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Der mythologische Hintergrund
der neutestamentlichen Wunder
G.A. VAN DEN BERGH VAN ESYINGA
Godsdienstwetenschappelijke Studiën XV 1954
Deutsche Übersetzung von Franz-Joris Fabri, 2004
Nicht als
Glaubender, welcher Art auch immer, dem sein Glaube eine
bestimmte Sicht auf das Neue Testament vorschreibt,
untersuche ich das kirchliche Konglomerat heiliger
Schriften; ebensowenig tue ich das als Theologe mit einem
Faible für bestimmte Vorstellungen, die er darin
wiederfinden möchte. Meine Vorgehensweise ist die des
Religionswissenschaftlers, der mit den geweihten Urkunden
des frühesten Christentums nicht anders umgeht als mit
denjenigen anderer Religionen, sie somit historisch-kritisch
zu verstehen sucht, indem er sie für sich selber sprechen
lässt, ohne ihnen seine eigenen Ansichten aufzwingen zu
wollen. Ich weiß sehr wohl, dass „Gläubige“ einen
wissenschaftlichen, vorurteilslosen Standpunkt als unmöglich
betrachten und Methode und Ergebnis neutestamentlicher
Forschung von einer Entscheidung für oder gegen Christus
abhängig machen. Wir kennen solche Töne aus dem Munde derer,
die sich selbst dadurch bloßstellen und ihre
Voreingenommenheit – nicht zugunsten der Wissenschaft! –
deutlich zeigen. Hätten Wissenschaftler wie z. B. Snouck
Hurgronje wissenschaftliche Koran-Exegese abliefern
können, wenn sie keinen Zweifel daran gehabt hätten, dass
die Mohammedaner den Koran richtig interpretieren? Was dem
Forscher überall sonst als Stärke angerechnet wird, wird
heutzutage als unverzeihliche Schwäche bezeichnet,
namentlich von Theologen, die hinter Kuenen und Scholten
zurückgefallen sind. Von gleicher Seite, die den Glauben in
wissenschaftliche Texterklärung hineinschmuggelt, wurde
gesagt: „wir gehen an Isaiah oder Paulus nicht so heran, wie
wir an Homer oder Caesar herangehen”. Daraufhin habe ich die
von der heutigen Theologie als unerlaubt betrachtete Frage
gestellt: „Wieso nicht? Gehen wir denn nicht an alle
alten Texte, die unser Interesse verdienen und
haben, mit Ernsthaftigkeit heran und mit Respekt?
Versuchen wir nicht, unsere Vorliebe oder Abneigung beiseite
beiseite zu stellen und uns liebevoll in sie zu vertiefen
und vor allem die Texte selber sprechen zu lassen?
Selbstverständlich sind die Geisteswissenschaften an den
geistigen Inhalt und an die Formen ihrer Zeit
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gebunden,
sowie an das geistige Auffassungsvermögen des jeweiligen
Forschers und an dessen Reife. Das aber macht den
Unterschied zwischen Wissenschaft und dogmatischer
Gläubigkeit nicht illusorisch; denn Wissenschaft ist durch
die Bereitschaft gekennzeichnet, die eigenen Voraussetzungen
und Annahmen auf den Prüfstand zu stellen und zu revidieren.
Dogmatisch festgelegte oder naiv gläubige Leute nehmen für
sich dem unabhängigen Religionswissenschaftler gegenüber zur
Zeit gerne eine extrem-moderne Betrachtungsweise in Anspruch
und meinen dann, mit Verachtung auf den „rückständigen“
Rationalisten herabschauen zu können, der noch „möglich” und
„unmöglich” zu sagen wagt, wenn er alte Daten im Hinblick
auf ihren historischen Wert einschätzen muss.
Als
Heiler durchwanderte Jesus das Land. Dem – im übrigen
kompetenten– Theologen Dibelius zufolge muss dies
unverkürzt als historische Wirklichkeit anerkannt
werden. Dennoch kann er uns in diesem Zusammenhang
versichern, dass Jesus nicht als Wunderdoktor
aufgetreten ist. (Pfui doch! – bei der gegenwärtigen
Wertschätzung des ärztlichen Standes und der damit
einhergehenden Abkehr von Quacksalberei wäre diese Annahme
für seinen Helden in der Tat kompromittierend!). Es ging
Jesus nicht darum, sagt Dibelius (Jesus, Berlin 1989, S. 73
ff.), so viele Kranke wie möglich gesund zu machen. Wer aus
ihm den Schirmheiligen von Christian Science macht,
verkennt ihn; hätte Jesus Derartiges tun wollen, dann hätte
er wohl mehr Menschen geheilt und hätte seine
Heilertätigkeit nach festem Plan im ganzen Land ausgeübt.
Als ob er die heilende Tätigkeit des Herrn mit allen
Mitteln auf ein Minimum reduzieren möchte, erklärt Dibelius,
dass Jesus nur „beispielhaft“ und gelegentlich, „nicht
planmäßig, nicht in umfassender Organisation“ Menschen
geheilt habe. Aufgrund der Quellen, derselben für Dibelius
und für mich, muss ich gegen seine Erklärung vorbringen,
dass Jesus nicht mehr Menschen hätte heilen können, als er
tatsächlich geheilt hat: buchstäblich nicht ein einziger
Kranker war im ganzen Lande übriggeblieben (Mt. 4: 23 v., 9
:35). Er brauchte übrigens dazu auch nicht als wandernder
Missionar und Arzt systematisch durch das Land zu ziehen:
die Kranken kamen zu ihm und wurden sogar zu ihm getragen
(Mt. 9 : 2 ff.).
Solche
rationalistische liberale Theologen gehen aus
34
vom
Gedanken: die dichterische religiöse Phantasie kann ja
bezüglich des übernatürlichen Gottessohnes niemals die
Behauptung aufgestellt haben, dieser habe irgend etwas
nicht gekonnt. Deshalb muss der Bericht, dass Jesus in
Nazareth keine Wunderdinge vollbringen konnte (Mt. 13 : 58)
einen historischen Charakter haben; er bezeugt, dass Jesus
ein Mensch mit beschränkter Macht war. Ich frage: wird nicht
auch dem Asklepios ein eingeschränktes Vermögen zu heilen
zugeschrieben? Wir lesen nämlich, dass in seinem Tempel alle
Mittel eingesetzt wurden, um bei den Patienten den Glauben
an den Gott zu wecken: je größer ihr Glaube, desto größer
auch die Chance der Genesung. Dadurch aber wird Asklepios
keine historische Person! Er ist und bleibt
ein Gott. Christlicher Auffassung zufolge kann ein Mensch
der Gnade Gottes widerstehen; dadurch wird aus Gott doch
auch kein beschränktes menschliches Wesen.
