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Enfant terrible im Talar: 
Albert Kalthoff (1850-1906)

Johannes Abresch, Wuppertal

 

Seit Jahren schon hält das Thema "Der historische Jesus" einen festen Platz in den Neuerscheinungskatalogen der Verlage, so daß man geradezu von einem neuen "Boom" der Leben-Jesu-Literatur sprechen kann. Grund genug, an einen Wuppertaler Theologen zu erinnern, der vor hundert Jahren von Bremen aus die Debatte um den historischen Jesus nicht nur in breitere Bevölkerungskreise zu bringen suchte, sondern auch durch höchst erstaunliche, eigene Thesen mächtig anheizte.

Albert Kalthoff aus Barmen war ein Pfarrer, der - so unglaublich das klingen mag, und noch dazu mitten im tiefsten Wilhelminismus - für Demokratie und Freiheit kämpfte!

 

 

"Adventliches": Aus der bergisch-bremischen Kirchenvorgeschichte

Zwischen Vormärz und Erstem Weltkrieg hat es in Bremen vier größere Kirchenstreitigkeiten gegeben, deren erste und vierte sich an Wuppertaler Pastoren entzündeten.

Nach seinem Abgang vom Elberfelder Gymnasium hatte Friedrich Engels (1820-1895) anno 1838 in Bremen eine Kaufmannslehre begonnen und lebte als Pensionsgast im Pfarrhaus von Gottfried Treviranus (1788-1868) an St. Martini. Genau 50 Jahre später zog Albert Kalthoff in eben dieses Haus ein.

Die St. Martini-Basilika von 1229 ist unweit des Bremer Domes hart ans Ufer der Weser gebaut. Noch heute imponiert sie mit einem prachtvollen Barockorgelprospekt und einem mächtigen Geläut von sieben Glocken. Ihrem Einzugsgebiet, einem Altstadtquartier in Hafennähe, entsprechend gehörten zu dieser Gemeinde viele wohlhabende Kaufleute mit weltweiten Handelsinteressen und klarem Blick für die Zeichen der Zeit. Schon früh setzte hier die Reformation ein, und später bewahrten sich die Gemeinden in einer charakteristischen Weise ihre Eigenständigkeit: Erst 1920 wurde eine Landeskirche etabliert und erst 1952 erfolgte der Beitritt zur EKD. Juristisch hatte zwar der Senat die Kirchenleitung inne, doch galt und gilt bis heute: "Die Glaubens-, Gewissens- und Lehrfreiheit der Gemeinden bleibt unbeschränkt"1 oder, wie es von der Spötterbank her klingt: "Hier ist jeder Pfarrer sein eigener Papst".

Zu den bekanntesten und zugleich für Wuppertal interessantesten Martini-Pastoren gehörten Joachim Neander (1650-1680), der von dort aus als Lateinschulrektor nach Düsseldorf ging, wenige Jahre später aber zurückkehrte und an St. Martini 5-Uhr-Prediger (Frühgottesdienst fürs Gesinde) wurde. 1811-25 wirkte an St. Martini Gottfried Menken (1768-1831), der 1802 aus Wetzlar zunächst an St. Pauli berufen worden war und zu den bedeutendsten (pietistischen) Predigern Bremens zählt. Seine Frau kam aus der Barmer Familie Siebel, so daß Menken ein Schwippschwager der Familie Engels war.2

Neben Menken wirkte von 1814-1866 (52 Jahre!) an St. Martini Gottfried Treviranus, ein gelernter Kaufmann und begabter Manager, der 1849 mit Wichern die "Innere Mission" begründete und den ersten Evangelischen Kirchentag organisierte. Treviranus war ein guter Freund von Karl Wilhelm Moritz Snethlage (Knieriem 1991, S. 450), Pfarrer in Barmen, später Berlin, und Schwager von Friedrich Engels senior.

Im Juli 1838 war Friedrich Engels, aus England kommend, bei Treviranus eingezogen, und hier hatte er für die nächsten drei Jahre Gelegenheit, sich neben dem Beruf sehr intensiv mit den zeitgenössischen Geistesströmungen auseinanderzusetzen. Hier begann er mit seiner schriftstellerischen Tätigkeit, und in diesem Pfarrhaus entstanden im März 1839 die "Briefe aus dem Wupperthal', deren Passagen über Pastor Friedrich Wilhelm Krummacher und dessen "obskuren Mystizismus" hierzutale besonders gern zitiert werden.3

Seltsamerweise begab es sich, daß die Bremer ein Jahr darauf, im Sommer 1840 eben diesen Krummacher live erleben konnten, nämlich auf der Kanzel seines greisen Vaters Friedrich Adolf Krummacher (1768-1845), Pfarrer an St. Ansgarii (1824-1843).4

Die beiden Predigten des Elberfelder Krummachers (über dessen Lieblingsthemen "Weltgericht" und "Paulus' Fluch über unrechte Lehre") lösten in der Hansestadt erheblichen Ärger aus, welcher als "Bremer Kirchenstreit" in ganz Deutschland Aufsehen erregte nicht zuletzt durch die eifrigen Korrespondenzberichte des jungen Engels an renommierte deutsche Tageszeitungen.5

Mit Fortschreiten des Zwistes richtete sich der Unmut auch gegen Pastor Krummacher sen. ("Ätti" genannt), der sich mit dem Mischmasch von lutherischem und reformierten Bekenntnis in seiner Gemeinde nicht abfinden konnte und dies als "kirchlichen republikanischen Unfug" bezeichnete.6 Auch er wurde nun eines "trüben, schroffen Mystizismus" geziehen, und zwar nicht von dem halbstarken Kaufmannsgehilfen Engels, sondern von dem ehrwürdigen Potsdamer Bischof Eylert, obendrein Krummachers Jugendfreund.7

Friedrich Engels, den damals im Pfarrhaus St. Martini nicht zuletzt auch seine ersten, auf einer Reise nach Manchester gewonnenen Eindrücke von den menschenunwürdigen, gräßlichen Zuständen in der englischen Arbeiterschaft bewegten, würde vermutlich in seinen "Pasquillen" noch ganz andere Töne angeschlagen haben, wäre ihm bekannt gewesen, wie der fromme Ätti sich bereits anno 1816 dieses Themas angenommen hatte:

"Mögen die Engländer in ihrer Überfüllung ersticken oder in ein Revolutionsfieber geraten, geschieht es, so ist es gut; und ich wünschte, daß der ungeheure Kloak London-Manchester einmal ausgefegt würde. Was liegt daran, ob eine Million Tiermenschen untergeht wie zur Zeit der Sündflut."8

Als Krummacher sen. 1843 zum 50jährigen Kanzeljubiläum geehrt wurde und Treviranus ihre die Festrede hielt, steckte Engels bereits in den Vorarbeiten zu seinem ersten wichtigen Buch "Die Lage der arbeitenden Klasse in England", das 1845 erschien. Zuvor (1841/42) hatte er sich als Soldat und Student in Berlin den sog. Junghegelianern angeschlossen.

Deren Gedankenwelt, in die er sich ebenfalls im Hause Treviranus bereits hatte einarbeiten können, sollte später für Albert Kalthoff nicht minder bedeutsam werden.

Galt bis und für Hegel der Gang der Weltgeschichte noch als Erweis göttlicher Vernunft (Theodizee), so konnten die Junghegelianer, allen voran der Tübinger Philosoph und Theologe David Friedrich Strauß (1808-1874), eine solche Ausnahmestellung der Geschichte (und der Politik, man denke etwa nur an die deutschen Monarchen "von Gottes Gnaden") gegenüber anderen Wissenschaften nicht länger akzeptieren. Strauß versuchte, insbesondere aus der Evangeliensynopse einen "historischen" Jesus herauszupräparieren und von dem "Christus der Kirche" zu unterscheiden, dessen mythische Attribute nicht - im Sinne eines buchstabengetreuen, vernunftwidrigen Bibelglaubens - einer konkreten geschichtlichen Person zugeschrieben werden dürften. Strauß gehört also zu den ersten moderneren "Leben-Jesu"-Forschem, aus deren Ansätzen sich später die historisch-philologische Bibelkritik entwickelte (z. B. R. Bultmann). Sein zweibändiges Hauptwerk "Das Leben Jesu, kritisch betrachtet" erschien 1835, vier Jahre nach Hegels Tod, und weitere vier Jahre später fiel es dem jungen Friedrich Engels in die Hände. Der Grundgedanke dieses Werkes (Die Jesus-Darstellungen der Bibel sind nicht als historische Berichte zu verstehen, sondern als "Christusmythen", d. h. als zeitgenössischer Ausdruck einer grundlegenden und nach wie vor verbindlichen Christlichen Idee, die in andere Epochen jeweils zeitgemäß übersetzt werden muß, durch vernunftwidrigen "Buchstabenglauben" hingegen zur Karikatur entstellt und verschüttet würde) versetzte Engels in wahre Begeisterung, wie aus seinen Briefen an seine Wuppertaler Freunde, die nachmaligen Pastoren Gräber hervorgeht. Da diese bibelkritische Auffassung zur Ablehnung des apostolischen Glaubensbekenntnisses führte, 9 waren die Junghegelianer insofern für Kanzelämter in Kirche und Universität nicht tragbar, so lange es in Deutschland Monarchen gab. Erstes Opfer dieser Doktrin war Strauß selbst, dessen akademische Karriere mit dem Erscheinen seines Buches beendet war, und Albert Schweitzer ist das populärste, aber noch lange nicht letzte Opfer gewesen.10

Doch zurück nach Bremen. Wenige Jahre nach der Krummacher-Affäre gab es 1848 einen zweiten Bremer Kirchenstreit, als der liberale Pastor Rudolph Dulon, ein Straußianer, sich auf seiner Kanzel in der Liebfrauenkirche unfrommerweise für etwas so Garstiges wie Demokratie aussprach!11

Auch der hier als Nr. 3 aufzuzählende Bremer Kirchenstreit dürfte das Wohlwollen (und vermutlich ungläubige Erstaunen) des jungdeutschen Engels gefunden haben: 1867 wurde als Nachfolger von Treviranus (und zur "Betrübnis" desselben) an St. Martini ein Linkshegelianer erwählt, Moritz Schwalb (1833-19116)! Zwar liefen die Orthodoxen und Pietisten Sturm gegen diese Wahl und riefen, nach alter, frommer Weise, nach einem staatlichen Vollstrecker, doch der Senat blieb kühl und wollte sich nicht zum Richter über Religionsfragen machen - was ihm prompt als "Pilatus-Manier" angekreidet wurde. Für die nächsten zwei Jahrzehnte predigte nun Schwalb an St. Martini die Leben-Jesu-Theologie nach Strauß. Dann, 1888, erhielt er Verstärkung durch Albert Kalthoff, welcher seinerseits später (1906) für einen vierten Bremer Kirchenstreit sorgte. Nun aber endlich zu diesem selbst.

Elternhaus und Schule

Albert Kalthoff wurde am 5. März 1850 in Barmen geboren und stammte aus einer dort ansässigen Färberfamilie. Sein Großvater, Peter Caspar Kalthoff, verheiratet mit Johanna Maria Schauff, wird als Färbermeister bezeichnet, und sein Vater, Peter Ludwig Kalthoff (1818-1874), führte eine eigene Färberei. 12 Alberts Mutter, Wilhelmine (1824-1884), war eine Tochter des Barmer Kantenwebers und Appreteurs Johannes Wechselberg (17641850) und dessen Ehefrau Maria Gertrud Pilgram.

Die Familie war kirchlich stark gebunden; Ludwig Kalthoff wird in Thümmels "Geschichte der Vereinigt-Evangelischen Gemeinde Unterbarmen" (1872) verschiedentlich als Ältester (Presbyter) oder Provisor (Armenpfleger) genannt.

"Aufgewachsen und erzogen in den engen, festgefügten Formen Wuppertalscher Frömmigkeit', so berichtete Albert Kalthoff später von sich selbst in einer Antrittspredigt. 13

Albert besuchte vermutlich zunächst eine Elementarschule; denn er bezog erst im Frühjahr 1859 die Barmer Realschule, welche im Laufe seiner Schulzeit zum Gymnasium ausgebaut wurde. In dieser Schule herrschte zu jener Zeit zwar ein konservatives, stark religiöspatriotisches Klima, doch läßt sich auch eine bemerkenswerte Aufgeschlossenheit gegenüber der Wissenschaft und ein solider, nachgerade angstfreier Umgang mit deren Fortschritten feststellen. Dieser Zug strahlte wesentlich wohl von der fachlichen Kompetenz des Schulleiters, Dr. Gustav Thiele aus; speziell zeigten sich seine Ehemaligen übereinstimmend stark davon beeindruckt, wie Thiele gleichsam aus dem Handgelenk in freiem Vortrag die neuesten Forschungsergebnisse zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte des Römerreiches auseinandersetzte. Neben diesem wichtigen "Klimafaktor" gab es in der Lehrerschaft aber auch deutlich liberale Strömungen. Hier sind Prof. Dr. Carl Neumann (Mathematik, Physik), der 1866 zu den Gründem des Barmer Kunstvereins gehörte, und vor allem der Oberlehrer Dr. August Döring zu nennen. Letzterer, ein Sohn des Elberfelder Dichterpfarrers, unterrichtete Griechisch und Hebräisch und stand offenbar dem liberalen Schulverein des Bonner Philosophen Bona Meyer nahe. Er wurde 1870 Direktor des Dortmunder Gymnasiums und trat vehement für die Abschaffung des kirchlichen Religionsunterrichts ein eine Forderung, für die sich auch Albert Kalthoff zeitlebens stark machte. 14

In recht scharfem Kontrast zu diesem Schulmilieu stand das Unterbarmer Gemeindeleben. Es wurde beherrscht von Pfarrer Ernst Hermann Thümmel (1815-1887), der sich als "altbergischer Kanzel-Rambo wider Hölle, Pabst, Freidenker und Baptisten" (welch letztere sich frecherdings kurz nach seinem Amtsantritt just im Schatten seines Kirchturms eingenistet hatten) betätigte und selbst auf gerichtlichem Wege kaum in seiner engstirnigen Polemik zu bremsen war. Dessen Sohn Hermann Thümmel (1850-1905) war ein Mitschüler Alberts, und nachher zeitweise auch sein Kommilitone in Berlin. Er war später Pfarrer in Köln und Altena und wurde dann Versicherungsagent, nachdem er 1898 sein Amt niedergelegt hatte - zeitgleich mit seinem jüngeren Bruder Wilhelm Thümmel (1856-1828), der seinem Vater an Polemik kaum nachstand und als Remscheider Pfarrer durch seine Gerichtshändel (Thümmelsche Religionsprozesse 1886) Aufsehen erregte. Dieser promovierte später und wurde als Theologieprofessor in Jena ein bedeutender Vertreter der liberalen Richtung! 15

Bei Pfarrer Thümmel sen. besuchte Albert Kalthoff den Konfirmandenunterricht, dreimal wöchentlich innerhalb der dreistündigen Schul-Mittagspause, und wurde 1864 in einer kleinen Gruppe von Real- und Gewerbeschülern konfirmiert. Zu seinen Mitkonfirmanden gehörte auch der später bedeutende und durch seine Gedächtnisforschung bekannt gewordene Psychologe Hermann Ebbinghaus (1850-1909), der allerdings damals zwei Klassen weiter war als Albert. 16

Insgesamt verbrachte Albert Kalthoff 10 1/2 Jahre am Barmer Gymnasium, davon 2 1/2 Jahre in der Prima. Im Sommer 1869 bestand er dort das Abitur, wobei die mündliche Reifeprüfung so ablief, daß sich die Prüfungskommission morgens in der Schule einfand und den Beschluß faßte, alle vier Kandidaten von der mündlichen Prüfung zu dispensieren. Während Albert Kalthoff sich zum Theologiestudium entschloß, wählten seine Mitabiturienten Medizin und wurden tatsächlich auch alle drei Ärzte.17

Ein Liberaler zwischen Kirchenzucht und Glaubensfreiheit

Sein Studium absolvierte Albert Kalthoff ausschließlich in Berlin, wo er auch das Examen ablegte. Es heißt, er habe nur selten Vorlesungen besucht, sondern meist auf seiner Bude gearbeitet. Danach ging Kalthoff zunächst als Hilfslehrer auf ein mecklenburgisches Rittergut. 1874 promovierte er in Halle zum Dr. phil. über "Die Frage nach der metaphysischen Grundlage der Moral, mit besonderer Beziehung auf Schleiermacher". Im gleichen Jahr kehrte er nach Berlin zurück und heiratete dort Anna Franz, eine Arzt-Tochter aus Rügenwalde, die Malerin war.

Bereits bei seinem ersten Amtsantritt, als Hilfsprediger an St. Markus in Berlin, stolperte Kalthoff über seinen riesigen roten Bart, der nicht nur sein Gesicht verunzierte, sondern auch der Brandenburgischen Kirchenordnung zuwider wallte. Da Kalthoff aber stur blieb, wurde er kurzerhand in ein winziges Provinznest im äußersten Südosten Brandenburgs, nach Nickern bei Züllichau versetzt.

Allein, beim dortigen Pfarrverein stieß er bald auf ähnlichen Unmut, besonders als er mit einer Solidaritätsadresse für den 1877 an St. Jakobi (Berlin) gewählten, aber durch die Kirchenleitung nicht bestätigten modernen Theologen Theodor Hoßbach förmlich in ein Wespennest griff. Hoßbach war nämlich zum Opfer eines erbitterten Machtkampfes zwischen der sog. "Hofpredigerpartei" (Kögel) und der liberalen Cultus-Administration geworden, in deren Folge sowohl der Oberkirchenrats-Präsident (Hermann) als auch der Kultusminister (Adalbert Falk) ihren Hut nahmen. 18

Des energischen Protestes seiner Gemeinde ungeachtet wurde auch Kalthoff am 29. Juli 1878 durch den preußischen Oberkirchenrat des Amtes entsetzt. Seine "Vertheidigungsrede wider die Anklage des königlichen Consistoriums der Provinz Brandenburg zu Berlin, gehalten am 9. Mai 1878, nebst den wichtigsten darauf bezüglichen Actenstücken" erschien im gleichen Jahr auf dem Buchmarkt, wie schon zuvor einige seiner Predigten (darunter auch zu Galater 1;8: "Gesetz und Evangelium").

Nach seiner Entlassung predigte der junge Rotbart unverdrossen nun im Freien, auf Straßen, in Parks und Kneipen, und der Zulauf war so stark, daß das Brandenburgische Konsistorium 19 ein Disziplinarverfahren wegen "strafbaren Trotzes" nachschob. Auch Kalthoffs zweite Verteidigungsrede, gehalten am 15. Februar 1879 vor dem Königlichen Gerichtshof für kirchliche Angelegenheiten, wurde als Traktat gedruckt. Zwei Wochen später rief Kalthoff, der inzwischen in die Reichshauptstadt zurückgekehrt war, zur Konstituierung einer außerkirchlichen Opposition auf.

Sehr rasch gelang die Gründung des "Protestantischen Reform-Vereins", einer zur Förderung der liberalen Theologie gebildeten Protestorganisation gegen die kirchliche Obrigkeit und für eine moderne, zeitgemäße Kirche. Am 27. April 1879 hielt Kalthoff die Predigt zur Eröffnungsfeier dieses Vereins im oberen Saale der Reichshallen, ein flammendes Bekenntnis zu christlicher Freiheit.20

Ähnlich wie Luther sah er sich vor dem Problem, daß die kirchliche Glaubenslehre mit allerlei "Christusmythen" überfrachtet sei, die den Weg für eine eigentliche "Nachfolge Jesu" versperren. "Nachfolge" bedeute nicht Hinterherrennen hinter einem vorgegaukelten - womöglich gar politisch instrumentalisierten - Gottesbild, sondern selbstverantwortlich den eigenen Lebensweg zu gehen, im Sinne Jesu. Erst wenn der natürliche Mensch Jesus wieder ins Zentrum rückt, kann er als Vorbild dienen; ein göttlicher Christus aber wird eher als stellvertretender Erfüller derjenigen Ideale "mißbraucht', die man nur in Sonntagsreden schätzt und für die man sich ansonsten, als ohnehin schwacher Sünder, gar nicht erst die Pantoffeln ausziehen würde. Für Kalthoff war also die Frage nach dem historischen Jesus engstens verbunden mit der Suche nach einem real gelebten, zum Nacheifern auch in heutiger Zeit motivierenden Vorbild christlichen Glaubens.

