs waren H. Obermüller, A. Petersen und H. Voß.
18 Satlow, B. (1987): Die Revolution von 1848.
Die Kirche und die soziale Frage. In: Wirth, G. (Hgb.): Beiträge zur
Berliner Kirchengeschichte. Berlin: Union. S. 177- 196.
19 Vorsitz: Immanuel Hegel, ein Sohn des
Philosophen.
20 abgedruckt in "Predigten I". Der
darin enthaltene Satz "Da, wo der Mensch in seinem Gewissen frei ist von
menschlichen Satzungen, soll er erst recht Früchte der Lauterkeit der Gesinnung
bringen" könnte übrigens wortwörtlich auch in den Schriften von
Kalthoffs Landsmännin Helene Stöcker stehen.
21 abgedruckt in "Predigten 1". Hier
einige Kostproben:
"Es ist ja keine Frage, daß eine
verhängnißvolle Anzahl von Ehen nichts sind als Contrakte, durch die die
Eheleute sich gegenseitig zur Resignation verpflichten. "
"Nun, ich wünsche gewiß von ganzem
Herzen, daß auch dem Weibe das ganze reiche Gebiet des Lebens, der Bildung, der
Wissenschaft erschlossen werde."
"Eins nur verlangen wir, wenn nicht die
ganze Welt auf den Kopf gestellt werden soll, daß nämlich die natürliche
Ordnung gewahrt bleibe: 'Ihr Weiber, seid unterthan euren Männern'."
"Die edelsten Kräfte, die Gott so reich
in des Weibes Brust gelegt hat, kommen zur vollen Entfaltung erst im Dienen und
Lieben. "
In späterer Zeit schwächte Kalthoff diese
Vorbehalte zwar deutlich ab, blieb aber im wesentlichen doch dieser paulinischen
Linie verhaftet. Gleichwohl gestand er den Frauen ein eigenes, nicht von dem des
Mannes abgeleitetes Recht zu und wird deshalb von Ursula Baumann (1992):
Protestantismus und Frauenemanzipation in Deutschland. Frankfurt: Campus (S. 77
& 292) als rühmliche Ausnahme von der seit Wichern üblichen
Instrumentalisierung von Frauen zur Lösung sozialer Probleme erwähnt.
22 Satlow, B. (1987) in Berliner
Kirchengeschichte, a. a. O. S. 196.
23 Zur geistesgeschichtlichen Orientierung: In
diesem Jahr (1863) war es der Naumburger Pfarrersohn Friedrich Nietzsche,
welcher als Pennäler in Schulpforta "Das Leben Jesu" von D. F.
Strauß "verschlang" (s. z. B. I. Frenzel, 1966/1995: Friedrich
Nietzsche. Reinbek: Rowohlt; und gleichzeitig erschien in Frankreich der
"Leben-Jesu"-Roman des katholischen Orientalisten Ernest Renan, der
auch in Deutschland enormes Aufsehen erregte.
24 Schramm, K. R. (1879): Unsere Hoffnung
in schwerer Zeit. Rede im oberen Saale der Reichshallen. Schriften des
protestantischen Reform-Vereins zu Berlin 1/1880.
25 s. z. B. Sheehan, J. J. (1983): Der
deutsche Liberalismus, 1770-1914. München: Beck.
26 Von welcher Datierung der Briefe Kalthoff
hier ausging, ist nicht ersichtlich. Nach auch heute vorherrschender Ansicht war
die zeitliche Distanz zwischen dem aus Rom an die Philipper gerichteten Brief
des Endfünfzigers und dem Galaterbrief des Mittfünfzigers nur gering; doch
hatte Paulus davon vier Jahre in römischer Haft verbracht und dabei - im Sinne
Kalthoffs - wohl deutlich an Abstand und Gelassenheit gewonnen. Später (1904,
S. 110ff) rückte Kalthoff von solcher Psychologisierung ab, bezweifelte die
alleinige Autorschaft des Apostels und veranschlagte einen Entstehungszeitraum
der Paulusbriefe von über einem Jahrhundert.