Was
ist eigentlich ein Wunder? Ursprünglich etwas, worüber
man sich wundert, weil es der Alltagserfahrung nicht
entspricht (miraculum, thaumasion). Das Wunder hat
beim primitiven Menschen nicht die Bedeutung des
Unmöglichen; diese Kategorie spielt erst dann eine
Rolle, wenn man Naturgesetze kennt. Das
Außergewöhnliche sieht der primitive Mensch als eine
besonders klare Offenbarung von Macht. Die
fortschreitende Erkenntnis der Natur bewirkt, dass es
weniger Wunder gibt. Die sogenannte Aufklärung bzw.
Erleuchtung des Verstandes der Neuzeit will von Wundern
nichts wissen. Sie versuchte und versucht immer noch, das
Evangelium von Wundern zu befreien, welche sie dann einer
exaltierten Phantasie zuschreibt oder einer unsinnigen
Erklärungsmethode von im Grunde völlig natürlichen
Vorkommnissen.
Vor einem
Dreivierteljahrhundert stellten die Wunder ein Hindernis
dar, das Evangelium zu akzeptieren; umgekehrt benutzt man
heute die Parapsychologie, um dessen Zuverlässigkeit zu
beweisen. Mit Max Dessoir1 verstehe ich
Parapsychologie als Wissenschaft vom Grenzbereich zwischen
dem normalen Bewusstsein und seinen pathologischen
Zuständen. Früher hatte man die Alternative: entweder alle
geheimnisvollen Vorkommnisse leugnen oder einem
wundersüchtigen Mystizismus huldigen. Die moderne
Psychologie lässt dieses entweder-oder nicht gelten; sie
versucht, die
1
„Vom Jenseits der Seele. Die Geheimwissenschaften in
kritischer Betrachtung“. 2. Aufl, Stuttgart 1918. S. V.
35
Vorkommnisse, wenn sie wissenschaftlich festgestellt wurden,
zu erklären; eine okkultistische Lösung des Problems kann
sie jedoch nicht als „Erklärung“ in Betracht ziehen1.
Es liegt
auf der Hand, dass man wunderähnliche Vorkommnisse, die auch
heute noch erlebt werden, in den Dienst von Erklärungen
ähnlicher Dinge aus der Vergangenheit stellen möchte. Seit
langem schon hatte man von Jesus bewirkte Heilungen – er
soll magnetopathische Kräfte in den Händen gehabt haben
2 – und die Erscheinungen des Auferstandenen mit
Suggestion und Hypnose in Beziehung gesetzt. Hat nicht Renan
die Auferstehung des Herrn mit der Sinnesverwirrung der
besessenen Maria Magdalena erklärt? Dem Nervenkostüm des
Paulus wird es zugeschrieben, dass auch ihm, als letztem
einer langen Reihe von Augenzeugen, der auferstandene Herr
erschienen ist.
Man
verzehrte sich im Eifer, alles rational zu erklären, dieser
Eifer selber aber war in höchstem Maße irrational. Jesu
Wandeln auf dem Meer wurde verglichen mit Levitationen bei
Schlafwandlern; Fernheilung mit Telepathie; dass der
Auferstandene durch geschlossene Türen hindurchging mit
Dematerialisation und Rematerialisation. In all dem sehe ich
die Modernisierung eines alten Rationalismus, der aus dem
Sohn Gottes des Evangeliums einen wegen seiner
außergewöhnlichen psychischen Begabung vergöttlichten
Menschen macht. So versucht man alles für den normalen
Verstand Anstößige, das der alte Rationalismus mit
Zaubertricks verschwinden zu lassen oder zu rechtfertigen
suchte, ohne inneren Widerspruch zu reintegrieren in das
Bild des Lebens vom großen Medium Jesus von Nazareth.
Dies aber
wäre wissenschaftlich gesehen erst dann erlaubt, wenn die
historische Zuverlässigkeit der Wundererzählung gegeben
wäre. Verfügen wir hier aber wirklich über verbürgte
Fakten? Der Verein für parapsychologische Forschung hat
nach eigener Verlautbarung vor einigen Jahren
außergewöhnliche Vorsicht und strenge Kritik beim
Feststellen von Tatsachen gefordert. Die Wissenschaft muss
von empirisch festgestellten Tatsachen ausgehen und diese
dann erklären; sie darf aufgrund parapsychologischer
Erklärungen
1
A.a.O., S. 29. 2 So C. A. Bernouillie
„Jesus, wie sie ihn sahen“.
Basel, 1928, S. 220 ff., 284.
36
heutiger
Tatsachen, derartige Erzählungen aus der Antike nicht als
historisch nachgewiesen ansehen.
Beim
Neuen Testament kommt noch etwas ganz anderes hinzu. Hier
betreten wir das Feld der Kultuslegende und des Mythos. Die
radikale, d.h. die unabhängige, ganz und gar undogmatische
Kritik stellte durch ihren hervorragenden Vertreter J. van
Loon die Frage: „Welchen Charakter hat die
Evangeliengeschichte?“ Zu seiner Zeit, dem Ende des 19.
Jahrhunderts, wurden vergebliche Versuche unternommen, die
Entstehung der Auferstehungserzählungen zu erklären. Er sah
darin eine falsche Fragestellung. „Wir legen a priori fest,
oder besser, wir gehen stillschweigend von der Annahme aus,
es gehe um die Auferstehung eines realen Jesus. Seit das
Problem des realen oder idealen Charakters der
Evangeliengeschichte in den Raum gestellt wurde (nämlich
durch Prof. A. D. Loman, Prof. Allard Pierson u.a.), ist es
nicht mehr erlaubt, von einer solchen unbewiesenen
Behauptung auszugehen. Anders gesagt, das Problem der
Auferstehung kann niemals für sich allein gelöst werden; die
andere Frage, die nach dem Maße an Historizität oder
Idealität der Evangelienerzählung, muss einbezogen werden“
1. Ob Jesus eine historische Person war,
betrachtete J. van Loon als eine falsch gestellte Frage;
beim Namen „Jesus“ denkt man ja immer an einen Menschen .