Bald darauf vollzog Kalthoff an gleicher Stelle, in den Reichshallen, wo er nahezu wöchentlich auftrat, auch die erste ("freikirchliche") Trauung, nachdem er in seiner Ansprache "Die Ehe" seine liberale Auffassung von dieser Einrichtung auseinandergesetzt hatte.21

Um sich das Ausmaß dieser Frechheit, wie überhaupt der Vereinsgründung, zu vergegenwärtigen, muß man sich die damalige Autorität der preußischen Kirche vor Augen führen: In jenem Jahr ohrfeigte ein Berliner Pfarrer öffentlich eine schwangere Braut, bevor er zur Trauung schritt, und beschloß die Generalsynode - als Reaktion auf das neue Zivilrecht die Einführung des Tauf- und Trauzwanges für ihre "Mitglieder" (d. h.: Untertanen).

Im gleichen Jahr hatten die Berliner Reform-Protestanten einen Gastredner aus Bremen zu Besuch: Pastor K. R. Schramm, der 1877 an St. Jakobi als Zweitberufener nach Hoßbach ebenfalls nicht bestätigt worden war. 22 Schramm hatte daraufhin Zuflucht beim Bremischen Protestanten-Verein gefunden, den zwei Altstadt-Pastoren bereits 1863 (!) gegründet und zur deutschen Hochburg des linksliberalen Protestantismus ausgebaut hatten. 23

Stolz konnte er seinen Berliner Freunden nun verkünden: "Die Reform der Kirche, welche Ihr erstrebt, wir haben sie erreicht! Unsere Gemeinden regieren und bestimmen sich selbst, sie haben das urverkümmerte Recht der freien Pfarr-Wahl und kein Zwang eines überlebten Dogmas, eines todten Buchstabens hindert uns Prediger bei der Verkündung des reinen und ursprünglichen Evangeliums." 24

Neben seiner Rednertätigkeit, auch im Bürgersaal des Rathauses, im Handwerkerverein und an vielen anderen Orten, veröffentlichte Albert Kalthoff zahlreiche Beiträge im "Protestantenblatt", der Zeitschrift des Reform-Vereins, ferner u. a. auch in der "Gartenlaube", und er betätigte sich als Wanderredner für den "Verein für Feuerbestattung", der seinerzeit so etwas wie eine Speerspitze der Freidenkerbewegung war. Kalthoffs damalige Vorträge erschienen in zwei eigenen Reihen: "Reden und Vorträge, gehalten im Protestantischen Reform-Verein zu Berlin" und "Schriften des protestantischen Reform-Vereins zu Berlin". Aus den Predigten im Reform-Verein entstand auch sein erstes "Leben-Jesu"-Buch, das 1880 erschien und weitgehend der liberalen Auffassung verpflichtet war.

Im gleichen Jahr veröffentlichte Kalthoff eine Kampfschrift gegen den wachsenden Antisemitismus, der nach der judenfeindlichen Kampagne des Hofpredigers Stoecker und des Historikers Treitschke besonders in Berlin grassierte und 1881 zu Ausschreitungen gegen jüdische Bürger in mehreren deutschen Städten führte. Politisch ging diese Hetzkampagne Hand in Hand mit Bismarcks Versuch, nach Ausschaltung der Sozialisten (1878) nun auch die (Links-)Liberalen zu knebeln. Ausgerechnet in dieser Zeit, als die liberale Fraktion nahezu niedergerungen war und ihr Führer, Eduard Lasker, das Handtuch geworfen hatte, wurde der Berliner Wanderprediger Albert Kalthoff von der Fortschrittspartei als Reichstagskandidat für die Wahlen 1881 aufgestellt. Zwar errang diese Partei damals unter dem entschiedenen Oppositionspolitiker Eugen Richter einen beachtlichen 12,8%-Erfolg mit 60 Sitzen, doch erhielt Kalthoff keines der Mandate. Er blieb dieser linksliberalen Parteirichtung, die ständig ihre Formation wechselte (z. B. als "Freisinnige Partei" oder "Freisinnige Vereinigung") und zeitweise mit der Sozialdemokratie sympathisierte 25 auch später treu, ohne jedoch ein politisches Amt zu übernehmen.

Kalthoffs Frau Anna war 1878 unter der Geburt des ersten Sohnes gestorben. Bereits 1879 hatte Kalthoff in Nickern die Tochter eines dortigen Rittergutsbesitzers geheiratet, Eugenie Schulz, die ihm drei Töchter schenkte, aber ebenfalls nach kurzer Ehe bereits 1884 starb. Im gleichen Jahr wurde der abermalige Witwer in die reformierte Gemeinde nach Rheinfelder (Schweiz) berufen, wo er vier Jahre blieb und während dieser Zeit offenbar fast nichts veröffentlichte.

Gelegentlich trat er aber weiterhin in Berlin auf, wo er z. B. am 16.10.1887 im Reform-Verein über "Die Gesinnung Jesu" predigte. In dieser Rede (zu Philipper 2;5: "Ein jeglicher sei gesinnet, wie Jesus Christus auch war") stellte Kalthoff den reifer und weise gewordenen Paulus jenem feuerköpfigen Schriftgelehrten gegenüber, welcher "einst sich und seine Leser mit allerlei spitzfindigen Fragen gequält" und andere frühchristliche Prediger eifersüchtig als Eindringlinge in sein Missionsrevier empfunden habe ("So jemand Euch ein anderes Evangelium verkündigt, als ich es verkündigt habe, der sei verflucht!" Galater 1:9 - bis heute ein Lieblingsspruch der Fundamentalisten). Im späteren Philipperbrief aber sei Paulus auf seiner letzten Entwicklungsstufe angekommen und - alles orthodoxe Eifern und Rivalisieren hinter sich lassend - zum eigentlichen Kern des Christentums vorgedrungen, nämlich: Nachfolge Jesu. 26

Abgesehen von dem interessanten Kontrast zur oben erwähnten Bremer KrummacherPredigt von 1840 erscheint diese Rede auch insofern bemerkenswert, als sie bereits Kalthoffs Überwindung der liberalen Theologie erkennen läßt. Der "historische" Jesus, dem es nachzufolgen gilt, tritt gegenüber der "Jesus-Gesinnung" schon stark in den Hintergrund; in den folgenden Jahren wird Kalthoff ihm vollends den Abschied geben.

Anders als in Kalthoffs späteren Predigten ist auch das kämpferische Moment noch sehr deutlich ausgeprägt, als anti-autoritärer, wenn nicht gar revolutionärer Aspekt: Wer so wie Jesus die Wahrheit liebt, "dem ist keine Lüge zu gleißend, ... daß er nicht wagte, ihr die Maske vom Gesicht zu reißen, dem ist kein Unrecht zu alt, zu mächtig, zu eingewurzelt, als daß er nicht muthig die Hand anlegte, es auszurotten, dem ist keine Wunde am Leibe der Menschheit zu tief, daß er nicht heranträte mit Oel und Wein, sie zu verbinden." Daneben aber lassen seine Ausführungen speziell zu "Zeiten der Not" auch erahnen, wie hart ihn seine bisherigen Schicksalsschläge getroffen haben müssen. Auch im Schweizer "Exil" "das Brot der Fremde essen" zu müssen, war ihm schwer gefallen; wiewohl er in dem Baseler Chemieprofessor Kahlbaum einen engen Freund gefunden hatte, der ihm viel bedeutete.

 

 

Kalthoff in Bremen

1888 wurde Albert Kalthoff als zweiter Pastor an St. Martini zu Bremen berufen. Primarius war dort der als Treviranus-Nachfolger schon genannte Moritz Schwalb (s. o., 3. Kirchenstreit). Am benachbarten Dom arbeitete seit längerem schon ein liberaler Theologe, nämlich der bereits erwähnte K. R. Schramm, ein alter Bekannter Kalthoffs aus Berliner Tagen.

Wie Kalthoff, war auch Schramm nicht der von D. F. Strauß geäußerten Ansicht, die Religion werde von den (Natur-)Wissenschaften auf ein immer kleiner werdendes Terrain gedrängt und sei - wie die amerikanischen Indianer - letztlich zum Aussterben verurteilt, sondern sie sei "der Dienst des Ewigen mitten im Irdischen, Wurzel und Mutter aller Tugenden und jeglicher Wahrheit".

So sah sich also Albert Kalthoff nun in Bremen nicht nur in Amt und Würden, sondern auch in einem Kreise gleichgesinnter Amtskollegen. Bald darauf fand er überdies in der 25jährigen Kaufmannstochter Emmy Linne seine dritte Ehefrau. Von Vater Linne sind Aufzeichnungen erhalten, in welchen dieser seinen Eindruck von Kalthoffs Probepredigt am 2. Mai 1886 beschrieb: In seinem Auftreten wirkte Kalthoff durch "große Ruhe und Sicherheit, Wärme und tiefe Empfindung", und in seiner Predigt offenbarte er "die große Gabe, einfach, klar und doch in hohem Grade gemütvoll ein Thema zu behandeln. Ich habe einen solchen Redner noch nicht gehört, und dasselbe hörte ich von vielen anderen. " 27

1890 wurde der jüngste Sohn, Max Kalthoff geboren, der später Arzt wurde. 28

Eine herzliche Freundschaft verband die Kalthoffs mit der Familie des Richters Kirchhoff. Heinrich Kirchhoff war Vizepräsident der Bremer Bürgerschaft und an St. Martini "Bauherr" (Gemeindevorsteher). 29 Seine Frau Auguste kam aus dem Rheinland (AsbachfWied) und wurde um 1910 eine wichtige Bremer Frauenführerin.

Die Freundschaft mit den Kirchhoffs hat Kalthoff ausgesprochen genossen. Sie waren nicht nur sehr aufgeschlossen 30 und vielseitig interessiert, sondern auch sachverständige Kunst- und Musikliebhaber, wie er selbst, so daß er die ausgebildete Sängerin an Flügel oder Orgel begleiten konnte. Blieb ihm die Zeit nicht für einen Konzertbesuch, so pflegte sich Kalthoff statt dessen die Partitur zu Gemüte zu führen. Auch habe er, so wußte sein Freund Steudel (1907), sich insgeheim immer mit dem Gedanken getragen, einen großen Roman zu schreiben. Neben dem beruflichen und privaten Glück scheint sich Kalthoff auch in der Stadt, die übrigens damals mancherlei und erstaunliche Parallelen zu Barmen aufwies, recht heimisch gefühlt zu haben und entwickelte er rasch eine Vielzahl von nebenberuflichen Aktivitäten.

 

A. Kalthoff "bei dem Weine, den er liebte..." (H. Bösking)

von links: Friedrich Steudel - Albert Kalthoff  - stehend Oscar Mauritz
(Foto: Staatsarchiv Bremen)

 

Soziales Engagement.- Mit dem Elend der Arbeiterschaft vor seiner Kirchentür tagtäglich konfrontiert, und angesichts der Bemühungen seiner jungen, sozial engagierten Kollegen, durch Mildtätigkeitsaktionen zumindest punktuell die ärgste Not zu lindern, vertiefte sich Kalthoff in das Studium nationalökonomischer und sozialpolitischer Fachliteratur, um diesem Übel systematisch auf den Grund gehen zu können. Quasi als Nebenprodukt stieß er dabei auf den englischen Gelehrten und Amtsbruder Charles Kingsley (1819-1875), der zugleich orthodoxer Hofprediger der Königin und radikaler Sozialist war, Erzieher des Prinzen von Wales wie der Arbeiterschaft in den Slums von London. Mit großer Begeisterung stellte Kalthoff diesen ungewöhnlichen "Apostel des Sozialismus" in einem 1892 erschienenen "religiös-sozialen Charakterbild" vor und erläuterte dessen vielfältige Ansätze, von Wohnhygiene über Produktionsgenossenschaften bis zu Arbeiterakademien. Kalthoff sah seinerseits in Aufklärung, Bildung und Ausbildung wesentliche Vorbedingungen für eine wirksame Bekämpfung des Elends, indem dadurch eine solide Basis für nachhaltige Selbstbefreiung aus Unterdrückung und Ausbeutung (12-Stunden-Tag bei Hungerlöhnen, 8-Klassen-Wahlrecht etc.) gelegt werden könne. Seine vielfältigen diesbezüglichen Aktivitäten und Anregungen zu erfassen, würde ausführliche archivalische Recherchen erfordem;31 hier sollen nur einige der Initiativen erwähnt werden, die in den genannten gedruckten Quellen angeführt wurden.

1891 begründete Kalthoff den Arbeiterbildungsverein "Lessing", mit welchem er so etwas wie die Idee einer Volkshochschule realisierte. Sein erklärtes Ziel war es, Kunst und Wissenschaft in möglichst breite Kreise hineinzutragen, die ganze Gesellschaft an der von ihr selbst hervorgebrachten Kultur teilhaben zu lassen. Er persönlich trug zu diesem Bildungsprogramm mit unzähligen Vorträgen, Zeitungsaufsätzen, Broschüren und Büchern bei, nicht zuletzt auch in seinen Predigten und Hauskränzchen, durch welche er vor allem den Unternehmern ins Gewissen redete und um Verständnis warb. Im "Lessing-Verein" hielt er selbst Kurse ab, dirigierte sogar den Männerchor. Später richtete er Literatur- und Bildungskurse speziell für Damen ein.

1900 gründete er den Bremer "Goethe-Bund", einen Volksbühnenverein, der verbilligte Abonnements für Theater und Konzert vermittelte und pro Spielzeit einige Vorträge organisierte: Zur "Förderung der geistigen Erziehung des Volkes und Bekämpfung aller Bestrebungen, die auf eine Beschränkung der geistigen Freiheit der deutschen Nation gerichtet sind", wie es in der Satzung hieß. Dem gleichen Ziel diente die ebenfalls durch Kalthoff initiierte Einrichtung der "Lesehalle" im Jahre 1901, einer niedrigschwelligen Ergänzung zur vornehmen Stadtbibliothek.

Das "Recht auf Bildung" sah Kalthoff in engem Zusammenhang mit dem "Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit", für welches er nach allen Seiten hin eintrat: Im Kampf gegen Benachteiligung von Arbeitern, für Frauenemanzipation, für das Recht des Kindes, gegen Zensur, gegen Wehrpflicht, gegen Todesstrafe, für Strafrechtsreform, für Frieden, für Völkerverständigung, für Europa etc. Er scheute sich nicht, in Zeitung und Gewerkschaftsversammlung für streikende Arbeiter Partei zu ergreifen und stand mit den Bremer Sozialisten auf gutem Fuß. 1891 hatte dortselbst der zwanzigjährige Friedrich Ebert nach seinen Wanderjahren als Sattlergeselle (die ihn auch durchs Bergische Land geführt hatten) sich niedergelassen und die SPD als Parteiorganisation zügig wieder aufbauen können. Nachdem er ihr zum Durchbruch verholfen und Bremen wieder verlassen hatte, wurde das Verhältnis der Bremer Sozialisten zu Kalthoff allerdings kühler und mißtrauischer, aus Sorge um die Parteilinie und Furcht vor Abwerbung.

Stark war auch Kalthoffs Engagement im Schulwesen; er gründete einen "Elternbund für Schulreform" und hatte über den Bremischen Lehrerverein wesentlichen Einfluß auf die Lehrerschaft, deren Eintreten für eine Abschaffung des kirchlichen Religionsunterrichts als "Bremer Schulstreit" in die Geschichte der Pädagogik einging. 32 Er selbst wandte sich in mehreren seiner Predigten und Broschüren gegen die Spaltung des Volkes durch Klassen- und Konfessionsschulen, plädierte leidenschaftlich für die "Einheitsschule" und einen allgemeinen statt kirchlich-konfessionellen Religionsunterricht. Harte Kritik übte er auch an der "Barbarei der humanistischen Bildung", die die jungen Menschen verbiege und für eine "vergitterte", durch Standesdünkei abgesperrte Welt erziehe.33

Kalthoffs Engagement in Sachen Wissenschaft ist bislang leider noch gar nicht aufgearbeitet worden und daher völlig unbekannt. Er gründete in Bremen eine "Sozialwissenschaftliche Vereinigung" zur Förderung dieses neuen Wissenschaftszweiges und dessen Rezeption in der Öffentlichkeit. Und was sein eigenes Fach betrifft, so kommentierte er mit herben Worten Harnacks damaligen Coup, die Theologie als solche im modernen Hochschul-Fächerkatalog festzuschreiben, statt sie der Religionswissenschaft einzugliedern.

Aus verschiedenen seiner Vortragsreihen sind Bücher entstanden wie z. B. über die griechische Antike, über das Zeitalter der Reformation, über Goethes Faust und vor allem über "Friedrich Nietzsche und die Kulturprobleme unserer Zeit" (s. Werkverzeichnis). Ähnlich wie seine um 20 Jahre jüngere Landsmännin Helene Stöcker hatte auch Kalthoff schon relativ früh, noch zu Lebzeiten Nietzsches, die überragende Bedeutung dieses Philosophen erkannt und wurde von dessen Gedanken stark beeinflußt. Daneben teilten die beiden Wuppertaler die Hochschätzung Goethes, dessen damals große Zugkraft im Hinblick auf das Ideal der freien Persönlichkeitsentfaltung aus heutiger Sicht (glücklicherweise) nur noch schwer nachzuempfnden ist.

Friedensarbeit - Schon als jungem Wanderprediger ist Kalthoff das Friedensthema wichtig gewesen und taucht auch in den Bremer Kanzelreden immer wieder auf. Später dann engagierte sich Kalthoff aktiv in der Deutschen Friedensgesellschaft und begründete deren Bremer Ortsgruppe. Während die früheren Kalthoff-Biographen aber diesen Aspekt völlig vernachlässigt bzw. "vergessen" hatten, arbeitete ihn Donat 1988 erstmals deutlich heraus. Weitere Bremer Arbeiten folgten 34 so daß Kalthoff heute in erster Linie als Pazifist bekannt ist. Insofern dürfen hier einige kurze Hinweise zu diesem Thema genügen.

Kalthoff war, ähnlich wie Ludwig Quidde, ein Patriot im guten Sinne des Wortes; er "liebte" sein Land und sein Volk und sah es gerne im internationalen Wettstreit mit anderen Staaten, Volkswirtschaften und Kulturen. Es schmerzte ihn, daß Deutschland hinsichtlich der Demokratisierung zum hoffnungslosen Schlußlicht in Europa zu werden drohte. Krieg hielt er nicht grundsätzlich für völlig ausgeschlossen, aber für idiotisch, eines Kulturvolkes für unwürdig, und ökonomisch für widersinnig. Angesichts der weltweiten wirtschaftlichen Verflechtungen erschien er ihm zu seiner Zeit auch als unwahrscheinlich. Den säbelrasselnden flotten Kaiser in Berlin schien er kaum ernstzunehmen, und statt vor dem wachsenden Militarismus, den er zwar erkannte und benannte, zu warnen, beschwor er die Vernunft seiner Zuhörer und ermutigte sie zu Besonnenheit und Völkerverständigung. Ohne Haß auf die Engländer zu schüren, prangerte er den Burenkrieg als barbarisches Menschenabschlachten an und äußerte seinen Abscheu über die inhumane deutsche Kolonialpolitik - alles innerhalb seiner Predigten.

