Wer ist oder war Simon Magus?
Er erscheint plötzlich wie eine bereits
längst bekannte Gestalt in einer Reihe von Schriften aus dem 2. Jahrhundert,
einschließlich der Apostelgeschichte, der Schriften Justin des Märtyrers und
den pseudoklementinischen Homilien und Recognitionen. Spätere Häresiologen
haben ihn zum Vater aller gnostischen „Häresie" gemacht.

Abb: Der Fall des Simon Magus - Hildesheim, 1170
Simon wird als Samaritaner bezeichnet.
Samaritaner waren Abkömmlinge der alten Stämme des israelischen Nordreichs und
wurden nach ihrer Hauptstadt Samaria benannt. Nach dem Tode des Tyrannen Salomo
fielen die Nordstämme vom davidisch-israelischen Stämmebund (im Norden), von
Juda (im Süden) und von Jerusalem (an der Grenze) ab. Sie hatten genug von der Dynastie des David und Salomon, vor allem aber: Israeliten/Samaritaner konnten
nicht viel mit den Traditionen Judas anfangen. Das heißt, daß ihre Form der
jahwistischen Religion sich parallel zu der jüdischen im Süden entwickelte, so
wie diese sich später durch Ezra, die Phariäser und deren Nachfolger, die
Rabbinen entfaltete. Darum verdammten sich Samaritaner und Juden gegenseitig als
Häretiker. Nachdem sich die hasmonäischen Könige einen jahrhundertlangen
Frieden vom seleukidischen Reich des Antiochus IV. Epiphanes erkämpft hatten,
bekehrten sie das „Galiläa der Heiden" mit dem Schwert zur jüdischen
Religion und zerstörten den samaritanischen Tempel auf dem Garizim.
Juden behaupteten, daß die Eroberer nach dem
Aufgehen Israels im Assyrischen Reich im 7. Jahrhundert v.Chr. fremde Kolonisten
sandten, die sich mit Israeliten verheirateten und Polytheismus mit
Jahwe-Verehrung mischten. Damit ließ sich die Ablehnung der Samaritaner als
Nichjuden entschuldigen — ebenso wie orthodoxe Rabbinen im heutigen Israel
leugnen, daß Reformjuden Juden sind. Bestand der Vorwurf zu Recht? Vermutlich
nicht. Er verfälscht die Geschichte im nachhinein, da beide, Israel und Juda, im
7. Jahrhundert vermutlich ohnehin größtenteils polytheistisch waren. Der
hebräischer Monotheismus stellt eine späte Entwicklung dar, die zum ersten Mal
mit Jeremia und Deuterojesaja im 6. oder 5. Jahrhundert auf den Plan trat. Er
blieb auch danach lange Zeit der Glaube einer Minderheit (siehe Margaret Barker,
The Great Angel: A Study of Israel`s Second God, 1992). Somit braucht der
samaritanische Polytheismus keineswegs ein Import gewesen zu sein. Beide
befehdeten Schwesterreligionen entwickelten sich vermutlich erst mehr oder
weniger zur selben Zeit zu genuin monotheistischen Religionen, und zwar im
späten ersten vorchristlichen Jahrhundert. Freilich sind selbst noch in dieser
Zeit manche Nachklänge an die alte polytheistische Religion zu finden.
Wie unterschied sich Samaritanismus von
Judaismus? Einer der wichtigsten Unterschiede bezog sich auf den kommenden
Erlöser. Während unter den Juden nicht alle einen König (einen Messias oder
„Gesalbten", d.h. König) erwarteten, der Davids Dynastie herstellen
würde (James H. Charlesworth, ed., The Messiah, 1992), gab es unter den
Samaritanern niemanden, der diese Erwartung teilte. Sie hatten das Haus
David abgelehnt; warum sollten sie von seiner Wiederherstellung träumen? Statt
dessen erwarteten sie die Erscheinung des Taheb, des „Wiederherstellers"
(siehe Joh 4,25), eines Propheten wie Mose, welche in Dtn 18,15 vorausgesagt
sein sollte. In späteren Jahrhunderten wandelte sich diese Erwartung in die
Hoffnung der zweiten Ankunft eines Mose selber (John MacDonald, The Theology
of the Samaritans, 1964).
Die beiden Glaubensformen unterschieden sich
außerdem noch in der Beurteilung des Umfangs der Schrift. Die jüdische Liste
offiziell anerkannter Schriften schwoll zu der langen Reihe von Schriften an,
welche noch heute den Protestanten als Altes Testament dient (das katholische
und orthodoxe AT ist länger, weil es Schriften der Septuaginta enthält, der
griechischen Übersetzung der jüdischen Schriften, die von hellenisierten Juden
außerhalb Palästinas benutzt wurden). Die Samaritaner dagegen akzeptierten nur
den Pentateuch, die sogenannten Bücher des Mose (Genesis, Exodus, Leviticus,
Numeri und Deuteronomium).
Josua war fast ebenso wichtig für sie. Was
dagegen im AT auf Josua folgt, stammt vom königlichen Hof und der
Tempelhierarchie in Jerusalem, war also Material aus dem Süden Israels und
daher von keinem Interesse für die Samaritaner des Nordens. Ebensowenig
verbringen Protestanten ihre Zeit damit, päpstliche Enzykliken zu lesen, falls
sie überhaupt Notiz davon nehmen.
