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Paulus ist keine Erfindung

Nach Jesus Christus wird nun auch der bekannteste Apostel ins Zwielicht gebracht

Ein Kommentar von Rainer Riesner

Idea - Kirche & Medien

 


Jesus sagt im Matthäus-Evangelium über sich selbst: „Es ist für den Jünger genug, daß er ist wie sein Meister und der Knecht wie sein Herr. Haben sie den Hausherrn Beelzebul genannt, wieviel mehr werden sie seine Hausgenossen so nennen!“ (Matthäus 10,25). Nachdem einige Skandal-Bestseller in den letzten Jahren Jesus Christus ins Zwielicht zu bringen versuchten, ist jetzt der Apostel Paulus dran. Die Story war dem Nachrichtenmagazin „Focus“ (5/95) drei Seiten wert. Das ist schon fast die Obergrenze, die „Focus“ überhaupt einem Thema widmet. Es geht um das eben erschienene Buch „Der gefälschte Paulus“ des Berliner Theologen Hermann Detering (Patmos Verlag Düsseldorf, 248 Seiten, 32,80 DM). Der Untertitel lautet „Das Urchristcntum im Zwielicht“. Zwielicht wird denn auch in reichem Maß verbreitet.

Wie aus einem Magier ein Apostel gemacht wurde

In der seriösen neutestamentlichen Wissenschaft sind mindestens sieben Paulus-Briefe als echt anerkannt (Römer, 1.  und 2. Korinther, Galater, Philipper, 1. Thessalonicher, Philemon), die sechs übrigen unter seinem Namen dagegen mehr oder weniger umstritten. Detering hält nun auch diese sieben Schreiben für unecht, also nicht von Paulus verfaßt. Dafür beruft er sich auf reichlich abgestandene Argumente einiger englischer und holländischer Radikakritiker aus dem letzten Jahrhundert.

Verhältnismäßig neu ist Deterings Behauptung, Verfasser der Paulus-Briefe sei in der Mitte des 2. Jahrhunderts der Irrlehrer Marcion gewesen. Er war im Jahr 144 von der christlichen Gemeinde in Rom ausgeschlossen worden. Paulus, wie in derApostelgeschichte des Lukas und in den Paulus-Briefen gezeichnet wird, ist für Detering eine literarische Erfindung. Anknüpfen konnte Marcion als Fälscher der Briefe angeblich an eine Paulus-Legende. An ihrem Anfang hätte allerdings nicht ein irgendwie gearteter historischer Paulus gestanden, sondern niemand anderes als Simon der Magier. Ihm begegnen wir zum ersten Mal als Widersacher der Apostel in Samarien (Apostelgeschichte. 8,9-24). Die Kirchenväter hielten diesen Simon für den Urheber der gefährlichen Irrlehre der Gnosis. Die Gnostiker vertraten u.a. die Ansicht, daß der Gott des Alten Testamentes nicht der Vater Jesu Christi sei. Sie glaubten nicht an eine Offenbarung Gottes in der Geschichte, also den in die Welt gekommenen, leibhaftigen Menschen Jesus Christus, sondern nur an eine innere Erleuchtung.

Detering behauptet nun folgende abenteuerliche Geschichte: Im zweiten Jahrhundert versuchten andere Christen diesen scheinbaren gnostischen Ursprung ihrer Religion zu verschleiern. Deshalb hätten sie aus Simon den Paulus, aus dem Magier den recht-gläubigen Apostel gemacht. So sei die Pauluslegende entstanden. Etwas später hätte Marcion als Anhänger der Gnosis einen Weg gesucht, seine Überzeugungen zu verbreiten. Ihm sei dabei der „legendäre“ Apostel Paulus eingefallen, der in antignostischen Kreisen hohes Ansehen genossen habe. Ihm unterschob Marcion nun seine eigenen gnostischen Ansichten, indem er unter dem Deckmantel des Paulus Briefe schrieb. Diese Schriftstücke habe sich dann die frühe Kirche unter den Nagel gerissen und die gnostisehen Inhalte mit abmildernden Einschüben versehen. So seien die Briefe des Paulus entstanden. Wie denn nach Detering das Christentum überhaupt alles einigermaßen Wertvolle Ketzern verdanke.

So weit, so schlecht erfunden, möchte man sagen und das Buch möglichst schnell vergessen. Aber da sind wenigstens drei Tatsachen, die die Angelegenheit doch bemerkenswert machen. „Der gefälschte Paulus“ erschien nicht in einem der für derartige Literatur berüchtigten weltlichen Verlage Bertelsmann, Droemer Knaur oder Goldmann. Als verantwortlich zeichnet der Patmos Verlag in Düsseldorf, der bisher als katholisch galt. Daran sieht man, wie längst nicht bloß namhafte evangelische Verlage sich zunehmend auf theologischen Schund verlegen. Nach den Erfahrungen der letzten Jahre scheint es allerdings eher unwahrscheinlich, daß sie das auf Dauer aus den roten Zahlen halten wird.