Anfang 1903 leitete Kalthoff eine Versammlung, bei welcher er den aus Bremen stammenden Münchner Friedensführer Prof. Ludwig Quidde als Redner vorstellen konnte. Dabei rief er zur Gründung einer Ortsgruppe der Deutschen Friedensgesellschaft auf, als deren Vorsitzender er sogleich gewählt wurde. Sein Stellvertreter wurde der Kunstmaler Rittinghoff, ein Freund aus dem Kirchhoff-Kreis, von dessen Hand ein kurz nach Kalthoffs Tod gefertigtes Ölporträt überliefert ist.

Donat & Jung (1988) haben ihren Porträts dreier Bremer Friedens-Prediger (Kalthoff, dessen Nachfolger Emil Felden, sowie Gustav Greiffenhagen, einziger Bremer Teilnehmer an der Barmer Bekenntnissynode 1934) den nationalistischen Normal-Pastor vorangestellt, dem scheinbar der Sedanstag der höchste kirchliche Feiertag war. 35 Dieser zur Beurteilung Kalthoffs so wichtige Kontrast sei hier durch einen kurzen Blick ins eigene Tal ersetzt. Dadurch wird zugleich deutlich werden, daß Kalthoff, der den Ausbruch des ersten Weltkriegescht mehr erleben mußte; bei aller Kritik an der Untertanen-Amtskirche wohl keine Vorstellun nig davon hatte, wie schwach es um deren Friedensfähigkeit tatsächlich bestellt war. So hätte er gewiß nicht für denkbar gehalten, daß wenige Jahre später z. B. ein Elberfelder Amtskollege Nachrufe wie diesen auf frühere Konfirmanden verfassen würde: "Robert Bergmann (23.09.1897-30.12.1997): Freiwillig sich an einem Sturmangriff mit kleiner Schar beteiligend, fiel er durch Kopfschuß, nachdem er noch eben einem Kameraden zugerufen: 'Heute kannst du 50 Engländer auf mein Konto schreiben!' Eine reine Jünglingsseele. Bestattet in Serranvillers." 36

Wie wohlfeil gerade den in so heiligem Zorn wider Kalthoff entbrannten Verfechtern der "reinen Lehre" in jenen Kriegsjahren das vormals so teure Gotteswort war, und die Bibel nun plötzlich skrupellos als nationalistisches Propagandamaterial ausgeschlachtet wurde, soll hier schamhaft übergangen werden, steht es doch mit deren heute üblicher Benutzung als tiefenpsychologisches Lehrbuch kein Deut besser.

Als Pazifist war Kalthoff weit davon entfernt, den göttlichen (Kanzel-Segen-) Frieden, "welcher höher ist als alle Vernunft", zu verwechseln mit dem oft schrecklichen Frieden, "wie ihn die Welt gibt" ; dieser Punkt wird weiter unten, im Zusammenhang mit seinem theologischen Spätwerk, wieder aufgegriffen.

Kalthoff als Prediger.- Den Bremer Protestanten stand (und steht) es frei, sich unabhängig vom Wohnquartier derjenigen Gemeinde anzuschließen, die ihnen zusagte, z. B. hinsichtlich der Denomination (lutherisch, reformiert etc.) oder des Predigers. Wenn ihnen der ihrige nicht gefiel, so konnten sie sich, zumal in der Altstadt, nur ein paar Ecken weiter in eine andere Kirche begeben, etwa auch, um der Verderbnis durch darwinistische Irrlehren zu entgehen und sich an der Geschichte vom Lehmkloß zu erquicken. So dürfte sich über die Gemeinden hinweg ein markantes theologisches Profil ergeben haben, auch wenn es in einzelnen Kirchhäusern wiederholt zu krassem Richtungswechsel kam. Kirchensteuer gab es nicht, so daß die auf Spenden angewiesene Arbeitsfähigkeit der Gemeinde wesentlich vom guten Einvernehmen zwischen Pastor, Kirchenvorstand und Gläubigen abhing. Kalthoff, der seiner Gemeinde mit Wärme und Verbindlichkeit begegnete, setzte auf ein vertrauensvolles, fast intimes Klima, und als er nach der Pensionierung Schwalbs 1894 Primarius wurde, verzichtete er sogar auf die Einstellung eines zweiten Pfarrers und nahm lieber die ganze Arbeit auf sich allein. Dennoch ist von Eifersüchteleien wegen seiner vielfältigen außergemeindlichen Aktivitäten nichts berichtet worden und war die Anhänglichkeit der Gemeindeglieder mindestens ebenso groß wie bei den anderen, einen autoritären Führungsstil pflegenden Pastoren: "Unser Kalthoff" wurde er genannt.

Von der Kanzel redete er seine Hörer stets mit "meine Freunde" an, und die sehr zahlreich überlieferten Predigttexte lassen erkennen, daß er es auch so meinte. Erbauung und Belehrung, Mahnung und Ermunterung sind seine Hauptregister, und wo andere im Donnergrollen Straf- und Bußpredigten dröhnen ließen, da war er persönlich-bekenntnishaft oder lockte verständnisvoll Einsicht in eigene Schwäche und Ungerechtigkeit hervor. Einsicht, Verständnis und Zuversicht lassen sich geradezu als die drei Grundpfeiler bezeichnen, auf denen seine Kanzel ruhte: Niemals legte er den Finger in eine Wunde, sondern versorgte sie wie ein Sanitäter, ging aber den Unfallursachen schonungslos nach, zeigte Wege der Verhütung auf und machte Mut zu mehr Umsicht und Vorsicht. Je übler die Schwären, desto leidenschaftlicher prangerte er die hygienischen Verhältnisse an und strebte nach Verbesserungen. Zu den "gemüthvollsten" seiner Predigten gehören die über Erziehung und Kinderrechte, in weichen er in anrührenden Worten und Bildern kindlichen Bewegungs-, Entdeckungs- und Liebesdrang schildert und dabei die Keulen benennt, mit welchen Elternhaus, Schule und Kirche kindliche Kreativität, Offenheit, Sozial- und Zukunftsfähigkeit ertöten. "Im Recht des Kindes gewinnt die Zukunft Gewalt über uns", findet das vorwärtsdrängende Leben seine erste Gestaltung; während eine rückwärts gewandte Kultur die kommenden Generationen für die Vergangenheit erzieht, der Jugend mit einer idealisierten guten, alten Zeit "einen Spiegel vorhält für ihm eigene Entartung" und sie zur Rückkehr mahnt zu dem, "was den Vätern einst heilig gewesen". 37

Er war ein brillanter Redner, der seine Zuhörer so in Bann schlug und in fremde Gedankenwelten entführte, daß sie beim Verlassen der Kirche Schwierigkeiten hatten, in ihren sonntäglichen Habitus zurückzufinden. Seine Deklamation sei jedoch keineswegs dramatisch oder theatralisch gewesen, berichtet Steudel (1907), sondern eher gedämpft, kraftvoll, aber unaufdringlich und wohlklingend, wobei besonders sein am griechischen Versmaß geschulter Sinn für rhythmische Sprechweise als angenehm empfunden worden sei.

Offenbar schon früh hat Kalthoff seine Predigten zu Serien um einen Themenschwerpunkt herum konzipiert, wobei er zunächst wohl biblische Probleme wählte und später zu allgemeineren religiösen Zeitfragen kam oder auch einzelne Philosophen behandelte (z. B. Lessing oder Nietzsche). Auch verzichtete er in den letzten Jahren auf die Voranstellung eines biblischen Predigttextes. Das trug erheblich zu strengerer gedanklicher Durchführung und Oberzeugungskraft seiner Betrachtungen bei, indem die oftmals so seichten Assoziationsketten beim berüchtigten "heiligen Schwenk" zum vorgeschriebenen Text entbehrlich wurden und er nicht in die Verlegenheit kam, aus Gründen einer Kirchenordnung den Bibelworten Gewalt anzutun. Mitunter sind seine Predigten streng dialektisch aufgebaut und muten insofern den Hörern einiges zu. Dies sei kurz am Beispiel der Predigt "Rassenkampf' skizziert:

In anschaulichen, teils gar blumigen Worten beschreibt Kalthoff den "Seid-umschlungen-Millionen"-Traum des 18. Jahrhunderts von einer erdumspannenden Menschheitsfamilie in ewigem Frieden. Dem stellt er das stolze Nationalbewußtsein des 19. Jahrhunderts gegenüber, wobei er seine eigene patriotische Gesinnung bekennt und die Vorteile eines Konkurrenzkampfes der Völker herausstreicht. Sodann versucht er, auch zu dieser liebgewordenen Haltung auf Distanz zu gehen und als Perspektive auf das 20. Jahrhundert Möglichkeiten einer Synthese (Wettstreit im Rahmen von Kooperation und Kulturaustausch, besonders auch mit den sog. primitiven Völkern, Partnerschaft statt Kolonialismus etc.) zu entwerfen - hinter welcher sich übrigens, noch unscheinbar, der Gedanke "Europa" verbirgt. üblicherweise schildert er jede der gegensätzlichen Ausgangspositionen (These und Antithese) sehr lebendig und ansprechend, lädt die Hörer ein, sich ebenso vorbehaltlos etwa in die Welt eines Säufers wie in die eines Abstinenz-Fanatikers hineinzuversetzen und stürzt sie damit nicht selten in ein Wechselbad der Gefühle.

Weniger streng dialektisch konzipierte Predigten erinnern an die Sonatenform, wo die Antithese das Hauptthema nur als Nebenmotiv kontrastiert und die Durchführung lediglich unterschiedliche Aspekte aufzeigt, ohne eine neue These hervorbringen zu wollen.

Das wohl faszinierendste Beispiel seiner Kunst, Erbauliches und Belehrendes organisch zu verbinden, Gemüt und Verstand gleichermaßen anzusprechen, ist seine 1898 erschienene Predigtreihe "An der Wende des Jahrhunderts. Kanzelreden über die sozialen Kämpfe unserer Zeit. Von Herbst 1897 bis Himmelfahrt 1898 behandelte er in 26 Ansprachen die brennendsten Zeitfragen, von Arbeitskampf und Arbeitslohn über Todesstrafe, Trunksucht, Krieg, Wissenschaft, Schulfrage, moderne Kunst, über Porträts der wichtigsten politischen Parteien bis zu einer mehrstündigen Analyse und Kritik privater, kirchlicher und staatlicher Formen der Wohltätigkeit. Weihnachten sprach er über die Frauenfrage, wobei er an der Krippen-Maria anknüpfte und mit der Aufforderung an die Männer schloß, den Frauen die gleichberechtigte Teilhabe an ihrer Welt zu schenken.

Wohl wissend, "daß nichts den Menschen anfangs so stutzig macht und ihm so schwer angeht, als wenn er über den Kreis der Vorstellungen, in die er durch sein äußeres Leben hineingeboren ist, hinausgehen und seine gewohnten Anschauungen wohl gar umdenken soll" (S. 10), und dies an Jesus, Paulus und Lessing erläuternd, mutete Kalthoff seinen Hörern mit diesem Projekt also ganz beträchtliches an Umdenken zu. Als Ziel hatte er vorab benannt, "das Verständnis für die sozialen Kämpfe unserer Zeit zu fördern und in uns zu vertiefen. Wir wollen die inneren Gesetze aufsuchen, nach denen diese Kämpfe sich vollziehen, wollen dann den neuen Lebensidealen ins Auge schauen, die aus den sozialen Gährungen unseres Jahrhunderts sich zu bilden beginnen." (S. 5).

Bei Besprechung der politischen Parteien, deren jeder er eine ganze Predigt widmete, warb er um Verständnis für deren spezifische Ideale und Bedeutung im zeitgenössischen Spiel der Entwicklungskräfte, sparte jedoch auch nicht mit Kritik an der jeweiligen Realpolitik, wobei er besonders hart mit den Liberalen ins Gericht ging (die speziell in Bremen heillos zersplittert waren).

Die mit Abstand schärfste Polemik jedoch fuhr Kalthoff dabei gegen die Innere Mission auf: Ausführlich zitierte er aus der (übel reaktionären) Gründungspropaganda Wicherns, der die 48er Revolution als verbrecherischen Frevel eines trunkenen, bösen Volkes gegen die von Gott eingesetzte staatliche Obrigkeit und als Ausgeburt des Satanismus gebrandmarkt hatte und sich nun als Schutzstaffel der Kirche und des Königs diesen geöffneten Pforten der Hölle entgegenzuwerfen entschloß. Kalthoff: "Eine Kampfgenossenschaft ist die innere Mission, nicht um die Ungerechtigkeit und das Elend, darunter das Volk seufzt, aufdecken und beseitigen zu helfen, sondem um das Volk in der Gefügigkeit gegen die Autorität zu erhalten. Die Liebe der inneren Mission ist aus der Angst geboren, darum ist sie nicht echt und rein. Ihr eigentlicher Zweck ist: Stärkung der Gewalten, der hierarchischen in der Kirche und der patriarchalischen im Staate. Die innere Mission kennt nur eine Quelle alles menschlichen Verderbens: die Emanzipation des Volkes von der Autorität. Sie kennt nur ein Mittel zur Beglückung und Beseligung der Menschen: Unmündigkeitserklärung der Massen, Unterwerfung des Volkes unter die Vormünder und Pfleger, die in Staat und Kirche ihm gestellt sind." (S. 251 f). Mit tiefem Schmerz erfülle ihn, Kalthoff, nicht der Dreck, mit dem er persönlich im Vorjahr, beim Bremer Kongreß der Inneren Mission, beworfen worden war, sondern die Tatsache, daß im Ringen um die dem Christentum entfremdeten Massen "hier so viel tüchtige Kraft und gutes, ehrliches Wollen in falsche Bahnen gelenkt ist und deshalb gerade das Gegenteil erreicht von dem, was erreicht werden sollte. Für ein Christentum, das die Geister in Fesseln schlägt und dem Wahrheitsstreben einen Riegel vorsteckt, sind die Massen des Volkes, die einmal zum Bewußtsein ihres eigenen Menschenwesens erwacht sind, nicht mehr zu haben." (S. 253).

In werktäglichen Gesprächskreisen konnten die Themen vertieft und diskutiert werden, so daß Kalthoff die Möglichkeit hatte, am folgenden Sonntag auf Mißverständnisse oder Gegenargumente einzugehen. Verschiedene dieser Predigtserien erschienen auch im Druck, wobei wohl die "Zarathustra-Predigten - Kanzelreden über die sittliche Lebensauffassung" die berühmtesten wurden, mit Einzelthemen wie "Ewigkeitsliebe", "Sehnsucht", "Persönlichkeit", "Neue Treue", "Schenkende Tugend" usw.

Vorträge über Literatur zu halten, war sicherlich für Pastoren nichts Außergewöhnliches 38; daß es aber von der Kanzel geschah, war insofern besonders skandalös, als Kalthoff die biblischen Bücher in eine Reihe mit der bedeutenden Weltliteratur stellte - den Gläubigen, denen die Heilige Schrift über alles erhaben galt, ebenso zum Äraetuis wie den Literaten, die sie als minderwertige Volksprosa (= Nichtliteratur) erachteten. 39

Am Beispiel solcher Kontroversen (Heilige oder profane, Welt- oder Kleinliteratur) erweist sich, wie etwa auch bei dem bereits erwähnten Engagement für Arbeiterbildung, Kalthoffs wenig gesunde Vorliebe, seine Position just im unwirtlichen Gelände zwischen zwei Fronten zu beziehen. Auch für seine Gemeindeglieder war dies schwierig und belastend, zumal sie unter der von außen kommenden Kritik und Anfeindung nicht nur indirekt zu leiden hatten, indem sie etwa von anderen Pfarrern als arme verblendete Schäflein, die blind hinter einem Geisteskranken her rennen, tituliert wunden.

Die Bremer Geistlichkeit war im wesentlichen in zwei Lager gespalten, die Orthodoxen und die Liberalen, welch letztere sich im Protestantischen Reformverein zusammengeschlossen hatten. Zu diesem Verein hielt sich auch Albert Kalthoff, obwohl sich seine eigene theologische Entwicklung ständig weiter von dessen Linie entfernte. Je älter er wurde, desto stärker wurde auch seine Ungeduld mit jenen, die sich in der Frage des historischen Jesus "festgebissen" und im Streit um dieses "periphere Gelehrtenproblem" die Gesinnung Jesu aus den Augen verloren hatten. Und doch, bei aller Liebe und Leidenschaft für wissenschaftliche Probleme und Auseinandersetzungen, in denen er einen vitalen Kampfgeist und teils beißende Schärfe an den Tag legte, lag ihm als Seelsorger einzig an dem moralischen Ertrag solcher Bemühungen. Entsprechend schlug er auf der Kanzel einen völlig anderen Ton an, blieb vornehmlich positiv, aufbauend und Zuversicht ausstrahlend, predigte nicht theologische Fachfragen, sondern lebendigen Glauben. Aus der wüstesten Pfaffenrauferei kommend war er vor seinen Schäfchen gleich wieder der sanfte, umsichtige Hirte, der mit freundlicher Gebärde den Weg zum saftigen Grün wies - statt Silo-Futter vorzusetzen. Sicherlich war er ihnen Erklärungen schuldig, zumal wenn sie durch giftige Pamphlete verunsichert wurden, doch führte er seinen fachlichen Streit als etwas Unwichtiges, nur Experten betreffendes, grundsätzlich nicht im Gottesdienst fort. Bereits in seiner Berliner Predigt über die Gesinnung Jesu (1887, S. 12) hatte er erklärt:

"Und dann, meine Freunde, es gilt weiter, daß wir in unserem religiösen Leben den Blick von allerlei Nebensachen, die sich wohl breit machen, weglenken auf die Hauptsache, auf das Eine, was noth thut. Jede Religion setzt im Laufe der Zeit eine große Zahl von Fragen ab, die für die wissenschaftliche und begriffliche Darstellung der Religion von Wichtigkeit sind, die aber verschwindend klein werden, sobald die Hauptfrage der Religion, die Stellung des Menschen zu Gott und seinen Mitmenschen, in Betracht kommt. Das ist der Fluch unserer kirchlichen Kämpfe, daß sie die Gemüther so vielfach abziehen von dem, worauf es ankommt, und dafür einen Fanatismus für Nebensachen erzeugen." (z. B. Wunderfrage, Leben Jesu). "Es ist eben viel leichter, über die religiösen Fragen zu räsonniren, zu disputiren, als die Religion selber praktisch in Angriff zu nehmen."

Trotz dieser bezeichnenden Schere zwischen religiöser Verkündigung und "gelehrter Streiterei um nebensächliche Fragen" machte er aus seinen theologischen Grundüberzeugungen keinen Hehl. Sie sind in jeder seiner Reden präsent und greifbar, betreffen sie doch gerade die Kernfrage nach dem Wesen des christlichen Glaubens. Trotz der beträchtlichen Wandlungen, die Kalthoff in seiner theoretischen Entwicklung zeigt, blieb er dieser Kernfrage stets treu. Zunächst hatte er die Antwort im "historischen Jesus" gesucht, im entmythologisierten, bereinigten Original als lebendigem Vorbild. Bald aber bemerkte er, daß die so gewonnene "intellektuelle Redlichkeit" nur vordergründig war, die eigenen modernen Anschauungen lediglich einem heiligen Rock untergejubelt wurden, an dessen Zipfeln man dann weiter hängen konnte - eine übrigens auch von Albert Schweitzer40 zugestandene Gefahr des liberalen Ansatzes.

Von der historischen Persönlichkeit abrückend kaprizierte sich Kalthoff dann auf die Gesinnung Jesu, welche er als Konzentrat des urchristlichen Gemeindeglaubens verstand und in die Gegenwart, für den modernen Menschen geeignet, zu übersetzen trachtete. Dabei stieß er jedoch u. a. auf die gleiche Schwierigkeit, in die antiken Texte moderne Überzeugungen nur hineinzuinterpretieren, letztere also damit bloß historisch zu legitimieren.