Die samaritanische Sekte existiert immer noch
im modernen Staat Israel, obschon eine kleine Gruppe von nur einigen hundert
Leuten — ein liebevoll gepflegtes, lebendes Fossil.
Simon, die „Große Kraft"
Das Neue Testament erwähnt die Samaritaner an
einigen wenigen, gleichwohl sehr bekannten Stellen.
Mt 10,5 warnt Missionare davor, ihren Fuß auf samaritanisches Territorium zu
setzen, während Lukas ein großartiges Gleichnis vom Barmherzigen Samariter
verfaßt hat (10,29-37), das er Jesus zuschreibt (ähnlich wie die Episode vom
Dankbaren Samariter, Lk 17,11-19)—ein unzweideutig positives Porträt, das in
erster Linie für die Tatsache, daß der Begriff „Samariter" zum Synonym
für jemand wurde, der anderen in Not hilft, verantwortlich ist. Johannes 4,7-9,
20-24 erwähnt und karikiert den kindlichen Trotz, der Juden und Samaritaner
trennte und der so groß war, daß sie die Essensutensilien der jeweils anderen
für rituell unrein erklärten!
Die Fortsetzung des Lukasevangeliums, die
Apostelgeschichte, läßt Philippus, einen der Sieben (dem Leitungsgremium der hellenistischen Christen) in Samarien predigen und die ganze Stadt zum
Glauben Jesu bekehren (Apg 8,5-8ff). Hier nun tritt Simon erstmals auf den Plan.
Lukas, der Erzähler der Apostelgeschichte, erzählt uns, daß Philippus seinen
religiösen Rivalen bereits bei seiner Ankunft in der Stadt wirken sah. Der
ganze Ort war von Simon beherrscht, einem Magier, der die „Große Kraft" zu
sein beanspruchte, d.h. die fleischgewordene Gottheit — ein Anspruch, den er
durch erstaunliche Wundertaten untermauerte (Apg 8,9-11). Lukas scheint die
traditionelle Geschichte an diesem Punkt umzuschreiben.
Andere christliche Quellen haben die
Originalform der Legende stärker bewahrt. Verschiedene Häresiologen erzählen
uns, daß Simon mit einem Weib namens Helena umherwanderte, die er aus dem
Bordell gerettet hatte. Sie war seine ewige Seelengenossin und existierte
bereits im göttlichen Pleroma — der himmlischen Welt von Licht und Geist, wie
die Ennoia oder Epinoia, der erste Gedanke (etwa das gleiche wie die Idee der
als Frau personifizierten Weisheit in Prv 8, Sirach 1 und Weisheit Salomonis 7,
oder wie der Logos des Philo, aber eben weiblich). Als solche bildete sie und
die „Große Kraft" eine Syzegie (ein Paar„gespann"), das an die
Verbindung von Shiva und seiner Shakti, Kali im tantrischen Mystizismus,
erinnert. Sie ging verloren im Sumpf der Materiewelt (eine böse Schöpfung der
zerstörerischen Archonten, „Herrscher der Welt"), und es war einzig ihre
spirituelle Weisheit, welche die Welt erhielt. Um sie zu retten, stieg die Große Kraft hinab
in die dunkle Welt der Materie.
Dieser Erlösungsmythos, der für die Gnosis
im allgemeinen recht typisch ist, hatte zum Inhalt, daß jene, welche Simon
nachfolgten und sein geheimes Wissen (gnosis) aufnahmen, nach ihrem Tode
gerettet würden. Wie man sieht, war Helenas Seele symbolisch für das
göttliche Licht der Weisheit, die sich in Millionen Lichtfunken zersplittert
und in der ganzen materiellen Welt zerstreut hatte. Die Ex-Hure Helena
verkörperte, wie wir annehmen dürfen, so etwas wie die größte einheitliche
Konzentration dieser Weisheit. Daneben gab es noch eine Menge anderer Funken,
die ohne Erinnerung in den Seelen einiger auserwählter Weniger, die Ohren
hatten, die Gnosis des Simon zu hören, vor sich hindämmerten. Das ganze
gnostische Schema bildet eine auffallende Parallele zur Kabbala des Isaak Luria
im Galiläa des 16. Jahrhunderts n. Chr. Die Frommen leben im Bewußtsein, einen
verborgenen Funken der göttlichen Herrlichkeit in sich zu tragen und sie
bemühen sich darum, diesen durch meditative Übungen und Askese sowie
Verneinung fleischlicher Freuden vor weiterer Reinkarnation zu bewahren. Einige
wenige Gnostiker wählten den Pfad zur Linken und suchten Erlösung durch
libertinistischen Antinomismus: „Tue, was du willst, das ist das ganze
Gesetz" (A. Crowley). In jedem Fall ging es darum, die eigene
Unabhängigkeit vom Buchstaben der staatlichen oder religiösen Gesetze dadurch
zu bekunden und zu verwirklichen, da dieses als Werk der unbekannten Herrscher der Welt
galten, der bösen Archonten—einer von ihnen war der Jahwe („Jehova")
des Alten Testaments.