Sind uns denn eigentlich Berichte über einen solchen Jesus
überliefert worden? Der Jesus der Modernen ist streng
genommen nichts anderes als eine der Hypothesen, mit denen
man den Ursprung der Evangeliengeschichte zu erklären sucht.
Die zunächst zu stellende Frage muss lauten: welcher
Charakter, der reale oder der ideale, muss der
Evangeliengeschichte zuerkannt werden?
Ich kann
mich hier bei dieser Frage nicht länger aufhalten; ich habe
sie mehrmals abgehandelt, u.a. in meinem: Leeft Jesus of
heeft hij alleen maar geleefd? (Arnhem 1930) und in
Het Karakter der Evangeliegeschiedenis (Assen 1939). Ich
weise nur auf die vielen Doketen des frühesten Christentums
hin, die glaubten, Jesus sei nur scheinbar Mensch
gewesen. Frage: Haben sich je Doketen zu Wort gemeldet in
Bezug auf eine reale, historische Person? Hat man z.B. je
behauptet, Mohammed, Fran-
1 „Theol. Tijdschrift“, 1895, blz. 478 v..
37
ziscus
von Assisi oder John Knox hätten nur scheinbar einen
Körper gehabt? Und doch waren auch diese Gegenstand
tiefer Verehrung. Eine zweite Frage: War wohl bei den Juden
als strengen Monotheisten, die Vergöttlichung eines Menschen
denkbar?
Die
Auferstehung Jesu wird besser beleuchtet durch die
Auferstehungen von Tammuz, Adonis, Attis, Osiris als durch
die rationalistische Visionenhypothese oder durch die
Annahme, die Phantasie exaltierter Frauen habe dabei eine
Rolle gespielt. In der Tat gehört das frühe Christentum zu
den Mysterienreligionen, den eigenartigen Kulten, die um
den Beginn unserer Zeitrechnung im Römischen Reich
verbreitet wurden. Sie forderten von ihren Adepten nicht nur
bestimmte religiöse Handlungen, sondern auch die rechte
Gesinnung und persönliche Hingabe. Da sie sich nicht an den
Bürger eines bestimmten Staates richteten, sondern an den
Einzelnen, brachten sie eine neue internationale
Bruderschaft hervor: alle Menschen sind Kinder Gottes und
ihm gleich lieb. Diese Mysteriengötter sind nicht die
unsterblichen Olympier. Es sind chthonische, unterirdische
Götter, Vegetationsgötter der jedes Jahr absterbenden und
wiederauflebenden Natur. Sie werden als Mensch gewordene
Götter dargestellt. Ihre Mythen und Feste hängen zusammen
mit Leben, Leiden, Sterben und Auferstehung eines jungen
Gottes. In einem kultischen Drama wird alles, was dem Gott
widerfuhr, bildlich dargestellt. Trotz seines Todes geht er
nicht zugrunde, denn er verfügt über Kräfte des Lebens, die
auch der Mensch braucht, um Seligkeit in der Nachwelt zu
erwerben. Diese Götterkulte gaben dem ermüdeten und
leidenden Menschen eine Vorahnung seiner eigenen Erlösung
aus der Knebelung durch das Schicksal. Denn durch die
mystische Vereinigung mit dem Gott wird dessen
Geschichte im Gläubigen wiederholt. Der immer und überall
von Dämonen verfolgte Mensch bekommt durch Sakramente Anteil
an dem Gott und Heiland, der ihn erlöst. Diese Kulte haben
auch zu einer spiritualistisch-mystischen Frömmigkeit
geführt, welche alle diese Kulthandlungen als Symbole von
Ereignissen im Inneren erklärte, vom Mystiker in Meditation
und Ekstase erlebt. Viele Gebildete fanden darin
Befriedigung, während das Magische und die realistische
Darstellungsweise dieser Kulte die große Menge anzog.
Besonders
der Kult des Dionysos, die Verehrung des Weingottes,
38
fordert
hierbei unsere Aufmerksamkeit. Als Orphik war er von einer
ekstatischen, wilden Form der Gottesverehrung abgemildert
und zivilisiert worden zu einem so erhabenen Glauben, dass
Miss Harrison sich fragt, ob er je übertroffen wurde. Diels
hat erkannt, dass die Orphik in den wesentlichen Aspekten
der Religion des Kreuzes so ähnlich ist wie keine andere
Religion. Julius Grill 1 hat das
Johannesevangelium durchgehend in Relation zum Dionysoskult
betrachtet. Nicht ganz so weit, jedoch ein gutes Stück in
die gleiche Richtung, geht Johannes Leipoldt 2,
der ganz klar sagt, dass der Dionysoskult durch seine große
Übereinstimmung mit dem Christentum über eine längere Zeit
mehr als jeder andere Kult der Rivale des Christentums
geblieben ist.
Gleich
die Erzählung von Christi Geburt stimmt in vielem mit der
des Dionysos überein. Semele wird schwanger durch den
Himmel-Vater Zeus und kommt dadurch in einen
enthusiastischen Zustand; sie bringt das göttliche Kind zur
Welt, das selber Prophet ist und den göttlichen Geist
verleiht. In Lk. 1: 39 wird Marias Enthusiasmus während der
Schwangerschaft erwähnt: sie spricht prophetische Worte und
Elisabeth wird dadurch voll des Heiligen Geistes, ja, unter
Einfluss der pneumatischen Aura, die von der schwangeren
Maria ausgeht, springt das Kind in Elisabeths Schoß sogar
auf .
In meinem
Matthäuskommentar habe ich geschrieben (S. 8 f.), dass
Matthäus und Lukas die sich widersprechenden Vorstellungen
von Jesu davidischer Abstammung und von seiner Zeugung durch
den Heiligen Geist verbunden haben und dass wir uns darüber
nicht mehr zu
wundern brauchen als über die Tatsache, dass die Gläubigen
über Jahrhunderte hinweg diesen Widerspruch anstandslos
hingenommen haben. Obwohl sie den Genealogien keinen
historischen Wert beimaßen, wollten manche Gelehrte daraus
trotzdem Honig saugen für einen rein menschlichen Jesus.