Auch die gegenwärtig boomende Jesus-Literatur zeichnet sich durch etwas aus, was Emst Bloch in seiner Strauß-Kritik ("Prinzip Hoffnung") spöttisch als biedermeierlichen "Plüsch-Liberalismus" deklassierte: Jesus als Heilpraktiker, Psychotherapeut, Feminist, Pazifist, Müsli-Man (absolute Rohkorn-Frische durch Ährenraufen selbst am Sabbath) etc. Kalthoffs Kommentar zu solchen Unterfangen:

„Sie wollen die Religion Jesu ausfindig machen und in ihr die Heilung aller Krankheiten der Zeit entdecken. Sie sind bemüht, aus der Religion Jesu eine auch dem modemen Gaumen schmackhafte Speise herzustellen und nennen ihr nach eigenem Rezepte gebrautes Ragout dann das ursprüngliche Christentum." (Zarathustra-Predigten, 1904).

Der Versuch, einen Glaubenskern von bleibender Gültigkeit gleichsam aus zeitgebundenen Schalen herauszulösen, erwies sich - ähnlich wie bei einer Zwiebel - als vergeblich. Nun wählte Kalthoff den umgekehrten Weg, nämlich von einer gründlichen Analyse der damaligen Zeitströmungen her das Neuartige und Durchschlagende am Christentum zu erkennen. Er sah es schließlich - um das Ergebnis seiner "radikalen Sozialtheologie" (s. u.) vorwegzunehmen - nicht in spezifischen Glaubensinhalten, sondern hauptsächlich in dem eisernen Griff, mit dem das Urchristentum alle wesentlichen vorwärtstreibenden Kulturkräfte seiner Zeit umfaßte, ethisch veredelte und kreativ nutzbar machte. Entsprechend definiert sich christlicher Glaube nicht durch Dogmen oder Bekenntnisformeln, wie sie auf Konzilen verabschiedet werden, sondern ist um so lebendiger, je mehr er die Zukunft im Auge hat. Erste und wichtigste Voraussetzung ist die Erkenntnis und Anerkennung der gottgegebenen, unabänderlichen Naturgesetze; indem sich der Mensch diesen unterwirft, wird er erst wirklich frei, kann sich ihre Gewalten nutzbar machen und ihren Gefahren entziehen. So ist z. B. die Tuberkulose von Kellerkindern oder Familien, welche Neubauten "trockenwohnen", nicht Gottes unerfindlicher Ratschluß, sondern seine aus ökonomischen und sozialpolitischen Gründen mißachtete Naturgesetzlichkeit.41 Entsprechend finden sich in der Predigtreihe "Religiöse Weltanschauung" (1903) Kanzelreden über Kosmogonie, Evolution, Gesetz der Erhaltung der Kraft, Vererbungsgesetze usw. Auch im Gang der Geschichte sieht Kalthoff solche Gesetze wirksam und hält es für töricht, den Lauf der Zeit aufhalten, gegen den Strom schwimmen zu wollen. Richtiger sei es, diese Entwicklungskräfte zu erkennen und in christlicher Gesinnung selbstverantwortlich zu nutzen, im großen Zeitgeschehen gleicher= maßen wie im persönlichdn Schicksal, so daß sich etwa die Frage "Wie konnte Gott das zulassen?" von selbst erübrigt. 42

"Leben" heißt, sich an den Kämpfen der Zeit nach bestem Wissen und Gewissen aktiv zu beteiligen; "Glauben" aber heißt, seine dabei eingenommene, eigene Position nicht zu verabsolutieren, sondern auf eine Zukunft zu hoffen, die man selbst nicht kennt, die jenseits des eigenen Wollens und Strebens liegt. Als Beispiele für mächtige, unaufhaltbare Trends, seiner Zeit benennt Kalthoff den sozialen Wandel (Emanzipation der Arbeiter und der Frauen, Demokratisierung in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, Wegfall der Klassen- und Kulturschranken etc.) und die freie Entfaltung der Persönlichkeit. In letzterem sieht er die eigentliche Domäne einer Religion der Zukunft, die sich zuerst in völliger Glaubensfreiheit ausdrückt: Jeder kann und darf seinen eigenen, aus tiefstem Herzen kommenden und nicht indoktrinierten Glauben in der ihm angemessenen Sprache bekennen! ("Zungenreden"). Wenn es so viele Glaubensbekenntnisse wie Gläubige gibt, haben Konfessionsgrenzen, Glaubenskriege und fromme Verhetzung keine Chance (und Kirchenfürsten keine Macht) mehr; ein echtes, persönliches Glaubensbekenntnis kann aber nicht im zwanghaften Hersagen blutleerer Formeln bestehen, sondern muß aus freiem Herzen sprudelnde "Glaubenspoesie" sein. Während das Wissen "ein jedes Ich unter seine Gewalt zwingt' und auf Kosten der Freiheit Einheit schafft, läßt es keinen Raum für die freie Persönlichkeit. "Die Sprache des Glaubens ist tatsächlich die einzige, die freie Geister zu innerer Einheit und Herzensgemeinschaft verbindet." 43

Daß autoritäre Herrschaftsstrukturen überlebt und keine Zukunft mehr haben, sprach Kalthoff immer wieder ganz unverblümt aus; in ihrer ängstlichen Anhänglichkeit daran sei die Kirche bereits jetzt zum "Tempel des Todes" geworden, da das untergehende Schiff viele der besten Kräfte mit in den Abgrund reißen müsse. Christen seien nicht zum "Rücklicht der Welt" berufen, nicht an die Ankerwinde, wie es die beliebte Übersetzung "religio = Rückbindung" nahelegt, sondern in den Ausguck, ans Navigationspult.

Die Zeichen der Zeit zu erkennen, sich der Zukunft klug vorbereitet zu stellen, die Notwendigkeiten und Gesetze historischer Entwicklungen zu erkennen und anzuerkennen; das sind für Kalthoff vornehmste christliche Tugenden; denn der moderne Glaube lebt nicht mehr in der festen Burg Luthers, sondern in Abschied und Aufbruch, zwischen Gestern und Morgen. So erweist sich gerade im Thema "Jahrhundertwende" besonders sinnfällig ein Grundprinzip der Theologie Kalthoffs, daß sie nämlich weder lösungs- noch ziel- und erst recht nicht vergangenheitsorientiert ist, sondern "prozeßorientiert", wie man heute sagen würde.

In der Einleitung zur Predigtreihe "Religiöse Weltanschauung" (1903) erläutert er dazu: "Das ist der Glaube, den ich auch bei euch suchen, in euch befestigen möchte, daß über dem Menschen, der Altes und Neues voneinander trennt und in Gegensatz zu einander stellt, der Gott steht, der nicht alt wird und nicht neu ist, weil sein Leben ewig ist, und aus seinem ewigen Lebensquell beides, Altes und Neues hervorquillt. Diesem Gott lauschen, seinem Leben ins Herz schauen, seinen Geist in uns selber finden, das löst auch in uns den Zwiespalt des Alten und Neuen, es gibt auch uns in allen Wandlungen des Lebens den Frieden der Ewigkeit, seinen Frieden ins Herz!" (S. 11). 44

Insofern dürfte klar sein, daß Kalthoff niemandem seinen Glauben hat nehmen wollen, sondern es zutiefst respektierte, wenn ein Mensch auch mit sehr traditionellen religiösen Vorstellungen und Überzeugungen identisch leben konnte, d. h. ohne seinen Glauben als Scheuklappe, als Waffe, als Unterdrückungsmittel bzw. umgekehrt, als Gängelband mißbrauchen zu müssen. Und diejenigen, welche aus Ablehnung gegenüber ihrem eigenen Kinderglauben und/oder dem Machtanspruch real existierender Kirchen sich dem Christentum entfremdet hatten, wollte er keineswegs missionieren, sondern sie ermuntern, sich nicht in einer Abwehrstellung einzugraben, sondern den ihnen gemäßen Weg zu suchen und offenen Auges fortzuschreiten. Wenn es ihm - in "schwachen Stunden" - manchmal auch bitter wurde, daß von den Arbeitern, für die er sich so abrackerte und obendrein verprügeln ließ, kaum einer je den Fuß in seine Kirche setzte.

Auch in Kalthoffs eigenem Verhalten als Vereinsmitglied trat diese seine Auffassung zutage: Ein erzielter Gruppenkonsens diente ihm augenscheinlich nicht als warmes Nest, um sich fürderhin darin wohlzufühlen, sondern eher als Ausgangsbasis zum Weiterdenken, und zwar durchaus auch dialektisch, indem er zu der womöglich mühsam erreichten Synthese nunmehr eine neue Antithese entwickelte. Hierin erwies er sich vielleicht am deutlichsten als Vollblut-Wissenschaftler und hat damit wohl gar manchen lieben Amtsbruder charakterlich bzw. sozialpsychologisch völlig überfordert, so daß er nicht nur als Konflikthansl geziehen, sondern sogar als "pathologischer Fall" beschimpft wurde.

1904 brachte er es sogar fertig, eine Frau in St. Martini predigen zu lassen! Es handelte sich um die Amerikanerin Reverend Anna Shaw, die sich anläßlich der Berliner Weltfrauenkonferenz (Stimmrechtskongreß) in Europa aufhielt und die Einladung Kalthoffs gerne annahm. Kalthoff verfolgte die Frauenbewegung nicht nur aufmerksam und interessiert, sondern hatte im vorangehenden Winter auch eine Predigt dem "Recht der Frau" gewidmet. 45 Vielleicht ist Anna Shaw die erste Frau gewesen, die im neuzeitlichen Deutschland eine Kirchenkanzel bestiegen hat.

Kalthoff selbst scheint übrigens eher ein Reisemuffel gewesen zu sein. Von Auslandsreisen wird - außer Schweiz - nichts berichtet, auch nicht von ausgedehnter, zumal internationaler Kongreßtätigkeit.

Jeglichem Personenkult abhold, betrachtete er in beinahe pietistischer Weise gerade auch die von ihm verehrten Dichter und Denker primär als Werkzeuge Gottes. Mit all seiner Hochschätzung der frei entfalteten Persönlichkeit verband Kalthoff keineswegs einen liberalen Individualismus, sondern sah den Menschen als soziales Wesen, das nicht nur physikalischen, chemischen, biologischen und historischen, sondern auch soziologischen Gesetzen unterworfen ist. Zeitweise vertrat er die extreme Ansicht, die "Großen der Weltgeschichte" dankten sowohl ihre Ressourcen als auch ihre Bedeutung ausschließlich ihrem Umfeld und ihrer Zeit, insbesondere seien die Werke wichtiger Neuerer lediglich die in einer (eigentlich beliebigen) Person erfolgte, enorme Verdichtung vieler, in ihrem Kulturkreis vorhandener Fortschrittsimpulse. Später schwächte er diese Position etwas ab; sie war ihm vor allem dazu dienlich gewesen, von der historischen Persönlichkeit Jesus wegzukommen und seinen eigenen historisch-kritischen Ansatz zu begründen und zu akzentuieren, aber u. a. auch dazu, die heftigen Aversionen gegenüber Nietzsche zu mildem, indem er seinen Zeitgenossen diesen Denker als ihr eigenes Spiegelbild vorhalten konnte. 46

Wie in seiner sozialgeschichtlichen Analyse des Urchristentums untersuchte Kalthoff mit derselben Methodik auch Etappen der späteren Kirchengeschichte (Reformation) und der Gegenwart, um von daher in die Zukunft zu blicken. Dabei arbeitete er einige Schwachstellen und Achillesfersen des Protestantismus sehr klar heraus, die tatsächlich sowohl 1914 als auch 1933 den evangelischen Kirchen zum Verhängnis wurden. Sein Essay "Religion und Pfaffentum" (in "Religiöse Weltanschauung", 1903) schließlich ähnelt in bedrückender Weise einer Prophezeiung der NS-Zeit; wenn auch Kalthoff selbst damit wohl lediglich den von seinen wilhelminischen Amtsbrüdern gepredigten Untertanen-Geist parodieren wollte.

"Radikale Sozialtheologie"

In den beiden 1897 nach Bremen berufenen jungen Amtsbrüdem Friedrich Steudel (1866-1939, an St. Remberti bis 1933) und Oscar Mauritz (1867-1958, am Dom bis 1946) gewann Kalthoff aufgeschlossene und selbständige Mitstreiter, und diese drei bildeten fortan den harten Kern der sog. Bremer Radikalen. Mit Gleichgesinnten bildete man innerhalb des Protestantenvereins ein spezielles theologisches "Kränzchen", was für Kalthoff offenbar das Äußerste an Organisationsgrad war - eine theologische Schule zu begründen, widersprach seiner Mentalität zutiefst, ebenso wie Parteisoldatentum.

1902 und 1904 erschienen Kalthoffs theoretische Hauptwerke "Das Christus-Problem. Grundlinien zu einer Sozialtheologie" und "Die Entstehung des Christentums - Neue Beiträge zum Christusproblem", begleitet von Predigt- und Vortragssammlungen wie "Religiöse Weltanschauung" (1903), "Zarathustra-Predigten" (1904) und "Die Religion der Modernen" (1905), sowie einer Vielzahl kleinerer Schriften und Aufsätze apologetischer oder praktischer Art.

Das zentrale Werk "Christus-Problem" (1902) ist ein schmales Bändchen von 90 Seiten, das obendrein sein Titel-Versprechen erst auf den letzten 10 Seiten und in denkbar bescheidener Form, als äußerst knappe Skizze, einlöst. Die vorangehenden fünf Kapitel enthalten in dichtgedrängter Argumentation eine rigorose, oft polemische "Abrechnung" mit der liberalen Theologie, in welcher Kalthoff die Leben-Jesu-Forschung als wissenschaftlichen Irrweg und religiöse Torheit darstellt. Deren Kardinalfehler sieht er letztlich in der individualistischen Geschichtsauffassung begründet, weiche auch Religion lediglich als eine psychologische Erscheinung des einzelnen Menschen zu betrachten gestatte. Christentum aber ist kein individuelles, sondern ein gesellschaftliches Phänomen, seine Entwicklung ist durch soziale Faktoren bestimmt und wirkt auf das soziale Leben zurück .47

In der Antike war es üblich und z. B. einem Plutarch selbstverständlich gewesen, in Macht und Herrlichkeit etwa eines erfolgreichen Staatsgebildes den Beweis dafür zu erblicken, daß dieses Unternehmen durch göttlichen Willen auf den Weg gebracht worden ist (Mythologisierung). Daraus folgte unmittelbar, daß es für Erhalt und weiteres Gedeihen entscheidend darauf ankomme, daß die verantwortlichen Manager ihr Schiff stets im Fahrwasser jener treibenden Kraft hielten, also die Gründer-Gottheit in Ehren hielten und nicht durch Abdriften vom Kurs deren Unmut erregten - eine ja auch im Alten Testament anzutreffende Unternehmens-Philosophie. Bei Kalthoff finden wir nun eine ganz ähnliche Argumentationsfigur: Die Nutzung der damals entscheidenden Wachstums-Impulse muß auch für die Gegenwart und Zukunft des Christentums erfolgversprechend sein. Um die Faktoren und Bedingungen, welche für den Durchbruch des Christentums damals verantwortlich waren, zu erkennen, muß man allerdings hinter den Gründungsmythos zurück, mit dem die Kirche damals zeitgemäß - ihre tatsächlichen Wurzeln schon früh "eingekleistert" hat (durch Errichtung von Kapellen über "heiligen Orten" ebenso wie durch Redaktion und Selektion der frühen Schriften).

Auch heute noch glaubt ein jeder Christ mehr oder weniger implizit, daß es Gottes Werk, seine lenkende Hand gewesen ist, die eine kleine, zusammengewürfelte und wieder versprengte Jüngerschar zu jener mächtigen, Jahrtausende überdauernden Kirche werden ließ. Für eine wissenschaftliche Analyse historischer Prozesse gibt eine solche Argumentation natürlich nichts her; es gilt vielmehr zu klären, welcher Mittel und Wege sich Gott dabei im einzelnen - und innerhalb seiner historischen Gesetzmäßigkeiten - denn bedient hat.

In bewußtem Kontrast zur herkömmlichen "individualistischen Geschichtsauffassung" als Aneinanderreihung "privater Einfälle genialer Persönlichkeiten" versucht Kalthoff, die Entstehung des Christentums unter kultur- und sozialhistorischem Aspekt als "organischen Entwicklungsgang" zu beschreiben, dessen Produkt sich bildete aus dem Zusammenfluß von drei Hauptströmungen: Griechische Philosophie, jüdischer Messianismus, römische Wirtschafts- und Sozialpolitik. Anders als die Hegel-Schüler betrachtet er dieses "Produkt" jedoch nicht als theologisches Phänomen, sondern - zugespitzt formuliert - als Gesellschaftsform (Gemeinde). Ausführlich und detailliert verfolgt Kalthoff diese drei Wurzeln anhand der zur Jahrhundertwende hierzu reichhaltig vorliegenden Literatur (z. B. Max Weber, Lujo Brentano, Otto Lüders) sowie der antiken Quellentexte. 48 Er spürt ideengeschichtlichen Verknüpfungen der griechischen und jüdischen Philosophie einerseits, der römischen und jüdischen Wirtschafts- und Rechtsordnungen andererseits nach und fragt nach deren soziologischen Erscheinungsformen, also ob und wie das neue Denken sich in gesellschaftlichen Strukturen niederschlug und sich der soziale Wandel in der geistesgeschichtlichen Entwicklung widerspiegelte.

Als soziodynamische Vermittlungsglieder und Kristallisationspunkte im vor- und urchristlichen Entwicklungsprozeß erkennt Kalthoff verschiedene Vereine (öffentlichen Rechts), die er als "kommunistische Klubs" bezeichnet. Gemeint sind religiöse Verbindungen oder Logen, international und klassenübergreifend angelegte Kult- und Konsumgenossenschaften verschiedenster Art (z. B. thiasische oder eranische Assoziationen), die sich von Kleinasien aus auch nach Rom verbreiteten und in ihren Sozialordnungen eine Fülle jener Merkmale hatten, wie sie in den neutestamentlichen "Jesus-Worten" anklingen. Ähnlich auch die Bedeutung der jüdischen Synagogen als "Organisation merkantilen Kapitals" und zugleich reichsweite, auf Jerusalem zentrierte Unterstützungsgenossenschaften. 49

Indem Kalthoff historisch-kritisch versucht, die neutestamentlichen Schriftteile und Versatzstücke einigermaßen chronologisch zu sortieren, und diese Partikel in die antike Sozialgeschichte quasi hineinzupuzzeln, erkennt er größere und kurzlebigere Trends der sozio-ökonomischen Entwicklung des Urchristentums, die zu verfolgen ungemein spannend ist. 50 Innerhalb verschiedener urchristlicher Bruderschaften erhielt jeder, "wes er bedurfte", und der dort gebrauchte Begriff des "Armen", so Kalthoff, sei keineswegs zu vergleichen mit dem gegenwärtigen Pauperismus, sondern bezeichne lediglich den Besitzlosen. In bewußter Abkehr vom römischen Besitzrecht hätten sich innerhalb solcher Genossenschaften ein neuartiges Arbeitsrecht (mit entsprechendem "Arbeitswert") und eine eigene Gerichtsbarkeit entwickelt - um nur einige der von Kalthoff herausgearbeiteten Aspekte zu benennen. 51

Die urchristlichen Gemeinden waren im Kein ihres Wesens ein extrem progressives Fortschritts-Konsortium, welches nahezu alle vorwärtstreibenden Kräfte im Mittelmeerraum einzubinden wußte, und seien sie noch so widersprüchlich gewesen: Die in riesigen Sklavenmassen und unterjochten Völkern gärenden Auflehnungspotentiale ebenso wie apokalyptische Heilserwartungen, Einheitsstreben der Vernunft, Gesetzestreue und Überwindung der Gesetzesmoral, und vieles andere mehr. Der Zusammenfluß der kulturellen Hauptströme findet seinen Niederschlag in der dreieinigen Gottheit, deren einer Teil nach Palästina blickt, der andere nach Griechenland und der dritte nach Rom.