27 Donat, H. (1988): Albert Kalthoff -Ein
"vergessener" Pazifist und Pionier der Bremer Friedensbewegung. In
Donat, H. & Jung, R. (Hgb.): "Mit Gott dem Herrn zum Krieg"?
Bremer Pastoren für den Frieden. Bremen: Donat Verlag. S. 26-57.
28 zu diesem siehe Donat, H. & Röpcke, A.
(Hgb.) (1989): "Nieder die Waffen - die Hände gereicht!"
Friedensbewegung in Bremen 1898-1958. Bremen: Donat. S. 53.
29 Als Heinrich Kirchhoff 1907, über ein Jahr
nach Kalthoffs Tod, zum Bremer Senator gewählt wurde, stellte die Vossische
Zeitung (Berlin) ihn folgendermaßen vor: "Landgerichtsdirektor
Kirchhoff, politisch liberal und kirchlich extrem linksliberal, ein naher Freund
Albert Kalthoffs und Vorstand an dessen Gemeinde". (Wottrich,
Henriette, 1990: Auguste Kirchhoff. Eine Biographie. Bremen: Donat. S. 67
).
30 Kirchhoffs Gästebuch ist nicht nur zu
einem stadthistorischen, sondern auch zu einem Dokument der Friedensbewegung
geworden. S. Donat & Röpcke (1989), S. 146.
31 Der Bremer Historiker Helmut Donat schreibt
zu Kalthoffs vielseitigem Engagement in Bremen: "Wo immer es um
kulturpolitische, vorwärtsweisende und soziale Aktivitäten ging, war Kalthoff
führend beteiligt, und je mehr man sich mit ihnen beschäftigt, desto unklarer
wird, bei welcher Aktion er seine Hand eigentlich nicht im Spiel gehabt
hat." (Donat, 1988, a. a. O. S. 47).
32 siehe hierzu z. B. Bloth, P. C. (1961): Die
Bremer Reformpädagogik im Streit um den Religionsunterricht. Dortmund:
Crüwell. Infolge allzu starker Einengung auf eine schulpädagogik-immanente
Betrachtungsweise vermag Bloth allerdings Kalthoffs Einfluß nicht hinreichend
zu würdigen.
33 "Soziale Erziehung" in "An
der Wende des Jahrhunderts" (1898), S. 145-155; "Schule und
Kulturstaat" (1905).
34 s. o., z. B. Donat & Röpcke (1989),
Wottrich (1990).
35 Röpcke, A. (1988): Der Unheilige Geist -
Nationalistische Predigt in Bremen. In Donat & Jung, S. 13-25.
36 Reformirtes Wochenblatt, 36.
Jahrgang, Nr. 5, S. 38. Der Nachrufer, Pastor Röhrig, war
ein entschiedener Gegner des antisemitischen "Deutschchristentums",
und gleichwohl ein glühender, uneinsichtiger Patriot, der noch im Oktober 1918
(!) in seinem Gemeindeblatt zur Zeichnung der 9. Kriegsanleihe aufrief: "Laßt
die 'Neunte' werden die 'Eroika' der Tat, des deutschen Willens zum deutschen
Frieden!". Ob er diesen Slogan für seine mit Beethoven weniger
vertrauten Schäflein werbewirksam noch durch "ta-ta-ta-taa"
akkompagniert hat, ist nicht überliefert; aber zwei Monate später wußte
Röhrig die so Umworbenen mit der Weihnachtsliedzeile "Sehet dies Wunder,
wie tief sich der Höchste hier beuget" zu "trösten" - was sich
selbst der zynischste Kabarettist wohl kaum herausnehmen würde. Da wundert es
dann nicht mehr, wenn der Pastor dem Exil-Monarchen auch im folgenden Jahr noch
als "Friedenskaiser" huldigte.