Aber bereits die Worte Mt. 1 : 16: „Josef, der Mann der
Maria, von welcher Jesus geboren wurde“ schließen den
Gedanken einer Verwandtschaft dem Fleische nach zwischen
Josef und Jesus aus; die Befruchtung der Magd Maria geschah
offensichtlich „ohne Zutun eines Mannes”. Während überall
sonst in diesem Geschlechtsregister gesagt wird: „er
zeugte“, heißt es bei Jesus
1
„Untersuchungen über die Entstehung des 4. Evangelium“.
1902, 1923.
2
„Dionysos“. (Beiheft von Angelos, nr. 37). Leipzig 1931.
39
nur:
„geboren aus Maria“. Sie ist dann auch schon schwanger,
bevor sie mit Josef Gemeinschaft gehabt hat, und zwar vom
Heiligen Geist (1: 18). Die davidische Abstammung, ein Dogma
das hier der übernatürlichen Herkunft widerspricht, kann
also keine Historizität beanspruchen. Noch schärfer kommt
dieser Widerspruch zwischen davidischer Abstammung und
Geburt aus dem Heiligen Geist heraus, wo es Lk. 3 : 23
heißt: „Jesus war ein Sohn, wie man meint, des
Josef.“ Beiden Evangelisten zufolge stammte Josef von David
ab, Mt. 1:20; Lk. 2:4. Es gab ein Dogma vom Christus als
Sohn Davids. In dem Maße, in dem der Mythos des Gottessohnes
zur Geschichte eines göttlichen Menschen umgeformt wurde,
musste dieses ideale, prophetische Bild vom Zweig aus Jesses
altem Stamm zu einem genealogischen Datum werden. Bultmann
meint, in der Vorgeschichte bei Matthäus sei die Gestalt
Jesu „ins Göttliche gesteigert“ worden. Das scheint mir
unrichtig. Die ältere Vorstellung (bei Marcion, Markus,
Johannes) eines als erwachsenem Menschen aus dem Himmel
herabgestiegenen Gottessohnes wurde in Rom historisiert. Das
machte eine irdische Geburt als Kind überflüssig. Es ist
doch eigentlich das wenigste, was von einem realen
menschlichen Wesen erwartet werden kann, dass es geboren
wurde. Die Geburt ist mit Zügen gekennzeichnet, wie sie auch
in den Geschichten sogenannter göttlicher Menschen aus dem
Altertum vorkommen. Eine „Steigerung ins Göttliche“ bedeutet
das keineswegs; vielmehr eine Vermenschlichung innerhalb der
Grenzen des für ein göttliches Wesen Passenden.
Ein
solches Wesen bekämpft in den Evangelien die bösen Dämonen,
welche Krankheiten verursachen (Mt. 8 : 14 f., 23 ff.; 9 :
33; 17 : 18 und an vielen anderen Stellen). Auch Winde und
Meer werden als Dämonen gedacht, die Jesus gehorchen (8 :
27); dies beweist dann den Bootsinsassen, dass er ein Gott
ist. In der Erzählung der Besessenen zu Gadara (8 :28 ff.)
ist vom Glauben als Vorbedingung für die Heilung nicht die
Rede; ohne dass sie darum bitten, werden sie geheilt und das
eigentliche Thema der Szene ist der Kampf Christi gegen die
Dämonen. Wo die Menge ein Gefühl der Furcht überkommt beim
Sehen solcher Heilungen, ist dies die Furcht vor dem
Numinosen, dem Göttlichen (9 : 8; 8 : 34), das in Jesus
aufscheint: wer den Gott sieht, dessen Leben ist in Gefahr.
40

Es ist
nicht so, dass es eine historische Person gegeben hat, die
mittels bestimmter psychischer
Kräfte Heilungen bewirkte, deren Zahl und Art dann
vielleicht durch die dichterische Phantasie einer späteren
Generation flattiert dargestellt wurden; - nein, wir haben
es hier zu tun mit dem kirchlichen Bild des menschgewordenen
Gottessohnes, der, um tatsächlich die Erfüllung der
messianischen Prophezeiung sein zu können, auch die vom A.
T. zwingend vorgeschriebenen Wunder zu bewirken hat (11: 2
ff.). Wie eine rationalistische Texterklärung aussieht, läßt
sich prächtig an der Geschichte des Wunders von Kana
verdeutlichen. Zu der Mitteilung (2 : 1-2), dass die Mutter
Jesu anwesend war, Jesus selber aber auch eingeladen war,
lesen wir in einem ein halbes Jahrhundert alten Kommentar,
was man als „Roman einer nüchternen Rationalität“ bezeichnen
könnte: „Nicht ausgeschlossen, dass Maria, die Mutter Jesu,
in Kana wohnte, denn sie macht den Eindruck einer Bekannten
des Brautpaares“. Ich glaube, man könnte sich Hunderte
solcher Möglichkeiten ausdenken, und wenn der
Schrifterklärer dann weitermacht mit den Worten: „Josef wird
nicht erwähnt und war wahrscheinlich schon gestorben“, neige
ich dazu, die Situation ironisch noch ein wenig akzeptabler
zu machen durch folgende Mutmaßung: Nach dem Tode Josefs
dürfte Maria in schwierigen finanziellen Verhältnissen
gelebt haben; sie musste ihren Haushalt in Nazareth aufgeben
und suchte eine Stellung, um ihre Lebensunterhalt bestreiten
zu können. Glücklicherweise fand sie eine in Kana bei einer
wohlhabenden Familie, deren Tochter jetzt heiratete. Somit
gibt es eine wunderschöne Erklärung für Marias Wort: „Sie
haben keinen Wein“. Das gehörte ja zu ihrem
Tätigkeitsbereicht als Haushälterin!
Aber wir
wollen lieber eine wissenschaftlichere Exegese anwenden.