Im Christus der Evangelien nun sieht Kalthoff die Personifizierung des urchristlichen Gemeinschaftsbewußtseins, der Gesamtheit seiner religiös-sozialen Lebensmächte, und dieses Bewußtsein kann insofern, ebenso wie seine Chiffre, nur soziologisch verstanden werden. Und schließlich ist von sozialtheologischer Bedeutung nicht der konkrete historische Inhalt jenes Bewußtseins, sondern seine ideale Form: Die Bündelung, Ethisierung und Humanisierung der treibenden sozialen Kräfte. Dies für die Gegenwart neu zu leisten, darin sieht Kalthoff die Aufgabe der Religion mit ihrer Hoffnung und Zuversicht auf die Wiederkunft Christi.

Eingehender noch als im "Christus-Problem" beschließt Kalthoff auch sein Buch zur Entstehung des Christentums in der ihm eigenen pastoralen Grandezza mit einem gleichermaßen kritischen wie hoffnungsfrohen Ausblick: "Die Zukunftsperspektive des Christentums". Darin fordert und prophezeit er den Auszug der Kirche aus ihren dicken Mauern und ihre Verwandlung in eine gesamtgesellschaftliche Arbeitsgemeinschaft, in der alle zukunftsfähigen Kräfte um eine fortschreitend säkularisierte Christus-Idee gebündelt werden. Im Zusammenhang mit seiner Mahnung, im Zentrum christlichen Denkens dürfe nicht die Frage "Was war?" stehen, sondern die größere, christlichere: "Was soll sein?", knöpft er sich wieder und wieder die liberale Theologie vor, die den angeblich doch freien Menschen ängstlich an einen Pflock der Vergangenheit, an eine historische Autorität binden wolle. Die Menschen sollten nach liberaler Auffassung zwar eigenständige Persönlichkeiten werden, zugleich aber auch "Jesuskopien", so daß die Verlegenheit entstehe, das historische Modell fortwährend umbasteln zu müssen. Zu der ansonsten so weitblickenden prophetischen Vision in diesem Schlußkapitel steht dies unablässige, kleinliche Eindreschen auf die Liberalen in sehr seltsamem Kontrast. Zudem entsteht beim Lesen der Eindruck, als handle es sich bei den Liberalen nicht um eine winzige Randgruppe, sondern um die vorherrschende theologische Schulmeinung. Erst nach wiederholtem Durchsehen dieses seltsamen Textes geht dem Leser zwischen den Zeilen ein Licht auf: Wo Kalthoff so penetrant Autoritätsbedürfnis und Autoritätskult geißelt, von "Jesuanismus" und von "Kopien" spricht, da zielt er gar nicht wirklich und zuerst auf die liberalen Theologen, sondern hat vielmehr wohl den deutschen Kaiser und dessen riesiges Heer von Schnurrbart-Imitatoren und Kadetten im Visier!

Speziell erweckt die - nicht nur von Kalthoff -vielbeschworene Metapher von der freien Persönlichkeitsentfaltung den Verdacht, daß es sich dabei um eine hinter Goethe versteckte Chiffre für "Demokratie" handeln könne. Zeitgenössischen Lesern mag es wohl unmittelbar evident, und doch für Zensoren nicht greifbar gewesen sein: Hier plädiert ein Pfarrer für demokratische Grundrechte und stellt Überlegungen an, ob und wie christliche Kirche in einer künftigen Demokratie denkbar wäre und wie sie aussehen könne. Dabei rekurrierte Kalthoff aber weder auf seine eigenen Erfahrungen als Pfarrer in der Schweiz noch führte er Amerika als Vorbild an, sondern bezog sich wesentlich auf diejenigen Entwicklungskräfte und -gesetze, welche er in seiner Analyse des Urchristentums ausgemacht hatte, um von daher eine eigene Utopie zu entwerfen. Lediglich in "Soziale Religion", einer der Jahrhundertwende-Predigten (1898, S. 144) spricht er einmal explizit von einem für die Gegenwart angemessenen "demokratischen Gott" fürs ganze Volk, den er den Gottesbildern früherer Zeiten gegenüberstellt, wie z. B. dem thronenden Fürsten, strahlenden Kriegshelden, bürgerlichen Zunftmeister, oder dem privaten, apart für den Einzelnen und dessen persönliche Wehwehchen besorgten Gott.

Der von Kalthoff propagierte Christenmensch ist ein moralischer Kraftprotz, der - wie man heute formulieren würde - ganz aus seiner Mitte heraus lebt und, der Zukunft zugewandt, seine Kultur, seine Geschichte, seine Gesellschaft aktiv, selbstverantwortlich und frei gestaltet. Er ist das Gegenteil vom "Untertan", sozusagen immun gegen "Führer" jeglicher Couleur, und Religion ist für ihn weder Heilmittel noch Psychodroge, sondern herzhafte Nahrung, kein buchhalterisch verwalteter Katalog von Bekenntissätzen oder gar Dogmen, sondern lebendige Grundlage seiner Moral.

Viele der von Kalthoff geäußerten Gedanken waren keineswegs neu, insbesondere auch seine ethischen Ansichten waren bereits um 1890 weiter verbreitet, als man vielleicht aus heutiger Sicht vermuten möchte. Nicht wenige der von Kalthoff vertretenen religiösen Thesen sind später zu Kernsätzen moderner Theologien geworden, etwa bei Dietrich Bonhoeffer, Rudolf Bultmann, Harvey Cox oder Paul Tillich, und doch will eine Etikette wie "Gott ist tot" so gar nicht zu Kalthoffs Mentalität passen. Seine Botschaft lautete: Gott wurde Mensch und lebt in uns, als des Menschen tiefstes, wahrhaftigstes Wesen. Ob und wie es "den Jesus" des Neuen Testaments gegeben haben mag oder nicht, ist für den christlichen Glauben belanglos und mag Theologen oder Historiker beschäftigen; "Christus" aber ist eine Metapher für die dem kulturellen Fortschritt zutiefst innewohnende Triebkraft, für eine ideale, zukunftsträchtige Lebensform, die den Menschen jeweils über sich selbst hinauswachsen läßt, für den Urgrund, auf welchem das "Prinzip Hoffnung" gedeiht. "Nachfolge Jesu" heißt nun: Christus ist dort, wo wir morgen zu sein hoffen können, wenn wir die Zeichen der Zeit erkennen und, der Stimme des Gewissens folgend, das Notwendige tun. Christentum erweist sich in der zukunft-schaffenden Tat; nicht im blinden Aktivismus des Machers oder im emsigen Treiben des Beflissenen, sondern in der umsichtigen, selbstverantwortlichen Praxis einer kritischen Theorie.

Kampf und Tod

1904 faßte Kalthoff den Plan, einen großen, umfassenden Kulturbund "Lebendige Religion" zu gründen, in welchem sich alle fortschrittlichen Kräfte zu gemeinsamer Arbeit versammeln sollten. Er veranstaltete eine Umfrage, die sehr ermutigend ausfiel, und gründete daraufhin zunächst die Wochenschrift "Europa" (Redaktion: Heinrich Michalski), welche in einer eigens eingerichteten Berliner Verlagsgesellschaft erschien und viele Geistesgrößen der Zeit zu ihren Autoren zählte. Dieses Unternehmen scheiterte jedoch bald, vermutlich an der Unzuverlässigkeit der Berliner Compagnions, so daß nur insgesamt 23 Hefte (Januar bis Juni, fast 1200 Seiten) gedruckt wurden.

Auch den Kulturbund-Plan vermochte Kalthoff selbst zunächst nicht weiter zu verfolgen, da er sich nach Erscheinen seines Hauptwerks "Entstehung des Christentums" durch eine ungeahnte Flut teils äußerst heftiger Kritik geradezu überrollt sah und sich mit allen Kräften zur Wehr setzte. Dennoch startete er nach dem Scheitern "Europas" auf der Stelle ein neues Unternehmen gleichen Formats: "Das Blaubuch. Wochenschrift für öffentliches Leben, Literatur und Kunst', gemeinsam mit Heinrich Ilgenstein in Berlin herausgegeben. Das Verzeichnis der Beiträger zu dieser freisinnigen Kulturzeitschrift liest sich wie eine Namensliste der Fortschrittsfraktion innerhalb der geistigen Elite der Zeit, in welcher z. B. auch E. H. Fried, Gustav Landauer, Erich Mühsam, Helene Stöcker, Ellen Key und Alice Salomon sowie prominente Schriftsteller wie etwa Gerhart Hauptmann, Hugo von Hofmannsthal, Frank Wedekind oder Hans Bethge vertreten sind. In seinem Geleitwort zum ersten Heft legte Kalthoff dieses "Blaubuch" voller Stolz und Kampfeslust der "Deutschen Nation als dem großen Volksparlament" vor. Er bezeichnete den Parlamentarismus als das Lebenselement der modernen Gesellschaft, Opposition als Kulturfaktor und Kampf als Einheitsband, als wichtige Wachstumsbedingung. Als Ziel seines Unternehmens benannte er, eine politische Bildung zu schaffen, die auf Selbstdenken und eigenem Urteil beruht, nicht auf Nachsprechen dessen, was andere gedacht und geurteilt haben. Jedes Heft wurde eröffnet mit einem polemischen politischen Artikel, einem journalistischen Blattschuß in die aristokratische Führungsriege, wie man ihn in der Fackel von Kraus oder in Hardens Zukunft erwarten und für welchen man wohl bei der Personalplanung gleich zwei Sitzredakteure zu veranschlagen haben würde. Den Anfang machte gleich der Kaiser selbst, dessen oft verletzende Impulsivität und beleidigende Unverschämtheit im Verkehr mit seinen Untertanen aufs Korn genommen wurde, wobei dem als "Robert Richter" zeichnenden Verfasser als Aufhänger eine Justizschelte über eine wegen Majestätsbeleidigung verhängte zweijährige Haftstrafe diente. An zweiter Stelle stand jeweils ein kulturkritischer Beitrag unterschiedlicher Thematik; dann folgten Gedichte und kurze Dramen oder Novellen zeitgenössischer Autoren. An eine Theaterkritik von Hermann Kienzl, der nach Kalthoffs Tod Mitherausgeber wurde, schlossen sich eine beißend kritische "Umschau" zum aktuellen Zeitgeschehen, eine Nachrichtenrubrik und eine Bücherschau an.

Der Untertitel dieser Zeitschrift war übrigens der gleiche wie der von Paul Lindaus Gegenwart, und 1912 ging das Blaubuch in die Gegenwart über.

Parallel zu Kalthoffs Blaubuch-Vorbereitungen hatte der Jenaer Biologe Ernst Haeckel (1834-1919), durch seine populärwissenschaftlichen Bücher zu Evolution und Naturphilosophie sehr bekannt geworden (z. B. "Die Welträtsel"), seinerseits den Kulturbund-Plan aufgegriffen und weiter verfolgt Ihm, dem als Materialist verschrieenen, lag ebenso wie Kalthoff an einer "Versöhnung" zwischen Naturwissenschaft und Religion, sozusagen im Glauben an die Einheit der Natur. Zu diesem Zweck hatte er Vereinsstatuten entworfen und alle fortschrittlich gesinnten Geister nach Jena eingeladen, wo am 11.01.1906 die Gründung des Monistenbundes erfolgte. Auch Albert Kalthoff machte sich dorthin auf, das am gleichen Tage erschienene erste Blaubuch-Heft in der Tasche. Er war vorab von Haeckel, den er bis dato nicht persönlich kannte, in dessen Privatwohnung geladen und mit dem Ansinnen überrascht worden, den Vorsitz des neuen Bundes übernehmen zu wollen. Kalthoff erklärte sich bereit und wurde von der Gründungsversammlung zum Präsidenten des Monistenbundes gewählt. Dieser entwickelte sich in der Folgezeit zu einem Sammelbecken freisinniger Bestrebungen unterschiedlichster Provenienz (kulturelle, wissenschaftliche, ethische Vereine, darunter auch der bereits genannte für Feuerbestattung); ohne daß sich jedoch Kalthoff, der bald darauf erkrankte und starb, mehr als durch einige Aufsätze im Blaubuch dabei engagieren konnte.

Trotz seiner wachsenden Kritik am theologischen Liberalismus war Albert Kalthoff aktives, wenn auch höchst unbequemes Mitglied im Bremer Protestantenverein und in der Redaktion des Norddeutschen, später Deutschen Protestantenblattes geblieben. In letzterem hatte er eine feste Rubrik (Umschau, vor allem Neuerscheinungen) und lieferte daneben zahlreiche weitere Beiträge, in denen er u.a. vor ideologischer Stagnation (speziell auch vor der liberalistischen Kaprizierung auf den Handel) warnte und zu ständiger Weiterentwicklung liberalen Gedankenguts ermunterte und ermahnte. So willkommen er dort als geharnischter Streiter gegen Orthodoxie und Konservatismus auch gewesen war, so sehr verübelte man ihm die volle Breitseite, welche er im "Christus-Problem" (1902) gegen die Leben-JesuTheologie abgefeuert hatte, und es kam zum offenen Bruch. Für Kalthoff war diese Trennung sowohl persönlich als auch hinsichtlich seiner Auffassung von "Freisinn" sehr schmerzlich, hatte er doch von seinen liberalen Freunden entschieden mehr Verständnis für Dialektik und zudem auch mehr Gespür in der Wahl der Waffen erwarten dürfen. Neben innerkirchlichen Intrigen und persönlichen Verunglimpfungen in der Presse verfiel sinnigerweise der Vorsitzende des Bremer Protestantenvereins, Pastor Dr. Veeck, ausgerechnet auf die reaktionäre "Methode der Autorität", indem er eine lange Liste namhafter, führender Theologen erstellte, deren wissenschaftliche Meinung Kalthoffs Theorie widerspreche, und überdies - ähnlich wie weiland im Falle Dulon (s. o., Vorspann) - diese Expertise als eine Art Gutachten verwendete, um auch kirchenpolitisch gegen Kalthoff vorgehen und ihn aus seinem Amt katapultieren zu können. Nach Erscheinen der "Entstehung des Christentums" (1904) lud Veeck den Göttinger Theologen Bousset nach Bremen ein, der bereits als frühvollendeter 28-Jähriger (1892) die Ergebnisse der Leben-Jesu-Forschung letzt- und endgültig festgeschrieben und Jesus als lebendigen, kraftvollen Jung-Siegfried-Protest gegen das verknöcherte, absterbende Judentum dargestellt hatte.

Kalthoff antwortete auf die sogleich als Druckschrift erschienenen Bousset-Vorträge mit selbst für sein Temperament ganz außerordentlicher Schärfe: "Was wissen wir von Jesus? Eine Abrechnung mit Prof D. Bousset in Göttingen". Diese Broschüre erschien 1904 gleich in zwei Auflagen. Ohne auf die konkreten theologischen und historischen Argumente eingehen zu wollen (A. Schweitzer hat diesen Schlagabtausch übrigens als "langweiliges Gezänk" abgetan, sei doch darauf hingewiesen, daß Kalthoff in einer betont antijüdischen Konzeption von Christentum eine gefährliche Triebfeder für Antisemitismus sah, wie er es bereits als junger Mann in Berlin erlebt hatte, und es zudem unter den buntscheckigen Bremer Liberalen damals auch eine entschieden antisemitische Fraktion gab. Davon abgesehen, gilt Boussets Theorie heute, hundert Jahre später, als gründlich widerlegt.

Exkurs: Marcion. - Bousset vertrat mit der sog. Substitutions-These eine Position, die sich schon bei dem frühchristlichen Kirchenvater und hernach als Ketzer ausgeschlossenen Marcion (ca. 84-160) findet. Für Marcion war das Evangelium von Jesus Christus etwas radikal Neues, eine urplötzlich und unerwartet geschehene Offenbarung, die alle bisherigen religiösen Oberzeugungen hinwegfegt. Dieses Absolute in hergebrachte Denkschemata einflechten, an den eigenen Kulturkreis assimilieren zu wollen, wie es viele Urgemeinden versuchten, erschien ihm als übles Teufelswerk. Um die neue Lehre rein zu erhalten gegenüber kleinmütiger Verfälschung, setzte er dem nach wie vor in den Gemeinden gebräuchlichen "Alten Testament" ein "Neues Testament" entgegen. Den alten Gott, den er als stümperhaften und geschmacklosen Schöpfer des irdischen Jammertals zutiefst verabscheute, stellte er den neuen, unbekannten, fremden Gott gegenüber, der seinen Sohn in diesen weltlichen Unrat gesandt hat, um die Menschheit davon zu erlösen. Marcion war der große Apostel der Askese, dem nichts ekelhafter war, als die widerliche Art, wie das Menschengewürm sich vermehrt, dahinvegetiert und schließlich wieder in Fäulnis zerfällt. 52 Ehelosigkeit bzw. Enthaltsamkeit bei Verheirateten waren bei ihm Bestandteil des Taufgelübdes. Dennoch galt ihm als der größte Sünder nicht der in schweinischer Fleischeslust Suhlende, sondern - der Gerechte, der das Gesetz über alles schätzt und deshalb gegenüber der Botschaft des neuen Gottes der Liebe und der Gnade taub ist. Dieser Marcion gilt in der Kirchengeschichte als der Erfinder, erste Redakteur und Herausgeber des Neuen Testaments. Es bestand aus dem Lukas-Evangelium und 10 Paulusbriefen, die er gesammelt, teilweise sogar - im Falle des Galaterbriefes - wiederentdeckt hatte, und es enthielt gegenüber den etwa hundert Jahre später kanonisierten Fassungen all jene Stellen nicht, die in irgendeiner Weise an jüdischen Glauben anknüpfen. In seinem Kampf gegen gleichzeitig kursierende Abschriften, die viele solcher Judaismen enthielten und im Laufe der Zeit um immer mehr sog. "Gemeindegut" angereichert wurden, kam es im Jahre 144 zu einem Eklat in Rom, wo Marcion auf der vermutlich ersten Synode den krassen Gegensatz von Gesetz und Evangelium herausstellte und den Urgemeinden wegen ihrer Verwässerungen eine Verschwörung gegen die reine Lehre vorwarf. Er aber wurde seinerseits des "Schnibbelns" und der Irrlehre (worauf hier nicht eingegangen werden kann) geziehen und kurzerhand als Ketzer ausgeschlossen. Marcion gründete daraufhin eine sehr weit verbreitete, bis ins 6. Jahrhundert bestehende Gegenkirche, der sich viele der von ihm missionierten Gemeinden anschlossen und die zeitweise die "römische" Kirche überflügelte. Leider wissen wir heute von Marcion und seiner Kirche, wie überhaupt von der Vielfalt des frühchristlichen Glaubens und Schrifttums, nur wenig, und dies meist aus gegnerischen Schriften. Hauptquelle ist der erste Ketzerbekämpfer Irenäus (ca. 140-202), Bischof von Lyon, der zugleich als der erste Bücherverbrenner großen Stils gelten muß und dadurch den späteren Kanonikern viel Arbeit abgenommen hat.