Bar Jesus
Die Kirchenväter berichten uns ebenfalls,
daß Simon den göttlichen Titel „der Stehende" beanspruchte und
behauptete, er sei vor kurzem in Judäa in der Gestalt Jesu von Nazareth
erschienen. Der große theosophische Gelehrte G.R.S. Mead glaubt (in seinem Buch
über Simon), dieser Anspruch habe bedeutet, daß Simon einfach den Geist Jesu
weitergetragen habe, so wie Elisa den Geist seines Lehrers Elia weitertrug und
sein Werk fortsetzte. Mead gibt dieser Interpretation
den Vorzug vor dem Gedanken, Simon habe gemeint, er sei im wörtlichen Sinne eine Reinkarnation
Jesu—da die Apostelgeschichte Simon mit dem Jünger Simon Petrus, dem
Zeitgenossen Jesu, zusammentreffen läßt. Weil Simon Magus und Jesus sich in
diesem Fall historisch überschnitten hätten, könne kaum plausibel gemacht
werden, daß er die Reinkarnation des anderen gewesen sei.
Freilich scheint es mir, als habe Mead die
Chronologie der Apostelgeschichte allzu naiv für bare Münze genommen. Die
Verbindung zwischen Simon Magus und Simon Petrus erscheint perfekt. Lukas hat
die offenkundigen Spuren der überlieferten Erzählung, die er Apg 8
überarbeitete, nicht vollständig getilgt. Darin muß es um einen
Wunderwettbewerb zwischen Philippus und Simon Magus gegangen sein. Da Lukas
diesen überging, berichtet er uns nicht, warum Simon das Feld geräumt und
Philippus erlaubt haben sollte, die Leitung seiner Anhänger aufgrund einer
bloßen Forderung mit zu übernehmen. Es ist gleichsam, als ob Simon im ersten Akt der
Vorstellung aufträte, gefolgt von Philippus. Ebenso künstlich mutet es an,
daß Lukas den Philippus, der alle Leute des Simon Magus für sich gewonnen hat,
taufen läßt, aber ihm den Heiligen Geist vorenthält, bis Simon Petrus von
Jerusalem ankommt, um das Ganze offiziell zu machen (Apg 8,14-17). Simon Magus selber
tritt ängstlich und bußfertig zum Christentum über und bittet
Petrus schüchtern, ihm das Geheimnis, Menschen magisch mit dem Heiligen Geist
auszustatten, zu verkaufen, so daß sie in ekstatischer Zungenrede und Prophetie
sprechen (18-19). Petrus weist ihn zurecht („Zur Hölle mit dir und deinem
Geld") und Simon zieht sich zurück.
Es ist offenkundig, daß in der Quelle des
Lukas, d.h. der Erzählung, wie sie gelesen wurde, bevor Lukas sie aus
kirchenpolitischen Gründen umschrieb, ursprünglich nicht Simon Petrus, sondern der Evangelist
Philippus die Hauptrolle spielte und daß Simon Magus gezwungen
wurde, das Feld zu räumen, als Philippus ihn in einem Duell schlug — genauso wie
Petrus in der postlukianischen Version der pseudoklementinischen Homilien und
Recognitien, den Petrusakten usw. Lukas stahl Philippus gleichsam den
Glorienschein und übertrug diesen auf Simon Petrus, der in den Tagen des Lukas
zu einem wichtigeren Repräsentanten des kirchlichen Christentums geworden war.
Ebenso glaubte man, David dadurch glorifizieren zu können, daß man das Motiv
der Tötung des Goliath von dem weniger bekannten Helden Elhanan ben Jair aus
Bethlehem (2. Sam 21,19) übernahm und statt dessen auf David übertrug (1 Sam.
17).
Spätere (post-lukanische) Schreiber
übernahmen den spektakuläreren Bericht vom Wunderwettstreit, den Lukas diskret
überging, aber sie folgten Lukas, indem sie Philippus durch den bekannteren
Simon Petrus ersetzten. Die späteren Versionen haben das Wunderduell in Rom
wiederholt. Simon Magus ist dorthin gereist, um dem Petrus dessen Anhänger
abspenstig zu machen. Er ist solange erfolgreich, bis Petrus ihn zu einem
anderen Wunderwettbewerb herausfordert, der an den zwischen Elia und den
Baalspropheten im 1. Buch der Könige 18 erinnert. Petrus gewinnt und bekommt
all seine wankelmütigen und schwankenden Anhänger wieder—bis Simon, der sich
einen „Special-Effect-Trick" ausgedacht hat, zu fliegen scheint, aber
dann zu Boden stürzt (die spätere Legende hat dieses Motiv des Hochmuts, der
vor dem buchstäblichen Fall kommt, auf die volkstümlichen Gestalten des
Antichrist und Dr. Faustus übertragen). Diese Legenden scheinen den Wettbewerb
zwischen simonianischen und christlichen Sekten sowohl in Samaria als auch in
Rom wiederzuspiegeln. Justin Märtyrer, selber ein samaritanischer Christ, der
Rom besuchte, berichtet uns, daß der Simonianismus in seinen Tagen in ganz
Samarien vebreitet war und daß auch Rom eine ansehnliche Splittergruppe der
Simonianer hatte.