37 Zur gleichen Zeit, während Kalthoff in
Bremen Reformpädagogik predigte, feierte in seiner Heimatstadt Barmen die
Gemeinde Gemarke ihr 200jähriges Bestehen (Juli 1902), mit einem riesigen
Schüler-Gottesdienst, wobei den Kindern "Bilder aus der Vergangenheit
entrollt" wurden und sie im Anschluß an Hebräer 15; 17 ("Gehorchet
euren Lehrern") eingeschärft bekamen, nur ja ihre Lehrer und Pastoren
recht lieb zu haben, damit es ihnen später wohl ergehe. Werth, A. 8 Lauffs, A.
(1927): Geschichte der Evangelisch-Reformierten Gemeinde Barmen-Gemarke. Barmen:
Selbstverlag.
38 Als zufällig aus dem Elberfelder Reformirten
Wochenblatt herausgegriffener Titel sei ein Kasino-Vortrag des bereits
erwähnten Pastor Röhrig genannt: "Goethe oder Shakespeare - welcher vor)
beiden ist der germanische Dichter?" (19.02.1918, "zum Besten des
Gustav-Adolf-Vereins").
39 Letztere Sichtweise hat sich übrigens erst
in unseren Tagen grundlegend geändert, so daß sich die philologische
Textanalyse inzwischen zu beachtlicher Blüte entfalten konnte; vgl. etwa
Dormeyer, D. (1993): "Das Neue Testament im Rahmen der antiken
Literaturgeschichte". Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft.
40 Schweitzer, A. (1906/1913): Geschichte der
Leben-Jesu-Forschung. Siebenstern Taschenbuch-Ausgabe (München, 1966) bzw.
UTB/Mohr (München, 1984).
41 Kalthoffs Hörern saß damals der Schrecken
der schweren Hamburger Cholera-Epidemie von 1892 noch in den Gliedern; ein
Ereignis, das offenbar unter manchen Kirchendächem bizarre geistliche
Verrenkungen ausgelöst hatte.
42 Römer 8; 28: Wir wissen aber, daß denen,
die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen"
43 "Glaube und Persönlichkeit" in "Religiöse
Weltanschauung", S. 106.
44 Diese Predigtreihe fällt übrigens aus dem
oben skizzierten Rahmen etwas heraus insofern, als sie reichlich
volkshoch-schulmeisterlich gehalten ist.
45 In der Reihe "Ziele und Aufgaben
unserer Kultur", posthum erschienen in "Zukunftsideale" (1907).
46 Mit der auch heute (wieder einmal)
aktuellen Problematik "Geschichte und Persönlichkeit" hat sich
später z. B. Kalthoffs Nachfolger im Amte des Monisten-Präsidenten (s. u.),
der Chemie-Nobelpreisträger Wilhelm Ostwald in einer Reihe von
Gelehrtenbiographien beschäftigt.
47 An diesem zentralen theoretischen Punkt (S.
78) verweist Kalthoff auf einen bergischen Landsmann, allerdings nicht auf
Engels, sondem auf den in Marburg lehrenden Neukantianer Paul Natorp ("Religion
innerhalb der Grenzen der Humanität"), der übrigens ein Urenkel von
Ätti Krummacher war: Obgleich Kalthoff Engels verschiedentlich erwähnt, auch
in den Predigten, beruft er sich in geschichtsphilosophischen Fragen dort, wo
man Hinweise etwa auf Marx oder Darwin erwarten würde, zumeist auf Kant.