Daß die Paulusbriefe von mehreren Autoren ("Deuteropaulinen") verfaßt und der darin vorgestellte Apostel eine zumindest aus mehreren Missionaren zusammengesetzte, also legendäre Figur ist, steht seit langem fest. Andererseits aber sind es gerade sieben Paulusbriefe, die nach gegenwärtigem Stand der Forschung im Kanon der insgesamt 27 in das Neue Testament aufgenommenen Stücke als "echt" gelten können; obwohl man nicht weiß, wer eigentlich dieser Paulus gewesen sein könnte und ob es ihn tatsächlich gegeben hat. Kalthoff, der diese Bedenken teilte, berief sich dabei auf die sog. "holländischen Radikalkritiker", ein interdisziplinäres Forscherteam aus Theologen, Philologen und Historikern, welches die Authentizität sämtlicher Paulusbriefe bestritt, sie also als pseudepigraphisch (ins Journalistische übersetzt: "gefälscht") befand. Bis auf eine entsprechende "Würdigung" in Albert Schweitzers "Geschichte der Paulinischen Forschung" (Tübingen, 1911) und kurze Erwähnung in seiner Leben-Jesu-Geschichte ist diese Holländergruppe seltsamerweise in Deutschland kaum rezipiert und erst vor kurzem durch den Berliner Theologen Detering 53 wiederentdeckt worden. Unter dem Titel "Der gefälschte Paulus. Das Urchristentum im Zwielicht" (Düsseldorf: Patmos) hat Hermann Detering (1995) nun die spannende, aber für Fundamentalisten wohl besonders schmerzliche Vermutung geäußert, der falsche Lehren verfluchende Briefschreiber an die Galater könne ausgerechnet jener Marcion gewesen sein, von welchem ja bekannt ist, daß er diesen Brief (mit der prononcierten Gesetz-contra-Evangelium-Botschaft) entdeckt und in Umlauf gebracht hat. Detering schloß an diese Hypothese die Spekulation an, hinter dem von Marcion gezeichneten Paulus könne teilweise der aus der Apostelgeschichte bekannte Simon Magus stecken, welcher öfters dem missionierenden Petrus in die Quere gekommen ist und von Irenäus als "Vater aller Ketzer" tituliert wurde. 54

Albert Kalthoff würde an solchen Überlegungen gewiß ein besonderes Wohlgefallen gefunden haben, galt ihm doch der blinde Buchstabenglaube im Protestantismus als eine weitaus schlimmere Autoritäts-Hörigkeit denn der Papismus der römischen Katholiken. 55

Daneben aber demonstriert das Beispiel Marcion in unserem Zusammenhang dreierlei:

1) die große Bedeutung der Forschungs- und Lehrfreiheit, wie sie Kalthoff in 30 Berufsjahren nicht müde geworden ist, zu fordern, zu propagieren, und zudem auch vorzuleben;

2) die Art und Weise, wie soziale Diskriminierung sich durch Geschichtsklitterung eine historische Grundlage schafft, welche hernach dann als Legitimation dient und Mentalitäten erzeugt bzw. verstärkt, wie Kalthoff dies am Problem des historischen Jesus dargelegt hat; 56

3) die Vergeblichkeit des Versuchs, kirchlichen Antisemitismus (und auch: kirchliche Frauenverachtung) per Dekret oder durch moralischen Druck (wie es heutzutage besonders die Journalisten lieben) zu überwinden, so lange dessen Wurzeln sakro-sanktioniert sind, indem sie einem unantastbaren Top-Heiligen zugeschrieben werden.

Wenn Schweitzer von Kalthoff und den kritischen Religionsgeschichtlern und -philosophen seiner Zeit spricht als von "denjenigen, die darauf bedacht wann, dem modernen Christentum die Gestalt Jesu zu entreißen" und "den galiläischen Lehrer zu diskreditieren" (1984, S. 461f), um sie von einem dergestalt untergeschwäbelten Ziel her sodann hinsichtlich ihrer Motivation und Methodik zu kritisieren, erweckt dies nicht unbedingt Vertrauen in die Wissenschaftlichkeit und Objektivität seiner Historiographie der Leben-Jesu-Forschung, und mit Schweitzers "Geschichte der Paulinischen Forschung" (1911), in welcher die holländischen Radikalen etwas ausführlicher bedacht werden, steht es kaum besser.

Davon abgesehen aber hat Kalthoff in seiner Streitschrift gegen Bousset (1904) betont, daß er zu seiner Paulus-Einschätzung durch völlig eigenständige und neuartige Studien, nämlich solchen zur wirtschaftlichen Entwicklung der korinthischen Gemeinden, gekommen sei, die er Jahre zuvor bei der Vorbereitung eines entsprechenden Predigtzyklus angestellt habe.

In die Diskussion um das Christusproblem schaltete sich 1904 auch ein früherer, 1901 pensionierter Amtskollege Kalthoffs von der Bremer Liebfrauenkirche ein, der seinen Ruhestand dazu nutzte, sich mit einem wenig sachdienlichen Pamphlet gegen Kalthoff ziemlich peinlich den Mund zu verbrennen. Es wäre dies hier nicht erwähnenswert, wenn es sich bei diesem Herrn nicht zugleich um einen Landsmann Kalthoffs gehandelt hätte, nämlich um Dr. Julius Thikötter (1832-1913), der aus Wupperfeld stammte. 57 Thikötter war 1857 Pfarrer in Hattingen, bald danach Superintendent geworden, und 1864 an die Liebfrauenkirche nach Bremen gekommen (Bauks, 1980). Mit dem dortigen Fehlen einer preußischen Amtshierarchie hat er sich offensichtlich nicht abfinden können und in seinen Angriffen auf Kalthoff mehr oder weniger verdeckt nach einem Kadi gerufen. Vielleicht deshalb wußte Kalthoff die Sache so ernst nehmen, daß er seine Entgegnung eigens als Broschüre drucken ließ. Thikötter, ein begeisterter Nationalist und Militarist, der sich zum Sedanstag in selbstgereimten kriegsgeilen Oden ergoß ("Deutscher Schwerter schneidiges Schwingen ...") 58 dürfte zu dieser weniger schneidigen Attacke vor allem durch Kalthoffs ("vaterlandslose") Friedensarbeit gereizt worden sein.

Immerhin danken wir Thikötters Vorstoß einige prägnante Formulierungen des späten Kalthoff ("D. Thikötter und das Christus-Problem", 1903) zum Liberalismus, wie z. B.: "Ich begriff den Widerspruch, daß eine historische Persönlichkeit außerhalb des Entwicklungsgesetzes des Lebens stehen und eine absolute Bedeutung für die Geschichte beanspruchen solle.' (S. 6) "Der Begriff der historischen Persönlichkeit schließt rundweg alles Übermenschliche aus." (S. 14) "Das Christentum ist ebensowenig 'gestiftet' wie Rom 'gegründet' worden. " ( S. 14).

Mit Abstand schlimmer noch als Thikötter erging es in diesem Streit einem anderen Landsmann, Dr. Oskar Henke. Dieser war Nachfolger Thieles am Barmer Gymnasium (1883-1893) gewesen und anschließend bis 1907 Direktor des Bremer Gymnasiums, und er hat in den Streit um den historischen Jesus so unglücklich eingegriffen, daß er dabei seiner wissenschaftlichen Reputation nahezu verlustig ging. 59

Mit beißender Ironie ist Kalthoff in "Die Entstehung des Christentums" (1904, S. 17-22) auf Henkes seltsame Argumentation eingegangen, wobei er die Gelegenheit zu erneuter, ausgiebiger Polemik gegen den protestantischen Reformverein nutzte, welchem Henke angehörte und hier scheinbar als "Terrier" dienstbar war.

Auch Kalthoffs früherer Lehrer Dr. August Döring meldete sich zu Wort; ansonsten soll und kann hier auf das außerordentlich vielfältige Echo (die Kritik kam ja nun aus dem orthodoxen und aus dem liberalen Lager) nicht eingegangen werden.

Im Winter 1905/06 war Kalthoff an einer hartnäckigen Bronchitis erkrankt, mit offenbar ernsten Herzproblemen, die zunehmend an seinen Kräften zehrten. Doch erst im April ließ er sich von Freunden und Ärzten breitschlagen, auf vier Wochen zur Erholung an den Genfer See zu reisen. Auf der Rückfahrt erlitt er in der Eisenbahn einen vermutlich weiteren Herzinfarkt und war, als er in Bremen wieder eintraf, körperlich ruiniert. Auf dem Sterbebett überreichte man ihm die Anklageschrift des geistlichen Ministeriums, in welcher er von den orthodoxen und liberalen Amtsbrüdern - in seltener Eintracht - u. a. des Atheismus geziehen und der Senat zu Kalthoffs Amtsenthebung aufgefordert wurde. Er diktierte dem Freund Steudel, der dies berichtete, eine geharnischte Antwort in die Feder. Drei Tage später riß er sich noch einmal hoch, führte mehrere Trauungen durch, dann verließen ihn endgültig die Kräfte und am folgenden Tag, dem 11.05.1906, war er tot.

Da das auf Kalthoffs Initiative hin erbaute Bremer Krematorium noch nicht in Betrieb war, wurde sein Leichnam in Hamburg feierlich eingeäschert. An den weiteren Trauerfeiern in seiner Kirche, auf dem Friedhof und im Goethebund nahmen viele hundert Trauergäste teil, während gleichzeitig noch ein Pamphlet erschien, das seine Gemeinde als dumme Patienten eines Quacksalbers bezeichnete. Von seinen Amtsbrüdern aber heißt es, sie hätten mit frommem Augenaufschlag geseufzt: "Der Herr ist uns zuvorgekommen."

Nachspiele

Das Blaubuch-Heft Nr. 23 (1. Jg. 1906) ist dem Andenken Kalthoffs gewidmet. Ilgenstein schreibt unter dem Titel "Die Priester des Todes" eine flammende Verteidigungsrede für Kalthoff und gegen "eine Geistlichkeit, für die nichts so tot ist wie der Geist, für die nichts so gleichgültig ist als das Leben." - Auch in den übrigen Nachrufen stehen tiefe Trauer und Bestürzung hart neben ohnmächtiger Wut und Verbitterung, ist von "Pfaffen-Rancune" und "Judas-Priestern" die Rede. Friedrich Steudel würdigt in seinem Beitrag "Der moderne Pfarrer" (S. 922-926) Kalthoff als progressiven Kanzelredner, der Schleiermachers Traum vom kirchlichen Lehramt verwirklicht habe. "Daß diese neue Form der Predigtweise, zu der sich Kalthoff das Recht einfach herausnahm, bei den andern allen Anstoß und Ärgernis erregen mußte, wird niemanden überraschen." Wie niederträchtig aber derlei Anfeindungen konkret dann aussahen (Steudel zitiert Beispiele), löst auch heutzutage noch ungläubiges Staunen aus. Heinrich Bösking ("Kalthoffs Gedenken", S. 927-930) schildert in bewegten Worten seine letzte Begegnung mit dem Sterbenden sowie den Ablauf der Trauerfeierlichkeiten. Und Kalthoff selbst kommt mit seiner Predigt "Die Religion der Zukunft" (S. 915-921) zu Wort.

Nach seinem Tode gab der Kollege und Freund Friedrich Steudel bis 1908 vier weitere Predigtreihen Kalthoffs heraus, und 1910 folgte der Goethebund mit einer Sammelausgabe von Reden und Aufsätzen: "Volk und Kunst". Auch die Nachrufe und Traueransprachen sind als Sammelband im Druck erschienen (bei Nößler, Bremen). Kalthoffs letzte Predigtserie, "Religiöse Menschentypen", ist leider nicht mehr veröffentlicht worden; offenbar deshalb, weil Kalthoffs Frau Emma, die seine mikroskopische Schrift zu entziffern verstand und dem Herausgeber Steudel zuarbeitete, bereits 1908 ebenfalls verstarb. Unvollendet blieb auch Kalthoffs Arbeit an einer umfassenden, systematischen Darstellung seiner Sozialtheologie; die beiden 1902 und 1904 dazu erschienenen Bücher machen durchaus den Eindruck von Vorabdrucken einzelner Kapitel, jeweils ergänzt durch eilig hingeworfene Skizzen.

Kalthoffs Nachfolger Emil Felden (1874-1959), ein enger Studienfreund A. Schweitzers, fuhr Kalthoffs Kurs weiter, wurde 1921-1924 SPD-Abgeordneter in Bürgerschaft und Reichstag, 60 und brachte das (damals wie heute undenkbare) Kunststück fertig, St. Martini zu einer Arbeitergemeinde umzufunktionieren. Bereits 1911 (!) wurde in seiner Gemeindeordnung die kirchliche Gleichberechtigung der Frauen verankert. Das "Monistische Jahrhundert" verfolgte seine Aktivitäten und Schwierigkeiten mit interessierter Aufmerksamkeit. 1933 wurde Felden aus seinem Amt und später aus dem Land vertrieben, viele seiner Schriften verboten, darunter auch ein biographischer Roman über Friedrich Ebert. Felden, Steudel, Jatho, 61 Drews und andere moderne Theologen waren zwar anfangs noch im Monistenbund aktiv, jedoch eher als kuriose Randerscheinung. So klug die Wahl des ersten Präsidenten auch gewesen sein mag, so fatal war Kalthoffs früher Tod für diesen Bund, der fortan in einer seichten "Vulgärtheologie" dümpelte, 62 und eben diese ungünstige Entwicklung hat bald auch auf das Kalthoff-Bild rückwirkend abgefärbt.

Der 1904 in Elberfeld geborene Historiker Jürgen Kuczynski hat in seiner Anthologie "1903" versucht, den Zeitgeist des Jahres 1903 per Querschnitt durch die damaligen Publikationen zu erfassen und dabei auch Ausschnitte aus Kalthoff-Predigten wiedergegeben. Kalthoff schien ihm in einer - zumal für einen Geistlichen - ganz ungewöhnlichen Weise aus dem kulturellen Milieu jener Tage herauszuragen. 63

Dennoch kam es damals nicht zu einer gründlichen wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit seinem Werk. Von einigen wenigen fachtheologischen Arbeiten vor dem ersten Weltkrieg abgesehen, gab es praktisch keine Kalthoff-Rezeption.

Albert Schweitzer geht zwar, wie erwähnt, in seinen Geschichten. der Leben-Jesu- und der Paulinischen Forschung näher auf Kalthoff ein, doch ist die Art, wie er ihn abhandelt bzw. abkanzelt, eher durch Schläue als durch kritische Auseinandersetzung charakterisiert. Durchgängig rügt Schweitzer Kalthoffs Abfall vom Liberalismus, wobei er Kalthoffs akribisch ausgebreiteten Argumente kurzerhand beiseite läßt und auch dessen Zielvorstellungen völlig ignoriert. Schweitzer bemühte sich also nicht um einen "enzyklopädischen" Beitrag, sondern warf sich in die damals aktuelle Diskussion, so daß die - in späteren Auflagen nicht entsprechend überarbeitete - Darstellung (eigentlich muß man von mutwilliger Karikatur der Kalthoff-Theorie sprechen) für Nachgeborene ein ziemlich schiefes Bild ergibt.

Auch der Ketzerforscher Walter Nigg 64 befaßt sich kurz mit Kalthoffs Ansatz, akzeptiert aber die "Bremer Radikalen" nicht als eigene theologische Klasse, sondern ordnet sie kurzerhand in eine Restkategorie moderner Liberaler, die "Außenseiter", ein, was er mit Kalthoffs "individualistischer Eigenständigkeit" begründet.

Offenbar sind es aber in erster Linie fundamentalistische, deutschtümelnde, antisemitische und antikommunistische Trends in Kirche und Theologie gewesen, die nach Kalthoffs Tod rasch dazu geführt haben, daß seine religionswissenschaftliche Theorie kaum aufgegriffen wurde, sondern geradezu wie ein gefährlich strahlendes Material in antikommunistischen Phrasen und Klischees sarkophagisiert worden ist. Pastor O. Veeck, der den Kalthoff-Artikel für die „Bremischen Biographien" (1912) verfaßte, hatte selbst manche Blessur von Kalthoffs streitbarer Hand davongetragen, war Mitinitiator der Anklage gewesen und nutzte den Nachruf zu verspäteter Replik, während der RGG-Autor Huntemann seine pietistische Meinung zu Kalthoff ebensowenig zurückzustellen vermochte wie seinerzeit Albert Schweitzer seine liberale. Die dabei gewählten, abweisenden Formulierungen sind hernach entsprechend eingegangen sowohl in die Bremer Kirchengeschichtsschreibung 65 als auch in die Stadt-Geschichte (Schwarzwälder, 1976), und nicht zuletzt - wenn auch in etwas vorsichtigeren Formulierungen - in die Lexikon-Dateien.

Wie nur wenige "berühmte Wuppertaler" ist Kalthoff in fast jedem guten Lexikon mit einer Kurzbiographie vertreten, wenn auch diese Eintragungen mit Vorsicht zu genießen sind, indem sie, wie gesagt, alte Klischees und Wertungen aus theologisch-kirchlichen Lagern der Jahrhundertwende kolportieren.

In der Wuppertaler Philosophen-Galerie "Genii loci dispersi" (1980) indes fehlt Kalthoffs Name, wäre hier unter der Rubrik "Wuppertaler Nietzscheaner" nachzutragen.

Einige seiner Bücher sind in der Wuppertaler Stadtbibliothek vorhanden, wobei sich besonders "Die Entstehung des Christentums" reger Ausleihen erfreute.

In seinem Bremer Friedens-Pfarrer-Buch hat Donat (1988) ein hübsches Foto veröffentlicht, welches um 1900 aufgenommen wurde. Es zeigt Albert Kalthoff und sein "Radikalen"-Kränzchen auf Klappstühlen im Martini-Pfarrgarten sitzend, eben dort, wo 60 Jahre vorher der jugendliche Engels sein Pfeifchen geschmaucht und "Das Leben Jesu" studiert hatte. 1894, ein Jahr vor seinem Tode, kehrte Engels zu eben diesem Thema zurück und publizierte in der Neuen Zeit seines Freundes Kautsky einen Aufsatz "Zur Geschichte des Urchristentums", der in ganz verblüffender Weise der Auffassung Kalthoffs ähnelt. Engels zieht darin Parallelen zwischen Urchristentum und Sozialistischer Internationale, wobei er die Entstehung des Christentums interessanterweise - und genau wie Kalthoff - als "soziale Bewegung" auffaßt 66 und daneben auch bzgl. des über ein sich entfaltendes Meinungsspektrum fluchenden Paulus zu ähnlichen Beurteilungen und Formulierungen wie Kalthoff kommt. 67

In dem Jahrhundert nach Kalthoff ist vieles, wofür er sich eingesetzt und gekämpft hat, Wirklichkeit geworden; und zwar beschämenderweise weitestgehend ohne die Mitwirkung der Kirchen und christlichen Gemeinden, sondern meist gegen deren heftigen Widerstand. Weitblickende Menschen haben damals, an der Schwelle zum 20. Jahrhundert, zu massenhaftem Kirchenaustritt aufgerufen, wie z. B. Otto Lehmann-Rußbüldt von der Berliner Giordano-Bruno-Gesellschaft, der mit seinem Kirchenaustritts-Verein später auch dem Monistenbund beitrat.68

Der Gedanke, wieviel Unheil der Menschheit in diesem Jahrhundert hätte erspart werden können, wäre eine drastische Schwächung der Amtskirche damals wirklich gelungen, muß bedrücken.

Kalthoffs Menetekel von den "Tempeln des Todes" hat sich in unvorstellbar schrecklichem Ausmaß bewahrheitet, und die deutschen Kirchen mußten nicht zuletzt deshalb mitschuldig werden an zwei Weltmassakern, weil sie unliebsame Stimmen in den eigenen Reihen kleinmütig erstickt und Widerstandskräfte; die 1933 dann schmerzlich fehlten, systematisch eliminiert hatten.

Daß es zur nächsten Jahrhundertwende immer noch eine prussoide, mit demokratischen Prinzipien sich abquälende Amtskirche geben sollte - eine solche Prognose hätte Kalthoff wahrscheinlich mit einem milden Lächeln beantwortet. Unter einem "Landeskirchenamt" an der Schwelle zum 3. Jahrtausend würde er sich vielleicht eine riesige, hypermodeme Zukunftswerkstatt ausgemalt haben, mit einem Heer von Experten, unter denen der "Club of Rome" lediglich eines von vielen Kränzchen wäre ...

In Albert Kalthoff ist ein hochinteressanter moderner Theologe zu entdecken, der auch nach hundert Jahren noch "voll von Zukunft" ist, und es scheint an der Zeit, diesen Jahrhundertwende-Propheten aus seinem Verließ wieder auferstehen und ihm eine gerechtere Beurteilung widerfahren zu lassen.