Inwiefern kann uns dies alles bei der Frage
nach Simon Magus helfen, der zu früh lebte, um sich als Reinkarnation
Jesu hätte ausgeben können? Durch die einfache Erkenntnis, daß die Verbindung
mit Petrus sekundär ist. Philippus könnte eine Gestalt der folgenden
Generation gewesen sein. Lukas berichtet uns, daß Paulus Philippus und seine
vier Töchter traf, „welche prophezeiende Jungfrauen" (Apg 21,8-9) waren,
und zwar auf seinem Weg nach Jerusalem, wo er in einen Aufruhr verwickelt wurde,
in Gefangenschaft kam und zur Exekution nach Rom gesandt wurde. Aber Papias,
Bischof aus Hierapolis, berichtet uns nach Eusebius, daß er selber
Informationen über die apostolische Kirche durch die Töchter des Philippus
erhalten habe. Papias schrieb irgendwann um 150 n.Chr., was bedeuten würde,
daß Philippus nicht als Zeitgenosse des Petrus oder Jesus in Frage kommen
konnte. Lukas scheint Simon Magus und die Töchter des Philippus (und somit
Philippus selber) in anachronistischer Weise in das vorangegangene Jahrhundert
verlegt zu haben—ebenso wie die Evangelisten häufig religiöse Fragen an
Jesus adressieren, die erst in ihren Tagen und nicht in seinen aufkamen.
Wenn Simon in der Tat behauptet hätte, der
reinkarnierte Jesus zu sein (d. h. daß beide aufeinanderfolgende Inkarnationen
der Großen Kraft waren), so wäre dies religionsgeschichtlich überaus
interessant. Es würde Simon zum Vorläufer des Apostels Mani machen, der ein
Jahrhundert später lebte. Mani behauptete, daß er die späteste Verkörperung
desselben Geistes sei, der früher als/in Zarathustra, Buddha und Jesus
erschienen war (was wiederum beinhaltet, daß Mani glaubte, er sei der
Saoshyant, Maitreya Buddha und der wiederkommende Christus zugleich, wie viele
Jahrhunderte später der Baha’ulla, Gründer des Baha’i-Glaubens.
Liebe stärker als der Tod
Warum mußte die „Große Kraft" wiedergeboren
werden?
Die göttlichen Funken mußten sich
reinkarnieren, weil sie in Unwissenheit hinsichtlich ihres wahren himmlischen
Ursprungs und ihrer Bestimmung gefallen waren. Da sie von göttlicher Natur
waren, konnten sie nicht wirklich sterben, aber solange sie nicht erleuchtet
waren, konnten sie sich ebensowenig von der Verunreinigung des Fleisches
befreien und in das Pleroma eingehen. Simon teilte diese Unwissenheit nicht. In
der Weise der Bodhisattvas des Mahyana Buddhismus unterzog er sich freiwillig
zahlloser Geburten, um zu suchen und zu retten, was verloren war: Helena, die
Ennoia, das Symbol der Seele der Erleuchteten. Lukas scheint diesen Zusammenhang
noch zu kennen, worauf Gerd Lüdemann hinweist, da Petrus bei seiner Erwiderung
des Simon ein spezielles griechisches Wort benutzt: „Bete zum Herrn, daß dir
dieser Gedanke (epinoia) vergeben werden möge." (Apg 8,22)
Das muß ein Hinweis für den wissenden Leser
gewesen sein. Freilich, anstatt rational zu widerlegen, sinkt Lukas damit,
ebenso wie andere Häresiologen des 2. Jahrhunderts, auf das Niveau skurriler
Dreckschleuderei herab. Der Verfasser von Joh 4,16-18 scheint ebenfalls
absichtlich mißverstehen zu wollen, wenn er berichtet, daß die samaritanische
Frau 5 Männer gehabt habe und nun mit jemandem zusammen lebe, der nicht ihr
Mann sei. Das scheint eine Anspielung auf die simonianische Helena zu sein, ihre
sexuelle Ausbeutung in mindestens fünf vorangehenden Inkarnationen und ihre
jetzige Verbindung mit Simon Magus. Die Andeutungen, daß Helena eine Hure
gewesen sei und öffentlich mit Simon in Schande gelebt habe, sind schnell als
typisch polemische Diffamierung zu durchschauen. Aus demselben Grund wird Maria
Magdalena von den frühen Kirchenvätern, die in ihr eine Häretikerin sahen,
als Besessene und Prostituierte dargestellt (siehe mein Aufsatz: „Mary
Magdalene: Gnostic Apostle?", Grail, vol. 6 # 2, June 1990).
Simon, der Sünder
Ein anderes Beispiel für Diffamierung ist,
wie wir an dieser Stelle anmerken wollen, die Benutzung des Ausdrucks Simon „Magus",
der Magier. Wie Anthropologen gezeigt haben, wird „Magie" und „Mirakel"
in Kulturen, die an beides glauben, nicht unterschieden. Der Unterschied liegt
in der Bewertung: „Mein übernatürliches Wunder ist ein Mirakel; Dein
übernatürliches Wunder ist Magie." „Er hat den Beelzebul, und: Er
treibt die bösen Geister aus durch ihren Obersten." (Mk 3,22). Es gibt
eine gute Diskussion dieser doppelten Bewertung in dem Buch: The Demise of
the Devil Magic and the Demonic in Luke´s Writings, 1989, 4ff. Wenn also
Simon als Magier bezeichnet wird, bedeutet das nichts anderes, als daß er den
Ruf eines Wundertäters hatte und daß dieser Ruf in ein schlechtes Licht
gestellt werden sollte (siehe Garett, Kap. 3, „Simon Magus", 61-78). In
eben derselben Weise wird Jesus in den verschiedenen Büchern der Toledoth
Jeschu der jüdisch-antichristlichen Polemik als ein Magier und Schwindler
dargestellt. Theudas, ein Messiasprätendent aus den 40iger Jahren, prophezeite,
daß er wie Josua den Jordan teilen würde. Dies wäre in der Tat ein Mirakel.
Seine Gegner nannten ihn „Theudas, den Magier", wie Josephus bezeugt.