Besonders Schweitzer hat ihm dies als "Versteckspiel" verübelt und
ihn wohl deshalb einfach als "Bauer-Epigonen" abgestempelt. Bruno
Bauer (1809-1882) war ein Jugendfreund von Marx und Engels gewesen, die ihn
beide im Berliner Junghegelianer-Zirkel kennengelernt hatten (und ihn später in
ihrer ersten Koproduktion, "Die heilige Familie", aufs Korn
nahmen). Bauer hatte mit seinen ausführlichen Strauß-Rezensionen den jungen
Engels schon im Hause Treviranus begeistert und später eine Reihe kritischer
Arbeiten zum Urchristentum verfaßt, die in Fragestellung und Ergebnissen, z. B.
hinsichtlich der Historizität von Jesus und Paulus, auffallende Parallelen zu
Kalthoff zeigen, ohne daß letzterer sich in seinen Hauptwerken jemals auf Bauer
bezog. Die Einschätzung, daß Schweitzer dem Kalthoff mit dem Epigonen-Etikett
Unrecht getan hat, teilt auch Detering (1992).
48 Neuerdings haben P. Guyot & R. Klein
(1993/94) hierzu eine zweibändige Quellen-Dokumentation vorgelegt: "Das
frühe Christentum bis zum Ende der Verfolgungen". Darmstadt:
Wissenschaftliche 49 Buchgesellschaft.
49 Die Art und Weise, wie Kalthoff hier
Entwicklungen der römischen Volkswirtschaft darlegt und analysiert, sich in
soziologisch-ökonomischen Denkweisen versiert zeigt, läßt etwas von der
Begeisterung spüren, die sein Barmer Lehrer Thiele dafür zu wecken verstanden
hatte (s. o.).
50 Dies umso mehr, als kurzzeitig
verwirklichte genossenschaftliche Praktiken, von denen vereinzelte noch in
manchen Bräuchen (z. B. Fußwaschung oder St. Martins-Tag) verballhornt
fortleben, gerade auch in unseren letzten Jahrzehnten des Kalten Krieges aus
ideologischen Gründen systematisch fehlgedeutet worden sind. Vgl. z. B. die
putzige Erläuterung der Stuttgarter Jubiläumsbibel (1964) zu Apostelgeschichte
2; 42-47: "Vom gewalttätigen Kommunismus war die erste christliche
Gemeinde mit ihrer dienenden Liebe himmelweit entfernt.", wobei der
Kommentator sogar versucht, den ausdrücklich erklärten Verzicht auf
Privateigentum ("keiner sagte von seinen Gütern, daß sie sein wären,
sondem es war ihnen alles gemein", Apg. 4; 32) als ein gelegentliches
Zusammenwerfen von Vorräten für die gemeinsamen Liebesmahle zu verniedlichen.
In solchen mutwilligen Verfälschungen scheint sich ein Verdacht zu bestätigen,
den Kalthoff hegte bzgl. des verzweifelten Anklammerns der Theologen an die
Hypothese eines historischen Jesus als individueller Persönlichkeit: Er
vermutete als eine der wesentlichen Motivationen dafür die Angst vor den
eigenen kommunistischen Kirchen-Großvätern.
51 Als merkwürdige Lücke fällt in Kalthoffs
soziologischer Analyse des Urchristentums übrigens auf, daß die Frauenfrage
fast unberührt bleibt.
52 Für Marcions extreme Schöpfer- und
Leibfeindlichkeit hat übrigens in unseren Tagen der Wiener Poet Ernst Jandl
wieder ein vertieftes Verständnis gefunden, nachdem er - wie Dichter zuweilen
tun - in sich gegangen war: "... Und erst in meinem Bauch, dieses ekelhafte
Gewurschtl - gräßlich, einfach widerlich: Wer das da drin vergessen hat!"
(sinngemäß).
53 Detering, H. (1992): Paulusbriefe ohne
Paulus? Die Paulusbriefe in der holländischen Radikalkritik. Bern/Frankfurt:
Peter Lang.
54 zu Simon Magus, Marcion und Irenäus siehe
z. B. Nigg, W. (1949): Das Buch der Ketzer. Zürich: Artemis.