Auswahl wichtiger Schriften Albert Kalthoffs

1879/1880 & 1887: Predigten I. Berlin: Homberg und Geist. (Zusammenstellung von "Schriften des protestantischen Reform-Vereins zu Berlin")

1880: Die neueste Maßregel zur Bekämpfung des Judentums. Berlin: Würtzburg. (basierend auf einer Rede im Handwerkerverein)

1880: Das Leben Jesu. Berlin: Kupfer & Herrmann. 1884: Die Religion und die Feuerbestattung. Hamburg: Rademacher.

1892: Charles Kingsley. Ein religiös-soziales Charakterbild. Religiöse Volksbibliothek, Berlin: Bibliographisches Bureau.

1894: Christliche Theologie und socialistische Weltanschauung. Ein Wort zur Verständigung. Berlin: Wiegandt.

1896: Schleiermachers Vermächtnis an unsere Zeit. Berlin: Schwetschke. 1898: An der Wende des Jahrhunderts. Berlin: Schwetschke.

1900: Friedrich Nietzsche und die Kulturprobleme unsererZeit. Berlin: Schwetschke.

1901: Die Philosophie der Griechen, in kulturgeschichtlicher Grundlage dargestellt. Berlin: Schwetschke

1901: Die religiösen Probleme in Goethes Faust. Berlin: Schwetschke 1901: Kunst und Volk. Goethebund, Bremen: Winter.

1902: Das Christusproblem. Grundlinien zu einer Sozialtheologie. Leipzig: Diederichs. 1903: D. Thikötter und das Christusproblem. Eine Replik. Bremen: Hampe.

1904: Zarathustra-Predigten - Kanzelreden über die sittliche Lebensauffassung.

1904: Die Entstehung des Christentums. Neue Beiträge zum Christusproblem. Leipzig: Diederichs.

1904: Was wissen wir von Jesus? Eine Abrechnung mit Prof. D. Bousset in Göttingen. Berlin: O. Lehmann, und daselbst, Verlag "Renaissance".

1905: Die Religion der Modernen. Jena: Diederichs. 1905: Schule und Kulturstaat. Leipzig: Voigtländer.

1906: Modernes Christentum. Moderne Zeitfragen Nr. 13, Berlin: Pan-Verlag.

1907: Das Zeitalter der Reformation. Hgb. von F. Steudel. Jena: Diederichs.

1907: Zukunftsideale. Mit einer Lebensskizze hgb. von F. Steudel. Jena: Diederichs.

1908: Vom inneren Leben. Hgb. von F. Steudel. Jena: Diederichs. (Predigtreihen "Das menschliche Glück" und "Unser inneres Leben")

1910: Volk und Kunst. Reden und Aufsätze. Hgb.: Goethebund. Bremen: Rolandverlag. Kalthoff, A. (Hgb.): Europa. Wochenschrift für Politik und Kultur. 1. Jg. 1905. Redaktion: Heinrich Michalski. Berlin: Verlagsgesellschaft Europa.

Kalthoff, A. & Ilgenstein, H. (Hgb.): Das Blaubuch. Wochenschrift für öffentliches Leben, Literatur und Kunst (1. Jahrgang, 1906). Darin von Albert Kalthoff selbst:

Zur Einführung. 3-7 (Nr. 1, 11.01.)

Ein deutscher Monistenbund. 109-111 (N r. 3, 25.01.) Religion und Monismus. 261-268 (Nr.7, 22.02.) Geist! 479-483 (Nr. 12, 29.03.) (Pfingstpredigt)

Der religiöse Eid. 603-609 (Nr. 15, 19.04.)

Die erwachende Wissenschaft. 681-687 (Nr. 17, 03.05.) (Renaissance-Geschichte) Christus in Hilligenlei. 793-799 (Nr. 20, 24.05.) (Gustav Frenssens neuer Roman) sowie eine Anzahl nachgelassener Predigten, die später von Steudel nochmals herausgegeben wurden.


Zusammenstellung der in den Anmerkungen genannten Literatur

Abresch, J. (1987): Hermann Ebbinghaus - Kindheit und Jugend im Wuppertale. In Traxel, W. (Hgb.): Ebbinghaus-Studien Band 2. Passau: Passavia. S. 71-87.

Abresch, J. (1994): Helene Stöcker. In Rheinische Lebensbilder Band 14, S. 191-213. Köln: Rheinland Verlag.

Autorenkollektiv/Gemkow, H. (1988): Friedrich Engels. Berlin: Dietz

Baumann, U. (1992): Protestantismus und Frauenemanzipation in Deutschland Frankfurt: Campus. von Bippen, W. (Hgb.) (1912): Bremische Biographie des neunzehnten Jahrhunderts. Bremen: Winter.

Bloth, P. C. (1961): Die Bremer Reformpädagogik im Streit um den Religionsunterricht. Dortmund: Crüwell.

Bohle, W. (1929): Festschrift zum 350jährigen Jubiläum des Barmer Gymnasiums. Barmen. de Bruyn-Ouboter, H. J.; Hähner, H. & Vogelsang, W. (Hgb.) (1994): Schultradition in Barmen. Von der Banner Amtsschule zum Gymnasium Sedanstraße. 1579-1994. Wuppertal: Selbstverlag.

Detering, H. (1992): Paulusbriefe ohne Paulus? Die Paulusbriefe in der holländischen Radikalkritik. Bem/Frankfurt: Peter Lang.

Detering, H. (1995): Der gefälschte Paulus. Das Urchristentum im Zwielicht. Düsseldorf: Patmos.

Dirx, Ruth (Hgb.) (1988): Von Engels bis Böll. Respektlose Stimmen aus dem Wuppertal. Oberhausen: Graphium press.

Donat, H. (1988): Albert Kalthoff - Ein "vergessener" Pazifist und Pionier der Bremer Friedensbewegung. In Donat, H. & Jung, R. (Hgb.) (1988): "Mit Gott dem Herrn zum Krieg"? Bremer Pastoren für den Frieden. Bremen: Donat Verlag. S. 26-57.

Donat, H. & Röpcke, A. (Hgb.): "Nieder die Waffen - die Hände gereicht!" Friedensbewegung in Bremen 1898-1958. Bremen: Donat.

Dormeyer, D. (1993): "Das Neue Testament im Rahmen der antiken Literaturgeschichte". Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft.

Frenzel, I. (196611995): Friedrich Nietzsche. Reinbek: Rowohlt Bildmonographien.

Galling, K. et al. (Hgb.) (1959): Die Religion in Geschichte und Gegenwart. Tübingen: Mohr. Guyot, P. & Klein, R. (1993!/4) Das frühe Christentum bis zum Ende der Verfolgungen. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft.

Hannover, Elisabeth (1989): Albert Kalthoff und die Gründung der Bremer Ortsgruppe der Deutschen Friedensgesellschaft. In Donat, H. & Röpcke, A. (Hgb.), S. 13-17.

Heinz, Heide (Hgb.) (1980): Genii loci dispersi. Beiträge zu "Wuppertaler Philosophen". Würzburg: Künägshausen und Neumann.

Heätmann, C. (1985): Von Abraham bis Zion. Die Ortsgemeinden der Bremischen Evangelischen Kirche. Bremen: Donat & Temmen.

Henke, O. (1890): Chronik des Gymnasiums zu Barmen. Barmen.

Kautsky, K. J. (1908/1977): Der Ursprung des Christentums. Stuttgart/Berlin: Dietz. Knieriern, M. (1979): Über Friedrich Engels. Nachrichten aus dem Engels-Haus 2. Wuppertal: ceres.

Knieriem, M. (Hgb.) (1991): Die Herkunft des Friedrich Engels. Briefe aus der Verwandtschaft 9791-1847. Trier: Schriften aus dem Karl-Marx-Haus 42. .

Knieriem, M. (1995): Friedrich Engels Vater und Sohn. Eine biographische Skizze. Zeitschrift des Bergischen Geschichtsvereins 96, S. 79-112.

Krummacher, Maria (1926): Unser Großvater, der Ätti. Faksimiledruck von 1968 bei Braun, Duisburg. S. 108. (1. Auflage 1891, zuvor bereits gedruckt von Heyse, Bremen, 1849).

Kuczynski, J. (1988): 1903: Ein normales Jahr im imperialistischen Deutschland. Köln: Pahl-Rugenstein.

Nigg, W. (1937): Geschichte des religiösen Liberalismus. Zürich: Niehans. Nigg, W. (1949): Das Buch der Ketzer. Zürich: Artemis.

Norzel-Weiß, Christina (1988): Emil Felden - Aus ethischer Verantwortung für Wahrheit, Frieden und soziale Gerechtigkeit. In Donat & Jung, S. 58-90.

Raschke, J. (1985): Soziale Bewegungen. Historisch-systematischer Grundriß. Frankfurt: Campus.

Satlow, B. (1987): Die Revolution von 1848. Die Kirche und die soziale Frage. In: Wirth, G. (Hgb.): Beiträge zur Berliner Kirchengeschichte. Berlin: Union. S. 177- 196.

Schmidt, W.-R. (1990): Der Mann aus Galiläa. Suche nach einem Unbekannten. Gütersloh: Mohn.

Schmolze, G.: Stichwort "Kalthoff, Albert" in Neue Deutsche Biographie.

Schramm, K. R. (1879): Unsere Hoffnung in schwerer Zeit. Rede,im oberen Saale der Reichshallen. Schriften des protestantischen Reform-Vereins zu Berlin 111880. Schwarzwälder, H. (1976): Geschichte der freien Hansestadt Bremen. Bremen: Röver. Schweitzer, A. (190611913): Geschichte der Leben-Jesu-Forschung. Siebenstern Taschenbuch-Ausgabe (München, 1966) bzw. UTB/Mohr (München, 1984).

Schweitzer, A. (1911): Geschichte der Paulinischen Forschung von der Reformation bis auf die Gegenwart Tübinden.

Sheehan, J. J. (1983): Der deutsche Liberalismus, 1770-1914. München: Beck.

Siedel, O. (1908): Albert Kalthoff und die Persönlichkeit unserer Dichter. Leipzig: Deutsche Zukunft.

Thiele, G. (1870): Jahresbericht über die Realschule I. O. und das Gymnasium zu Barmen. Thümmel, H. (1872): Geschichte der Vereinigt-Evangelischen Gemeinde Unterbarmen, . 1822-1872. Barmen: Langewiesche.

Wehowsky, W. (Hgb.) (1960): St Martini zu Bremen. Bremen.

Werth, A. & Lauffs, A. (1927): Geschichte der Evangelisch-Reformierten Gemeinde Barmen-Gemarke. 1707-1927. Barmen: Selbstverlag.

Wickert, Christl. (1991): Helene Stöcken 19&9-9943. Bonn: Dietz.

Wottrich, Henriette (1990): Auguste Kirchhoff. Eine Biographie. Bremen: Donat.

 


Anmerkungen

1 Hans Koschnik im Vorwort (S. 7) zu Heitmann, C. (1985): Von Abraham bis Zion. Die Ortsgemeinden der Bremischen Evangelischen Kirche. Bremen: Donat & Temmen.

2 Einen Einblick in die vielfältigen Verflechtungen zwischen Barmen und Bremen vermitteln die von M. Knieriem (1991) herausgegebenen Briefe der Familie Engels: "Die Herkunft des Friedrich Engels. Briefe aus der Verwandtschaft 1791-1847. Trier: Schriften aus dem Karl-Marx-Haus 42. Z. B. geht wohl auf Menkens Vermittlung zurück, daß ein Engels-Sohn, Johann Caspar III (17921863), 1808 zu Pfr. Hermann Müller (1774-1839) nach Braunfels in Pension gegeben wurde. 1809 ist übrigens auch H. Müller nach Bremen berufen worden, und später ebenfalls dessen Schützling Friedrich Ludwig Mallet (1792-1865), der 1827-1865 an St. Stephani wirkte. Mallet war bereits als Schüler in Braunfels durch Joh. Caspar Engels II (1753-1821) finanziell unterstützt worden (Knieriem, 1991, S. 125-151).

3 In Auszügen abgedruckt z. B. bei Dirx, Ruth (Hgb.) (1988): Von Engels bis Böll. Respektlose Stimmen aus dern Wuppertal. Oberhausen: Graphium press.

4 F. W. Krummacher (1796-1868) wurde 1825 Pfarrer in Barmen-Gemarke, 1834 in Elberfeld, 1847 in Berlin und 1853 Hofprediger in Potsdam. Somit fällt auf, daß interessanterweise alle vier genannten, führenden Bremer Pietisten jener Jahre (Menken, Krummacher, Mallet und Treviranus) in irgendeiner Beziehung zur Familie Engels gestanden haben.

5 Zu Belegen hierzu sowie Hinweisen auf ausführliche Darstellungen dieser echt opernreifen Groteske aus Theaterdonner, Intrige und Camouflage s. Knieriem, M. (1979): Über Friedrich Engels. Nachrichten aus dem Engels-Haus 2. Zu Engels' Bremer Zeit s. ferner z. B. Knieriem, M. (1995): Friedrich Engels Vater und Sohn. Eine biographische Skizze. Zeitschrift des Bergischen Geschichtsvereins 96, S. 79-112; oder Autorenkollektiv/Gemkow, H. (1988): Friedrich Engels. Berlin: Dietz.

6 Krummacher, Maria (1926): Unser Großvater, der Ätti. Faksimiledruck von 1968 bei Braun, Duisburg. (1. Auflage 1891, zuvor bereits gedruckt von Heyse, Bremen, 1849). S. 156.

7 Krummacher (1926), S. 193. 

8 Krummacher (1926), S. 108.

9 wegen der im Glaubensbekenntnis vorgenommenen Verquickung von Profan- und Heilsgeschichte: Jesu Leben kann - ebenso wie das Karls des Großen oder Bismarcks - nicht Gegenstand eines Glaubensbekenntnisses sein.

10 s. Nigg, W. (1937): Geschichte des religiösen Liberalismus. Zürich: Niehans.

11 Heitmanns Bremer Kirchenführer enthält sinnigerweise ein Bild, welches Dulon in der Gefängniszelle zeigt. Nach seiner Haftentlassung bereitete Bremen ihm einen volksfestlichen Empfang, hernach mußte er aber nach Amerika flüchten, um seinen Kopf zu retten (Heftmann 1985, S. 25).

12 Neue Deutsche Biographie. Stichwort "Kalthoff" von G. Schmolze.

13 Siedel, O. (1908): Albert Kalthoff und die Persönlichkeit unserer Dichter. Leipzig: Deutsche Zukunft. S. 4. Die nachstehenden Angaben zu Kalthoffs Lebensweg stützen sich auf die folgenden Kurz-Biographien:

(NDB:) Neue Deutsche Biographie. Stichwort "Kalthoff" von G. Schmolze.

(RGG:) Galling, K et al. (Hgb.) (1959): Die Religion in Geschichte und Gegenwart. Tübingen: Mohr. Stichwort "Kalthoff" von G. Huntemann.

von Bippen, W. (Hgb.) (1912): Bremische Biographie des neunzehnten Jahrhunderts. Bremen: Winter. Stichwort "Kalthoff" von O. Veeck (S. 241-247).

Steudel, F. (1907): Biographische Einleitung des Herausgebers. In Kalthoff, A.: Zukunftsideale. Jena: Diederichs. S. V-XXXIV.

Schwelbel (1960) in Wehowsky, W. (Hgb.): St. Martini zu Bremen. Bremen.

Hannover, Elisabeth (1989): Albert Kalthoff und die Gründung der Bremer Ortsgruppe der Deutschen Friedensgesellschaft. In Donat, H. & Röpcke, A. (Hgb.): "Nieder die Waffen - die Hände gereicht!" Friedensbewegung in Bremen 1898-9958. Bremen: Donat. S. 13-17.

Donat, H. (1988): Albert Kalthoff - Ein "vergessener" Pazifist und Pionier der Bremer Friedensbewegung. In Donat, H. & Jung, R. (Hgb.) (1988): "Mit Gott dem Herrn zum Krieg"? Bremer Pastoren für den Frieden. Bremen: Donat Verlag. S. 26-57.

Kalthoffs Nachlaß wird im Bremer Stadtarchiv aufbewahrt.

14 Döring quittierte 1883 den Schuldienst und wurde Philosophie-Dozent an der Berliner Universität. Zu seiner "Güterlehre" s. Gillen, W. (1980): August Döring. Philosophie als Güterlehre. In Heinz, Heide (Hgb.): Genii loci dispersi. Beiträge zu "Wuppertaler Philosophen". Würzburg: Königshausen und Neumann.

15 Bauks, F. W. (1980): Die evangelischen Pfarrer in Westfalen, von der Reformation bis 1945. Bielefeld: Luther.

16 Hermann Ebbinghaus (in Bohles Festschrift zum 350jährigen Jubiläum des Barmer Gymnasiums, 1929, fälschlich als "Karl Ebbinghaus" verzeichnet) ist der erste Abiturient des Barmer Gymnasiums gewesen, Albert Kalthoff wird unter Nr. 17 geführt. Zu Ebbinghaus s. z. B. Abresch; J. (1987): Hermann Ebbinghaus - Kindheit und Jugend im Wuppertale. In Traxel, W. (Hgb.): Ebbinghaus-Studien Band 2. Passau: Passavia. S. 71-87.

17 Thiele, G. (1870): Jahresbericht über die Realschule I. O. und das Gymnasium zu Barmen; Henke, O. (1890): Chronik des Gymnasiums zu Barmen. Die Mitabiturienten Kalthoffs waren H. Obermüller, A. Petersen und H. Voß.

18 Satlow, B. (1987): Die Revolution von 1848. Die Kirche und die soziale Frage. In: Wirth, G. (Hgb.): Beiträge zur Berliner Kirchengeschichte. Berlin: Union. S. 177- 196.

19 Vorsitz: Immanuel Hegel, ein Sohn des Philosophen.

20 abgedruckt in "Predigten I". Der darin enthaltene Satz "Da, wo der Mensch in seinem Gewissen frei ist von menschlichen Satzungen, soll er erst recht Früchte der Lauterkeit der Gesinnung bringen" könnte übrigens wortwörtlich auch in den Schriften von Kalthoffs Landsmännin Helene Stöcker stehen.

21 abgedruckt in "Predigten 1". Hier einige Kostproben:

"Es ist ja keine Frage, daß eine verhängnißvolle Anzahl von Ehen nichts sind als Contrakte, durch die die Eheleute sich gegenseitig zur Resignation verpflichten. "

"Nun, ich wünsche gewiß von ganzem Herzen, daß auch dem Weibe das ganze reiche Gebiet des Lebens, der Bildung, der Wissenschaft erschlossen werde."

"Eins nur verlangen wir, wenn nicht die ganze Welt auf den Kopf gestellt werden soll, daß nämlich die natürliche Ordnung gewahrt bleibe: 'Ihr Weiber, seid unterthan euren Männern'."

"Die edelsten Kräfte, die Gott so reich in des Weibes Brust gelegt hat, kommen zur vollen Entfaltung erst im Dienen und Lieben. "

In späterer Zeit schwächte Kalthoff diese Vorbehalte zwar deutlich ab, blieb aber im wesentlichen doch dieser paulinischen Linie verhaftet. Gleichwohl gestand er den Frauen ein eigenes, nicht von dem des Mannes abgeleitetes Recht zu und wird deshalb von Ursula Baumann (1992): Protestantismus und Frauenemanzipation in Deutschland. Frankfurt: Campus (S. 77 & 292) als rühmliche Ausnahme von der seit Wichern üblichen Instrumentalisierung von Frauen zur Lösung sozialer Probleme erwähnt.

22 Satlow, B. (1987) in Berliner Kirchengeschichte, a. a. O. S. 196.

23 Zur geistesgeschichtlichen Orientierung: In diesem Jahr (1863) war es der Naumburger Pfarrersohn Friedrich Nietzsche, welcher als Pennäler in Schulpforta "Das Leben Jesu" von D. F. Strauß "verschlang" (s. z. B. I. Frenzel, 1966/1995: Friedrich Nietzsche. Reinbek: Rowohlt; und gleichzeitig erschien in Frankreich der "Leben-Jesu"-Roman des katholischen Orientalisten Ernest Renan, der auch in Deutschland enormes Aufsehen erregte.