Philostratus versucht in seinem Leben des Apollonius den populären Skeptizismus
zu zerstreuen, der in dem Wundertäter Apollonius einen bloßen Scharlatan sah.
Ebenso wie der Begriff „Magier" wurde
das Beiwort „Samaritaner", das mit „häretisch" gleichbedeutend
wurde, negativ verstanden, so z. B. wenn Johannes die Gegner Jesu sprechen
läßt: „Sagen wir nicht mit Recht, daß du ein Samariter bist und einen
bösen Geist hast?" (Joh 8,48). Wir mißverstehen manchmal antike Metaphern
als biographische Daten. Zum Beispiel, war Jesus ein Zimmermann? Nein,
natürlich nicht! Der einzige Hinweis darauf ist Mk 6,3: „Ist er nicht der
Zimmermann, Marias Sohn" mit seiner Parallele in Mt 13,55: „Ist er nicht
der Sohn des Zimmermanns? Heißt nicht seine Mutter Maria?" Wie kommt die
Menge zu diesem Ausruf? Jesus hat eben die Schrift erklärt (die
Synagogenpredigt geht bis auf den heutigen Tag darauf zurück). Es gab einen
zeitgenössischen jüdischen Ausdruck, der benutzt wurde, wenn Rabbinen mit der
Auslegung eines schwierigen Schriftverses überfragt waren: „Hier ist kein
Zimmermann noch ein Zimmermannsssohn, um das zu erklären." Mit anderen
Worten, wenn Jesus als Ausleger der Schrift in der Synagoge als Zimmermann oder
Zimmermanssohn bezeichnet wird, bedeutet dies möglicherweise, daß er ein guter
Schriftausleger war, nicht aber, wie Reverend Billy Saul Hargis so gerne sagte,
daß er Möbel für Schlaf- und Eßzimmer verfertigte.
Wenn Simon also als Samaritaner bezeichnet
wird, so meint dies einfach: „Simon der Häretiker." Welche Häresie? Wir
haben bereits gesehen, daß verschiedene Schriftsteller des 2. Jahrhunderts von
ihm sagten, er habe die verkörperte „Große Kraft" zu sein beansprucht.
Michael Goulder teilt diese Auffassung und behauptet sogar, daß die ganze
Vorstellung vom inkarnierten Gott von den Christen bei den Samaritanern geborgt
wurde („The Two Roots of the Christian Myth", in John Hick, ed. The
Myth of God Incarnate, 1977; s. ebenso seine „The Samaritan
Hypothesis" in Goulder, ed. Incarnation and Myth: The Debate Continued,
1979). Eine Quelle jedenfalls, möglicherweise unsere wichtigste—die
pseudoklementinischen Homilien und Recognitionen—lassen Simon verkündigen,
daß es zwei Götter gebe und daß es nicht Gott war, sondern die Engel, welche
die Welt geschaffen hätten; das Alte Testament sei daher nicht länger
verpflichtend für Christen. Obschon dies in mancher Hinsicht an den
Gnostizismus im allgemeinen erinnert, gibt es einige Züge, die eher zu einer
ähnlichen christlichen Richtung Parallelen aufweist und die als Marcionitismus
bezeichnet wird.
Marcions Invasion
Marcion aus Pontus gründete seine eigenen
Kirche in der ersten Hälfte des 2. Jahrhunderts. Er glaubte, daß die 12
Apostel Jesu die Absichten ihres Meisters mißverstanden hätten (eine Sicht,
die weithin vom Markusevangelium geteilt wird!) und daß sie es schließlich
dahin brachten, Christentum und Judentum zu vermischen—mit anderen Worten,
neuen Wein in alte Schläuche zu gießen. Obschon Marcion in keiner Weise
Antisemit war und das Judentum als Glauben von eigener unabhängiger Würde
respektierte, glaubte er, daß Jesus der Sohn eines höheren als des
hebräischen Gottes war, der die böse Welt geschaffen und das mosaische Gesetz
befohlen hatte. Jesus kam, um einen liebenden Vater zu offenbaren, der niemanden
straft und ausschließlich Liebe übt. Der Vater war bereit, die Geschöpfe des
niederen Gottes als die eigenen Kinder zu adoptieren.
Marcion glaubte, daß Paulus, der nicht zu den
Zwölfen gehörte, sondern ein späterer Konvertit war, all diese Dinge gelehrt
hatte und verkündet hatte, was Jesus wirklich beabsichtigte: die Geburt einer
neuen, vom Judentum unabhängigen Religion. Christen sollten daher das Alte
Testament den Juden überlassen und nicht länger behaupten, daß es Jesus
vorhergesagt habe. Um diese jüdische Schrift zu ersetzen, übernahm er die
Briefe des Paulus und „das Evangelium" (vielleicht eine frühere oder
kürzere Form unseres Lukasevangeliums) als neue christliche Schrift, das Apostolicon,
das Buch des Apostels. Obschon spätere katholische Schriftsteller
Marcion vorwarfen, er habe die übrigen neutestamentlichen Bücher weggelassen
und von denjenigen, welche übrig blieben, Passagen gestrichen, scheint es, als
würden sich in diesem Vorwurf nur ihre eigenen heimlichen Machenschaften
widerspiegeln. Untersuchungen von John Knox (Marcion and the New Testament,
1942) und anderen lassen es viel wahrscheinlicher erscheinen, daß Marcion
nicht nur der erste Sammler der Paulinischen Briefe war, sondern zugleich der
erste, der die Idee eines christlichen Testaments einführte. Die katholischen
Bischöfe, die durch den Erfolg des marcionitischen „Sputnik" alarmiert
wurden, beeilten sich, nachzukommen—allerdings fügten sie noch ein paar
zusätzliche Schriften hinzu und veränderten Marcions Schriften durch
Einfügung orthodoxer Interpolationen. Das Resultat war letzten Endes das heute
gebräuchliche Neue Testament.