Jesus sagt zu seiner Mutter: „Was habe ich mit Dir zu
schaffen, Frau?“ Das klingt unpassend, ja anstößig. Schon
die Frageform ist provozierend; das Verhältnis von Mutter
und Sohn wird hier geleugnet, was dann noch verschärft wird
durch die dezidierte Abweisung von Marias Bitte, Wein
herbeizuschaffen. Der Christus des vierten Evangeliums hat
keine Mutter; er kommt geradewegs aus dem Himmel, wie bei
Markus und bei Marcion. Dies schon zeigt den symbolischen
Charakter der Erzählung; die Mutter Jesu repräsentiert hier
die Gemeinde
41
Israels;
sie ist die Personifikation des Alten Bundes. Die Diener in
vs. 5, diakonoi genannt, sind Diener des Evangeliums,
welche die Abendmahlzusammenkünfte organisieren und
präsidieren. Denn gemeint ist in dieser Erzählung das
Abendmahl als christliches Sakrament. „Meine Stunde ist noch
nicht gekommen“, d.h. die Stunde von Jesu Leiden und
Verherrlichung. Joh. 19 : 34 fließt aus der ihm am Kreuz mit
dem Speer zugefügten Wunde Blut und Wasser, der Wein des
Abendmahles und das Wasser der Taufe. Welches Kopfzerbrechen
haben die sechs steinernen Wassergefäße mit je 2 bis 3
Metreten Inhalt (500 bis 700 Liter) den gläubigen Exegeten
verursacht! Denn, wenn dann diese Wassermasse in Wein
verwandelt wird, wird der Herr Jesus unmittelbar zum
Verursacher eines gewaltigen Bacchanals. Der gute Luthard
sieht es anders: es war nicht alles für das Hochzeitsfest
gedacht, sondern zum Teil als Jesu Hochzeitsgeschenk für den
Weinkeller des jungen Paares. Luthard mag keine Saufgelage,
schätzt aber den mäßigen Genuss. Eine weitere Gruppe von
Erklärern versuchte, das unglaublich große Quantum durch
eine wohlgefällige Art der Berechnung zu verringern: nicht
das ganze Wasser, sondern nur ein kleiner Teil davon an der
Oberfläche wurde wohl in Wein verwandelt. Weniger erstaunt
sind anscheinend die Exegeten über Gefäße von solch riesigen
Dimensionen in einer Privatwohnung; denn, wenn auch
hinzugefügt wird, dass diese „nach der Reinigungssitte der
Juden“ da waren, so brauchte es für Hände und Geschirr wohl
doch keine 5 bis 7 Hektoliter Wassers. Die riesigen Fässer
erwartet man eher in einem antiken Tempel des Weingottes
Dionysos. Und so kommen wir fast automatisch zum
mythologischen Stoff, dem der Evangelist seine symbolische
Erzählung entnommen hat.
Am 5.
Januar wurde in Elis in Griechenland ein Dionysosfest
gefeiert; am Vorabend also des 6. Januar, des Tages der
Epiphanie, der Erscheinung des Gottes. Wir wissen, dass
dieser 6. Januar, heute als Dreikönigsfest gefeiert, in den
ersten Jahrhunderten als Geburtstag Christi galt, welcher
erst im 4. Jahrhundert auf den 25. Dezember verlegt wurde.
In einer Kapelle außerhalb von Elis wurden dann 3 leere
Gefäße aufgestellt; die Tür wurde versiegelt. Am nächsten
Morgen waren sie mit Wein gefüllt. So ähnlich auch auf der
Insel Andros: das Quellwasser des Dionysostempels hatte
jedes Jahr vom 5. Januar an sieben Tage lang Weingeschmack.
In vielen Mythen wird Dionysos von seiner Mutter Semele
begleitet.
Schon
42
Justin
der Märtyrer (± 150) hat die Parallele Dionysos-Christus
gesehen (Apol. I 54 und Dial. c. Tr. Jud. 69), wenn er sie
auch in seiner speziellen kirchlichen Manier interpretiert
hat. Er sieht nämlich die heidnischen Mythen als das Werk
von Dämonen, welche die Prophezeiungen des Alten Testamentes
nachgeäfft haben, um auf diese Weise schon im voraus das
Fundament des christlichen Glaubens, der erst viele
Jahrhunderte später kommen würde, zum Wanken zu bringen; sie
wollten den Eindruck erwecken, auch Christus wäre nur eine
Art Sohn des Zeus!
Dem
Weingott Dionysos zu Ehren feierten die Griechen das Fest
der Anthesteria, das Fest der Blütezeit. Am ersten Tage
begann das Fest mit der feierlichen Öffnung des Gefäßes, der
Ankunft des ersten neuen Weines. Am zweiten Tag war der Gott
selber anwesend, um seine Hochzeit zu feiern, den
Dionysou gamos: ein Fruchtbarkeitsritus aus alter Zeit;
der Gott verbindet sich mit der Mutter Erde. Merkwürdig,
dass die frühe Kirche an ihrem Epiphaniafest Christi, am 6.
Januar, ausgerechnet das Weinwunder als Beweis der
Erscheinung des Gottes Jesus betrachtete. Der
fleischgewordene Logos schenkt den Wein, die Religion des
Geistes; dieser Wein ist aber auch sein Opferblut, das alle
Sünden abwäscht, ganz anders als das Reinigungswasser des
Judentums; sein Tod und seine Auferstehung bewirken
Neuerschaffung und Wiedergeburt.
Der Autor
nennt (vs. 11) das Kanawunder ein Zeichen (sèmeion).
Damit meint er wunderbare Geschehen oder Handlungen, die den
übernatürlichen Charakter des Bewirkers beweisen; das
Wichtigste am Zeichen ist jedoch, dass es eine höhere
Wahrheit verkörpert, dass es etwas Transparentes ist, durch
das die höhere Wahrheit hindurchstrahlt. Saint-Yves schrieb
zurecht in seinen Essais de Folklore Biblique von
1923: „Vom Dionysoskult an bis zum Christlichen Kultus hat
das Wasser niemals aufgehört, sich am 6. Januar eines jeden
Jahres in Wein zu verwandeln. Und der vierte Evangelist, der
in diesem Wunder die Möglichkeit erkannte, eine von ihm
geliebte Idee zu illustrieren, zögerte nicht, es auf Jesus
zu übertragen und vielleicht gleichzeitig dadurch eine
Praxis zu christianisieren, die man nur sehr schwer hätte
ausrotten können (p. 221).“ Diese Christuslegende steht
somit auf dem Boden agrarischer Riten, analog zu denen, die
über Dionysos und sonstige Mysteriengötter erzählt
43
werden.