55 Heutzutage würde Kalthoff wahrscheinlich -
nach einem Seitenhieb auf die Albernheit der Qumran-Sensationspresse - davor
warnen, in urchristlichen Redakteuren Vorläufer von Kujau & Co. zu sehen,
sondern eher etwa an den Geigenvirtuosen Fritz Kreisler erinnern, der seine
brillanten Eigenkompositionen mit dem Hinweis anzukündigen pflegte: "Und
jetzt spiele ich Ihnen noch ein lange verschollenes Stück von Mozart, das ich
neulich durch Zufall wiederentdeckt habe". Und dann würde er vermutlich
unsere bigotte Authentizitätsmoral mit dem allzu verkniffenen
Urheberrechtsdenken vorführen, wie er schon seinerzeit die Verstiegenheiten des
Kunstkommerz gerügt hatte, und seine neue Theologie der share-ware vorstellen.
Das alles natürlich interaktiv via Internet...
56 Gemeint ist Kalthoffs schon vor der
Jahrhundertwende geäußerte Vermutung, daß der Glaube an einen historischen
Jesus in Zusammenhang mit einer personalistischen Geschichtsauffassung aus einem
ängstlichen Schutzbedürfnis und einer mehr oder weniger verhohlenen Machtlust
erwächst, und daß sich dies politisch in kindhafter Anhänglichkeit an einen
mächtigen Führer (Kaiser - Hindenburg - Hitler), von dem man alles Heil
erwartet, niederschlägt. Für die Richtigkeit dieser These scheint zu sprechen,
daß die Einsicht in die Nicht-Historizität der neutestamentlichen Berichte
nach den Katastrophen von 1918 und 1945 jeweils neu erarbeitet werden mußte,
und zwar jedesmal nahezu unter den gleichen Mühen und Qualen.
57 Seine Jugenderinnerungen an die Barmer
Schulzeit und den späteren Leiter des Gymnasiums, Dr. Thiele, den er als
Gymnasiast in Duisburg kennengelernt hatte, sind in Auszügen abgedruckt in: de
Bruyn-Ouboter, H. J.; Hähner, H. & Vogelsang, W. (Hgb.) (1994):
Schultradition in Barmen. Von der Barmer Amtsschule zum Gymnasium Sedanstraße.
1579-1994. Wuppertal: Selbstverlag. S. 84f und 158f.
58 Röpcke, A. (1988): Der Unheilige Geist, in
Donat & Jung, S. 13-25.
59 Bremische Biographien, a. a. O., Stichwort
"Henke" von Entholt.
60 Norzel-Weiß, Christina (1988): Emil
Felden - Aus ethischer Verantwortung für Wahrheit, Frieden und soziale
Gerechtigkeit. In Donat & Jung, S. 58-90.
Donat, H. (1989): Emil Felden - Ein Leben
für Frieden; Freiheit und soziale Gerechtigkeit. In Donat, H. &
Röpcke, S. 109-114.
Da Schwarzwälder, H. (1976): Geschichte
der freien Hansestadt Bremen. Bremen: Röver (Band 2, S. 584) betont, Feiden
habe sich nicht für ein politisches Mandat interessiert, sei als zusätzlicher
Beleg angeführt: "MdR. Die Reichstagsabgeordneten der Weimarer Republik
in der Zeit des Nationalsozialismus", hab. von M. Schumacher.
Düsseldorf: Droste, 1992. S. 212.
Ferner sei daran erinnert, daß Pastor
Blumhardt in Bad Boll zur gleichen Zeit allein wegen entsprechender Kandidatur
bereits sein Pfarramt niederlegen mußte!
61 Carl Jatho (1851-1913) vertrat als
Kölner Pfarrer eine liberale Theologie monistischer Art, indem er vor allem das
religiöse Gefühl ansprach. Da ihm jahrelang mit Disziplinarverfahren nicht
beizukommen war, entwickelte der Oberkirchenrat ein eigens auf ihn
zugeschnittenes Irrlehregesetz. 1910 wurde er (übrigens nach Predigten in
Bremen und Barmen) angeklagt und 1911 des Amtes enthoben (Nigg, 1937, S. 268ff.