Marcion war der erste große Paulinist des
Christentums. Paulus war auch für die valentinianische Kirche wichtig. Es waren
valentinianische und basilidianische Gnostiker, welche die ersten bekannten
Kommentare zu den Paulusbriefen schrieben. Ihr Interesse an Paulus war so groß—und
alles andere war offenbar so nebensächlich—daß Tertullian Paulus als den „Apostel
der Häretiker" bezeichnete. Als solcher könnte Paulus in einem geradezu
buchstäblichen Sinn aufgefaßt werden, da Paulus, der große Briefschreiber,
möglicherweise nur eine Schöpfung der gnostischen und marcionitischen Bewegung
darstellt. W.C. van Manen versuchte nachzuweisen, daß der Galaterbrief in
seiner ursprünglichen Gestalt eine Schrift des Marcion selber gewesen sein
könnte, der den Brief pseudonym unter dem Namen des Paulus verfaßte. R. Joseph
Hoffmann (Marcion: On the Restitution of Christianity, 1984) wies
zwingend nach, daß auch der Epheserbrief zunächst als Laodiceerbrief der
Marcioniten im Umlauf war. In der Tat wurden beide Texte später von den
Katholiken für ihren eigenen Gebrauch erweitert und verändert. Dasselbe ist
auch für die anderen Paulusbriefe sehr wahrscheinlich. Dies sind die Ergebnisse
der Holländischen Radikalkritischen Schule des 19. Jahrhunderts, die von
einigen wenigen, hauptsächlich durch Hermann Detering, Darrell J. Doughty und
durch mich vertreten werden. Wenn es einen historischen Paulus gab, was
wahrscheinlich ist, dann ist seine Gestalt unwiederbringlich hinter den
pseudepigraphischen Briefen, die ihm von marcionitischen und gnostischen
Mitgliedern der Paulinischen Schule zugeschrieben wurden, verblaßt.
Eine Reihe von Schriften—einschließlich der
pseudepigrapischen Apokalypse des Paulus (nicht diejenige, die in Nag Hammadi
entdeckt wurde), die Acta Pauli, die Apostelgeschichte, die Akten der Xanthippe
und Polyxena und die Petrus und Paulusakten—stellen Paulus als Missionar und
Apostel dar, aber sie scheinen wenig Notiz davon zu nehmen, daß er Briefe
geschrieben oder eine bestimmte Lehre verkündigt habe. Nach den Auffassungen
von Ferdinand Christian Baur, Walter Bauer und anderen müßte darin das
Resultat eines späteren Versuchs zu sehen sein, die Gestalt des Paulus zu
katholisieren, indem man die Briefe ebenso wie die mit seinem Namen
zusammenhängende Theologie ignorierte. Anders, als van Manen und die
Holländischen Radikalen meinten, soll dieser neutrale, farblose Paulus so etwas
wie eine unabhängige Tradition vom historischen Paulus repräsentiert haben,
ohne die gnostisch-theologischen Schnörkel des Marcion und seiner Schule. Es
scheint mindestens drei Versuche gegeben zu haben, die gefährlich häretisch
klingenden Briefe zu ersetzen. Der Ersatz bestand aus dem apokryphen 3.
Korintherbrief, den Pastoralbriefen (1. und 2. Timotheus, Titus) und dem
lateinischen Brief an die Laodicener. Und, wie Winsome Munro in ihrem Authority
in Paul and Peter (1983) gezeigt hat, selbst die Briefe, wie wir sie heute
lesen, sind einer gründlichen domestizierenden, katholisierenden Redaktion
unterworfen worden.
Der Anti-Papst
Trotz aller redaktionellen Arbeit an den
paulinischen Briefen ist ein Zug der frühen paulinischen Theologie erhalten
geblieben, der zum Fundament des Protestantismus wurde (obschon entstellt durch
introvertierte psychologische Perspektive Martin Luthers—siehe Krister
Stendahl, „The Apostle Paul and the Introspective Conschience of the
West", in his Paul among Jews and Gentiles, 1976): die Lehre von der
Verwerfung der jüdisch/biblischen Torah, die durch den Glauben an Christus
aufgehoben wurde—mit dem Resultat, daß Heiden, die zum Christentum kommen
wollen, sich nicht darum sorgen müssen, die (aus der ihnen fremden kultureller
Tradition stammenden) Gebote der Torah zu übernehmen. Dieser Punkt der
paulinischen Theologie, der für Katholiken, Marcioniten und Gnostikern
gleichermaßen wichtig blieb, reichte aus, um Paulus als Apostel in den Augen
anderer antiker Jesus-Sekten, der Nazoräer, Ebioniten, Elchasiten usw. den
sogenannten Judenchristen, zu disqualifizieren. Die Jesus- und Torah-Verehrer
schrieben Paulus als falschen Apostel und Antichristen ab. Diese Debatten
spiegeln sich fast in der gesamten paulinischen Literatur der frühen Kirche
wieder, entweder pro oder kontra. Dies bringt uns zurück zu unserem
eigentlichen Thema, der Gestalt des Simon Magus. Wie F.C Baur (Paulus, 1845)
annahm, scheint Simon Magus eine Art Karikatur des Paulus gewesen zu sein.