Die Kunst des Mittelalters zeigt in den Darstellungen der
Hochzeit zu Kana wenig vom Brautpaar. Die Gestalt des Jesus
steht so sehr im Mittelpunkt des Festes, dass man ihn als
den Bräutigam sehen könnte. Der Gast tritt eigentlich als
Gastgeber auf, und der Evangelist hat dazu allen Anlass
gegeben; 2 : 9 spricht er über Jesus als über den Bräutigam
1. Es gibt zu viele übereinstimmende
Details zwischen diesem Jesus und Dionysos, um an Zufall zu
glauben. Heißt Jesus nicht der wahre Weinstock? Der Wunder
wirkende Hochzeitsgast ist selber Bräutigam und wir denken
an das Fest der Hochzeit des Dionysos, an die Mutter,
Begleiterin beider Götter, an die gewaltigen Tempelgefäße,
unwahrscheinlich in einer bürgerlichen Wohnung. Drei
Jahre dauert Jesu Wirken als Pendant zu den drei Monaten
von Dionysos’ Epiphanie; dass Jesus drei Tage lang in den
Hades entschwindet, findet seine Entsprechung darin, dass
Dionysos alle drei Monate in den Hades entschwindet. Das
Merkwürdigste bei alledem ist wohl, dass der ursprünglich
ekstatische Wahnsinn des Weingottes Dionysos sich im
jüngeren, ethisch gewachsenen Orphischen Dionysoskult mit
tiefer Weisheit gepaart hat: der Gläubige vertiefte sich in
den Tod des Dionysos. Nicht weniger als sechs Mal gibt es in
den Evangelien die Erzählung einer wunderbaren Speisung, mit
so manchen Varianten, doch stets an das Abendmahl erinnernd.
Bei Johannes, der keinen Gründungsbericht vom Abendmahl hat,
ersetzt sie diesen, und sie hat sogar die Funktion einer
Einleitung zu einer Abendmahlslehre. Ich gehe aus von Mt.
14: 13-21. „Als es aber Abend geworden war“ (14: 15) lässt
bereits an „Abendmahl“ denken. In den Worten von vs. 19 :
„und er nahm die Brote, brach sie und gab sie ihnen“, Worte,
die in den Brotbrechungsgeschichten wiederholt vorkommen,
sehe ich eine liturgische Formel, wobei jedes einzelne Wort
seine Bedeutung hat. Als Jesus bei der Einsetzung des
Abendmahls den Jüngern das Brot reicht, sagt er: „Nehmt,
esset! dies ist mein Leib“. In seiner Menschwerdung nahm
Jesus einen Leib an, den er durch das pneuma, den
göttlichen Geist, weihte; er brach ihn in seinem Sterben;
den zerbrochenen Leib teilte er mit den Seinen. Das erinnert
uns treffend
1
Vgl. die wichtige Studie von Hans Schmidt, „Die
Erzahlung von der Hochzeit zu Kana. Eine
religionsgeschichtliche Studie“. Berlin 1931.
44
an
Dionysos, von den Titanen zerrissen und verschlungen. Im
Orphischen Mysterienkult wird dies nachgeahmt durch das
Zerreißen und Verspeisen des Opfertieres, das den Gott
selber darstellte. Man aß den Gott-Stier, um selber Gott zu
werden. So aßen die Bacchanten Efeu, in dem die Gottheit
wohnte. Der Herr der Christen ist im Brot des Abendmahls wie
Dionysos im Stier. Das Brechen seines Leibes bewirkt das
Werden des neuen Leibes, der Gemeinde. Im Brechen des Brotes
wird der Herr den Seinen offenbar als der zwar Gestorbene,
der jedoch lebt als der Auferstandene und Erhöhte, der den
irdischen Leib annimmt und ablegt, wie es ihm gefällt.
Wie die
Mysterien ihre Kultlegende hatten, welche die Zeremonien des
Gottesdienstes verständlich machen musste – Dionysos, Attis,
Osiris hatten einst dasselbe getan, was ihre Verehrer
seitdem wiederholten – so ist es auch im Christentum, wo ja
der Herr die christliche Taufe vom Noch-nicht-Christen
Johannes dem Täufer empfängt und das Abendmahl selber
mitfeiert l.
Selbstverständlich hat sich der Rationalismus auch für die
wunderbare Speisung eine natürliche Erklärung ausgedacht: es
soll ein „beschleunigter Naturprozess“ gewesen sein. D. F.
Strauss2 schrieb zurecht, dass die Erzählung dann
ganz anders hätte lauten müssen: in der Hand Jesu hätte dann
ein Körnchen hundertfaltige Frucht tragen und reif geworden
sein müssen. In der Wundergeschichte ist nicht die Rede von
einem reinen, lebendigen Naturprodukt, sondern von einem
toten und durch menschliche Bearbeitung veränderten Prozess,
an dem Müller und Bäcker beteiligt waren.
Es ist
kein Zufall, dass bei Mt. und Mk. auf die Speisung der
Fünftausend sofort Jesu Wandeln auf dem Meer folgt. In den
Sprüchen des Jesus Sirach (24 : 5) wandelt die Weisheit auf
den Meereswellen. Es ist der göttliche Herr über den Tod,
denn das Meer wird als Abgrund und Tod gedacht. Diejenigen,
die in der Offenbarung des Johannes (15: 2) auf dem
kristallinen Meer stehen, haben den Tod besiegt. In einer
Rede von Kaiser Julian Apostata (gegen den Kyniker Heraklios
Or. VII 219 D) heißt es: „Herakles wandelte auf dem Meer,
als wäre es fester Boden. Was war denn überhaupt dem
Herakles unmöglich?
1
Vgl.
„G. S.“ VII, S. 3 ff.. 2 „Leben Jesu“, 2.
Aufl. Bd. II, Tüb. 1837, S. 207 ff..
45
Was hätte
sich seinem göttlichen und reinem Leib widersetzen können?
Die sogenannten Elemente mussten der schöpferischen und
vollkommenen Kraft seines unbefleckten und reinen Geistes
dienen. Denn der mächtige Zeus hatte ihn mit Athene Pronoia
zum Heiland der Welt erschaffen“.