Die Bultmann-Schule läßt grüßen

  Eine weitere Pikanterie besteht darin, daß Detering sich mit dem Doktorhut einer evangelischen Fakultät schmücken kann. Er hat an der Kirchlichen Hochschule Berlin bei Walter Schmithals promoviert, der sich selbst als einen der wenigen echten Schüler Rudolf Bultmanns betrachtet. Nun sollte man Lehrer nicht für alle Torheiten ihrer Schüler verantwortlich machen. Professor Schmithals wird über das Buch Deterings gewiß nicht glücklich sein. Gleichwohl, einige der unhaltbaren Behauptungen von Detering finden sich schon bei seinem Lehrcr vorbereitet. Auch Schmithals sieht die Anfänge des Christentums tief von der synkretistischen (verschiedene Religionen vermischenden) Gnosis beeinflußt. Außerdem rechnet er damit, daß in die sieben von ihm für echt gehaltenen PaulusBriefe später andere Autoren Zusätze eingefügt hätten.

Wenn man Gott in sich selbst sucht

Noch wilder wird die ganze Sache dadurch, daß Hermann Detering Pfarrer der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg ist. Am Schluß seines Buches erklärt der Verfasser, allen religiösen Autoritäten, das Neue Testament eingeschlossen, müsse der Abschied gegeben werden. Jeder könne und müsse Gott in sich selbst finden. Aufgabe der Kirche sei es, sich nach und nach überflüssig zu machen. Wer das als hoffnungsvollen Hinweis nimmt, daß Detering das Pfarramt verlassen möchte, sieht sich allerdings enttäuscht. Der Theologe weiß, daß Aufklärungsarbeit, wie er sie leisten will, noch sehr lange Zeit brauchen wird. Von daher kann der 4l jährige mit Ruhe seinem kirchlichen Pensionsdatum (um das Jahr 2018) entgegensehen.

Wird die berlin-brandenburgische Kirche gegen einen Pfarrer, der nicht bloß die historische Existenz des neutestamentlichen Paulus bezweifelt, sondern auch die reformatorische Rechtfertigungslehre in Mystik auflöst, ein Lehrzuchtverfahren eröffnen? Das ist wohl eine einfältige Hoffnung. Man wird statt dessen vermutlich darauf hinweisen, daß Detering nicht für die ganze Kirche spricht und daß man der Gesellschaft ein Beispiel für Toleranz gibt, wenn man auch solche Positionen duldet. Es könnte allerdings sein, daß noch mehr Zeitgenossen eine Kirche, in der immer auch das Gegenteil von allem gilt, für lächerlich und überflüssig halten werden. Jüngst wurde bekannt, daß Berlin-Brandenburg von allen Landeskirchen in Deutschland die höchste Zahl an Mitarbeitern und die geringste an Gottesdienstbesuchern hat. In der Person von Pastor Detering haben wir wenigstens in einem Fall eine Erklärung für diesen doch recht erstaunlichen Tatbestand.

Historiker halten an der Existenz von Paulus fest

 Monopole sind immer gefährlich für Freiheit und Demokratie. Insofern war es gut, daß das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ durch „Focus“ Konkurrenz bekam. Was theologische Beiträge anbetrifft, ist „Focus“ allerdings bisher noch nicht über das schwer zu unterbietcnde Niveau des „Spiegel“ hinausgekommen. Das zeigt nicht erst der Beitrag über Paulus. Um nun nicht hei bloßer Kritik stehenzubleiben, sei eine positiveAnregung gegeben. Wie wäre es, wenn „Focus“ einmal das Buch „Der Zeuge des Zeugen. Lukas als Historiker der Paulus-Reisen“ (Verlag Mohr-Siebeck) bespricht? Der Verfasser Claus-Jürgen Thornton schreibt nicht als Theologe, sondern als Historiker. In der Literaturliste von Detering fehlt dieses Buch. Detering muß es auch ignorieren, denn nach genauerer Lektüre hätte er vermutlich selbst nicht mehr an seine eigenen Paulus-Phantasien geglaubt. Mit seinem Buch muß er sich nicht nur mit Theologen anlegen, sondern auch mit Althistorikern, von denen kein ernstzunehmender die geschichtliche Existenz des Paulus bezweifelt.

 Der Autor, Dr. theol. habil. Rainer Riesner, ist Dozent für Neues Testament an der Evangelisch-theologischen Fakultät Tübingen.