Hinweise dafür erhalten wir hauptsächlich
aus zwei Quellen des zweiten Jahrhunderts: der kanonischen Apostelgeschichte und
den pseudoklementinischen Homilien und Recognitien. Bei den
pseudoklementinischen Homilien und Recognitien handelt es sich um
zwei verschiedene Rezensionen eines Romans, in dem Simon Petrus die Hauptrolle
spielt und die von Clemens von Rom, dem Bischof von Rom, als fiktivem Verfasser
(der eigentliche Verfasser ist unbekannt) erzählt wird. Er schildert, wie wir
bereits sagten, ein paar dramatische Begegnungen zwischen Simon Petrus und
seinem Erzrivalen Simon Magus. Besonders diese Szenen scheinen von einem
früheren Werk, dem Kerygmata Petrou, bzw. den „Predigten des
Petrus", einem ebionitischen Dokument, entlehnt worden zu sein. In diesen
Abschnitten spricht Petrus über Simon in Ausdrücken, die unmißverständlich
an Paulus erinnern. So zum Beispiel lehnt Petrus den Anspruch des Simon auf das
Apostolat aus zwei Gründen ab, 1. war dieser nicht mit dem historischen Jesus
zusammen, sondern wurde statt dessen durch eine Vision des auferstandenen
Christus belehrt, 2. lehre er ein anderes Evangelium, das die Ablösung der
Torah beinhalte. Dies sind genau die Bedenken der jüdischen Christen gegen
Paulus. Dabei wird Simon Magus mit theologischen Begriffen geschildert, die
merkwürdigerweise an Marcion erinnern, woraus erhellt, daß der von den
jüdischen Christen abgelehnte Paulus derjenige der marcionitischen und
gnostischen Paulinisten war.
Die Apostelgeschichte des Lukas macht
ebenfalls aus Simon Magus eine polemische Karikatur des Paulus. So z.B.
berichten die paulinischen Briefe häufig, daß Paulus mit großem Eifer eine
Kollekte für die jüdisch-christliche Gemeinde in Jerusalem betrieben habe
(Röm 15,25-28; 2. Kor 8-9), eine Verpflichtung, die er als Bedingung für die
Anerkennung seines Apostolats durch Petrus, Jakobus und Johannes akzeptierte
(Gal 2,7-10). Er hoffte, daß sie als eine Geste des guten Willens wohlwollend
akzeptiert werden würde, wenn er erst in Jerusalem angekommen sei (Röm 15,31;
cf. 15,25-28). Die Apostelgeschichte erwähnt keine solche Kollekte, obschon sie
Paulus mit einer früheren Sammlung während einer Hungersnot (Apg 11,27-30) in
Verbindung setzt. Das zeigt, daß Lukas von dem Ergebnis der Verhandlungen
zwischen Paulus und den drei anderen Aposteln und dem Angebot des Paulus, eine
Sammlung bei den heidenchristlichen Gemeinden durchzuführen, wußte, aber
dieses in eine Episode kleidete, die das tatsächliche katastrophale Ergebnis
auf das erzählerische Double des Paulus, Simon Magus, übertrug. Simon wird
dargestellt als jemand, der den Apostolat, die Handauflegung zur Vermittlung des
heiligen Geistes, mit Geld erkaufen wolle—eine polemische Version des Versuchs
des Paulus, die Kollekte als Preis für seine offizielle Anerkennung
durchzuführen.
Warum wurde er Simon genannt, wenn er
tatsächlich eine Karikatur des Paulus darstellt? Weil die jüdischen Christen
ihn als eine Antithese zu Simon Petrus betrachteten, seinen Gegenspieler, den
Anti-Simon. Wir haben bereits gesehen, daß der Begriff „Magier" etwa die
Bedeutung des „medizinischen Scharlatan" hatte (eine Satire des über
geistliche Gaben in Gal 3,2; 1 Kor. 14,18 und 2. Kor 12,1-12 Gesagte, „Denn es
sind ja die Zeichen eines Apostels unter euch geschehen in aller Geduld, mit
Zeichen und mit Wundern und mit Taten.")
In ähnlicher Weise kann das Epitheton „samaritanisch"
einfach „häretisch" bedeuten, obschon sich im Lichte der
jüdisch-christlichen Verbindung eine andere attraktive Möglichkeit anbietet.
Von den Ebioniten weiß man, daß von ihnen das Gerücht in Umlauf gesetzt
wurde, Paulus sei in Wahrheit ein Heide gewesen, der bloß deswegen zum Judentum
konvertierte, weil er sich in die Tochter des Hohenpriesters von Jerusalem
verliebt hatte. Er verwandte große Mühe darauf, sich selber als gesetzestreu
darzustellen, wurde aber schließlich durch ihren Vater überführt. Das habe
ihn dazu veranlaßt, dem Judentum den Krieg zu erklären und eine eigene
pervertierte Version der Religion des frommen Juden Jesus zu schaffen, die das
Gesetz beseitigte, an dem er sich als heidnischer Außenseiter zerrieben hatte.