24 Schramm, K. R. (1879): Unsere Hoffnung in schwerer Zeit. Rede im oberen Saale der Reichshallen. Schriften des protestantischen Reform-Vereins zu Berlin 1/1880.

25 s. z. B. Sheehan, J. J. (1983): Der deutsche Liberalismus, 1770-1914. München: Beck.

26 Von welcher Datierung der Briefe Kalthoff hier ausging, ist nicht ersichtlich. Nach auch heute vorherrschender Ansicht war die zeitliche Distanz zwischen dem aus Rom an die Philipper gerichteten Brief des Endfünfzigers und dem Galaterbrief des Mittfünfzigers nur gering; doch hatte Paulus davon vier Jahre in römischer Haft verbracht und dabei - im Sinne Kalthoffs - wohl deutlich an Abstand und Gelassenheit gewonnen. Später (1904, S. 110ff) rückte Kalthoff von solcher Psychologisierung ab, bezweifelte die alleinige Autorschaft des Apostels und veranschlagte einen Entstehungszeitraum der Paulusbriefe von über einem Jahrhundert.

27 Donat, H. (1988): Albert Kalthoff -Ein "vergessener" Pazifist und Pionier der Bremer Friedensbewegung. In Donat, H. & Jung, R. (Hgb.): "Mit Gott dem Herrn zum Krieg"? Bremer Pastoren für den Frieden. Bremen: Donat Verlag. S. 26-57.

28 zu diesem siehe Donat, H. & Röpcke, A. (Hgb.) (1989): "Nieder die Waffen - die Hände gereicht!" Friedensbewegung in Bremen 1898-1958. Bremen: Donat. S. 53.

29 Als Heinrich Kirchhoff 1907, über ein Jahr nach Kalthoffs Tod, zum Bremer Senator gewählt wurde, stellte die Vossische Zeitung (Berlin) ihn folgendermaßen vor: "Landgerichtsdirektor Kirchhoff, politisch liberal und kirchlich extrem linksliberal, ein naher Freund Albert Kalthoffs und Vorstand an dessen Gemeinde". (Wottrich, Henriette, 1990: Auguste Kirchhoff. Eine Biographie. Bremen: Donat. S. 67 ).

30 Kirchhoffs Gästebuch ist nicht nur zu einem stadthistorischen, sondern auch zu einem Dokument der Friedensbewegung geworden. S. Donat & Röpcke (1989), S. 146.

31 Der Bremer Historiker Helmut Donat schreibt zu Kalthoffs vielseitigem Engagement in Bremen: "Wo immer es um kulturpolitische, vorwärtsweisende und soziale Aktivitäten ging, war Kalthoff führend beteiligt, und je mehr man sich mit ihnen beschäftigt, desto unklarer wird, bei welcher Aktion er seine Hand eigentlich nicht im Spiel gehabt hat." (Donat, 1988, a. a. O. S. 47).

32 siehe hierzu z. B. Bloth, P. C. (1961): Die Bremer Reformpädagogik im Streit um den Religionsunterricht. Dortmund: Crüwell. Infolge allzu starker Einengung auf eine schulpädagogik-immanente Betrachtungsweise vermag Bloth allerdings Kalthoffs Einfluß nicht hinreichend zu würdigen.

33 "Soziale Erziehung" in "An der Wende des Jahrhunderts" (1898), S. 145-155; "Schule und Kulturstaat" (1905).

34 s. o., z. B. Donat & Röpcke (1989), Wottrich (1990).

35 Röpcke, A. (1988): Der Unheilige Geist - Nationalistische Predigt in Bremen. In Donat & Jung, S. 13-25.

36 Reformirtes Wochenblatt, 36. Jahrgang, Nr. 5, S. 38. Der Nachrufer, Pastor Röhrig, war ein entschiedener Gegner des antisemitischen "Deutschchristentums", und gleichwohl ein glühender, uneinsichtiger Patriot, der noch im Oktober 1918 (!) in seinem Gemeindeblatt zur Zeichnung der 9. Kriegsanleihe aufrief: "Laßt die 'Neunte' werden die 'Eroika' der Tat, des deutschen Willens zum deutschen Frieden!". Ob er diesen Slogan für seine mit Beethoven weniger vertrauten Schäflein werbewirksam noch durch "ta-ta-ta-taa" akkompagniert hat, ist nicht überliefert; aber zwei Monate später wußte Röhrig die so Umworbenen mit der Weihnachtsliedzeile "Sehet dies Wunder, wie tief sich der Höchste hier beuget" zu "trösten" - was sich selbst der zynischste Kabarettist wohl kaum herausnehmen würde. Da wundert es dann nicht mehr, wenn der Pastor dem Exil-Monarchen auch im folgenden Jahr noch als "Friedenskaiser" huldigte.

37 Zur gleichen Zeit, während Kalthoff in Bremen Reformpädagogik predigte, feierte in seiner Heimatstadt Barmen die Gemeinde Gemarke ihr 200jähriges Bestehen (Juli 1902), mit einem riesigen Schüler-Gottesdienst, wobei den Kindern "Bilder aus der Vergangenheit entrollt" wurden und sie im Anschluß an Hebräer 15; 17 ("Gehorchet euren Lehrern") eingeschärft bekamen, nur ja ihre Lehrer und Pastoren recht lieb zu haben, damit es ihnen später wohl ergehe. Werth, A. 8 Lauffs, A. (1927): Geschichte der Evangelisch-Reformierten Gemeinde Barmen-Gemarke. Barmen: Selbstverlag.

38 Als zufällig aus dem Elberfelder Reformirten Wochenblatt herausgegriffener Titel sei ein Kasino-Vortrag des bereits erwähnten Pastor Röhrig genannt: "Goethe oder Shakespeare - welcher vor) beiden ist der germanische Dichter?" (19.02.1918, "zum Besten des Gustav-Adolf-Vereins").

39 Letztere Sichtweise hat sich übrigens erst in unseren Tagen grundlegend geändert, so daß sich die philologische Textanalyse inzwischen zu beachtlicher Blüte entfalten konnte; vgl. etwa Dormeyer, D. (1993): "Das Neue Testament im Rahmen der antiken Literaturgeschichte". Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft.

40 Schweitzer, A. (1906/1913): Geschichte der Leben-Jesu-Forschung. Siebenstern Taschenbuch-Ausgabe (München, 1966) bzw. UTB/Mohr (München, 1984).

41 Kalthoffs Hörern saß damals der Schrecken der schweren Hamburger Cholera-Epidemie von 1892 noch in den Gliedern; ein Ereignis, das offenbar unter manchen Kirchendächem bizarre geistliche Verrenkungen ausgelöst hatte.

42 Römer 8; 28: Wir wissen aber, daß denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen" 

43 "Glaube und Persönlichkeit" in "Religiöse Weltanschauung", S. 106.

44 Diese Predigtreihe fällt übrigens aus dem oben skizzierten Rahmen etwas heraus insofern, als sie reichlich volkshoch-schulmeisterlich gehalten ist.

45 In der Reihe "Ziele und Aufgaben unserer Kultur", posthum erschienen in "Zukunftsideale" (1907).

46 Mit der auch heute (wieder einmal) aktuellen Problematik "Geschichte und Persönlichkeit" hat sich später z. B. Kalthoffs Nachfolger im Amte des Monisten-Präsidenten (s. u.), der Chemie-Nobelpreisträger Wilhelm Ostwald in einer Reihe von Gelehrtenbiographien beschäftigt.

47 An diesem zentralen theoretischen Punkt (S. 78) verweist Kalthoff auf einen bergischen Landsmann, allerdings nicht auf Engels, sondem auf den in Marburg lehrenden Neukantianer Paul Natorp ("Religion innerhalb der Grenzen der Humanität"), der übrigens ein Urenkel von Ätti Krummacher war: Obgleich Kalthoff Engels verschiedentlich erwähnt, auch in den Predigten, beruft er sich in geschichtsphilosophischen Fragen dort, wo man Hinweise etwa auf Marx oder Darwin erwarten würde, zumeist auf Kant. Besonders Schweitzer hat ihm dies als "Versteckspiel" verübelt und ihn wohl deshalb einfach als "Bauer-Epigonen" abgestempelt. Bruno Bauer (1809-1882) war ein Jugendfreund von Marx und Engels gewesen, die ihn beide im Berliner Junghegelianer-Zirkel kennengelernt hatten (und ihn später in ihrer ersten Koproduktion, "Die heilige Familie", aufs Korn nahmen). Bauer hatte mit seinen ausführlichen Strauß-Rezensionen den jungen Engels schon im Hause Treviranus begeistert und später eine Reihe kritischer Arbeiten zum Urchristentum verfaßt, die in Fragestellung und Ergebnissen, z. B. hinsichtlich der Historizität von Jesus und Paulus, auffallende Parallelen zu Kalthoff zeigen, ohne daß letzterer sich in seinen Hauptwerken jemals auf Bauer bezog. Die Einschätzung, daß Schweitzer dem Kalthoff mit dem Epigonen-Etikett Unrecht getan hat, teilt auch Detering (1992).

48 Neuerdings haben P. Guyot & R. Klein (1993/94) hierzu eine zweibändige Quellen-Dokumentation vorgelegt: "Das frühe Christentum bis zum Ende der Verfolgungen". Darmstadt: Wissenschaftliche 49 Buchgesellschaft.

49 Die Art und Weise, wie Kalthoff hier Entwicklungen der römischen Volkswirtschaft darlegt und analysiert, sich in soziologisch-ökonomischen Denkweisen versiert zeigt, läßt etwas von der Begeisterung spüren, die sein Barmer Lehrer Thiele dafür zu wecken verstanden hatte (s. o.).

50 Dies umso mehr, als kurzzeitig verwirklichte genossenschaftliche Praktiken, von denen vereinzelte noch in manchen Bräuchen (z. B. Fußwaschung oder St. Martins-Tag) verballhornt fortleben, gerade auch in unseren letzten Jahrzehnten des Kalten Krieges aus ideologischen Gründen systematisch fehlgedeutet worden sind. Vgl. z. B. die putzige Erläuterung der Stuttgarter Jubiläumsbibel (1964) zu Apostelgeschichte 2; 42-47: "Vom gewalttätigen Kommunismus war die erste christliche Gemeinde mit ihrer dienenden Liebe himmelweit entfernt.", wobei der Kommentator sogar versucht, den ausdrücklich erklärten Verzicht auf Privateigentum ("keiner sagte von seinen Gütern, daß sie sein wären, sondem es war ihnen alles gemein", Apg. 4; 32) als ein gelegentliches Zusammenwerfen von Vorräten für die gemeinsamen Liebesmahle zu verniedlichen. In solchen mutwilligen Verfälschungen scheint sich ein Verdacht zu bestätigen, den Kalthoff hegte bzgl. des verzweifelten Anklammerns der Theologen an die Hypothese eines historischen Jesus als individueller Persönlichkeit: Er vermutete als eine der wesentlichen Motivationen dafür die Angst vor den eigenen kommunistischen Kirchen-Großvätern.

51 Als merkwürdige Lücke fällt in Kalthoffs soziologischer Analyse des Urchristentums übrigens auf, daß die Frauenfrage fast unberührt bleibt.

52 Für Marcions extreme Schöpfer- und Leibfeindlichkeit hat übrigens in unseren Tagen der Wiener Poet Ernst Jandl wieder ein vertieftes Verständnis gefunden, nachdem er - wie Dichter zuweilen tun - in sich gegangen war: "... Und erst in meinem Bauch, dieses ekelhafte Gewurschtl - gräßlich, einfach widerlich: Wer das da drin vergessen hat!" (sinngemäß).

53 Detering, H. (1992): Paulusbriefe ohne Paulus? Die Paulusbriefe in der holländischen Radikalkritik. Bern/Frankfurt: Peter Lang.

54 zu Simon Magus, Marcion und Irenäus siehe z. B. Nigg, W. (1949): Das Buch der Ketzer. Zürich: Artemis.

55 Heutzutage würde Kalthoff wahrscheinlich - nach einem Seitenhieb auf die Albernheit der Qumran-Sensationspresse - davor warnen, in urchristlichen Redakteuren Vorläufer von Kujau & Co. zu sehen, sondern eher etwa an den Geigenvirtuosen Fritz Kreisler erinnern, der seine brillanten Eigenkompositionen mit dem Hinweis anzukündigen pflegte: "Und jetzt spiele ich Ihnen noch ein lange verschollenes Stück von Mozart, das ich neulich durch Zufall wiederentdeckt habe". Und dann würde er vermutlich unsere bigotte Authentizitätsmoral mit dem allzu verkniffenen Urheberrechtsdenken vorführen, wie er schon seinerzeit die Verstiegenheiten des Kunstkommerz gerügt hatte, und seine neue Theologie der share-ware vorstellen. Das alles natürlich interaktiv via Internet...

56 Gemeint ist Kalthoffs schon vor der Jahrhundertwende geäußerte Vermutung, daß der Glaube an einen historischen Jesus in Zusammenhang mit einer personalistischen Geschichtsauffassung aus einem ängstlichen Schutzbedürfnis und einer mehr oder weniger verhohlenen Machtlust erwächst, und daß sich dies politisch in kindhafter Anhänglichkeit an einen mächtigen Führer (Kaiser - Hindenburg - Hitler), von dem man alles Heil erwartet, niederschlägt. Für die Richtigkeit dieser These scheint zu sprechen, daß die Einsicht in die Nicht-Historizität der neutestamentlichen Berichte nach den Katastrophen von 1918 und 1945 jeweils neu erarbeitet werden mußte, und zwar jedesmal nahezu unter den gleichen Mühen und Qualen.

57 Seine Jugenderinnerungen an die Barmer Schulzeit und den späteren Leiter des Gymnasiums, Dr. Thiele, den er als Gymnasiast in Duisburg kennengelernt hatte, sind in Auszügen abgedruckt in: de Bruyn-Ouboter, H. J.; Hähner, H. & Vogelsang, W. (Hgb.) (1994): Schultradition in Barmen. Von der Barmer Amtsschule zum Gymnasium Sedanstraße. 1579-1994. Wuppertal: Selbstverlag. S. 84f und 158f.

58 Röpcke, A. (1988): Der Unheilige Geist, in Donat & Jung, S. 13-25.

59 Bremische Biographien, a. a. O., Stichwort "Henke" von Entholt.

60 Norzel-Weiß, Christina (1988): Emil Felden - Aus ethischer Verantwortung für Wahrheit, Frieden und soziale Gerechtigkeit. In Donat & Jung, S. 58-90.

Donat, H. (1989): Emil Felden - Ein Leben für Frieden; Freiheit und soziale Gerechtigkeit. In Donat, H. & Röpcke, S. 109-114.

Da Schwarzwälder, H. (1976): Geschichte der freien Hansestadt Bremen. Bremen: Röver (Band 2, S. 584) betont, Feiden habe sich nicht für ein politisches Mandat interessiert, sei als zusätzlicher Beleg angeführt: "MdR. Die Reichstagsabgeordneten der Weimarer Republik in der Zeit des Nationalsozialismus", hab. von M. Schumacher. Düsseldorf: Droste, 1992. S. 212.

Ferner sei daran erinnert, daß Pastor Blumhardt in Bad Boll zur gleichen Zeit allein wegen entsprechender Kandidatur bereits sein Pfarramt niederlegen mußte!

61  Carl Jatho (1851-1913) vertrat als Kölner Pfarrer eine liberale Theologie monistischer Art, indem er vor allem das religiöse Gefühl ansprach. Da ihm jahrelang mit Disziplinarverfahren nicht beizukommen war, entwickelte der Oberkirchenrat ein eigens auf ihn zugeschnittenes Irrlehregesetz. 1910 wurde er (übrigens nach Predigten in Bremen und Barmen) angeklagt und 1911 des Amtes enthoben (Nigg, 1937, S. 268ff. Jatho ist in jenen Jahren des öfteren im Wuppertal aufgetreten, wo es zwar keine liberalen Pastoren, aber seit 1908 Ortsgruppen der "Freunde der evangelischen Freiheit" gab. In ihrer Gemarker Gemeindechronik gehen Werth & Lauffs (1927) auf diesen Verein ein, in welchem sich u. a. Direktor Dr. Hintzmann und der Barmer Maler Prof. Ludwig Fahrenkrog als Redner betätigten. Die dabei entfaltete große Umsicht und frühzeitig einsetzende, generalstabsmäßig geplante und taktisch geschickte Abwehr-Aktivität möchte man diesen Gemeinden auch Ende der 20er Jahre gewünscht haben.

62 Auch in der Friedensfrage hat der Monistenbund - trotz Anschlusses an die Deutsche Friedensgesellschaft - letztlich nicht zu einer überzeugenden Linie gefunden.

63 Kuczynski, J. (1988): 1903: Ein normales Jahr im imperialistischen Deutschland. Köln: Pahl-Rugenstein.

64 Nigg, W. (1937): Geschichte des religiösen Liberalismus. Zürich: Niehans.

65 Heitmann (1985, S. 42) zur Martini-Gemeinde unter Kalthoff: "Im ganzen deutschen Reich wurde sie zum Gesprächsstoff, als ihr Prediger sich dem dialektischen Materialismus anschloß und den Christus als bloße Erlösungsidee antiker Proletariermassen bezeichnete. Zudem übernahm er den Vorsitz im atheistischen "Monistenbund" und in der von ihm 1903 mitbegründeten Bremer Ortsgruppe der "Deutschen Friedensgesellschaft". Bevor der Senat einschreiten konnte, starb Kalthoff an einem Herzschlag." (wohlgemerkt: 1985); und derselbe zu Kalthoffs späterem Amtsnachfolger G. H. Huntemann, dem erwähnten RGG-Autor. Er "predigt aus reformiert-pietistischer Überzeugung das als unfehlbar verstandene Gotteswort." (S. 43).

66 Heute pflegt man diesen Begriff auf die Neuzeit (seit 1789) zu beschränken; s. z. B. Raschke, J. 67 (1985): Soziale Bewegungen. Histarisch-systematischer Grundriß. Frankfurt: Campus.

67 Abdruck in Ruth Dirx (1988), S. 41-48, leider undatiert.

Zu jener Zeit (1894) war es übrigens der junge Straßburger Theologie-Student Albert Schweitzer, der sich in das Leben-Jesu-Buch von D. F. Strauß vertiefte.

Und was Karl Kautsky betrifft, so legte dieser selbst, der sich mit der Leben-Jesu-Problematik und dem urchristlichen Kommunismus bereits 1888 und 1896 befaßt hatte, 1908 ein 500-Seiten-Werk zum "Ursprung des Christentums" vor, in welchem er Engels heftig widersprach und gegenüber dessen (Ungutes verheißenden) Parallelen die gravierenden Unterschiede zwischen frühchristlichem und modernem Sozialismus hervorhob, Aus Kalthoffs Werken zitierte Kautsky einige längere Passagen, jedoch unkritisch und ohne Kalthoffs sozialgeschichtlichen Argumente zu berücksichtigen. Insofern erscheint A. Schweitzers flüchtige Würdigung Kautskys quasi als eines Kalthoff-Aufgusses etwas befremdlich. Karl Kupisch, der Herausgeber des Kautsky-Reprints (1968) hat sich in seinem sehr ausführlichen Vorwort bzgl. seiner Angaben zu Kalthoff bedauerlicherweise auf Lexikon-Informationen beschränkt und Kalthoffs schmalen Band "Die Entstehung des Christentums" nicht eingesehen.

68 Bezeichnenderweise dankt Kalthoff ihm im Vorwort zu "Religiöse Weltanschauung' (1903) für eine Richtigstellung in einer ganz belanglosen Nebensache.