Die
Erzählung von Jesu Wandeln auf dem Meer dürfte, wie die von
der Verherrlichung auf dem Berge, ursprünglich zu denen über
die Erscheinungen des Auferstandenen gehört haben.
So komme
ich von selbst zur Auferstehung. Im vierten Evangelium gibt
es dafür eine Art Vorschau in der Erweckung des Lazarus (Joh.
11). Giotto hat in der Unterkirche von St. Franciscus in
Assisi, in der sogenannten Magdalenakapelle, die
Auferweckung des Lazarus und die vor dem auferstandenen
Christus kniende Maria einander gegenüber platziert.

Auf
diesem Gemälde sieht man an der Seite noch das geöffnete
Grab Christi. Das Lazaruswunder ist die allerhöchste
Offenbarung der göttlichen Macht Christi und gleichzeitig
Prototyp von dessen eigener Auferstehung. Der schwierigste
Vers ist 33. Als Jesus die Schwester des Toten und ihre
Umgebung weinen sah, beschimpfte er den Geist und erregte
sich. Ich glaube seinerzeit aufgezeigt zu haben 1,
dass mit Geist hier das in Jesus selbst vorhandene
pneuma gemeint ist; dieses muss, um das
anstehende gewaltige Wunderwerk zu vollbringen, aktiviert
und mobilisiert werden; mit diesem Vers wird die für das
Wunder erforderliche Konzentration beschrieben. So wird die
erforderliche Pneuma-Anspannung erreicht. Sein eigenes
Weinen ist anders als das der Trauernden, es gehört zum
Procedere der Totenerweckungstätigkeit. In der Magie hat
alles, was den Körper verlässt, seine Bedeutung. Nach dem
noch einmal wiederholten embrimaasthai, dem
„Schnauben“, „Brüllen“ oder „drohend, mit Nachdruck,
Befehlen“ (vs. 38), sagt Jesus zum Vater: „ich danke Dir,
dass Du mich erhört hast“. Offenbar ist das große Wunder
bereits geschehen und Lazarus zum Leben zurückgekehrt,
obwohl er noch in der Höhle liegt. Jesus fühlt, dass eine
Kraft von ihm ausgegangen ist, so wie er fühlte, dass die
Frau mit dem Blutfluss den Saum seines Kleides berührt hatte
(Mt. 9 : 20 ff.); der Pneumaverlust wird ihm augenblicklich
bewusst. Das erklärt auch das „Berühre mich nicht!“ (Joh. 20
: 17).
1
In „N.T.T.“ 1926, S. 221 ff.; auch in „Premiers Ecrits du
christianisme“, Paris-Amsterdam, S. 129 ff..
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Der
Auferstandene warnt Maria, sie soll ihn nicht berühren,
denn, so sagt er, „ich bin noch nicht aufgefahren zum
Vater“. Der Christus, der sich durch sein Pneuma
Grab, Tod und Hölle entzogen hat, trägt dieses Pneuma
noch im Höchstmaß bei sich; seine Himmelfahrt steht bevor,
die eine gewaltige Aufladung mit pneumatischer Kraft
erfordert. Der Geist ist jetzt in einer solch hohen
Konzentration in ihm, dass eine Berührung tödlich wäre;
Pneumaverlust könnte seine Himmelfahrt unmöglich machen. Er
will sich ja nicht egoistisch beim Vater seiner göttlichen
Natur erfreuen; es ist zum Nutzen der Seinigen, dass er
weggeht: nur so kann der Geist über sie kommen, der im
Moment noch nur in ihm wie eine Energie von allerhöchster
Spannung wirkt, von dem sie aber später am Pfingstfest einen
Anteil empfangen werden. Aus dem gleichen Grund will er an
dem Ort vorbeigehen, an dem die Emmausjünger einkehren; sie
müssen darauf drängen, dass er bleibe. Als ihnen dann beim
Brechen des Brotes, dem hochheiligen Sakrament, die Augen
geöffnet werden, so dass sie den Auferstandenen erkennen,
macht dieser sich unsichtbar, wieder durch seine wunderbare
pneumatische Kraft. Und wandelnd auf dem Meer wie auf
Festland will er an den Jüngern vorbeigehen, weil er sonst
einen Verlust an Pneuma riskieren würde. Marcion las in Gal.
1:1, dass Christus sich selbst auferweckt habe: der
pneumatische, himmlische Christus erweckt nach drei Tagen
sowohl den verstorbenen Lazarus als auch den verstorbenen
Christus.
Meine
inzwischen verstorbenen Utrechter Amtsbrüder Obbink Sr. und
Brouwer haben seinerzeit drucken lassen, dass
Totenerweckungen auch heute noch vorkommen. Sie beriefen
sich dabei auf die heutige medizinische Wissenschaft.
Daraufhin habe ich bei mehreren Mitgliedern der
medizinischen Fakultät in Utrecht nachgefragt: Sie kannten
keine solchen Fälle und sie zuckten mit den Schultern
angesichts einer solchen theologischen Wissenschaft.
Gerade
die Auferstehung war oft Anlass zu rationalistischen
Erklärungen. Ich denke an Kirsop Lake: die Frauen des
Osterberichtes kommen zum Grab des Herren, um dem Toten ihre
Pietät zu erweisen. Sie sind sich nicht ganz sicher über den
Ort, an den man den Herrn gebettet hat. Zum Glück erscheint
ein Friedhofsangestellter, in einen langen weißen Mantel
gekleidet, der ihnen zuruft: „Er ist nicht hier“. Er wollte
sagen: „Ihr müsst
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weitergehen; Ich werde euch die Stelle schon zeigen“. Die
Frauen jedoch, extrem exaltiert durch die bitteren
Erfahrungen der vergangenen Woche, geben dem Manne nicht
einmal die Gelegenheit, dies zu sagen. Wegen der Erscheinung
des vermeintlichen Engels von panischer Angst ergriffen
eilen sie in die Stadt. Dort begegnen sie den Aposteln, die
inzwischen in Visionen erfahren haben, dass der Herr nicht
im Tode verblieben sei, sondern wahrhaft auferstanden: die
Osterbotschaft. Als die Frauen das hören, sagen sie: auf dem
Friedhof hat ein Engel uns das schon zugerufen: „Er ist
nicht hier“, und gewiss wohlmeinend, aber dennoch aus der
Luft gegriffen, legen sie dem Friedhofsangestellten auch
noch die christliche Osterbotschaft in den Mund: „der Herr
ist wahrhaft auferstanden!“
Zwar
dürfen wir den Fall kurz belächeln; hat dennoch eine solch
unwissenschaftliche Bibelerklärung – Folge fehlender
Kongenialität mit der Bibelerzählung und Produkt einer gar
zu nüchternen, platten Phantasie – hat sie nicht auch ihre
traurige Seite?