(Das Bild des Paulus als eines mißachteten Liebhabers stellt eine typische
Verleumdung dar; ähnliches wurde sowohl von Marcion als auch von dem Propheten
Mohammed von ihren Verleumdern gesagt. Es ist eine Metapher für „die reine
Jungfrau Kirche verführen", ein Vorwurf, der 2. Kor 11,2-4 gegen die
judenchristliche Apostel selber gewendet wird).
Man beachte, daß „Paulus" nicht einmal
ein richtiger Jude gewesen sein soll. Die halb-edomitische Abstammung Herodes
des Großen wurde in derselben Weise gegen diesen als theologische Waffe
benutzt. Wenn wir bedenken, daß die Darstellung des Paulus/Simon als eines
Samaritaners von derselben Gruppe von Antipaulinisten kommt, scheint es, als sei
diese wiederum eine andere Form der Denunziation gewesen.
Der Sündenbock
Wenn Justin Märtyrer und andere Simon Magus
zum Vater des Gnostizismus machen, deutet dies auf die Vorliebe der Gnostiker
für die Lehre des Paulus hin (Valentin behauptete, er habe die Lehre direkt von
Theudas erhalten, einem unmittelbaren Schüler des Paulus). Gleichwohl stellt es
wohl eine (symbolische) Vereinfachung dar, wenn eine einzige Person zum
Begründer des ganzen gnostischen Flügels der Christenheit gemacht wird;
dahinter steht die Suche nach einer faßbaren Gründergestalt für etwas, was
in Wahrheit ein weit verbreiteter prä-christlicher Typ des Mystizismus war. Es
erwies sich für die Kirchenväter als nützlich, wenn sie die Gnosis als
einzelne Abweichung eines einzelnen Irrläufers darstellen konnten (Walter Bauer,
Orthodoxy and Heresy in Earliest Christianity, 1971). Wer die historische
Komplexität der Bewegung erkennt, dem fällt es schwer, die Authentizität von
jüdischem Gnostizismus und Christentum als bodenständiger Formen des Judentums
und des Christentums zu bestreiten, die gleichzeitig mit jenen existierten, die
später als orthodox bezeichnet wurden.
Aus demselben Grunde versuchten
antihäretische Schriftsteller wie Eusebius die verschiedenen „Häretiker"
durch eine Sukzessionskette miteinander zu verbinden, um auf diese Weise den
künstlichen Eindruck herzustellen, als handele es sich gleichsam um eine
einzige Abstammungslinie pervertierter Gurus, nicht aber um eine rivalisierende
Glaubensgruppe mit ihren verschiedenen Untergruppen.
In derselben Weise hatten die Bischöfe eine
Sukzessionsliste monarchischer Bischöfe konstruiert, eine geographische und
eine chronologische, mit einer direkten Abstammungslinie von der (fiktiven)
apostolischen Gründung der Gemeinde bis in ihre eigenen Tage. Die Liste dieser
„good guys" sollte sowohl eine apostolische Abstammungsliste für die
Bischöfe in jeder Kirche liefern als auch den Eindruck erwecken, als ob ihre
katholische/orthodoxe Form des Christentums direkt aus erster Hand komme. In
Wahrheit war die Ausbildung der verschiedenen Typen frühchristlichen Glaubens
ein äußerst komplexer und verwirrender Vorgang. Für den radikalen Paulus des
Anfangs war bei dieser Art der Kirchengeschichtsschreibung kein Platz mehr.
Um ihm überhaupt einen Platz zuzuweisen,
mußte der „Apostel der Häretiker" in zwei literarische Figuren
aufgespalten werden: in den Apostel Paulus und Simon den Zauberer. Es galt, die
marcionitischen und gnostischen Interpretationen des Paulus—wer immer dieser
gewesen sein mochte—abzustreifen und diese auf seinen
Sündenbock-Doppelgänger, den bösen Zwillingsbruder des Paulus, Simon Magus,
zu übertragen. Wie René Girard sagt (Violence and the Sacred, Engl.
trans. 1977; The Scapegoat, Eng. trans. 1986), kann Ordnung nur mit die
Hilfe eines Sündenbocks hergestellt werden, Unordnung, in diesem Fall der
Parteienstreit wird so beseitigt. Cf. 1. Clem behauptet, daß sowohl Petrus als
auch Paulus den Machthabern zum Martyrium ausgeliefert wurden – „aufgrund
von Neid", d.h. wie Oscar Cullmann spekuliert, durch die Anhänger des
jeweils anderen! Nachdem die beiden Apostel erst einmal hingerichtet worden
waren, schlossen die Nachfolger ihre Reihen und akzeptierten im Nachhinein den
heiligen Charakter des jeweils anderen Patrons. Um jemand zu haben, den man für
den Parteienstreit, der nun glücklich beigelegt worden war, verantwortlich
machen konnte, wurde ein fiktiver Doppelgänger des Paulus kreiert, auf den all
die Vorwürfe projiziert werden konnten, die die Petrusfraktion einst auf Paulus
selber bezogen hatte. Der Ersatzmann war Simon Magus.
Wie es immer mit einem Sündenbock geschieht:
die zum Dämon stilisierte Gestalt des Simon Magus (einschließlich seiner
Transformationen zum Antichrist und Faust) sollte als Warnung dienen, sich nicht
der Häresie zuzuwenden und als Vorwand, die zu bestrafen, die es taten. Noch
heute steht das Schreckgespenst der Häresie eingeschüchterten Gläubigen vor
Augen, um sie so durch das Schicksal des Mannes zu erschrecken, der es wagte,
die Kräfte der Orthodoxie herauszufordern.