Jatho ist in jenen Jahren des öfteren im Wuppertal aufgetreten, wo es zwar
keine liberalen Pastoren, aber seit 1908 Ortsgruppen der "Freunde der
evangelischen Freiheit" gab. In ihrer Gemarker Gemeindechronik gehen Werth
& Lauffs (1927) auf diesen Verein ein, in welchem sich u. a. Direktor Dr.
Hintzmann und der Barmer Maler Prof. Ludwig Fahrenkrog als Redner betätigten.
Die dabei entfaltete große Umsicht und frühzeitig einsetzende,
generalstabsmäßig geplante und taktisch geschickte Abwehr-Aktivität möchte
man diesen Gemeinden auch Ende der 20er Jahre gewünscht haben.
62 Auch in der Friedensfrage hat der
Monistenbund - trotz Anschlusses an die Deutsche Friedensgesellschaft -
letztlich nicht zu einer überzeugenden Linie gefunden.
63 Kuczynski, J. (1988): 1903: Ein normales
Jahr im imperialistischen Deutschland. Köln: Pahl-Rugenstein.
64 Nigg, W. (1937): Geschichte des
religiösen Liberalismus. Zürich: Niehans.
65 Heitmann (1985, S. 42) zur
Martini-Gemeinde unter Kalthoff: "Im ganzen deutschen Reich wurde sie zum
Gesprächsstoff, als ihr Prediger sich dem dialektischen Materialismus anschloß
und den Christus als bloße Erlösungsidee antiker Proletariermassen
bezeichnete. Zudem übernahm er den Vorsitz im atheistischen
"Monistenbund" und in der von ihm 1903 mitbegründeten Bremer
Ortsgruppe der "Deutschen Friedensgesellschaft". Bevor der Senat
einschreiten konnte, starb Kalthoff an einem Herzschlag." (wohlgemerkt:
1985); und derselbe zu Kalthoffs späterem Amtsnachfolger
G. H. Huntemann, dem erwähnten RGG-Autor. Er "predigt aus
reformiert-pietistischer Überzeugung das als unfehlbar verstandene
Gotteswort." (S. 43).
66 Heute pflegt man diesen Begriff auf die
Neuzeit (seit 1789) zu beschränken; s. z. B. Raschke, J. 67 (1985): Soziale
Bewegungen. Histarisch-systematischer Grundriß. Frankfurt: Campus.
67 Abdruck in Ruth Dirx (1988), S. 41-48,
leider undatiert.
Zu jener Zeit (1894) war es übrigens der
junge Straßburger Theologie-Student Albert Schweitzer, der sich in das
Leben-Jesu-Buch von D. F. Strauß vertiefte.
Und was Karl Kautsky betrifft, so legte dieser
selbst, der sich mit der Leben-Jesu-Problematik und dem urchristlichen
Kommunismus bereits 1888 und 1896 befaßt hatte, 1908 ein 500-Seiten-Werk zum "Ursprung
des Christentums" vor, in welchem er Engels heftig widersprach und
gegenüber dessen (Ungutes verheißenden) Parallelen die gravierenden
Unterschiede zwischen frühchristlichem und modernem Sozialismus hervorhob, Aus
Kalthoffs Werken zitierte Kautsky einige längere Passagen, jedoch unkritisch
und ohne Kalthoffs sozialgeschichtlichen Argumente zu berücksichtigen. Insofern
erscheint A. Schweitzers flüchtige Würdigung Kautskys quasi als eines
Kalthoff-Aufgusses etwas befremdlich. Karl Kupisch, der Herausgeber des
Kautsky-Reprints (1968) hat sich in seinem sehr ausführlichen Vorwort bzgl.
seiner Angaben zu Kalthoff bedauerlicherweise auf Lexikon-Informationen
beschränkt und Kalthoffs schmalen Band "Die Entstehung des
Christentums" nicht eingesehen.
68 Bezeichnenderweise dankt Kalthoff ihm im
Vorwort zu "Religiöse Weltanschauung' (1903) für eine
Richtigstellung in einer ganz belanglosen Nebensache.