Die
Evangelien kennen nur einen Gottmenschen Jesus; der
Mensch Jesus, nur Mensch, ist durch den Rationalismus
des 18. und 19. Jahrhunderts willkürlich-unwissenschaftlich
aus den Evangelien konstruiert worden. Die Entstehung des
Christentums lässt sich niemals erklären aus Leben und
Wirken des Jesus der liberalen Theologie. Die Vergöttlichung
eines Menschen, in dessen Gesellschaft man gegessen und
getrunken hat und den man auf elende Weise hat sterben
lassen, ist ein größeres Wunder als alle Wunderberichte
zusammengenommen. Gegenstand der Evangelienerzählung ist der
Christus, der im Himmel zuhause ist, an den die Christen
glauben, und nicht der sterbliche Jesus,
den man ohne Grund in den Himmel erhebt und dessen
himmlische Herkunft man gleichzeitig leugnet. Der Kern des
Christentums steckt in der Idee vom Gottmenschen-Heiland,
dem christlichen Mysteriengott. Die Betonung seiner
Menschheit durch die Evangelien haben ihm wohl einen
bedeutenden Vorsprung verschafft vor den andern
Heilandsgestalten des Hellenismus. Historisch festgemacht
bot das Christentum eine Stütze und einen Mittelpunkt für
die religiöse Phantasie der Menge, eine anschauliche
Gestalt, die Glauben hervorrufen konnte. Das
Christusmysterium wird der Menge in Form eines Gleichnisses
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erzählt.
Aber schließlich ist die Menschheit Christi nicht weniger
ein Glaubenssatz als seine Gottheit einer ist.
Dem
Christen von heute sind Wunder nicht das Wichtigste am
Evangelium. Mit Wundern bleibt man immer noch dem Sinnlichen
verhaftet; sie bestätigen keine geistigen Werte. Das
eigentliche Wunder ist der Geist.
Eine
gewisse Anti-Wunder-Stimmung kann man auch im N. T. finden
(Mt. 12: 38-42, vgl. 16 : 1-4). Schriftgelehrte, Pharisäer,
Sadduzäer fordern von Jesus ein Zeichen, er weigert sich
aber eines zu geben. Die Wahrheit des Christentums liegt in
der Tat auf höherem Niveau!
Wenn die
Wunder Sicherheit geben sollen, müssen sie erst selber
gesichert sein. Was durch Wunder bekräftigt werden soll, ist
die Idee, aber die bedarf keines Wunders. Der wahre Glaube
ist geistiger Art. Wunder sind da für die Außenstehenden, um
Juden und Heiden zu unterrichten, sagt Hegel, hat sich aber
einmal eine christliche Gemeinde gebildet, dann braucht sie
keine Wunder, denn sie hat den Geist in sich, der in alle
Wahrheit einführt. Es ist ein Verdienst der Aufklärung, dass
sie den Wunderglauben überwunden hat. Man darf vom Menschen
nicht verlangen, dass er an Dinge glaubt, an die er auf
einer bestimmten Stufe der Entwicklung nicht mehr glauben
kann; das wäre ein Glaube mit einen endlichen Inhalt.
Ob bei der Hochzeit zu Kana die Gäste mehr oder weniger Wein
bekamen, ist vollkommen gleichgültig, und genau so
nebensächlich ist, ob die verdörrte Hand einer bestimmten
Person geheilt wurde, denn es laufen Millionen von Menschen
umher mit verdörrten und missgebildeten Gliedmaßen, die von
niemanden geheilt werden. Das Nicht-Geistige kann nicht
Inhalt des Glaubens sein l.
Der
magische Idealismus als Geheimwissenschaft des Altertums
hatte merkwürdige Denkformen. Er lehrte, dass im Kosmos
alles mit allem zusammenhängt; dass Ähnliches mit Ähnlichem
in Beziehung steht; dass Gleichheit nach der Zahl ein
Nachweis von Wesensverwandtschaft ist; er übertrieb den
Gebrauch von Analogieargumenten; Namen und Zahlen hielt er
für das Wesen der Dinge und Intuition war die wertvollste
Art von Gewissheit. Dieser magischen Weltanschauung ist
1
Siehe Hegels „Philosophie der Religion“, ed.
Bolland,
S. 184 f., 680.
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die
Menschheit allmählich entwachsen. Die vernünftigen Züge an
ihr wurden in die idealistische Philosophie integriert,
jedoch nicht ohne vielfache Erhellung und Durchdringung. Der
von mir bereits erwähnte Max Dessoir schreibt im letzten
Teil seines Buches fesselnd über diese Dinge. Er bedauert,
dass viele unserer Zeitgenossen sich gegen Klarheit
sträuben, dass sie ihre Liebe einem primitiven Weltbild
schenken, weil sie es als etwas Grundlegendes und
Entscheidendes erfahren. Ihr
Empfinden, sie seien auf die eine oder andere Weise mit
primären Vorstellungen der Menschheit verbunden, verwandelt
sich in die Überzeugung, dass sie damit über ehrwürdige alte
Wahrheiten verfügen; sie stellen nur sehr geringe Ansprüche
und freuen sich deshalb über infantile und missgebildete
Formen des Idealismus; bei ihrem Desinteresse für geistige
Anstrengung kommen ihnen Lehren gut zupass, die keine eigene
Denkarbeit erfordern und den Glauben um so mehr entfachen,
je törichter sie sind; einige dieser Glaubenssätze kann man
wirklich nicht als Rückfall in die Vergangenheit
bezeichnen, sondern vielmehr als ein solcher in die
Dummheit1. Vorläufig meine ich, man
sollte die Weisheit vorziehen.
1
Dessoir, A.a.O..
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